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Kerzenlicht für eine Leiche

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

KERZENLICHT FÜR EINE LEICHE

Mitchell & Markbys achter Fall

Ins Deutsche übertragen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Für John, der stets mein erster Leser ist
und mich beim Ringen mit jedem neuen
Roman unterstützt. Dieses Buch ist
außerdem meinen Eltern zum Gedenken
gewidmet. Und den vierbeinigen
Mitgliedern ihres Haushalts: Rex I.,
Mandy und Rex II., ihren Dackeln.

Christe, meoum [sic] commorare,
Vesper cadens obumbrare,
Diem coepit tenebris.

(O Christus, vergiss mich nicht,
wenn der Abend fällt
und Schatten den Tag verdunkeln.)

Inschrift auf einem Landfriedhof.

 KAPITEL 1 

DER TOD hatte im Verlauf der letzten sechs Monate viel Raum in Maurice Appletons Gedanken eingenommen. Als Priester konnte er kaum umhin, über die Sterblichkeit des Menschen nachzusinnen. Doch diesmal war es seine eigene Sterblichkeit. Diesmal wusste er, dass er selbst sterben würde.

Der bevorstehende Tod hatte Maurices Bewusstsein nicht auf wunderbare Weise scharf und klar werden lassen, sondern behinderte im Gegenteil jegliche Konzentration. Jeder Versuch logischen Denkens glitt ihm aus den Händen wie ein sich entrollendes Wollknäuel. Er hatte keine Angst. Stattdessen fühlte er sich wie jemand, der auf den Bus wartet. Er mochte ein wenig Verspätung haben, und nicht selten spürte Maurice milde Verärgerung, weil er hilflos dastand und wartete. Doch er wusste, dass der Bus seine Garage bereits verlassen hatte und auf dem Weg war. Bald würde er eintreffen. Und Maurice würde einsteigen.

Bis dahin verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit mit Dösen, jenem angenehmen Zustand zwischen Wachsein und Schlafen, der seine Situation so vollkommen widerspiegelte. Auch nun nickte er wieder ein, gegen Ende des monatlichen Treffens seines Kirchenvorstands.

Die Sitzung, die im Salon seines Bamforder Vikariats stattfand, war wie immer langweilig gewesen. Maurice hatte zum Abendessen (Rindfleisch-Nieren-Pastete, sein Lieblingsessen, und seine Haushälterin machte sie ganz ausgezeichnet) ein Glas Wein getrunken. In letzter Zeit hatte er unter Appetitlosigkeit gelitten, doch an diesem Abend war er hungrig gewesen und hatte die Mahlzeit genossen. Ringsum leierten endlos Stimmen. Worte gingen ungehört an ihm vorbei und verloren sich in den staubigen Ecken des Zimmers. Maurices Kopf sank nach vorn, die Augenlider wurden schwer, und die Brille rutschte auf seinem Nasenrücken nach unten.

»… schlimmer noch«, verkündete eine Stimme, die energischer klang als die übrigen und sich daher einen Weg in Maurices Halbschlaf bahnte, »es ist eine Verschwendung!«

Die Sprecherin war eine hagere Frau mit eisengrauen strengen Locken und der Andeutung eines Schnurrbarts auf der Oberlippe. Die übrigen Mitglieder des Kirchenvorstands rutschten unbehaglich auf dem Sammelsurium unbequemer Stühle hin und her, die für den Abend aus dem ganzen Haus in den Salon gebracht worden waren. Einer oder zwei blickten unverhüllt auf ihre Armbanduhren.

Obwohl wie stets am Ende eines Treffens die Frage »Gibt es noch etwas zu besprechen?« gestellt worden war, kam es sehr selten vor, dass noch etwas gesagt wurde. Die Frage war zu einer Floskel geworden, wie die Frage bei Hochzeiten, ob jemand Einwände gegen die Eheschließung habe. Bei dieser Gelegenheit aufzuspringen und ja zu sagen, galt als durch und durch unschickliches Benehmen.

Maurice ruckte hoch, und wie um zu beweisen, dass er die ganze Zeit über wach gewesen war, erkundigte er sich grantig: »Was bitte schön ist eine Verschwendung, Mrs. Etheridge?«

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick, der deutlich sagte: »Der alte Knabe hat es wirklich hinter sich. Gott sei Dank, dass er zum Ende des Sommers in den Ruhestand geht. Ich hoffe nur, der Nachfolger hat seine fünf Sinne besser beisammen.«

Laut erwiderte sie mit einer unangenehm schneidenden Stimme, die so sehr zu ihrem Aussehen passte: »Kerzen, die nach dem Gottesdienst auf dem Altar weiterbrennen, das ist Verschwendung! Was kostet es? Auf jeden Fall ist es eine unnötige Ausgabe.«

Die anderen blickten besorgt drein. Sie fürchteten, dass sie sich länger über diese Angelegenheit ergehen würde und daraus ein völlig neues und kompliziertes Thema entstand, das sie noch wenigstens eine weitere halbe Stunde beschäftigte.

»Schlimmer noch, es könnte ein Feuer geben!« Sie spie die letzten Worte aus, und zur ungemeinen Erleichterung aller setzte sie sich – rot im Gesicht, aber sichtlich triumphierend, wieder hin.

Maurice blinzelte mit wässrig blauen Augen. »Ich verstehe das nicht, gute Frau! Der Ministrant löscht doch nach jedem Gottesdienst die Kerzen. Das gehört zu seiner Arbeit.«

»Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!«, gab sie zurück.

Der rotgesichtige Schatzmeister der Kirchengemeinde, Derek Archibald, meldete sich zu Wort. Seit der Vikar angefangen hatte, während des größten Teils ihrer Sitzungen zu dösen, hatte sich Derek mehr und mehr in die Rolle des De-facto-Vorsitzenden gedrängt. »Vielleicht könnte Mrs. Etheridge ein wenig genauer werden?«

Seine humorvolle Bemerkung erntete verstohlenes Kichern. Mrs. Etheridge hob wütend den Kopf.

»Wann genau soll das denn gewesen sein?«, fuhr Derek fort. Er war Metzger und führte ein Familienunternehmen, und er hatte nur wenig Geduld mit Janet Etheridge, nicht zuletzt deswegen, weil sie eine fanatische Vegetarierin mit missionarischen Ambitionen war. Hier saßen nun alle und sehnten sich danach, nach Hause zu kommen, um vielleicht noch die letzte Fernsehsendung des Abends zu sehen, und die Frau schwatzte von brennenden Kerzen!

»Sie brennen jetzt, in diesem Augenblick!«, keifte Mrs. Etheridge.

Was einige Aufregung verursachte. Maurices Verstand beschloss, nicht am Rätsel der brennenden Kerze mitzuarbeiten und sich stattdessen wieder dem Dösen hinzugeben. »O nein«, murmelte er. »Es ist beinahe schon, äh, halb neun. Meine Güte, so spät!«

Die anderen fingen das Stichwort auf und begannen, ihre Siebensachen zusammenzuräumen.

Doch Mrs. Etheridge war nicht bereit, so schnell aufzugeben. »Ich bin heute Abend auf dem Weg ins Vikariat in der Kirche gewesen. Ich hatte meine Silberfolien dabei und wollte sie in den Sammelsack beim Eingang tun. Zu meiner Überraschung sah ich Licht in der Kanzel. Also habe ich einen Blick hineingeworfen und musste entsetzt feststellen, dass wenigstens eine Kerze fröhlich auf dem Hochaltar vor sich hin brannte. Noch dazu eine neue, denn sie war ziemlich groß. Und nicht eine Menschenseele war in der Kirche!«

Unruhe ging durch den Raum.

»Ich habe um sechzehn Uhr dreißig die Abendandacht gehalten«, sagte Maurice verwirrt. »Ich habe keine brennenden Kerzen gesehen. Ich war ganz allein.«

»Und das ist nicht das Einzige, was ich zur Sprache bringen wollte«, fuhr Mrs. Etheridge fort. Sie ignorierte das hörbare Stöhnen ringsum. »Bullen, der Totengräber, ist eine Schande für die Kirchengemeinde! Er ist ein Trunkenbold und ein frecher Bursche obendrein, und er nimmt schon am frühen Morgen unflätige Worte in den Mund. Erst vor ein paar Tagen …«

Derek Archibald ergriff die Initiative. »Es wird später und später. Einige von uns müssen sicherlich nach Hause«, grollte er. »Vielleicht sollten wir für heute besser Schluss machen. Nat Bullen ist ein guter Totengräber, und wenn du seine Arbeit machen müsstest, Janet Etheridge, dann würdest du sicherlich genau wie er hin und wieder den ein oder anderen Tropfen über den Durst trinken. Ich danke allen, dass sie heute Abend hier waren. Der Vikar und ich – Ihre Zustimmung vorausgesetzt, Herr Pfarrer! – werden noch bei der Kirche vorbeischauen und Mrs. Etheridges Geschichte überprüfen.«

»Das war keine Geschichte!«, fauchte sie. »Ich erzähle keine Unwahrheiten, Derek Archibald! Ich habe es mit meinen eigenen Augen …«

»Nun, wir gehen zur Kirche und sehen nach«, erstickte Derek ihren aufgebrachten Protest. »Wenn Sie nun ein abschließendes Gebet sprechen würden, Herr Pfarrer?«

Die übrigen Mitglieder des Vorstands hatten sich bereits erhoben und wollten zur Tür. Nun setzten sich alle eilig auf verschiedene Stühle, als hätte die Musik bei einem Gesellschaftsspiel aufgehört, falteten die Hände und schlossen fest die Augen. Maurice sprach seinen Abschiedssegen.

