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Keiner ist wie du

1. KAPITEL

„Musst du mich so früh stören?“ Verschlafen öffnete Kathy die Haustür. „Wer hatte eigentlich diese glänzende Idee mit dem Jobsharing?“

„Du“, antwortete Fleur. „Und wenn du das nächste Mal eine glänzende Idee hast, behalt sie lieber für dich. Ich will es nicht wissen.“

„Dazu bist du viel zu neugierig. Ben ist schon im Wohnzimmer.“ Kathy lächelte Alex an, der sich ängstlich an Fleur klammerte. „Du hast noch Zeit für einen Kaffee, oder?“

Fleur blickte auf die Uhr.

„Komm schon“, forderte Kathy sie auf.

Da Fleur klar war, dass Alex sie nicht freiwillig gehen lassen und es einen längeren Abschied geben würde, nickte sie. Sie brachte Alex ins Wohnzimmer zu Ben und ging dann zu Kathy in die Küche.

„Bist du nervös?“ fragte Kathy und stellte einen Becher heißen Kaffee mit einer Dose Schokoladenkekse auf den Tisch.

„Sehr“, gab Fleur zu und nahm sich einen Keks. „Eigentlich müsste ich etwas Herzhaftes essen.“

„Du kehrst heute in deinen Beruf zurück. In so einer Situation braucht man etwas Süßes.“

„Ich frage mich ernsthaft, weshalb ich mich überhaupt auf die Sache eingelassen habe“, sagte Fleur mit finsterer Miene.

„Du schaffst das schon“, erwiderte Kathy fröhlich und schob Fleur die Dose hin.

Fleur nahm sich noch einen Keks. „Ich bin viel zu sehr aus der Übung. Vielleicht hätte ich zuvor meine Kenntnisse in einem Kurs auffrischen sollen.“

„Unsinn“, entgegnete Kathy energisch. „In den zweieinhalb Jahren, die du zu Hause geblieben bist, hast du nichts verlernt. Und Danny, unser Stationsleiter und Oberpfleger, wird dich in alles einführen. Du hast mir doch erzählt, du würdest die ersten Wochen sowieso nicht in der Notaufnahme arbeiten. Wovor hast du dann Angst? Übrigens“, fuhr Kathy leiser fort, „es hat einige positive Veränderungen unter den IJs gegeben.“

„IJs?“ Diese Abkürzung kannte Fleur nicht.

„So nennen wir die interessanten Junggesellen. Besonders dieser sagenhafte Mario Ruffini, der neue Oberarzt, ist sehr attraktiv. Du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dass ich glücklich verheiratet bin. Das weiß ich selbst. Aber ich meine, gerade als glücklich verheiratete Frau kann ich mir erlauben, einen attraktiven Mann wahrzunehmen, wenn mir einer begegnet. Sobald du ihn gesehen hast, weißt du, was ich meine.“ Sie blickte auf die Uhr. „Du musst gehen, oder?“

Fleur traten Tränen in die Augen, obwohl sie sonst nie vor anderen weinte. „Habe ich die richtige Entscheidung getroffen, Kathy? Alex ist momentan so anhänglich und unsicher. Er hat so viel Angst vor Veränderungen …“

Kathy reichte ihr ein Papiertaschentuch und umarmte sie herzlich. „Natürlich tust du das Richtige, Fleur. Seit Rorys Tod sind mehr als zwei Jahre vergangen. Heute kehrst du in deinen Beruf zurück. Das ist ein ganz neues Kapitel in deinem Leben. Ihr beide, du und Alex, braucht eine Veränderung. Er kann sich etwas abnabeln, und ich bin davon überzeugt, es wird für euch jetzt alles leichter. Du wirst es sehen.“

Dann musste Fleur sich beeilen und hatte nicht mehr viel Zeit zum Nachdenken. Pünktlich um halb sieben trat sie den Dienst an und wurde von allen, die sie kannten, herzlich willkommen geheißen. In ihrer neuen Schwesterntracht fühlte sie sich etwas unbehaglich. Das gewellte volle blonde Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden.

