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Keine Angst vor heißen Küssen

1. KAPITEL

Jase Rawley war völlig erschöpft. Während der letzten Tage hatte er kaum geschlafen. Erst jetzt spürte er, wie müde er war und wie anstrengend die Fahrten mit dem Truck gewesen waren. Fast eine Woche war er unterwegs gewesen, um Jungvieh von Kansas nach Texas auf seine Ranch zu holen.

Jetzt parkte er den Transporter dicht am Gatter zur Koppel, um gleich am nächsten Morgen mit dem Entladen der Tiere beginnen zu können. Müde ging Jase in der Dunkelheit zu seinem Wohnhaus.

Jase Rawley hatte nur den einen Wunsch, sich so schnell wie möglich aufs Bett fallen zu lassen. Im Flur, gleich neben der Küchentür, zog er seine Cowboystiefel aus und stellte sie dort ab, um sie am nächsten Morgen gleich zu finden. Noch im Gehen zog er das Hemd aus seiner Jeans, knöpfte es auf und ließ es im Schlafzimmer auf den Boden fallen. Er schaffte es gerade noch, den Wecker auf sechs Uhr zu stellen, dann fiel er auch schon bäuchlings auf das breite Doppelbett und rührte sich nicht mehr.

Ungefähr drei Stunden waren vergangen, als Jase durch einen anhaltenden lauten Ton aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Er stöhnte tief auf, schlug auf den Wecker und drückte das Gesicht wieder in die Matratze. Was würde er dafür geben, wenn er noch ein paar Stunden schlafen könnte! Er überlegte, ob er die Tiere nicht noch etwas länger auf dem Transporter lassen konnte, um noch ein paar Stunden zu schlafen.

Während er noch darüber nachdachte, stieg plötzlich ein köstlicher Kaffeeduft in seine Nase. Müde hob er den Kopf und spürte, wie seine Lebensgeister sich allmählich regten.

Jase richtete sich mühsam auf, verließ sein Bett und sog tief den vertrauten Duft ein. “Schwesterherz, du bist mein rettender Engel”, murmelte er dankbar.

Noch in denselben Jeans und Socken, die er getragen hatte, als er vor wenigen Stunden ins Bett gefallen war, tappte er über den Flur. Als er die Küche betrat, gähnte er ausgiebig und rieb sich mit einer Hand die behaarte Brust. Er hielt die Augen halb geschlossen und ging benommen um den großen Tisch herum in Richtung Kaffeemaschine. “Morgen”, brummte er und nahm sich einen Becher.

“Guten Morgen, Mister Rawley. Möchten Sie lieber Spiegel- oder Rühreier zum Frühstück?”

Jase blieb wie vom Blitz getroffen stehen und drehte sich um. Am Küchentisch stand eine völlig fremde Frau und rollte Teig aus. Sie war noch sehr jung, Sommersprossen verzierten ihre Stupsnase, und aus hellgrünen Augen schaute sie ihn fragend an. Einen aufregend schönen Mund hatte sie, stellte er bewundernd fest. Eine Sinnestäuschung am frühen Morgen, dachte Jase und blickte erneut zu ihr hin. Kastanienbraunes Haar fiel in Wellen auf ihre Schultern und umrahmte ein schmales unschuldiges Gesicht. Wer war sie?

“Himmel, wer sind denn Sie?”, fragte Jase nicht eben freundlich.

Ihr Lächeln vertiefte sich, sie strich die mehlbestäubten Hände an der winzigen Schürze ab, kam um den Tisch herum und streckte ihm die Hand entgegen. “Mein Name ist Annie Baxter. Ich bin Ihre neue Haushälterin und werde mich um Ihre Kinder kümmern”, erklärte sie.

Fassungslos starrte Jase sie an. Sein Blick glitt über ihren Körper und nahm lange, sonnengebräunte Beine wahr, abgeschnittene kurze Jeans, zierliche nackte Füße mit auffallend lackierten Nägeln und ein eng anliegendes T-Shirt, das sich über ihren Brüsten spannte. Die winzige Schürze verbarg wenig von ihren Reizen.

