Logo weiterlesen.de
Kennen Sie Suzette? Kriminalroman

UUID: 9c16ffaa-0174-11ea-ab52-1166c27e52f1
Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (https://write.streetlib.com) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

  • Kennen Sie Suzette?
  • Copyright
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • V.
  • VI.
  • VII.
  • VIII.
  • IX.
  • X.
  • XI.
  • XII.
  • XIII.

Kennen Sie Suzette?

Krimi von Theodore Horschelt


Der Umfang dieses Buchs entspricht 182 Taschenbuchseiten.


Auf der Suche nach einem verschwundenen Mädchen kommt der Privatdetektiv Henry Leland einem Verbrechen auf die Spur, das man ein „perfektes“ Verbrechen nennen könnte, denn es ist mit einem solchen Raffinement verübt worden, dass es aussichtslos erscheint, es jemals völlig aufzuklären und die Täter zu überführen, zumal schon fünf Jahre seit dem Verschwinden des Mädchens verstrichen sind.

Es beginnt damit, dass ein Mr. Miller in Lelands Agentur aufkreuzt und Henry Leland den Auftrag gibt, Suzette de Bryse zu suchen, der er das letzte Vermächtnis eines gewissen Mr. Schooltz überbringen möchte. Henry Leland und sein Freund Bob Rayllor gehen an die Arbeit, unterstützt von der pikanten, ewig in ihren Chef verliebten Sekretärin Paddie.



I.

„Sie sind spät dran, Henry“, sagte Paddie und hörte zu tappen auf. Ein vorwurfsvoller Blick traf den großen, brünetten Mann, der ziemlich müde und lustlos das Vorzimmer betreten hatte.

„Und Ihr Gesicht deutet auf eine schlaflos verbrachte Nacht hin“, fuhr die fülligschlanke Blondine bitter fort. „Wie würden Sie einen Mann nennen, der immer und immer wieder Gesellschaft sucht – bloß nicht dort, wo er sie ohne große Anstrengung finden würde?“

„Ist das eine Frage, die ich beantworten muss, oder eine rhetorische?“, erkundigte sich Henry Leland und streichelte sein angriffslustiges Kinn.

„Ach – Sie!“, fuhr Miss Curzon auf; sie biss sich auf die Lippen und verschluckte den Rest.

Leland trat zu ihr und stützte beide Hände auf den Schlitten der Schreibmaschine. Paddie schlug errötend die Augen nieder. „Wie würden Sie eine Sekretärin nennen, Paddie, die Ihrem Chef dreimal in der Woche …“

Er kam nicht weiter. „Ich würde sie eine Ideale nennen“, knurrte Paddie schluckend, „eine, die nicht will, dass er in schlechten Kreisen verkehrt, sich verausgabt, seinen guten Ruf verliert.“

„So kann man auch sagen!“

„Sicher kann man so sagen; es ist ja nur die Wahrheit. Aber die Wahrheit steht bei Ihnen nicht hoch im Kurs, wie?“

„Kommt ganz darauf an!“

„Worauf?“

„Wie man’s nimmt, Paddie-Schätzchen.“

„Goddam – ich bin nicht Ihr Paddie-Schätzchen!“

„Nein? Dann geht es Sie auch einen feuchten Kehricht an, in welcher Gesellschaft ich verkehre.“

In diesem Augenblick wurde die Tür von Lelands Büro geöffnet. Ein großer, semmelblonder Mann – er trug einen für die Jahreszeit viel zu hellen und luftigen Anzug – blieb auf der Schwelle stehen und musterte Chef und Sekretärin stirnrunzelnd. „Wie lange soll ich denn zum Donnerwetter noch warten? Es ist jetzt zehn Uhr.“

Leland nahm ihn verblüfft aufs Korn. „Wer sind denn Sie, und wie kommen Sie in mein Büro?“

Der Semmelblonde deutete anklagend auf Paddie. „Ihre tüchtige junge Miss hat mich Punkt halb neun hier eingelassen und gesagt, Mr. Leland werde jeden Augenblick erscheinen. Bei Ihnen dauert, scheint’s, ein Augenblick neunzig Minuten.“

„Sie sind doch wenigstens fünfunddreißig, Mister, Mister …“

„Miller, Pevy Miller“, stellte sich der andere eilig vor. „Ich bin erst 34.“

„Also ein Jahr jünger als ich. Da sollten Sie längst wissen, dass Frauen immer übertreiben, wenn nicht sogar lügen.“

„Mister Leland!“, schnaubte Paddie entrüstet.