Es war Spätsommer, und die Abende wurden bereits wieder kürzer. Bis die drei das kurze Stück Weg vom Vikariat zur Kirche zurückgelegt hatten, war es bereits dunkel. Die Straßenlaterne vor dem Pfarrhaus flackerte unregelmäßig und gab ein brummendes Geräusch von sich.

Die beiden Männer gingen schweigend nebeneinander her. Mrs. Etheridge, begierig zu zeigen, dass sie Recht gehabt hatte, eilte voraus, und die Absätze ihrer weichen Sohlen trappelten auf den Pflastersteinen. Als sie an der brummenden Straßenlaterne vorbei waren, sah Maurice ihren stumpfen, kegelförmigen Schatten, den sie mit ihrem Filzhut und dem voluminösen Regenmantel warf. Er wirkte irgendwie Unheil verkündend.

Maurice seufzte. Vielleicht hätte er besser daran getan, sich schon vor einem oder zwei Jahren in den Ruhestand zurückzuziehen. Die Gemeinde war in dieser Zeit beträchtlich gewachsen, und er war nicht damit zurechtgekommen. Er hatte versagt und seine Schafe im Stich gelassen. Die Frau hatte wahrscheinlich Recht mit der Kritik, die ihre Augen und ihr Verhalten so beredt ausdrückten. Er hoffte nur, dass sie sich wenigstens mit der Kerze irrte. Diese Geschichte ergab keinen Sinn, und Maurice hatte keine Lust, sich damit zu beschäftigen.

Doch Janet Etheridge hatte sich nicht geirrt. Irgendjemand schien den Kerzenschrank in der Sakristei gefunden zu haben. Er hatte eine der größeren Kerzen in einen Tonständer gesteckt und mitten auf dem Altar aufgestellt. Um den Fuß des Ständers hatte er ein Stück schwarzen Stoffs gewunden, und ringsum verstreut lagen Blumen, große einzelne malvenfarbene oder weiße Blüten, mit farnähnlichen Blattwedeln.

»Kosmos!«, murmelte Maurice. Er hatte sich immer um seinen Garten gekümmert, noch bis letztes Jahr. Kosmos waren hübsche Blumen, erinnerte er sich, obwohl sie wild wucherten, und wenn man sie einmal in seinem Garten ausgesät hatte, wurde man sie nie wieder los. Sie kamen jedes Jahr wieder, wie Unkraut, zwischen den Pflastersteinen, im Gemüsebeet …

Die Kerze war zu einer Pfütze aus Wachs niedergebrannt, in deren Mitte der Docht herausfordernd flackerte. Maurice trat zum Altar und drückte ihn aus. Gekräuselter Rauch stieg in die Höhe, und der Geruch nach heißem Wachs war überwältigend. Archibald war, als sie die Kirche betreten hatten, zum Schalterkasten an der Nordtür gegangen und hatte die Kanzelbeleuchtung eingeschaltet. Der restliche Raum lag im Dunkeln, doch hier vorn glänzten der Messingaltar und die Kerzenständer im Licht der Scheinwerfer.

Vom Tonständer mit seinem schwarzen Tuch stiegen noch immer Wachsdämpfe auf. Es war kein Schal, sondern tatsächlich nur ein Stück schwarzen Stoffs mit ausgefransten Rändern, aus irgendeinem Kleidungsstück herausgerissen. Abgesehen davon waren nirgends Hinweise auf weitere Dekoration zu entdecken. Maurice verspürte einen Anflug von Erleichterung.

»Hören Sie, Herr Pfarrer!«, flüsterte Derek Archibald heiser. »Da stimmt etwas nicht! Jemand hat sich in der Kirche zu schaffen gemacht. Was meinen Sie? Kinder? Oder ist es eine krumme Sache?«

Mrs. Etheridge gab ein erschrockenes Quieken von sich und starrte furchtsam in die Schatten. »Eine schwarze Messe? O mein Gott – der Gedanke, dass ich hier drin war, ganz allein!«

»Nein, nein.« Für einen kurzen Augenblick gewann Maurice seine frühere Entschlossenheit zurück. »Das ist nichts weiter als ein alberner Streich. Aber gefährlich ist er trotzdem. Genau wie Sie sagten – es bestand tatsächlich Brandgefahr.«

Das priesterliche Eingeständnis, dass sie Recht gehabt hatte, munterte Mrs. Etheridge beträchtlich auf. »Ich hab’s doch gleich gewusst! Sie müssen die Polizei verständigen, Herr Pfarrer. Und den Bischof.«

»Wir müssen die Kirche in Zukunft ein wenig früher verschließen«, murmelte Derek Archibald. »Wir dürfen nicht zulassen, dass so etwas noch einmal geschieht!« Er stand vor dem Altar und hielt den schweren runden Kopf gesenkt, weniger aus Respekt als in ratlosem Ärger, und in ihm breitete sich ein ungutes Gefühl aus wie bei einem Vieh, das im Schlachthof eingetroffen war.

Maurices launischer Verstand verriet seinem Besitzer, dass es viel zu spät war, um noch Vegetarier zu werden. Vielleicht hatte Mrs. Etheridge ja auch damit Recht. Es war stets überaus ärgerlich, wenn sich herausstellte, dass dermaßen unsympathische Zeitgenossen Recht hatten. Er wandte sich wieder dem vorliegenden Problem zu. »Aber in den sommerlichen Abendstunden kommen häufig Menschen vorbei, um ein Gebet zu sprechen oder sich auch einfach nur umzusehen!«, gab er zu bedenken.

»Oder Unsinn anzustellen«, widersprach Archibald entschieden. Mit einem Finger, der aussah wie eine von seinen Würsten, deutete er auf den qualmenden Kerzenstumpf mit seinem eigenartigen schwarzen Kragen. »Das Messingzeugs muss auf jeden Fall weggeschlossen werden, Herr Pfarrer. Die Menschen respektieren die Kirche nicht mehr so wie früher. Wenn Sie einen Beweis brauchen – dort haben Sie ihn. Als Nächstes werden die Messingsachen geklaut – ich meine gestohlen.«

Maurices Depression vertiefte sich. Er hatte vergessen, das Altarbesteck wegzuschließen, obwohl er dem Küster versprochen hatte, sich darum zu kümmern. Trotzdem flackerte nun in ihm eine eher seltene Verärgerung auf wegen der Tatsache, dass er Tadel von einem Mann hinnehmen musste, der bei allen Heiligen lediglich ein Lieferant toten Fleisches war und bekanntermaßen jeden Sonntag gleich nach dem Abendgottesdienst in das Pub ging. Dies hier war immer noch seine, Maurices Kirche. Er trug immer noch die Verantwortung. Entschlossen trat er vor und packte den Kerzenleuchter.

»Ich werde dies hier und alles andere im Schrank in der Sakristei wegschließen, Derek, machen Sie sich deswegen keine Gedanken! Und anschließend werden wir uns gründlich umsehen, bevor wir die Kirche absperren. Sie können ganz beruhigt nach Hause gehen, Mrs. Etheridge. Ich danke Ihnen, dass Sie uns auf die Angelegenheit aufmerksam gemacht haben.«

»Allein nach Hause gehen?«, krächzte Janet entsetzt. »Nach dieser Sache? Derek, du musst mich fahren! Du bist doch mit dem Wagen da, oder?«

»Ja, ja, schon gut, Janet. Setz dich dort drüben hin.« Er deutete auf die erste Kirchenbank.

»Ganz bestimmt nicht!«, entgegnete sie. »Ich bleibe dicht bei dir!«

Sie tappten hintereinander her wie drei blinde Mäuse, während sie den gesamten Bau absuchten, Schränke öffneten, staubige Wandbehänge zur Seite schoben und unter Sitzbänke schielten.

Sie fanden nichts außer einem Füllfederhalter, den Maurice einen Monat zuvor verlegt hatte, und einer Sammlung Bonbonpapiere im Chorgestühl. Maurice war froh, seinen Füllfederhalter wiederzuhaben. Er hatte das Gerät viele Jahre benutzt und seit seinem Verlust mit einem Kugelschreiber geschrieben, was ihm gar nicht gefallen hatte. Der Federhalter war ein Geschenk von Nancy gewesen. Vielleicht würden sie sich bald wieder begegnen, er und Nancy. Er hoffte es sehr. Es wäre schön, wenn sich der Himmel als der Ort herausstellte, den die traditionellen Vorstellungen zeichneten. Vielleicht stand Nancy ja schon dort und erwartete ihn mit ausgestreckten Händen. Sie schlossen die Kirche ab und gingen.