Langsam hob er den Kopf und schaute in die leuchtenden Augen der jungen Frau. Die ihm entgegengestreckte Hand hatte er aber bis jetzt noch nicht berührt. “Haushälterin?”, wiederholte er dumpf.

Annie war von seiner Reaktion verunsichert. “Ihre Schwester, Penny Rawley, hat mich eingestellt. Das haben Sie doch gewusst, oder?”

Jase Rawley erinnerte sich plötzlich, dass seine Schwester vor einigen Wochen tatsächlich davon gesprochen hatte, dass sie ausziehen wolle. Sie würde jemanden suchen, hatte sie ihm mitgeteilt, der ihre Stelle auf der Ranch einnehmen und den Haushalt und die Kinder versorgen würde.

Jase hatte die Ankündigung seiner Schwester ignoriert. Sie hatte während der letzten Jahre oft davon gesprochen und war doch bei ihm geblieben. Das hier war schließlich ihr Zuhause, und sie hatte mit ihm zusammengelebt, seit ihre Eltern vor sechzehn Jahren gestorben waren.

Niemals hätte er geglaubt, dass sie ihn verlassen würde. Sie gehörte zu seinem Leben wie die Luft zum Atmen. Und nach dem frühen Tod seiner Frau vor zwei Jahren hatte sich ihr Verhältnis grundlegend gewandelt. Wenn er bis dahin Pennys großer, starker Bruder gewesen war, so wurde sie ihm in der schweren Zeit ein Halt. Wie selbstverständlich hatte sie seine drei Kinder und den großen Haushalt auf der Ranch versorgt.

Jase schluckte, sah die ausgestreckte Hand und ergriff sie endlich. “Ich erinnere mich, dass meine Schwester vor Wochen so etwas erwähnt hat”, gab er zu.

“Da bin ich froh, denn für einen Moment glaubte ich, dass einer von uns hier am falschen Platz ist”, antwortete Annie und lächelte erleichtert. Sie zog ihre Hand aus seiner und ging wieder an ihren Platz, um mit ihrer Arbeit fortzufahren. “Penny hat mir zwar gesagt, dass Sie heute zurückkommen würden, aber ich habe Sie nicht so früh erwartet.”

“Ich bin ohne längere Pause durchgefahren”, murmelte er. Er kaute immer noch an der Neuigkeit, dass Penny ihn offensichtlich verlassen und seinen Haushalt und die Kinder einer völlig fremden jungen Frau übergeben hatte. Das durfte doch alles nicht wahr sein. “Seit wann sind Sie denn hier?”

“Seit sechs Tagen. Penny stellte mich am Montag ein und blieb einige Tage bei mir, um mir hier alles zu zeigen und zu erklären. Am Donnerstag ging sie, als sie sicher war, dass hier alles reibungslos laufen würde und die Kinder mich akzeptierten.”

Jase wusste den Grund, warum Penny seine Rückkehr nicht abgewartet hatte. Er hätte sie nicht kampflos gehen lassen, sondern ihr ein Höllenspektakel gemacht. Das hatte sie natürlich geahnt und wollte dem ausweichen. “Hat Penny hinterlassen, wo sie zu erreichen ist?”

Seine Frage schien Annie zu überraschen, und sie schaute ihn nachdenklich an. “Selbstverständlich hat sie eine Telefonnummer hinterlassen, unter der sie zu erreichen ist. Warten Sie einen Augenblick.” Sie drehte sich zu dem Pult hinter ihr um und blätterte in einem Notizblock. “Hier ist die Nummer. Penny hält sich für einige Tage bei ihrer Freundin Suzy auf. Sie kennen Suzy doch?”

Annie kam das Geschehen hier allmählich sonderbar vor. Hatte Jase Rawley wirklich nicht gewusst, dass seine Schwester gehen wollte, dass sie jemanden für seinen Haushalt und die Kinder eingestellt hatte? Er schien jedenfalls völlig überrumpelt zu sein.