„Aber kommen Sie, lieber Miller“, fuhr Leland gewandt fort. „Treten Sie ins Zimmer zurück und sagen Sie Onkel Doktor Leland, wo’s weh tut.“ Er schob Miller in das gemütlich, wenn auch nicht allzu teuer eingerichtete Privatbüro und bot ihm Platz und einen Whisky an. Miller nahm nur Platz.

Leland setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch und fixierte ihn kurz. Er sah grobe, aber intelligente Gesichtszüge, die zugleich etwas Unaufrichtiges, wenn nicht Verschlagenes hatten, und bat erneut, alles Nötige zu sagen.

Miller betrachtete stirnrunzelnd seine breiten, kurz geschnittenen Nägel und gab seinem Herzen einen Stoß. „Also, das ist so, Mr. Leland: Ich wohne seit einer Woche im El Stacco. Holl, der Manager, hat Sie mir empfohlen. Als den Privatdetektiv von San Diego.“

„Gerald Holl übertreibt aus Freundschaft.“

„Das scheint mir auch so“, stimmte Miller frech zu, „aber in der Not …“

„… nimmt Mister Miller mit dem kleinen Henry Leland vorlieb“, nickte der Detektiv. Besser hätte sich sein neuer Klient gar nicht bei ihm einführen können. „Also, heraus mit der Sprache, lieber Miller; time ist money.“

„Jetzt auf einmal, wie?“, giftete sich der andere. „Nachdem ich anderthalb Stunden meiner kostbaren Zeit vertan habe.“

„Niemand hat Sie gezwungen zu warten!“

„Sie sind aufs Verdienen nicht angewiesen?“

Leland wurde ernst. „Wie jeder bin ich aufs Verdienen angewiesen – aber nicht so sehr, dass ich mir in meinem eigenen Büro Grobheiten an den Kopf werfen lasse. Kommen Sie jetzt zur Sache, oder suchen Sie sich einen anderen Detektiv – ganz nach Belieben.“

Miller wiegte ärgerlich den Kopf. „Dadurch, dass wir einander ankläffen ist keinem geholfen. Well, will Ihnen die Sache erzählen. Ich kam vor drei Wochen aus Afrika nach New York zurück. Ich habe das Vermächtnis eines Toten zu erfüllen. Max Schooltz ist in Nairobi in meinen Armen gestorben. Ich will Ihnen alles sagen, was er mir kurz vor seinem Tod mitgeteilt hat. Er war vor Jahren mit einer gewissen Suzette du Bryse liiert und hat sich im Krach von ihr getrennt. Suzette ist Mitte November 1954 nach San Diego gekommen und hat zunächst im Smith’’ Wohnheim für Mädchen gewohnt. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Auftrag für Sie, Leland: Finden Sie Suzette. Ich habe ihr von Schooltz etwas zu übergeben, etwas von Wert.“

„Woher stammten Schooltz und Miss de Bryse?“

„Ich habe leider keine Ahnung!“

„Das verstehe ich nicht; in Schooltz Pass muss doch der letzte amerikanische Wohnsitz eingetragen gewesen sein.“

„Schooltz hatte keinen Pass!“ Millers Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Sie werden mir schon glauben müssen, Mr. Leland. Ich habe Ihnen über Suzette de Bryse alles gesagt, was ich selbst weiß; ich habe nicht die Absicht, andere – für den Fall unerhebliche – Angelegenheiten mit Ihnen zu erörtern.“

Leland lächelte sekundenlang dünn, wurde aber sofort wieder ernst.

