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Keiner küsst so heiß wie du

1. KAPITEL

„Etwas Gutes hat die ganze Sache ja.“ Wütend knallte RJ Kincaid sein Handy auf den Konferenztisch.

„Und das wäre?“ Brooke Nichols blickte ihren Boss fragend an, denn wirklich optimistisch sah er nicht aus.

„Wenigstens haben wir’s jetzt schwarz auf weiß, dass es nicht noch schlimmer kommen kann.“ Mit funkelnden Augen lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück. Die anderen Mitarbeiter saßen reglos auf ihren Plätzen und starrten betreten vor sich hin. „Die Anrufe beim Staatsanwalt, bei der Polizei, den Behörden und dem Senator – alles für die Katz’.“

Nervös sprang er auf und begann, im Raum umherzulaufen. „Die Kincaid-Familie steht unter Beschuss und wird von allen Seiten angegriffen.“ So, wie er dort stand, groß, schlank, schwarzhaarig, charismatisch und mit wachen blauen Augen, wirkte RJ wie ein entschlossener Feldherr kurz vor Beginn der Schlacht. „Und meine Mutter Elizabeth Winthrop Kincaid, eine der angesehensten Frauen hier in Charleston, sitzt wie eine gemeine Verbrecherin hinter Gittern.“

Bei den Flüchen, die er ausstieß, zuckte Brooke zusammen. Seit fünf Jahren arbeitete sie nun für RJ, aber so wütend hatte sie ihn noch nie erlebt. Eigentlich war er einer der angenehmsten Menschen, den man sich vorstellen konnte. Jemand, der sich niemals aus der Ruhe bringen ließ und eine bewundernswerte Gelassenheit an den Tag legte.

Jedenfalls war er so gewesen, bevor sein Vater umgebracht worden war. Und bevor er zu der bitteren Erkenntnis gelangen musste, dass sein gesamtes Leben auf einer Lüge fußte.

Er wandte sich zu seinem Bruder Matthew. „Du betreust doch unsere neuen Geschäftsverbindungen – oder sollte ich besser fragen, ob es die überhaupt gibt?“

Matthew holte tief Luft. Beide kannten die Antwort. Selbst ihre ältesten und treuesten Kunden hatten nach dem Skandal um die Ermordung seines Vaters ihre Aufträge zurückgezogen. „Es gibt den Vertrag mit Larrimore.“

„Ach ja, richtig. Ein neuer Auftrag, an den wir unsere ganzen Hoffnungen hängen können. Greg, wie steht’s mit den Finanzen?“ Als RJ auf den Chef der Buchhaltung zuging, befürchtete Brooke einen Moment lang, er wollte den armen Kerl erwürgen.

Der freundliche und unscheinbare Mann rutschte tiefer in den Stuhl. „Nun ja, durch die neuen Herausforderungen …“

„Herausforderungen!“, fiel RJ ihm zynisch ins Wort und hob dramatisch die Arme. „So kann man das Ganze natürlich auch betrachten. Denn eine Herausforderung birgt immerhin Wachstumsmöglichkeiten. Neue Chancen. Hoffnungen.“

Er drehte sich um und begann wieder, unruhig umherzulaufen. Jeder der Anwesenden saß kerzengerade auf seinem Stuhl und betete vermutlich insgeheim, nicht das nächste Opfer eines Wutanfalls zu werden.

„Ich für meinen Teil sehe hier nur ein Unternehmen, das dabei ist, den Bach runterzugehen.“ RJ fuhr sich mit einer Hand durch das volle schwarze Haar. Die markanten Gesichtszüge wirkten äußerst angespannt. „Doch Sie sitzen hier in aller Seelenruhe herum und machen sich brav Notizen. Herrgott, lassen Sie sich gefälligst etwas einfallen. Tun Sie etwas!“

Keiner der Anwesenden bewegte sich auch nur einen Millimeter. Schließlich stand Brooke auf, weil sie es nicht länger aushielt. „Hm …“ Sie musste unbedingt dafür sorgen, dass er schleunigst den Raum verließ. Er benahm sich wirklich wie ein Idiot, und falls er nicht aufhörte, würde er sich noch um Kopf und Kragen reden und dem Ansehen der Firma schaden.

