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Keno

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© 2018 Suca Elles

Umschlag, Illustration: Suca Elles

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7469-3075-6
Hardcover: 978-3-7469-3076-3
e-Book: 978-3-7469-3077-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Mein Telefon schellte, als ich mir gerade die zweite Tasse Kaffee einschenkte. Es war meine Freundin Ester, die anrief.

„Hi, Eva, kannst du kurzfristig zu uns kommen und ein bis zwei Wochen bleiben?“

Ihre Stimme klang erregt, jedoch nicht besorgt.

Kurzes Überlegen. „Ja, kein Problem“ sagte ich.

„Kannst du schon morgen kommen?“

„Sicher. Aber was ist der Grund für diese kurzfristige Einladung?“

„Sag ich dir, sobald du hier bist. Ich freue mich. Fahr vorsichtig. Bis morgen.“

„Jetzt warte doch mal.....“

Sie hatte bereits aufgelegt.

1. Kapitel

Ich sah ihn bereits, als ich aus meinem Auto stieg. Rote Shorts, ein gelbes Shirt und ohne Schuhe stand er im Garten, seitlich vom Weg der zum Haus führte. Beim Näherkommen fielen mir seine tiefschwarzen Haare, die hellbraune Haut und die nachtdunklen Augen auf, die mich völlig ausdruckslos betrachteten. Keine Spur von Lächeln oder einer anderen Regung war zu sehen.

„Hallo“ sage ich, als ich an ihm vorbei ging. Keine Reaktion. Da erschien meine Freundin Ester auf der Terrasse.

„Schön, dass du es geschafft hast zu kommen. Wie war die Fahrt?“ fragte sie, während sie mich umarmte.

„Alles ok.“ antwortete ich. Dann deutete ich in den Garten „Und wer ist der stumme Zwerg dort?“

„Einer der Gründe, weshalb ich dich bat, uns zu besuchen. Aber lass uns erst einmal einen Begrüßungskaffee nehmen, oder möchtest du zuerst deine Sachen hineinbringen?“

„Das eilt nicht“ sagte ich und ging zum Tisch, wo der Duft von frischem Kaffee sein Aroma verbreitete. Nachdem ich mir eine Tasse eingeschenkt und den ersten Schluck genommen hatte, wandte ich mich zu Ester um, die inzwischen, das kleine magere Kerlchen an der Hand, die Terrasse betreten hatte. Sie zeigte auf mich und sage: „Das ist Eva, sie wird ein paar Tage bei uns bleiben“, und zu mir gewandt; „Das ist Keno, den Rest erzähle ich dir später“. Sie gab dem Kind ein Glas mit Saft, das es folgsam austrank.

„Wenn du magst, darfst du noch mit dem Ball spielen bis Dirk nach Hause kommt.“ Ohne ein Wort oder irgendeine Reaktion nahm Keno den Ball, der unter einem Stuhl gelegen hatte, und ging mit ihm zurück zum Rasen. Mit einigem Abstand zum Weg setzte er sich ins Gras und begann, den Ball zu drehen.

„Und, wie geht es euch?“ fragte ich jetzt, da wir wieder allein waren. „Wie läuft das Geschäft?“

„Wir können nicht klagen“, beeilte sich Ester zu versichern. „Für Dirk ist es manchmal etwas viel, aber ich kann es mir einteilen und halte ihm den Rücken von anderen Dingen frei. Und wie läuft es bei dir? Neues Album in Sicht?“ richtete sie die Frage an mich.