„Ihr Auftrag, Mr. Miller, ist genau von der Art, von der viele meiner Berufskollegen heimlich träumen. Ich könnte Ihnen ja jetzt einen dicken Vorschuss abnehmen und Sie eine Woche oder auch zehn Tage hinhalten und danach mit Bedauern erklären, dass ich leider keinen Erfolg gehabt hätte. Auf diese Tour reise ich nicht! Ich sage Ihnen gleich das einzige, das es hier zu sagen gibt: Wenden Sie sich mit Ihrem Wunsch an die Polizei. Sie hat – gerade in solchen Fällen – ganz andere Möglichkeiten; außerdem hat sie in jedem Fall das eine mir voraus: sie arbeitet völlig kostenlos!“

Miller stierte den Privatdetektiv giftig an. „Die Polizei bleibt aus dem Spiel!“ Er machte eine sehr entschiedene Geste. „Und dafür habe ich meine Gründe. Sind Sie bereit anzunehmen – oder lehnen Sie den Auftrag ab?“

„Well, ich nehme an – aber ich sage Ihnen gleich, Sie werfen unter Umständen Ihr gutes Geld zum Fenster hinaus! Kommen Sie mir hinterher ja nicht mit Klagen! Ich habe Ihnen reinen Wein eingeschenkt.“

Der andere akzeptierte schweigend.

Wie Sie vorhin erwähnten, halten Sie sich bereits eine volle Woche in San Diego auf“, fuhr Leland fort. „Vermutlich haben Sie schon auf eigene Faust Nachforschungen betrieben?“

„Stimmt, aber ohne Erfolg. Smith’’ Wohnheim für junge Mädchen scheint hier völlig unbekannt zu sein.“

„Gibt es sonst noch etwas von Belang zu erwähnen?“

„Nein!“ Miller erhob sich. „Wie viel Vorschuss möchten Sie haben?“

„Vierhundert Dollar werden genügen.“

Miller griff in die Tasche und holte achtlos vier zerknüllte Fünfziger heraus. „Stellen Sie mir eine Quittung über zweihundert Dollar aus. Sie scheinen mich zu überschätzen. Ich bin kein Millionär!“

„Und ich bin kein Pferdehändler!“, konterte Leland eisig. „Entweder Sie zahlen vierhundert Vorschuss, oder ich muss meinen Rat wiederholen, sich an die Polizei zu wenden.“

Miller errötete, und seine Zornesader schwoll an. Er wollte eine heftige Bemerkung machen, unterdrückte sie aber und bequemte sich endlich widerwillig dazu, weitere Zweihundert auf den Tisch zu legen.

Er erhielt seine Quittung und die Versicherung, man werde ihm Nachrichten über einen etwaigen Erfolg der Nachforschungen ins Hotel schicken.

Der neue Klient war damit einverstanden und ließ sich in den Korridor begleiten, wo er sich von Leland sehr frostig verabschiedete.


*


Das Haus 35 Indian Reservation, San Diego – in dem die Detektiv-Agentur Leland ihre Büroräume hatte – war ein fünfgeschossiges, neuerbautes Geschäftshaus in bester Lage. Außer Leland waren zwei Zahnärzte, ein Rechtsanwalt, ein Gynäkologe und verschiedene Agenturen dort untergekommen.

Einige Minuten nach Millers Verabschiedung betrat ein massiger, grauhaariger Gentleman von etwa vierzig Jahren Lelands Büro. Er war gewandt und clever und sehr elegant gekleidet. Zwischen seinen wulstigen Lippen baumelte eine dünne Zigarette, die er auch beim Sprechen nicht aus dem Mund nahm.

Leland winkte seinem Assistenten Rayllor, sich zu setzen.

Bob Rayllor hatte von seinem eigenen Büro aus über die Haussprechanlage das Gespräch zwischen Miller und Leland mitgehört.

„Dein Eindruck, Bob?“, fragte Leland.