„Ja, Brooke?“ Er wandte sich zu ihr und sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Als ihre Blicke sich trafen, wurde ihr plötzlich heiß und kalt.

„Kann ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“ Sie nahm ihren Laptop und ging mit klopfendem Herzen zur Tür. Mochte er sie ihretwegen feuern, aber sie würde ihren Job tun und dafür sorgen, dass er seine ohnehin schon gestressten Mitarbeiter nicht noch weiter beschimpfte.

„Ich bin sicher, das kann warten.“ Düster blickte er wieder auf die Anwesenden.

„Nur einen Moment. Bitte.“ In der Hoffnung, dass er ihr folgen würde, ging sie einfach zur Tür.

„Offenbar findet meine Assistentin es wichtiger, Privatgespräche zu führen, als sich den Kopf über die dramatische Situation der Kincaid Group oder den Haftbefehl gegen meine Mutter zu zerbrechen. Was soll’s, der Tag neigt sich seinem Ende entgegen, und Sie alle haben sicherlich noch anderes zu tun. Das Meeting ist hiermit offiziell beendet.“

RJ ging zur Tür und hielt sie Brooke auf. Adrenalin und Hitze schossen ihr durch den Körper, als sie an ihm vorbeiging und ihn dabei fast am Arm streifte. Er schloss die Tür und folgte ihr nach draußen. Die Stille, die auf dem Flur herrschte, raubte Brooke fast den letzten Nerv. „In Ihr Büro, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Ich habe keine Zeit für Plauderstündchen. Meine Mutter sitzt in Untersuchungshaft, falls Sie das noch nicht mitbekommen haben.“

Brooke sagte sich, dass sein unverschämtes Verhalten auf die extreme Stresssituation zurückzuführen war, in der er sich gerade befand. „Vertrauen Sie mir. Es ist wichtig.“ Ihre Souveränität überraschte sie selbst, als sie ihm voraus in das Büro ging, von dem man einen fantastischen Blick über den Hafen von Charleston hatte. Das goldene Licht der untergehenden Sonne malte bizarre Muster auf die Wände. „Kommen Sie.“

Mit verschränkten Armen trat RJ in sein Büro. „Und? Zufrieden?“

„Setzen Sie sich.“ Sie schloss die Tür hinter ihm.

„Wie bitte?“

Als ihr Boss sie fassungslos anstarrte, versuchte sie tapfer gegen die Unsicherheit anzukämpfen.

„Auf die Couch.“ Sie deutete darauf, als müsste sie ihn darauf aufmerksam machen, dass dort ein Sofa stand. Ihre entschlossene Stimme ließ sie beinahe rot werden. Das hier war ja fast wie die Fantasie von der liebestollen Sekretärin! Doch die Situation war ernst. „Ich schenke Ihnen jetzt einen Whisky ein, den Sie dann trinken werden.“

Reglos blickte er sie an. „Haben Sie den Verstand verloren?“

„Nein, aber Ihrer scheint Sie allmählich zu verlassen. Deshalb sollten Sie tief einatmen und einen Moment lang nachdenken. Oder wollen Sie wirklich Ihren guten Ruf verlieren? Sie können doch nicht so mit Ihren Mitarbeitern reden! Ganz egal, wie derzeit die Lage ist. Und jetzt setzen Sie sich endlich.“ Erneut wies sie auf die Couch.

Sprachlos tat RJ, was sie ihm sagte.

Mit leicht zitternden Händen füllte Brooke zwei Fingerbreit Whiskey in ein großes Glas. RJs Nerven schienen wirklich blank zu liegen. Bis jetzt hatte er selbst in schwierigsten Situationen einen kühlen Kopf bewahrt, doch offenbar schien er die Grenze seiner Belastbarkeit erreicht zu haben.