Nach meinem Schulabschluss hatte ich Musik studiert und war ins klassische Fach eingestiegen. Für die Scala oder die Met hatte es zwar nie gereicht, aber an einigen guten deutschen Opernhäusern hatte ich schon gearbeitet. Nach einer zu spät erkannten und nicht richtig auskurierten Kehlkopfentzündung veränderte sich jedoch meine Stimme derart, dass ich keinerlei klassische Rollen mehr singen konnte. Gerade als meine Verzweiflung ihren Höhepunkt erreicht hatte, lernte ich Johann – der sich Johnny nannte – kennen. Er arbeitete in einem Musikverlag und schlug mir vor, in die Unterhaltungsmusik zu wechseln. Er machte mich mit ein paar Freunden von ihm bekannt. Einer davon war Dirk, der bereits mit Ester verheiratet war, und gemeinsam überlegten wir, welche Möglichkeiten sich boten.

Johnny schlug vor, klassische Bestandteile in die Arrangements zu nehmen und Balladen statt Schlager zu produzieren. Um eine lange Rede kurz zu machen: Die erste Probeschallplatte – damals waren CDs noch nicht populär – war ein Erfolg, das folgende Album ebenso. Nach dem zweiten Album kamen Angebote, in Live-Konzerten aufzutreten. Die folgenden Jahre waren für alle Beteiligten sehr erfolgreich und gewinnträchtig.

„Ja, im Oktober, rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft“ beantwortete ich Esters Frage.

„Ich hoffe, dass ich nicht solange warten muss.“

„Musstest du das schon jemals? Du warst immer im Kreis derer, die eine Vorabpressung erhalten haben.“

Sie legte mir die Hand auf den Arm und lachte. „War doch nur ein Scherz, ich weiß doch, dass du mich immer zuerst bedenkst, und das, obwohl ich mich nicht revanchieren kann“. Sie spielte damit auf die Tatsache an, dass sie und Dirk als Kinderpsychologen arbeiteten - und ich keine Kinder hatte.

„Was nicht ist, kann ja noch werden“. Jetzt lachten wir beide schallend. Da fiel mein Blick auf Keno, der seinen Ball im Stich gelassen hatte und sich eilig der Terrasse näherte. Er lief in die äußerste Ecke und blieb dort stehen. Seine Haltung war gespannt, das Gesicht jedoch völlig ausdruckslos.

„Dirk kommt“ sagte Ester, und Sekunden später betrat Dirk den Garten. Er begrüßte mich und fragte, wie Ester schon vorhin, wie es mir gehe. Dann sagte er zu Ester „Ich habe das Auto draußen stehen lassen, ich muss nach dem Essen noch einmal in die Klinik“, und mit einem Lachen „dann könnt ihr in aller Ruhe die Neuigkeiten austauschen, ohne dass ihr Rücksicht auf mich zu nehmen braucht.“

„Hätten wir ohnehin nicht getan“ lachte Ester.

„Komm, hol deine Sachen aus dem Auto“ sagte sie zu mir „und versuch mal, ob Keno mit dir zum Auto geht. Sprich ihn nur an, berühre ihn nicht, ich möchte einfach sehen wie er reagiert“.

Also trank ich den Rest aus meiner Tasse, griff zum Autoschlüssel und schlenderte zum Ende der Terrasse, wo Keno immer noch unbeweglich stand.

„Sag mal, Keno, hilfst du mir, meine Taschen aus dem Auto zu holen?“ fragte ich ihn. Keine Reaktion. Als ich mich jedoch zum Gehen wandte, folgte er mir zögernd.

Wir hatten auf der Terrasse zu Abend gegessen und das schöne Wetter genossen. Danach war Dirk wieder in die Klinik gefahren, versprach aber, so früh zurück zu kommen, dass wir noch ausreichend Zeit für eine Unterhaltung und ein Glas Wein hätten.

Während ich die Teller und Schüsseln in die Küche brachte, ging Esther mit Keno ins Bad. Sie versicherte ihm immer wieder, dass er nicht baden müsse und nur zu duschen brauche. „Und Zähne putzen“ hörte ich sie sagen, dann gingen verschiedene Türen auf und zu, und dann war Ester wieder bei mir.