“Ja, sicher kenne ich Suzy”, brummte er, als er sich an Annies Frage erinnerte. Dann riss er wütend das Blatt mit der Telefonnummer vom Notizblock, stopfte es in die Hosentasche, warf den Block zurück auf den Küchentisch und stellte sich vor die Kaffeemaschine. Dort blieb er einige Sekunden unschlüssig stehen.

“Sie haben mir immer noch nicht gesagt, ob Sie lieber Spiegeleier oder Rühreier zum Frühstück möchten”, wiederholte Annie ihre Frage. Ruhig fuhr sie fort, Plätzchen zu formen und auf das Backblech zu legen.

Jase füllte seinen Becher, nahm den ersten heißen Schluck und wünschte sich, dass sein Kopf endlich wieder klarer würde. Was er hier erlebte, konnte doch nur ein Traum sein. Sicher würde sich gleich alles klären, und alles würde sein wie immer. So, wie er es gewohnt war.

Er blickte zu der jungen Frau, die mit ihrer Arbeit fortfuhr. Was hatte sie ihn gefragt? Plötzlich fiel es ihm wieder ein und er antwortete: “Spiegeleier hätte ich gern.” Jetzt erwachte er aus dem Schockzustand. Er drehte sich um und ging zur Tür. “Ich muss einige dringende Anrufe erledigen, rufen Sie mich, wenn das Frühstück fertig ist.”

Jase wollte nur einen einzigen Anruf erledigen, aber der duldete keinen Aufschub. Keine Sekunde länger würde er damit warten.

Er wählte Suzys Nummer, und als es viermal geläutet und niemand abgenommen hatte, wurde er ungeduldig. Endlich meldete sich Suzy, die Jugendfreundin seiner Schwester.

“Hallo?”, hörte er ihre verschlafene Stimme.

“Hol mir Penny ans Telefon”, knurrte er.

“Auch dir einen schönen guten Morgen, Jase”, antwortete Suzy verdrießlich, warf den Hörer laut auf das Telefontischchen und rief: “Penny, ein Anruf für dich, es ist der Bär.”

Es besserte seine Laune auch nicht gerade, dass Suzy von ihm als dem “Bären” sprach. Diesen Namen hatte sie ihm schon vor vielen Jahren gegeben. Damals war sie noch ein kleines Mädchen gewesen. Nervös trommelte er mit den Fingern auf seinem Schreibtisch, während er darauf wartete, dass seine Schwester sich meldete. Endlich hörte er sie.

“Jase?”

“Was hast du dir eigentlich gedacht?”, brüllte er los. “Einfach wegzugehen und die Kinder bei einer wildfremden Frau zu lassen.”

“Annie ist keine Fremde, denn ich habe alle ihre Papiere und ihre Zeugnisse sorgfältig geprüft. Sie ist mehr als fähig, deine Kinder zu beaufsichtigen.”

“Das ist mir egal, selbst wenn sie die zweite Mary Poppins wäre. Du kommst nach Hause zurück, wo du hingehörst. Sofort!”

“Ich komme nicht nach Hause, denn ich habe eine Stelle in Austin angenommen.”

“Was hast du?” Jase war außer sich vor Zorn.

“Ich habe eine sehr gute Stelle in Austin als Sekretärin bei einer bedeutenden Computerfirma angenommen.”

“Kündige, mach alles rückgängig! Tu, was nötig ist, aber komm zurück! Meine Kinder sollen nicht von einer Fremden großgezogen werden.”

“Dann zieh du sie doch auf!”

Jase nahm den Hörer einen Moment vom Ohr. Hatte er richtig gehört? Klang die Stimme seiner Schwester wirklich so ärgerlich? Ob hinter all dem ihre beste Freundin steckte? “Hat Suzy dir diese Ideen in den Kopf gesetzt?”, fragte er und schöpfte ein wenig Hoffnung.

Er hörte, dass Penny tief Luft holte. “Nein, Jase, Suzy hat mit meiner Entscheidung, die Ranch zu verlassen, gar nichts zu tun.”

“Gib mir ruhig an allem die Schuld, Jase”, meldete sich Suzy aus dem Hintergrund.