„Auf der Beobachtungsstation liegen momentan zwei Patienten“, berichtete Moira, die Nachtschwester, und unterdrückte ein Gähnen. „Kane Dwyer ist achtzehn Jahre alt, und er hat sich letzte Nacht die Hand am Fenster eingeklemmt. Er wird langsam wieder nüchtern und tut sich selbst Leid. Er soll operiert werden. Genau genommen ist er ein Fall für die Orthopädie. Aber dort sind alle Betten besetzt, und Mr. Richardson ist damit einverstanden, dass er bis zur Operation hier bleibt.“

Fleur hörte aufmerksam zu und schrieb sich alles auf.

„Hilda Green ist die andere Patientin. Sie ist fünfundsechzig und in der Wohnung gestürzt. Möglicherweise war sie bewusstlos. Laut Röntgenaufnahme hat sie sich nichts gebrochen, doch Dr. Ruffini wollte sie vorsichtshalber über Nacht hier behalten. Heute Morgen soll sie noch einmal untersucht werden.“

Plötzlich stürzten die Erinnerungen auf Fleur ein. Die Notaufnahme war gleich nebenan. Dort hatte man versucht, Rory das Leben zu retten. Dort hatte sie ihn zum letzten Mal geküsst.

„Fleur, heute ist auf der Beobachtungsstation nicht viel los. Das erleichtert dir den Neuanfang“, wurde sie in diesem Moment von Danny Miller in ihren Gedanken unterbrochen.

„Okay“, erwiderte Fleur und nahm sich zusammen. „Findet hier immer noch morgens um halb elf die Ambulanz statt?“

„Ja. Montags kommen immer besonders viele Patienten. Ich schicke dir Lucy, die Lernschwester Lucy. Sie soll dir helfen. Wenn du etwas brauchst, sag einfach Bescheid über das Haustelefon.“

Fleur zauberte ein zuversichtliches Lächeln auf die Lippen. „Mit nur zwei Patienten werde sogar ich zurechtkommen. Trotzdem danke.“

„Wen haben wir denn hier? Es duftet nach einem fremden Parfüm.“ Delorus, die andere Nachtschwester, kam ins Schwesternzimmer. „Die Ablösung ist da. Das bedeutet, ich kann endlich nach Hause gehen.“ Ihr Lächeln vertiefte sich, als sie Fleur erkannte. „Liebes, ich freue mich, dich zu sehen“, sagte sie und umarmte Fleur herzlich. „Du wirst hier dringend gebraucht, um die Stimmung etwas aufzuheitern. Es ist hier nicht mehr so, wie es damals war.“

„Ach, du bist wahrscheinlich nur urlaubsreif. Das ist alles“, antwortete Fleur lachend.

„Und du musst mehr essen. Du bist viel zu schlank. Ich werde dir Huhn mit Reis mitbringen, das wird dir gut tun.“

„Delorus, ich erinnere mich genau, als ich im achten Monat schwanger war, hast du auch behauptet, ich sei zu schlank. Aber in meinem Kühlschrank ist immer Platz für deine vorzüglichen Gerichte.“ Fleur wurde wieder ernst. „Wie geht es den beiden Patienten?“

„Es gibt nichts Neues. Moira hat dich ja schon eingewiesen, oder? Kane muss um acht Uhr wieder Medikamente bekommen, und Hildas Kreislauf war die ganze Nacht stabil. Sie kann es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen. Da geht es ihr so wie mir. Übrigens, Dr. Mario Ruffini hat heute Morgen Dienst. Er will Hilda selbst noch einmal untersuchen. Er ist wirklich ein attraktiver Mann. Lass dich überraschen. Er hat jemanden gesucht, der ihm abends Chinatown zeigt. Natürlich habe ich mich sogleich zur Verfügung gestellt, und wir haben uns verabredet. Ich freue mich sehr darauf.“

„Du bist offenbar nicht die Einzige, die von ihm begeistert ist“, antwortete Fleur belustigt.

