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Kennung

Inhaltsübersicht

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

 

|5|Als Kennung eines Leuchtfeuers bezeichnet man die Eigenschaften, die in der Nacht dessen Identifizierung ermöglichen.

 

Wikipedia

|7|ERSTES KAPITEL

Ob er die Nummer seiner Erkennungsmarke noch wisse, wurde Linus Cord von einem ordentlich gekleideten Mann mittleren Alters gefragt, der ihm vor der Wohnungstür einen Ausweis des Ministeriums für Staatssicherheit zeigte. Den Firmennamen konnte er gerade noch lesen, ehe das Dokument wieder in der Jackentasche verschwand.

»Das war doch jetzt wohl Ihre«, antwortete Cord angemessen erschrocken dem unbekannten Vertreter des bekannten Unternehmens und versuchte sich an einem leichten Ton wie auch an besorgten Blicken den Treppenschacht hinauf. »Nein, weiß ich nicht. Ich bezweifle, dass ich sie mir jemals gemerkt habe. Warum fragen Sie?«

»Eins nach dem anderen«, sagte der amtliche Mensch, »früher Vormittag, Arbeit, Schule, Einkauf – außer Ihnen und mir ist niemand im Haus oder Hausflur. Da können wir natürlich auch hier zwischen Tür und Angel reden.«

Mit einer übertriebenen Verbeugung gab Cord den Zutritt in seine vor kurzem bezogene Wohnung frei. Ohne sich umzusehen, wies er auf einen der leichten Sessel am Musikregal und zog den anderen zu sich heran.

»Czifra«, sagte der Mann und fügte keinen Rang hinzu. Er sah wenig angetan auf das Telefon in seiner Nähe, reichte Cord die Hand, nahm Platz und sprach, als ziehe er die Summe langjährigen Bemühens um das Wohl der Familie: »Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, |8|ja, das braucht der Mensch. Und hat es doch selten. Aufs Weltganze gesehen. Während wir, wie ich bemerke, sogar einen Fernsprecher haben. Und eine Loggia als Arbeitsraum. Mit Platz für Stuhl und Tisch und Schreibmaschine. In der etwas Angefangenes wartet. Darf man fragen, worum es geht?«

»Um Bierce und Hermlin«, sagte der aufstrebende Kritiker Linus Cord, der sich als aufstrebenden Essayisten sah, »es geht um die Eulenfluss-Brücke und den Leutnant Yorck von Wartenburg. Ein Aufsatz, Genosse, der tatsächlich auf seine Fortsetzung wartet.«

»Verstehe und gut gegeben, Genosse«, sagte Czifra, »aber ehe ich zur eigentlichen Sache komme, eine Frage: Hermlin, Die erste Reihe, klarer Fall! Aber Bierce? Ist von ihm die Geschichte, wo der Verurteilte erst merkt, dass er tot ist, als der Henker ihm sagt, er soll mal nicken?«

Das kenne er nur als chinesischen Witz, sagte Linus Cord, aber so ähnlich gehe es bei dem Amerikaner tatsächlich zu. In dieser Gemütsart jedenfalls.

Ihm scheine das reichlich düster, ließ der Besucher wissen, er persönlich liebe es lichter. Doch nun zur Sache und damit zu einer Frage: »Du würdest nicht manchmal mit uns zusammenwirken wollen?«

Gern hätte der Literaturkritiker Cord angemerkt, so licht gehe es in der Ersten Reihe wahrhaftig auch nicht zu, doch fragte er lieber, wie das Wort manchmal zu verstehen sei. Im Sinne des hochdeutschen gelegentlich oder im Sinne des sächsischen vielleicht

»Weder noch. Die Frage lautet: Würdest du mit uns zusammenarbeiten? Auf der Basis als Genosse.«

»Auf der Basis als Genosse? Du, auf der Basis will ich |9|ein beträchtlicher Kritiker werden. Es wird mich in Anspruch nehmen, da geht nichts Zusätzliches. – Aber sage mir bitte, wozu der Wehrmachtskram und die Hundemarke? Warum sollte ich, wenn es kein schlaues Entree von dir war, die Nummer noch wissen?«

»Entree oder nicht, ich hörte lieber eine andere Antwort auf die eigentliche Frage«, sagte Czifra, wobei es ihm gelang, das Pronomen ich wie das Pronomen wir klingen zu lassen.

Weil Cord nicht raten wollte, was man von ihm erwartete, jedoch ahnte, wie wenig ein Nein verschlüge, versuchte er, dort beharrlich zu sein, wo es unverfänglich, ja verständlich schien und anders verdächtig gewesen wäre. »Nie würde ich wagen, mit euch Streit anzufangen, doch wüsste ich wirklich gern: Was sollte, falls es keine Auftrittsnummer von dir war, die Hundemarke?«

»Es wäre korrekter, wenn du von Erkennungsmarken sprächest«, sagte Czifra, in dessen Augen eine höhere Verlautbarung nachglomm, »Hundemarke, das ist großdeutscher Wehrmachtsjargon. Aber gut, du hast die Frage aufgeworfen, ich antworte.«

Cord unterließ den Einwand, nicht er habe etwas aufgeworfen, und hörte zu. Wobei es ihm schwerfiel, hinter alle Andeutungen des Behördenmannes zu kommen. Der schien ständig abzuwägen, in welche Teile seines Amtswissens er den Bürger Cord auf der Basis als Genosse einweihen dürfe. Während er das Zimmer musterte, gab er gedämpften Tones bekannt, der Gegner versuche stets, das Menschliche auszunutzen. Keine Schwäche, die er nicht ausbeute. Keine Lücke, in der er sich nicht breitmache. Keine Not, aus der er nicht Gewinn ziehen wolle. Was man mit der Abschaffung |10|von Nöten, Schwächen und Lücken beantworten müsse.