„Was hältst du davon, wenn wir uns, solange Dirk noch in der Klinik ist, über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens unterhalten und mit dem Thema Keno warten bis er wieder da ist?“ frage Ester.

„Welche Dinge wären das?“ antwortete ich lachend.

„Komm mit nach oben, und sieh dir an, was ich mir in München gekauft habe, und danach zeige ich dir auf meinem Laptop die Bilder unseres letzten Urlaubs.“

Es war schon fast 22.00 Uhr als wir den Motor des Garagentores hörten. „Ha, mein Herr und Gebieter ist zurück“ ulkte Ester. „Jetzt springt er in den Pool und danach gehen wir zum gemütlichen Teil des Abends über, mit Kerzenlicht und Rotwein“ fügte sie grinsend hinzu.

Wenig später saßen wir in dem von Ester beschriebenen Scenario und prosteten uns zu.

„Also meine Lieben“ sagte ich „was verschafft mir die Ehre dieser spontanen Einladung und was hat es mit dem kleinen Kerlchen Keno auf sich?“ Ester und Dirk wechselten einen Blick, dann sagte Dirk: „Ich gebe dir am besten einen Überblick, den Ester anschließend von ihrer Warte aus ergänzen kann. Also folgendes:

„Vor drei Tagen wurde die Polizei von Bewohnern eines Mietshauses verständigt, weil das Geräusch von zersplitterndem Glas und ein dumpfer Schlag aus einer der Wohnungen vernommen worden waren. Als eine Nachbarin an die entsprechende Tür klopfte, glaubte sie ein Stöhnen zu hören, geöffnet wurde nicht. Die Polizei öffnete dann die Tür und fand eine ohnmächtige Frau auf dem Boden liegend, aus einer Kopfwunde blutend, und daneben einen kleinen Jungen, der sich beim Eintreffen der Polizisten unter dem Bett versteckte. Einer weiblichen Schutzpolizistin gelang es, das Kind unter dem Bett hervorzulocken. Zwischenzeitlich war der Krankenwagen eingetroffen, und die junge Frau wurde zur Notaufnahme gebracht, wo man annahm, dass sie unter Drogen stand und die entsprechenden Maßnahmen und Untersuchungen einleitete. Das Kind war nicht zu bewegen gewesen, sich untersuchen zu lassen und wehrte sich mit der Verzweiflung eines gefangenen kleinen Tieres. Man rief mich, doch auch ich schien den Jungen nur noch mehr zu ängstigen, so dass wir eine unserer Ärztinnen baten, eine erste Untersuchung des Kindes durchzuführen. Es schien dem ersten Eindruck nach gesund zu sein, wenn auch unterernährt. Bei der Blutabnahme verhielt sich Keno ruhig, als er jedoch in ein Krankenzimmer geführt wurde und die weißbezogenen Betten sah, verfiel er wieder in Panik, bekam Schnappatmung und extrem hohen Puls. Also rief ich Ester an und bat sie, Keno abzuholen. Ich hinterließ in der Klink, wo das Kind zu finden sei, und verständigte auch die Polizei über seinen Verbleib.

Als Ester in die Klinik kam, beruhigte sich Keno ein wenig, und sie konnte ihn ohne große Mühe überreden, mit ihr hierher zu fahren. Erzähl du jetzt weiter“ wandte sich Dirk an seine Frau.

„Nun, ich wollte ihn erst einmal in die Wanne stecken, aber die Badewanne löste wieder eine Panikattacke aus, und so duschte ich ihn nur ab und packte ihn in ein T-Shirt von mir und in ein farbig bezogenes Bett. Ich gab ihm noch ein leichtes Beruhigungsmittel, danach schlief er sehr schnell ein und wachte erst am nächsten Morgen auf, als ich an seinem Bett saß. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe und wie er heiße, bekam aber keine Antwort. Ich brachte ihn, eingehüllt in ein großes Frotteetuch, in die Küche und gab ihm zu trinken. Auch eine Scheibe Toast aß er, als jedoch Dirk in die Küche kam, versteckte er sich hinter dem Kochblock. Gutes Zureden half nichts, obwohl ich sicher war, dass er jedes Wort verstand. Er kam erst wieder an den Tisch, nachdem Dirk das Haus verlassen hatte. Du weißt ja, dass ich unten meine kleine Praxis habe, und so ließ ich ihn dort spielen, während ich meine Arbeit erledigte. Ich bat Juana, ein paar Kleidungsstücke für Keno zu besorgen, denn das, was er auf dem Leib hatte, haben wir in die Mülltonne gesteckt.“

