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Kein sicherer Ort

Über die Autorin

Araminta Hall arbeitete als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, bevor sie sich der Arbeit an ihrem ersten Roman widmete. Mit ihrem Debüt KEIN SICHERER ORT ist ihr auf Anhieb eine ebenso beeindruckende wie fesselnde Geschichte gelungen, mit der sie in England bereits vor Erscheinen für einiges Aufsehen gesorgt hat.

DER GRAUHAARIGE HERR LACHTE WIEDER AUF. »SIE SAGEN, DIE EHEN SEIEN AUF LIEBE BEGRÜNDET; WENN ICH ABER BEZWEIFLE, DASS ES NEBEN DER SINNLICHEN LIEBE EINE ANDERE GIBT, DANN WOLLEN SIE MIR DIE EXISTENZ DIESER ANDERN LIEBE DAMIT BEWEISEN, DASS EHEN EXISTIEREN. DIE EHEN ABER SIND DOCH IN UNSERER ZEIT GERADEZU EIN BETRUG

Die Kreutzersonate, Leo Tolstoi
Übersetzt von August Scholz

Die U-Bahn spuckte Agatha in einer dieser Gegenden aus, in denen man gerne mal mit der Postleitzahl schummelte. Obwohl es Agatha wirklich nicht in den Kopf wollte, warum man sich schämen sollte, hier zu wohnen. Die Straßen waren prächtig und breit, und vor den viktorianischen Häusern links und rechts säumten Bäume wie Wachposten die Gehwege. Die Häuser selbst ragten imposant und anmutig in den Himmel, als seien sie so aus dem Boden gewachsen, als Gott in sieben Tagen die Welt erschuf; eine von Agathas Lieblingsgeschichten aus Kindertagen. Sie wirkten so ernst und majestätisch mit ihren orangeroten Backsteinwegen, die aussahen wie übergroße Lutschpastillen, und den Bleiglasfenstern, die das Licht der unvermeidlichen Kristalllüster im Flur widerspiegelten, mit den Messingtürbeschlägen und den kleinen schmiedeeisernen Gittertörchen, die so korrekt wirkten wie Hemdkragen mit Fliege. Sie hatten sogar solche herrlichen Erkerfenster, die Agatha immer an stolz vor sich hergetragene schwangere Kugelbäuche erinnerten. In der Gegend, in der sie aufgewachsen war, gab es so was nicht.

Die Adresse auf dem Zettel in Agathas Hand führte sie zu einer Tür mit einer ungewöhnlichen Klingel. Es war ein harter kugelrunder Metallknauf, den man aus seiner reich verzierten Fassung ziehen musste und der vermutlich genauso alt war wie das Haus. Agatha gefiel die Klingel; einmal wegen ihrer Keckheit, so dreist hervorzustehen, und dafür, dass sie sich so lange gehalten hatte. Entschlossen zog sie an der Kugel, und irgendwo im Haus ertönte ein glockenhelles Klingeln.

Während sie vor der Tür stand und wartete, versuchte Agatha, rasch in ihre Rolle zu schlüpfen. Probeweise setzte sie ein Lächeln auf und ermahnte sich, immer daran zu denken, nicht so hektisch zu gestikulieren und einen ruhigen, gesetzten Eindruck zu machen. Nicht, dass sie dieser Mensch nicht sein konnte oder dass sie gar vorgab, jemand zu sein, der sie nicht war; sie musste sich bloß hin und wieder in Erinnerung rufen, was für eine Person dieses andere Ich eigentlich war.

Der Mann, der ihr die Tür öffnete, wirkte etwas aufgelöst und zerknittert, als hätte er einen anstrengenden Tag hinter sich. Im Hintergrund hörte man ein kleines Mädchen weinen, und der Mann hatte einen Jungen auf dem Arm, der viel zu alt aussah für das Fläschchen, an dem er so entschlossen nuckelte. Im Haus schien es erdrückend warm, und man konnte sehen, dass die Küchenfenster beschlagen waren. Mäntel und Schuhe waren im ganzen Flur verstreut, und sogar ein Fahrrad lag achtlos herum.

