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Kerzenlicht im Sturm

Der Autor

Dr. Srinivasan Naveen Sridhar ist ein Wissenschaftler und Schriftsteller. Er hat in Chemie promoviert. Geboren in Indien kam er nach Deutschland, um in Berlin zu studieren. Er lebt in Deutschland mit seiner Frau zusammen. Sie haben zwei gemeinsame erwachsene Söhne.

INHALT

Vorwort

Kapitel I: Exodus

Kapitel II: Die Zuflucht

Kapitel III: Mächte der Finsternis

Kapitel IV: Entkommen

Kapitel V: Die Suche

Kapitel VI: Schlangen und Leitern

Kapitel VII: Im Rampenlicht

Kapitel VIII: Wiedergeboren

Epilog

Glossar

REZENSIONEN

Kerzenlicht im Sturm von Naveen Sridhar ist eine historische Biografie seiner Frau. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs geboren und floh vor der Gewalt, später floh sie als Teenager vor dem kommunistischen Regime, sie bereiste die Welt und traf ihren Ehemann in Berlin – ihre Geschichte ist farbenfroh und gleichzeitig erschütternd. Als John F. Kennedy nach Deutschland kam, sagte er: „Ich bin ein Berliner“ und signalisierte so, dass Deutschland nicht für immer durch das Vermächtnis der Nationalsozialistischen Partei beeinträchtig sein muss, und dass es eine Generation Deutscher gab, die den Frieden und die Freiheit in diesem Land aufbauen wollte.

Kerzenlicht im Sturm ist eine Ode an diese Generation.

Es wurden viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg geschrieben und, verständlicherweise, sind die meisten aus Sicht der Helden oder Opfer von Nazi-Deutschland geschrieben. Es gibt sehr viel weniger Bücher, die aus dem Blickwinkel von Deutschen geschrieben wurden, die oft selbst Opfer waren, auch wenn sie auf der Seite des Aggressors waren. Nicht jeder Deutsche wollte, dass sich Hitlers Deutschland so entwickelte, wie es passiert ist – sie waren dem Gutdünken ihrer Führer ausgeliefert. Kerzenlicht im Sturm zielt darauf ab, die Lücken dieser Zeit in der Weltgeschichte zu füllen… Kurz gesagt, beide Seiten des Krieges leiden furchtbar, egal, ob es die „Guten“ oder die „Bösen“ sind. Das ist die Kernaussage von Kerzenlicht, und es ist eine wichtige.

Durch Sridhars Respekt und Liebe für seine Frau beschreibt er ihre Kämpfe mit Empathie und Wärme. Selbst veröffentlichte historische Memoiren können manchmal den Anschein eines persönlichen Projektes haben, d.h. es ist etwas für die Familie, aber weniger interessant für einen zufälligen Leser außerhalb dieser Familie. Sridhar ist nicht in diese Falle getappt, da er einen starken Schreibstil und sehr genau recherchiert hat. Wie er schon in der Einleitung klarstellt, hat er sehr viele Menschen interviewt, um eine Basis für das Buch zu schaffen. Daher ist es weit mehr als nur die Geschichte einer Familie, es ist die Geschichte einer ganzen Generation…

Insgesamt … ist Sridhar auf bewundernswerte Weise sehr effizient darin, größere Zusammenhänge darzustellen. Er hat offensichtlich eine große Leidenschaft dafür, nicht nur für die Geschichte seiner Frau, sondern auch dafür, wie Deutschland zum „Feind“ wurde, obwohl die Kultur dieses Landes sehr viel fortschrittlicher und vielfältiger ist.

Für jeden, der diese Art von Familienbiografie schreiben möchte, ist dieses Buch eine Anleitung, wie das gemacht wird: objektive Übersicht mit subjektiven Erfahrungen verbinden. Zudem hilft es, dass Sridhars Schreibweise stilistisch sehr reich ist.

Die Erzählung schafft es, sowohl detailreich als auch leicht zu sein und sie enthält genug Dialoge, sodass sie wirklich lebendig wirkt, anstatt einfach eine schwülstige, auf Fakten bezogene historische Erzählung zu sein. Gelegentlich liest sich das Buch wie eine Fiktion, aber es erreicht nie eine Ebene, auf der es offensichtlich erfunden scheint und historische Bedeutung verlieren würde.

Wenn Sie sich für den Zweiten Weltkrieg interessieren und sich noch nie mit „der Kehrseite der Medaille“ befasst haben, ist Kerzenlicht im Sturm ein guter Anfang, da es dieses Buch schafft, die oft vernachlässigte Seite der historischen Geschichte dieser Ereignisse zu erzählen.

--- SPR Review

Ich nehme mir die Freiheit, mit einem Zitat aus dem Buch zu beginnen:

„Es gibt Vorfälle im Leben eines jeden, die man am liebsten am nächsten Tag vergessen haben möchte, die aber verweilen und einen Menschen jahrzehntelang verfolgen.“ Seite 185 (englische Version). Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und „jahrzehntelang“ zu „ein Leben lang“ umändern! Und es passiert tatsächlich! Um wieder auf das Buch zu kommen, ich erhielt diese wunderbare Sammlung an Erinnerungen in Form des Buches Kerzenlicht im Sturm von einem sehr bemerkenswerten Wissenschaftler (und jetzt auch Autor), Naveen Sridhar aus Deutschland…. Das ist zweifellos eine Neuheit, beginnt man jedoch zu lesen, fühlt es sich an, als würde man die verschiedenen Schichten wie Schleier beiseite wischen und dass etwas passieren wird. Es geht um das Leben einer Frau, einer weiteren Frau, eines Mannes, eines weiteren Mannes und schließlich um jede Person, die in den Nachwehen des Naziregimes und auch danach „schlimme Zeiten“ durchmachen musste. Wie auch der Autor selbst im Vorwort richtig zusammenfasst:

„Die Protagonistin dieser Geschichte steht für all jene, in der Vergangenheit und in Zukunft, die schwere Tage in jungen Jahren erdulden mussten.“

Beginnt man das Buch zu lesen, kommt man in den Fluss hinein; man leidet, wenn die Menschen im Buch leiden, und man freut sich über jeden ihrer noch so kleinen Schritte in Richtung Zufriedenheit. Um ehrlich zu sein, es ist ein sachbuchartiger Stil der Fiktion. Der Autor erzählt wahre Begebenheiten, wobei diese kaum (oder vielleicht auch gar nicht) ausgeschmückt sind. Darum kann man sich bei jedem Umblättern in die Seiten einfühlen. Bei einem fiktionalen Werk ist man vielleicht gespannt, was als Nächstes passieren wird. Diese Spannung ist jedoch im Bewusstsein begrenzt, da man weiß, dass alles in den Händen des Herrschers dieser Welt liegt – in den Händen des Autors. Aber im Falle von Kerzenlicht im Sturm ist man ernsthaft gespannt zu wissen, was kommt. Man weiß, dass der Autor sehr bald etwas erzählen wird, das tatsächlich passiert ist.

Um eine Zusammenfassung des Buches zu geben: Es beginnt mit einem Exodus und endet mit Wiedergeburt. Die Geschichte einer Frau, die schließlich mit ihrer Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern geteilt wird…Im Buch sind einige Passagen, die ich hier teilen möchte. Das Erlebnis auf Seite 155 (englische Version), in welchem ein „verkleideter Ausländer in Begleitung einer blonden Puppe“ vorkommt, ist mir ins Auge gestochen. Es kritisiert offen die „sture“ Denkweise von Menschen, die einer Person nicht einmal dann trauen können, wenn es um Leben oder Tod geht! Trotzdem, wie viel haben wir dazu beigetragen, dieses Misstrauen der Menschen zu verdienen? Diese Passage hat mich gezwungen, darüber nachzudenken! Ein weiteres interessantes Detail dieses Buches sind die Untertitel. Zum Beispiel trifft man auf ein Kapitel „Der Mensch beschließt“ und das darauffolgende heißt „Gott entscheidet“. Es hält den Humor des Buches aufrecht. Ich möchte Naveen sehr dafür danken, dass er auf wunderbare Art und Weise beschreibt, wie ein Außenstehender den Besuch in Indien erlebt. Die Erfahrung und ein Weg, um diese Erfahrung darzustellen:

„Ich habe nie gedacht, dass ich lange genug leben würde, um etwas so Fantastisches zu erleben [Indien besuchen].“

Zum Schluss möchte ich das Buch folgendermaßen (mit der Erfahrung der Mutter) zusammenfassen:

„Sie hatte ihr ganzes Leben lang in einem Umkreis von 500 Kilometern gelebt, aber sie hatte viele Regierungen und Regierende mitgemacht. Geboren war sie in einem Kaiserreich, hatte den Niedergang dessen erlebt, das Versagen der Weimarer Republik, dann die Verwüstungen unter Hitler, die Flucht in den Osten, wo sie in der amerikanisch besetzten Zone festsaß, die danach von den Sowjets übernommen worden war, und Erika war Zeugin des Aufstiegs und Falls der Deutschen Demokratischen Republik. In Westberlin lebte sie in einer von drei Alliierten besetzten Zone. Ihre letzten Jahre hatten sie im Freistaat Bayern verbracht, der ein Teil Westdeutschlands und nun zuletzt Teil von Deutschland war. Mensch!” Seiten 226 (englische Version)

Fazit ist, wenn man sich für die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs interessiert, erhält man hier Einblicke in die Lage von Indien, Deutschland und dem Vereinigten Königreich! Holen Sie sich eine Ausgabe und verbringen Sie eine angenehme Zeit beim Lesen der wahren Ereignisse durch die Linse einer wunderbaren Erzählung von Naveen.