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Der Kerl lügt wie gedruckt! An Burschen seines Schlages kann man sich höchstens die Finger verbrennen. Warum hast du den Auftrag überhaupt angenommen?“

„Möglicherweise aus purem Interesse“, Lelands Augen richteten sich durch das geöffnete Fenster ins Leere, „oder besser gesagt, ich hatte ganz einfach die jähe Eingebung, mich mit dem Fall beschäftigen zu sollen. Suzette de Bryse werden wir finden, wenn sie überhaupt jemals in San Diego gewesen ist. Ebenso wichtig erscheint es mir, die wirkliche Identität Millers herauszubekommen.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür; Paddie Curzon streckte ihren blonden Wuschelkopf ins Zimmer. „Ich habe eben in El Stacco angerufen, Henry; die Angaben, die Miller über seinen Hotelaufenthalt gemacht hat, entsprechen der Wahrheit.“

Leland nickte ihr ironisch zu. „Kluges Mädchen. Was würde ich unbedarfter Jüngling bloß ohne Sie anfangen!“

Paddie drehte ihm blitzschnell und graziös eine lange Nase und knallte die Tür hinter sich zu.

Bob Rayllor lachte belustigt.

„Ich habe dein letzten Teil der Lügengeschichte gar nicht mehr mitangehört“, erklärte er, „sondern mich um Millers Wagen gekümmert, einen gelben Chrysler mit der Nummer 6491–59 New Mexiko, ich frage mich, woher eine Person, die vor drei Wochen noch in Nairobi, Afrika war, und danach nach New York geflogen ist, plötzlich zu einem New-Mexiko-Wagen kommt.“

„Du wirst schleunigst Namen und Adresse des Beisitzers feststellen“, bat Leland.

„Das werde ich ganz sicher tun, Henry“, bestätigte sein Assistent nickend, „und dabei höchstwahrscheinlich den wirklichen Namen Millers erfahren.“

„Ach – du meinst … “

„Ich meine, dass Mr. Miller aus New Mexiko stammt und in seinem eigenen Wagen nach San Diego gefahren ist, also schätzungsweise eine Strecke von sechs- bis siebenhundert Meilen. Das ist kein Wochenendausflug. Er scheint sich auf einen längeren Aufenthalt in San Diego eingerichtet zu haben, und es scheint sich um eine Angelegenheit zu handeln, die das Licht des Tages und der Öffentlichkeit scheut.“

„Einverstanden, Bob.“

„Was werden wir unternehmen?“

„Wir teilen uns die Arbeit. Du versuchst, Millers wahre Identität festzustellen, und ich werde mich liebevoll mit Suzette de Bryse beschäftigen.“ Stirnrunzelnd fuhr Leland fort: „Wenn ich nur eine Ahnung hätte, welche Bewandtnis es mit Smith’’ Wohnheim für junge Mädchen hat.“

„Vielleicht kann uns Dariella weiterhelfen?“, fragte Rayllor mehr sich selbst als seinen Chef.

„Meinst du Dariella Conally von der Trocadero Bar?“

„Na wen denn sonst? Sie hat früher einmal eine Pension gehabt, ehe sie sich den lukrativen Job mit der Bar suchte.“

Leland erhob sich. „Okay, dann stimmt die Richtung. Ich werde gleich mal versuchen, Dariella aufzustöbern.“

Leland verließ seine Büroräume und fuhr mit dem Lift in den Keller, um dort auf dem direkten Weg in den Hof zu gehen, wo sein Ford abgestellt war.

Er stieg ein, startete den Motor und zündete sich eine Zigarette an, ehe er losfuhr.

Der erste September war ein drückend heißer feuchtigkeitsschwangerer Spätsommertag. Die Wäsche unter dem hauchdünnen Anzug klebte auf Lelands schweißnassem Körper. Er warf verdrossen seine Pall Mall in hohem Bogen auf die Straße. Nichts schmeckte ihm bei dieser Hitze.

Einige Häuserblocks vor dem abgesperrten Terrain des Flottenstützpunktes bog er nach rechts ab, fuhr später am Bischofspalais vorbei und erreichte die riesigen Fabrikanlagen des Industrieviertels mit seinen Obstkonservenfabriken, um später in ein sandiges Seitental einzubiegen und am Ende in der Nähe eines hell gestrichenen Bungalows zu stoppen, hinter dem die weiße Fassade eines schlossartigen Gebäudes im Licht flimmernder Sonnenstrahlen glänzte.

Nachdem er an der Bungalowtür geläutet hatte, öffnete eine adrette Negerzofe und musterte ihn aus großen, glänzenden Augen.