Als sie ihm das Glas reichte, berührten sich ihre Finger, und wie immer in solchen Momenten verfluchte sie sich insgeheim dafür, dass sie in RJs Gegenwart so sensibel reagierte. „Hier, das wird Sie beruhigen.“

„Ich bin ruhig.“ Er nahm einen Schluck. „Bloß alle anderen spielen verrückt. Die Polizei kann doch nicht ernsthaft glauben, dass meine Mutter meinen Vater umgebracht hat!“

Er nahm einen so großen Schluck, dass Brooke zusammenzuckte. Sie biss sich auf die Lippe, als sie sein vom Schmerz gezeichnetes Gesicht sah. Es bestürzte sie, ihn so zu sehen. „Wir wissen beide, dass das absurd ist und die Polizei es schon bald herausfinden wird.“

„Wird sie das?“ Mit hochgezogener Braue blickte RJ sie an. „Und was, wenn nicht? Was, wenn das die erste Nacht von vielen Nächten ist, die sie im Gefängnis verbringen muss?“ Ihm schauderte, und er trank noch einen Schluck. „Der Gedanke, ihr nicht helfen zu können, macht mich wahnsinnig.“

„Ich kann mir vorstellen, wie schrecklich das für Sie sein muss. Und das ausgerechnet in der Trauerphase, die Sie bewältigen müssen.“

„Es ist ja nicht nur, dass er nicht mehr da ist.“ RJ starrte auf den Fußboden. „Mit ihm ist auch das Idealbild gestorben, das ich immer von ihm hatte.“

Sie und RJ hatten nie über die skandalösen Enthüllungen der Kincaids gesprochen, obwohl beide wussten, dass Brooke davon gehört hatte – so wie jeder in Charleston. Seit der Ermordung seines Vater am dreißigsten Dezember war kein Tag vergangen, an dem die Medien nicht über dessen Doppelleben berichteten. Mittlerweile war es März.

„Eine Zweitfamilie.“ Er stieß es fast wie einen Fluch aus. „Ein anderer Sohn. Der vor mir geboren wurde.“ Er schüttelte den Kopf. „Mein ganzes Leben lang war ich immer Reginald Kincaid Junior. Stolzer Sohn und rechtmäßiger Erbe, der sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Leider habe ich die Abdrücke, die mein Vater auf dem Weg zum Haus einer anderen Frau und deren Söhne hinterlassen hatte, übersehen.“

Als er aufblickte, raubte ihr sein kummervoller Anblick fast den Atem. Sie ertrug es nicht, ihn leiden zu sehen. Wenn sie ihn doch bloß trösten könnte.

„Es tut mir so leid“, war alles, was sie hervorbrachte. Was hätte sie auch sonst sagen sollen? „Ich bin mir sicher, dass er Sie sehr geliebt hat.“ Sie schluckte. „Wahrscheinlich hatte er sich sogar vorgenommen, noch mit Ihnen darüber zu reden.“

„Er hatte genügend Zeit gehabt, es mir zu sagen. Herrgott, ich bin sechsunddreißig Jahre alt. Wollte er bis zu meinem fünfzigsten Geburtstag warten?“ RJ sprang auf und begann nervös auf und ab zu laufen. „Genau das ist ja so unerträglich. Dass er sich mir nicht anvertraut hat. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit wir miteinander verbracht haben. Beim Fischen oder Jagen. Über Gott und die Welt haben wir gesprochen – nur nicht über die Lüge seines Lebens.“

RJ lockerte den Krawattenknoten und fuhr sich mit dem Finger unter den Hemdkragen. Die Anspannung durch die vergangenen Ereignisse war ihm deutlich anzusehen. Seine Gesichtszüge waren verhärtet, und auf seinen Schultern schien das Leid der ganzen Welt zu lasten.

Am liebsten wäre Brooke zu ihm gegangen, um ihn zu umarmen und zu trösten. Doch das wäre sicherlich keine gute Idee gewesen. „Ich finde es fantastisch, wie Sie sich um Ihre Familie kümmern und gleichzeitig versuchen, das Unternehmen über Wasser zu halten.“

„Über Wasser halten!“ RJ lachte freudlos auf. „Es wäre ja auch absurd, wenn eine Frachtschiffsgesellschaft sich nicht über Wasser halten könnte.“ Einen winzigen Augenblick lang blitzte es sogar humorvoll in seinen Augen auf. „Aber bei der Geschwindigkeit, mit der wir einen Kunden nach dem anderen verlieren, werden wir stranden, bevor das Jahr herum sein wird. Es sei denn, es geschieht ein Wunder. Jeder neue Kunde, den Matthew uns bringt, kostet uns zwei Stammkunden. Und ich habe nicht einmal freie Hand, um das Unternehmen zu leiten. Dank seiner unübertrefflichen Klugheit hat mein Vater seinem unehelichen Sohn Jack Sinclair fünfundvierzig Prozent der Firmenanteile überschrieben und mir gerade einmal neun Prozent überlassen.“