--- Ashvamegh International Journal of English Literature,
Jan. 2016

Ein Ehemann bringt eine liebevolle Biografie seiner Frau zu Papier: KERZENLICHT IM STURM - GESCHICHTE EINER BERLINERIN Von Naveen Sridhar…

Fazit: KERZENLICHT IM STURM verwebt geschickt Familienerinnerungen mit lesenswerten historischen Bezügen.

Sridhar erfüllt diese Aufgabe in kompetenter Weise, es ist gebildet ohne gleichzeitig überheblich zu wirken.

In einer Zeit des Krieges, des Chaos und der Unterdrückung lernt ein mutiges junges Mädchen zu überleben. Diese Geschichte wurde von einem liebenden Ehemann niedergeschrieben.

Für Renate…begann der Lärm des Krieges als sie erst drei Jahre alt war. Sie lebte in Berlin, als die Stadt unter schweren Beschuss von Luftangriffen geriet. Sogar Hitler, der fanatische Führer, dem so viele treu gefolgt waren, drängte die verbleibenden Bürger, die noch in der Stadt waren, zu fliehen. Renates Mutter Erika hatte alles geplant, die Koffer waren bereits gepackt …

KERZENLICHT IM STURM – ALS BERLINERIN GEBOREN ist eine einzigartige, faszinierende Biografie, in welcher Sridhars Lobgesang auf seine mutige Frau mit einer wissenschaftlichen faktischen Arbeit einschließlich Fußnoten verwoben ist und so die Leben von Renate und Naveen mit den Geschehnissen auf internationaler Bühne in sowohl Deutschland als auch Indien verbindet. Sridhar erfüllt diese Aufgabe auf kompetente Art und Weise und schafft es, gebildet zu sein, ohne dabei anmaßend zu wirken. Sowohl Familienmitglieder wie auch engagierte Studenten der Menschheitsgeschichte von Berlin ab dem Fall der Nationalsozialisten über die Ära der Mauer bis heute werden Sridhars Werk gleichzeitig charmant und erhellend finden.

KERZENLICHT IM STURM verwebt geschickt Familienerinnerungen mit lesenswerten historischen Bezügen.

--- IndieReader Review

Dieser berührende und positive Bericht über die Erfahrungen einer Familie in der Nachkriegszeit in Deutschland belebt einen kaum untersuchten historischen Zeitraum.

Kerzenlicht im Sturm von Naveen Sridhar ist ein strahlender biografischer Bericht über eine deutsche Familie vom Zweiten Weltkrieg an bis zum Ende des Jahrhunderts.

Dieses sorgfältige Porträt einer weniger bekannten Geschichte – jene der Deutschen, die dem Leben in Ostdeutschland nach Westberlin entflohen – konzentriert sich hauptsächlich auf die Frau des Autors, auf Renate. Sie ist eine Frau mit einem abenteuerlustigen, robusten Naturell. Renates Optimismus und ihre Überzeugung, dass sich die Ereignisse schon von selbst lösen werden, hauchen Leben ein eine Reihe von Reisen und alltäglichen Vorkommnissen.

Renates Vater…wurde an der Front als vermisst gemeldet und ließ so Renates Mutter, Erika, zurück, um für die Kinder zu sorgen. Unter diesen angespannten Umständen reiste die Familie von Ostnach Westberlin. Kerzenlicht im Sturm fügt die Fakten sehr gekonnt mit den Jahren an Erinnerung zusammen, sodass Renates Leben zusammen mit der historischen Geschichte voranschreitet.

Wenn Figuren des kulturellen Lebens wie Harry Belafonte und Marlene Dietrich sowie politische Ereignisse wie die Errichtung der Berliner Mauer und der Besuch Kennedys 1963 in Berlin mit Renates Leben zusammentreffen, wird dieser Zeitabschnitt unglaublich lebendig. Die kleineren Momente jedoch veranschaulichen ihre Erfahrungen: ein Nachbar, dessen Aufgabe die Denunzierung anderer war, drückte zur richtigen Zeit beide Augen zu, der Währungsumtausch zwischen Osten und Westen geht zugunsten von Renate über die Bühne und eine erregte Diskussion mit ihrem Bruder Dieter führt dazu, dass auch dieser aus Ostberlin flieht. Scheinbar völlig gewöhnliche Details bieten einen einzigartigen Einblick in den Kalten Krieg und seine Auswirkungen.

Manchmal verlagert sich der Fokus von den Komplexitäten und Komplikationen des Lebens unter einem strengen Regime zu Renates Verlobung und ihrer Ehe mit Naveen – der in einer erinnerungswürdigen Passage die Zügel der Geschichte übernimmt und als Ich-Erzähler über das erste Treffen mit Renates Familie berichtet – aber diese Zwischenspiele bringen Wärme in die lose chronologische Erzählung. Andere bemerkenswerte Momente zeigen Einblicke in die 6-wöchige Reise zu Naveens Zuhause in Bangalore. Die Reise hebt Renates Spontanität hervor und erweitert das Werk um einflussreiche Erfahrungen außerhalb der deutschen Grenzen.

Die Unterthemen Zugehörigkeit und Vertreibung zeigen sich in einem Zitat über die Bitterkeit der Berliner Mauer sowie in Randbemerkungen. Das Buch vermeidet jedoch die Trostlosigkeit.

Sridhar hat ein Talent dafür, das Gute in diesen Berichten hervorzuheben und er erschafft eine charmante Geschichte mit ständiger Neuerfindung. Während es für eine einzige Person schwer ist, das Symbol einer ganzen Generation zu sein, ist Kerzenlicht im Sturm eine vollendete Hommage an Renates Selbstbewusstsein, ihr Glück, Durchhaltevermögen und Temperament.

--- Clarion Review

Diese Biografie zeigt durch die Augen eines aus Indien stammenden Ehemanns, der den Verlauf seiner Ehe betrachtet, indem er die Biografie seiner deutschen Frau erforscht, was passiert, wenn Kulturen und politische Systeme sich zerreiben und aufeinanderprallen.

Renate war während des Zweiten Weltkriegs in Berlin auf die Welt gekommen und verbringt ihre Jugend damit, für eine Ausbildung zu kämpfen, die ihr durch den Polizeistaat Ostdeutschland verwehrt wird. Nachdem sie es nach Westberlin geschafft hat, trifft sie und verliebt sich in den Autor, der erst vor Kurzem nach Deutschland eingewandert war, reist nach Indien, um sich seinen Verwandten vorzustellen und kehrt dann zurück nach Deutschland, in die Ehe und das Familienleben….

Einige Details bleiben jedoch im Gedächtnis. Eine Beschreibung der Reisen des Paars durch Ostdeutschland in den Zeiten des Kalten Kriegs, die Nachwehen eines beinahe tödlichen Autounfalls und die häufigen Hindernisse, welche die Bürokratie ihnen in den Weg legt, stechen hervor. Am erinnerungswürdigsten sind jedoch die Einblicke in die Kompromisse, die jedes Paar eingehen muss, um als Ganzes zu überleben, einschließlich der Neugestaltung der Familie durch den Autor (nachdem die beiden Söhne ihr Tanztraining abgeschlossen hatten) als reisende Zauberkünstlertruppe…

Auch in gebundener Ausgabe und als E-Book erhältlich.

--- blueink Review

 

In Gedenken an meine verstorbene Schwiegermutter
Erika Marie Helmtrud Dora
Behnke (geborene Wenck)
und an die Nachkriegsgeneration

Vorwort

Dies ist die Lebensgeschichte eines Mädchens, das in Zeiten des Krieges geboren wurde und im Deutschland der Nachkriegszeit, in den Nachwehen des Nazi-Regimes, aufwuchs; eine Familie auf der Flucht mit der zusätzlichen Bürde, den Vater an der Front verloren zu haben.

Die historische Geschichte beschäftigt sich hauptsächlich mit den Taten der Monarchen und Tyrannen, sei es aus Mangel an Information oder aus mutmaßlichem Interesse am Glanz und der Glorie der Vergangenheit. Übersehen wird dabei das Elend der Opfer: des gewöhnlichen Mannes, der Frau und ihrer Kinder. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den Machthaber, der oft ihr Grab schaufelt. Wofür eine solche vom Krieg zerrissene Generation kämpfte und was sie auch erreichte, war die Wiederherstellung der Nation, wie es zum Beispiel in Japan oder Deutschland in der Nachkriegszeit passiert ist. Als bescheidenen Dank könnte man erwägen, die Augenzeugenberichte der Personen, die in den von anderen, von selbst ernannten Führern und deren Gefolgschaft hervorgerufenen Sturm gerieten, zu lesen und zu würdigen.

In Deutschland gab es die Gepflogenheit, samt und sonders zu leugnen, dass die Menschen, sogar die Kinder, nach dem Krieg litten. Vor dem Hintergrund der unvergleichlichen Tragödie des Holocausts herrschte ohne Zweifel die Überzeugung, dass die Besiegten eine kollektive Schuld und eine kollektive Strafe teilten, und so auch die nächste Generation und im weiteren Sinne auch deren Nachkommen - jetzt und für immer.

Übermäßiges Erwähnen des Leidens in der Kriegszeit war Tabu, ebenso das der wahllosen Bombardierungen ihrer großen Städte, außer Berlin auch Danzig und Hamburg, die den einzigen Zweck verfolgten, Zivilisten auszulöschen.

Normalerweise erwartet man nur von Romanautoren oder Filmregisseuren ein Herz für die unbesungenen Opfer, die ungesehenen Protagonisten und ihre unerzählten Geschichten, während andere Unbeteiligte ihr Lachen und Weinen, ihr Lächeln und Seufzen ignorieren. Wie aber W.G. Sebald in seinen Vorträgen „Luftkrieg und Literatur“1 betonte, führte sogar eine solche Massenvernichtung nur selten dazu, dass ein Autor in Deutschland seine Feder rührte. Er nennt nur zwei Romane, die sich mit diesem Thema beschäftigen, einer von Peter de Mendelssohn und ein weiterer von Heinrich Böll, beide in den 1940ern geschrieben, aber erst in den 1980ern veröffentlicht.

Diese Gedanken dienten mir als Hintergrund, bevor ich begann, die Biografie einer Person niederzuschreiben, die in diesen Zeiten und in den Nationen, die kurz nach ihr geboren wurden, aufwuchs und lebte, und bis zur Wiedervereinigung und auch danach in Deutschland blieb.

Die Bühne war also schon vorhanden, was noch fehlte, war zu erzählen, wie es dieser Person erging. Jede Lebensgeschichte ist von Natur aus einzigartig, wie auch eine Person und die Zeiten. Auch diese Erzählung bleibt ohne Zweifel einzigartig. Die Essenz dieser Lebensgeschichte kann jedoch nicht auf Begegnungen, Geschehnisse und Erfahrungen einer Zeit der vaterlosen Kinder und alleinerziehenden Mütter beschränkt werden. Die Protagonistin dieser Geschichte steht für all jene, in der Vergangenheit und in Zukunft, die schwere Tage in jungen Jahren erdulden mussten. Daher möchte ich den Leser dazu anregen, dieses Werk von beiden Seiten aus zu betrachten und es als sowohl einen einzigartigen Fall als auch eine repräsentative Fallstudie zu verstehen. Jeder, wenn es auch nur familiäre und persönliche Probleme sind und man nicht mitten im politischen Chaos lebt, entwickelt die Fähigkeiten, wenn sie nicht schon vorher zutage getreten sind, zu kämpfen, zurückzuschlagen und zu überleben und in diesem Prozess alle Bedenken und Selbstzweifel über Bord zu werfen. Wenn diese Schilderung auch den Lesern hilft, sie auf das eigene Leben zu beziehen, seine oder ihre Konflikte und Kämpfe zu überdenken, Parallelen oder Unterschiede zu sehen, dann hätte ich mein Ziel erreicht.

Ein weiterer Grund dieses Buch zu schreiben, war es, schlicht und einfach „zu erzählen, wie es war“, um Besonderheiten ihres Lebens für zukünftige Generationen, die vielleicht mehr über die Zeit ihrer Vorfahrin wissen möchten, was für sie und ihre Mitmenschen von Bedeutung war, zu beschreiben und aufzuzeichnen. Diese Geschichte könnte auch für andere, die nur an der Entstehung und dem Wachstum des modernen Deutschlands, nicht wie es aufgezeichnet, sondern wie es persönlich durchlebt und empfunden wurde, interessant sein.

Die Geschehnisse und deren Ablauf waren festgelegt und nicht meiner Lust und Laune unterworfen. Da dies keine Fiktion ist, hatten Erfindungen keinen Platz. Ein Sachbuch, vor allem eine Biografie, ist ein Versprechen dem Leser gegenüber, ein ungeschriebener Vertrag, sich auf die Wahrheit und nur auf die Wahrheit zu beziehen. Alle Begegnungen, Orte und Begebenheiten müssen der Wahrheit entsprechen und dürfen nicht Gegenstand von Verzerrungen, Übertreibungen oder Änderungen sein. Es gibt einige Fälle zweifelhafter Praxis von Autoren, die Fiktion als wahre Lebensgeschichten darstellten, nur um Aufmerksamkeit und Auftritte in Fernsehshows zu bekommen. Marjorie Garber von der Harvard Universität beschreibt einige Beispiele in ihrem herausragenden Werk „The Use and Abuse of Literature2“ (deutscher Titel nicht verfügbar; sinngemäß übersetzt bedeutet der Titel „Der Gebrauch und Missbrauch von Literatur“). Die Geschichten wurden vor dem Hintergrund des Holocausts, der dem Zweck der Effekthascherei diente, erfunden oder ausstaffiert.

Im Vergleich zu einer Autobiografie kann eine Biografie immer nur aus zweiter Hand sein. In meinem Fall hatte ich den Vorteil, nicht versuchen zu müssen, das Leben einer Person aus der Vergangenheit zu deuten. Ich wühlte nicht durch vergessene Briefe und zurückgelassene Notizen oder entzifferte verstaube Dokumente mit Eselsohren. Ich traf die meisten Personen, die in dieser Biografie beschrieben werden, nicht nur für Interviews, sondern auch privat, wenn es die Gelegenheit dazu ergab. Ich habe sie beschrieben, wie ich sie kannte.

Dies ist die Lebensgeschichte meiner Frau. Im Allgemeinen konnte ich mich an ihre Version halten, nur manchmal bedurfte es der Bestätigung, Vervollständigung oder Korrektur anderer, die sich besser erinnern konnten. Stellen, an denen ihre Erinnerungen an die Kindheit Löcher aufwiesen, musste ich mit den Versionen anderer stopfen, mit denen ihres Bruders Dieter Behnke, der vier Jahre älter ist als sie, und mit denen ihrer verstorbenen Mutter Erika Behnke. Vor einigen Jahren besuchte ich Apolda zusammen mit Dieter und Renate. Wir alle sind Rüdiger Eisenbrand, dem Bürgermeister der Stadt, für den herzlichen Empfang dankbar. Auf seine Veranlassung hin erhielten wir beträchtliche Unterstützung vom Stadtarchiv. Durch die Hilfe von Mutter Erikas Cousine, Renate Müller, wohnhaft in Apolda, waren wir in der glücklichen Lage, die Wohnung in der Schillerstraße, in der Dieter und Renate gelebt hatten, zu besuchen. Die junge Dame, die jetzt darin wohnt, war von unserem Besuch begeistert. Gleichermaßen stehe ich in der Schuld des Verbandes bi-nationaler Familien und Partnerschaften, vor allem in der von Michaela Schmitt-Reiners (Leiterin für Nordrhein-Westfalen), Maria Ringler (verantwortlich für interkulturelle Angelegenheiten) und von Renate Michaud-Rustein, eine der ersten Mitglieder, da sie mir Hintergrundinformationen gegeben haben. Der zeitliche Aufwand von Jan Beukenberg hat dazu geführt, dass ich das Werk mit einem Bericht über Renates Vater als Epilog abschließen konnte. Ich möchte meinen Dank für seinen persönlichen Einsatz zum Ausdruck bringen.

Mein Leben in Deutschland seit 1960 konnte mir nur dabei helfen, Bezug auf die Ereignisse zu nehmen, die ich von diesem Zeitpunkt an miterlebt habe. Da ich nicht in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland war, musste ich mit der Rolle eines Reporters, der zu spät am Ort des Geschehens eintraf, zufriedengeben. Zeitlich gesehen war ich nur ein distanzierter Beobachter, ein Mann, der am Ufer stand und seine Geliebten schwimmen, treiben oder ertrinken sah.

Wie bei der Erschaffung eines Filmes versuchte ich, das Thema mit drei verschiedenen Kameraobjektiven einzufangen: Tele-, Standardund Weitwinkelobjektiv. Mit dem ersten Objektiv konnte ich die persönlichen Erfahrungen, Herausforderungen, Umstände und die Geschehnisse, die die Protagonistin betrafen, betrachten. Mit einem Standardobjektiv konnte ich all diese Details in Zusammenhang mit ihren Zeitgenossen, die in vergleichbaren Situationen waren und ihr Schicksal teilten, wie sie litten, kämpften und wie es ihnen erging, sehen. Mit dem Weitwinkelobjektiv versuchte ich, den breiteren Rahmen des Schauplatzes und der Zeit, des Ortes und der Ära als ein Gesamtes, als dessen Schachfiguren die einzelnen Personen bestimmt waren, einzufangen. Je weiter zurück in der Zeit, umso unschärfer wurde das Bild, vor allem jene Zeit, die sich die jüngere Generation immer als ein schwarz-weißes Bild vorstellt.

Das ständige Befassen mit Zeit und Raum hat mich erkennen lassen, wie zeitlos eine Lebensgeschichte ist. Gewissermaßen ist jede Person in einer Zeitschleife aus Konflikten und Kampf gefangen, da eine Lektion zur nächsten führt. Der gesamte Prozess ist fortlaufend, aber spiralförmig, vergleichbar mit einer Wendeltreppe. Die Wiederholung der kausalen Konfliktkreisläufe und deren Lösung erscheinen endlos. Aufgrund dessen wurde mir im Verlauf des Buches klar, dass es ein Ende haben wird, aber keinen Abschluss. Wenn ich Marjorie Garber3 zitieren darf: „Wie sehr auch ein bestimmtes Werk in einer bestimmten Zeit verwurzelt ist, es wird immer in der Gegenwart‘ gelesen, ein wechselndes Konzept, das in sich selbst offen, nie geschlossen ist.“ Sofern sich die Elemente einer solchen Geschichte auf die eine oder andere Weise in den Leben anderer wiederfinden, solange wird die Geschichte im Wesentlichen immer gegenwärtig und endlos sein. Eine Erzählung mag zu einem Ende kommen, ein Leben mag zu einem Ende finden, nicht aber die Essenz einer Lebensgeschichte.

Bis jetzt bin ich ein Ansager gewesen, aber nun, lieber Leser, als Erzähler, darf ich in den Hintergrund treten, der Vorgang hebt sich.

Kapitel I

Exodus

Mit nur drei Jahren war sich Renate der Situation nicht bewusst. Sie befand sich mitten im Auge der Art von Sturm, in dem sich der Himmel verdunkelt, um Bomben abzuwerfen.

Der Ort war Berlin; das Jahr war 1943. Die Stadt wurde angegriffen. Die „Schlacht von Berlin“ begann im vorigen November, war mit einer Serie von Bombenangriffen durch die Royal Air Force in vollem Gange. Die westlichen Wohngebiete Tiergarten, Charlottenburg, Schöneberg und Spandau hatten schwere Schäden genommen. Die Kaiser-Wilhelm-Kirche war eine Ruine.

Kilometerweit entfernt, im südlichen Bezirk Mariendorf, war es ruhig. Es war ein trüber Morgen, die blassen, schrägen Sonnenstrahlen, die teilweise von den Wolken verdeckt wurden, schienen auf die Schützenstraße, eine angenehme Wohngegend der Mittelklasse. Nur die Fabrik der Firma Fritz Werner weiter im Süden bot dem Feind ein Ziel. Das Unternehmen stellte mechanische Teile her, die von der Kriegsmaschinerie gebraucht wurden.

Die Kinder spielten nach dem Frühstück im Haus. Ihre Mutter, Erika, wusch in der Küche ab und hörte wie immer den Nachrichten im Radio zu. Funkstörungen, von Rauschgeräuschen bis hin zu Heultönen auf voller Lautstärke, wetteiferten mit dem Nachrichtenprogramm um Aufmerksamkeit. Es gab eine Unterbrechung und die Stimme des Reporters wechselte zu der anderen, der gefürchteten Stimme, dieses Mal zu einem tiefen und ernsten Ton, nicht die gewohnte hohe Tonlage. Erika drehte das Radio ab. Sie wusste, die Zeit war gekommen. Sie ging aus der Küche.

Renates Bruder, Dieter, krabbelte mit einem Holzspielzeug herum und murmelte „Brrrm, brrrm“; es war ein klotziges, rotes hölzernes Auto, das der Nachbar, der alte Hans Lehmann, geschnitzt, bemalen und mit groben Rädern versehen hatte. Renate schimpfte mit ihrer Puppe, Inge, und ermahnte sie, sich zu benehmen. Die Kinder sahen auf. Erika platzte heraus,

„Gut, Kinder, ich habe tolle Neuigkeiten für euch. Wir werden jetzt mit dem Zug fahren und Emi besuchen. Jetzt sofort!“

Emi war die Großmutter der Kinder. Die Kinder wussten, dass sie sehr weit mit dem Zug fahren mussten, um sie zu sehen.

„Oh ja! Mit dem Zug, mit dem Zug!“ Renate sprang auf und schrie: „Aber Inge kommt mit mir mit!“ Die blonde Puppe war aus Zelluloid, fast dreißig Zentimeter groß und hatte blaue Augen. Die Puppe war ihre liebste Freundin und ständige Begleiterin, Tag und Nacht. Sie stellte Inge jedem vor, den sie traf, und dieses Mal würde es ihre Oma sein.

Mama Erika, für die Kinder „Mutti“, hatte beschlossen, ihre Kinder zu überraschen, denn wie konnte sie mit ihnen die Angst, die sie fühlte, teilen? Sie wusste, dass die Erwähnung der Verwandten und einer Zugreise auf sofortige Begeisterung stoßen würde.

Zum einen genoss es Renate zu reisen und liebte es, immer in Bewegung zu sein und neue Orte zu entdecken. Dieter war nicht weniger glücklich als seine Schwester. Er liebte Züge über alles. Ihn begeisterte die majestätisch gleichmäßige Bewegung dieser gewaltigen eisernen Tiere, wie sie stampften und zogen, wie Kamele weite Entfernungen überwanden, aber nur von Wasser und Kohle lebten.

Adolf Hitler, der in erster Linie für das Unheil verantwortlich war, wurde die Gefahr, der die Bewohner entgegensahen, bewusst - jetzt, wo die westlichen Teile bereits bombardiert waren. Paradoxerweise selbst ein Immigrant, tat er seinen Gastgebern immerhin den einen Gefallen: Er erlaubte seinem Propagandaminister, Josef Goebbels, die Bewohner zur Räumung der Stadt aufzufordern. Die für gewöhnlich hysterische Stimme im Radio war nun ernst und verhieß Schlimmes: Streng rief die Stimme alle Bürger Berlins, vor allem Frauen mit Kindern, dazu auf, aus der Hauptstadt zu fliehen und in ländliche Gegenden zu Verwandten oder Freunden zu gehen, und sich selbst vor dem Hämmern, das nun begonnen hatte, zu schützen.