„Guten Tag, mein Kind, hier ist meine Karte. Melden Sie mich bitte Miss Conally.“

„Guten Tag, Sir“, erwiderte das Mädchen höflich. „Miss Conally ist eben erst aufgestanden. Ich weiß nicht, ob sie schon empfängt.“

„Sagen Sie ihr bitte, ich käme auf eine Empfehlung von Bob Rayllor, und es sei sehr wichtig.“

„Will es versuchen, Sir. Nehmen Sie bitte einen Moment im Vestibül Platz.“

Das Mädchen entfernte sich durch eine Klapptür und beäugte dabei neugierig Lelands Geschäftskarte.

Nach wenigen Minuten kam sie zurück. Sie sagte, Miss Conally wolle Mr. Leland ausnahmsweise empfangen, sobald sie ihre Toilette beendet habe, Mr. Leland möge sich noch einige weitere Augenblicke gedulden.

Die weiteren Augenblicke dauerten genau 28 Minuten. Leland hatte inzwischen einige Zigaretten geraucht und sich in die neueste Nummer von Womans Magazine vertieft.

Plötzlich stand die Zofe wieder vor ihm, machte ihn durch ein Hüsteln auf sich aufmerksam und sagte: „Miss Conally ist jetzt soweit – bitte mir zu folgen.“

Der Privatdetektiv wurde in ein mit dezentem Geschmack eingerichtetes Boudoir geführt und verbeugte sich knapp vor der mittelgroßen Frau, die eben durch die zweite Tür eintrat. Sie trug eine schwarze Flanellhose, schwarze Mokassins und eine ebenfalls schwarze Nylonbluse mit tiefem Ausschnitt. Sie hatte die dreißig längst hinter sich, sich aber eine jugendfrische, erstaunlich straffe Figur bewahrt mit schmalen, sanft gerundeten Hüften und einer kräftigen vollen Brust. Ihr dunkelblondes Haar war zu einer Art Pferdeschwanz zurückgekämmt und am Hinterkopf durch ein Samtband zusammengehalten. Trotz ihrer Vorliebe für Schwarz sah Miss Conally erstaunlich lebendig und frisch aus.

„Ich bin Dariella Conally“, sagte sie mit dunkler Stimme. „Nehmen Sie Platz, Mr. Leland, und schießen Sie los. Entschuldigen Sie den etwas frostigen Empfang, aber ich bin am Morgen immer ungenießbar, und es dauert seine Zeit, bis ich endlich in Fahrt komme.“

Leland wartete, bis sie Platz genommen hatte, und setzte sich ebenfalls. „Wenn Sie jetzt ungenießbar sind“, gab er höflich zurück, „dann möchte ich Sie wahrlich einmal aufgetaut erleben.“

Sie gönnte ihm ein strahlendes Lächeln, das allerdings jäh wieder abriss. „Herzlichen Dank für das reizende Kompliment! Aber ich nehme nicht an, dass Sie zum Süßholzraspeln hierhergekommen sind – ich habe Sie überhaupt nur empfangen, weil Sie mit meinem alten guten Freund Bob Rayllor zusammenarbeiten – bitte, fassen Sie sich kurz!“

„Well – es handelt sich lediglich um eine Auskunft, Miss Conally. Ich soll den gegenwärtigen Aufenthalt einer gewissen Suzette de Bryse ermitteln. Die letzte Spur führt hierher nach San Diego. Das Mädchen soll Mitte November 1954 in Smith’ Wohnheim für junge Mädchen gewohnt haben. Dieses Wohnheim ist uns völlig unbekannt; Bob meinte nun, Sie könnten mir vielleicht einen Tipp geben, nachdem Sie damals ein ähnliches Unternehmen betrieben hätten.“

Dariella Conally betrachtete ihn aufmerksam und – wie es ihm schien – etwas lauernd.

„Haben Sie jetzt die Wahrheit gesprochen, oder mir eine Glatteisstrecke unter die Nase geschoben?“, fragte sie mit entwaffnender Offenheit.