Das leuchte ihm ein, sagte Cord, nur könne er mit Nöten nicht auf Anhieb dienen. Weshalb er sich frage, welchem Umstand er Czifras Anwesenheit verdanke.

Der Besucher nickte, erwiderte jedoch, hier beginne eine Konzeption seiner Dienststelle, über die er eigentlich nichts sagen dürfe. Tue er es dennoch, so nur, weil der Genosse Cord bei der Ausarbeitung dieser Konzeption eine Rolle gespielt habe. Unwissentlich zwar, aber eine Rolle, die ihm auch im Gegenplan zufallen solle. Oder bereits, und auch das wieder unwissentlich, zugefallen sei. Jedenfalls, sofern man den Besuch des Genossen Czifra beim Genossen Cord als Zeichen nehme.

»Wenn du erlaubst, bleibe ich wissbegierig«, sagte Linus Cord. »Unser Gespräch begann mit meiner Erkennungsmarke. Anstatt in eine Erkennungsszene mündete es in einen Versuch, mich für euren Erkennungsdienst zu werben.«

»Erkennungsdienst? Euren? Wenn schon, dann unseren. Auf der bereits genannten Basis«, sprach Czifra verletzt.

»Unseren, gewiss. Was sollte da der Wehrmachtskram? Der taugt vielleicht beim Gegner auf der Basis von Angst. Bei mir taugt er nicht.«

»Das ist bekannt. Ehe wir uns auf den Weg begeben, um uns an jemanden zu wenden …«

»Will ich gar nicht wissen. Ich möchte nur wissen, warum du wissen wolltest, ob ich die Nummer meiner Hundemarke noch weiß.«

»Zu Erklärungen bin ich nicht befugt.«

»Ich soll zu einer Katze im Sack kriechen?«

|11|Czifra sortierte den Satz und lächelte fast. »Das kommt bei uns vor, weil es bei unserer Tätigkeit vorkommen muss. – Genosse Cord, ich möchte dich bitten, diese Antwort vertraulich zu behandeln.«

»Gilt das nicht für deine ganze Visite? Aber gut und abgemacht, du hast mir nichts vorgeschlagen, ich habe dir nichts abgeschlagen.«

»Ich sehe das so«, sagte Czifra, »wenn ich dir keine Antwort auf deine Frage gebe, bleibst du bei deiner Antwort auf meine Frage. Wenn ich dir aber im erwarteten Sinne antworte, dann antwortest du …«

»Nix von wegen: im erwarteten Sinne«, sagte Linus Cord und fühlte sich ob seiner Kühnheit alles andere als wohl. »Die Rede ist von deiner Erkundigung, nicht von deinem Angebot. Selbstverständlich behalte ich beide für mich, aber handeln darf ich nicht mit mir lassen.«

Czifra wollte wissen, wer ihm das verboten habe, und die Antwort, das habe der Genosse Cord dem Genossen Cord verboten, machte ihn nicht glücklich. Unwillig sagte er: »Ich fragte, ob du die Nummer noch weißt, weil es nicht gut wäre, wenn du sie wüsstest und doch nach ihr fragtest.«

»Ich frage ja nicht. Oder wen sollte ich fragen?«

»Eine Behörde in Westberlin. Die sogenannte Wehrmachtauskunftstelle. So heißt die aber nicht amtlich. Amtlich heißt die, warte, ich habe es aufgeschrieben: ›Deutsche Dienststelle (WASt) für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht‹.«

»Das hätte ich mir auch aufschreiben müssen«, sagte Cord und sah beteiligt zu, wie der Besucher einige Zeichen auf seinen Notizzettel setzte. »Aber warum sollte |12|ich mich an die wenden? Ich bin nicht gefallen und werde nicht vermisst. Und wenn ich gefallen wäre, könnte ich nicht schreiben. Als nächster Angehöriger gefallener Angehöriger, das ginge, aber ihr wollt ja nicht die Nummer eines nächsten Angehörigen, sondern meine.«

»Die wollen wir auch nicht«, sagte Czifra sacht ungehalten. »Uns interessieren nicht die Nummern, uns interessiert die Frage, wie man an sie kommt.«

»Das Ziel ist nichts, der Weg ist alles«, sagte Cord und sah Czifra weitere Kringel auf den Block malen, wobei er der Herkunft des eben Gehörten nachzusinnen schien. Er straffte seine Jacke, als wolle er unterm Koppel die Feldbluse richten, ehe er mit bekümmerter Entschiedenheit verkündete, entgegen der Vorschrift werde er mehr sagen, als er dürfe. Er tue es auf der Basis des Bildes, das er von dem Genossen Cord gewonnen habe.

Der fragte nicht, wann dieses Bild entstanden sei, und unterließ auch die Bemerkung, es mache ihn froh, in einer komplizierten Angelegenheit helfen zu können. Zum Lohn erfuhr er, die WASt verfüge über achtzehn Millionen Karteikarten und hundert Millionen namentliche Nennungen in den Erkennungsmarkenverzeichnissen und über einhundertfünfzig Millionen personenbezogene Verlustmeldungen der verschiedenen Wehrmachtstreitkräfte.

Ein Anflug von Futterneid schien den Behördenangestellten verstummen zu lassen, und Cord konnte sich zur Sache äußern. Wenn die Daten heute derart zuhauf in Westberlin lagerten, sagte er, habe ein Großteil dort vermutlich schon gelagert, als die Rote Armee in der Reichshauptstadt eintraf. Da könne er nur bestaunen, |13|dass die Papiere an ihrem westlichen Standort verblieben seien. Schließlich habe es bis zur Ankunft des Rests der Allianz eine Weile gedauert. Er sei kein Fachmann, aber die Übergabe des Berges aus Informationen belege eine erhebliche Beschlusstreue der sowjetischen Seite.