“Nun, meistens hat Suzy dich auf so ungewöhnliche Ideen gebracht”, antwortete Jase irritiert. “Das ist so gar nicht deine Art, einfach wegzugehen und die Kinder einer Fremden zu überlassen. Was passiert, wenn die junge Frau wieder geht? Wer versorgt die Kinder dann?”

“Du”, antwortete sie ohne Zögern. Ihr Ton ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie meinte, was sie sagte. “Es sind deine Kinder und nicht meine. Es ist allmählich höchste Zeit, dass du dich zusammenreißt und die Verantwortung für deine Kinder übernimmst.”

Jase sprang vom Stuhl hoch. “Habe ich nicht dafür gesorgt, dass sie alles haben, was sie brauchen? Arbeite ich nicht hart genug, um das Leben meiner Kinder zu sichern?”

“Du hast ihnen alles gegeben, was man für Geld kaufen kann, Jase, das stimmt.” Klang die Stimme seiner Schwester wirklich so bewegt? Weinte sie etwa? Was hatte sie nur?

Penny fuhr fort: “Die Kinder vermissen dich. Sie brauchen dich. Kannst du das nicht verstehen? Sie haben vor zwei Jahren nicht nur ihre Mutter verloren, sondern auch noch ihren Vater.”

Jase war auf seine Schwester wütend wie noch nie. Das war das Letzte, ihn einfach zu verlassen und eine Fremde ins Haus zu holen, ohne das vorher mit ihm zu besprechen.

Nachdem er geduscht und sich angezogen hatte, ging er zurück in die Küche. Schon auf dem Flur hörte er das glückliche Lachen seiner sechsjährigen Tochter. Er stieß die Schwingtür auf und blieb auf der Schwelle stehen. “Was ist denn hier am frühen Morgen so lustig?”, fragte er.

Vier Augenpaare schauten ihn unsicher an.

Rasch sprang seine jüngste Tochter Rachel vom Tisch auf, lief zu ihm und schlang ihre kleinen Arme um ihn. “Daddy!”, begrüßte sie ihn fröhlich.

Er strich dem Kind über den Kopf und murmelte verlegen: “Hey, meine Kleine.”

Rachel ergriff seine Hand und drückte sie. “Dad, wir haben eine neue Nanny, Annie heißt sie, und ich mag sie so gern, sie ist echt cool.”

Wo hatte sie nur das Wort aufgeschnappt? Sicher von ihren älteren Geschwistern, den Zwillingen. “Ja, ich habe das schon gehört.”

Jase ging zu seinem Platz am Kopfende des Tisches, gab seinem dreizehnjährigen Sohn Clay einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, nickte Tara zu, die neben ihrem Bruder saß, und breitete die Serviette auf seinem Schoß aus. Sorgfältig vermied er es, die Fremde anzusehen.

Das fröhliche Gelächter der Tischrunde war bei seinem Eintreten verstummt. Jetzt herrschte Stille. Er hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. “Ist es für euch nicht höchste Zeit, Kinder? Ihr wisst, dass der Schulbus nicht wartet!” Sein Ton war unfreundlich, obwohl er seine Kinder acht Tage lang nicht gesehen hatte.

Tara verdrehte entnervt die Augen. “Es ist noch nicht einmal sieben, Dad. Wir haben noch wahnsinnig viel Zeit.”

Jase nahm sich ein Brötchen und schaute seine Tochter an. “Heute habe ich keine Zeit, den Chauffeur für euch zu spielen. Ich habe eine Ladung Kälber auf dem Truck und muss sie ausladen.”

Tara rückte ihren Stuhl lautstark zurück, sprang hoch und warf die Serviette wütend auf den Tisch. “Wann hast du denn jemals Zeit für uns?”, rief sie wütend und rannte zur Tür.

Erst jetzt bemerkte Jase die Kleidung seiner Tochter. Sie trug abgewetzte Jeans, die tief auf ihren Hüften hingen, ein reichlich kurzes Top, das einen breiten Streifen Haut sehen ließ, und ausgetretene Tennisschuhe. “Zieh dir etwas Ordentliches an! Meine Tochter geht nicht wie ein Tramp zur Schule!”, rief er ihr nach. Sie schrie irgendetwas zurück, was er aber nicht mehr verstand.