»Entschuldigen Sie«, sagte Christian Donaldson, denn der musste er wohl sein, »hier ist gerade das Chaos ausgebrochen. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.«

»Kein Problem.« Agatha hatte längst gelernt, dass Menschen wie die Donaldsons insgeheim, oder womöglich auch ganz offen, gerne ein wenig chaotisch erschienen.

Er reichte ihr die Hand. »Aber egal, Annie, nehme ich an …«

»Agatha, eigentlich.« Sein Versehen ärgerte sie, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht auf der Stelle eine abgrundtiefe Abneigung gegen ihn zu entwickeln. »Na ja, Aggie, genauer gesagt.«

»Mist, tut mir leid, mein Fehler. Ich dachte, meine Frau hätte Annie gesagt … Sie ist noch nicht zu Hause.« Seine Nervosität beruhigte sie. Auch bloß wieder eine dieser Familien. Er trat zurück, um sie einzulassen. »Wie dem auch sei, entschuldigen Sie bitte, ich lasse Sie einfach vor der Tür stehen.«

Am Küchentisch saß ein heulendes Mädchen, und die Küche selbst sah so aus, als sei eine kleine, meuternde Vandalenarmee eingefallen und habe jeden Schrank und jede Schublade attackiert, um anschließend deren Inhalt großflächig im gesamten Raum zu verteilen.

»Daddy«, kreischte das Mädchen von seinem Platz am Tisch, »das ist nicht fair. Warum muss ich meinen Brokkoli aufessen, und Hal braucht überhaupt nichts zu essen?«

Gespannt wartete Agatha mit dem Kind auf die Antwort, die allerdings ausblieb. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn Erwachsene glaubten, keine Antwort sei auch eine Antwort. Sie schaute den Mann an, von dem sie hoffte, dass er sie einstellen würde, und sah einen dünnen Schweißfilm auf seinem Gesicht glänzen, der ihr den Mut gab, den Mund aufzumachen und sich einzumischen. »Was ist deine Lieblingsfarbe?«

Das Mädchen hörte auf zu weinen und schaute sie an. Diese Frage war zu interessant, um sie zu überhören. »Rosa.«

Wie nicht anders zu erwarten, dachte Agatha. Ihre Töchter würden Blau am liebsten mögen. »Na, was für ein Glück. Ich habe nämlich eine Packung Smarties in der Tasche, und die rosanen mag ich nicht. Wenn du das winzig kleine Stückchen Brokkoli aufisst, dann kannst du all meine rosa Smarties haben.«

Das Mädchen schien sein Glück kaum fassen zu können. »Echt?«

Fragend drehte Agatha sich zu Christian um und war erleichtert, als sie ihn lächeln sah. »Na ja, wenn dein Dad nichts dagegen hat.«

Der lachte. »Was sind schon ein paar Smarties unter Freunden?«

***

Christian konnte die jungen Frauen nicht ausstehen, die in sein Haus einzogen, um sich um seine Kinder zu kümmern. Er fragte sich, wie er auf diese hier wohl wirken musste. Am liebsten hätte er ihr erklärt, dass er sonst um diese Uhrzeit nie zu Hause war und dass es nur an dem Riesenkrach lag, den er am Wochenende mit Ruth gehabt hatte. Es war um die Kinder gegangen und um Verantwortung und darum, dass sie ihren Job verlieren würde, wenn sie schon wieder einen Tag freinehmen musste, und im Endeffekt war es mal wieder darauf hinausgelaufen, wie verdammt anbetungswürdig selbstaufopferungsvoll sie doch war und was für ein egoistisches selbstverliebtes Arschloch er dagegen war. Und nach einem ganzen Tag Kinderhüten fühlte er sich, als hätten die lieben Kleinen ihn gegen die Wand gepfeffert, und er war so müde, dass ihm einfach nichts einfallen wollte, was er sagen könnte. Und wo zum Teufel blieb Ruth eigentlich?