Ja, das belege sie vielleicht, sagte Czifra, und merklich fochten die zweieiigen Zwillinge Bewunderung und Verwunderung einen älteren Kampf in ihm aus. Zwilling V. setzte sich mit der Anmerkung durch, es gebe allerdings eine Denkschule, der ein treulicher Umgang mit dem Klassengegner als dämlich gelte. Vor allem dem Gegner selbst gelte er als das.

Über diese Frage habe es seinerzeit im Zusammenhang mit Brechts Maßnahme heftige Diskussionen gegeben, sagte Cord. Vor allem über den Leitsatz des Kontrollchors: »Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: dass er für den Kommunismus kämpft.« Hinsichtlich des heutigen Tages kenne er sich in solchen Dimensionen nicht aus, es reiche ihm nur zu einer Frage: Wenn die westliche Unterlagenhalde im Osten bereits Denkschulen gestiftet habe, werde dort doch wohl überlegt worden sein, wie man an den Schatz aus Informationen gelangen könne. Wo schon nicht an den ganzen, so doch an Teile. Ihm falle die Vorstellung schwer, sagte der aufstrebende Essayist Linus Cord, das zuständige Ministerium habe all die Jahre auf ihn und seine fehlende Hundemarke gewartet, um endlich das Problem lösen zu können. Womit er wieder beim Anfang ihrer Bekanntschaft und bei der Auftrittserkundigung des Genossen Czifra sei.

»Du wirst zugeben«, sagte der, »deine Analyse jetzt und die Argumentation auf dieser Basis sind nicht |14|geeignet, unsere Bitte um deine Mitarbeit abzuschwächen. Falls du nicht überhaupt erst durch diesbezügliche Gaben die Aufmerksamkeit unseres Hauses geweckt hast.«

»Muss ich das auch zugeben?«

»Nein, aber beteiligt warst du. Wie ich weit über meine Befugnis hinaus sagen möchte. In eurem Verband bei eurer Diskussion über euren ersten Tag der Freiheit hast du dich laut gefragt, ob die Sowjetsoldaten, die dich gefangen nahmen – warte mal, das ist notiert –, weise oder närrisch handelten, als sie eure Soldbücher und Erkennungsmarken – nein, du hast Hundemarken gesagt – auf einen, wörtlich, hügelhohen Haufen warfen.«

»Ich habe es eine Identitätsvernichtung genannt, infolge derer man uns, je nach Bedarf, entweder nichts anhaben oder alles anhängen konnte.«

»Du verstehst, dass diese Äußerung zu einem Vermerk führen musste. Nicht vorwiegend wegen der Erkennungsmarke, sondern vorwiegend wegen deiner öffentlich zum Ausdruck gebrachten Meinung, die Freunde hätten euch was anhängen wollen.«

»Sie könnten es gewollt haben, habe ich gesagt und damit meine Meinung von 1945 zitiert. Ohne die Ausweispapiere und ohne das Ausweisblech hätten sie uns etwas anhängen können. Die Freunde. Die Freunde, die uns gefangen nahmen. Und die damals, sage ich jetzt, in uns so wenig Freunde sahen wie wir in ihnen. Oder wie sie für eine Weile den Klassenfeind in ihren Alliierten.«

Hier gerate nun er an eine unvertraute Dimension, sagte Czifra, aber nach seiner Ansicht hätten die Soldaten der Roten Armee weder weise noch närrisch, sondern |15|auf Weisung, auf Befehl gehandelt. Ehe sie jedoch beredeten, ob solche Befehle weise oder närrisch gewesen seien, komme er auf die Ausgangslage zurück: Natürlich interessiere sich sein Ministerium für die Wehrmachtsstelle, aber ebenso sei es an der generellen Mitarbeit des Genossen Cord interessiert. Er räume ein, seine Frage nach der Nummer habe nicht zuletzt das Gespräch in Gang setzen sollen.

Das eine sei ja nun geschafft und das andere beantwortet, sagte Linus Cord, jetzt würde er sich gern wieder, wenn gestattet, dem Zwischenfall am Eulenfluss zuwenden. Ansonsten hoffe er seit einer Strittmatter-Lesung, bei der er der Figur Frieda Simson begegnet sei, künftig schreibe der eine nicht mehr auf, was der andere im Gespräch geäußert habe.

So unterscheide sich eben die Kunst vom Leben oder seine Arbeit von anderer Arbeit, sagte Czifra bemerkenswert frisch, klappte aber seinen Block zu und nutzte des aufstrebenden Kritikers Hinweis auf den Eulenfluss als Brücke zu einem anderen literarischen Ufer. Ja, der genannte Autor sei ja immer umstritten gewesen. Das könne aber beim Umgang mit Kultur und Literatur gar nicht anders sein. Hauptsache, so pflege sein General zu sagen, die Schreiber würden nicht beschädigt und die Leser nicht verletzt.