Zornig bestrich er sein Brötchen dick mit Butter. Die Worte seiner Schwester Penny fielen ihm wieder ein. Es hatte ihn getroffen, dass sie ihm vorgeworfen hatte, die Verantwortung für seine Kinder vernachlässigt zu haben. Das stimmte einfach nicht.

“Habt ihr eure Hausaufgaben auch gemacht?” Er schaute seine Kinder fragend an. Diese Frage stellte er ihnen regelmäßig; war das nicht ein Beweis dafür, wie ernst er seine Pflichten nahm?

Rachel antwortete gehorsam: “Ja, Daddy.”

Clay blieb auffallend still, und Jase hakte nach. “Was ist mit dir, Clay? Du sagst ja nichts. Hast du deine Aufgaben gemacht?”

“Ich hatte keine auf”, murmelte sein Sohn während er aufsprang und zur Tür ging.

“Hoffentlich höre ich keine Beschwerden von deiner Lehrerin!”, rief Jase ihm nach. Dann wandte er sich seiner Jüngsten zu, die ihn aus großen Augen anschaute. “Und, was ist mit dir, gehst du heute zur Schule, oder nicht?”

“Ich geh ja schon”, antwortete die Kleine hastig und rutschte vom Stuhl. “Danke für das Frühstück, Annie, es war wirklich gut”, sagte sie scheu.

Annie strahlte die Kleine an. “Ich freue mich, dass es dir geschmeckt hat. Vergiss dein Lunchpaket nicht.”

Rachel stellte sich neben Annie und spielte mit ihrem Pferdeschwanz. “Hast du mir wieder eine Überraschung eingepackt?”

Annie legte einen Arm um das kleine Mädchen. “Aber sicher. Du darfst nur nicht vorher nachsehen, sonst ist es keine Überraschung mehr”, erwiderte sie liebevoll.

Ein glückliches Lächeln huschte über das kleine Gesicht, als Rachel zur Anrichte ging, um ihr Schulbrot zu holen. “Ich schau bestimmt nicht nach, versprochen, Annie.” Während sie zur Tür lief, rief sie noch: “Bis heute Nachmittag!”

“Bis heute Nachmittag, Rachel!”, rief Annie lachend und winkte ihr nach.

Jase wunderte sich, dass die Kinder Annie in den wenigen Tage anscheinend schon lieb gewonnen hatten. Es gab ihm einen Stich. War er etwa eifersüchtig?

Als die Kinder gegangen waren, war es plötzlich quälend still. Hätte er die Kinder doch nicht so übereifrig vom Tisch geschickt. Allmählich wurde ihm die Situation peinlich. Er müsste etwas sagen. Schließlich war er hier der Boss auf der Ranch. Wie unangenehm war das alles und das so früh am Morgen. Das hatte er nur Pennys eigenmächtigem Handeln zu verdanken.

Er räusperte sich: “Ich vermute, dass Penny Ihnen erklärt hat, was hier zu tun ist?”

“Ja, sie hat mich gründlich eingewiesen.”

Er wusste nicht recht, was er noch sagen sollte, und beschäftigte sich eingehend mit dem nächsten Brötchen. “Ich bin fast den ganzen Tag draußen auf der Ranch. Aber Sie können mich jederzeit über mein Handy erreichen. Die Nummer steht auf einem Blatt neben dem Telefon an der Wand.

“Penny hat mir auch den Tagesablauf hier auf der Ranch erklärt und mir gesagt, wie und wo jeder zu erreichen ist.” Annie stützte den Kopf in ihre Handflächen und schaute Jase nachdenklich an. “Die Kinder vermissen Sie sehr, wenn Sie nicht hier sind.”

Jase spürte, dass er rot wurde. Betreten wandte er sich der Pfanne mit den gebratenen Eiern zu und nahm davon. “Es kommt nur sehr selten vor, dass ich eine Woche lang weg bin”, entschuldigte er sich halbherzig.

“Sie vermissen ihren Vater, auch wenn es nur selten vorkommt.”

