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Kelly und der Millionär

1. KAPITEL

Kelly Mason öffnete die Augen und stöhnte leise auf. Blinzelnd warf sie einen Blick auf die Uhr. Vor zwölf Stunden war ihr Flug endgültig gestrichen worden, und seitdem saß sie ohne Geld und mit noch weniger Hoffnung in einer fremden Stadt fest.

Die Armlehne des Sitzes bohrte sich in ihren Rücken, der von dem zusätzlichen Gewicht, das sie mit sich herumtrug, schon genug schmerzte. Jeder Knochen in ihrem Körper protestierte, als sie sich vorsichtig nach vorn drehte und langsam aufsetzte.

„Du redest im Schlaf“, sagte plötzlich eine helle Stimme neben ihr. „Das nennt man Somniloquie.“

Kelly wandte sich ihr zu und schaute direkt in zwei große braune Augen. Sie gehörten einem Mädchen, das nicht älter als sechs Jahre war.

„Das ist ein großes Wort für ein kleines Mädchen.“ Kelly streckte sich und ließ den Kopf kreisen, um die verkrampften Muskeln an ihren Schultern etwas zu lockern.

„Ich bin ein Genie“, sagte das Mädchen so sachlich, wie Kelly gesagt hätte, dass sie Lehrerin war. Wenn es denn wahr gewesen wäre. Das war es aber nicht. Nicht mehr. Sie war vieles nicht mehr, was sie einmal gewesen war.

Dankbar für die Ablenkung rutschte Kelly auf dem grauenhaften Sitz herum, bis sie eine bequeme Position für ihren Bauch fand, und lächelte dem dunkelhaarigen Engel belustigt zu. „Ehrlich gesagt, einem Kindergenie bin ich noch nie begegnet. Wie heißt du denn?“

„Pollyanna.“ An einer Wange zeigte sich ein Grübchen. „Na ja, nicht wirklich. Ich lese gerade das Buch über sie und habe beschlossen, meinen Namen zu ändern. In Wirklichkeit heiße ich Mariah.“

„Ich freue mich, dich kennenzulernen, Mariah. Ich bin Kelly.“ Trotz ihres schmerzenden Nackens lächelte sie. „Das Buch kenne ich. Ich liebe die Geschichte. Hast du auch den Film gesehen?“

Das Kind machte ein schockiertes Gesicht. „Natürlich nicht! Daddy sagt, das Buch ist immer besser als der Film, deshalb soll man es erst ganz lesen und dann vergleichen und die Unterschiede analysieren.“

„Da hat dein Daddy vollkommen recht.“ Wo immer er war. Suchend sah Kelly sich um, entdeckte jedoch niemanden, der auf das kleine Mädchen aufpasste. Der Mann gehörte bestraft. Es war verantwortungslos, ein Kind allein auf einem riesigen, unüberschaubaren Flughafen herumlaufen zu lassen.

„Wir sitzen schon den ganzen Tag in Denver fest und warten darauf, dass unser Flugzeug starten darf. Genauer gesagt, wir sind seit siebzehn Stunden und zweiundzwanzig Minuten hier, aber das ist fast ein Tag, findest du nicht?“

„Ja, das finde ich auch. Ich bin seit zwölf Stunden hier.“

„Das macht Spaß, nicht?“ Nun ja, Spaß würde Kelly es nicht gerade nennen. „Es gibt so viele interessante Leute, mit denen man reden kann. Wusstest du, dass der Mann dort drüben für die niederländische Königin arbeitet?“ Das Kind zeigte hinüber. „Er will mir ein Autogramm von ihr schicken. Und die Frau da ist traurig, weil ihr Freund mit seiner Mutter nach Syracuse gezogen ist. Sie hat mir einen Dollar gegeben, damit ich sie in Ruhe lasse. Ich habe ihr dafür eine Tasse Kaffee gekauft. Daddy sagt, man darf nie Geld von Fremden annehmen.“

„Hat er dir jemals gesagt, dass man nicht mit Fremden reden darf?“, fragte Kelly.