»Toller Mann, dein General. Und was bist du rangmäßig, wenn es nicht geheim ist? Vom General der Leutnant oder der Hauptmann?«

»Du machst es einem nicht leicht«, sagte Czifra. »Das ist Verschlusssache. Wenn ich sagte, ich sei Leutnant, teilte ich dir eine Verschlusssache mit. Und wenn ich sagte, das dürfe ich nicht sagen, unsere Dienstränge |16|seien Verschlusssachen, teilte ich dir die Verschlusssache mit, dass unsere Dienstränge Verschlusssachen sind.«

»Aber dein General weiß, dass du sein Leutnant bist?«

»Ja, ja, und ich weiß, dass er mein General ist. Als ob du es nicht wüsstest, Genosse Cord: Verschlusssache in dem Sinne, dass es nicht nach außen dringt. Ehe du fragst: Ja, nach innen muss es dringen, nimm nur die Dienstränge.«

Beide schwiegen und wirkten zufrieden mit sich. Nach einem ausgestellten Blick zu seiner Schreibmaschine hörte Cord den Leutnant sagen, wo er nun schon gegen alle Vorschrift gewisse Unterstellungsverhältnisse angedeutet habe, könne er auch einen Schritt weitergehen und voraussagen, was innerhalb dieser Verhältnisse geschehen werde: Seine Vorgesetzten – nein, die Tatsache als solche, dass es unter den Mitarbeitern sowohl Vorgesetzte als auch Untergebene gebe, sei keine Verschlusssache – würden ihn fragen, wieso er sich mit der Antwort abgefunden habe, der Genosse Cord wolle auf der Basis als Genosse ein beträchtlicher Kritiker und kein beträchtlicher Mitkämpfer gegen Lücken, Nöte und Schwächen werden. Seit wann das eine das andere ausschließe? Ob sich hier etwa die verhängnisvolle Spezialistendebatte neu anbahne? Oder gar eine Auferstehung der vorleninschen Auffassung vom Parteischriftsteller – der Schreiber schreibt, wie’s kommt, der Leser liest, wie’s kommt, und so weiter. Was man sich überhaupt unter einem beträchtlichen Kritiker vorstellen solle? Stecke womöglich in dem Wort beträchtlich das Wort Betrag? Gehe es um Geld, wo es auf der Basis als Genosse ausdrücklich nicht um Geld gehe?

»Ehe ihr euch auf den Weg macht, um jemanden zu fragen, |17|sagst du, habt ihr euch ein Bild von dem gemacht. Da müsstest du für diesen Teil des Themas ausgestattet sein.«

»Bin ich«, beteuerte Czifra, »aber was ein beträchtlicher Kritiker sein soll, weiß ich trotzdem nicht.«

»Einer, der in Betracht kommt, wo es um Meinung geht. Einer, der gilt.«

»Du willst einer werden, der gilt? Bei wem?«

»Erstens: Ja, will ich. Zweitens: Auf der von dir erwähnten Basis. Im Streit der Ideen, Unterabteilung literarische Ideen, soll man mit mir rechnen.«

»Streit der Ideen? Klingt nach ideologischer Koexistenz.«

»Nicht nach friedlicher.«

»Gut, aber wer, gestatte ich mir noch einmal zu fragen, soll mit dir rechnen?«

»Jeder, der am Streit beteiligt ist.«

»Also auch die Partei?«

»Die schon gar.«

»Und der Gegner?«

»Gerade der.«

»Nichts für ungut, nur, wenn ich die Kerle da sehe, diesen Ranicki, diesen Raddatz, diesen Rühmkorf, alles mit R, dann klingst du, mit Verlaub, verwegen.«

»Nenne es überheblich. Aber wenn ich diese Kerle sehe«, sagte Linus Cord zu dem Abgesandten des Ministeriums für Staatssicherheit, der sich Czifra nannte, »dann will ich ihnen – nimm unseren Rilla, auch mit R, und den Enzensberger mit E dazu – das Schneiderlein sein. Zugegeben, das ist ein tapferer Gedanke, aber etwas Bescheideneres fällt mir nicht ein.«

Czifra schien abzuwägen, ob das aufgeschrieben gehöre, |18|senkte den Stift und sagte, anders als im wirklichen Leben komme das Schneiderlein nur im Märchen klar. Er vermute, das sei der Sinn von Märchen. Im wirklichen Leben brauche man Bundesgenossen. Ob Cord nicht sehe, wie nützlich die beim Umsetzen seiner Pläne sein könnten.

Der Gedanke sei ihm nicht fremd, sagte Cord, doch halte der Nutzen keinen Vergleich mit den Kosten aus. Wegen seines Ziels, auf das er sich ganz verbrauchen werde, könne er nicht einmal einem Abkommen beitreten, das gegenseitige Nichtgebundenheit zum Inhalt habe. Allerhöchstens einem Pakt, der die Beteiligten zum Voneinanderabsehen verpflichte. Auf dieser Basis allerdings, die selbstverständlich auf der Basis aller Basen beruhe, auf der Basis als Genossen, könnten sie unschlagbar sein.

Unschlagbar sah Leutnant Czifra im Moment nicht aus, und auch an Linus Cord, dem Erforscher der Eulenfluss-Begebenheit, war im Augenblick wenig von einem beträchtlichen Essayisten. Zu unerhört klang beiden, was der eine gesagt und der andere gehört hatte.

Obwohl mehr auf Siege als auf Niederlagen trainiert, erholte sich der Offizier zuerst und bekundete, aus eigenem Überlegen und nicht aus Kenntnis – woher auch, aus welcher theoretischen Schrift, aus welchem Reglement solle er die beziehen –, also, nicht aus Lehrbüchern, dafür umso bestimmter aus Erfahrung, sage er, mit einem solchen Bescheid brauche er sich in seinem Hause gar nicht erst sehen zu lassen. Da müsse er, wie im chinesischen Henkerswitz, nur noch nicken. Denn ein Umgang mit anderen Institutionen oder Personen, der auf ein Voneinanderabsehen hinauslaufe, sei seiner |19|Institution gemäß ihrem Selbstverständnis zutiefst wesensfremd.