Ester blickte Dirk an und der fuhr fort: „Ich habe an jenem Morgen erfahren, dass die Frau – offenbar die Mutter von Keno – eine Überdosis gespritzt hatte. Ob aus Versehen oder aus Absicht ist nicht bekannt. Sie liegt immer noch auf der Intensivstation, und wir wissen nicht, ob sie es schafft... Auf meine Bitte hin fuhr die Polizei noch einmal zu dem Haus und befragte die Nachbarn, ob sie wüssten warum Keno nicht spräche. Dort erfuhren sie, dass er durchaus sprechen kann, da man ihn schon öfter habe plappern, schreien oder auch weinen hören. Die Kollegin, die die Erstuntersuchung vornahm, ist ebenfalls der Meinung, dass mit seinem Kehlkopf und seinen Stimmbändern alles in Ordnung ist, weshalb wir davon ausgehen, dass er sich in einem traumatischen Zustand befindet. Ursache unbekannt. Zusammenfassend wissen wir folgendes:

Keno, 4 Jahre alt, Mutter 21, im Koma nach Überdosis, Vater unbekannt. Keno hat Angst vor Männern, weiß bezogenen Betten und Badewannen. Er versteht was man ihm sagt, folgt auch Bitten oder Anordnungen, sofern Frauen sie an ihn richten, spricht jedoch nicht und zeigt auch keinerlei Emotionen in der Mimik, außer bei Männern, Badewannen, weiß bezogenen Betten. Dann wir er panisch in hohem Maße“. Dirk machte eine Pause und trank einen Schluck von seinem Wein. Dann wandte er sich an mich:

„Ester hat unten einen kleinen Singkreisel in ihrem Therapiezimmer, und wann immer sie diesen Kreisel singen lässt, verändert sich Kenos Blick, wird irgendwie weicher. Er scheint den Klang, die Musik zu lieben, und da kommst du ins Spiel. Wir möchten dich bitten, mit deiner Stimme und unserem Klavier zu versuchen, ihn wieder zum Sprechen zu bringen. Wir wissen nicht, was geschehen ist, was er gesehen oder erlebt hat. Um ihm helfen zu können, ist es aber notwendig, diese Informationen zu bekommen. Falls die Mutter wieder erwacht, und falls ihr Gehirn dann noch funktioniert, könnte sie uns diese Informationen geben. Die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht sehr groß. Ich habe mit den entsprechenden Behörden abgeklärt, dass wir bis auf weiteres Keno bei uns aufnehmen dürfen, und deswegen an dich meine herzliche Bitte: Versuche dein Möglichstes, Keno zu helfen.“

„Darum brauchst du mich nicht ausdrücklich zu bitten. Erstens seid ihr meine Freunde, und zweitens tun mir das kleine Kerlchen und sein Schicksal in der Seele weh. Ich werde gleich morgen früh damit beginnen, ihm etwas vorzusingen und vorzuspielen. Soll ich auf irgendetwas besonders achten?“

„Nein“ sagte Ester. „Ich werde den stillen Beobachter spielen Du kannst frei entscheiden, wie du was tun willst.“

Dirk goss noch einmal unsere Gläser voll.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen – Ester, Keno und ich saßen noch am Frühstückstisch auf der Terrasse, Dirk war schon auf dem Weg zur Klinik – kam Juana. Sie reinigte mehrmals wöchentlich am Vormittag die Therapieräume und am Nachmittag, wenn Ester Patienten hatte, die Wohnung. Auch kümmerte sie sich um die Wäsche.