In was für eine Situation war er nur geraten? Er griff nach seinem Becher und trank einen Schluck Kaffee. Dann stand er auf. “Ich muss jetzt auf die Koppel, die Kälber ausladen.”

Annie ließ sich jedoch nicht aus dem Konzept bringen. “Kommen Sie zum Mittagessen?”

Am liebsten hätte er verneint, um die Wiederholung einer derartigen Situation zu vermeiden und nicht wieder allein mit ihr am Tisch sitzen zu müssen. Andererseits waren es noch viele Stunden bis zum Mittag, und bis dahin würde er hungrig wie ein Wolf sein. “Ja, ich komme. Aber Sie müssen für mich nichts kochen, ich nehme mir irgendetwas aus dem Kühlschrank.”

Annie stand jetzt auch auf und stellte die Teller zusammen. “Ich koche sehr gern. Haben Sie ein Lieblingsgericht?”

Jase griff sich seinen Hut von der Kommode und schaute hinter Annie her, die ihm den Rücken zuwandte, um die Teller in den Abwasch zu stellen. Himmel, diese Frau hatte eine hinreißende Figur! Ihr Gang weckte in ihm ein Verlangen, das er lange nicht mehr gespürt hatte. Er spürte, dass die Röte ihm ins Gesicht stieg. Aber er konnte seinen Blick nicht von ihr losreißen. Gebannt starrte er auf die schlanken braunen Beine und ihre hübschen Füße. Endlich hatte er sich wieder gefasst. “Ich bin nicht sehr wählerisch beim Essen. Kochen Sie irgendetwas, mir ist es egal.”

Annie schaute über ihre Schulter und lächelte. Sie ahnte nicht, welche Gefühlsstürme sie bei Jase entfacht hatte. “Dann überrasche ich Sie mit dem Essen. Werden Sie zur Mittagszeit hier sein?”

Jase war völlig durcheinander. Energisch drückte er sich den Hut auf den Kopf und ging zur Tür. “Ja, ich werde pünktlich sein”, brummte er. Im Stillen fragte er sich, ob Annie für ihn dann wohl auch eine Überraschung bereithielt, so wie für Rachel.

Annie hatte die Hausarbeit beendet und war vors Haus gegangen, um sich dort ein wenig umzusehen. Sie hatte die Schürze abgelegt und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut.

Wie schön es jetzt im Vorfrühling war! Die Vögel zwitscherten, der Himmel war strahlend blau, und die Wiesen leuchteten in zartem Grün. Später im Jahr würde das anders sein, da würde ein fahles Gelb überwiegen, und Menschen und Tiere würden vor der heißen Sonne fliehen und den Schatten aufsuchen.

Hinter dem Haus lag ein verwildertes, eingezäuntes Grundstück, das vielleicht einmal ein Garten gewesen war. Den wollte Annie sich genauer ansehen. Sie öffnete die Gartenpforte und schaute sich um. Viel war von dem einstigen Garten nicht mehr zu erkennen. Hohes Gras und Sträucher überwucherten fast alles. Nur beim genauen Hinsehen konnte Annie noch Beete erkennen und hier und da eine Nutzpflanze.

Sie hätte dieses verwilderte Stück Land gern wieder kultiviert. Gartenarbeit hatte ihr immer schon Freude bereitet. Frühmorgens zu beginnen und barfuß durchs feuchte Gras zu gehen, den Duft der Pflanzen und der Erde einzuatmen, das hatte bei ihr immer schon ein tiefes Glücksgefühl ausgelöst. Diese Beschäftigung war für sie viele Jahre eine wahre Energiequelle gewesen.

In ihrer Fantasie sah Annie hier schon lange Reihen von Tomatenpflanzen, Melonen und Kürbissen. Jede Menge Blumen konnten hier blühen und ihre Farbenpracht entfalten. Der Garten könnte schön werden, und außerdem würde es nützlich sein, den Speisezettel mit Gemüse zu bereichern.

Um ihre Pläne zu verwirklichen, musste sie zuerst Jase Rawley um Erlaubnis fragen. Dann konnte sie anfangen, das Unkraut zu jäten. Es würde eine harte Arbeit werden, aber davor schreckte sie nicht zurück.