Erika hatte stündlich die Nachrichten verfolgt. Sie hörte von den Bomben über den westlichen Bezirken Berlins. Sie hatte eine solche Situation noch nie erlebt. Bomben, die aus dem Himmel über Berlin fielen, war ein Horrorszenario, das sich jenseits ihrer wildesten Vorstellungen befand. Das war kein Albtraum, sondern eine drohende Katastrophe. Sie musste sich selbst und ihre Kinder retten, alles andere war belanglos. Sie musste weglaufen, bevor es zu spät war. In diesem Moment der Entscheidung tauchte eine Erinnerung aus ihrer Vergangenheit auf: ihre Jugend, ihre Träume von einer Familie, einem Zuhause, zwei liebe Kinder aufziehen, das Leben mit ihrem Ehemann Werner teilen. Dann, als ob diese angenehmen Gedanken jetzt nur lästig wären, fegte sie sie vehement zur Seite. Trotzdem waren sie da und schienen wie ein Versprechen für die Zukunft. Ihr Glück hatte nur für diesen kurzen Moment versagt. Wenn sie nur ihre Kinder und sich selbst in Sicherheit bringen könnte, vor der Sintflut fliehen könnte, dann würde der Tag kommen, an dem Werner heimkehrte und die Sonne würde wieder scheinen. Eines Tages, wenn dieser Albtraum vorüber war…

Sie hatte schon im Voraus gepackt und die Koffer in einem eigenen Raum aufgestapelt. Sie hatte immer eine Tasche parat, die alle ihre wichtigen Dokumente, wie Ausweispapiere und Geburtsurkunden enthielt; alle kannten sie als ihre „schwarze Tasche“. Sie lag wie gewöhnlich in der Nähe ihres Bettes, so konnte sie sie jederzeit nehmen und gehen. Die Kinder packten ihre Spielsachen in kleinere Taschen. Sie glaubten, dass sie ihrer Mutter sehr halfen, indem sie in ihrer Aufregung die Taschen hin und her schoben. Dann eilten die Drei los, um zum Zugbahnhof zu kommen. Draußen war es immer noch dunkel und kalt.

Dieter blieb an der Schwelle stehen; er stellte seinen Handkoffer hin, wischte die blonde Haarlocke aus seiner Stirn, sah zu seiner Mutter hinauf und fragte,

„Mutti, weiß Vati, dass wir fort zu Emi gehen?“ Im Alter von sieben Jahren vermisste er seinen Vater über alle Maßen.

„Ja, natürlich“, versicherte ihm Mutti und streichelte über seinen Kopf. „Er weiß alles.“

„Aber wie?“ bohrte Dieter weiter.

„Ich habe ihm geschrieben und er wird meine Nachricht über die Feldpost bekommen. Mach dir keine Sorgen“, versicherte sie.

Feldpost wurde das Briefsystem an der Kriegsfront genannt, ein organisierter Aufwand, der ein wenig Trost inmitten des Tumultes dieser Zeiten bieten konnte. Erika hoffte wirklich, dass Werner sicher und gesund war, und dass er ihre verzweifelten Nachrichten auch bekam.

Bevor sie die Tür schloss warf Erika einen letzten Blick hinein. Es war keine Zeit für einen emotionalen Abschied, für einen Moment, um den Möbeln und Dingen, die aus einer bloßen Wohnung ein Zuhause machen, auf Wiedersehen zu sagen.

Es war keine Zeit, um von all diesen Sachen, die symbolisch für die Träume, Hoffnungen, Erwartungen und Pläne für die Zukunft ihrer jungen Familie standen, Abschied zu nehmen. Vielleicht würde sie eines Tages mit Werner zurückkehren, wenn das alles vorbei und der finale Sieg, der Endsieg, von dem alle sprachen, eingetreten war. Aber jetzt, in diesem Moment, war es ein Abschied von all dem, das ihr lieb war, ein Moment, um die Tür zu schließen. Fortzugehen, zu entkommen, zu fliehen.

***

Der Bahnhof, Anhalter Bahnhof genannt, lag im Herzen von Berlin am Askania Platz. Er war 100 Jahre zuvor, im Jahr 1839, erbaut worden; es wurde der größte und schönste Zugbahnhof Kontinentaleuropas. „Tor zum Süden“ nannte man ihn, da Zuglinien von hier aus in den Süden, in Hauptstädte wie Prag, Wien, Rom und Athen, führten. Züge fuhren alle drei bis fünf Minuten ab und transportierten 44000 Passagiere am Tag, oder 16000000 pro Jahr. Allein das Dach der Bahnhofshalle bot Schutz für eine Fläche, die 40000 stehende Menschen fassen konnte. Er war mit einem unterirdischen Tunnel mit dem Excelsior Hotel, Europas größtem Hotel zu dieser Zeit, verbunden. Der Tunnel, einige 100 Meter lang und voller unterirdischer Läden, wurde weltweit als der längste seiner Art angesehen.

Goebbels Aufruf hatte für genug Furcht und Aufregung gesorgt. Der Bahnhof war vollgestopft mit aufgeregten Menschen, alle hektisch und verwirrt, vor allem nach ihrer Erfahrung mit den Luftschutzsirenen und Bomben, und voller Angst vor einer ungewissen Zukunft an einem fremden Ort. Im Bahnhof war es stickig und der Lärm war ohrenbetäubend. Nur gut, dass sie die Fahrkarten in Voraus gekauft hatte, aber sie war zu spät zum Bahnhof gekommen. Sie ging auf einen Beamten zu, der ihr versicherte, dass die Abfahrt ihres Zuges auch verzögert worden war und dass sie ihn noch erwischen würde, wenn sie sich beeilte. Sie zwängte sich mit ihrem Gepäck und den Kindern hinter ihr durch die Menge. Die Kinder waren zu klein, um über die Köpfe der Massen zu sehen. Erika hatte ihnen strikte Anordnungen gegeben, sich an ihr festzuhalten und ihr zu folgen, wohin sie auch ging.

Als sie den Zug erreichten, sah Erika große Menschenmengen, die sich bemühten, gleichzeitig durch die Tür jedes Abteils zu kommen. Vorbei war es mit der üblichen Ordnung, die sie gelernt hatten zu befolgen. Einige waren höflich und ließen sie durch, aber die meisten waren das nicht. Von der Welle mitgerissen wurde sie mehr oder weniger ins Abteil gedrückt und während der ganzen Zeit fühlte sie die Hände der Kinder in ihrem Rücken, die sich an ihren Mantel klammerten. Sie hatte sogar das Glück, einen schmalen Platz zu finden, an dem sie sich mit den Taschen auf dem Schoß hinsetzen konnte. Dieter war neben ihr. Und Renate?

Renate war nirgends zu sehen. Mama Erika rief laut nach ihrer Tochter, aber das Kind war verschwunden. Vollkommen verloren sah sie aus dem Fenster. Sie erblickte einen Soldaten am Bahnsteig, ein plötzliches Symbol, das von besseren Tagen und dem Endsieg kündete. Und tatsächlich, neben ihm war Klein-Renate, stand mit verwirrtem Blick alleine da. Der Soldat rief in Richtung Erika.

„Ist das Ihr Kind, meine Dame?“

„Ja, das ist mein Mädchen“, rief Erika zurück.

„Los geht’s!“, rief er dem Kind zu, als er sich zu ihr hinunter bückte. „Ab zu deiner Mama.“

Mit einem Ruck hob er Renate auf und reichte sie durch das Fenster zu ihrer Mutter. In einem kurzen Moment war Renate in das Abteil gehievt worden. Erika sprang auf und packte sie.

„Danke, Soldat!“, rief Erika und seufzte vor Erleichterung. Sie setzte sich hin und ließ das Kind auf ihrem Schoß nieder. Dieter gab seiner Schwester die kostbare Puppe, Inge.

Der ständige, allgegenwärtige Geruch nach verbrannter Kohle war Erika nur recht. Für sie war dies der Geruch der Flucht in Sicherheit. Die Lokomotive gab einen langen, fröhlichen Pfiff von sich, gefolgt von einem tiefen Zischen. Dann ein schwerfälliger Ruck. Sie fühlte die Vorwärtsbewegung. Sie waren auf dem Weg nach Apolda.

Kapitel II

Die Zuflucht

Apolda

Die Stadt Apolda mit ihren ungefähr 20000 Einwohnern liegt im Freistaat Thüringen. Man findet sie leicht auf der Landkarte, da sie die Nachbarstadt der Landeshauptstadt Erfurt ist und nordöstlich davon, mitten im Zentrum Deutschlands liegt. Geografisch gesehen ist das Thüringer Becken im Norden vom Harzgebirge und den Bergen des Thüringer Waldes sowie den Schieferbergen im Süden umringt. Das Becken beheimatet den Fluss Unstrut sowie andere Flüsse weiter im Süden, wie Gera und Ilm. Der Freistaat kann auch mit Städten auftrumpfen, wie Jena, die weltbekannt für hitzebeständiges Glas und optische Instrumente ist, und die historische Stadt Weimar, wo Goethe lebte und im Jahr 1788 Schiller traf.