Juana war Peruanerin. Sie hatte ihren Mann Georg kennen gelernt, als er an einem Bauprojekt in ihrer Heimat arbeitete. Zwei Jahre später kam sie nach Deutschland. Als ihre gemeinsame Tochter Essstörungen bekam, konnte Ester ihr helfen. Seitdem waren Ester und Juana befreundet. Georg hatte mit knapp 50 Jahren einen akuten Schub von Midlife-Crisis und glaubte, die Welt noch einmal bereisen müssen, bevor es zu spät dafür sei. Er verschwand und meldete sich erst nach mehr als einem Jahr wieder. Juana zog die Konsequenz und reichte die Scheidung ein. Neben dem Spanisch-Unterricht, den sie an der Volkshochschule gab, suchte sie eine weitere Arbeit und fragte Ester, ob diese nicht Hilfe im Haushalt gebrauchen könne. So kam das Agreement zwischen den Frauen zustande, das beide Seiten zufrieden stellte.

„Hallo Señora Eva, schön, dass du mal wieder hier bist“ begrüßte sie mich. „Wie geht es dir?“

„Muy bien, gracias, y tu?“

„Muy bien tambien“. Dann fuhr sie in Deutsch fort, da sie wusste, wie mangelhaft mein Spanisch war: „Wie lange bleibst du? Kommst du mal zum Essen zu mir?“

„Wie lange ich bleibe, hängt davon ab, wie es mit Keno weitergeht, und wie lange Ester und Dirk mich ertragen.“

Ester schlug spielerisch nach mir, wie es ihre Art war, und sagte: „Dann kündige mal deine Wohnung und zieh hier ein.“

„Pobre nino“ sagte Juana zu Keno, der unserem Gespräch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sein Frühstück verzehrte. Jetzt blickte er Juana an – bar jeglicher Regung – sprang auf und lief ins Haus. Wir sahen uns ratlos an. Was war es gewesen, das ihn aufgescheucht hatte? Aber da tauchte er schon wieder auf, hielt ein rotes kleines Auto in der Hand, legte es neben seinen Teller und aß weiter.

Ester strahlte. „Bleib noch einen Augenblick bei ihm“ sagte sie zu Juana. Und zu mir: „Komm mal mit in die Küche!“.

„Juana hat ihm gestern dieses Auto mitgebracht. Ich habe ihm gesagt, dass er es mit nach draußen nehmen darf, weil es ihm gehört. Die Spielsachen im Therapieraum darf er nur im Souterrain benutzen, auch das weiß er. Soeben hat er das Auto, das bisher neben seinem Bett stand, geholt und draußen auf den Tisch gestellt. Das bedeutet, dass er verstanden hat, was ich ihm gesagt habe, und außerdem weiß er, dass er es von Juana erhalten hat. Das ist ein großer Schritt nach vorn – wenn auch leider nur in nonverbaler Hinsicht.“

Wir gingen wieder auf die Terrasse, wo Juana leise mit Keno sprach, der völlig ruhig neben ihr saß und seine Blicke zwischen ihr, dem Auto und dem Fruchtmüsli schweifen ließ.

Nachdem wir den Tisch abgeräumt hatten, nahm ich Keno mit ins sogenannte Musikzimmer. Es war ein mittelgroßer Raum, der über zwei Etagen ging, allerdings nur Oberlichter an den Seitenwänden aufwies, jedoch eine phantastische Akustik besaß. Neben diversen Schränkchen mit Zierrat aller Art stand in der Mitte des Raumes das Klavier. Früher hatte Dirk gespielt und auch ein wenig komponiert, mit der Zeit war das aber immer weniger geworden. Vermutlich war ich in den letzten Jahren die Einzige, die gelegentlich darauf spielte. Allerdings wurde das Instrument regelmäßig gestimmt...