Ob er es nicht bei fremd belassen könne, fragte Cord den staatlichen Boten, weil es dann für beide weniger aussichtslos wäre, nach einer Lösung zu suchen. Die aber müsse zu finden sein zwischen zweien, ob Personen oder Institutionen, die des anderen Existenzrecht nicht nur nicht bezweifelten, sondern auf der bekannten Grundlage für eine historische Weile als unentbehrlich ansähen.

Wie sich Leutnant Czifra im anschließenden Schweigen ersichtlich fragte, ob er jemals beträchtliche Essayisten für unentbehrlich gehalten habe, und wie Linus Cord erkennbar überlegte, ob ihm das Ministerium für Staatssicherheit je unentbehrlich gewesen sei, wussten beide – auch wenn es nur der eine so benannt hätte –, dass sie in einer Eulenfluss-Klemme steckten. An einem Punkt, an dem nur noch Brechen und nicht Biegen, nur noch Verderb und kein Gedeih mehr möglich waren.

Was den Erzähler dieser Geschichte, der es an Befremdlichem nicht mangelt – Gegenständen wie den Erkennungsmarken der Deutschen Wehrmacht, Streitgegenständen wie den Ansichten von Dichtern, Haltungen gegenüber befremdenden Behörden –, was den Erzähler veranlasst, deutlicher als bislang einzugreifen und zu sagen: Sowohl Cord als auch Czifra galt als sicher: Ein Staatswesen wie ihres (Gipfel der Befremdlichkeit: Beide dachten von ihrem Staat als ihrem Staat) schickte man so wenig mit wesensfremden Bescheiden aus dem Haus, wie es sich mit wesensfremden Bescheiden aus dem Haus schicken ließ. Ein Verhalten, das Voneinanderabsehen hieß, war nicht vorgesehen. Weshalb sich |20|Linus Cord verpflichtet fühlte, dem Abgesandten gegen den Verdacht beizustehen, er könne an eine feindlichwidrige Machenschaft geraten sein. Der Leutnant Czifra wiederum, dem aufgegeben war, einen Befehl umzusetzen, sah sich in der Pflicht, Licht in einen Sachverhalt zu bringen, dem es an Unklarheit nicht mangelte.

Buchstäblich so, wie er gesagt hatte, also ganz nach den Regeln, hatte man ihn mit einer detaillierten Vorstellung von der Persönlichkeit Cord versehen, ehe er zu der Person Cord aufgebrochen war. Dem Laufzettel der Akte, die seinen Auftrag begleitete, konnte er entnehmen, dass lange vor ihm andere zu der Überzeugung gelangt waren, beim Bürger C. handle es sich um einen übersichtlichen Menschen. Anders wäre er kaum in dem Goldenen Fonds verblieben, aus dem das Ministerium von Zeit zu Zeit unverbrauchte Kräfte für Zwecke gewann, die neue Gesichter nötig machten.

Allerdings, ganz ohne Dunkelstellen, wie Czifras Dienststelle meinte, kam die Vita des Bürgers C. nicht aus. Über jene Fakten und Tendenzen seines Lebens hinaus, die man dem Auftragspapier entnehmen konnte, hatte es ein Vorkommnis gegeben, das nicht nur dem Leutnant und seiner Hauptverwaltung unbekannt war. Einfach deshalb, weil Linus Cord es gegen alle Welt in sich abzukapseln wusste. Unerreichbar für jedermann und selbst ihm kaum noch zugänglich, wurde es in einem Depot verwahrt, das bei dieser Erzählgelegenheit zum ersten Mal geöffnet wird.

Geboren im unauffälligen mecklenburgischen Flecken Marnitz im unauffälligen Jahr 1927, fiel Linus Cord weder in der anspruchslosen Schule noch während seiner |21|unaufwendigen Ausbildung bei der Deutschen Reichsbahn durch abweichendes Benehmen auf. Gelegentlich ärgerte es seine Kollegen, dass er ein Auge für ihre Schwächen besaß und die ungeniert bei Namen nannte. Ein alterskrummer Mann aus der Stopferkolonne, der bessere Tage gesehen hatte, hängte ihm den Namen Linus-Minus an. Wenn er immerfort das Maul aufreiße, werde man ihm eines Tages den Kopf abreißen, gab ihm sein Rangiermeister mit auf den Weg zu den Soldaten. Unnötig genug, denn im fünften Kriegsjahr wusste der Gleisarbeiter und künftige Grenadier Cord gute Gründe, fein stille zu sein.

Er hatte etwas gesehen, das er nicht hätte sehen dürfen. Und er hatte davon geschwiegen zu jedermann, obwohl er, wie es später hätte heißen können, aller Welt davon hätte reden müssen. Auch als er bei den Russen gefangen saß und die eigene Obrigkeit nicht mehr fürchten musste, sagte er den fremden Offizieren, die ihn so scharf verhörten, als sei er für sie nicht der Millionste, sondern der Erste seiner Art, kein Wort von seinem geheimsten Wissen. Er hielt es ebenso, als die Einvernehmer ihm bedeuteten, sie wüssten alles über ihn, und als sie ihn mit der gewaltigen Verheißung lockten, er käme frei, sobald er den Mund geöffnet hätte. Er hütete seine Zunge noch in Zeiten, in denen auch für ihn längst heraus war, dass solches Versprechen zu jeglicher Art Verhör gehörte. Da er sein Soldbuch und seine Erkennungsmarke fernab in einer zertrampelten und zerstreuten Halde wusste, gab er sein Alter – dazu mehr aus Angst als aus Lebensschläue veranlasst und vor allem, um seine Unwissenheit zu betonen – mit sechzehn Jahren statt mit siebzehn an.