„Das sagt er dauernd.“ Das Kind kicherte und schlug die Hände vor den Mund. Lange dunkle Locken wippten auf den schmalen Schultern. „Aber ich suche mir genau aus, mit wem ich rede.“

„Und was, wenn ich nun ein böser Mensch wäre?“

„Bist du das etwa?“

„Nein. Ich bin Lehrerin.“ Genauer gesagt, sie war eine gewesen, bevor sie alles aufgegeben hatte, um Marks Frau zu werden. „Und ich mag Kinder. Aber ich hätte durchaus ein böser Mensch sein können.“

Braune Augen blickten sie unschuldig an. „Was soll mir denn auf einem überfüllten Flughafen passieren?“

Viele schlimme Dinge, aber es war noch nie Kellys Art gewesen, einem kleinen Mädchen Angst zu machen. „Du hast recht.“

„Aber du bist nicht böse. Du bist nett. Du bekommst ein Baby. Mommies sind immer nett, aber ich habe leider keine. Deswegen führe ich Einstellungsgespräche. Möchtest du dich nicht um den Job bewerben?“

Kelly musste lachen, aber es klang hohl und ein wenig bitter. „Als deine Mommy?“

„Na ja, Daddy will, dass ich eine Privatlehrerin-Schrägstrich-Nanny habe. Aber ich will viel lieber eine Mommy. Meine erste Mommy ist vor langer Zeit gestorben.“ Das kleine Mädchen sah nicht traurig aus, trotzdem tat es Kelly leid. „Also“, fuhr es fort, „meinst du, du könntest beide Aufgaben bewältigen?“

Privatlehrerin und Mutter? Was für ein interessantes Gespräch. Kelly hatte keine Ahnung, wie sie eine solche Frage beantworten sollte, ohne sich auf dünnes Eis zu begeben. Zum Glück blieb es ihr erspart, denn in genau diesem Moment eilte ein gehetzt wirkender Mann auf sie zu. Die Krawatte saß schief, das Jackett wehte an den Seiten. Kelly gab sich die größte Mühe, den schlanken, athletischen Körper darunter nicht zu beachten.

„Mariah!“

Das kleine Mädchen strahlte. „Da kommt mein Daddy. Er ist nett. Du wirst ihn mögen.“

Das bezweifelte Kelly. Sie hatte sich bereits ein Urteil über den Mann gebildet, und es fiel nicht sehr gut aus. Selbst ohne ihre Kontaktlinsen wäre er ihr aufgefallen, und sie wäre ihm aus dem Weg gegangen – wenn sie schnell genug wäre. Groß und gebräunt, mit dunkelbraunem Haar und ebenso braunen Augen sah er viel zu gut aus. Und zu erfolgreich. Sie hatte genug von gut aussehenden, erfolgreichen Männern.

Das Kind beugte sich zu ihr. „Er ist in letzter Zeit sehr depressiv“, flüsterte es mit Verschwörermiene. „Sag ihm nicht, dass ich es erzählt habe, aber ich finde, du solltest es wissen. Schuld ist diese ganze Sache mit der Wahl zum Geschäftsmann des Jahres in Dallas. Und der Erfolgsdruck. Ich bin eine gute Menschenkennerin und weiß, dass es ihn wahnsinnig anstrengt, ein Kindergenie zu erziehen und ein Millionen-Dollar-Unternehmen zu leiten. Deshalb muss ich eine Mommy finden, die auf mich aufpasst, während er arbeitet, und ihn dadurch entlastet. Dann geht es ihm bestimmt besser.“

Kelly sah erst das Kind an, dann den Vater, der wie eine Rakete auf sie zukam, schnell und zielsicher, schnittig und gefährlich. Dass dieses intelligente Kind das Gefühl hatte, seinem Vater zur Last zu fallen, fand sie unerträglich. Es war einfach unfair. Was musste das für ein unsympathischer Mann sein, der seiner kleinen Tochter ein schlechtes Gewissen bereitete?