Ich begann mit einigen Kinderliedern. Der Klang hatte anfangs Kenos Aufmerksamkeit geweckt, aber schon sehr bald widmete er sich wieder seinem Auto. Dann begann ich zu singen.

Ich merkte sehr schnell, dass getragene Weisen und Mollakkorde ihm mehr zusagten, als schnelle Tonfolgen im höheren Bereich. Dann fielen mir die alten irischen Volksweisen ein, die ich sehr liebe, und ich begann „Danny Boy“ zu singen. In Keno ging eine Veränderung vor. Er lauschte angestrengt und kam langsam näher. Schließlich setzte er sich ans andere Ende der Bank, auf der ich saß und sah abwechselnd auf meine Hände und auf mein Gesicht. Ich beendete die Strophe und fragte ihn: „Willst du auch einmal versuchen zu spielen?“ Nachdem ich ihn dreimal aufgefordert hatte, berührte er mit einem Finger eine Taste und lauschte aufmerksam dem Ton. Ich spielte ihm die ersten 12 Töne vor und sag dazu den Text. Immer wieder. Dann wartete ich. Er starrte die Tasten an. Endlich tippte er mit dem Finger auf die entsprechenden Tasten. Es waren noch einige Versuche nötig, bis er die Tonfolge beherrschte. Dann versuchte ich es mit dem Text. Mir war klar, dass er kein Englisch kannte, und gerade da sah ich eine Chance, dass er vielleicht versuchen würde, die Worte, die für ihn keine Bedeutung hatten, nachzusprechen. Er sah mir auf die Lippen während ich sang, dann spielte er die kleine Melodie ohne Fehler und ich lobte ihn dafür.

„Für den Augenblick sollte es genug sein“ sagte eine Stimme von der Tür her. Dort stand Ester. Ich wandte mich an Keno:

„Morgen, wenn wir wieder geschlafen und gefrühstückt haben, kommen wir wieder hierher, wenn du willst. Jetzt darfst du wieder im Garten spielen.“

Er sah mich an, ausdruckslos wie immer, aber er nickte, ein kleines Nicken zwar, aber unzweifelhaft eine erste Reaktion. Dann griff er zu seinem Auto und ging in den Garten.

Erst eine Stunde später, als Ester und ich auf der Terrasse bei einer Tasse Kaffee saßen, bemerkten wir, dass er lautlos die Lippen bewegte. Ich glaubte zu erkennen, dass er versuchte, den Text nachzusprechen.

Am frühen Nachmittag fuhr ich in die Stadt und suchte ein großes Spielwarengeschäft auf. Dort erstand ich einen Klangteppich. Er sah aus wie ein Klavier, und durch Betreten oder Berühren mit der flachen Hand ließen sich Tonfolgen erzeugen. Der Teppich blieb im Auto. Er sollte ein Geschenk für Keno sein, wenn er anfing zu sprechen.

Dirk kam spät aus der Klinik. Keno hatte bereits zu Abend gegessen und lag in seinem Bett. Ester und ich aßen gemeinsam mit Dirk. Nach dem Essen sagte er: „Seine Mutter ist heute Nachmittag verstorben, ohne noch einmal das Bewusstsein erlangt zu haben. Was immer auch geschehen ist, sie kann es uns nicht mehr sagen.“

„Willst du Keno sagen, dass...“ Ester sprach nicht weiter. „Nein, auf keinen Fall“ sagte Dirk. „Wir wissen nicht, wie er auf die Nachricht reagiert. Zum andern hat er bisher durch nichts zu verstehen gegeben, dass er seine Mutter vermisst. Falls er irgendwann nach ihr fragen sollte, müssen wir abwägen, wie lange wir die Tatsache vor ihm verheimlichen können und müssen.

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