Bis vor vier Jahren, bis zum Tod ihrer Großmutter, hatte Annie deren Garten in Ordnung gehalten. Erinnerungen an diese Zeit wurden in ihr lebendig, und sie verspürte Trauer und Schmerz über den Verlust dieses geliebten Menschen.

Dennoch würde sie sich von dieser Stimmung nicht niederdrücken lassen, sondern ihre Pläne in die Tat umsetzen. So bald wie möglich würde sie um Erlaubnis fragen, ob sie hier wieder einen Garten anlegen durfte. Es war gerade noch der richtige Zeitpunkt für dieses Jahr.

Ihre Gedanken kreisten um Jase Rawley. Penny hatte gesagt, ihr Bruder sei ein wenig schroff und etwas zugeknöpft. Annie holte tief Luft. Das war die Untertreibung des Jahres. Der Mann war ein verbitterter, mürrischer Mensch. Und offenbar hatte er für seine Kinder nur Kritik und Missbilligung übrig.

Eines jedoch ließ sich nicht leugnen: Er war ein Bild von einem Mann. Seufzend gestand Annie sich das ein. Sie dachte daran, wie er ausgesehen hatte, als er schlaftrunken in die Küche gekommen war. Seine Jeans waren ihm so tief auf die Hüften gerutscht, dass sie einen breiten Streifen heller Haut gesehen hatte. Und seinen Bauchnabel – umflort von feinem schwarzen Haar.

Annie bückte sich, um eine Blume zu pflücken, die sie entdeckt hatte, und steckte sie sich hinters Ohr. Ein erregendes Gefühl erfasste sie, als sie an diese erste Begegnung mit Jase Rawley dachte.

“Was machen Sie hier?”, erklang plötzlich eine laute Stimme aus dem Hintergrund.

Sie zuckte zusammen, als sie die unwillige Stimme hörte und drehte sich um. Jase Rawley stand am Gartenzaun und hatte sie offenbar beobachtet. Er hatte die Arme vor der Brust gekreuzt, und sein Hut hing tief in der Stirn, sodass Annie den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen konnte.

“Du lieber Himmel, haben Sie mich erschreckt! Können Sie sich nicht bemerkbar machen, wenn Sie schon so schleichen? Dieser Schreck kostet mich zehn Jahre meines Lebens.”

Er kniff die Augen zusammen. “Da Sie dieses Thema schon anschneiden, wie alt sind Sie eigentlich?”

Annie zog rasch die Blume aus dem Haar. Vielleicht stellte er die Frage, weil er diese Geste kindisch fand. “Sechsundzwanzig”, antwortete sie kurz angebunden.

Ungläubig schaute er sie an und atmete tief aus. “Das glaube ich Ihnen nicht, ich wüsste gern die Wahrheit”, schnaubte er.

Behutsam setzte Annie einen Fuß vor den anderen, als sie durch die Wildnis zur Pforte ging. Sie passte sehr auf, um nicht auf Disteln zu treten, da sie großen Respekt vor den Stacheln der Pflanze hatte.

“Ich bin sechsundzwanzig”, wiederholte Annie, als sie Jase erreicht hatte und das Gartentor öffnete. “Wenn Sie mir nicht glauben, kann ich Ihnen meinen Führerschein zeigen.”

Er trat einen Schritt zurück und schaute sie misstrauisch an, als sie an ihm vorbeiging. “Sie sehen nicht einen Tag älter als achtzehn Jahre aus.”

Annie musste leise lachen. War das jetzt ein Kompliment, oder wollte er sie kränken? Optimistisch wie sie war, nahm sie das Positive an. “Danke”, antwortete sie freundlich. Dann richtete sie sich zur vollen Größe auf und stellte sich vor ihn. Mit einer schnellen Kopfbewegung warf sie ihr langes kastanienbraunes Haar zurück. Leider konnte sie ihn nicht richtig ansehen, denn die Sonne blendete sie so sehr, dass sie blinzeln musste.

Unerschrocken fragte Annie zurück: “Und wie alt sind Sie?”

Jase schaute sie sekundenlang schweigend an.

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