Brooke verzog das Gesicht. Das schien wirklich der übelste Aspekt an dem ganzen Skandal zu sein. Sein ganzes Leben hatte RJ der Kincaid Group gewidmet. Bereits kurz nach dem College hatte er den Posten des Vizepräsidenten innegehabt, und niemand – nicht einmal er – hatte daran gezweifelt, dass er irgendwann als Firmenchef an der Spitze des Unternehmens stehen würde. Doch zur großen Überraschung aller hatte sein Vater die Mehrheit der Firmenanteile einem unehelichen Sohn vererbt, der bei der Beerdigung zum ersten Mal aufgetaucht war und den bis dahin keiner der Kincaids gekannt hatte. „Vermutlich hat er das getan, weil er Jack gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte.“

„Mag sein.“ RJ tigerte durchs Büro und nahm noch einen Schluck Whiskey. „Scheinbar hat er allerdings nicht darüber nachgedacht, wie demütigend diese Entscheidung für uns Geschwister ist. Selbst wenn man die Anteile aller fünf Kincaids zusammenlegen würde, würden wir immer noch nicht die Mehrheit erreichen. Die zehn verbleibenden Prozent hat er irgendeiner ominösen Person vermacht, die wir nirgends auffinden können. Sollte Jack Kontrolle über diese entscheidenden zehn Prozent bekommen, hat er die absolute Mehrheit. Für den Rest für uns hieße das, damit zu leben oder auszusteigen. Und ganz ehrlich, im Moment denke ich über Letzteres nach.“

„Aus der Firma aussteigen?“ Brooke traute ihren Ohren nicht. Schlagartig spielten ihre eigenen Überlegungen, den Job zu wechseln, in diesem Moment keine Rolle mehr. Stattdessen machte sie sich Sorgen über RJs Gedanken.

„Warum nicht? Ich bin doch hier demnächst nur noch ein kleines Licht. Aber darauf habe ich keine Lust.“ Er knallte das leere Glas auf den Tisch. „Vielleicht werde ich Charleston für immer verlassen.“

„Beruhigen Sie sich, RJ“. Brooke füllte noch etwas Whiskey in das Glas. Vermutlich war es gar nicht so schlecht, ihn betrunken zu machen. Dadurch wäre er zumindest heute nicht mehr in der Lage, unüberlegte Entscheidungen zu treffen. „Noch ist gar nichts entschieden. Nach dem nächsten Gesellschaftertreffen werden wir klarer sehen. Und bis dahin hofft jeder darauf, dass Sie das Schiff in ruhigere Gewässer steuern werden.“

„Ich liebe Ihre nautischen Vergleiche.“ Mit einem ironischen Grinsen nahm er ihr das Glas ab. „Ich wusste doch, dass es gut war, Sie einzustellen.“

„Vergessen Sie bitte nicht meine hervorragenden Schreibmaschinenkenntnisse.“

„Schreibmaschine – pah. Sie hätten das Zeug dazu, dieses Unternehmen zu führen, wenn Sie wollten. Sie denken und arbeiten nicht nur strukturiert und effizient, sondern können auch gut mit Menschen umgehen. Immerhin haben Sie es heute geschafft, dass ich mich nicht um Kopf und Kragen geredet habe, und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.“ Er nahm einen Schluck. Offenbar verfehlte der Whiskey seine Wirkung nicht. RJs Zorn und Aufregung hatten sich schon etwas gelegt.

Dennoch wäre es sicherlich nicht der optimale Zeitpunkt, ihm mitzuteilen, dass sie sich um einen Job in der Marketingabteilung beworben hatte und abgelehnt worden war. Sie wusste nicht, ob RJ etwas mit der Ablehnung zu tun hatte, oder ob er überhaupt davon wusste.