Später am Abend, als Maurice sich von den Knien erhob und in sein Bett stieg, überlegte er, dass man die Geschichte nicht zu ernst nehmen sollte. Nichts war gestohlen oder beschädigt worden. Wahrscheinlich hatte nur irgendjemand einen fehlgeleiteten Sinn für Humor. Der Altar war schließlich nicht wirklich entweiht worden. Maurice verspürte keine Lust, am nächsten Tag zur Bamforder Polizeistation zu fahren und einen ermüdenden Bericht auszufüllen. Noch weniger wollte er den Bischof belästigen, einen energischen Mann, der ganz ohne Zweifel eine Untersuchung anstrengen würde. Außerdem war da auch noch die einheimische Presse. Sie konnte Wind von der Sache bekommen und die Geschichte zu etwas aufbauschen, was sie nicht war – und das, so wusste Maurice, brachte manche Menschen überhaupt erst auf dumme Ideen.

Er würde die Kirche in Zukunft ein wenig früher verschließen, wie Derek Archibald es vorgeschlagen hatte, und er würde sich zusammenreißen und nach jedem Gottesdienst das Altarbesteck wegschließen. Archibald hatte Recht. Die Menschen respektierten das Gotteshaus tatsächlich nicht mehr so wie früher. Maurice hatte Glück gehabt, sein Priesteramt größtenteils zu einer Zeit bekleidet zu haben, in der das Priestergewand noch als Symbol der Autorität respektiert worden war. Heutzutage war dieses Symbol längst verblasst. Und die jungen Priester, zumindest einige von ihnen, waren sehr eigenartig. Ihm war zu Ohren gekommen, dass sein Nachfolger ein Motorrad fuhr.

Maurice hatte den beiden anderen seinen Unwillen verkündet, die Angelegenheit zu melden, und sie gebeten, nichts über das Rätsel der Kerze und die Kosmos-Blüten zu erzählen. Sie waren einverstanden gewesen.

»So etwas«, hatte Derek gepoltert und eifrig im Licht der Straßenlaterne vor dem Tor des Pfarrhauses genickt, »so etwas bringt eine Gemeinde ganz schnell in Verruf. Nicht nur die Kirche, die ganze Stadt. Ich bin ein einheimischer Geschäftsmann, und ich will keine Gerüchte von heimlichen schwarzen Messen. Das beeinträchtigt das Geschäft, ganz sicher tut es das.«

Er hatte nicht erklärt, wie eine schwarze Messe seine Metzgerei beeinträchtigen könnte, doch Maurice hatte ironisch gedacht, dass es Archibalds Geschäft vielleicht sogar beflügeln würde, und sei es nur durch den Handel mit Geflügel und eine gestiegene Nachfrage nach weißen Küken. Doch Derek hatte wie gewöhnlich Recht. Beide hatten in jeder Hinsicht Recht, Mrs. Etheridge und Derek Archibald. Wie unglaublich ärgerlich das doch war.

»Dann sind wir alle einverstanden, Mrs. Etheridge?«, hatte Maurice die Frau gefragt.

»O ja! Ich werde kein Sterbenswort erzählen! Man weiß schließlich nie, was geschieht, wenn man über solche Dinge redet. Es könnte alles noch schlimmer machen!« Sie hatte die Augen verdreht, bis nur noch das Weiße zu sehen gewesen war wie bei einem verängstigten Pferd.

Die naive Frau hatte wahrscheinlich gefürchtet, dass ein schreckliches Gespenst erscheinen könnte, ein riesiger gehörnter Ziegenbock oder sonst etwas, doppelt schlimm für jemanden, der so streng vegetarisch lebte und sich um das Wohlergehen der Tiere sorgte. Doch Aberglaube hatte auch seine nützlichen Seiten, und Maurice spürte, dass er sich auf Janets Schweigen verlassen konnte.

»Allerdings …«, sagte er, als sie sich verabschiedeten, »… sollte sich dieser Vorfall wiederholen …«

Er wiederholte sich nicht. Gegen Ende des Sommers ging Maurice Appleton in den Ruhestand, und gegen Weihnachten hielt der himmlische Bus vor seiner Tür. Maurice stieg ein und machte sich auf seine letzte Reise.

Der neue Vikar, oder, um seinen korrekten Titel zu nennen, der neue Dekan – denn er kümmerte sich auch um einige umliegende Gemeinden, die in vergangenen Tagen eigene Vikariate gewesen waren – hieß James Holland. Er war aus einem gänzlich anderen Holz geschnitzt als Maurice. Er fuhr tatsächlich ein Motorrad. Und er wusste nicht das Geringste über das Rätsel der brennenden Kerze, weil Derek Archibald und Janet Etheridge getreu ihrem Versprechen nicht darüber geredet hatten.

Ob es auf lange Sicht einen Unterschied gemacht hätte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr sagen, denn zu diesem Zeitpunkt war Kimberley Oates bereits tot.

 KAPITEL 2 

»UND WAS machen wir jetzt, Pater?«

Pater Holland vermied den Augenkontakt. Trotzdem war er sich des Sprechers nur zu gewahr, als wäre er ein Hund von unberechenbarem Temperament.

Der Fragesteller hatte tatsächlich etwas Wildes an sich. Er war ein großer, kraftvoller Mann mit einem zurückweichenden Kinn und spitzer Nase. Er besaß kleine, eng zusammenstehende Augen unter einem Schopf gelbbraun melierten Haares, das gegenwärtig von einer Strickmütze gebändigt wurde. Und als spürte er das Unbehagen seines Gegenübers, verzog er das lederne, sonnengebräunte Gesicht zu einem böswilligen Grinsen.

Rechts von der flachen Grube, neben dem frisch ausgehobenen Erdhaufen, stand ein kleinerer, stämmigerer und jüngerer Mann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem ersten besaß. Pater Holland zog elend die Schultern hoch. Es nieselte, und er blickte auf das neue Grab, während er sich nicht zum ersten Mal wünschte, die beiden Lowe-Brüder würden ihn nicht so sehr an zwei Wiesel erinnern.

Der jüngere Lowe kramte hektisch in den Taschen seiner dicken Jacke. Seine Hand kam mit einem zerdrückten Päckchen Zigaretten wieder zum Vorschein, und er steckte sich eine an. Seine Finger, fleckig von Erde und Nikotin, zitterten.

Er stieß den Rauch durch die Nase und murmelte: »Wir haben sie gerade erst entdeckt, Herr Pfarrer.«

»Ich verstehe«, antwortete Pater Holland. »Nun beruhigen Sie sich wieder, Gordon.«

»Es ist ja nicht das erste Mal, Herr Pfarrer! Wir haben schon viele ausgegraben, ich und Denny. Aber noch nie so dicht an der Oberfläche wie die da.«

Denny, der auf seinen Spaten gestützt dastand und allem Anschein nach so unerschütterlich ruhig war wie sein Bruder Gordon aufgeregt, wiederholte seine Frage: »Was machen wir jetzt?«

Pater Holland blickte sich verzweifelt suchend auf dem Friedhof um, als erwartete er eine Inspiration von seiner Umgebung. Doch was sie ihm sagte, war so vertraut, so familiär, so normal. Die alten Gräber, einige eingesunken, kaum noch lesbare Grabsteine, überwachsen von Moos und Flechten, die heruntergekommenen Überreste einst prachtvoller Gräber, tropfende Bäume und nasses Gras, alles genau wie gestern und die Tage davor.

Das Gras war zu Beginn des Monats gemäht worden, und es fing nun wieder an zu wachsen. Auf einigen der lange nicht mehr besuchten Hügel hatte es einen dichten grünen Teppich gebildet, und weil es dort nicht gemäht worden war, hatte sich Kosmos festgesetzt, der nun blühte. Die Blüten bildeten ein hübsches Muster aus Farben, angefangen bei reinem Weiß über blasses Pink, dunkles Pink und Malve bis hin zu einem dunklen, vollen Magenta. Unter dem bedeckten Himmel des heutigen Tages leuchteten sie mit fast übernatürlicher Intensität. Wahrscheinlich hatte vor langer Zeit irgendjemand Kosmos auf einem Grab ausgesät, und seither gab es jedes Jahr aufs Neue diese sommerliche Explosion von Farben, die das Auge erfreute und vielleicht sogar ein wenig schockierte.

Holland zwang sich, den Blick von der friedlichen, wenngleich ein wenig unordentlichen Szenerie zu nehmen und in die Gegenwart der rauen Wunde in der Erde zu seinen Füßen zurückzukehren.

Der Schädel lag in einer Vertiefung aus Erde, und noch immer klebten Reste von rotem Haar am Kopf. Die Zähne waren klein und gleichmäßig mit einer deutlichen Lücke zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Unter dem Kiefer waren ein paar Wirbel zu sehen, der Rest war von klebriger Erde bedeckt. Rasch bildeten sich Pfützen in der aufgewühlten Erde. Der Schädel grinste Holland an, eingerahmt von Wasser, und ein großer Regenwurm kam in seinem Bemühen, der Flut zu entkommen, durch eine leere Augenhöhle gekrochen.

Gordon stellte die nahe liegende Frage. »Wer is’ das?« Er deutete mit der Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger auf den Leichnam.

Pater Holland unterdrückte den Impuls, unwirsch »Woher um alles in der Welt soll ich das wissen?« zu entgegnen. Stattdessen blickte er auf den Grabstein, obwohl er wusste, wie unwahrscheinlich es war, dass er dort eine Antwort auf das Rätsel fand.