Den angebotenen Tee lehnte das Mädchen dankend ab, aber sie ließ sich von Betty in den Teil des Wohnzimmers führen, in dem sich ihre Plastikspielsachen türmten. Christian tat, als habe er in der Küche zu tun, und räumte die Unordnung von einer Seite zur anderen. Ruth konnte sich nachher darum kümmern und alles wegstellen.

Fremde Menschen ließen das Haus förmlich schrumpfen, so kam es Christian vor. In den Augen der Gäste wurde es zu dem, was es wirklich war. Zwei kleine zusammengebastelte Zimmerchen nach vorne heraus und eine fantasielos nach hinten hinaus angebaute Küche. Ein enges, vollgestopftes Schlafzimmer, ebensolche Kinderzimmer und ein kleines, unters Dach gequetschtes Gästezimmer in der Mansarde. Es kam einem vor wie ein dicker Mann, der zu viel gegessen hatte; gichtgeplagt und unbehaglich in viel zu enge Kleider gezwängt.

In der Zeit, als er Sarah noch gevögelt hatte, hatten sie sich immer in ihrer Wohnung getroffen, aus mehreren guten Gründen. Aber da war es noch schlimmer gewesen. Er hatte in ihrem quietschenden Doppelbett gelegen und sich alt und dröge gefühlt, umgeben von Postern irgendwelcher Teenie-Bands, deren Namen er nicht mal kannte und die an einer Wand hingen, deren Farbe nicht von der derzeitigen Bewohnerin ausgesucht worden war. Er hatte eine geradezu perverse Sehnsucht verspürt nach den gedämpften Farben und der sorgfältig arrangierten Schönheit und Eleganz seines eigenen Zuhauses. Was spielte ihm sein Unterbewusstsein da für einen gemeinen Streich, denn wie hatte er Ruth gehasst, als sie geheult hatte, weil die Bauarbeiter ihren Zeitplan nicht einhielten, oder sie sich mehr für die Farbe der Badezimmerfliesen begeisterte als für seine streichelnde Hand.

In dieser Zeit hatte ihn auch der Anblick einer bestimmten Parkbank immer an seine Frau erinnert. Wenig originell, denn brauchte nicht jede Affäre eine Parkbank, hatte er sich manchmal dort mit Sarah getroffen und die Inschrift gelesen, die da lautete: Für Maude, die diesen Park ebenso sehr geliebt hat wie ich sie. Er hatte sich vorgestellt, wie ein alter Mann die Buchstaben mühsam von Hand in das Holz geschnitzt hatte, um diese Worte zu formen, während ihm die Tränen über das verwitterte Gesicht liefen, den Kopf voller schöner Erinnerungen an ein erfülltes Leben zu zweit. Was natürlich vollkommener Blödsinn war, denn heutzutage hatte niemand mehr schöne Erinnerungen, und die Bank war ganz bestimmt von einer seelenlosen städtischen Gravurmaschine beschriftet worden.

Wobei ihn auch das nicht hatte bremsen können. Ruth zu hintergehen war so einfach gewesen, dass es fast keinen Spaß gemacht und der Sache jeden Reiz genommen hatte, und sein Ärger darüber hatte ihn noch weiter angespornt. Dass er Überstunden machte, war nichts Neues gewesen, und durch seine Arbeit beim Fernsehen war er oft genug unterwegs, sodass es in ihrer Ehe nicht ungewöhnlich war, wenn er mal über Nacht nicht nach Hause kam. Aber am stärksten war das Gefühl gewesen, irgendwie ein Recht darauf zu haben. Gerne redete er sich ein, Ruth habe ihn immer untergebuttert und seine wahre Natur unterdrückt; weil sein wahres Ich nämlich eigentlich ein lebenslustiger, unbeschwerter Kerl war, der sich nie hatte einfangen und an die Leine legen lassen wollen. Und dass im Grunde genommen eine Frau wie Sarah viel besser zu ihm passte.

Wobei das vermutlich gar nicht stimmte. Obwohl er immer noch ganz durcheinander war und es ihm immer noch schwerfiel, die ganze Situation zu verstehen, die in einem solch magenumdrehenden Trümmerhaufen geendet hatte, war es nicht einfach, irgendwelche ehrlichen Gefühle auszumachen. Zwei Frauen, die zur gleichen Zeit schwanger waren, und doch nur ein Kind. Ein seltsamer kleiner Junge, der mit beinahe drei Jahren noch immer nicht aß, kaum redete und jede Bewegung verfolgte wie wachsame Augen auf einem Gemälde. Christian hatte Angst, Hal könne im Mutterleib den Gram und Kummer seiner Mutter aufgesogen haben, so wie manche Babys mit einer Heroinabhängigkeit geboren werden. Ein Schlüssel drehte sich in der Haustür, und er merkte, dass seine Hände im Spülwasser kalt geworden waren.

***

Es war Ruths Schicksal, immer zu spät zu kommen, und doch kam sie sich jedes Mal vor wie ein ungezogenes Kind. Christian verstand das nicht. Sie fand nicht mal die Worte, um zu erklären, dass sie von vorneherein gewusst hatte, nie im Leben um sechs das Büro verlassen zu können, und doch hatte sie das Mädchen für sieben Uhr zum Vorstellungsgespräch bestellt. Und den Regen hatte sie auch nicht vorhersehen können, weswegen die U-Bahn vollkommen verstopft war, sodass man schon im Ticketschalterbereich das Gefühl hatte zu ersticken. Sie fand es verstörend, wie unerbittlich der Regen heutzutage auf die Stadt niederprasselte, wie die Wolken sich ohne Vorwarnung in Windeseile geradezu wütend zusammenballten. In ihrer Erinnerung war das in ihrer Kindheit nicht so gewesen, und sie sorgte sich, was sie ihren Kindern über die Welt erzählen sollte, in der sie aufwuchsen.

Sie merkte gleich, dass das Mädchen schon da war, und auch, dass das Haus wieder ein Stückchen weiter versunken war. Ruth war es gewohnt, jeden Morgen die Augen vor den verknüllten Laken zu verschließen, die aus den Betten heraushingen, vor der Schmutzwäsche, die aus den Wäschekörben quoll, den Essensresten, die auf den Tellern eintrockneten, die sich turmhoch in der Spüle stapelten, den Kühlschrankfächern, die dringend geputzt werden müssten, den schmutzigen Fingerabdrücken an den Fenstern, den Wollmäusen, die sich auf der Treppe vermehrten wie die Karnickel, den nicht zurückgegebenen DVDs, die um den Rekorder verstreut lagen, den Wertstoffen, die von ihrem Sammelplatz neben dem Mülleimer vor das Haus gebracht werden müssten, den Namensschildchen, die sie noch immer nicht in Bettys Schuluniform eingenäht hatte. Das schiere Ausmaß dieser Herkulesaufgabe zerrte den ganzen Weg bis zum Büro an ihr wie ein Bungee-Seil. Aber heute Abend kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass sie womöglich den schmalen Grat zwischen leicht chaotischem Durcheinander und heilloser, an Messietum grenzende Misswirtschaft überschritten hatten. Insgeheim fragte sie sich, ob Christian das vielleicht sogar absichtlich gemacht hatte, um sie dafür zu bestrafen, dass sie ihn von seinem blöden, unheimlich wichtigen Job abgehalten hatte, wo er sich die ganze Arbeitswoche lang tagein, tagaus als unersetzlich wichtiger Entscheider aufspielen konnte. Leichte Haushaltsarbeiten, hatte sie in ihrer Anzeige geschrieben; sie fragte sich, woraus die wohl bestehen mochten, und kam zu dem Schluss, dass zumindest das obligatorische Wäschewaschen dazugehörte, sodass sie wenigstens nach außen den Schein der heilen Familie wahren konnten. Und Einkaufen. Schließlich mussten sie ja was essen.

Schon vom Flur aus konnte sie das Mädchen bei Betty sehen. Sie wirkte so jung, die beiden hätten beinahe Spielkameradinnen sein können. In der U-Bahn auf dem Nachhauseweg wurde Ruth von Panik überfallen. Der erste Arbeitstag nach zwei Wochen, in denen sie sich nur um ihre Kinder gekümmert hatte, hatte sie aufgewühlt und tausend Zweifel in ihr geweckt. Den unerfreulichen Showdown mit dem letzten Kindermädchen hatte sie noch allzu lebhaft in Erinnerung. Wie das heulende Mädchen mit gepackten Koffern entschlossen an der Tür gestanden und gesagt hatte, sie könne es keine Nacht mehr aushalten, Bettys Geschrei mit anhören zu müssen. Ich muss endlich mal wieder durchschlafen, hatte sie geschluchzt und dabei sicher vergessen, dass es Ruth war, die Stunde um verdammte Stunde aufstand und zu der Kleinen ging und jede Nacht aufs Neue anging wie ein Bergsteiger einen schier unüberwindbaren Achttausender.

In der vergangenen Woche hatte sie sich dabei ertappt, wie sie Christians SMS kontrollierte, was sie seit über einem Jahr nicht mehr gemacht hatte. Aber noch schlimmer als das Spionieren war die Einsicht, dass sie sich beinahe wünschte, etwas zu finden. Dass es aufregender wäre, als noch eine Ladung Socken waschen oder ein Abendessen aus dem mageren Inhalt des Kühlschranks zaubern zu müssen. Und sie war eigentlich längst zu alt, um immer noch als stellvertretende Chefredakteurin herumzudümpeln, oder nicht? Es war ein unverzeihlicher Fehler gewesen, die Stelle als Chefredakteurin abzulehnen, die Harvey ihr im vergangenen Jahr angeboten hatte.

»Ich kapier das einfach nicht«, hatte Christian gesagt, als sie herumjammerte, weil sie sich irgendwann endgültig entscheiden musste. »Was machst du denn für einen Wind? Wenn du den Job haben willst, dann nimm das Angebot an. Wir suchen uns eine Haushaltshilfe. Das ist doch kein großes Ding.«

»Kein großes Ding?«, hatte sie ungläubig wiederholt, während ihr gegen ihren Willen die Tränen über das Gesicht gelaufen waren. »Du findest also, unsere Kinder sind kein großes Ding?«

»Was soll das denn wieder heißen? Warum ziehst du jetzt die Kinder mit rein?«

»Weil ich diesen Job ganz sicher nicht meinetwegen ablehne.«

Er seufzte. »Ach du lieber Himmel, bitte nicht schon wieder diese Märtyrernummer. Was haben denn die Kinder damit zu tun, ob du dieses Jobangebot annimmst oder nicht?«

Ärger und Wut stiegen in Ruth auf, so jäh und rotglühend und heiß, dass sie fast Angst bekam, sie könnte ihren Mann auf der Stelle erstechen. »Weil ich, wenn ich diesen Job annehme, sie im Grunde genommen überhaupt nicht mehr zu sehen bekomme.«

»Ach, und jetzt unternimmst du ständig tolle Sachen mit ihnen?«

»Wie kannst du nur so was sagen? Willst du damit etwa andeuten, ich sei eine schlechte Mutter?« Ruth war es vorgekommen, als drohte ihr das ganze Gespräch zu entgleiten.

Christian goss sich noch etwas Wein nach. »Ich will damit nur sagen, dass wir beide Entscheidungen treffen müssen, Ruth. Wir haben uns beide entschieden, weiter in unserem Beruf zu bleiben. Ich sage nicht, dass das richtig oder falsch ist. Ich sage nur, man kann nicht alles haben.«

»Scheint aber bei dir ganz gut zu klappen.«

»Tut es nicht. Ich würde furchtbar gern mehr Zeit mit den Kindern verbringen, aber wir haben ein Haus gekauft, das wir uns nicht leisten können, weil du es unbedingt haben musstest, und haben eine Mörderhypothek abzuzahlen.«

»Das ist doch nicht meine Schuld. Ich habe dich nicht dazu gezwungen.«

»Ich hätte mich auch mit einem kleineren Haus zufriedengegeben.«

In Wahrheit war Ruth allerdings der felsenfesten Überzeugung, Christian habe tatsächlich mehr vom Leben als sie selbst. Zielstrebig und entschlossen arbeitete er an seiner Karriere und hatte es infolgedessen auf der Karriereleiter bereits ziemlich weit nach oben geschafft. Er wurde nicht von Schuldgefühlen zerfressen, weil er den ganzen Tag außer Haus war, weshalb er die Zeit, die er mit seinen Kindern verbrachte, unbeschwert genießen konnte. Aus irgendwelchen unerfindlichen archaischen Gründen schien es nicht in seinen Kompetenzbereich zu fallen, zu wissen, wann die Impfungen der Kinder fällig waren und ob man sie überhaupt impfen lassen sollte oder nicht. Er fühlte sich nicht dazu verpflichtet, endlos viele Elternratgeber zu lesen oder sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob seine Berufstätigkeit bei den Kindern womöglich zu Verhaltensauffälligkeiten führen könnte. Nie nahm er sich einen halben Tag frei, um ein Weihnachtskonzert oder den Schulsporttag nicht zu verpassen, aber wenn er zufälligerweise gerade Zeit hatte und sich blicken ließ, bekam er von allen Seiten zu hören, was für ein toller Vater er doch war.

All diese kleinen Ungerechtigkeiten nagten an Ruth, bis ihre Ehe ihr schließlich vorkam wie ein der unerbittlichen Gewalt des Ozeans schutzlos ausgelieferter Felsen, gegen den die aufgewühlte See unaufhörlich peitschte. Obwohl sie so einen Gedanken, wie so vieles andere auch, Christian gegenüber natürlich nicht zur Sprache bringen konnte, und er ihr gegenüber ebenso wenig. Und so brasselten sie vor sich hin wie blinde Autoskooter-Fahrer, die einander rammten und gelegentlich sogar gegenseitig schwer verletzten, meist aber mit kleineren Blessuren wie Schnittwunden und Prellungen davonkamen.

»Du hast ihren Namen falsch verstanden«, erklärte Christian, kaum dass sie ins Wohnzimmer gekommen war. »Sie heißt Aggie.«

Ruth setzte sich, ohne vorher den Mantel auszuziehen, denn Betty und Hal versuchten gerade zeitgleich, an ihr hochzuklettern. »Oh, das tut mir leid. Ich muss Sie am Telefon missverstanden haben. Ich konnte leider nicht früher gehen.« Ruth merkte, dass sie sich bei Christian und Aggie gleichermaßen entschuldigte. »Sie wissen schon, der erste Tag im Büro und so.« Lächelnd schaute sie Aggie an und murmelte wortlos über Bettys Kopf hinweg: »Der reinste Albtraum.« Wem wollte sie eigentlich was vormachen?

»Wie wär’s, wenn du den beiden eine DVD einlegst?«, sagte sie an Christian gewandt und fühlte sich dann verpflichtet, Aggie zu erklären: »Normalerweise dürfen sie nach fünf gar nicht mehr fernsehen, aber wir bringen heute Abend keinen Satz zu Ende, wenn wir sie nicht irgendwas schauen lassen.«

Das Mädchen nickte und sah zu, wie die Kinder sich darum zankten, welche DVD sie anschauen wollten. Irgendwann verlor Christian die Geduld. »Also, ich lege jetzt Toy Story ein. Das ist doch sowieso das Einzige, was ihr beide gerne seht.«

Betty fing an, in den höchsten Tönen zu kreischen, aber die Erwachsenen taten, als hörten sie nichts, und lächelten tapfer weiter.

»Entweder das oder gar nichts«, schimpfte Christian, während er wütend auf den Rekorder einhackte.

»Also.« Ruth drehte sich zu Aggie um. »Die kleine Szene tut mir leid. Dann wollen wir doch mal sehen. Ich nehme an, Christian hat Ihnen schon ein bisschen was über uns erzählt.«

Das Mädchen errötete und wollte antworten, aber es kam nichts heraus.

»Entschuldige, aber Betty hat sie gleich mit Beschlag belegt«, meinte Christian.

Ruth kam sich vor, als hätte sie die Schlacht bereits verloren. »Also hast du ihr noch nichts von Hal gesagt?«

»Nein, noch nicht. Ich wollte lieber auf dich warten.« Und da war sie mal wieder, die perfekte Ausrede.

Ruth riss sich zusammen. »Entschuldigen Sie, Aggie, ich muss Ihnen da wohl erst mal was erklären. Hal ist beinahe drei, und er isst nicht. Er hat noch nie etwas gegessen. Nichts. Er lebt von seinen Milchflaschen. Ich war mit ihm schon bei allen möglichen Ärzten, aber die sagen alle, er ist körperlich kerngesund. Vielleicht ein bisschen langsam, was seinen allgemeinen Entwicklungsstand angeht; ich meine, er spricht kaum, aber das ist angeblich kein Grund zur Beunruhigung. Wir wissen einfach nicht, was wir noch tun sollen. Ich habe demnächst einen Termin bei einem sehr renommierten Ernährungsexperten, aber unsere wichtigste Frage wäre wohl, wie Sie zu Essen und Ernährung insgesamt stehen?«

***

Agatha schaute auf Hals Hinterkopf. Irgendwie gefiel ihr die Vorstellung, sich um einen kleinen Sonderling zu kümmern. Und sie hatte schon bei genügend anderen erbärmlichen Frauen als Babysitterin und Kindermädchen gearbeitet, um genau zu wissen, was sie hören wollten. Sie konnte sich ganz genau vorstellen, wie es im Kühlschrank der Donaldsons aussah: vorne alles grün und frisch und bio, aber dahinter schlug das eiskalte Herz des Kühlschranks, und das war fettig und salzverkrustet.

»Nun ja, ich bin der Meinung, dass die Ernährung unserer Kinder sich in deren Verhalten widerspiegelt. Natürlich bekämen sie bei mir fünf Obst- und Gemüseeinheiten am Tag, und ich kaufe ausschließlich Produkte aus biologischem Anbau, aber ich bin kein Fanatiker. Ich finde, hin und wieder ein paar Süßigkeiten oder ein Keks haben noch niemandem geschadet.«

Ruth nickte zustimmend, während Christian geistesabwesend aus dem Fenster starrte. »Dieser Meinung bin ich im Großen und Ganzen auch, aber mit Hal haben wir bisher nur Probleme gehabt. Unsere Hausärztin meint, wir sollten ihn einfach in Ruhe lassen und nicht drängen. Sie hat uns sogar geraten, es mit Schokolade zu versuchen, damit er sich daran gewöhnt, überhaupt etwas zu essen. Aber das ist doch absurd, finden Sie nicht?«

Agatha fand eigentlich, dass das ganz plausibel klang. Ihre Mutter hatte sie hauptsächlich mit Tiefkühlburgern, Backofenpommes und Schokolade großgezogen. An guten Tagen auch mal Fünfminutennudeln aus dem Becher. Und ihr hatte es auch nicht geschadet. Wobei sie natürlich missbilligend den Kopf schüttelte.