„Ich will einfach nicht, dass Sie Ihre Leute noch nervöser machen, als sie es ohnehin schon sind.“ Mit einer Hand fuhr sie sich durchs Haar. „Die Nerven aller Mitarbeiter liegen blank, aber umso wichtiger ist es nun zusammenzuarbeiten. Das Letzte, was Sie jetzt so kurz vor dem Gesellschaftertreffen gebrauchen können, sind Mitarbeiter, die das Handtuch werfen.“

„Sie haben wie immer recht, meine liebe Brooke.“

Erstaunt sah sie ihn an. Der Whiskey schien ihm direkt in den Kopf zu steigen. Dennoch spürte sie, dass ihr bei seinen Worten ein warmes angenehmes Kribbeln über den Rücken lief.

„Das Wichtigste aber ist, dass der Mörder Ihres Vaters so schnell wie möglich gefunden wird.“ Sie versuchte, bei RJs Blick nicht dahinzuschmelzen. „Damit Ihre Mutter wieder entlastet wird.“

„Ich habe einen Privatdetektiv engagiert.“ RJ schaute in das leere Glas. „Ich bezahle ihn vierundzwanzig Stunden am Tag, und er wird für mich rund um die Uhr arbeiten, bis er die Wahrheit herausgefunden hat.“ Er sah sie an. „Natürlich habe ich ihm auch gesagt, dass er bei den beiden Sinclair-Brüdern beginnen soll.“

Brooke nickte zustimmend. Jack Sinclair klang wie jemand, der vor nichts zurückschreckte. Obwohl sie in ihrem Urteil vielleicht etwas voreingenommen war, denn schließlich hatte dieser Kerl ihrem Boss das Geburtsrecht weggenommen. Bis jetzt hatte sie Jack und seinen Halbbruder Alan allerdings noch nie getroffen. „Sie müssen ziemlich wütend darüber sein, dass Ihr Dad die beiden die ganze Zeit über verschwiegen hat.“

„Bin ich. Es ist der pure Neid auf die beiden.“ RJ setzte sich wieder auf die Couch. „Fühlt sich grauenhaft an.“

Vor lauter Mitgefühl für ihn wurde Brooke es ganz schwer ums Herz. Sie wünschte, ihn trösten und unterstützen zu können. „Die ganze Situation kam für Sie ja auch wie aus dem Nichts.“

„Aber erst für meine Mom.“ Er schüttelte den Kopf. „Obwohl ich mich manchmal frage, ob sie etwas wusste. Die Nachricht über das Doppelleben meines Vaters schien sie nicht so schockiert zu haben wie uns Geschwister.“

Brooke schluckte. Wenn Elizabeth Kincaid tatsächlich von dem Zweitleben ihres Mannes gewusst hatte, wäre das theoretisch ein Tatmotiv. Zumal Brooke sie an dem Abend des Mordes im Büro gesehen hatte. Aber eine so ruhige und freundliche Frau würde niemals mit einer Waffe auf einen anderen Menschen zielen. Und schon gar nicht auf ihren Ehemann. „Trinken Sie noch einen Schluck.“

Sie nahm die Flasche, ging damit zur Couch hinüber und füllte erneut Whiskey in das Glas. Die Flüssigkeit schwappte fast über, als RJ die starken Arme nach Brooke ausstreckte und sie zu sich auf die Couch zog. Sie tat einen erschrockenen Laut, als sie in das weiche Leder direkt neben ihn sank.

„Ich schätze Ihre Gesellschaft sehr, Brooke. Und im Moment brauche ich jemanden, mit dem ich reden kann.“ Seinen Arm hatte er ihr mittlerweile um die Schulter gelegt, eine Hand ließ er auf ihrem Oberarm ruhen. Ihr stockte der Atem. Als sie seinen herben Duft einsog, schnellte ihr Blutdruck augenblicklich in die Höhe, und ihr Herz begann heftiger zu schlagen.

RJ machte es sich bequem und strich ihr sanft über den Arm. Trotz ihrer dünnen Seidenbluse wurde es Brooke plötzlich sehr heiß. Noch immer hielt sie die Whiskeyflasche in der Hand. Sollte sie ihm noch mal nachschenken, oder hatte er genug? Ihre Frage beantwortete er ihr prompt, indem er ihr mit der freien Hand die Flasche abnahm und mit dem Glas auf den Boden stellte. Dann legte er ihr eine Hand auf den Oberschenkel. Durch den Stoff ihres eleganten grauen Rocks konnte Brooke seine Wärme spüren. Als er ihr einen tiefen Blick zuwarf, begann ihr Herz zu rasen.