Die Grabarbeiten hatten den Stein gelockert, und er stand nun in schrägem Winkel nach hinten geneigt. Die Lowes hatten ihn mit zwei Holzstäben abgestützt, bevor sie mit ihrer Arbeit angefangen hatten. Der Pfarrer streckte die Hand aus und kratzte am Moos und den Flechten über der Inschrift. Er murmelte die Worte leise in der Reihenfolge ihres Erscheinens vor sich hin.

»Walter … Gresham … und … seine … Frau … Marie.«

Walter war 1947 gestorben, und Marie 1962. Die Ruhestätte war offiziell seit jenem Tag im Jahre 1962 bis zu diesem nassen Sommermorgen, an dem die Brüder Lowe gekommen waren, um das Grab zu öffnen, ungestört gewesen.

Heiser sagte Denzil: »Nun ja, von den beiden Greshams isses bestimmt keiner! Das Grab is’ viel zu flach, wie Gordon schon sagt. Nur einen Fuß unter der Oberfläche. Die Knochen sin’ hübsch weiß und sauber. Ich frage mich, ob sich nich’ einer von ihnen nach oben gearbeitet hat. Wär’ nich’ das erste Mal, dass jemand die Zehen rausstreckt un’ …«

»Ja, schon gut, Denny!«, unterbrach ihn Pater Holland scharf.

Unbeirrt stieß Denzil die Spatenspitze in das weiche Erdreich. »Außerdem gibt’s kein verrottetes Holz, keine Messinggriffe, nichts. Da war kein Sarg, Pater.«

Pater Holland rieb sich mit der Hand über das bärtige Gesicht.

Denny, der Experte, bückte sich und untersuchte die aufgewühlte Erde. »Das dort könnte ’n Stück Kleidung sein. Ja, das isses. Das muss es sein. Irgend so’n synthetisches Zeugs, was nich’ verrottet.«

»Synthetisch?« Pater Holland starrte ihn an, dann sah er auf das schmutzige Gewebe. »Ja, ich glaube, Sie haben tatsächlich Recht, Denny! Damit wäre alles klar. Hören Sie sofort mit den Arbeiten auf und decken Sie das Grab ab!«

»Meinetwegen«, sagte Denzil phlegmatisch. »Ich hab noch ’n paar Planen im Schuppen.«

»Und keiner von Ihnen beiden wird ein Wort über das hier verlieren, sonst ist der Friedhof bald voller Schaulustiger. Sie werden den Mund halten, bis die Polizei hier ist.« Er zögerte. »Ich werde sie jetzt gleich anrufen.«

Er eilte zum Tor, und als er einen letzten Blick nach hinten warf, sah er, wie die beiden Lowe-Brüder mit geschickten Griffen eine wasserdichte Plane über das Grab warfen. Gott sei Dank war keiner von beiden sonderlich gesprächig, auch wenn es vielleicht nur daran lag, dass kaum jemand sich gerne mit ihnen unterhielt. Ihr Beruf – und möglicherweise auch ihr unansehnliches Erscheinungsbild – rief bei den Menschen eine abergläubische Scheu gemischt mit Widerwillen hervor. Die Lowes lebten ein isoliertes Leben in einem kleinen Haus, dem es an allem außer den grundlegendsten Annehmlichkeiten fehlte, doch ihre spartanische Existenz ohne Freunde schien ihnen nichts auszumachen. Der Pfarrer überlegte kurz, was sie zu ihrer melancholischen, nichtsdestotrotz notwendigen Arbeit gebracht haben mochte. Dann verdrängte er alle Gedanken an unbeantwortete Fragen und begann im Geiste damit, sich sein Telefonat mit der Polizei zurechtzulegen.

Meredith Mitchell lenkte ihr Fahrrad in den Weg, der zum Vikariat und der Kirche führte. Unklugerweise versuchte sie zur gleichen Zeit, sich die Gischt aus dem Gesicht zu wischen, die ein vorüberkommendes Fahrzeug versprühte. Sie schwankte unsicher.

Es war schon eine Zeit lang her, dass sie auf einem Fahrrad gesessen hatte. Genau genommen seit ihrer Kindheit nicht mehr. Dieses Fahrrad hier hatte sie von ihrer Freundin Ursula ausgeliehen, die in Oxford lebte, der Stadt der Fahrräder. Und Ursula hatte es ihr für den geplanten Urlaub auf dem Flussboot geliehen.

»Ihr müsst die Fahrräder nur auf dem Kabinendach festzurren«, hatte Ursula zuversichtlich gesagt. »Und wenn ihr für den Abend irgendwo festmacht, nehmt ihr sie herunter und fahrt damit zum nächsten Pub.«

Alles hatte so einfach und angenehm geklungen, genau wie der Urlaub auf dem Kanal selbst. Alan Markby und sie hatten vor einigen Wochen darüber gesprochen, gemeinsam Urlaub zu machen, als sie im Garten des Trout Inn in Wolvercote zusammensaßen. Auf dem Rückweg zum Parkplatz waren sie stehen geblieben und hatten die Flussboote bewundert, die am Ufer vertäut lagen. Und ohne über irgendwelche Einzelheiten zu reden, hatte es urplötzlich nach einer wunderbaren Idee ausgesehen.

Meredith hatte noch nie zuvor ein Flussboot gesteuert. Alan hingegen war vor zwanzig Jahren mehrmals genau dieses Stück Kanal hinauf- und hinuntergefahren, mit verschiedenen hübschen und athletisch gebauten jungen Frauen, die auf dem Kabinendach sonnengebadet hatten, bereit, ans Ufer zu springen und die Schleusen zu bedienen.

Er hatte groß und breit in Erinnerungen geschwelgt, angefeuert von einem guten Essen und ein paar Pints.

»Ich will gar nicht so viele Einzelheiten über deine fehlgeleitete Jugend wissen«, hatte Meredith gesagt. »Die Frage lautet: Weißt du noch, wie man so ein Boot steuert?«

Selbstverständlich wusste er es. Es war nicht schwer. Auf dem Kanal gab es eine strenge Geschwindigkeitsbegrenzung. Mehr noch, der Mann, von dem sie ihr Boot mieten wollten, hatte versprochen, ihnen jeden Trick zu zeigen. Es würde, so hatte er versprochen, nicht das kleinste Problem geben.

Das Boot selbst lag gegenwärtig in Thrupp. Sie hatten es besichtigt. Es sah sehr hübsch aus, rot und grün gestrichen, mit gehäkelten Vorhängen hinter den kleinen Bullaugen oder Fenstern oder wie auch immer man so etwas auf einem Kanalboot nannte. Es besaß sogar einen kleinen Garten auf dem Dach in Form zweier Holzkisten mit Geranien darin.

Dann hatte Ursula vorgeschlagen, dass sie die Fahrräder mitnahmen. Inzwischen galt die ganze Sache als abgemacht, und das, obwohl immer noch keiner von beiden eine bewusste Entscheidung getroffen hatte.

Es war zu diesem Zeitpunkt gewesen, dass Meredith zu vermuten begann, alles würde sich als verhängnisvoller Fehler erweisen. Sie erinnerte sich an die unzähligen Pannen in Drei Männer in einem Boot. Schlimmer noch, das Wetter war zunehmend schlechter geworden, und es schien wieder einer dieser vollkommen verregneten Sommer zu werden. Frischlufturlaube gleich welcher Art setzten Sonnenschein voraus.

Beim Tor der Pfarrei angekommen, stellte Meredith erleichtert den Fuß auf den Boden. Nach so langer Zeit führte die ungewohnte Anstrengung zu steifen Beinen, wie sie feststellte, um nicht zu sagen einem tauben Hintern. Mehr noch, an Tagen wie diesem, an denen es ununterbrochen nieselte, wurde man ziemlich nass. Falls der Regen bis zur kommenden Woche nicht aufgehört hatte, wenn sie erst auf dem Kanal waren, würde es nur noch heißen: »Wasser, Wasser überall …«

Ihr Jahresurlaub vom Schreibtisch des Büros im Foreign Office hatte heute begonnen. Vor ein paar Monaten erst war sie auf einen Posten in der Administration versetzt worden. Ihre Erfahrung im Konsulardienst hätte sie eigentlich irgendwie darauf vorbereiten müssen, obwohl sie nicht sehen konnte, wie. In letzter Zeit hatte sie angefangen zu vermuten, dass sie irgendwann im Verlauf ihrer Karriere Mist gebaut haben musste. Sie fragte sich nur, wo. Sie hatte ihre Pflichten als Konsulin mit unbeirrbarer Entschlossenheit erfüllt. Sie hatte keinen der offensichtlichen Fehler begangen. Sie war nie bei einem offiziellen Empfang betrunken umgefallen und hatte sich auf keiner Botschaftstoilette übergeben. Sie hatte nie mit den falschen Personen geschlafen. Sie hatte nie unvorsichtig mit der Presse gesprochen. Hätte sie Veranlagung dafür gezeigt, hätte sie sich den Kopf über ihre Versetzung zerbrochen. Aber nicht in den nächsten drei Wochen. Das Vergnügen, von den Problemen anderer Menschen wegzukommen, wurde von der Aussicht auf den bevorstehenden Urlaub noch versüßt.

Ein Schritt ins Ungewisse, dachte sie mit schiefem Grinsen, als sie das Rad durch das Tor und die Auffahrt zur Haustür hinaufschob. Es war dieses Gefühl und die Hoffnung, noch ein wenig mehr zu erfahren, bevor sie sich auf ein Boot wagte, die sie an diesem Morgen hierher zum Vikariat geführt hatten.