„Ehrenwort – ich habe die reine Wahrheit gesprochen.“

„Nun, dann kann auch ich meinerseits die Wahrheit sagen“, meinte die sympathische Blondine nach kurzem Überlegen. „Smith’ Wohnheim – der Name war nur für den Hausgebrauch bestimmt, nach meinem Kompagnon Smith. Ich spreche nicht gern über diese Episode, denn wir haben die ganze Sache damals falsch angefangen, und sie endete mit einer großen Pleite und mit dem Verlust eines Vermögens; allerdings nicht meines Vermögens.“

„Dann handelt es sich also um Ihr damaliges Etablissement, wenn ich Sie recht verstehe?“, fragte Leland lebhaft. „Und Smith hat damals sein Vermögen verloren? Aber das geht mich schließlich nichts …“

„Sehr richtig. Moment – sagten Sie nicht gerade Suzette de Bryse?“

„So heißt die Gesuchte.“

Dariella stützte in angestrengtem Nachdenken das Kinn in die offene Hand. „Wenn ich mich recht erinnere – das Mädchen war noch blutjung, etwa zweiundzwanzig; kam es nicht aus New Mexico nach San Diego?“

„Das könnte stimmen“, bestätigte Leland hoffnungsvoll.

„Wenn Sie ein Bild hätten …“

Der Detektiv schüttelte den Kopf. „Habe ich leider nicht. Aber wenn Sie sich schon entsinnen: Was war Suzette für ein Mensch?“

„Sie scheinen aber sehr wenig zu wissen, mein Bester!“, musste er sich sagen lassen. „Ja, was war Suzette de Bryse für ein Mensch?“ Dariella starrte beharrlich den Teppich an. „Sie war kaum zweiundzwanzig, wie ich schon erwähnte; schwarzhaariger, sehr zarter, graziler französischer Typ; vermutlich stammte sie, wie auch der Name beweist, von Franzosen ab. Ich glaube mich erinnern zu können, dass sie als technische Zeichnerin ausgebildet war – richtig, das war es. Sie hat nur einen Monat bei uns gewohnt und dann einen Mann kennengelernt. Das typische Schicksal des

Gänschens vom Lande. Man schnuppert in die große Welt, hat sich endlich aus der Enge des Elternhauses befreit, lernt die große Liebe seines Lebens kennen – und hinterher gibt es ein grausames Erwachen.“

Leland spitzte die Ohren. „Ist es Miss de Bryse so ergangen?“

„Vermutlich“, wurde ihm trocken bedeutet. „Genaues weiß ich nicht. Ich dachte im Moment mehr an mein eigenes Schicksal. Wie hieß der Mann bloß, den Suzette damals kennenlernte? Er hat sie übrigens auch veranlasst, nach kaum einem Monat bei mir auszuziehen. Ja, ich glaube, Powell oder Power, zumindest so ähnlich. Er war von Beruf Ingenieur und muss irgend etwas mit Flugzeugen zu tun gehabt haben – tja, mein bester Mr. Leland“, Dariella hob den Kopf, „das wäre es gewesen; alles, was ich weiß. Mehr kann ich leider auch nicht sagen.“

Leland stellte vorsichtig noch einige Fragen, gewann aber recht bald die Überzeugung, dass er bereits alles erfahren hatte, was Miss Conally selbst wusste, und verabschiedete sich schnell höflich.


II.

Leland fuhr zur Südgrenze der Stadt und aß dort in einem intimen französischen Restaurant gut zu Mittag. Im beruflichen Einsatz konnte er ohne Weiteres auf kulinarische Genüsse verzichten – aber nur dann, wenn es unumgänglich nötig schien. Unter normalen Umständen aber war er genau das, was man ein Leckermaul nennt, und es kam ihm mehr auf die Qualität des Gebotenen als auf die Menge an.

Als er gegessen hatte, ließ er sich das Telefonbuch bringen und sah den Buchstaben „P“ auf männliche Träger der Namen Power oder Powell durch.