RJ sah sie eindringlich an, so, als würde er ihre Gesichtszüge studieren. „Mir ist noch nie aufgefallen, wie faszinierend grün Ihre Augen sind.“

Am liebsten hätte Brooke die Augen verdreht. Wie viele Frauen hatten sich diesen abgedroschenen Satz bereits von ihm anhören müssen? RJ war einer der begehrtesten und bekanntesten Junggesellen im gesamten Südosten der USA. Seit sie ihn kannte, schien er sein Singledasein in vollen Zügen zu genießen. „Einige Leute behaupten, sie seien grau.“ Saß sie gerade wirklich fast auf dem Schoß von RJ und sprach über ihre Augenfarbe, oder war das einfach nur ein verrückter Traum?

„Diese Leute irren sich.“ Sein Gesichtsausdruck war immer noch todernst. „Aber in der letzten Zeit habe ich lernen müssen, dass viele Menschen sich irren.“ Er blickte ihr auf den Mund. Fast unmerklich öffnete sie die Lippen und presste sie wieder aufeinander. „Vermutlich muss ich mein ganzes Weltbild überdenken.“

„Manchmal ist das ganz gut“, erwiderte sie sanft und fragte sich, ob sie etwas Falsches gesagt hatte. Direkt neben RJ zu sitzen war nicht ungefährlich. Denn es weckte ein Verlangen in ihr.

„Das sehe ich auch so.“ RJ runzelte die Stirn. „Obwohl es das Leben nicht gerade einfacher macht.“

Armer RJ! Er war immer davon ausgegangen, der Goldjunge der Familie zu sein, der alles bekam, was er wollte.

„Manchmal wachsen wir an den Herausforderungen, die an uns gestellt werden.“ Es war gar nicht so leicht, sinnvolle Gedanken zu formulieren, während er mit einem Arm ihre Schultern umfasste und er ihr die andere Hand aufs Knie legte. Sein bemerkenswerter Körperbau schien überall spürbar zu sein. Ein Teil von ihr wäre am liebsten aufgestanden, um irgendwelchen Papierkram zu erledigen, während ein anderer ihm gern die Arme um den Hals geschlungen hätte und …

Als RJ ihr den Mund auf die Lippen drückte, raubte ihr der Kuss jeden weiteren Gedanken. Und als Brooke sich an ihn presste, schien ihr Körper dahinzuschmelzen. Automatisch ließ sie ihre Hände auf Entdeckungsreise gehen – und fuhr ihm über das weiße Hemd, unter dessen Stoff sie die starken Muskeln seines Oberkörpers spürte.

Er streichelte sie so zärtlich, dass jede seiner Berührungen ihr Verlangen steigerte. Ihre Brustspitzen richteten sich auf, und in ihrem ganzen Körper, vor allem aber in ihrem Schoß, spürte sie, wie erregt sie war. RJs Verlangen nach Zuneigung – und Hilfe – ließ ihn fordernder werden. Brooke nahm deutlich wahr, wie sehr er sie in diesem Moment brauchte und wollte.

Sie erwiderte den Kuss mit der gleichen Leidenschaft und Hingabe. Sie wollte, dass RJs Schmerz verschwand, dass er sich besser fühlte. Und sie glaubte, die Kraft zu haben, ihm zu helfen. Eine Woge tiefer Empfindungen erfasste sie, denn sie begehrte RJ, seit sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Und die Stärke, die er in seiner fast aussichtslosen Situation bewies, machte ihn noch attraktiver für sie. Nie, nicht eine Sekunde lang, hätte sie gedacht, dass er ihre Gefühle jemals erwidern würde.

Ihr Kuss wurde leidenschaftlicher, heißer. Bevor sie einen Schritt weitergingen, löste RJ sich sanft von ihr und schaute sie an. „Brooke, Sie sind eine wunderbare Frau.“

Sie schmeckte einen Hauch Whiskey auf ihren Lippen. Würde er morgen alles bereuen? Dass er sie eine wunderbare Frau nannte, berührte sie sehr. Oder begann nun ein neuer Abschnitt in ihrer Beziehung? Vielleicht würden sie sich ab sofort häufiger treffen, und sie könnte ihm helfen, einen Weg aus der Misere zu finden und wieder glücklich zu werden – Seite an Seite mit ihr. Jedenfalls fühlte es zumindest in diesem Moment fantastisch an seiner Seite an.