Pater Holland war in unerwartete Begeisterung für das Projekt ausgebrochen, als er von ihren Urlaubsplänen erfahren hatte. Wie sich herausstellte, hatte er als Knabe bis zu den Oberschenkeln im Schlamm des Kanals gesteckt, zwischen Schilf und alten Kinderwagen, und dort gespielt. Er besaß eine kleine Bibliothek über die inländischen Wasserstraßen. Einen Sommer lang war er über die Kanäle und Flüsse des nördlichen Frankreich und Belgiens gefahren. Er hatte Karten vor ihnen ausgebreitet und staubige Fotoalben hervorgezogen. Er sagte, er wünschte, er könnte mit ihnen kommen, eine nicht ganz uninteressante Bemerkung. Je eifriger er sich für ihren Plan begeistert hatte, desto größer waren in Meredith die Zweifel geworden.

Doch sie konnte nicht mit Alan darüber reden. Es war zu spät: Alan hatte sich von Pater Holland mitreißen lassen, der ihre geplante Route auf den Karten nachverfolgte und offensichtlich völlig darin aufging. Es wäre nicht fair gewesen, die Sache abzublasen, wenn er sich bereits so sehr auf die Fahrt freute. Außerdem hatte er sich seinen Urlaub wirklich verdient. Am Ende hatte sie ihre bösen Ahnungen verdrängt.

Unvermittelt wurde sie vom Geräusch eiliger Schritte und angestrengten Atmens aus ihren Gedanken gerissen, das sich hinter ihr näherte. Sie blieb stehen und drehte sich um. Zu ihrer Verblüffung sah sie den Pfarrer selbst, der über den Plattenweg herbeihastete, in Richtung seiner Haustür.

Er trug einen unansehnlichen grünen Anorak und hatte die Kapuze gegen den anhaltenden Regen über den dichten schwarzen Schopf gezogen. Seine mächtigen Fäuste hielten den Saum der Soutane wie ein viktorianisches Fräulein, um sie vor den Pfützen zu schützen, und enthüllten auf diese Weise den Blick auf die schweren Stiefel, sein bevorzugtes Schuhwerk. Bei seinem Anblick fühlte sich Meredith unwillkürlich an eine Amateurproduktion von Charleys Tante erinnert. Sie bemerkte, dass Hollands Stiefel mit frischer Erde verklebt waren. Er schien vom Friedhof zu kommen. Das Garagentor stand offen, und sie konnte sein Motorrad sehen, auf dem er Besuche in den umliegenden Gemeinden machte.

»Oh, Meredith!« Er kam heran und ächzte, während er die Kapuze seines Anoraks nach hinten warf und sie anstarrte. Er war noch zerzauster als gewöhnlich, und er wirkte ungewöhnlich aufgelöst.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte sie. Seine Unruhe war nicht zu übersehen.

»Ja … Ich muss sofort die Polizei anrufen!« Er eilte an ihr vorüber und rief über die Schulter: »Es dauert nicht lange. Stellen Sie das Fahrrad auf der Veranda ab und gehen Sie rein. Machen Sie sich Kaffee …«

Er verschwand im Innern, und seine Stimme verklang. Gehorsam seinen Anweisungen folgend, kettete sie das Fahrrad an einer Holzstütze der Veranda an, nur für den Fall, und betrat das Haus. Während sie durch den Flur nach hinten und zur Küche des Pfarrhauses ging, konnte sie hören, wie Holland in das Telefon brüllte. Die einseitige Konversation schien größtenteils aus Antworten zu bestehen. Sie hatte den Anfang des Gesprächs nicht mitbekommen, daher konnte sie sich keinen Reim auf die Fragen machen, die zweifelsohne am anderen Ende der Leitung gestellt wurden.

»Ganz bestimmt nicht! Sie haben es wieder zugedeckt! Mit einer Plane. Nein, niemand sonst weiß davon … Wer da ist? Die beiden Totengräber, die Lowes … Das wissen sie sicherlich selbst! Ja, ja … Gut.«

Die Küche war in vorhersehbarer Unordnung. Der Pfarrer besaß zwar eine Haushälterin, die jeden Tag kam, doch sie war keine fleißige Frau, und heute war sie aus irgendeinem Grund überhaupt nicht erschienen. Sie kochte ihm normalerweise ein Mittagessen, bevor sie gegen zwei Uhr nachmittags wieder ging, doch heute schien es, als wäre der Pfarrer dazu verdammt, ohne Mahlzeit auszukommen, es sei denn, er bekochte sich selbst. Mitten auf dem Tisch stand eine einsame Dose Baxters Royal Wildsuppe.

Meredith entschied, dass Tee passender war als Kaffee. In England war es Brauch, bei Notfällen aller Art Tee zu trinken. Sie schaltete den Wasserkocher ein und nahm die angeknackste Teekanne herunter. Sie hatte schon einmal Tee in dieser Küche gemacht. Sie wusste, dass der Deckel der Teekanne nicht passte und herunterfiel, wenn man beim Ausschenken nicht aufpasste. Sie wusste, dass die Milch im Kühlschrank in einer Flasche stand, nicht in einem Krug, und dass Pater Holland eine Schwäche für verdauungsfördernde Schokoladenbiskuits besaß. Er bewahrte sie in einer Blechdose auf, verziert mit einem Bild von zwei Kindern, die ein Kaltblut fütterten. Meredith kannte all die Zeichen, die verrieten, dass der Pfarrer allein lebte. Genau wie sie selbst, und wie Alan und wahrscheinlich tausende anderer auch.

Ein lautes Klappern kündete davon, dass Holland den Hörer schwer auf die Gabel zurückgelegt hatte. Der Pfarrer tauchte im Eingang zur Küche auf, als sie den Deckel auf die Kanne drückte und sich am heißen Metall die Finger verbrannte.

Sie blickte ihn an. Seine Stirn war nass, doch Meredith war sicher, dass es Schweißperlen waren und keine Regentropfen.

»Ich muss mich entschuldigen wegen vorhin«, sagte er, setzte sich an den Tisch und legte beide Hände auf die Platte. Unter seinen Fingernägeln klebte Schmutz; keine Erde, sondern etwas Grünliches, Körniges.

»Was ist passiert?«, fragte sie, während sie ihnen Tee einschenkte und die Biskuitdose öffnete.

Pater Holland streckte automatisch die Hand nach einem tröstenden Biskuit aus, doch dann hielt er inne, musterte seine verdreckten Fingernägel und stand auf, um die Hände unter dem Wasserhahn zu waschen. »Flechten«, sagte er über die Schulter hinweg. »Ich habe die Inschrift auf einem Grabstein freigekratzt.« Er kehrte zu seinem Stuhl zurück. »Denny und Gordon – das sind die beiden Totengräber – haben einen Leichnam ausgegraben.«

Erschrocken starrte Meredith ihn an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Gedanke an Leichenfledderer drängte sich in ihr Bewusstsein, mit all seinen widerlichen Bedeutungen. »Eine Exhumierung?«, stammelte sie. »Macht man so etwas nicht im ersten Licht des Tages? Oder wollen Sie sagen, dass es ein Versehen war?«

»Ein Versehen? Hm, vermutlich könnte man es so nennen.« Er blickte auf seine Armbanduhr. »Die Polizei schickt jemanden vorbei. Er wird sich hier melden, und ich bringe ihn zum Friedhof hinunter. Gott sei Dank regnet es. Das Letzte, was wir jetzt gebrauchen könnten, wäre jemand, der ein Grab besuchen und Blumen bringen will – wenn er es sehen würde, wüsste es bald ganz Bamford! Diese Geschichte wird sich sowieso schnell genug verbreiten. Ich verstehe einfach nicht, wie der Leichnam dorthin kommen konnte!«

Meredith dachte einen Augenblick über die erhaltenen Informationen nach. »James, wollen Sie vielleicht andeuten, dass es sich um eine Art nicht genehmigtes Begräbnis handelt?«

»Es muss so sein.« Er kaute düster auf seinem Biskuit, und Krümel verfingen sich in seinem Bart.

»Aber wie? Ich meine, man kann doch nicht einfach auf einen Friedhof gehen und seine Oma begraben, wo es einem gefällt? Sind Sie ganz sicher?«

»So sicher, wie ich nur sein kann. Sie werden doch Stillschweigen bewahren?« Er sah ihr Nicken und fügte hinzu: »Obwohl es über kurz oder lang jeder erfahren wird, wie gesagt. Ich verstehe nur einfach nicht, wie es geschehen konnte! Ich meine, wie Sie gesagt haben: Niemand kann einfach auf den Friedhof gehen und … und jemanden begraben!«

»Bestimmt ist es ein Fehler in den Aufzeichnungen, James. Regen Sie sich deswegen nicht unnötig auf«, sagte Meredith eindringlich.

Doch er schien nur noch nervöser zu werden und spielte geistesabwesend mit den Gegenständen auf dem Tisch. Er packte die Dose mit der Wildsuppe, starrte auf das Bild, auf dem ein Hirsch zu sehen war, und schob sie wieder von sich.

»Wo steckt eigentlich Mrs. Harmer?«, fragte Meredith.