Es gab dreizehn Powells und sieben Powers; auf den ersten Blick kam von den Powells keiner und von den Powers nur einer in Frage: Power, Gordon, Ingenieur und Vizepräsident der De Witt-Flugzeugwerke, Privatwohnung: Haus Barbara, Darton Point. Leland schrieb die Adresse in sein Taschenbuch, zahlte und verließ das Lokal, um zu den De Witt-Flugzeugwerken zu fahren.

Die De Witt-Werke waren nicht das größte Unternehmen der Flugzeugindustrie, die sich nach dem ersten Weltkrieg in San Diego angesiedelt hatten, aber ihre Fertigungsanlagen machten einen großzügigen und gediegenen Eindruck: ein großes Gelände in der Nähe der Bucht, zwanzig Werkhallen mit verglasten Sägedächern inmitten gepflegter Rasenflächen und Büsche, ein dreistöckiges Verwaltungsgebäude und – ganz am hinteren Ende – ein großer werkseigener Flugplatz.

Als Leland seinen Ford mühsam in die einzige freie Lücke am Parkplatz hineinzwängte, startete eben eine zweisitzige Zivilmaschine mit heulendem Düsenmotor. Vier weitere Tiefdecker unterschiedlicher Größe schlugen über dem Waldstück drei Meilen ostwärts des Platzes tolle Kapriolen.

Am Werkstor wurde Leland von einem einarmigen Veteranen aufgehalten und nach seinen Wünschen gefragt. Im Verlauf der Unterhaltung stellte sich heraus, dass Mr. Power für ein paar Tage verreist war, und dass er nicht nur Vizepräsident der Gesellschaft, sondern auch ihr technischer Direktor war.

45 Minuten nach seiner Ankunft landete Leland endlich bei einer Miss Castlenew, der Privatsekretärin Powers.

Für ihre verantwortungsvolle und schwierige Stellung war Miss Castlenew erstaunlich jung. Leland schätzte sie auf allerhöchstens 23 Jahre. Ihre Beine waren lang und sehr rassig, ihre Lippen fast zu üppig und zu grell geschminkt, ihr Gesicht pikant, und ihre Figur hätte sich auf der Titelseite eines Herrenjournals ausgesprochen auflagefördernd ausgewirkt.

Sie empfing den Privatdetektiv sehr höflich, drückte aber in Benehmen und Haltung gleichzeitig eine solch unverschämte, arrogante Sicherheit aus, dass sich Leland des Verdachtes nicht erwehren konnte, sie nehme bei Power eine Stellung ein, die über die einer bloßen Privatsekretärin bei weitem hinausginge.

„Detektive gehen bei uns ein und aus“, erklärte Miss Castlenew, nachdem sie ihren Besucher eingehend gemustert hatte, „aber es handelt sich durchweg um beamtete Detektive. Was führt Sie zu uns, Mr. Leland?“

„Eigentlich möchte ich in einer sehr dringenden Angelegenheit Mr. Power selbst sprechen.“

„Tut mir leid“, Miss Castlenew zuckte die Achseln. „Gordon – pardon: Mr. Power – ist geschäftlich verreist und kommt erst morgen Abend oder übermorgen früh zurück. Vielleicht kann ich Ihnen dienlich sein?“

„Kaum!“ Leland zuckte die Achseln. „Ich habe einen Suchauftrag übernommen, und zwar handelt es sich um eine junge Dame, die vor fünf Jahren nach San Diego kam und von Beruf technische Zeichnerin war. Sie soll Mr. Power kennengelernt und von ihm einen Job erhalten haben – aber das ist weiter nichts als ein vage Vermutung.“

„Möglich ist schließlich alles“, erklärte die Sekretärin mit verächtlich geschürzten Lippen. „Würden Sie mir den Namen der jungen Dame sagen? Ich arbeite bereits sieben Jahre bei den De Witt-Werken; ich fand hier als blutjunges Ding meine erste Stellung. Vielleicht kann ich mich an die Gesuchte erinnern.“

„Der Name ist Suzette de Bryse“, erklärte der Detektiv ernst. „Sie war damals zweiundzwanzig oder einundzwanzig Jahre, eine zarte, schwarzhaarige Erscheinung von ausgesprochen französischem Typus.“