„Liebes“, entgegnete Delorus leise, „Mario Ruffini ist ein heißblütiger Italiener. Diese Männer lieben Frauen mit üppigen Rundungen, das liegt ihnen in den Genen. In dieser Hinsicht habe ich den anderen Schwestern viel voraus.“ Obwohl sie schon über sechzig war, wirbelte sie mit einem verführerischen Hüftschwung herum und ging zu dem Medikamentenschrank, um die Medikamente zu überprüfen. Dann verließ sie die Station.

Fleur entschloss sich, sich bei den Patienten vorzustellen, ehe sie den Papierkram erledigte.

„Guten Morgen, Mrs. Green. Ich bin Schwester Fleur. Wie geht es Ihnen heute?“ Fleur lächelte freundlich und zog den Vorhang um das Bett herum zu, um so etwas wie eine Privatsphäre zu schaffen. Das Beobachtungszimmer wurde auch als Durchgang zur Küche und zum Schwesternzimmer benutzt, was Fleur schon immer gestört hatte.

„Ich habe nur leichte Kopfschmerzen, Schwester.“ Hilda Green hatte eine Beule auf der Stirn. „Es ist jedenfalls nicht so schlimm, dass ich nicht stricken kann“, fuhr die Patientin fröhlich fort. „So bin ich wenigstens beschäftigt.“

„Ja, das ist gut. Ich muss nur kurz Ihre Temperatur und den Puls messen. Dann bekommen Sie Frühstück. Nachdem Sie geduscht haben, wird ein EEG gemacht. Hat man Ihnen das erklärt?“

„Ja. Dr. Ruffini hat es mit mir besprochen. Er ist sehr nett.“

Fleur rechnete damit, dass Hilda Green den Arzt in den höchsten Tönen lobte. Doch das tat die Frau nicht. Da alles in Ordnung war, ließ Fleur sie wieder allein und ging zu Kane Dwyer. Er schien nervös zu sein, bemühte sich jedoch, es zu verbergen.

„Ich gebe Ihnen das Medikament, Mr. Dwyer, und muss Ihnen einige Fragen stellen, die wegen der Operation wichtig sind.“ Nachdem er alle Fragen beantwortet hatte, injizierte sie das Antibiotikum langsam durch die Kanüle in seiner unverletzten Hand. „Sie wissen, dass Sie nach der Operation auf eine andere Station verlegt werden, oder?“

„Ja.“ Kane Dwyer zuckte die Schultern. „Ich komme mir vor wie ein Narr“, gab er verlegen zu. „Meine Mutter wird mich umbringen, wenn ich nach Hause komme. Das hat sie angekündigt. Ich trinke sonst nie so viel. Es war mir eine Lehre.“

Sie lächelte mitfühlend. „Ihre Mutter hat sich sicher sehr aufgeregt. Sie wird sich wieder beruhigen. Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie einfach.“

Als Fleur Mrs. Greene die Kopfschmerztabletten und das Tablett mit dem Frühstück gebracht hatte, sollte Kane Dwyer in den OP gefahren werden. Da sie die Station nicht unbeaufsichtigt lassen konnte, bat sie Danny Miller über die Haussprechanlage: „Kannst du mir jemanden schicken, der einen Patienten in den OP bringt oder die Station beaufsichtigt, bis ich wieder da bin?“

Man schickte ihr Felicity. Sie war jung und geschwätzig. Und das war für Kane Dwyer in dem Moment genau das Richtige, wie Fleur fand. „Danke, Felicity. Hier sind die Röntgenbilder. Ist viel zu tun heute Morgen?“

„Alle Kabinen in der Ambulanz sind besetzt. Aber die Notaufnahme ist leer. Hoffentlich bleibt es heute so.“

„Dann hättest du wirklich Glück.“ Fleur lächelte. „Alles Gute, Mr. Dwyer. Ihre Sachen lasse ich auf Ihr Zimmer bringen.“

Nachdem sie das Bett abgezogen und die Wäsche in den Wäschekorb gelegt hatte, nahm sie das Namensschild vom Kopfende des Bettes und packte Kane Dwyers persönliche Sachen in einen der blauen Krankenhausbeutel. Dann beschloss sie, das Bett erst abwaschen zu lassen, wenn Hilda Green entlassen worden war.

Sie nahm zwei Handtücher und einen Waschlappen und ging zum Bett der Patientin.

„Mrs. Green?“ Fleur berührte die Frau am Arm. Offenbar war sie mit dem Strickzeug in der Hand eingenickt. Doch plötzlich fiel Fleur auf, dass die Zahnprothese der Patientin zwischen den Lippen steckte und diese schon ganz blau waren.

„Mrs. Green!“ wiederholte sie lauter und eindringlicher, während sie ihr den Puls fühlte. Hastig ließ sie das hochgestellte Kopfende des Bettes hinunter, nahm die Kissen weg und griff nach der Notfallausrüstung, die sich über jedem Bett auf einem Regal befand. Dann nahm sie der Patientin die Zahnprothese aus dem Mund und führte einen feinen Beatmungsschlauch ein, ehe sie Hilda Green auf die Seite drehte und ihr eine Sauerstoffmaske aufsetzte. Schließlich betätigte sie den Notruf an der Tür.

Fleur war noch nicht wieder am Bett der Patientin, als schon ein Arzt hereinstürmte.

„Was ist passiert?“

„Ich wollte die Frau zum Duschen holen und habe sie bewusstlos vorgefunden.“

Ohne auf sein Team zu warten, löste er die Bremsen des Rollbettes. „Sie muss in die Notaufnahme.“

Als sie den leichten Akzent des attraktiven Arztes hörte, war Fleur klar, dass es sich um Dr. Ruffini handelte. Jetzt war jedoch keine Zeit für solche Überlegungen. Im Laufschritt schoben sie das Bett über die Flure, und alle anderen machten ihnen Platz.

In der Notaufnahme schloss Fleur Hilda Green an verschiedene Geräte an. „Ihre Atemfrequenz ist sehr niedrig.“

Mit der Taschenlampe leuchtete Mario Ruffini der Patientin in die Augen. „Rufen Sie den Anästhesisten und den Neurochirurgen.“

Zwei Kollegen waren hinzugekommen und kümmerten sich um die leblose Frau. Infusionen und eine Intubation wurden vorbereitet. Fleur lief zum Haustelefon. Während sie den Hörer auflegte, erklärte sie: „Ich werde Danny bitten zu kommen.

„Er ist in seinem Büro. Ich kann nicht warten, bis er da ist. Sie müssen helfen, ob es Ihnen gefällt oder nicht.“

Sie stand wie erstarrt da und kam sich vor wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Autos.

„Nun kommen Sie schon!“ forderte Mario Ruffini sie laut und gereizt auf.

Fleurs Finger zitterten, als sie die Spritze aufzog und sie dem Arzt reichte, der ungeduldig die Hand ausstreckte.

Dann erteilte er ihr weitere Anweisungen und blickte immer wieder zur Tür. „Wo zum Teufel bleiben der Anästhesist und der Neurochirurg?“

„Ich habe sie doch gerade erst angefordert“, erwiderte Fleur. „Sie sind wahrscheinlich alle im OP.“

Er versorgte Hilda Green mit Sauerstoff, ehe er weitere Maßnahmen durchführte.

Vor zwei Jahren hätte ich niemanden zu fragen brauchen, da saß jeder Handgriff, überlegte Fleur. Aber heute, an ihrem ersten Tag nach längerer Abwesenheit, war sie viel zu unsicher. Zu allem Überfluss ließ sie auch noch das Instrument fallen, das sie mühsam herausgesucht hatte.

„Ich sollte noch gar nicht auf dieser Station arbeiten, sondern …“, begann sie.

Sekundenlang sah Mario Ruffini sie an. Seine blauen Augen, in denen es frustriert und ärgerlich aufblitzte, bildeten einen interessanten Kontrast zu seinem dunklen Haar und der gebräunten Haut.

„Warum zum Teufel sind Sie dann überhaupt hier?“ fragte er kurz angebunden.

Das fragte Fleur sich auch.

„Was ist los, Fleur?“ ertönte in dem Moment Dannys Stimme.

Erleichtert drehte sie sich um. „Mit dem ruhigen Vormittag ist es aus und vorbei.“ Sie warf einen Blick auf Hilda Green, die jetzt an mehrere Monitore angeschlossen war. Genauso hat Rory dagelegen, schoss es Fleur plötzlich durch den Kopf. Überwältigt von ihrem Schmerz und den Erinnerungen, schluchzte sie auf und stürzte aus dem Raum.

„Hallo, meine Liebe, ist es Zeit für eine Pause?“ Beryl, eine der Putzfrauen, übersah taktvoll Fleurs verweinte Augen. Es kam viel zu oft vor auf dieser Station, dass die Schwestern der psychischen Belastung nicht gewachsen waren und weinten. „Setzen Sie sich doch. Ich bringe Ihnen etwas zu trinken. Möchten Sie einen Kaffee oder einen Capuccino? Oder lieber einen Espresso?“

Sekundenlang glaubte Fleur, die Frau scherzte. Doch dann entdeckte sie den modernen Kaffeeautomaten. „Woher kommt der denn?“

„Dr. Ruffini hat ihn gekauft. Unser Kaffee schmeckt ihm nicht, und ohne einen guten Kaffee könne er nicht arbeiten, hat er erklärt.“

„Oh, dann nehme ich gern einen Kaffee“, antwortete Fleur.

„Er ist wirklich großartig“, sagte Beryl, während sie den Automaten bediente. Und Fleur war sich sicher, dass die Frau nicht den Kaffee meinte.

Als sie dann allein in dem Pausenraum saß, machte sie sich selbst Vorwürfe. Es war dumm gewesen, zurückzukommen. Und es war dumm gewesen, zu glauben, sie könnte wieder dort anfangen, wo sie aufgehört hatte, so als wäre nichts geschehen, obwohl sich ihr ganzes Leben verändert hatte.

Kathys Vorschlag, sich eine Stelle zu teilen, hatte sich gut angehört. Die Arbeitszeiten waren nicht zu lang, die Dienstpläne flexibel. Und das war für Krankenschwestern, die Berufstätigkeit mit Haushalt und Kindererziehung in Übereinstimmung bringen wollten, eine akzeptable Lösung. Natürlich bekam man dafür auch nur das halbe Gehalt.

„Fleur, du hast doch selbst gesagt, dass das Geld etwas knapp ist“, hatte Kathy sie erinnert, als sie ihre Bedenken äußerte. „Außerdem würde es dir gut tun, wieder unter Menschen zu sein. Du weißt, ich möchte gern weniger arbeiten, und wir beide könnten gegenseitig unsere Kinder hüten. Es wäre die perfekte Lösung. Man würde dich mit offenen Armen willkommen heißen. Es gibt einfach nicht genug Personal im Krankenhaus, und alle sind überlastet.“

Nach zwei Gläsern Wein war Fleur einverstanden gewesen.

Die zweite Hälfte des Vormittags verlief ohne besondere Vorkommnisse. Danny hatte Recht gehabt, es kamen sehr viele Patienten in die Ambulanz. Manche mussten sich nur die Verbände wechseln lassen, andere kamen zur Nachsorge der Verletzungen, die sie sich am Wochenende zugezogen hatten, und wieder andere waren ernsthaft krank und mussten stationär aufgenommen werden. Mario Ruffini und Luke Richardson waren erfahrene Ärzte und arbeiteten Hand in Hand.

Die nächste Stunde verbrachte Fleur damit, die Anweisungen der beiden Ärzte zu befolgen. Dr. Richardson war freundlich und professionell, doch Fleur fiel Dr. Ruffinis kühler Blick auf, wenn er ihr die Patientenunterlagen zurückgab. Zuerst versuchte sie, es zu ignorieren, und redete sich ein, sie bilde es sich nur ein. Aber ihr Unbehagen wuchs. Mario Ruffini war offenbar sehr unzufrieden mit ihr.

Ohne sie anzusehen, nahm er das Patientenblatt des letzten Patienten entgegen und las die Eintragungen durch.

„Sie sind von einer Mauer gefallen, Mr. Jason?“ Er untersuchte die geschwollene Hand des Mannes.

„Ja. Es tut schrecklich weh. Das Medikament, das der Arzt mir gegeben hat, hilft nicht. Ich glaube, er hatte keine Ahnung.“

„Dr. Benson war der Meinung, es sei eine Bisswunde.“ Mario Ruffini betrachtete den verwahrlosten jungen Mann, der seltsam verlegen auf dem Stuhl herumrutschte.

„Nein, das ist unmöglich. Ihr Kollege hat wirklich keine Ahnung. Ich bin gefallen, das ist alles“, entgegnete der Mann aggressiv.

Mario Ruffini drehte die Hand hin und her und runzelte die Stirn. „Ich frage nur deshalb nach, weil viele Menschen nicht wissen, wie gefährlich eine Bissverletzung sein kann.“

„Ich habe doch gesagt, dass ich gefallen bin“, erklärte Mr. Jason empört.

Mario Ruffini blieb ruhig und freundlich. „Natürlich habe ich gehört, was Sie gesagt haben. Doch falls es eine Bissverletzung ist und Sie beispielsweise jemanden geschlagen haben und dabei mit den Zähnen Ihres Gegners in Berührung gekommen sind …“

Jetzt verlor Ken Jason die Fassung und entzog dem Arzt die Hand. Aber Mario Ruffini fuhr ungerührt fort: „Dann müsste man die Verletzung sehr ernst nehmen. Durch so einen Biss können Krankheiten übertragen werden. Wenn es wirklich so wäre und Sie es zugeben würden, müssten wir Ihnen ein Antibiotikum spritzen. Vielleicht müssten wir auch die Wunde im OP reinigen lassen, damit sich keine Entzündung bildet. Aber da Sie ja nur von einer Mauer gefallen sind, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Sie bekommen ein Antibiotikum zum Einnehmen. Morgen lassen Sie die Wunde nachsehen. Bis dahin geht es Ihnen hoffentlich wieder besser. Schwester Hadley legt Ihnen einen neuen Verband an, und dann tragen Sie den Arm in der Schlinge.“

Ken Jason blieb sitzen. „Wenn es wirklich eine Bissverletzung wäre, was müsste ich machen?“

„Darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten, Mr. Jason. Ich bin sicher, Sie hätten es mir gesagt.“

„Na ja, ich muss zugeben, ich war am Samstag in eine Schlägerei verwickelt“, stieß Ken Jason schließlich hervor.

„So? Okay, dann nimmt die Schwester Sie mit auf die Station.“

„Wie lange muss ich hier bleiben?“ fragte Ken Jason nervös.

„Wahrscheinlich zwei Tage. Gut, dass Sie die Wahrheit gesagt haben. Das macht uns die Sache leichter.“

Dr. Ruffini ist zweifellos sehr geschickt, er kann gut mit Menschen umgehen, überlegte Fleur. Die meisten Ärzte und Schwestern hätten mit diesem schwierigen Patienten ein Problem gehabt.

„Kümmern Sie sich bitte um Mr. Jason? Ich komme nach und schreibe die Einweisung. Danke, Schwester.“ Mario Ruffini entließ Fleur mit einem flüchtigen Lächeln, ohne sie dabei anzusehen.

Ihr war klar, dass er sich über sie ärgerte. Sie konnte es sogar verstehen. Nach dem Debakel in der Notaufnahme fragte er sich wahrscheinlich, was Danny sich dabei gedacht hatte, sie wieder einzustellen.

Nachdem sie Ken Jason auf die Station gebracht hatte, begegnete sie Danny auf dem Rückweg.

„Wie ist es gelaufen?“ wollte er wissen.

„Ganz gut. Wir sind jetzt fertig. Ken Jason, der junge Mann, bleibt zwei Tage hier.“

„Ah ja, dann hat er doch eine Bissverletzung“, stellte Danny fest. „Dabei hat er geschworen, er sei gefallen. Wir habt ihr es geschafft, die Wahrheit aus ihm herauszubekommen?“

„Dr. Ruffini hat sie ihm mit seinem Charme entlockt, ich hatte nichts damit zu tun.“

„Ich bin beeindruckt.“ Danny lachte. „Demnach ist der Mann doch zu etwas nütze.“

Fleur sah ihn verblüfft an.

„Das war nur ein Scherz. Ich weiß, er ist ein sehr guter Arzt. Aber er sorgt für Unruhe unter dem weiblichen Personal, wie du bestimmt schon gemerkt hast.“

Fleur lachte, obwohl ihr nicht danach zumute war.

„Wie bist du zurechtgekommen?“

„In der Ambulanz hat alles geklappt, aber heute Morgen in der Notaufnahme habe ich ziemlich versagt. Es tut mir Leid, Danny.“

Er tätschelte ihr den Arm. „Das ist doch verständlich nach allem, was du hinter dir hast.“

„Ja, mag sein. Es sollte jedoch nicht passieren.“

„Es war Pech, dass du an deinem ersten Tag mit so einem Fall konfrontiert wurdest. Es wird bestimmt von Tag zu Tag besser. In zehn Minuten kannst du nach Hause gehen und dich ausruhen.“

Fleur sah auf die Uhr. „Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Wie geht es Mrs. Green?“

„Sie ist noch im OP. Sie hat ein subdurales Hämatom, wie sich herausgestellt hat. Da sie nicht lange bewusstlos war, nehme ich an, dass sie es ganz gut überstehen wird.“

„Man hat ihr nichts angemerkt“, sagte Fleur mehr zu sich selbst. „Und dann war sie auf einmal ein Notfall.“

„Die Frau hat Glück gehabt, dass sie noch zur Beobachtung hier war. Wenn sie zu Hause gewesen wäre, hätte man ihr nicht rechtzeitig helfen können.“

Fleur nickte. „Stimmt. Ich muss noch aufräumen, dann verabschiede ich mich für heute.“

„Denk nicht zu viel nach, Fleur. Morgen ist die Welt wieder in Ordnung. Wir alle sind froh, dass du wieder da bist.“

Als Fleur noch einmal in die Ambulanz ging, kam ihr Luke Richardson mit einem Stoß Notizen unter dem Arm entgegen. „Danke, Fleur“, sagte er herzlich. „Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. Es hat richtig Spaß gemacht, wieder mit dir zusammenzuarbeiten.“ Er wandte sich an Mario Ruffini, der ungeduldig hinter ihm wartete. „Fleur ist eine unserer besten Krankenschwestern.“

Mario Ruffini hielt sich mit seiner Meinung zurück und verzichtete auf einen Kommentar. „Ah ja“, antwortete er gleichgültig und desinteressiert.

Fleur fühlte sich sehr unbehaglich. Zu ihrer eigenen Überraschung störte es sie, dass er sich so kühl und abweisend verhielt. Sie war lange genug berufstätig gewesen und wusste aus Erfahrung, wie unhöflich und rücksichtslos die Ärzte, mit denen sie zusammenarbeiten musste, sich manchmal benahmen. Doch dieses Mal war es anders. Sie hatte diese schlechte Behandlung verdient, fand sie. Außerdem schienen alle anderen mit dem wunderbaren Mario Ruffini gut zurechtzukommen.

Sie lächelte flüchtig und eilte in den Umkleideraum.

„Verdammt“, fluchte sie leise, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Gleich am ersten Tag hatte sie es sich schon mit diesem Arzt verdorben. Würde er dafür sorgen, dass man ihr kündigte? Hoffentlich war nicht alles schon wieder vorbei, ehe es richtig angefangen hatte.

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