»Auf Krankenbesuch bei ihrer Schwester. Was sich im Grunde genommen gut trifft; ich bin froh, dass sie heute nicht hier ist. Sie würde sich nur unnötig aufregen, nach dem, was sich ereignet hat.«

Die altmodische Türglocke über der Küchentür ging, ein Relikt aus jenen Tagen, als die Pfarrei noch einen kleinen Stab von Dienstboten beschäftigt hatte. Beide schraken zusammen. Die Vordertür des Pfarrers war während des Tages nur selten verschlossen, und Besucher steckten im Allgemeinen die Köpfe herein und riefen Hallo. Die formelle Türglocke kündete einen Fremden an.

»Das wird die Polizei sein. Ich gehe besser und zeige den Beamten die Stelle.« Pater Holland stand auf und ging nach draußen. Einen Augenblick später hörte Meredith seine Stimme im Flur. Sie klang überrascht.

»Margaret? Ich dachte, es wäre die … äh, ich habe jemand anderen erwartet. Kommen Sie in die Küche. Wir trinken gerade Tee.«

»Ich habe Oscar im Wagen. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich ihn mit hereinbringe? Wenn er sich langweilt, bellt er Passanten an.«

»Ja, natürlich. Bringen Sie ihn herein.«

Meredith hörte das Schlagen einer Wagentür und eine befehlende Frauenstimme. »Sitz, Oscar! Halt endlich still, hörst du?«

Ein tiefes, volles Bellen antwortete. Meredith stellte sich einigermaßen nervös ein großes, wildes Tier von der finsteren Sorte vor, wie es im Hund von Baskerville beschrieben wird. Sie war misstrauisch gegenüber fremden Hunden.

Die Küchentür wurde geöffnet, und Pater Holland sowie eine Frau stürzten herein wie von einer unsichtbaren Macht gestoßen. Pfotenscharren auf dem Steinfußboden, zusammen mit einem heftigen Schnaufen irgendwo unten, verriet, dass diese Macht Oscar war.

Als Meredith die Besucherin erkannte, entspannte sie sich. Ihr Verstand war noch ganz durcheinander von den Neuigkeiten, und sie hätte sich nicht gerne mit einer Fremden unterhalten. Doch sie war Margaret Holden bereits flüchtig bei verschiedenen halb inoffiziellen Veranstaltungen begegnet. Als Mutter des jungen parteilosen Abgeordneten war Margaret im Wahlkreis wohl bekannt.

Sie war Ende fünfzig und wahrscheinlich niemals eine Schönheit gewesen – dazu waren ihre Nase zu lang und ihr Mund zu breit –, doch mit einer hohen, glatten Stirn über stark ausgeprägten Augenbrauen und dem aschblonden Haar, das glatt nach hinten gekämmt war, besaß sie eine starke Ausstrahlung. Merediths Blick fiel auf eine grässliche Brosche auf dem Mantel der Besucherin, eine Raubvogelkralle in einer silbernen Fassung.

»Sie kennen sicherlich Meredith Mitchell, oder?«, fragte Pater Holland.

Mrs. Holdens Stimme klang überraschend tief und warm zugleich. »Selbstverständlich. Warten Sie bitte einen Augenblick, ich möchte nur gerade Oscar von der Leine lassen.«

Sie bückte sich, dann richtete sie sich wieder auf und faltete die Leine ordentlich zusammen, bevor sie Meredith ein wenig steif die Hand hinhielt. »Wie schön, Sie wieder einmal zu sehen, Meredith. Und wie praktisch – ich wollte Sie sowieso heute anrufen.«

Meredith stand auf, um die angebotene Hand zu nehmen, doch bevor es dazu kam, kollidierte ein massives Etwas mit ihren Knöcheln und beförderte sie vorwärts taumelnd über den Tisch.

»Oscar!«, tadelte seine Besitzerin.

Meredith sah nach unten. Der Besitzer der dunklen Bellstimme hatte einen langen, kräftigen Leib und sehr kurze Beine, eine tonnenförmige Brust, lange, an den Rändern kahl werdende Ohren sowie – über einer langen spitzen Schnauze – stechend braune Augen, die Meredith erbost von unten her anblickten. Oscar war ein ausgewachsener schwarz-braun gescheckter Dachshund. Ein Dackel.

»Hallo«, begrüßte ihn Meredith und bückte sich.

Oscar wich hastig zurück und bellte sie mit seiner tiefen Stimme an. Dabei hüpfte er auf seinen Stummelbeinen auf und ab und schoss abwechselnd auf Meredith zu und ging wieder auf Abstand.

»Ignorieren Sie ihn einfach«, riet Oscars Besitzerin.

Meredith setzte sich wieder. Oscar schob sich misstrauisch heran, schnüffelte an ihren Schuhen, kam allem Anschein nach zu dem Schluss, dass sie harmlos war, und verlor das Interesse. Er wandte sich ab und rannte durch die Tür in den Flur hinaus, die Nase tief am Boden, den wedelnden Schwanz hoch aufgereckt wie eine Peitschenantenne auf einem Auto.

»Oscar ist ein Spürhund«, erklärte Mrs. Holden. »Sein Instinkt lässt ihn jeder Spur folgen. Er tut niemandem etwas, aber wenn er irgendwo neu ist, will er herumrennen und alles untersuchen. Manche Leute mögen das nicht, deswegen frage ich immer zuerst, bevor ich ihn mit in ein fremdes Haus nehme.«

»Sie wissen doch, dass Oscar und ich alte Freunde sind«, sagte Pater Holland von der Spüle her. Er füllte eine Schale mit Wasser und stellte sie auf den Boden. »Damit er etwas trinken kann, wenn er von seiner Erkundungstour zurück ist.«

Vor der Vordertür erklangen knirschende Schritte und verstummten. »Jemand zu Hause?«, rief eine männliche Stimme. Die Glocke ging erneut.

Dies war Wasser auf die Mühlen von Oscars Lieblingsbeschäftigung. Er antwortete mit einem Japsen und raste zur Tür, um sich wie ein Irrer aus vollem Hals bellend dagegenzuwerfen.

»Da sind sie«, murmelte Pater Holland. »Meredith, darf ich Sie bitten, mich zu vertreten? Es wird nicht lange dauern, Margaret. Hoffe ich.«

Er ging nach draußen. Einen Augenblick später hörten sie ihn rufen: »Still, Oscar!«

»Vielleicht sollte ich ihn lieber holen«, sagte Margaret und drehte sich um. Noch während sie sprach, wurde Oscar von einer energischen klerikalen Hand am Halsband in die Küche geschoben und die Tür vor seiner Nase geschlossen. Er nahm die rücksichtslose Behandlung übel auf und war deutlich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, angestrengt dem Treiben im Flur zu lauschen, aus dem er verbannt worden war, und dem dazu in Konflikt stehenden Bedürfnis, ein höllisches Kläffen anzustimmen.

Draußen murmelten Männerstimmen, dann herrschte Stille. Oscar legte den Kopf zur Seite. »Wuff?«, fragte er probehalber.

Doch die Beute war verschwunden.

Margaret Holden ließ ihn wieder in den Flur. Er schoss hinaus wie eine Rakete und gab eine Reihe herausfordernder Beller von sich, und sei es nur deshalb, weil er das letzte Wort haben musste. Dann tappte er davon, um zu sehen, ob sich nicht irgendwo im Haus ein weiteres Erfolg versprechendes Wild aufscheuchen ließ. Margaret blickte Meredith fragend an. Mrs. Holdens Augenbrauen waren blassblond, wie ihr Haar, und ließen die tief liegenden blaugrauen Augen merkwürdig nackt erscheinen. Meredith überlegte, warum sie keine Wimperntusche benutzte oder sich die Wimpern färben ließ, wie es heutzutage modern war.

»Ist etwas passiert? James wirkte recht beunruhigt. Es hat doch wohl keinen Unfall gegeben, hoffe ich?« Während sie redete, stellte sie ihre Lederhandtasche auf den Tisch neben Oscars Hundeleine. Irgendetwas an ihrer sorgfältigen Aussprache verriet Meredith, dass Englisch nicht Margaret Holdens Muttersprache war.

»Ich bin nicht sicher«, antwortete Meredith. »Ich bin auch eben erst gekommen, und Pater Holland hat fast die ganze Zeit über telefoniert. Warten Sie, ich hole Ihnen eine Tasse.«

Margaret zog ihre Handschuhe aus, glättete jeden einzeln und legte sie fein säuberlich über ihrer Handtasche übereinander. Sie schien nachzudenken. »Ich frage mich, ob er länger wegbleiben wird. Sie wissen nicht rein zufällig, ob das Gresham-Begräbnis nur im engsten Familienkreis stattfindet?«

»Gresham?« Meredith kam mit einer frischen Tasse zurück. »Tut mir Leid, aber ich fürchte, darüber weiß ich nichts.«

Oscar erschien in der Küche, tappte zur Wasserschüssel, die der Pfarrer für ihn hingestellt hatte, verspritzte überall auf dem Boden Wasser und verschwand wieder. Dann war Trappeln auf der Treppe zu hören.