„Daddy, komm her. Das ist meine neue Freundin Kelly. Sie bekommt ein Baby, und ich führe gerade ein Einstellungsgespräch mit ihr. Sie interessiert sich für den Job bei uns.“

Der Mann schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Er stützte die Hände auf die Hüften, während er nach Luft schnappte. Vermutlich war er auf der Suche nach dem Kind durch das ganze Terminal gerannt.

„Ich muss mich für meine Tochter entschuldigen, Miss …“ Er zögerte. „Kelly. Ich bin Ryan Storm.“

Sein Name ließ sie erstarren. Ryan Storm? O nein. Das konnte nicht sein. Sie kniff die Augen zusammen und sah genauer hin. Doch, er war es. Ryan Storm, ehemals Außenseiter aus armen Verhältnissen auf der Bartlett Highschool, jetzt Wallstreet-Wunderknabe. Ein erwachsener und noch dazu verdammt attraktiver Wunderknabe.

Er konnte es nicht wissen, aber sie hatte ihn mal angehimmelt. Vor allem deshalb, weil ein Rebell wie er so gar nicht zu einem so braven, folgsamen Mädchen, wie sie es gewesen war, gepasst hatte.

Kein Zweifel, sie hatte schon immer einen miserablen Männergeschmack gehabt.

„Mein streunendes Kind Mariah haben Sie ja schon kennengelernt. Es bringt mich um den Verstand.“ Er nahm die Hand des kleinen Mädchens. Mariah strahlte ihn an. „Es tut mir leid, wenn sie Sie belästigt hat.“

„Das hat sie nicht. Ganz im Gegenteil, sie ist sehr unterhaltsam.“ Und du hättest wissen müssen, wo sie steckt, Rabenvater.

„So kann man es auch nennen.“

Er setzte sich neben Kelly und brachte den Duft eines bekannten und teuren Eau de Cologne mit sich. Wie konnte er nach einem so langen Tag auf dem Flughafen so gut riechen? Sie selbst roch wahrscheinlich nach schmutzigen Sportsocken.

„Wohin fliegen Sie, Kelly?“, fragte er, als hätte sie ihn zu einem Gespräch ermuntert.

„Nirgendwohin.“

Überrascht sah er sie an, und sie bereute ihre schnippische Antwort. Sie durfte ihre Hoffnungslosigkeit nicht so zur Schau stellen. Mitleid war das Letzte, was sie wollte. Davon hatte sie selbst genug.

„Na ja, nach Dallas“, ergänzte sie hastig und schaute mit skeptischer Miene zur riesigen Glaswand hinüber. Noch immer prasselte der Hagel gegen die Scheibe. „Irgendwann.“

Er lächelte, und es ließ ihn sogar noch besser aussehen. Sie hasste ihn dafür. „Ich weiß, was Sie meinen. Wir fliegen auch nach Dallas.“

Natürlich. Sie hätte es sich denken können. Jeder, der lesen konnte, wusste, dass Ryan Storm in Dallas lebte und arbeitete und die Stadt praktisch ihm gehörte. Ryan Storm, Geschäftsmann des Jahres, Unternehmer, begehrtester Junggeselle in ganz Texas. Sämtliche Eigenschaften, die ihr an einem Mann missfielen.

Es gab noch etwas, das ihr an einem Mann missfiel. Unehrlichkeit. Mark war so gut darin gewesen, ihr etwas vorzumachen. Aber dafür konnte Ryan Storm nichts. Und seine Tochter auch nicht. Es war allein ihre Schuld gewesen, denn in ihrer Naivität hatte sie Mark glauben wollen.

Der Mann des Jahres wandte sich ihr zu, musterte sie genauer, und plötzlich wurden seine Augen schmal. „Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch, aber Sie kommen mir bekannt vor. Kann es sein, dass wir uns schon mal begegnet sind?“

Fast hätte Kelly laut aufgelacht. War ihm denn nicht klar, wie beleidigend er war? Nicht nur, dass er sie nicht erkannte, er wollte auch noch sicherstellen, dass sie seine Frage auf keinen Fall als männliches Interesse deutete. Als könnte jemand sich für eine hochschwangere Frau interessieren, die seit vorgestern Abend nicht mehr geduscht oder sich das Haar gewaschen hatte.

„Bartlett Highschool, im Osten von Dallas. Mrs. Rutgers Geschichtskurs. Obwohl du ihn fast komplett verschlafen hast.“

Verblüfft starrte er sie an und hob eine Hand, während er sich zu erinnern versuchte. „Kelly … Kelly …“ Dann schnippte er mit den Fingern. „Kelly Slater, Boy Hater.“

Kelly musste über den alten Spitznamen lachen. Sie war keine „Jungenhasserin“ gewesen, aber mit Zahnspange, Brille und Sommersprossen hatte sie nicht gerade zu den umschwärmtesten Mädchen gehört. Sicher, die Jungen mochten sie, aber sie gingen nicht mit ihr aus. Der Schmetterling war erst nach der Highschool aus dem Kokon geschlüpft. Kontaktlinsen, gerade Zähne und das richtige Make-up hatten ein Wunder bewirkt.

„Ich heiße jetzt Kelly Mason, aber wieso erinnerst du dich an den albernen Spitznamen?“, fragte sie neugierig.

Edler Stoff raschelte, als Ryan mit den breiten Schultern zuckte. „Ein Verstand, der stets auf Hochtouren läuft.“

„So, wie er es getan hat, während deine Tochter allein durch den Flughafen gestreift ist, meinst du?“ Entsetzt riss sie die Augen weit auf. Hatte sie wirklich ausgesprochen, was ihr durch den Kopf geschossen war?

„Wie bitte?“

Offenbar hatte sie, und der Mann des Jahres war nicht gerade erfreut darüber. „Schon gut, vergiss es. Es geht mich nichts an.“

Die Spange hatte ihre Zähne gerichtet, aber nichts an ihrem losen Mundwerk geändert. Manchmal brachte die Offenheit ihr nichts als Ärger ein.

Mariah, die geduldig ihrem Gespräch gelauscht hatte, zupfte an seinem Ärmel. „Daddy, bitte. Du unterbrichst unser Einstellungsgespräch.“

Ryan sah seine Tochter an. „Entschuldige, Schatz, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Kelly an dem Job interessiert ist.“

„Ich finde, sie könnte genau die Richtige sein, Daddy. Obwohl wir noch gar nicht über ihre Qualititation oder das Gehalt gesprochen haben.“

„Qualifikation“, verbesserte er.

Mariah nickte, und wieder hüpften die Locken auf dem grünen Pullover. „Genau danach kannst du sie ja jetzt fragen.“

„Ich glaube nicht. Verheiratete Frauen arbeiten nicht als Kindermädchen.“ Er zeigte auf Kellys linke Hand. „Siehst du? Sie trägt einen Ehering.“

Wow! Dem Mann entging aber auch gar nichts!

„Oh.“ Betrübt schaute das Mädchen Kelly an. „Du hast mir nicht gesagt, dass du verheiratet bist.“

Kelly drehte den Ring. Warum trug sie ihn noch? Wegen des Babys wahrscheinlich. Ganz sicher nicht, weil sie noch an Mark hing. „Ich bin Witwe. Mein Mann ist gestorben.“

Es laut auszusprechen kam ihr noch immer so unwirklich vor wie vor einigen Monaten. Mark war tot. Die Luxusyacht, die er zu ihrem neuen Eigner in Griechenland überführen wollte, war nach einer Explosion gesunken. Kelly war noch immer entsetzt und fühlte sich zugleich schuldig. Entsetzt, weil es so schrecklich war, einen Menschen auf diese Weise zu verlieren, und schuldig, weil ihre Trauer sich in Grenzen hielt.

Mariah schien ihr den Stress der letzten Zeit anzusehen, denn das Mädchen griff nach ihrer Hand. „Sei nicht traurig, Kelly. Daddy und ich kümmern uns um dich. Du kannst mit zu uns nach Hause kommen und im Bett heiße Schokolade trinken und Cracker essen.“

Die Locken wippten in Ryans Richtung. „Das kann sie doch, oder, Daddy? Dann geht es ihr bestimmt bald besser, und sie kann auf mich aufpassen, während du arbeitest. Und sie kann meine Mommy sein und mir eine kleine Schwester schenken. Sie ist nämlich auch Lehrerin, also kann sie uns in Erdkunde helfen. Ich verwechsle nämlich immer noch Indiana und Indien, weißt du. Es ist die perfekte Lösung.“

Die Logik seiner Tochter schien Ryan ebenso sehr zu überfordern wie Kelly. Sekundenlang betrachtete er Mariah, bevor er sich verlegen übers Haar strich. „Du bist Lehrerin? Du brauchst nicht zufällig einen Job, was?“

Wenn du wüsstest, dachte Kelly. „Wie genau würde der Job denn aussehen?“

Er lachte kurz auf. „Er wäre nicht annähernd so anspruchsvoll, wie es Mariah vorschwebt. Ihr bisheriges Au-pair-Mädchen hat geheiratet. Wir kommen gerade von der Hochzeit.“

„Und wir haben noch keinen Ersatz für Miss Janine“, erklärte Mariah, während sie ihre Hände auf Kellys Knie verschränkte und ihr ins Gesicht schaute. „Wir haben mit ein paar Bewerberinnen gesprochen, aber ich habe das letzte Wort.“

Ihr Vater verdrehte die Augen und sah plötzlich ziemlich hilflos aus. „Das haben wir so abgemacht. Ich entscheide, wie qualifiziert sie sein muss. Mariah sucht jemanden aus, den sie mag. Ich habe lange Arbeitszeiten und brauche jemanden, dem ich mein Kind guten Gewissens anvertrauen kann.“

„Manchmal sehe ich Daddy tagelang nicht“, erzählte seine Tochter. „Er arbeitet sehr, sehr hart, weißt du, und obwohl ich ihn schrecklich vermisse, verstehe ich das. Von ihm hängen viele Leute ab. Deshalb müssen deine Referenzen vorbildlich sein. Wir werden viel Zeit zusammen verbringen. Ich will wirklich eine kleine Schwester. Und ich verspreche, dass ich ganz viel helfe. Ich habe sämtliche Babybücher gelesen und lerne alles, was man dazu wissen muss. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Und ich bin immer brav und benehme mich tadellos. Das verspreche ich dir auch. Bin ich doch, oder, Daddy?“

Während ihrer kleinen Ansprache waren Mariahs Augen voller Hoffnung gewesen, und Kelly wurde weh ums Herz. Mit jedem Wort des kleinen Mädchens war ihr klarer geworden, dass Ryan Storm ein Workaholic war, bei dem der geschäftliche Erfolg an erster Stelle stand. Arme kleine Mariah, dachte sie betrübt.

„Ja, das bist du, mein Schatz.“ Er kniff dem kleinen Mädchen in die Nase, bevor er sich wieder an Kelly wandte. „Wie du siehst, ist Mariah ein äußerst begabtes Kind. Daher brauche ich jemanden, der sich nicht nur die ganze Zeit um Mariah kümmern, sondern sie auch zu Hause unterrichten kann. Wie Janine. Mariah hat sich in der Vorschule nicht wohlgefühlt, und ich will nicht, dass sie leidet.“

„Die anderen Kinder mochten mich nicht besonders“, sagte das Mädchen. „Ich werde niemals verstehen, warum. Sie haben immer mit Klötzen gespielt, und das fand ich ein wenig albern. Aber ich war trotzdem nett und habe ihnen geholfen, sie nach Farben zu ordnen und zu einem Stadtplan von Dallas zusammenzulegen.“ Mariah runzelte die Stirn. „Aus irgendeinem Grund sind sie danach alle weggelaufen.“

Ryan zog eine Augenbraue hoch und warf Kelly einen vielsagenden Blick zu. „Meiner Meinung nach sind Privatlehrer für Kinder wie Mariah am besten.“

„Irgendwann wird sie lernen müssen, mit anderen Kindern umzugehen“, sagte Kelly. „Egal, wie intelligent sie ist, sie muss lernen, wie ein normales Kind zu spielen.“

„Ich finde es wesentlich wichtiger, ihre Intelligenz zu fördern. Spielen können Kinder von Geburt an.“

„Da irrst du dich“, widersprach Kelly. Was war bloß in sie gefahren? Wie kam sie dazu, mit diesem Mann zu diskutieren? Wahrscheinlich lag es an der Erschöpfung, aber es ärgerte sie noch immer, dass er sein Kind unbeaufsichtigt durch den Flughafen hatte laufen lassen. Außerdem machte Mariah sich Sorgen um ihren Vater. Der Mann hatte keine Ahnung. Höchste Zeit, dass jemand ihm die Meinung sagte. „Der Umgang mit anderen Menschen ist auch wichtig, vor allem in diesem Alter.“

„Meine Tochter ist sehr kontaktfreudig, wie du vielleicht schon bemerkt hast“, entgegnete er ironisch.

„Das meine ich nicht. Bist du jemals auf die Idee gekommen, dass sie auch mal ein kleines Mädchen sein muss, anstatt sich um ihren Vater Sorgen zu machen?“ Upps. Jetzt war sie entschieden zu weit gegangen.

Er blinzelte, und sein Blick wurde kühl. „Entschuldige, aber ich denke, das Einstellungsgespräch ist beendet.“

Beendet.

„Ich wusste gar nicht, dass es angefangen hat. Wie dumm von mir.“ Typisch dachte sie. Ich verliere den Job, bevor ich ihn überhaupt habe. „Hört sich an, als bräuchte jemand dringend ein Nickerchen, und damit meine ich nicht deine Tochter“, platzte sie heraus, bevor sie sich den Mund verbieten konnte.

Zehn frostige Sekunden lang musterte ihr ehemaliger Mitschüler sie, dann wandte er sich ab und starrte aus dem Fenster. Er legte die Fingerspitzen aneinander, tippte damit gegen sein Kinn und seufzte resigniert. Einen Moment lang sah Ryan Storm, unumschränkter Herrscher von Storm International, selbst wie ein verlassenes Kind aus.

Kelly spürte einen Anflug von Mitgefühl, was unter diesen Umständen überhaupt keinen Sinn ergab und absolut unangebracht war. Eigentlich sollte sie fuchsteufelswild und empört sein, aber das war sie nicht. Seine trotzige Reaktion war irgendwie komisch und erinnerte sie an den ernsten jungen Mann aus der Highschool. Obwohl er wenig gesprochen hatte, waren seine Groupies ihm auf Schritt und Tritt gefolgt und hatten auf ein anerkennendes Wort ihres schweigsamen Helden in engem T-Shirt und verwaschenen Jeans gewartet. Schon damals hatte er Autorität ausgestrahlt.

Und jetzt war er auch noch reich und mächtig. Sie dagegen hatte nicht mal einen Job. Warum sollte ausgerechnet Ryan Storm ihr leidtun?

Mariah, der kein Blick, kein Seufzen und kein Satz entgangen war, schaute von ihrem zornigen Vater zu Kelly und zurück. „Können wir nicht verhandeln?“, fragte sie leise.

Es klang so flehentlich, dass es Kelly fast das Herz brach. Und sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Hier war ein Kind, das vermutlich Shakespeares Theaterstücke lesen konnte, aber einen ahnungslosen Workaholic zum Vater hatte. Wenn es ein kleines Mädchen gab, das eine Mutter brauchte, dann dieses.

„Hast du nicht zugehört? Kelly ist an dem Job nicht interessiert“, murmelte Ryan.

Vielleicht lag es an Mariahs großen braunen Augen. Oder an dem hoffnungslosen Gesichtsausdruck des Vaters. Oder an ihren Hormonen.

Aber wahrscheinlich war es reine Verzweiflung.

„Doch“, widersprach Kelly. „Ich glaube, das bin ich.“

Langsam, ganz langsam wandte Ryan sich der Frau zu. Erst hatte sie ihm vorgeworfen, dass er keine Ahnung hätte, wie er sein Kind großziehen sollte. Und jetzt wollte sie für ihn arbeiten?