Im Krieg hatte Thüringen sehr große militärische Bedeutung für das Reich. Es lag in der Mitte des Reiches, war am weitesten vom voranschreitenden Feind entfernt und der Freistaat wies ein hügeliges, bewaldetes und zerklüftetes Terrain auf, in das es schwer war, einzumarschieren. Ein weiterer Vorteil war es, dass bereits früher einige Bergwerksstollen zur Salzgewinnung ins Harzgebirge gegraben worden waren. Eines von Hitlers Lieblingsprojekten waren die

„Wunderwaffen“, die V-1 und V-2 Raketen. Nach der Bombardierung von Peenemünde an der baltischen Küste 1943 und 1944 hatte er die Produktion nach Thüringen, in die Stollen der Hügel vom Kohnstein, verlegt. Das Unternehmen Mittelwerk startete die Produktion der Raketen zusammen mit sowohl den Flugzeugen Ar 234 und Me 262 (in Nordhausen und Kahla) als auch den Raketen Taifun und Orkan.

Apolda bedeutet „Apfelregion“. Diese Bezeichnung, die schon im 10. bis 11. Jahrhundert verwendet wurde, wurde 1119 explizit angeführt. Im Jahr 1289 erlangte die Siedlung den Status einer Stadt. Der Überlieferung nach gibt es eine Verbindung zwischen dieser Stadt und der Region Gramont in Frankreich (Département Haute-Saone in der Region Frache-Comté). Einer Version zufolge traf Napoleon 1806 auf diese Gegend, als er die „Doppel-Schlacht“ von Jena und Auerstett gegen die preußisch-sächsische Armee gewann. Tief beeindruckt vom Anblick Apoldas soll er gesagt haben: „Sieht genauso aus wie Gramont“.

Im Jahr 1714 machten die Familien Ulrich und Schilling Apolda für das Schmieden von Glocken berühmt und die Stadt erhielt den Titel „Glockenstadt“. Diese Tradition setzte sich sogar bis ins 20. Jahrhundert fort. 1911 wurde das Unternehmen Franz Schilling und Söhne Experte in Sachen Glockenspiele und Kirchenglocken in Europa, Asien, Afrika und Amerika. Die Glocke „Decker Pitter“ (Dicker Peter) des Kölner Doms wurde 1923 hier geschmiedet. Von 1904 bis 1927 war es auch eine Auto-Stadt, da die Apollo-Werke AG Apollo- und Piccolo-Autos produzierte. Die Anwohner sind auch stolz auf die Dobermänner. Diese berühmte Hunderasse stammt aus Apolda und wurde nach ihrem Züchter, Friedrich Louis Dobermann, der im 19. Jahrhundert lebte, benannt.

Die Stadt erreichte auch einen gewissen Bekanntheitsgrad durch ihre Textilindustrie, vor allem durch Wolle und Strickwaren. 1593 schrieb ein Einwohner namens „David der Strick-Mann“ Geschichte, indem er lehrte, wie man mit sieben Stricknadeln strickte; er legte den Grundstein für den Ruf der Stadt als Hauptstadt der Strickwaren. Die Textilhandelsfirma „Christian Zimmermann und Söhne“ wurde 1789 gegründet; zufälligerweise war das auch das Jahr, in dem die Französische Revolution begann. Im Jahr 1880 startete das Unternehmen die eigene Produktion und wurde der bekannteste Hersteller für Strickwaren in der Stadt und darüber hinaus. Zum Anlass des hundertjährigen Bestehens des Unternehmens wurde am 10. November 1889 eine Statue des Gründers Christian Zimmermann (1759 - 1842) aufgestellt. Die Bronzestatue steht auf einem Sandsteinpodest am Alexander-Pushkin-Platz (bis 1950 Karlsplatz genannt).

Im 20. Jahrhundert stand das Unternehmen C. Zimmermann & Söhne unter der Leitung der Nachkommen, der Familie Hollmann. In den 1930ern repräsentierte Fritz Hollmann sein Geschäft in den Vereinigten Staaten, wurde aber nach Apolda abberufen, da sein Vater plötzlich verstorben war. Er nahm über Nacht das Geschäft in die eigene Hand. Die Wollprodukte des Unternehmens waren in den Kriegszeiten äußerst beliebt, vor allem bei der Infanterie an der kalten Ostfront.

Fritz heiratete Renates Tante (die Schwester ihrer Mutter) Lise-Lotte Wenck, „Tante Lilo“. Das Paar hatte zwei Söhne, Klaus und Peter, und eine Tochter, auch mit dem Namen Erika. Sie lebten in einem luxuriösen Haus mit einem großen Terrassen-Garten an der Rückseite und einem Schwimmbad. Sie hatten sogar ein Hausmädchen.

Großmutter Elisabeth Wenck, oder Emi, lebte mit ihrer eigenen Mutter, Omchen, in einer Wohnung mit vier Schlafzimmern. Omchen starb 1940 im Alter von 89 Jahren. Emi lebte dann alleine. Einige Jahre später, auf der Flucht von Berlin, war ihre Tochter, Erika, mit ihren beiden Kindern im Schlepptau in die Wohnung der Großmutter gezogen.

So etwas wie eine zusammenhängende Erinnerung an die Kindheit beginnt für Renate in Apolda. Sie erinnert sich hier am besten an die Bombenübungen. Sie begannen mit einer tiefen warnenden und drohenden Sirene, die jeden dazu veranlasste, kopflos umherzulaufen. Auch sie hatte dann ein mulmiges Gefühl und die Anspannung in ihrer Bauchgegend nahm zu. Das Sirenengeheul war nicht wie das Pfeifen der Lokomotive, an das sie sich erinnerte, und das fröhlich verkündete: „Los geht’s!“ Es machte kaum einen Unterschied, ob der Luftangriff real oder ob es nur eine Übung war. Ein Luftangriff war jederzeit möglich, jetzt und an jedem anderen Tag. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter alles fallen ließ und ausrief: „Kinder, kommt jetzt! Beeilt euch!“ Erika trieb die Kinder und ihre Mutter an, damit sie in Fahrt kämen. Alle rannten aus der Tür, die Stiege hinunter in den Luftschutzbunker im Keller. Nachdem der letzte Nachbar in den Bunker geeilt war, quietsche und ächzte die massive Stahltür, bis sie sich mit einem Knall schloss. Nachdem sie die dunkle und nasskalte Sicherheit erreicht hatten, standen alle in unbehaglicher Stille da. Sie erinnert sich, zu den Gesichtern der Erwachsenen hochzuschauen, wie sie vor unverhüllter Furcht erstarrt waren, ihren Atem anhielten, alle starr vor Angst. Sie lernte, das Geräusch des Alarms mit den angespannten Gesichtsausdrücken der Älteren zu assoziieren. Dann erschallte der willkommene Ton der Entwarnungssirene, ließ eine Welle der Erleichterung über alle hinwegspülen, und sie wusste, dass das „Spiel“ vorbei war. Beim Verlassen des Kellers gaben die Nachbarn Kommentare von sich, machten sogar Witze, um die Spannung zu lockern. Weder betete jemand aus Verzweiflung, noch gab es emotionale Ausbrüche trotz des Schreckens, der an ihren Knochen nagte. „Haltung bewahren“ war das Gebot der Stunde. Wieder zu Hause ging das tägliche Leben der Familie wie gehabt weiter.

Die Bomben über Berlin waren ein fortwährendes Thema und abgesehen von den täglichen Radionachrichten, erhielt Erika alle Arten von Nachrichten aus ihrer alten Heimat. Aus Briefen, die an sie geschickt wurden, erfuhr sie, dass ihr Haus in Mariendorf im Verlauf der schlimmsten Angriffe auf die südlichen Bezirke, in der Nacht vom 28. Auf den 29. Januar, gerade nachdem sie die Stadt verlassen hatten, in die Luft gesprengt worden war. Puh! Das war knapp.4

Im Gegensatz dazu war Apolda nur einmal angegriffen worden, am 21. November 1944, aber sogar das führte zu einer großen Zahl an Verlusten. Dieser Bombenangriff war eine Überreaktion des Piloten, denn die Stadt hatte von einem militärischen Standpunkt aus nichts zu bieten. Ein Zug hielt auf seinem Weg in die Industriestadt Jena nach ungefähr 16 Kilometern kurz an und der Pilot zielte auf ihn und die Umgebung. In dieser Nacht hatten sich Dieter und Renate mit ihrer Mutter und Großmutter in den Luftschutzbunker gekauert und die Einschläge in der Ferne ließen sie erschauern. Als sie am nächsten Morgen herauskamen, sahen sie zu ihrer großen Erleichterung keinerlei Zerstörung in der Nachbarschaft. Die Bomben waren weiter weg gefallen.