Oder wäre dies das jähe Ende ihrer hart erarbeiteten Karriere bei der Kincaid Group? Schließlich hatte sie ihren Boss schamlos unter Alkohol gesetzt und emotional ausgenutzt! Unter ihr schien sich der Boden aufzutun.

Was tat sie denn nur? Sie hatte ihn betrunken gemacht und sich von ihm küssen lassen. Das war alles ihre Schuld, ganz klar.

Als RJ ihr über die Wange strich, musste sie sich zusammenreißen, um sich nicht sofort wie ein Kätzchen an ihn zu schmiegen. War es denn wirklich so falsch, ihm etwas Zuneigung und Trost zu schenken? Und schon setzte in ihrem Kopf romantische Geigenmusik ein. Doch, sie besaß die Kraft, ihm zu helfen! Schließlich hatte sie selbst harte Zeiten durchmachen müssen, aus denen sie gestärkt hervorgegangen war.

Zärtlich strich RJ ihr über die Brüste hinab bis zu einem Oberschenkel. Sein herber Duft betörte ihre Sinne, als er sie erneut küsste.

Alles an RJ war köstlich und verführerisch. Am liebsten hätte Brooke sich wie eine Schlange um ihn gewunden, um für immer bei ihm zu bleiben.

Doch wieder war es nur ein kurzes Vergnügen. Wieder löste er sich und ließ sie mit einem brennenden Verlangen auf den Lippen zurück. Dann fuhr er sich stirnrunzelnd durchs Haar, als würde er sich fragen, was er hier gerade tat.

Ein eisiger Schauer erfasste sie. Vielleicht war das jetzt der Moment, der Brookes Karriere ein für alle Mal beenden würde. Intuitiv erhob sie sich, was nicht ganz einfach war, da ihr die Knie zitterten. „Vielleicht ist es an der Zeit zu gehen. Schließlich ist es bereits nach sieben Uhr.“

Mit geschlossenen Augen ließ RJ sich gegen die Rückenlehne der Couch sinken. „Ich bin ziemlich erledigt. Ich glaube, ich werde heute keinen Schritt mehr tun können.“

„Ich rufe Ihnen ein Taxi.“ Ganz bestimmt würde sie ihn nicht mit dem Wagen fahren lassen, bei der Menge Alkohol, die er getrunken hatte. Ihn allerdings zu Fuß zu begleiten oder ihn nach Hause zu fahren schien ihr auch keine so gute Idee zu sein. Was, wenn er sie zu sich hineinbitten würde? Sie würde nicht ablehnen können, es aber vermutlich bitter bereuen.

„Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Brooke. Ich werde hier auf dem Sofa schlafen. Ist nicht das erste Mal. Und sollte ich wach werden, gibt es genügend Papierkram, den ich erledigen kann.“

„Aber dann werden Sie sich morgen wie gerädert fühlen.“

„Nein, bestimmt nicht.“ Müde ließ er sich wieder in die Polster fallen. „Gehen Sie nach Hause und ruhen Sie sich aus. Wir sehen uns morgen wieder.“

Brooke biss sich auf die Lippe. Irgendwie fühlte es sich nicht besonders gut an, nach einem so leidenschaftlichen Kuss abgewiesen zu werden. Aber was hatte sie erwartet? Dass er ihr von nun an nie wieder von der Seite wich? Bei der Menge Whiskey, die er getrunken hatte, mochte er den Kuss vielleicht sogar schon wieder vergessen haben.

„Was ist mit Dinner?“

„Keinen Hunger“, murmelte er.

„Im Kühlschrank sind noch ein paar Sandwiches vom Meeting übrig geblieben. Wenn Sie möchten, hole ich sie Ihnen.“

„Hören Sie auf, mich zu bemuttern und gehen Sie nach Hause.“ Jetzt klang er sogar ein bisschen schroff. Brooke schluckte und wandte sich zur Tür. Dann bemerkte sie, dass RJ sich wieder aufgesetzt und den Kopf in den Händen vergraben hatte.

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