„Suzette de Bryse?“, wiederholte Miss Castlenew stirnrunzelnd. „Ein ungewöhnlicher Name – wenn ich ihn je gehört hätte, würde ich mich ganz bestimmt erinnern.“

„Also nichts“, stellte Leland betroffen fest. „Könnten Sie vielleicht trotzdem bei der Personalabteilung …“

„Das wollte ich eben selbst vorschlagen. Nehmen Sie doch bitte einen Augenblick Platz!“

Sie griff zum Telefonhörer, wählte eine Nummer und brachte bei einem Mädchen ihren Wunsch vor, das sie mit „Maggy“ ansprach. Daraufhin musste sie eine Weile warten; danach meldete sich Maggy wieder.

Miss Castlenew sagte: „Also nicht? Das habe ich mir gleich gedacht! – Nein, Maggy, vielen Dank, das ist nicht nötig!“

Sie legte auf und wandte sich wieder lebhaft an Leland.

„Wie Sie selbst hören konnten, Mr. Leland, war Suzette de Bryse bei uns nie angestellt. Ich glaube überhaupt – auch ohne die näheren Zusammenhänge zu kennen – dass Sie auf einer Fehlspur sind.“

„Und was bringt Sie zu dieser Überzeugung?“

Die reizvolle Sekretärin wand sich eine Weile verlegen hin und her und wollte nicht recht mit der Sprache heraus, fasste sich aber dann doch ein Herz und erklärte: „Was ich jetzt sage, bleibt hoffentlich ganz unter uns?“

„Sie können sich ganz darauf verlassen!“

Ein plötzlich aufgetauchter Gedanke schien Miss Castlenew unerhört zu amüsieren. Sie lachte kurz und trocken auf, beherrschte sich schnell wieder, warf Leland einen ängstlichen Seitenblick zu und begann von Neuem: „Wenn ein Mann einem weiblichen Greenhorn dabei behilflich ist, irgendwo festen Fuß zu fassen, tut er das wohl kaum aus uneigennützigen Beweggründen. Nun stand Mr. Gordon Power damals, vor fünf Jahren, kurz vor seiner Verlobung mit Barbara De Witt, der Tochter des Geschäftsführers und Hauptgesellschafters unseres Unternehmens. Ich glaube nicht, dass er durch besonderes Interesse für eine andere die einmalige Chance, die sich ihm bot, leichtfertig verspielt hätte.“

„Damit mögen Sie recht haben, Miss Castlenew“, pflichtete ihr Leland bei, fügte aber insgeheim hinzu: Leider reagieren Männer nicht selten ganz anders, und du, meine Gute, bist das beste Beispiel dafür.

Er erhob sich. „Entschuldigen Sie bitte die Störung, Miss Castlenew! Unter Umständen werde ich in den nächsten Tagen noch einmal hier vorsprechen. Vielleicht legen Sie für mich bei Mr. Power ein gutes Wort ein, damit er mich empfängt.“ Er verneigte sich knapp und verließ das Büro.

Dabei spürte er körperlich, wie sich Miss Castlenews Blicke in seinen Rücken bohrten.

Über seine nächsten Schritte war er sich völlig im Klaren. Er würde dem wackeren Gordon Power Blumen auf den Weg streuen. Ob das seiner eigenen Aufgäbe förderlich oder hinderlich sein, würde, konnte er im Augenblick noch nicht entscheiden.


*


Der Privatdetektiv fand Haus Barbara in der besten Villenlage von San Diego, ein weißes, einstöckiges Gebäude mit flachem Dach, das wie ein mit zwei multiplizierter Bungalow wirkte, inmitten eines weitläufigen Gartengrundstückes, das freilich im wesentlichen mit Salbei- und Sanddornbüschen, sowie mit einigen verkrüppelten Bäumen bewachsen war. Es sah ganz so aus, als habe man sich zunächst mit der Anläge eines Parks große Mühe gegeben, aber auf halbem Weg den Mut verloren und die weitere gärtnerische Gestaltung einfach verkümmern lassen.

Eine korrekt gekleidete ältere Schwarze saß stickend neben einem rosa ausgepolsterten Babykorb und ließ dabei einen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kennen Sie Suzette? Kriminalroman" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen