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Kelwitts Stern

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1
  5. 2
  6. 3
  7. 4
  8. 5
  9. 6
  10. 7
  11. 8
  12. 9
  13. 10
  14. 11
  15. 12
  16. 13
  17. 14
  18. 15
  19. 16
  20. 17
  21. 18
  22. 19
  23. 20
  24. 21
  25. 22
  26. 23
  27. 24
  28. Über den Autor

1

Auf einem weit entfernten Planeten, irgendwo nahe des Zentrums unserer Milchstraße, herrscht der Brauch, jedem Neugeborenen einen eigenen Stern am Himmel zu schenken.

Nun ist die Zahl der am Nachthimmel mit bloßem Auge sichtbaren Sterne geradezu sprichwörtlich beeindruckend – und auf Planeten nahe des dichten Milchstraßenzentrums sogar noch weitaus beeindruckender, als wir das auf der Erde gewöhnt sind -, dennoch braucht eine derartige Sitte selbst diesen Vorrat rasch auf. Nicht rasch genug andererseits, als dass besagter Brauch nicht zur lieben Gewohnheit, zu einer geschätzten Tradition, mit anderen Worten, zu einem ehernen Bestandteil einer Kultur werden könnte. Und weil niemand ausgerechnet bei den eigenen Kindern mit Traditionen brechen will, erfanden die Bewohner des besagten Planeten notgedrungen das Teleskop. Die ersten Teleskope erschlossen eine Vielzahl weiter entfernte Sterne, ausreichend für Generationen, denen wiederum Zeit blieb, weitere, noch größere Teleskope zu entwickeln, und immer so fort. So kam es, dass die Bewohner des Planeten Jombuur nahe des Zentrums unserer Milchstraße die besten Astronomen des gesamten bekannten Universums wurden.

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis auch unsere eigene Sonne an einen neugeborenen Jombuuraner verschenkt wurde.

Um genau zu sein: das ist noch gar nicht so lange her.

Die bleigrauen Wellen manschten träge gegen die Liegefelsen, überspülten sie mit dünnen, schaumigen Strudeln und machten ein gurgelndes Geräusch, wenn sie wieder zurück ins Meer flossen. Ein Geräusch, das irgendwie unanständig nach Verdauung klang, fand Kelwitt. Er lag da, sah den silberglänzenden Strichwolken nach, die den Himmel wie geheimnisvolle Schriftzeichen überzogen, und dachte darüber nach, was ihm einer vom Nachbarschwarm heute Morgen in der Marktmulde erzählt hatte.

»Und?«, hörte er Parktat fragen. Parktat lag neben ihm. Vorhin hatte er angefangen, die vierzehnte Kontemplation Jamuunis über die Freude des Existierens zu rezitieren, in langen, melodischen Gesängen, und Kelwitt hatte die Ohrenfalten zugedrückt.

»Oh, ja«, beeilte er sich zu versichern und tat, als habe ihn das alles sehr ergriffen. Wie es ja von einem erwartet wurde, wenn Jamuuni rezitiert wurde. »Sehr beeindruckend.«

Parktat setzte sich auf. »Das ist keine Antwort.«

»Antwort?«

»Ich habe dich etwas gefragt.«

Oh. Erwischt. Das hatte er nicht mitbekommen. »Ach so. Hmm. Tut mir leid. Ich fürchte, ich war so entrückt von Jamuunis Worten, dass mir das völlig entgangen ist.«

Parktat ächzte nur. Er glaubte ihm kein Wort. »Ich habe dich gefragt, ob du endlich weißt, was du nach der Großjährigkeit machen willst.«

»Ach so, das.« Kelwitt machte die Geste des Überdrusses. »Nein, keine Ahnung.«

»Hast du über das Angebot nachgedacht, zu den Lederhäuten zu gehen?«

Kelwitt wandte den Kopf ab. »Nein.«

»Das solltest du aber. Ich an deiner Stelle …«

»Du bist aber nicht an meiner Stelle.«

»Kelwitt! Immerhin bin ich einer deiner Brüter. Da werde ich mir ein paar Gedanken über deine Zukunft machen dürfen. Und das Angebot der Lederhäute klingt nicht schlecht.«

»Zu den Lederhäuten? Nach zehn Sonnenumläufen eine Haut zu haben wie ein Greis? Nein danke. Und überhaupt, ich kann die Berge nicht ausstehen.«

Parktat stieß tadelnde Pfiffe aus. »Wenn du immerhin schon mal weißt, was du nicht willst, wäre das auch schon ein Fortschritt. Dann ist klar, dass du zu einem der Schwärme gehen musst, die an der Küste leben.«

»Hmm. Toll. Mein Leben lang Meergras ernten. Oder Grundschleimer fangen. Wirklich toll.«

»Oh, Jamuuni! Du weißt aber auch nicht, was du willst.«

»Nein, zum Dunkelgrund, ich weiß es nicht! Ich weiß nicht, was das Beste für mich ist! Woher denn auch?« Das abfließende Wasser gurgelte und röhrte besonders unanständig, während Kelwitt damit herausplatzte.

Eine Weile schwiegen sie. Kelwitt sah wieder den Wolken nach und wünschte sich, ihre Schrift entziffern zu können.

»Du könntest mit einem der Jungen von den Nachbarschwärmen tauschen«, schlug Parktat schließlich vor. »Das ist vielleicht das Beste für den Anfang. Die triffst du doch immer in der Marktmulde, da müsst ihr doch auch über dieses Thema sprechen, oder?«

Vielleicht war es das Beste, nicht lange mit dem herumzumachen, was ihn seit heute Morgen beschäftigte. »Ja«, sagte Kelwitt. »Tun wir.«

»Und? Was haben die anderen vor?«

»Sie machen die Orakelfahrt.«

Er konnte förmlich hören, wie Parktats Sprechritze erschlaffte. »Oh«, blubberte er undeutlich. »Dieser alte Aberglaube …«

»Es soll Glück bringen, seinen Stern zu besuchen.«

»Ja, ja.«

»Und man kann dabei erfahren, was für ein Leben man führen wird. N’etehu hat ein ganzes Buch darüber. Wenn der Stern sieben Planeten hat, dann wird das Leben nur kurz sein und unglücklich enden. Hat er neun Planeten, erlangt man Weisheit. Ein gelb leuchtender Planet mit zwei Monden bedeutet, dass man am Wasser leben soll. Ein schwarz glänzender Planet bedeutet, dass man unter geistigen Störungen leiden wird …«

»Dieser ganze unausrottbare Orakelfahrt-Humbug ist eine geistige Störung, wenn du mich fragst.«

Kelwitt setzte sich auf. »Aber so könnte ich erfahren, was für mich das Beste ist!«

»Dazu musst du nicht durch die halbe Galaxis fahren. Es würde reichen, wenn du einfach mal gründlich nachdächtest.«

»Hast du denn keine Orakelfahrt gemacht, ehe du großjährig wurdest?«

Parktat stieß einen schrillen Pfiff aus, verschränkte die Arme und sah hinaus aufs Meer. In einiger Entfernung glitt ein glitzernder Wassersegler mit aufgeblähten Trageblasen dahin, verfolgt von einem Schwarm schimmernder Symbionten. »Ich glaube, es wird Zeit, dass ich nach den Meergrassammlern sehe. Einer von ihnen hat gestern so seltsame Geräusche von sich gegeben. Wahrscheinlich ist wieder ein Lager kaputt.«

»Hast du keine Orakelfahrt gemacht?«

»Ach, hör mir mit dem Unsinn auf. Ich wollte ein ernsthaftes Gespräch mit dir über deine Zukunft führen, wozu ich als einer deiner Brüter ja wohl das Recht haben sollte. Und alles, was dir einfällt, ist das.«

»Entschuldige. Aber N’etehu sagt, die Orakelfahrt ist ein Brauch, der fast genauso alt ist wie der Brauch, zur Geburt einen Stern zu schenken.«

»Das ist ja wohl kaum möglich.«

»Naja, natürlich mussten erst Raumschiffe erfunden werden und all das. Aber das ist ja schließlich auch schon ewig her.«

»Und die Sternstraßen mussten entdeckt werden. Das ist zwar auch schon eine Weile her, aber ewig würde ich es nicht nennen.«

»Von mir aus. Aber N’etehu sagt, jeder Jombuuraner macht die Orakelfahrt.«

»N’etehu sagt, N’etehu sagt – redest du alles nach, was andere sagen?«

»Ich wollte bloß wissen, ob du damals deine Orakelfahrt gemacht hast oder nicht.«

Parktat wandte den Blick zum Himmel und stieß einen lang gezogenen, klagenden Laut aus. Dann meinte er dumpf: »Von mir aus -ja, habe ich.«

Kelwitt musste an sich halten, um nicht triumphierend aufzulachen.

Und das hatte ihm sein Brüter nie gesagt, ihn sogar im Unklaren gelassen darüber, dass es so etwas wie eine Orakelfahrt gab! »Wirklich?«, fragte er neugierig. »Du hast deinen Stern besucht? Erzähl -was hast du gefunden?«

»Parktats Stern hat drei Planeten. Einer davon leuchtete gelb und hatte zwei Monde.«

»Das bedeutet, dass du am Wasser leben sollst!«

»Ja. Deshalb bin ich hierhergekommen. Ich hatte damals auch ein Angebot eines Lederhaut-Schwarms, drüben in den Silberbergen, aber ich habe es ausgeschlagen und bin hierhergekommen.«

»Um am Wasser zu leben.«

»Und seither repariere ich alle Maschinen, die wir haben. Wenn ich zu den Lederhäuten gegangen wäre, würde ich wahrscheinlich welche erfinden!«

Kelwitt rückte näher an ihn heran. »Hilfst du mir, eine Passage zu bekommen?«

»Lass uns das heute Abend besprechen, wenn alle zusammen sind«, erwiderte Parktat und glitt vom Liegefelsen hinab ins Wasser. »Aber du könntest mir bei den Grassammlern helfen.«

Kelwitt zögerte. Das roch ziemlich nach Erpressung, und Parktat wusste genau, dass Kelwitt die Wartung von Robotern herzlich zuwider war. Aber wahrscheinlich tat er gut daran, ein paar Punkte zu sammeln. »In Ordnung«, meinte er also und folgte Parktat ins Meer.

Opnaah kratzte sich ausgiebig die schütteren Brustschuppen, während er nachdachte. Er war der Schwarmälteste, und ehe er nicht seine Stellungnahme zu Kelwitts Wunsch abgegeben hatte, geziemte es sich für die anderen nicht, zu sprechen.

Kelwitt hatte sein Möglichstes getan, um die Versammlung des Schwarms für sich einzunehmen. Er hatte den Versammlungsraum gewischt und hergerichtet, hatte die gläsernen Abdeckungen über den Feuerstellen gereinigt, frische Zierkorallen aufgestellt und die Ruhemulden der Ältesten mit Duftöl eingerieben. Nun saß er, was die anderen Kinder neidvoll kommentiert hatten, zum ersten Mal in der Runde der Erwachsenen und beobachtete Opnaahs Nachdenken genauso gespannt wie diese.

»Orakelfahrten«, ließ der Schwarmälteste sich schließlich vernehmen, »dauern von Generation zu Generation immer länger. Nicht wahr, die Grenze der Namenlosigkeit schiebt sich immer weiter hinaus, immer weiter von Jombuur weg, die Fahrt führt also über immer größere Distanzen. Eine ganz natürliche Entwicklung.«

Allgemeine Gesten der Zustimmung ringsum.

»Deswegen versucht man heutzutage, von dem Brauch der Orakelfahrten wegzukommen. Zumal außer Frage steht, dass es sich dabei um einen Aberglauben handelt, der mit den Lehren Jamuunis nicht das Geringste zu tun hat.«

Kelwitt duckte sich. Wieder allgemeine Zustimmung. Das schien alles in die falsche Richtung zu laufen.

»Jamuuni schuf den Brauch der Sterngabe, als er Bandarat, seinem Erstgeborenen, die aufgehende Sonne zum Geschenk machte«, fuhr Opnaah gedankenvoll fort. »Es heißt, er wollte damit verhindern, dass man unsere Sonne nach ihm benenne. Nun gut – andererseits war auch Bandarat eine sehr einflussreiche Persönlichkeit; letztendlich lassen sich fast alle Regeln und Strukturen unserer Gesellschaft auf ihn zurückführen. Er war es auch, der das Amt des Kartographen schuf und damit die Grundlagen für die Sterngabe, wie wir sie heute betreiben. Dank ihm ist sichergestellt, dass ein Stern niemals zweimal verschenkt wird.«

Kelwitt sah sich verstohlen um. Die anderen sahen drein, als hörten sie all diese Binsenweisheiten zum ersten Mal.

»Jamuuni wollte uns mit allem, was er gesagt und getan hat, immer daran erinnern, dass wir Individuen sind, nicht nur Teile eines Schwarms. Das Bewusstsein, dass es einen Stern im Universum gibt, der nach uns benannt ist, der unseren Namen trägt und der niemals den Namen eines anderen tragen wird, hilft uns, uns dessen bewusst zu bleiben. Und jedes Mal, wenn wir nachts zum Himmel sehen und die Sterne erblicken, werden wir wieder daran erinnert. Das ist es, worum es bei der Sterngabe geht.« Opnaah blickte Kelwitt eindringlich an. »All das hat nichts zu tun damit, wie viele Planeten um diesen Stern kreisen, welche Farben sie haben, ob sie Ringe oder Monde aufweisen oder ob einer von ihnen belebt ist. Und in Jamuunis Schriften wird man nirgends auf den leisesten Hinweis stoßen dafür, dass er derartigen Merkmalen irgendeine Bedeutung für das Leben des Betreffenden zugemessen hätte.«

Schweigen trat ein. Kelwitt erwiderte den Blick Opnaahs, der immer starrer und starrer wurde, und plötzlich merkte er, dass offenbar von ihm erwartet wurde, etwas dazu zu sagen.

»Ähm«, sagte er. Seine Stimmritze bebte und produzierte alberne kieksende Nebengeräusche. »Ja.«

Belustigte Unruhe machte sich ringsherum breit.

»Hast du«, fragte Opnaah, immer noch starren Blicks, »noch etwas anderes dazu zu sagen?«

Kelwitt sah sich beunruhigt um. Er fing einen Blick Parktats auf, der eine Geste des Bedauerns andeutete. Tut mir leid, aber aus deiner Orakelfahrt wird wohl nichts, schien er sagen zu wollen.

»Darf ich … ähm« …, begann Kelwitt hastig, als er merkte, dass Opnaah ungeduldig zu werden begann, »darf ich auch … ähm …?«

»Sprich deutlicher, Kelwitt!«, mahnte der Schwarmälteste. »Ich kann dich nicht verstehen.«

Einige der Älteren begannen sich amüsiert in ihren Mulden zu wälzen, was schmatzende Geräusche verursachte.

Kelwitt sog Luft durch die Stimmritze ein, versuchte des Bebens Herr zu werden. »Darf ich auch etwas fragen?«, wiederholte er, so fest er konnte.

»Bitte.«

»Hast du eine Orakelfahrt gemacht, Opnaah?« Schlagartig war es wieder still.

Opnaah begann wieder, sich ausgiebig die Brustschuppen zu kratzen. Sein Blick, der immer noch auf Kelwitt ruhte, bekam etwas Silbernes.

Es war immer noch still.

Bis auf das Kratzgeräusch.

Jemand gab einen unterdrückten Laut der Ungeduld von sich.

»Wenn ich es andererseits recht bedenke«, ließ sich Opnaah schließlich vernehmen, »haben wir bei den Sternfahrern schon seit längerem allerhand Gefälligkeiten gut. Es wird Zeit, dass wir die einmal einfordern …«

Einen kleinen Mondumlauf später saß Kelwitt in einem Schwingengleiter, der ihn über die Ebene der hunderttausend Seen zum Sternfahrernest bringen sollte. Parktat hatte ihm einen Umbindbeutel mit allerlei Meergrassülzen, getrockneten Schleimerhautstücken und verschiedenen anderen Leckereien mitgegeben. Außerdem hatte Kelwitt sich das gleiche Buch besorgt, das ihm N’etehu gezeigt hatte.

2

In einem Sternenschiff zu reisen war ganz anders, als Kelwitt sich das vorgestellt hatte. Es war vor allem laut. Über Tage und Tage hinweg war das Dröhnen der Motoren zu vernehmen, das ihm zuerst kaum aufgefallen war, sich aber dadurch, dass es niemals aufhörte, zu schierer Unerträglichkeit steigerte. Und es war trocken. Die klimatisierte Luft schien einem förmlich die Nässe von der Haut zu saugen, und selbst die Ruhemulden waren allenfalls feucht zu nennen. Als einziges Zugeständnis an das Wohlbefinden waren hier und da in den endlosen Gängen Duschen angebracht.

An Bord des Schiffes begegnete Kelwitt zum ersten Mal Wesen, die keine Jombuuraner waren. Den Gunradi etwa, fast durchsichtigen Wesen, die auf vielen hundert kleinen Füßen die Gänge entlangkrabbelten und sich über Farbveränderungen in ihrer Haut verständigten. Zwei von ihnen arbeiteten als Piloten, aber sie hatten eine unübersichtlich große Sippschaft dabei, die in einem warmen Raum zu einer großen glibberigen Kugel zusammengewimmelt von der Decke hing und nach verfaultem Meergras roch. Für die beiden Gunradi standen spezielle Armaturen in der Steuerzentrale bereit, mit vielen hundert Schaltern, über die sie das Sternenschiff steuern konnten. Oder der Waijanti: ein düsterer Koloss mit sechs Armen und einem Wabenauge in jeder Fingerspitze, der sich zeitlupenhaft bewegte, sich um die Maschinen kümmerte und niemals einen Laut von sich gab. Außerdem war oft von einem Wesen die Rede, das die anderen »den Steinfließer« nannten, worunter Kelwitt sich nichts vorstellen konnte und das er auch nie zu Gesicht bekam.

Man hatte Kelwitt eine kleine Höhle zugewiesen, in der nur der Boden mit der Ruhemulde aus echtem Stein bestand, die Wände und die Decke waren aus steinartig lackiertem Metall. Reichlich ungemütlich also. Die Fahrt verlief absolut eintönig – das Schiff trat in eine Sternstraße ein, flog eine Zeit lang, verließ sie wieder, manövrierte eine Zeit lang, immer so weiter – und schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Irgendwann, als bestimmt schon zwei kleine Mondzyklen verstrichen waren, begann Kelwitt sich zu fragen, ob man ihn womöglich vergessen hatte.

Doch gerade als er sich entschlossen hatte, in der Steuerzentrale nachzufragen, kam von dort die Mitteilung, dass man demnächst Kelwitts Stern erreiche und er sich bereit machen solle.

Auf dem Weg zu den Laderäumen ließ Kapitän Handuma keine Dusche aus. »Keine Lust, dass man mich zu Hause für eine Lederhaut hält, sag’ ich dir!«, dröhnte der schwergewichtige, nicht mehr ganz junge Jombuuraner und ließ das Wasser auf sich niederrieseln. Kelwitt hätte es ihm gern gleichgetan, traute sich aber nicht.

Einer der ganz kleinen Gunradi, die unaufhörlich durch das Schiff wuselten, ohne dass jemand verstanden hätte, wieso, kam ihnen entgegen, nahm aber dann Reißaus vor der tropfnassen Gestalt. Die Gunradi mochten keine Feuchtigkeit, und von Wasser bekamen sie Hautausschläge, was bedeutete, dass sie taub und stumm wurden.

»Also«, meinte der Kapitän dann und legte Kelwitt die schwere Hand auf die Schulter, »in fünf oder sechs Zeiteinheiten ist es so weit. Verdammt viel los auf den Sternstraßen in diesem Sektor, sage ich dir! Man kommt kaum von der Stelle. Sind vor allem die Grünen. Von denen geistern hier so viele herum, dass man sich fragt, ob ihr Heimatplanet überhaupt noch besiedelt ist. Ziemlich verrückt, die Grünen. Hast du schon mal einen gesehen?«

»Ähm … also … Nein.«

»Sind auch Zweibeiner, aber kleiner als wir. Haben einen großen Kopf, grüne Haut und eigentlich einen ganz anderen Namen, aber den kann niemand aussprechen, deshalb nennen wir sie die Grünen.«

»Aha.«

»Die Grünen haben ein riesiges Riechorgan. Sieht aus wie ein Trichter und sitzt unterhalb der Augen. Übrigens ihre empfindlichste Stelle, falls du dich mal mit einem prügeln musst. So«, verkündete Handuma dann und öffnete eine breite Tür, »da sind wir.«

Der Laderaum war groß und ein einziges Chaos. Alles stand durcheinander, offenbar ohne Plan und Ziel. Und falls es einen Plan gab, dann kannte ihn der Kapitän ebenso wenig wie Kelwitt. Zumindest ließ das die Art, wie er umherging und sich suchend umsah, vermuten.

»Habe ich dir eigentlich schon alles erklärt?«, fragte Handuma dabei.

»Nein«, erwiderte Kelwitt zaghaft.

»Noch nicht alles?«

»Eigentlich … eher … noch gar nichts.«

Der Kapitän stieß einen Pfiff der Trübnis aus. »Wirklich? Werde ich alt? Ich dachte, ich hätte dir schon alles erklärt. Aber das war dann wohl ein anderer Orakelfahrer.«

»Wahrscheinlich.«

»Also, ganz einfach. Wir verlassen die Sternstraße bei Poogruntes Stern, setzen dich mit einem kleinen Raumboot aus und fliegen weiter. Du hast etwa sechs Tage Zeit, dir alles anzusehen, dann kommen wir zurück und nehmen dich wieder auf. Klar? Und gelandet wird nicht. Landen dürfen nur Sternfahrer.«

»Poogruntes Stern?«, fragte Kelwitt kläglich.

»Ja. Du bist doch Poogrunte, oder?«

»Kelwitt. Mein Name ist Kelwitt.«

»Dann eben Kelwitts Stern. Von mir aus. Die Gunradi machen das schon.« Der Kapitän blieb stehen und deutete auf ein kleines Raumboot, das, halb zugestellt von Transportbehältern und anderen Gerätschaften, in einem Eck des Laderaums stand. »Ah, da ist es. Das ist das Raumboot, das du bekommst. Du musst es natürlich freiräumen, damit du auch starten kannst. Aber du hast ja noch fünf Einheiten Zeit.«

Kelwitt unterdrückte nur mühsam einen Laut des Entsetzens.

Diesen ganzen Stapel beiseiteräumen? Allein, und in nur fünf Zeiteinheiten?

Kapitän Handuma öffnete eine kleine Klappe an der Seite des Raumbootes und sah hinein. »Brack und Wasser!« fluchte er. »Das ist ja noch gar nicht leer!«

»Leer?«

»Wenn ich den erwische! So ein Abwasser, verdammt!« Er sah sich um. »Aber ein anderes Räumboot habe ich nicht für dich. Das ist das einzige, das man mit Anfängerkurs fliegen kann … Oh, so ein brackiges Abwasser!«

Kelwitt warf einen neugierigen Blick in die Öffnung, die hinter der Klappe lag. Er sah etwas, das wie Sand aussah, eine Unmenge winziger brauner Kügelchen. »Was ist denn damit?«

Handuma war schon davongestapft, hinüber zu einer Reihe silbergrauer, hoch aufragender Silofässer. »Wir handeln auf dieser Reise mit Samen«, erklärte er aufgebracht. »Samen von Pflanzen der verschiedensten Welten.« Er klopfte gegen eines der Silofässer. Es klang dumpf. Er las die Beschriftung eines kleinen Schildes daran. »Hier – Tausendblütenorchidee. Oder hier: Lichtjuwelenkraut. Das da drüben ist Samen der Augenöffnerblume, den wir auf dem vierten Planeten von Telekis Stern eingetauscht haben. Jemand hat vergessen, ihn aus dem Behälter des Raumboots in einen dieser Silos umzufüllen. Jemand, dem das noch leidtun wird.«

Kelwitt nahm ein paar Samenkörner in die Hand. Sie fühlten sich hart und trocken an. »Die Augenöffnerblume? Noch nie gehört.«

»Irgend so eine Pflanze. Keine Ahnung, wofür man die braucht. Die Telekianer erzählen einem die tollsten Legenden darüber, wahrscheinlich, um den Preis hochzutreiben. Ah!« Einer der Silotanks klang hell und hohl, als er ihn beklopfte. »Na also!«

»Legenden?«

Aber der Kapitän hörte ihm nicht zu. Er trat neben ihn, legte ihm wieder die schwere Hand auf die Schulter und sagte, auf den leeren Silotank deutend: »Also, mein lieber Poogrunte …«

»Kelwitt.«

»Kelwitt?«

»Ja.«

»Also gut, Kelwitt. Von mir aus. Dir wird nichts anderes übrig bleiben, als die Samen in diesen Silotank dort umzufüllen. Immerhin hast du ja noch fünf Einheiten Zeit dafür.«

»Aber …«

»So, und mm komm, ehe ich es vergesse. Ich habe noch etwas für dich.«

Kelwitt hatte befürchtet, dem Kapitän seien noch mehr Arbeiten eingefallen, aber Handuma führte ihn in einen kleinen Raum, wo er die Tür eines abgeschlossenen Schranks öffnete und einen Schulterspangencomputer herausnahm. »Hier«, meinte er. »Damit sich dein Schwarm nicht um dich sorgen muss. Auf welche Schulter willst du ihn?«

»Ähm … ich weiß nicht …«, stammelte Kelwitt, der noch nie einen Schulterspangencomputer getragen hatte.

»Am besten auf die rechte«, entschied Handuma kurzerhand, setzte ihm das Gerät auf die rechte Schulter und zog einen kleinen Stift aus der einzigen Öffnung. Summend schloss sich die Spange um die Schulter und schien förmlich damit zu verwachsen. Es war kein unangenehmes Gefühl. »So. Der wird dir mit Rat zur Seite stehen, falls du in irgendeine unvorhergesehene Situation kommen solltest. Man weiß ja nie.«

Kelwitt verdrehte den Kopf, um das Gerät zu betrachten, das da auf seiner Schulter saß wie ein neues Körperteil. Viel gab es nicht zu sehen, es war einfach eine dicke silberglänzende Spange mit einer kleinen runden Öffnung auf der Oberseite. »Kennst du dich mit diesen Spangendingern aus?«

»Man redet mit ihnen, glaube ich«, sagte Kelwitt zögernd. »Bei uns zu Hause tragen bloß ein paar Händler so was.«

»Ja? Woher kommst du denn?«

»Aus der Donnerbucht-Region. Fünfte Lagune.«

»Donnerbucht, ach du große Nässe – was macht man denn da? Meergras ernten?«

»Ja. Und wir fangen Grundschleimer.«

»Ach so. Na ja, das kann man auch ohne Spange.« Handuma konsultierte die Beschriftung des Aktivierungsstiftes. »Also, du sprichst einfach mit dem Gerät. Dieses hier reagiert auf den Namen Tik.«

»Tik?«

Er erschrak, als plötzlich eine gleichmütige, maschinenhaft klingende Stimme zu hören war, die mitten in seinem Kopf zu entstehen schien. »Ich bin bereit«, sagte sie.

»Hat er sich gemeldet?«, fragte Handuma belustigt, der Kelwitts Mienenspiel beobachtet hatte.

Kelwitt bejahte. »Da war eine Stimme.«

»Ja. Aber die hörst nur du. Ist so ein Trick von dem Ding, es schaltet sich in dein Nervensystem ein.«

»Aha.« Kelwitt musterte den Spangencomputer noch einmal. Das war ja reichlich unheimlich. »Und wozu brauche ich das?«

»Na, stell dir vor, du fliegst da ganz allein umher, und plötzlich schlägt irgendein Instrument Alarm. Dann kann Tik dir sagen, was das bedeutet und was du tun musst.«

»Kann er denn etwas sehen?«

»Sehen, hören, sprechen, auf alle Arten kommunizieren, die wir kennen. Keine Sorge. Stell dir einfach vor, er ist so eine Art überbesorgter Brüter, der auf dich aufpasst.«

Kelwitt musste an Parktat denken, der sich von allen seinen Brütern am meisten um ihn gekümmert hatte.

Die Leckereien, die er ihm mitgegeben hatte, hatte er bei der letzten Nahrungsaufnahme alle verzehrt; er trug nur noch das Orakelbuch in seiner Umbindetasche. »Gut. Aber eigentlich dürfte ich ihn gar nicht brauchen, oder?«

»Nein. Du schwirrst einfach ein bisschen durch dein Sternsystem, schaust dir die Planeten an -keine Landeversuche, verstanden?«

»Ja, ja.«

»… und wir holen dich wieder ab, sobald wir auf dem Rückweg hier vorbeikommen. Dürfte in sechs oder sieben Tagen der Fall sein, je nach Belegung der Sternstraßen, aber das merkst du dann ja.«

Kelwitt machte die Geste des Einverstandenseins.

»Habe ich noch was vergessen?« Der Kapitän dachte kurz nach und machte dann eine Geste, die alles Mögliche bedeuten konnte. »Ich muss wieder in die Steuerungszentrale. Du siehst einfach zu, dass du in fünf Zeiteinheiten in deinem Raumboot sitzt und wir dich ausschleusen können. Alles klar?«

»Ja, sicher. Bloß …«

»Schön. Also dann, viel Spaß bei deiner Orakelfahrt, Poogrunte!«

»Kelwitt.«

»Kelwitt? Ja, richtig. Was habe ich gesagt?«

»Poogrunte.«

»Wie komme ich auf Poogrunte? Keine Ahnung, warum mir dauernd dieser Name einfällt. Muss wahrscheinlich ein anderer Orakelfahrer gewesen sein.« Kapitän Handuma wirkte etwas verwirrt, als er davonging und Kelwitt einfach stehen ließ.

Kelwitt verschwendete eine Menge Zeit damit, herauszufinden, wohin die Teile gehörten, mit denen sein Raumboot zugestellt war. Schließlich dämmerte ihm, dass es in diesem Laderaum so etwas wie einen festen Platz für bestimmte Dinge einfach nicht gab, sondern dass man alles einfach irgendwohin stellte, wo gerade Platz war, und wenn etwas im Wege war, dann tat man es irgendwo anders hin. Auf diese Weise war das Chaos ringsumher entstanden, und so wurde es auch am Leben erhalten.

Einige der Transportbehälter waren leer und damit leicht, aber die meisten waren schmerzhaft schwer, einige davon schier unverrückbar. Kelwitt musste nach einer Schwebekralle suchen, um sie vom Fleck zu bekommen, fand schließlich auch eine, mit deren Bedienung er allerdings nur schwer zurechtkam.

Bei alldem verging die Zeit, als wolle sie plötzlich die Langeweile der vergangenen Perioden wiedergutmachen. Als er endlich alles weggeschafft hatte, was das Raumboot behinderte, war es noch eine halbe Zeiteinheit bis zum Ausschleusen. Und der Behälter mit dem Samen der Augenöffnerblume war noch nicht umgefüllt.

Kelwitt öffnete die Klappe, starrte das braune körnige Zeug in dem Transportbehälter dahinter an und war ratlos. Wie um alles im Universum sollte er den Samen auch nur aus dem Behälter herausbekommen? Die Öffnung war nicht einmal groß genug, um die Hand hindurchzustecken.

Der Schulterspangencomputer fiel ihm wieder ein. Hatte der Kapitän nicht gesagt, der sei dazu da, ihm in unerwarteten Situationen mit Rat zu dienen? Eine gute Gelegenheit, das einmal auszuprobieren.

»Tik!«

»Ich bin bereit«, sagte die kühle, gleichmütige Stimme in seinem Kopf.

»Wie kann ich die Samenkörner aus dem Behälter des Raumboots in den Silotank schaffen?«

»Du benötigst hierzu eine Substanzpumpe.«

»Und wo finde ich eine – was? Substanzpumpe?«

»Hier im Laderaum sollte sich eine befinden. Allerdings kann ich keine genauere Ortsangabe machen.«

Kelwitt stieß einen Laut der Ungeduld aus, während er sich umsah. Unmöglich, in dem Durcheinander etwas zu finden, von dem er nicht einmal wusste, wie es aussah. »Tik, nenne eine andere Möglichkeit, den Samen in einer halben Zeiteinheit in den Silotank umzufüllen.«

»Es gibt keine solche Möglichkeit. Die schnellste Vorgehensweise ist das Umpumpen mittels einer Substanzpumpe. Das Umpumpen des vollständig gefüllten Transportbehälters eines Raumboots dieser Bauart dauert dabei eine dreiviertel Zeiteinheit.«

Kelwitt stieß einen Laut aus, den besser niemand gehört hatte. »Dann schaffe ich es ja überhaupt nicht mehr!«

»Das ist korrekt.«

»Und was ist, wenn ich nicht startbereit bin?«

»Dann muss die Orakelfahrt entfallen. Soll ich die Steuerzentrale entsprechend benachrichtigen?«

»Brack! Nein, natürlich nicht.« Kelwitt traute seinen Hörmembranen nicht. Die Orakelfahrt entfallen? All dieser Aufwand, um unverrichteter Dinge zurückzukehren? »Nein, keine Benachrichtigung. Die Orakelfahrt findet statt.«

Er öffnete das Einschlupfloch des Raumboots. Brack, zum Geist des Verderbens mit dem Samenvorrat! Es war ja schließlich nicht seine Schuld, dass der Tank nicht umgefüllt worden war. Und startbereit war das Raumboot auch mit vollem Behälter. Was machte es schon aus, wenn er den Samen noch ein paar Tage durchs All kutschierte?

Er stieg an Bord, schaltete alle Maschinen ein, wie er es im Anfängerkurs gelernt hatte, und wartete.

Das Geräusch der Schiffsmotoren veränderte sich, wie immer, wenn das Schiff eine Sternstraße verließ. Gleich darauf kam die Startfreigabe aus der Steuerungszentrale.

»Ich starte«, bestätigte Kelwitt nervös.

Dabei war alles höchst einfach. Es gab eine Taste mit der Aufschrift »Ausschleusen«, eine mit der Aufschrift »Einschleusen« und einen Steuerhebel, um das Raumboot in alle Raumrichtungen zu bewegen. Alles, was er zu tun hatte, war, die Taste mit der Aufschrift »Ausschleusen« zu drücken.

Einer der großen Greifer, die entlang der Decke des Laderaums verliefen, kam heran, packte einen an der Oberseite des Raumboots angebrachten Griff und hievte es hoch, um es in den Schleusenraum zu transportieren. Metallene Tore schlossen sich, öffneten sich, und er war im All. Das große Schiff wartete keinen Augenblick länger als unbedingt nötig, sondern hüllte sich sofort wieder in das blaue Leuchten, das dem Übergang auf die Sternstraße vorausging, und war im nächsten Augenblick spurlos verschwunden.

3

So plötzlich allein in bodenloser Schwärze zu hängen war nun doch etwas anderes, als einen Anfängerschnellkurs in einer Simulationsanlage zu absolvieren. Kelwitt spürte, wie seine Seitenherzen kräftig pumpten, gerade so, als gelte es, den Rundflug um diesen Stern zu Fuß zu bewältigen. Wirklich etwas ganz anderes. Er lugte aus den Sichtluken, betrachtete die fremdartigen, ungewohnt spärlich über das Dunkel verteilten Sterne und fragte sich, ob das mit der Orakelfahrt so eine gute Idee gewesen war.

Andererseits kamen diese Art von Bedenken ein bisschen spät. Egal, wie er sich fühlte, er würde warten müssen, bis das Schiff wieder zurückkam, um ihn abzuholen. Und die sechs oder sieben Tage bis dahin nutzlos an derselben Stelle zu hängen wollte er ganz bestimmt nicht.

Er fasste behutsam in den Steuergriff und bewegte ihn ein wenig zur Seite.

Sofort begann das Raumboot, sich zu drehen. Eigentlich genau wie im Simulator. Vielleicht war es doch nicht so anders.

Eine große, auffallend helle Scheibe wanderte in sein Blickfeld. Das musste die Sonne sein.

Seine Sonne.

Kelwitts Stern.

Kelwitt stoppte die Drehbewegung, holte sein Buch hervor und begann zu blättern. Eine gelbe Sonne. Kelwitts Stern war eine gelbe Sonne – was hatte das zu bedeuten?

»›Gilt allgemein als günstiges Vorzeichen‹«, las er. »›Wenn der Stern aber keine Planeten aufweist, bedeutet es, dass der Besitzer keine herausragenden Fähigkeiten besitzt und ein Leben ohne besondere Ereignisse, weder im Guten noch im Schlechten, führen wird.‹« Mit anderen Worten, dass ihn ein absolut langweiliges Leben erwartete. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Blieb bloß zu hoffen, dass Kelwitts Stern bei seiner Entstehung auch an ein paar Planeten gedacht hatte!

Um so etwas festzustellen, verfügte das Raumboot doch über geeignete Ortungsinstrumente. Kelwitt musterte die leuchtenden Flächen vor sich. Das sah nun wieder völlig anders aus als die Instrumente, die er während des Kurses im Sternfahrernest kennengelernt hatte.

»Tik?«

»Ich bin bereit«, erklärte die geisterhafte Stimme in seinem Kopf.

»Wie finde ich heraus, ob dieser Stern Planeten besitzt?«

Eines der Instrumente schien plötzlich ein wenig aufzuleuchten. Wahrscheinlich wieder so ein Effekt, den der Spangencomputer über die Nervenkopplung hervorrief. »Der Stern besitzt insgesamt neun Planeten.«

»Neun!«, frohlockte Kelwitt. »Das ist ein gutes Zeichen!«

»Nach der Deutung von Mu’ati. Nach der Deutung von Isuukoa bedeutet es, dass der Besitzer in seinem Leben viele Reisen machen und sich mehrmals einem neuen Schwarm anschließen wird. Nach der Deutung von Denopret bedeutet es, dass der Besitzer mit Sitte und Gesetz in Konflikt kommen und möglicherweise gewisse Zeit in Verbannung zubringen wird.«

»Was?« Kelwitt drehte sein Buch um und studierte den Einband. Ja, er hatte das Deutungsbuch von Mu’ati erworben. Er hatte gar nicht gewusst, dass es noch andere Deutungsweisen gab. »Ist das alles?«

»Es gibt außer diesen noch die Deutungen von Joohi, Em’neta, Kurzilit, Umpara, Lekalooti Prennek und Timma. Ich habe jedoch nur die drei genannten Werke gespeichert, wobei die Deutung von Denopret als die am meisten gebräuchliche gilt.«

»Brack!«, entfuhr es Kelwitt. »Und ich habe mir Mu’ati aufschwatzen lassen.«

»Mu’ati lebte in der 124. Epoche bei den dunklen Tiefen. Seine Deutungen galten lange Zeit als verschollen, wurden jedoch in der letzten Epoche bei Bauarbeiten in dieser Region wiedergefunden.«

»Ja, danke, das steht hier alles auch.«

»Bitte sehr.«

Kelwitt lehnte sich in dem nicht sehr bequemen Sessel zurück und machte einen Laut der Ratlosigkeit. Er blätterte das Buch durch und überflog die verschiedenen Beschreibungen. Man merkte dem Stil schon an, dass der Text ziemlich alt sein musste. 124. Epoche, du brackiges Abwasser! Was hatten die denn damals schon über Sterne wissen können? Damals hatte man doch noch nicht einmal gewusst, dass es so etwas wie Sternstraßen gab. Er pfefferte das Buch in die Ecke. »Tik? Was kannst du mir über die Planeten sagen?«

»Die Halbachsen der Umlaufbahnen, die mittleren Entfernungen von der Sonne, die Durchmesser, die Masse, die Anzahl der Monde, die mittlere Bahngeschwindigkeit, die Umlaufzeiten, die herrschende Schwerkraft, die Zusammensetzung der …«

»Nein, ich meine, gibt es irgendwelche Besonderheiten? Die Umlaufzeiten interessieren mich einen Brack. Ich bin hier wegen des Orakels.«

»Der sechste Planet weist einen Ring auf.«

»Was sagt dein Denopret dazu?«

»›Hoffnung, Begierde, Erwartung, Triumph …‹«

Kelwitt machte flüchtig die Geste der einladenden Aufmerksamkeit und wartete, aber da kam nichts weiter. »Ist das alles?«

»Ja.«

»Brack. Und was soll das heißen?«

»Hoffnung ist der feste Glaube an das Eintreten des Gewünschten. Begierde bezeichnet ein starkes Gefühl des Verlangens. Unter Erwartung versteht man …«

»Ja, ja! Schon gut!« Was sollte er denn mit so einem Abwasser von Deutung anfangen? Er angelte wieder nach dem Buch von Mu’ati, strich die verknitterten Seiten glatt und schlug nach, was der alte Deuter über einen Planeten mit Ring zu sagen wusste. »›Ein ausgezeichnetes Glückszeichen‹«, las er. »›Der Besitzer wird auf einer Reise eine Bekanntschaft machen, die ihm zu einem tieferen Verständnis des Universums verhilft. In jungen Jahren wird er einige Schwierigkeiten zu überwinden haben, was ihm jedoch gelingt, auch wenn es nicht danach aussieht.‹«

Damit ließ sich doch schon wesentlich mehr anfangen. Zum Geist des Verderbens mit Denopret! Er würde sich an Mu’ati halten.

»Weiter, Tik! Gibt es weitere Besonderheiten unter den Planeten?«

»Der fünfte Planet ist der größte Planet. Er besitzt zwanzig Monde und weist eine auffallende Streifenfärbung auf.«

»Aha!« Nachschlagen. Größter Planet. Schade, dass es nicht der vierte war, das hätte »großen Einfluss, Ruhm, Ehre« bedeutet. So verhieß ihm Mu’ati: »›Der Besitzer wird nie ohne Hilfe und Unterstützung sein.‹«

»Was noch?«

Bis jetzt klang alles vielversprechend.

»Zwischen dem vierten und dem fünften Planeten ist eine auffallend große Lücke, in der sich etwa siebentausend kleine Planetoiden um die Sonne bewegen. Möglicherweise ein zerstörter Planet.«

Kelwitt spürte sein Mittelherz bis zur Sprechritze hoch schlagen. Ein zerstörter Planet! Das konnte unmöglich Gutes bedeuten. Er unterdrückte den Impuls, Tik nach der Deutung von Denopret zu fragen, und begnügte sich damit, in seinem Buch nachzuschlagen.

»›Den Besitzer erwartet eine schwere Prüfung, der er nicht ausweichen kann. Er wird dabei aller Unterstützung beraubt und gänzlich auf sich allein angewiesen sein.‹ Brack, das klingt ja ziemlich beunruhigend.«

Das klang wirklich nicht gut. Kelwitt legte das Buch beiseite und sah durch eine der Sichtluken hinaus ins All. Plötzlich kam es ihm feindselig und abweisend vor.

Unwillkürlich suchte sein Blick die Zeitanzeige, aber natürlich war noch nicht einmal eine Einheit verstrichen. Das Sternenschiff, das ihn ausgesetzt hatte, würde frühestens in fünf Tagen zurück sein.

Ausgesetzt, ja. Genau so fühlte er sich. Er hätte auf Parktat hören sollen.

»Und?«, fragte er mit steifer Ritze. »Gibt es sonst noch etwas Bemerkenswertes in meinem Sonnensystem?«

»Ja«, antwortete Tik.

»Und das wäre?«

»Der dritte Planet«, erklärte der Schulterspangencomputer, »ist bewohnt.«

Das Buch von Mu’ati widmete dem überaus seltenen Fall, dass ein Stern einen bewohnten Planeten aufwies, ungefähr die Hälfte seines Umfangs. Kelwitt hatte diesen Teil des Buches bisher so gut wie nicht zur Kenntnis genommen, denn die Wahrscheinlichkeit, auf einen bewohnten Planeten zu stoßen, war wirklich sehr gering. Um genau zu sein, Kelwitt kannte niemanden, der bei seiner Orakelfahrt einen bewohnten Planeten vorgefunden hatte, und er kannte auch niemanden, der je von so jemandem gehört hatte. Er hatte bisher noch nicht einmal mit dem Gedanken an diese Möglichkeit gespielt.

Nun blätterte er fasziniert durch die Seiten wie durch unentdecktes Land. Einen bewohnten Planeten in seinem Sonnensystem zu haben war ein überaus vieldeutiges Omen. Es gab eine schier unglaubliche Fülle von Deutungen, abhängig von Art, Gestalt und Entwicklungsstand der Lebewesen auf dem betreffenden Planeten, und es war in dem kunterbunten Sammelsurium beim besten Willen keine Systematik zu entdecken. Lebewesen mit langen Hälsen, las er zum Beispiel, die intelligent genug waren, mit Feuer umzugehen, deuteten darauf hin, dass der Besitzer des Sterns sich vor einer nahestehenden Person in Acht nehmen müsse, die unaufrichtig zu ihm sei. Seien Anzeichen zu finden, dass nukleare Explosionen stattgefunden hätten, dann müsse der Besitzer sich vor überstürztem Handeln hüten und davor, in die Unannehmlichkeiten verwickelt zu werden, die eine befreundete Person erleide. Finde er ausgeprägte Landlebewesen vor, die jedoch keine blaue Hautfarbe aufwiesen, dann müsse er damit rechnen, unverschuldet die Aufmerksamkeit von Personen auf sich zu ziehen, die ihn für ihre eigenen Interessen ausnutzen wollten, insbesondere, wenn die Landlebewesen größer als ein Jombuuraner seien. Blaue Hautfarbe dagegen würde darauf hindeuten, dass …

»Ich mache darauf aufmerksam«, meldete sich Tik zu Wort, »dass sich das Raumboot im direkten Anflugkurs auf den dritten Planeten hält.«

Kelwitt sah hoch. War das Einbildung, oder klang in der Stimme des Computers so etwas wie ein tadelnder Unterton mit? War das technisch überhaupt möglich?

Er konsultierte die Instrumente. »Ja. Sicher. Dahin will ich ja.«

»Ich muss daran erinnern, dass eine Landung nicht gestattet ist.«

»Ich weiß, ich weiß. Warum sagt mir eigentlich jeder immerzu dasselbe? Landungen sind das Privileg der Sternfahrer, das habe ich schon verstanden.« Er blätterte weiter.

Unglaublich, diese Fülle an Einzelheiten. Ein bewohnter Planet konnte einem so gut wie alles über die eigene Zukunft verraten.

»Ich muss sicherheitshalber erwähnen, dass dieses Räumboot technisch nicht für Landungen auf Planeten ohne Raumhafen eingerichtet ist. Es benötigt zwingend ein Abfangfeld und einen Landeleitstrahl.«

War dieser Spangencomputer eine Nervensäge! »Ich habe nicht vor zu landen. Ich will den Planeten nur umkreisen, einverstanden? Ich muss ja schließlich sehen, was es dort an Orakelzeichen über mein Leben gibt.«

»Wird das Raumboot an einen Orakelfahrer ausgeliehen, ist eine Sicherheitsschaltung wirksam, die einen Annäherungskurs an einen Planeten in eine Umlaufbahn in sicherer Entfernung überführt.«

»Von mir aus.«

»Der Sicherheitsabstand wurde eben unterschritten. Das Raumboot geht nun in eine sichere Umlaufbahn.«

»Was?!« Kelwitt zuckte hoch. »Aber … was soll denn das?! So sehe ich doch überhaupt nichts!«

»Das Raumboot befindet sich nun in einer sicheren Umlaufbahn um den dritten Planeten von Kelwitts Stern.«

»Das ist ein Scherz, oder?«

Der Computer schien zu zögern. »Ein Scherz ist eine nicht ernst gemeinte Äußerung, die in erster Linie darauf hinzielt, beim Rezipienten Belustigung hervorzurufen. Ich bedaure, wenn ich diesen Eindruck hervorgerufen haben sollte. Meine Absicht war, eine Tatsache festzustellen.«

»Aber … So sehe ich bloß eine blau-weiße Kugel! Wie soll ich denn von hier aus irgendein Orakelzeichen finden?!«

»Ich schlage vor, zu diesem Zweck das eingebaute Teleskop zu verwenden.«

»Und ich schlage vor, dass ich erst einmal näher heranfliege und in eine möglichst niedrige Umlaufbahn gehe, ehe ich dieses brackige eingebaute Teleskop verwende.«

»Dies lässt die Sicherheitsschaltung nicht zu.«

»Ah«, sagte Kelwitt und griff in seinen Umbindbeutel. »Lässt sie das nicht zu, die Sicherheitsschaltung?« N’etehu hatte ihn vorgewarnt, dass so etwas passieren könne. Schlau, schlau, dieser N’etehu. Er hatte sogar gewusst, was man dagegen tun konnte.

Kelwitt zog das kleine Schaltelement hervor, das N’etehu ihm mitgegeben hatte, suchte an der Seite des Steuerpults die zwei winzigen Öffnungen, die N’etehu beschrieben hatte, und schob die Anschlüsse des Elements hinein. Eine Anzeige, die die ganze Zeit über geleuchtet hatte, erlosch.

»Soeben ist die Sicherheitsschaltung außer Funktion gesetzt worden.«

»Na, das hoffe ich doch«, murmelte Kelwitt und beschleunigte das Raumboot wieder ungehindert in Richtung auf den Planeten. »Immerhin hat mir der alte Grundschleimer drei Windgleiterschwänze dafür abgehandelt.«

Darauf sagte der Spangencomputer nichts. Kelwitt verfolgte, wie die helle Planetenkugel immer näher kam, wie ein Schmuckstück in der abgründigen Schwärze des Alls liegend, wie sie immer größer zu werden schien und sich in ritzenbeklemmender Pracht vor ihm entfaltete. Schräg hinter sich wusste Kelwitt die Sonne, die auf der Höhe dieser Planetenbahn so hell strahlte, dass sich die Sichtluken vor ihr verdunkelten. Kelwitts Stern.

Und das hier, sagte er sich begeistert, war Kelwitts Planet.

»Ich mache darauf aufmerksam«, unterbrach Tik seine Gedanken wieder, »dass das Manövrieren im Gravitationsfeld eines Planeten anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt als das Manövrieren im freien Raum. Der Anfängerkurs bereitet auf diese Unterschiede nicht vor.«

Kelwitt stieß einen Laut des Ärgers aus. »Stopf dir doch die Ritze, du brackiges Ding!«, rief er. »Das kann ja wohl nicht so schwer sein. Und wenn du mir nicht dauernd dazwischenredest, kriege ich das schon hin!«

Konnte er dieses Teil eigentlich abstellen? Der Kapitän hatte den Aktivierungsstift behalten, in voller Absicht wahrscheinlich. Er konnte versuchen, Tik zu befehlen, sich von der Schulter zu lösen, und die Spange dann irgendwohin stecken, wo ihr Gequassel nicht störte.

Oha? Über die Anzeigeinstrumente flackerten irgendwelche Linien, deren Bedeutung er nicht verstand. Die Planetenscheibe schien immer noch größer zu werden, was nun nicht in seinem Sinn war. Eigentlich hatte er eine enge Umlaufbahn einschlagen wollen …

Fünf zwölftel Zeiteinheiten später ahnte Kelwitt, dass der Anfängerkurs ihn auf das Manövrieren in unmittelbarer Nähe eines Planeten tatsächlich nicht vorbereitet hatte.

»Tik!«, rief er. »Was mache ich denn jetzt?!«

»Du steuerst das Raumboot auf einem Kurs, der zum Absturz auf die Planetenoberfläche führen wird«, erklärte die gleichmütige Stimme in seinem Kopf. »Ich mache darauf aufmerksam, dass auch ein Absturz nicht gestattet ist.«

»Brack, ich will ja überhaupt nicht abstürzen. Ich will in eine niedrige Umlaufbahn!«

»Beschleunige. Hebe den Vektor an, um etwa drei Teilkreiseinheiten. Ich empfehle ferner, das Schutzfeld zu aktivieren.«

»Ich beschleunige, in Ordnung«, beeilte sich Kelwitt zu versichern. Widersinnig, wieso beschleunigen? Würde er dadurch nicht noch viel schneller abstürzen?

»Vektor anheben!«, mahnte Tik. Jetzt klang die Stimme aber wirklich nicht mehr gleichmütig, oder?

»Höher. Dreieinhalb Teilkreiseinheiten.«

»Vorhin waren es noch drei.«

»Das war vorhin.«

Ein hohles, fernes Pfeifen war plötzlich zu hören. Es schien von außerhalb des Raumboots zu kommen. »Was ist das?«, wollte Kelwitt alarmiert wissen. »Dieses Geräusch?«

»Atmosphärepartikel. Wir sind in die obersten Schichten der planetaren Atmosphäre eingetreten.«

»Ist das gefährlich?«

»Im Prinzip ja. Aber wir werden in Kürze wieder austreten. Ich empfehle, das Schutzfeld zu aktivieren.«

Allerhand. Da würde er was zu erzählen haben, wenn er wieder zu Hause war. Jede Wette, dass N’etehu da nicht mithalten konnte. Ein bewohnter Planet!

Und er, Kelwitt, durchpflügte die oberste Atmosphäre!

»Du musst stärker beschleunigen«, mahnte Tik. »Der Kontakt mit der Atmosphäre wirkt bremsend. Außerdem musst du das Schutzfeld einschalten.«

»Beschleunigen?! Wieso beschleunigen? Muss ich nicht abbremsen?«

»Wenn du es wünschst, kann ich zu einem späteren Zeitpunkt die physikalischen Grundprinzipien von Umlaufbahnen um Planeten erläutern. Im Augenblick würde ich aus Zeitgründen lieber darauf verzichten. Die Antwort auf die letzte Frage lautet: Nein.«

»Was, was, was?« Kelwitt hob die Hände in der Geste der Verwirrung, worauf das Raumboot sofort merklich zu schlingern anfing. »Was redest du da, du blödes Metallstück? Was für eine Antwort? Was für eine Frage?«

Tik schien merklich länger zu brauchen, ehe er antwortete. »Die Frage, auf die ich mit ›Nein‹ antwortete, war …«

Draußen huschte ein großer dunkler Schatten vorbei. Von schräg rechts vorne nach schräg links hinten.

Kelwitt schrie auf. »Tik – was war das?«

»Ein metallischer, Energie abstrahlender Flugkörper. Genauere Angaben sind im Augenblick nicht möglich. Übrigens musst du immer noch beschleunigen, den Vektor um weitere anderthalb Teilkreiseinheiten anheben und das Schutzfeld einschalten.«

»Langsam, langsam – ich beschleunige ja. Was für ein Flugkörper? Wo kommt dieser Flugkörper her?«

Er hätte bei Jamuuni schwören können, dass in Tiks Antwort ein verächtlicher Unterton mitschwang.

»Wir überfliegen einen bewohnten Planeten. Es könnte sich bei dem Flugkörper um eine Verteidigungseinrichtung der Planetenbewohner handeln.«

»Ach so«, meinte Kelwitt und beobachtete die Ausrichtung des Vektors. Beschleunigen, er durfte nicht vergessen zu beschleunigen. »Ist das gefährlich?«

»Wenn die Hypothese zutrifft«, erwiderte Tik mit entnervendem Gleichmut, »ja.«

»Wie -ja?«

»Entschuldige, aber diese Frage verstehe ich nicht.«

»Was kann uns passieren?«

»Es sind eine Fülle von Varianten denkbar. Im unangenehmsten Fall könnten die Planetenbewohner versuchen, das Raumboot abzuschießen.«

»Oh brack! Glaubst du wirklich?«

Da war der Schatten wieder. Weit vorne in der Flugbahn des Raumboots tauchte er aus dem dunkelblauen Dunst der planetaren Atmosphäre auf, erhob sich wie ein attackierender Giftgreifer, und Kelwitt sah ein Aufblitzen an der Vorderseite der dunklen Gestalt. Im nächsten Moment erschütterte ein donnernder Schlag das Raumboot, Kelwitt wurde im Sitz umhergeschleudert, und alle Instrumente ringsum erloschen.

»Tik!«, schrie er auf. »Was war das?«

»Der unangenehmste denkbare Fall, von dem ich eben sprach.«

»Das Ding hat geschossen! Ist es das, Tik? Haben die auf uns geschossen?«

»Ja. Und sie haben uns getroffen.«

»Brack!«, durchzuckte es den jungen Jombuuraner. »Weil ich das Schutzfeld nicht eingeschaltet hatte.«

»Korrekt. Ich schlage vor, dass du es zumindest jetzt einschaltest.«

»Ja, in Ordnung. Und wie geht das?«

»Indem du das Schaltelement entfernst, das die automatische Sicherheitsschaltung lahmlegt.«

»Ach so«, murmelte Kelwitt beklommen, tastete nach dem kleinen Ding und zog es heraus. Sofort veränderte sich das Geräusch der Maschinen, und das Gefühl des Taumelns hörte auf. »Meinst du, die schießen noch einmal auf uns?«

»Möglicherweise. Aber der Schuss traf außer dem Antrieb hauptsächlich den Transportbehälter, und es sieht so aus, als irritiere der ausströmende Samen die Flugmanöver des Angreifers.«

»Der Samen strömt aus …« Kelwitt sah beklommen aus dem hinteren Fenster. Ein feiner, heller Schleier war zu sehen, den das Raumboot hinter sich herzog. Unter ihnen huschte die Oberfläche des Planeten vorüber. Es würde unangenehm werden, Kapitän Handuma das alles zu erklären.

»Was soll ich jetzt machen?«, fragte er.

»Im Moment gibt es nichts zu tun«, erklärte Tik.

»Muss ich nicht beschleunigen?«

»Im Prinzip schon. Aber da die Antriebseinheit beschädigt wurde, ist dies nicht mehr möglich.«

Kelwitt hatte das Gefühl, als setzten seine drei Herzen gleichzeitig eine Pumpwelle lang aus, als er begriff, was das bedeutete. »Wir stürzen ab!«, entfuhr es seinen bebenden Stimmritzen. »Stimmt das, Tik?«

»Das ist korrekt«, erklärte der Schulterspangencomputer tonlos.

4

Die weitaus meisten der Bewohner des dritten Planeten von Kelwitts Stern bekamen natürlich nichts von dem Vorfall mit, in den im Wesentlichen nur der entnervte Pilot eines hochgeheimen Hochgeschwindigkeitsjets und die misstrauische Besatzung eines nicht ganz so geheimen Radarstützpunktes verwickelt waren. Der Pilot war entnervt, weil er bei der Verfolgung des lächerlich kleinen, sich mit lächerlich großer Geschwindigkeit durch die Stratosphäre bewegenden Objekts in eine Wolke winziger scharfkantiger Partikelchen geriet, die ihm mit Überschallgeschwindigkeit sämtliche Sichtfenster zerkratzten, worauf er kurzzeitig die Kontrolle über sein Flugzeug verlor und die Verfolgung des Eindringlings abbrechen musste. Die Besatzung des Radarstützpunktes war misstrauisch, weil sie auf ihren Schirmen nichts von all dem hatte beobachten können, was der Pilot des Jets zu sehen behauptet hatte.

Nachdem das Flugzeug gelandet war, wurden die Schleifspuren mit erstauntem Interesse untersucht. Irgendetwas musste sich dort oben ereignet haben, so viel stand fest. Aus einigen Ritzen, Vertiefungen, Auskerbungen von Luftansaugstutzen und dergleichen kratzte man insgesamt etwa einen Esslöffel voll kleiner harter brauner Körnchen, über deren Herkunft und Bedeutung die Wissenschaftler sehr unterschiedlicher Auffassung waren.

Entsprechende Berichte machten die Runde, mit dem Ergebnis, dass sich zunehmend weitere Planetenbewohner in die Diskussion einmischten, die eine gleichfalls zunehmende Anzahl von metallenen Sternen auf den Schulterklappen ihrer Körperbekleidung trugen. Die kleinen harten braunen Körnchen wanderten im Verlauf dieser Diskussion über viele Besprechungstische von zunehmend größeren Abmessungen. Schließlich transportierte man sie mit beträchtlichem Aufwand in ein nicht besonders großes, nahe des Zentrums einer ebenfalls nicht besonders großen Ansiedlung gelegenes Gebäude, das bei den Bewohnern des Planeten »das Weiße Haus« genannt wurde, wo die Samen vom vierten Planeten von Telekis Stern jedoch durch eine Reihe unglücklicher Zufälle mit einer Tüte Radieschensamen verwechselt wurden, die eine Sekretärin mitgebracht hatte, um in einer Tonschale auf dem Fensterbrett hinter ihrem Schreibtisch frische Keimlinge für das Frühstücksbrot zu ziehen.

Das hatte zur Folge, dass ein streng geheimer militärischer Ausschuss wenig später beträchtliche Mittel bewilligte, um die Einwirkungen von überschallschnellem Radieschensamen auf Titanlegierungen untersuchen zu lassen.

Aber wir greifen den Ereignissen vor.

Um an einer passenden Stelle zu diesen zurückzukehren, müssen wir unseren Blick ein wenig schweifen lassen, um schließlich zu landen in …

…in …

… in Schloss Tiefenwart.

Dieses altehrwürdige graue Gemäuer ragt unweit des kleinen Weilers Kirchlöhnen aus einem kleinen Birkenwäldchen. Kirchlöhnen wiederum gehört verwaltungstechnisch zu Duffendorf, das unweit des nordöstlichen Traufs der Schwäbischen Alb liegt und von dem kein normaler Mensch jemals gehört haben sollte, es sei denn, er wohnt zufällig dort. Das Schloss war im zwölften Jahrhundert erbaut worden, hatte kriegerische Auseinandersetzungen, Zerstörungen und Umbaumaßnahmen überstanden, bis man es schließlich, nach dem endgültigen Aussterben des Geschlechts derer von Tiefenwart, in ein privates Internat für die missratenen Nachkommen steinreicher Leute umwandelte. Es gab Stimmen, die behaupteten, dass damit der endgültige Untergang der altehrwürdigen Mauern besiegelt sei.

Den Zöglingen des Internats Tiefenwart war der Besitz von Fortbewegungsmitteln jeder Art untersagt. Die einzige Zerstreuung, die man vom Schloss aus zu Fuß erreichen konnte, war das Schützenfest von Stutzenhausen, das nur einmal im Jahr stattfand und zudem in den Sommerferien. Ansonsten musste man sich damit begnügen, den Füchsen und Hasen dabei zuzusehen, wie sie einander gute Nacht sagten.

Mit anderen Worten: Die Lehrkräfte, die weniger aufgrund ihres fachlichen Könnens als vielmehr im Hinblick auf ihre Stressstabilität ausgesucht wurden, hatten ihre Schutzbefohlenen stets unter Kontrolle.

»Wir sind hier nicht altmodisch, Herr Mattek. Die Mauern dieses Instituts stammen aus der Vergangenheit, zugegeben. Aber ich lege Wert auf die Feststellung, dass wir absolut auf der Höhe der Zeit sind – nicht nur, was unsere technische Ausstattung oder die Inhalte der Ausbildung anbelangt, die wir vermitteln, sondern auch in Bezug auf die Moralvorstellungen, mit denen diese Gesellschaft ins kommende Jahrhundert zu gehen beliebt.«

Der Mann, der dies sagte und dabei die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinanderlegte, mochte Mitte fünfzig sein, trug eine runde Nickelbrille, einen steingrauen, spitz zulaufenden Kinnbart und ein asphaltgraues Jackett. Seine Augen musterten den Besucher mit salbungsvoller Unerbittlichkeit. Seine Krawatte zeigte ein Muster aus kleinen Dampflokomotiven auf blauem Hintergrund.

Er schien überhaupt ein Fan von Dampflokomotiven zu sein. Mehrere gerahmte Stiche an den Wänden zeigten historische Dampflokomotiven in voller Fahrt, und auf seinem Schreibtisch hatte er einen Briefhalter in Form eines kleinen Lokomotivschuppens stehen, aus dem sogar ein maßstabsgetreues Gleis herausführte, das über die ganze vordere Längsseite des Schreibtischs reichte.