»Verflixt, jetzt ist er nach oben gerannt«, murmelte seine Besitzerin. »Nun ja, wahrscheinlich kommt er alleine wieder runter. Natürlich, Sie können Mrs. Gresham nicht kennen. Dazu leben Sie noch nicht lange genug hier. Sie starb vor kurzem. Ihre Familie ist alteingesessen und betätigt sich in der lokalen Politik. Als ich hierher gezogen bin, war Mrs. Gresham selbst Gemeinderätin und Mitglied des Bezirksrats. Sie hat Lars’ Karriere aufmerksam verfolgt. Ich besuchte sie kurz vor ihrem Tod, und bei dieser Gelegenheit gab sie mir dies hier.« Margaret berührte die hässliche Brosche mit der Raubvogelklaue. »Sie war eine sehr aufgeschlossene Frau.«

Das erklärte, warum Mrs. Holden ein Schmuckstück im edwardianischen Stil trug, das so überhaupt nicht mehr in die heutige, naturbewusste Zeit passte.

»Ich habe mich sehr gefreut, dass sie an mich gedacht hat, und ich würde gerne an ihrem Begräbnis teilnehmen, falls es nicht rein familiär ist, wissen Sie?«, fuhr Margaret fort.

Trotz des Informationsflusses schien sie mit den Gedanken woanders. Ein schwaches Stirnrunzeln stand auf ihrem Gesicht, und die Worte kamen rasch und abgehackt. Dann verschwand das Stirnrunzeln wieder.

Etwas lebhafter fuhr sie fort: »Ich wollte Sie anrufen, wissen Sie, und Sie und Alan für nächsten Samstag zum Essen einladen. Es ist vielleicht ein wenig kurzfristig. Ich bitte dafür um Entschuldigung. Aber mein Sohn wird da sein, und wann immer ich Lars mit einbeziehen möchte, muss ich seinen engen Terminkalender berücksichtigen. Jedes Mal tauchen im letzten Augenblick Probleme auf, die ihn in London festhalten.« Ein Schatten überflog ihr Gesicht. Für einen kurzen Augenblick sah sie älter aus. Doch wie schon zuvor hatte sie sich auch diesmal rasch wieder im Griff und fuhr auf ihre forsche Art fort: »Allerdings hat er versprochen, dass er am Wochenende kommt. Ich wollte James Holland ebenfalls einladen. Ich glaube, Sie haben meinen Sohn noch nicht kennen gelernt?«

Es war Frage und Feststellung zugleich. Hätte Meredith Lars Holden gekannt, würde seine Mutter davon gewusst haben. Hätten sie sich kennen gelernt, ohne dass sie etwas davon wusste, dann würde Margaret den Grund dafür erfahren wollen, dachte Meredith.

Einigermaßen erleichtert antwortete sie: »Kennen gelernt nicht, nein. Ich habe ihn einmal bei einem Fest gesehen, aber nur aus der Entfernung.«

»Dann müssen Sie unbedingt am Samstag kommen. Lars interessiert sich sehr für auswärtige Angelegenheiten.«

Meredith kam der Gedanke, dass es eine riskante Angelegenheit war, seinen Kindern ausländische Namen zu geben. Auf der einen Seite vergaß man den Namen sicherlich nicht so leicht. Auf der anderen war es eine lästige Bürde für Lars, wenn er jedes Mal aufs Neue seinen Vornamen erklären musste.

»Ich komme sehr gerne. Ich kann zwar nicht für Alan sprechen, doch soweit ich weiß, hat er Zeit. Nächste Woche sind wir weg – wir machen gemeinsam Urlaub. Wir wollen auf einem Boot über den Kanal schippern.« Unwillkürlich schlich sich ein beunruhigter Unterton in Merediths Stimme.

Ein ungebetenes Bild kam ihr in den Kopf. Ein Bild, über das sie in letzter Zeit häufiger nachgedacht hatte. Darin kauerten sie und Alan in einer winzigen, voll gestopften Kabine und tranken Fertigsuppe aus Bechern, während der Regen unablässig auf das Holzdach prasselte und das Kanalwasser draußen eine einzige grau-grüne Suppe war.

Über ihren Köpfen trappelten Oscars Füße im ersten Stock des Pfarrhauses über nackte Dielenbretter und verstärkten Merediths Stimmung. Sie riss sich zusammen und verdrängte den Gedanken.

»Wirklich? Das klingt hübsch«, murmelte Mrs. Holden höflich. Sie hatte ein kleines Notizbuch hervorgezogen und hakte etwas darin ab – wahrscheinlich Merediths Namen. »Ich werde Alan anrufen.« Sie steckte das Notizbuch wieder ein und lächelte. »Ich bin Lars’ Hostess und seine Sekretärin für den Wahlkreis, wissen Sie?«

»Ist Lars ein alter Name in Ihrer Familie?« Meredith konnte ihre Neugier nicht länger beherrschen.

»Ja. Es ist der Name meines Vaters. Ich komme aus Schweden, wissen Sie?« Sie sah auf ihre hübsche kleine goldene Armbanduhr. Merediths Blick fiel erneut auf die hässliche Brosche. »Ich glaube nicht, dass ich noch länger auf James warten kann. Es könnte noch eine ganze Weile dauern, und ich habe viel zu tun. Sagen wir, zwischen sieben und halb acht am Samstagabend?«

Sie erhob sich von ihrem Stuhl, nahm Handtasche, Handschuhe und Hundeleine und ging zur Tür, wo sie noch einmal stehen blieb. Unvermittelt wandte sie sich um und fragte: »Und Sie wissen wirklich nicht, was passiert ist?«

»Sie meinen, warum der Pfarrer gegangen ist? Nein. Ich weiß es nicht.«

Meredith war sich ihrer Notlüge schmerzlich bewusst. Doch James Holland hatte sie gebeten, Stillschweigen über die Entdeckung zu bewahren, und – wie er bereits gesagt hatte – bald genug würde sowieso jedermann Bescheid wissen. Auch wenn die Mutter des Abgeordneten Holden sich wohl kaum als jedermann betrachtete.

»Ich verstehe.«

Meredith hatte das Gefühl, als glaubte Margaret Holden ihr nicht. Einen Augenblick lang lag eine weitere Frage auf ihren Lippen, doch dann sagte sie nur: »Danke sehr für den Tee. Bis Samstag dann.«

Sie ging hinaus in den Flur, und Oscar kam lautstark die Treppe herunter. »Steh still!«, befahl sein Frauchen. Meredith erhaschte einen letzten Blick auf Margaret, als sie sich bückte und das Tier an die Leine nahm. Die Vordertür ging. Ein Motor wurde angelassen, und ein Wagen fuhr davon.

Allein in der Küche trank Meredith ihren erkaltenden Tee und überlegte, wie der Pfarrer auf dem Friedhof wohl zurechtkam. Der kommende Samstag fiel ihr ein. »Ich bin Lars’ Hostess.« Eine sehr energische Mutter, diese Margaret Holden. War die politische Karriere ihres Sohnes seine oder ihre Idee gewesen?

Ein Satz von Gilbert und Sullivan kam ihr in den Sinn.

»Ich habe stets gewählt, wenn meine Partei rief, und dabei niemals an mich selbst gedacht.«

Sie wusch das Teegeschirr ab, goss das restliche Wasser aus, das Oscar in der Schüssel gelassen hatte, und wischte die Pfütze auf. Es sah nicht danach aus, als würde der Pfarrer in nächster Zeit zurückkehren. Sie würde später noch einmal vorbeikommen, um ihn nach dem Buch zu fragen.

Meredith ging nach draußen und schloss ihr Fahrrad auf. Sie schob es zum Tor hinunter und hielt, den Fuß bereits auf das Pedal gestellt, noch einmal inne. Ein Polizeifahrzeug auf dem Weg zum Friedhof kam vorbei. Wie von einem Magneten angezogen, radelte sie langsam hinterher.

Der Regen hatte mehr oder weniger aufgehört. Auf dem kleinen Parkplatz standen dicht an dicht gedrängt Polizeifahrzeuge. Meredith saß im Sattel an die Friedhofsmauer gelehnt. Sie fühlte sich noch immer unsicher auf dem Rad. Die grauen, roh behauenen Steine der Mauer waren nach außen gewölbt, und die Jahrhunderte hatten zu einem Höhenunterschied von vier oder fünf Fuß zwischen dem Friedhof selbst und dem niedriger liegenden Weg vor der Mauer geführt.

Auf der anderen Seite der Mauer, direkt vor ihr, ruhten die Toten. Vielleicht würde die alte Mauer eines Tages vom schieren Druck der Erde auseinander bersten, und der Morast des Verfalls würde sich auf den Weg ergießen.

Meredith verbesserte sich – das war ein Szenario, wie es nur in Horrorfilmen vorkam. Selbst wenn die Mauer nachgab, gab es auf der anderen Seite wenig mehr als Erdreich. Die Gräber dort gehörten mit zu den ältesten auf dem Friedhof. Was auch immer sie einst enthalten hatten – es war längst verrottet und zerfallen. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Oder in diesem Fall: Matsch zu Matsch. Zwischen den roh behauenen Blöcken, aus denen die gesamte Mauer errichtet war, wuchs eine Kletterpflanze mit blassgrünen, fleischigen Blättern an langen verschlungenen Stängeln. Sie sah aus wie ein grüner Tausendfüßler, der sich über den zerbröckelnden Mörtel bewegte. Hier und dort war sie mit winzigen sternförmigen Blüten gesprenkelt.