|22|Nicht gleich nach dem Verhör, vielmehr erst bei Ende des Krieges und während der erkenntnisschweren und besserwisserischen Gespräche, die das Ende begleiteten, fühlte der Gefangene Cord sich versucht, den Kameraden zu berichten, er sei, was seinen Teil an historischen Läuften betreffe, durch Zufall an ein geheimstes Geheimnis geraten, dessen Offenlegung für den Fortgang des Krieges bedeutsam gewesen wäre. Doch war er gescheit genug, auch hinreichend belesen, dem Wunsch nicht nachzugeben. Zwar hätte er sich gern in der Nachfolge jenes englischen Fischerjungen gewusst, der im Ruderboot bei nächtlichem Nebel den Ankerplatz der feindlichen Flotte durchquert und danach seine ungläubigen Landsleute vergeblich beschworen hatte, sie sollten ihm glauben, er habe wirklich die mächtige spanische Armada gesehen. Aber der junge Linus Cord hielt, erst aus Not, dann als Tugend, sein Maul im auslaufenden Krieg wie im beginnenden Frieden und behielt so oder so seinen Kopf.

Durch wechselnde Zeiten hin wusste er: Wie die Dinge während der Kämpfe oder nach deren Ende gelegen hatten, wäre ihm ein Weitersagen seines Armada-Erlebnisses nicht gut bekommen. Ganz gleich, wem er davon erzählt haben würde – als Gleisbauer, als Soldat auf der eigenen oder als Gefangener auf der anderen Seite –, ein Sichdicketun hätte ihn zum gefährdeten Wissensträger gemacht. Was sagt der? Er ist der Wunderwaffe begegnet? Wo soll das gewesen sein? In Slate an der Elde, in einem Russenlager dort? Und die Flugkörper sind ihm wie Raketen aus Büchern von Jules Verne und Hans Dominik vorgekommen? Bislang ungesehene Riesengeschosse auf Schwerstlastplattformen |23|sollen das gewesen sein? Fünfzehn-Meter-Ungetüme, die sich auf Vielfach-Radsätzen über verstärkte Gleise bewegten? Wer, möchte man da fragen, hat diesen jungen Kerl in die Nähe solcher Wunder-Brummer gelassen? Das hört sich doch nach allergeheimster Kommandosache an. Vor allem, Herrschaften, hört es sich an, als gehöre dem Menschen das Maul gestopft.

Towarischtsch General, wir haben da einen Fritz, der sagt, er hat Raketen gesehen und in deren Nähe schuftende Gefangene, von den Unsrigen welche. Es klingt nach einem Depot dieser V2, mit denen die Faschisten England beschießen. – Sehr gut, Towarischtsch Major, eine wichtige Meldung, für mich klingt sie nach Angriff und einigen Rotbannerorden. Wer weiß von der Sache? – Die Vernehmer und ich. Und der Fritz natürlich. – Das ist einer zu viel. – Jawohl, Genosse General! Nur, wie gesagt, der Fritz sagt, es sind auch Gefangene in dem Lager. – Dann, Genosse Major, ist er zweimal zu viel.

Infolge solcher Vorstellungen gingen Cord und sein Wissen ein Verhältnis ein, das schon deshalb kein Voneinanderabsehen war, weil einzig Personen oder Institutionen, nicht aber Menschen einerseits und Sachverhalte andererseits derartige Beziehungen aufnehmen könnten. In die Nähe seines versiegelten Fundes geriet Linus C. stets, wenn er sich – um gegen seine Neigung zur Neugier anzukommen – dessen anhaltende Wirkkraft vor Augen hielt. Ob ihm das explosive Wissen nicht genüge, fragte er dann, das er seit Jahrzehnten verwahre und bei sich trage wie eine entsicherte Handgranate, die nur von seinem Daumen am Detonieren gehindert werde.

|24|Beredet zwischen Cord und Cord wurde die Sache oft genug. Mensch, jetzt kannst du es doch sagen: Du warst siebzehn und bist bei Gleisarbeiten im inneren Sperrgebiet vom Sperrgebiet Slate-Süd deiner Wissbegier gefolgt, hast dich, als du hinter Buschwerk und Tarnnetzen ein verbotsbewehrtes Nebengleis entdecktest, an dösenden Posten vorbei bis zu einem Baum geschlichen, erspähtest, wie kann man nur so blöde sein, aus dessen umlaubter Höhe unheimliche Projektile und den unheimlichen Umgang bewaffneter Soldaten mit einer Kolonne unbewaffneter und ungefütterter Bolschewisten, hast gerade noch den Verstand gehabt, aus Sklaventrott und Wächterwucht und dem Riesenmaß der Geschosse auf deine strikte Unerwünschtheit zu schließen, und kratztest, Glückwunsch, soviel Grips zusammen, wie nötig war, dich heil und stumm an deinen Platz am Gleis zurückzubringen.

In dieser Sache ist es durch die Jahre hin beim Widerstreit in der Brust des Linus Cord geblieben. Längst mit der kriegerischen Wirklichkeit vertraut, glaubte er, die Stopferkolonne hätte den frechen Fant, der ihr frontfernes und daseinserhaltendes Stopferleben gefährden konnte, eher stückweise ins Gleisbett eingearbeitet, als ihn mit seiner Mär zurück in die Welt zu lassen. Auch konnte bei aller Liebe das schöne Kind, mit dem er feierabends erwachsen tat, so viele beste Freundinnen gar nicht haben, wie es sie, wäre er ein Prahlhans gewesen, verlangt hätte, den Herzensschwestern das Hohelied von ihm als kühnem künftigem Lokomotivführer zu singen. Nach Cords anhaltendem Vermuten war auch in den Nachkriegsläuften, in denen die Tapferkeit nachwuchs, weder die Zeit noch ein Gefährte reif genug, |25|seinen Bericht ohne Geschrei zu verwahren und eine Geschichte unverbreitet zu lassen, die auf blutig verbotene Weise von lastzerrenden Russen, knüppelschwingenden Deutschen und turmundwunderhohen Granaten handelte.