Man schrieb den 17. Dezember des Jahres 1999. Ein Freitag. Die mächtige, dunkelbraune Standuhr hinter dem Schreibtisch zeigte 11 Uhr 12.

»Ich verstehe«, sagte Wolfgang Mattek, der dem Rektor in einem dicken Ledersessel gegenübersaß und sich vergeblich zu erinnern versuchte, wie vielen Rektoren er in den vergangenen Jahren gegenübergesessen hatte. Alle hatten sie diese Art von Blick gehabt. Es musste eine geheime Ausbildungsstätte für Schulleiter geben, in der man ihnen diesen seltsamen, für die Eltern unbotmäßiger Schüler reservierten Blick beibrachte.

»Mit anderen Worten«, fuhr der Rektor fort, »wir sind uns dessen bewusst, dass sexuelle Beziehungen unter Heranwachsenden heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr sind. Wir fördern das zwar nicht, aber wir tolerieren es.«

»Ich verstehe«, sagte Mattek noch einmal. Ihm kam zu Bewusstsein, dass er mit eingezogenem Hals dasaß, als erwarte er einen Hieb in den Nacken. Verärgert über sich selbst, reckte er den Kopf in die Höhe, dehnte den Nacken leicht nach rechts und links und bedachte den Rektor mit einem grimmigen Blick, als der ihn verwundert musterte. »Ich verstehe. Sie tolerieren es.«

»Ja«, nickte der Schulleiter. »Unsere Schüler nehmen an einem ausführlichen Sexualkundeunterricht teil, der über das hinausgeht, was staatlicherseits vorgeschrieben ist, und sind also, wie man so sagt, mit den Tatsachen des Lebens vertraut. Überdies hängt im Kellergeschoss ein allgemein zugänglicher Kondomautomat, den unser Hausmeister stets gefüllt hält. Mit anerkannten Markenpräparaten, wie ich betonen möchte.«

»Aha«, sagte Wolfgang Mattek. Er hätte heute Morgen weiß Gott Besseres zu tun gehabt, als hierher zu fahren und sich abkanzeln zu lassen. Zumal er schon hätte Vorhersagen können, welchen Verlauf dieses Gespräch nehmen würde, bis zur Wortwahl, wenn es hätte sein müssen.

»Ich denke, dass Sie aus all dem ersehen können, dass unsere moralischen Grenzen keineswegs enger als heutzutage üblich gesteckt sind, vielleicht sogar eher noch weiter«, fuhr der Mann mit dem steingrauen Spitzbart fort, wobei er die Spitzen seiner gespreizten Finger unduldsam gegeneinanderklopfte. »Aber wo auch immer diese Grenzen verlaufen mögen – Ihre Tochter hat sie zweifelsfrei überschritten.«

Mattek sank unwillkürlich ein Stück in sich zusammen.

»Es mag ja nicht ungewöhnlich sein, dass Jugendliche öfter wechselnde Beziehungen eingehen. Aber Sabrina hat, wie man mir glaubhaft versicherte, mit beinahe jedem männlichen Mitschüler zumindest eine Affäre gehabt, manchmal sogar mit mehreren gleichzeitig.«

Mattek konnte einen abgrundtiefen Seufzer nicht mehr unterdrücken.

»Es hat mehrere ernsthafte tätliche Auseinandersetzungen unter rivalisierenden Nebenbuhlern gegeben. Die letzte verlief so blutig, dass wir beide Kontrahenten ins nächste Krankenhaus bringen mussten, um ihre Platzwunden nähen zu lassen.«

Mattek verdrehte die Augen und wünschte sich, er wäre woanders – und vor allem jemand anders.

»Einer ihrer Klassenkameraden hat einen Selbstmordversuch unternommen, nachdem Sabrina die Affäre mit ihm beendet hatte.«

Mattek ächzte nur.

»Und«, fügte der Rektor erbarmungslos hinzu, »sie hat offenbar sogar versucht, Mitglieder des Lehrerkollegiums zu verführen.« So wie er das sagte, klang es, als sei das das Verwerflichste, was sie hatte tun können. »Herr Mattek, bitte haben Sie Verständnis für meine Situation. Wir können dieses Verhalten nicht länger hinnehmen. Sabrina muss unsere Schule verlassen. So schnell wie möglich. Heute noch. Gleich nachher.«

Mattek räusperte sich. Letzte Woche hatte er den Leiter des Rechnungswesens zu sich ins Büro zitiert und ihn genauso rabiat abgebürstet. Nun konnte er zumindest nachvollziehen, wie sich der Mann gefühlt haben musste. »Man hat mir gesagt, diese Schule sei spezialisiert auf schwierige Fälle. Man hat die exorbitanten Schulgebühren« – es konnte nicht schaden, darauf herumzureiten -»damit begründet, dass Sie hier Psychologen, Sozialpädagogen, Therapeuten und so weiter beschäftigen. Man hat mir versichert, hier an der richtigen Adresse zu sein.«

Die Miene des Rektors wurde undurchdringlich. »Ich verstehe sehr gut, dass Ihnen meine Entscheidung nicht gefällt. Aber ich muss darauf bestehen, dass Sie Ihre Tochter heute noch mitnehmen.«

»Und was soll ich dann mit ihr machen? Ich bin Unternehmer. Ich leite eine Fabrik, die Feuerwerkskörper herstellt, und das Silvesterfest 1999 steht vor der Tür. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet?«

»Ich verstehe Ihren Ärger, Herr Mattek«, meinte der Schulleiter, »aber es ist das Beste, wenn Sabrina geht, glauben Sie mir.« Damit beugte er sich vor und drückte einen kleinen roten Knopf an dem Lokomotivschuppen.

Etwas begann zu summen. Die Türen des Lokomotivschuppens klappten auf. Mit ungläubigem Staunen beobachtete Mattek, wie eine kleine Dampflokomotive unter reichlich elektronisch klingendem Keuchen herausgefahren kam, einen kleinen Kohletender und zwei Schüttgutwaggons hinter sich herziehend. Das kleine Gespann fuhr bis zur Mitte des Schreibtischs, hielt dann an, und die Abdeckungen der Waggons öffneten sich.

Sie waren gefüllt mit Süßigkeiten – Lakritz, Zuckerperlen, kleinen Bonbons.

»Nehmen Sie etwas Konfekt, Herr Mattek«, meinte der Rektor mit einer einladenden Handbewegung. »Das beruhigt die Nerven.«

Wolfgang Mattek starrte den Mann mit dem grauen Spitzbart an, dann die beiden Waggons, das bunte Zuckerzeug darin, dann wieder den Mann, und konnte die ganze Zeit nur mühsam verhindern, dass ihm der Kinnladen herunterklappte. War da nicht ein irres Glitzern hinter der Nickelbrille?

»Ich spreche aus Erfahrung, Herr Mattek.«

Wahrscheinlich war es tatsächlich das Beste, wenn er Sabrina von hier fortbrachte. Je schneller, desto besser. Heute noch. Gleich nachher.

Sabrina betrachtete ihr Abbild in der spiegelnden Scheibe. Der Busen würde wohl tatsächlich nicht mehr größer werden. Nicht mehr mit siebzehn. Aber eigentlich konnte sie zufrieden sein; die Mädchen mit den großen Oberweiten würden mit dreißig Hängebrüste haben, und sie würde dann immer noch ohne BH herumlaufen können. Doch, das ging okay.

Die Sache mit ihrem Haar war da schon problematischer. Jetzt sahen die weißen Strähnen in dem Blond noch ziemlich cool aus. Andere Mädchen mussten für so was zum Friseur und viel Geld dafür hinblättern. Und wo gab es in dieser öden Gegend hier einen Friseur, der Strähnchen machen konnte? Nirgends, eben. Aber wenn sie erst mal älter war, würden die weißen Haare sie älter aussehen lassen, als sie war. Sie würde irgendwann anfangen müssen, ihr Haar zu färben.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf die dunkle Eichentür auf der anderen Seite des Ganges, hinter der ihr Vater und der Rektor zusammensaßen. Sie konnte sich vorstellen, was das Ergebnis sein würde. Vorsichtshalber hatte sie schon mal gepackt.

Sie sah wieder aus dem Fenster.

Für einen Moment fiel ihr ein breiter Kondensstreifen auf, der ungewöhnlich rasch über das winterkalte Graublau des Himmels zog. Aber sie dachte sich nichts dabei.

Es gab noch jemanden, dem der breite Kondensstreifen am Himmel auffiel, und der dachte sich etwas dabei. Genug jedenfalls, um sein Auto an den Straßenrand zu fahren, auszusteigen und dem pfeilgerade dahinziehenden Strich nachzuschauen.

Der Name des Mannes war Hermann Hase, und wie der Zufall es so wollte, war er Geheimagent. Oder, wie es im Behördenjargon heißt, Außendienstbeamter des Bundesnachrichtendienstes. Zumindest war er das im Moment noch. Sein Vorgesetzter hatte ihm unlängst zu verstehen gegeben, dass er sich nach einem neuen Job würde umsehen müssen, denn es gebe mm einmal nicht mehr so viele Verwendungsmöglichkeiten für Geheimagenten wie in der guten alten Zeit.

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