Wohl kaum.

Er strich sich übers Gesicht und hörte das Kratzen der Bartstoppeln.

Er saß auf dem Flughafen fest, war hundemüde, hatte zwei wichtige Besprechungen verpasst und gerade erfolglos fünfundvierzig Minuten am Telefon verbracht, um ein gescheitertes Geschäft zu retten. Als er aufgelegt hatte, war Mariah mal wieder von der Bildfläche verschwunden. Sein kleines Mädchen war der einzige Mensch auf Erden, der ihn aus der Fassung bringen und in Panik versetzen konnte.

Als er sie endlich fand, gesund und sicher, im Gespräch mit der schwangeren Frau, wurden seine Knie weich vor Erleichterung. Amanda zu verlieren hatte ihn fast umgebracht. Mariah zu verlieren würde ihm den Rest geben.

Natürlich machte sie ihn hin und wieder wahnsinnig. Sie war nicht alt genug, um vernünftige Entscheidungen zu treffen, aber viel zu schlau, um die Welt um sie herum nicht zu erkunden. Einmal war sie Janine entwischt und mit einer Hand voll Kleingeld aus seiner Kommode in den Bus zum Dallas World Aquarium gestiegen. Ein aufmerksamer Fahrer hatte ihnen allen viel Leid erspart.

Mariah brauchte jemanden, der so intelligent war wie sie.

Erschöpft, wie er war, sollte er wahrscheinlich kein abschließendes Urteil fällen. Aber Kelly Slater, die Jungenhasserin? Besser nicht.

Sämtliche Gründe, warum er sie nicht einstellen sollte, waren so offensichtlich wie ihr runder Bauch. Da war Grund Nummer eins. Schwangere Frauen machten ihn nervös. Nein, nicht nervös. Sie versetzten ihn geradezu in Angst und Schrecken.

Andererseits war sie jemand, den er kannte. Na ja, mal gekannt hatte. Kelly war das nette, ganz normale Mädchen in der ersten Reihe gewesen, das sich dauernd meldete, freiwillig den Vorsitz im Komitee für den Schulball übernahm und danach auch noch aufräumte. Aber jetzt sah sie anders aus. Vollkommen anders.

Damals hatte sie ihre atemberaubend blauen Augen hinter einer Brille und das zarte, anmutige Gesicht hinter langem Haar versteckt. Es hatte die Farbe seiner Schlafzimmermöbel. Mahagoni. Und bei der Einstellung eines Kindermädchens sollte er nicht an sein Schlafzimmer denken.

Im Moment war er einfach zu müde für derartige Probleme.

„Wie kommst du darauf, dass du die Richtige für den Job bist?“, fragte er trotzdem.

„Wie kommst du darauf, dass ich es nicht bin?“

Weil ich deinen frechen Mund am liebsten mit einem Kuss zum Schweigen bringen möchte.

Eine schreckliche Sekunde lang befürchtete er, dass er den Gedanken laut ausgesprochen hatte. Als sie ihn nicht ohrfeigte, seufzte er erleichtert. „Meine Tochter scheint dich zu mögen. Ihre Bedürfnisse stehen über allem anderen“, sagte er stattdessen.

„Das sollten sie auch.“ Sie setzte sich anders hin. Ein Flughafen war kein geeigneter Ort für eine Schwangere. Sie war noch nicht sehr weit, aber ihr Gesicht und die Arme waren schmal, als hätte sie in letzter Zeit ab- und nicht zugenommen. Sie sah aus, als könnte sie jeden Moment zusammenbrechen. Trotz der Kälte brach ihm der Schweiß aus.

„Wenn wir wieder in Dallas sind, spreche ich mit mehreren Bewerberinnen. Bestimmt finde ich jemanden, der zu uns passt.“

Sie musterte ihn, als wäre er unzurechnungsfähig. Womit sie nicht ganz unrecht hatte.

„Hör zu, Ryan“, begann sie. „Ich will ehrlich sein. Ich brauche einen Job und ein Dach über dem Kopf.

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