***

Renate war ein süßes, aber mageres Mädchen, immer wachsam und aufmerksam, lief lebhaft umher, stellte aber nur selten etwas an. Mit ihren zu einem Knoten hochgebundenen Haaren, die als blonder Springbrunnen von ihrem Kopf fielen, in ihrer einfachen Bluse und dem Rock, den ihre Mutter genäht hatte, und einem Paar langer weißer Socken über ihren dünnen Beinen sah sie niedlich und lebhaft aus. Sie war ein glückliches Kind, das sich leicht an ihre neue Umgebung anpasste. Wenn ihr Bruder daheim war, folgte sie ihm meistens überall hin und spielte die gleichen Spiele wie er. Allerdings teile sie seine große Leidenschaft für Lokomotiven, Züge und dergleichen nicht. Wenn er mit diesen jungenhaften Träumen anfing, zog sie sich zurück, um mit ihrer Puppe Inge in ihre eigene mädchenhafte Welt einzutreten. Sie war an sich sehr zugänglich, lief aber weg, wenn ein Fremder auf sie zu kam.

Die Weihnachtsfeierlichkeiten sind in Deutschland eine familiäre und besinnliche Angelegenheit. Der Weihnachtsabend ist recht einfach gehalten, zumindest was das Abendessen betrifft. Der Tag wird damit verbracht, den Weihnachtsbaum zu schmücken, die Geschenke darauf zu hängen oder sie unter den Baum zu legen. Am Nachmittag, wenn es dämmert und der Abend hereinbricht, wird den Kindern die Bibelgeschichte laut vorgelesen, Lieder werden gesungen oder sogar auf Instrumenten begleitet, und die Verteilung der Geschenke beginnt. Die Weihnachtsgeschenke werden an diesem Tag den Kindern überreicht, angeblich vom Weihnachtsmann.

Damals in Berlin, nur kurz bevor sie die Stadt verließen, versuchte Mama mit ihren Kindern Weihnachten zu feiern, aber es war wegen ihrer mageren Finanzen und der Abwesenheit des Vaters schwer. Sie hatte mit ihrem Nachbar, Hans Lehmann, gesprochen. Er war eine gute Seele, ein alternder Rentner, der immer bereit war, seinen Nachbarn, meistens einsame Frauen, deren Männer an der Front waren und deren Kinder einer ungewissen Zukunft entgegensahen, zu helfen. Bereitwillig stimmte er zu, den Weihnachtsmann zu spielen, und hatte es geschafft, eine Auswahl an Kostümen in der Hoffnung zusammenzustellen, dass er die Fantasie der Kinder entfachen würde. Wie abgemacht erschien Hans pünktlich an der Tür. Dieter, der weder zu alt war, um an den Weihnachtsmann zu glauben, noch jung genug, um das Schauspiel als Ganzes zu schlucken, wurde liebevoll begrüßt, gefragt, ob er dieses Jahr ein braver Junge gewesen wäre, und er erhielt sein wohlverdientes Geschenk. Aber als der Weihnachtsmann sich Renate zuwandte, hatte sie solche Angst vor diesem seltsamen Typ mit seiner Maske, den seltsamen Kleidern, dem langen weißen Bart, der lustigen Mütze und dem ernsten Ton in seiner Stimme, dass sie in den nächsten Raum stürzte und in den beschützenden schmalen Spalt unter dem Bett schlüpfte, sicher außerhalb der Reichweite eines jeden Erwachsenen. Sie kam erst heraus, um ihr Geschenk zu holen, nachdem sie sich sicher war, dass keine männliche Stimme mehr zu hören war und dass die bärtige Erscheinung ihr Zuhause für immer verlassen hatte. Letztlich hatte die Angst über ihre Neugier gesiegt.

***

Einige Monate später läutete es mit großem Nachdruck in Apolda an der Haustür. Mutti war immer noch in der Küche und Dieter machte seine Hausaufgaben am Küchentisch. Renate rannte los, um die Türe zu öffnen. Ein Mann stand draußen; er war nicht maskiert, aber dennoch trug er bizarre Kleider. Er nahm gerade einen unförmigen und staubigen Rucksack von seinem Rücken. Aus Angst vor diesem Fremden lief sie kreischend in das Schlafzimmer. Auf dem Weg erhaschte sie einen kurzen Blick auf ihre Mutter, die versteinert dastand und einfach das Geschirrtuch in ihrer Hand fallen ließ.

Nach einer Weile linste Renate durch den Türspalt. Sie sah, wie der Mann Dieter mit seinen starken Armen aufhob und ihn küsste. Dann, als er ihn über seinen Kopf hob, sagte er:

„Junge, eines Tages wirst du soooo groß sein und ich werde mit dir auf ein Bier gehen!“

Erika rief nach Renate, dass sie aus ihrem Versteck kommen sollte. Sie trottete heran, jetzt weniger verängstigt, aber immer noch zögernd und zurückhaltend. Werner sah seine Tochter zum ersten Mal. Er streckte die Hand nach ihr aus, aber Renate wich jeder Annäherung des Fremden aus und flüchtete, um die Beine ihrer Mutter zu umarmen. Mutti streichelte ihren Kopf und stellte sie ihrem eigenen Vater vor.

„Schau her, das ist Vati, dein Vater!“

Renate schüttelte vehement den Kopf und rannte zur Kommode in der Ecke. Sie zeigte auf einen Rahmen am oberen Rand mit einer Fotografie ihres Vaters in einer Richterrobe und sagte:

Das ist Vati!“

Es war ein kurzer Besuch. Niemand wusste, was die Zukunft für die Vier bereithielt.

Feindkontakt

In einer fremden Stadt in einer seltsamen Zeit sollte Renate noch seltsamere Ereignisse erleben.

Die Stadt Apolda kapitulierte ohne jeden Widerstand und wurde bereits am 12. April 1945, noch vor der offiziellen bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, die am 7. Mai offiziell unterschrieben wurde, von den USA besetzt. Die Tatsache, dass der Krieg zu Ende war und das mit einer vollständigen Niederlage der Deutschen, blieb von den Kindern, Dieter und Renate, unbemerkt: Als Erstes fiel ihnen auf, dass die markerschütternden, quälend lauten Alarme aufgehört hatten.

Der Wohnblock, in dem sie lebten, lag an einer Straßenecke, an der Kreuzung der Schillerstraße und Heidenberg. Es gab zwei bewohnbare Stockwerke mit insgesamt sieben Wohnungen: zwei jeweils im Erdgeschoss, dem ersten und zweiten Stock und noch eine im zweiten Stockwerk als Dachgeschosswohnung. Die Wohnungen an einer Seite des Gebäudes waren größer als die anderen. Die große Wohnung im Erdgeschoss wurde an eine Zahnarztpraxis vermietet; die anderen wurden von Familien bewohnt, wobei Renates Familie in einer größeren Wohnung, die recht geräumig war und vier Schlafzimmer hatte, im zweiten Stock lebte.

Renate konnte die Passanten durch die großen Fenster an beiden Seiten des Wohnzimmers beobachten. Die vordere Straße, die Schillerstraße, führte rechts einen Hügel hinauf und zur Linken, circa 100 Meter entfernt, war ein Kino, der Kristall Palast. Hinter dem Wohnblock lag ein Stück leeres Land. Man konnte die Querstraße, Heidenberg, auf der rechten Seite des Gebäudes sehen. Diese Seitenstraße verlief zur Rechten einen Bach entlang. Hinter dem Hügel und parallel dazu war eine andere Straße, die eine Durchgangsstraße quer durch die Stadt war; der Bereich zwischen den parallelen Straßen, bot den Kindern einen Hang, den sie im Winter mit ihren Schlitten hinunterfahren konnten.