Nach alledem sollte verständlich sein, dass dem angehenden Essayisten Linus Cord an jenem Vormittag im Frieden, der andererseits kalte Zeit des Kalten Krieges war, schon gar nicht der Leutnant Czifra wie jemand vorkommen konnte, dem er entgegen langer Übung von seinem verstohlenen Einblick in ein unsägliches Gefangenenlager und in ein damit verbundenes tief verborgenes Arsenal Bescheid tun sollte. Vielmehr leistete er sich während der Anwesenheit des offiziellen Diensttuers den ebenso bedrückenden wie erhebenden Gedanken, er sei mit dem Wissen um sein unerlaubtes Wissen von Slate-Süd allein auf der weiten Welt und wenn er nur wolle, und zwar er allein, könne das für immer so bleiben.

Den Einwurf des Erzählers, Leute wie Linus Cord, ja die Leute überhaupt, rechneten seltsam selten mit allwissenden Erzählern – diesen Einwurf gemacht, der nur vor der verbreiteten Annahme warnen soll, wo kein Zeuge, sei auch keine Tat, kehrt der Bericht zu seinen handelnden Personen zurück, die im Augenblick auf Trennung sinnen. Der Leutnant Czifra mit dem befehlsgestützten Willen, zwecks eines weiteren Versuchs sehr bald zurückzukehren, und Linus Cord mit dem frommen Vorsatz, den behördlichen Mann nicht nur bald, sondern für immer loszuwerden.

Fasse er ihre Aussprache zusammen, sagte der Ministeriale Czifra zu dem Literaten Cord, stimmten sie auf |26|der Basis gemeinsamer Überzeugungen dahingehend überein, dass das kriegsbedingte und aus den Umständen seiner Befreiung vom Hitlerfaschismus resultierende Nichtmehrvorhandensein der üblichen militärischen Identitätsnachweise (namentlich Soldbuch und Erkennungsmarke) als operativ günstiger Umstand eingeschätzt werden könne, da er der eigenen Seite die aufklärende Annäherung an eine gegnerische Institution ermögliche, deren Existenz von ihr selbst unter anderem mit eben dem kriegsbedingten Nichtmehrvorhandensein verschiedener Identitätsnachweise sowie den daher erforderlichen Nachforschungen begründet werde. Der operative Vorteil der eigenen Seite könne jedoch, so werde er vermerken müssen, sagte der Leutnant, derzeit nicht genutzt werden, weil der vorgenannte Bürger, der auf seine gesetzliche Pflicht zur Geheimhaltung hingewiesen und zur Geheimhaltung verpflichtet worden sei, es aufgrund persönlicher Lebenspläne vorziehe, zwischen sich und der vom Berichterstatter vertretenen Behörde ein von ihm sogenanntes Prinzip des »Voneinanderabsehens« walten zu lassen.

So weit höre es sich richtig an, entgegnete Linus Cord, nur klinge die Geheimhaltungsstelle doppelt gemoppelt. Schon der einfache Hinweis müsse im Grunde nicht sein. Was strikte Verschwiegenheit sei, habe er in den frühen Jahren seines Parteilebens gelernt. Ansonsten schlage er vor, die etwas zu egoistisch klingende Stelle, die von seinen persönlichen Plänen handle, mit dem vorzüglichen Ausdruck »auf der Basis als Genosse« zu versehen. So dass es dann zutreffend heißen könnte, der Bürger C. ziehe aufgrund persönlicher Pläne und auf der Basis als Genosse einen Status zwischen sich und |27|dem Ministerium vor, der von ihm als ein Voneinanderabsehen bezeichnet werde.

Leutnant Czifra setzte die verlangten Worte mit einer Anstrengung auf das Papier, als müsse er sie mit einem Keil in eine Felswand treiben. Oder von Hand in eine Erkennungsmarke. Den Autor des unglaublichen Textes ließ er wissen, weit weniger noch als er selber, der das seltsame Verlangen bereits als wesensfremd bezeichnet habe, würden seine Vorgesetzten den Status eines Voneinanderabsehens gelten lassen. Sicher würden sie persönlich und voller Unglauben davon hören wollen. In seinen Augen sei das ebenso Verschwendung ministerieller Dienstzeit wie auch eine Verschwendung der Arbeitszeit des Genossen Cord. Wo dieser doch alle Schaffenszeit benötige, um die begonnene Untersuchung der bekannten Eulen-Geschichte von Ambrose Bierce und Stephan Hermlin zu vollenden. Ob er sich nicht bedenken wolle? Auf der Basis als Genosse vielleicht.

Das wolle er nicht, sagte Cord, er schließe sich aber einem eben gehörten Urteil des Genossen Czifra an: Weitere Besuche in Sachen Deutsche Dienststelle seien Vergeudung. Um nicht weitere Vergeudung zu sagen.

Ob er das nur als Einwurf oder gar als Einspruch nehmen solle, wollte Czifra wissen und fügte, ohne abzuwarten, hinzu, für einen Einspruch sei es zu spät.

Das bedürfe der Erklärung, sagte Cord.

Zwischen den Bürgern des Staates und den Einrichtungen für dessen Sicherheit müsse, sprach Leutnant Czifra, größtmögliche Offenheit herrschen. Das betone sein Minister wieder und wieder. An diese strikte Weisung habe er sich gegenüber Cord gehalten und |28|diesen in einen Operativplan sowie in seine bisherige und künftige Rolle in diesem eingeweiht. C.s sachbeladene Zwischenfragen seien dabei von ihm auf der Basis größtmöglicher Offenheit beantwortet worden. Ein Urteil, ob er im Laufe des Gesprächs über geltende Vorschriften oder Dienstvollmachten hinausgegangen sei, stehe nur seinen Vorgesetzten zu. Diese hätten auch hinsichtlich des Problems zu entscheiden, das sich aus der eingeschränkten Kooperationsbereitschaft Cords ergebe. Sie würden festzulegen haben, wie das operative Wissen, zu dem dieser infolge der ihm gegenüber geübten größtmöglichen Offenheit gelangt sei, zurückgewonnen werden könne.

»Zurückgewonnen? Als hätte ich Quecksilberkügelchen verschluckt, die euch gehören? Oder goldene Löffel?«

»In gewissem Sinne sind es goldene Löffel.«

»Die ich dir nicht gerade entrissen habe, wie du dich erinnern wirst.«

»Die du mir nicht gerade entrissen hast, richtig. Und die ich dir, ebenso richtig, nicht ohne weiteres wieder entreißen kann. In den Brunnen, so pflegt der Minister zu sagen, fällt das Kind allein, heraus braucht es Hilfe.« – Sprach der Leutnant ein wenig besorgt und ein wenig versonnen und spähte zur Loggia des aufstrebenden Essayisten, als bahne sich dort für beide eine Lösung an.

Auf die Hilfe sei er gespannt, erwiderte Cord, stand auf und fügte mit einem Blick zur Schreibmaschine hinzu, nun empfinde er es als doppelt gut, dass er den Eulenfluss-Brücken-Aufsatz angefangen habe. Mit ihm beschäftigt, werde er einer neuerlichen Visite in Ruhe entgegensehen.

|29|»Das sowieso«, sagte der Leutnant und erhob sich ebenfalls, »wegen uns muss sich keiner bekümmern.« – Als gelte es, ein erstes Kapitel zu besiegeln, leitete er den Abschied mit einem Handschlag ein. Dann wandte er sich zum Gehen, nicht ohne seinem Schritt über die Schwelle klärende Blicke ins Treppenhaus vorauszusenden.

|30|ZWEITES KAPITEL

Linus Cord und Leutnant Czifra waren wirklich zufrieden. Mit sich und auch miteinander. Soweit es ihr eigenes Verhalten betraf, fanden sie nicht allzu viel auszusetzen. Soweit es den jeweils anderen betraf, schien es für mehr als ein oberflächliches Urteil zu früh. Solche Offiziere und solche Einrichtungen musste es eben geben, dachte der eine, und der andere dachte, solche Intelligenzler und solche Existenzen müssten wohl sein. Keinem der beiden fiel ein, vom anderen als seinem Genossen zu denken. Es hatte und hätte sie als Anrede nicht gestört, aber die meinte nicht mehr als ihre Zugehörigkeit zu ein und derselben Partei. Die nun war, als Cord ihr beitrat, sowjetgestützt und auch deshalb eine vielfach befehdete Bruderschaft; Czifra hingegen wurde zehn Jahre später in der Registratur des nunmehr staatstragenden Kaderverbundes unter einer siebenstelligen Nummer eingetragen.

Sobald Linus Cord nach dem Abgang Czifras wieder in der Loggia an der Maschine saß, die er in halbem Spaß seine Galeere nannte, merkte er, wie sehr er mit der Annahme geirrt hatte, die Bücher würden sich zwischen ihn und den Besucher stellen. So stark ihn sonst die Herren Bierce und Hermlin fesselten, jetzt war der Leutnant Meister über sie. In ihren Erzählungen vom amerikanischen Bürgerkrieg oder vom Anschlag deutscher Offiziere – literarischen Glanzstücken, die sich wie Vorbild und Abbild zueinander verhielten – ging es |31|kalt und rücksichtslos um Illusionen und entsetzlich späte Einsichten, um Vorsätze, mit denen die Wege zu jederart Hölle gepflastert sind, und um Lehren, von denen die handelnden Personen nichts mehr hatten. Ob statt ihrer die Leser, stand nach Ansicht des Gutachters Cord ebenso dahin wie die Frage, wer wohl seine Überlegung drucken solle.

Gerade so viel hatte er zu Papier gebracht beziehungsweise sich zurechtgedacht, als ihn der Behördenangestellte Czifra im Rahmen einer Operation, die auf den Datenhort der Deutschen Dienststelle zielte, nach seiner vor langem verlorenen und fast vergessenen großdeutschen Erkennungsmarke fragte. Weshalb der Aufsatz über Bierces und Hermlins böse Meisterwerke weit länger, als Cord lieb sein konnte, ohne geschriebene oder auch nur gedachte Fortsetzung blieb. Nicht zuletzt, weil der Leutnant weitere Besucher angekündigt hatte, die sich, wie er mit dunklen Worten sagte, der Rückgewinnung von Informationen widmen würden, in deren Besitz der Visitierte respektive zu Visitierende ohne sein eigenes Zutun zwar, aber doch gekommen war.

Besonders dies nahm sich verstörend aus für einen, der schon nicht folgen konnte, wenn der Richter in einem Perry-Mason-Roman den Juroren abverlangte, sie sollten von der eben gehörten Zeugenaussage nicht nur absehen, sondern sie gar nicht gehört haben. Als er unter den Literaturbewertern noch zu den Anfängern zählte, hatte er sich vorgenommen, den transatlantischen Autor Erle Stanley Gardner – falls er ihm je begegnete, aber warum sollte er ihm nicht begegnen? – zu fragen, wie sich so ein Nichtgehörthaben bewerkstelligen |32|lasse. Er jedenfalls, so würde er dem Amerikaner sagen, könne nie als Geschworener dienen, da er jedenfalls wisse, wie ...

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