Sie kannte den Namen der Pflanze. Steinkraut. Alan hatte ihr einmal erzählt, dass es giftig war – wie so viele andere einheimische Pflanzen auch. Dass es hier wuchs und gedieh, war irgendwie unheimlich, als ob es direkt in dem wurzelte, was auf der anderen Seite lag. Ein nach außen hin sichtbares Zeichen der inneren und unsichtbaren Fäulnis.

Wasser tropfte von einem Baum, dessen Äste über die Mauer ragten, und traf Meredith auf dem Kopf. Sie ließ sich ein wenig zurückrollen. Die Polizeibeamten waren ausnahmslos beschäftigt, und bisher hatte niemand von ihr Notiz genommen. Zwischen den Bäumen erhaschte sie einen Blick auf Pater Holland. Er redete mit einem Arbeiter, der eine Wollmütze trug. Wahrscheinlich einer der beiden Totengräber, die die grässliche Entdeckung gemacht hatten. Polizisten in wasserdichten Jacken luden Pfähle und Planen aus einem Lieferwagen. Sie wollten offensichtlich Sichtblenden aufstellen, und möglicherweise auch ein Dach zum Schutz vor dem Regen.

Meredith fühlte sich als Eindringling und wusste, dass sie eigentlich nicht dastehen und gaffen sollte. »Du weißt, was du bist, nicht wahr?«, schalt sie sich. »Nichts weiter als ein sensationshungriger Gaffer auf der Suche nach Nervenkitzel!« Nein, das war sie nicht! Und warum stand sie dann hier? Hatte es etwas mit dem Tod an sich zu tun, das sie so faszinierte?

Die Menschen der viktorianischen und edwardianischen Zeiten, die hinter jener ausgewölbten Mauer begraben lagen, hatten ihre eigene Sterblichkeit jeden Tag aufs Neue vor Augen gehabt. Menschen, dachte Meredith, die von Krankheiten niedergestreckt und aus dem Leben gerissen worden waren wie reifes Obst, das von Bäumen regnet. All die armen kleinen Kinder, die von Scharlach und Diphtherie und Gott weiß was dahingerafft worden waren. Heutzutage werden wir glücklicherweise davon verschont. Aber wie sehr wir doch, sann sie, einen grausigen Mord lieben! Wie wir die Zeitungen verschlingen, die all die widerlichen Einzelheiten beschreiben! Und worauf warte ich eigentlich hier?

Ein weiteres Fahrzeug kam heran, und ein Mann in einem zerknitterten Anzug stieg aus. Er war mittleren Alters und wurde bereits kahl, und er trug einen Arztkoffer bei sich. Er schien verstimmt, dass man ihn herbeigerufen hatte – schließlich gab es kein Leben zu retten. Trotzdem, ein Toter war ein Toter, und diese Tatsache musste von einem Arzt amtlich festgestellt werden, ganz gleich unter welchen sonstigen äußeren Umständen. Vielleicht hatte er gerade beim Essen gesessen, als der Anruf gekommen war.

Schließlich entdeckte ein junger Constable Meredith und näherte sich unbemerkt. Sie zuckte zusammen, als er sie ansprach. »Ich fürchte, Sie können hier nicht bleiben, Miss. Wie Sie sehen, kommen zahlreiche Fahrzeuge hier durch. Ich muss Sie bitten weiterzufahren.«

Er klang entschuldigend. Sie begegnete seinem Blick, und er lächelte. Es war ein konspiratives Lächeln – er wusste, warum sie dort gestanden hatte. Sie errötete verlegen und zugleich ärgerlich über sich selbst.

»Ich war im Pfarrhaus«, fühlte sie sich zu einer Erklärung genötigt, um ihm zu beweisen, dass sie nicht zu den üblichen Gaffern gehörte. »Ich war bei Pater Holland zu Besuch, als er weggerufen wurde.«

»Oh. Pater Holland wird noch eine Weile beschäftigt sein, fürchte ich«, entgegnete der junge Beamte. Er besaß ein unverbrauchtes, rundes Gesicht und sah kaum älter als zwanzig aus. »Sie fahren besser nach Hause und probieren es später noch einmal.« Seine Stimme klang entschieden und verhalten vorwurfsvoll.

Wenn Polizisten in deinen Augen anfangen jung auszusehen, dachte sie, dann weißt du, dass du in Schwierigkeiten steckst. Das sagen alle. Das Alter schleicht heran. »Verdammt!«, dachte sie ärgerlich. »Ich bin erst sechsunddreißig!«

»So, du bist also sechsunddreißig«, erwiderte eine gemeine leise Stimme in ihrem Kopf. »In Tudor-Zeiten betrug die durchschnittliche Lebenserwartung gerade mal einundzwanzig. Und es gibt Orte auf der Welt, wo sie immer noch nicht viel höher ist.«

»In diesen Statistiken ist auch die Kindersterblichkeit enthalten!«, widersprach sie lautlos.

»Miss?« Der Beamte blickte sie besorgt an. »Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe? Sie sind doch Engländerin, oder?«

»Sicher. Tut mir Leid, dass ich im Weg gestanden habe. Ich bin schon weg.«

Sie radelte langsam davon. Wahrscheinlich hielt er sie für übergeschnappt. Sie drehte sich nicht um, um zu sehen, ob er sie beobachtete, doch als sie in die Hauptstraße einbog, tauchte plötzlich die Frage in ihr auf, ob Alan in diese Geschichte dort hinten verwickelt werden würde.

Vor ihrem geistigen Auge versank das Kanalboot rasch und lautlos, mit einem großen Leck unterhalb der Wasseroberfläche, und hinterließ nur noch eine Spur aus Blasen.

 KAPITEL 3 

SUPERINTENDENT ALAN Markby saß in seinem hellen neuen Büro in dem geräumigen Gebäude der Bezirkskriminalpolizei und wusste, dass es griesgrämig gewesen wäre, sich über die Art und Weise zu beschweren, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Schließlich hatte Markby eine ganze Menge Glück gehabt.

Er hatte Bamford zwar anlässlich seiner Beförderung verlassen müssen, doch er hatte lediglich sechs Monate in der fremden Umgebung des Nordostens verbracht, bevor man ihm die Möglichkeit geboten hatte, dieses Gebiet zu übernehmen. Rein zufällig schloss es sein ehemaliges Revier mit ein. Besser noch, dadurch hatte sich eine Gelegenheit ergeben, in sein altes Haus zurückzuziehen, das sich wegen des gegenwärtig daniederliegenden Immobilienmarktes nur schleppend verkaufen ließ. Also hatte Markby lediglich das »Zu Verkaufen«-Schild heruntergenommen und war wieder eingezogen, auch wenn das eine hübsche tägliche Fahrtstrecke zur Arbeit und zurück bedeutete. Das Beste daran war – es hatte ihn zurück in die Nähe von Meredith Mitchell gebracht. Markby hatte allen Grund zu der Annahme, dass sie genauso erfreut darüber war wie er.

Unruhe stieg in ihm auf. Meredith war ganz begeistert über ihren geplanten Urlaub auf dem Kanal. Zuerst hatte Markby die Idee selbst ausgezeichnet gefunden. Der grässliche Fund auf dem Friedhof von All Saints hatte alles geändert.

Obwohl der Fall bisher noch als »unautorisierte Bestattung« und »verdächtig« klassifiziert war, bestand für die Bamforder Polizei kein Zweifel, dass sie es mit dem Opfer eines Kapitalverbrechens zu tun hatten. Als Konsequenz hatte man von Anfang an entsprechend gehandelt und die Bezirkspolizei um Hilfe gebeten. Bamford war einfach nicht ausgerüstet, um kostspielige forensische Untersuchungen zur Identifikation eines unbekannten Skeletts in Auftrag zu geben und eine Ermittlung durchzuführen, die möglicherweise über die Bezirksgrenzen hinausreichte. Bamfords Ressourcen waren beschränkt, und man verfügte weder über die personelle Besetzung noch die Zeit für eine derart langwierige Aufgabe. Also hatte man den Fall an die Bezirkspolizei übergeben, und er war auf Markbys Schreibtisch gelandet.

Es erschwerte ihm die Entscheidung ungemein, ausgerechnet jetzt in Urlaub zu gehen. Markby war nicht so arrogant zu glauben, dass er unentbehrlich war, doch er hatte seinen neuen Posten noch nicht so lange, und das hier war möglicherweise der bedeutsamste Fall, der seit seinem Dienstantritt auf seinem Schreibtisch gelandet war. Es war eine Gelegenheit, den Dingen einen Stempel aufzudrücken und festzuschreiben, wie in Zukunft zu verfahren war. Vielleicht bot sich auch eine Gelegenheit, die Büroarbeit zeitweilig hinter sich zu lassen und vor Ort zu sein, wo sich alles abspielte.

Früher einmal, vor langer, langer Zeit – jedenfalls kam es ihm in seiner Erinnerung so vor –, war er stets draußen gewesen, wo sich alles ereignete. Doch wahrscheinlich spielte ihm seine Erinnerung einen Streich. Das Gedächtnis ist berüchtigt für seine Unzuverlässigkeit. Es ist der gleiche Trick, der einen glauben macht, die Sonne hätte während der gesamten Kindheit und der Jugend ...

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