Renates Mutter begann, in der Strickfabrik ihres Schwagers Fritz zu arbeiten. Dieter ging in die Schule und Renate blieb daheim mit ihrer Großmutter. An einem frühen Sommermorgen, als Renate ihre einsamen Stunden mit Seilspringen vor dem Haus verbrachte, bemerkte sie einen staubigen alten Militärlastwagen von rechts die Straße entlangkommen, die Straße queren und kreischend, eine stinkende Rauchwolke ausstoßend, anhalten. Fremde Männer, insgesamt etwa 20, sprangen heraus. Sie hatten alle Uniformen an, aber nicht solche wie ihr Vater. Der Lastwagen wendete gequält ächzend und kreischend und fuhr wieder in die Richtung davon, aus der er gekommen war. In unterhaltsamer Stimmung, witzelnd und Streiche spielend, gaben die Männer Kommentare von sich, aber Renate konnte nicht verstehen, was sie sagten. Der eine oder andere lächelte ihr zu, wie sie verblüfft im Türrahmen stand, manche winkten sogar und riefen etwas. Dann schlenderten sie in Richtung des Kinos Kristallpalast.

Einige Minuten später kam ein weiterer Lastwagen denselben Weg wie der zuvor entlang und die ganze Szene wiederholte sich. Wieder trugen alle Männer, die ausstiegen, die gleiche Uniform und waren gleich fröhlich, aber sie waren alle schwarz. Renate hatte noch nie davon gehört, dass es auf der Welt solche Männer gab. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie, dass sie große weiße Augäpfel mit schwarzen Augen und große, schimmernde Zähne hatten. Sie hatte Angst. Wie in Trance setzte sie sich auf die Schwelle. Wie auch die weißen Amerikaner brabbelten diese Männer in einer fremden Sprache. Einer kam über die Straße gelaufen und winkte ihr zu. Er bewegte sich schnell, aber sehr grazil. Als er sich zu ihr hinunter beugte, um sie anzusehen, strahlte er noch mehr und lächelte sogar mit seinen Augen. Er hielt etwas in der Hand und bückte sich, um es ihr zu geben. Es war eine Tafel Schokolade, die in einer seltsamen, dekorativen Verpackung, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, eingewickelt war. Wie gebannt nahm Renate sie und flüsterte: „Danke.“ Dann zeigte er eine kleine Fotografie. Sie konnte gerade so ein Mädchen mit lockigen Haaren erkennen. Er tippte mit seinem Zeigefinger zwei Mal auf das Bild und dann zwei Mal auf seine Brust. Er sagte etwas, schaute zu seinen Kameraden zurück, lachte, und lief zurück. Sofort verschwand er wieder in der Masse der uniformierten Figuren. Dann bummelten sie zum Kino, halb laufend, halb tanzend.

Sie war erleichtert, aber die Angst vor diesen fremden Männern verweilte noch einen Moment. Andererseits hatte der Soldat gelächelt und sie „Fräulein“ genannt, sehr gedehnt, aber doch reizend. Niemand hatte sie jemals so genannt, nicht einmal ihr Bruder. Nur ab und an benutzte ihre Großmutter dieses Wort, wenn sie Renate rügte, wie „Damit kommst du nicht davon, Fräulein!“, „Beeil dich, steh‘ nicht den ganzen Tag vorm Spiegel, Fräulein!“ Trotzdem fühlte sie sich, jetzt mit dem gleichen Wort freundlich von einem Fremden angesprochen, sogar geschmeichelt.

Obwohl die Soldaten das Kino nicht regelmäßig aufsuchten, hatte es etwas Rituelles an sich, und Renate hatte mehr als einmal die Gelegenheit, die Parade anzusehen, als ob sie eigens nur für sie abgehalten wurde. Sie wurde begrüßt und bekam das eine oder andere Mal Schokolade. Sie konnte nicht erkennen, ob ein anderer Soldat auf sie zu kam. Für sie waren sie alle schwarz, sahen gleich aus und lachten, jubelten und gingen sogar gleich. Die Schokolade in ihrer Hand war wie eine Trophäe. Sie stellte sich vor, es wäre ein Märchen und sie eine Prinzessin, und dass die Soldaten nur ihre Untergebenen waren. Wie sie so an der Schwelle saß, erhielt sie von den Soldaten einen Tribut; nach außen hin war sie ein sittsames Kind, aber innerlich freute sie sich sehr über die Anerkennung und die Ehre, die man ihr zollte.

In der ansonsten vorherrschenden Monotonie der Kleinstadt Apolda ließ ein solches Ereignis viele Fragen in ihrem jungen Geist entstehen: warum, warum, warum und warum nur? Von ihrer Mutter erfuhr sie, dass die Soldaten alles „Amis“ (Ah-mees ausgesprochen), die deutsche Abkürzung für Amerikaner, waren. Sie erfuhr auch, dass die Sprache, in der sie „brabbelten“, Englisch war; Ja, sie sprachen Englisch wie die „Tommies“, wie Engländer. Nein, sie sprachen nicht Amerikanisch. Die Soldaten nahmen an sogenannten „Matineen“, Filmvorführungen in Englisch, teil, die für sie allein an bestimmten Tagen gezeigt wurden. Sie fragte sich, warum der fürchterliche Feind so Kosenamen wie Ami und Tommy hatte, die für sie wie Emi, wie für ihre Oma, oder wie Mami, wie sie ihre Mutter oft nannte, klangen.

Unter den vielen Fragen, die sie stellte, blieben zwei unbeantwortet. Wenn das alles Amerikaner waren, die gegen uns gekämpft hatten, warum kamen sie dann in getrennten Lastwagen, einen für die weißen Männer und einen für die schwarzen? Sie wusste vom langweiligen Schachspiel, das Dieter ihr versucht hatte beizubringen, dass die weißen und schwarzen Figuren gegeneinander kämpften und nicht miteinander auskamen. Die zweite Frage war, warum ihr nur die schwarzen Männer Schokolade gaben. Besaßen denn die weißen Männer keine Schokolade oder aßen sie alles alleine weg? Niemand konnte wissen, dass sie Weißen sich streng an das Verbrüderungsverbot (non-fraternization policy) der USA hielten5,während die Afro-Amerikaner in ihrem Fall eine humanitäre Ausnahme machten.

Renate hatte auch ein Geheimnis. Sie mochte Süßigkeiten überhaupt nicht. Sie wusste aber auch, wer beim Anblick der Schokolade in Freude ausbrechen würde: ihr Bruder. Er liebte Süßigkeiten. Wenn Dieter von der Schule zurückkam, flüstere sie ihm „Überraschung!“ zu und gab sie ihm heimlich. Heimlich, weil ihre Mutter ihm nicht allzu viele Süßigkeiten erlaubte. Wenn er sie fragte, woher sie die Schokolade hatte, lächelte sie nur und legte ihren kleinen Zeigefinger an ihre Lippen und ermahnte ihn, still zu sein; wenn er weiter nachbohrte, sagte sie: „Von meinem Schokoladenmann.“ Dieter dankte es seiner Schwester bei Gelegenheit mit einem Hinweis oder er bevorteilte sie, und die taktische Abmachung zwischen den Geschwistern bedurfte keiner weiteren Worte.

***

Mitte des Sommers nahm der Gang der Ereignisse eine andere Wendung. In den Nachkriegszeiten hatten jene, die kein Land besaßen, nicht genug zu essen. Das Essen wurde rationiert und die Kunden mussten ihre Lebensmittelkarten im Laden vorzeigen. Renates Mutter hatte zumindest das Glück, dass ein Lebensmittelladen gleich in der Nähe war, sie musste nur die Straße hinunter in Richtung Stadtmitte gehen. Die Frau des Händlers, von den Kunden mit Frau Pechstein angesprochen, von ihrem Mann mit Berta angeschrien, war eine vollschlanke, fröhliche Person. Für Kinder hatte sie immer ein freundliches Wort übrig und manchmal schmuggelte sie sogar ein Stück Käse oder Wurst für die Kleinen hinaus.

An einem dieser Spaziergänge zum Lebensmittelladen begleitete Renate ihre Mama und Oma. Am Tag zuvor hatte es heftig geregnet, aber an diesem Morgen war der Himmel klar und die Sonne schien und brach sich in den mit Wasser gefüllten Schlaglöchern in der Straße. Renate liebte es, trotz der Proteste der Damen, auf die Löcher zuzulaufen und darüber zu springen.

Frau Pechstein war nicht in ihrer üblichen heiteren Stimmung. Emi wunderte sich und flüsterte Erika zu:

„Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag, oder hat schlecht geschlafen, oder sie hatte Streit mit ihrem Mann.“

Als sie zahlen wollten, schaute Frau Pechstein sich um, bückte sich über die Theke, und flüsterte:

Die Russen kommen!“

Renate sah, wie die Gesichter von Mutti und Emi mit einem Schlag bleich wurden. Das war der gleiche Ausdruck, den sie im Dunkel des Luftschutzbunkers gesehen hatte.

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