»Und wie ist es mit Disziplin und Manieren, wie stehen Sie dazu?«

»Ich halte viel von Regeln und gutem Benehmen.« Agatha musste daran denken, wie ihre letzte Arbeitgeberin ihre Kinder angebrüllt hatte, kurz nachdem sie Agatha im Einstellungsgespräch lang und breit erklärt hatte, wer schreie, der lüge. Diese Weiber waren wirklich allesamt unglaublich. »Wobei das meist allgemeine Anstandsregeln sind, an die man sich ohnehin halten sollte. Immer höflich sein und nett und niemandem etwas wegnehmen, nicht schlagen und treten, all so etwas. Und ich spreche ungern Drohungen aus, die ich nicht wahr machen möchte.« Agatha wusste nicht so recht, ob sie das sagen sollte, denn Ruth Donaldson gehörte vermutlich auch zu den Frauen, denen man längst die Kinder weggenommen hätte, würden sie von der Stütze leben und in einer Sozialwohnung wohnen, denen man aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen fast alles durchgehen ließ, nur weil sie eine halbe Million Pfund teure Häuser hatten und ein paar komplizierte Wörter kannten. Wobei diese Frauen normalerweise abhängig waren von Erziehungsratgebern, weshalb sie zumindest eine vage Vorstellung davon hatten, wie sie sich eigentlich verhalten sollten, auch wenn die meisten es partout nicht hinbekamen.

»In der Anzeige stand leichte Hausarbeiten. Wäre das für Sie in Ordnung? Ich meine, bloß ein bisschen Wäschewaschen und Aufräumen und vielleicht hin und wieder mal Einkaufen.«

»Oh, das ist überhaupt kein Problem. Selbstverständlich würde ich mich darum kümmern.« Genau das machte Agatha eigentlich am allermeisten Spaß. Alles aufzuräumen. Das ganze Haus auf Vordermann zu bringen und ihre Arbeitgeber in helles Erstaunen zu versetzen, wie tüchtig und fleißig sie doch war. Schon oft hatte sie als Putzfrau gearbeitet, und immer hatte sie sich rasch unentbehrlich gemacht. Viele gut gestellte Familien lebten in beinahe slumartigen Verhältnissen. Agatha hatte gelernt, dass gerade sie häufig zu den Menschen gehörten, die nach außen hin immer so proper und adrett aussahen, dass man sich immer wünschte, dazuzugehören. Man beneidete sie um die schicken Kleider und Häuser und Kaffeemaschinen und Dreihundertpfundstaubsauger und knallbunten Kühlschränke. Dabei konnten sie nicht mal selbst das Klo abziehen, die meisten jedenfalls nicht. Die verstanden einfach nicht, dass die Welt eine gewisse Ordnung brauchte und dass es ganz einfach war, diese Ordnung herzustellen und zu erhalten.

»Wie Sie ja bereits wissen, sind sowohl Christian als auch ich berufstätig, und wir arbeiten oft ziemlich lange. Meistens versuche ich, vor sieben zu Hause zu sein, aber bei Christian wird es eigentlich immer später. Wäre das für Sie in Ordnung? Die beiden gelegentlich auch mal ins Bett zu bringen?«

»Kein Problem, das bin ich gewohnt.« Bei den meisten Jobs kam sie irgendwann an den Punkt, an dem sie sich wünschte, die Eltern würden sich einfach in Luft auflösen; nur zu gerne stellte sie sich vor, sie würden von ihren eigenen Neurosen pulverisiert. Mit Kindern kam sie viel besser zurecht als mit Erwachsenen.

»Tja, Aggie, dann erzählen Sie uns doch mal ein bisschen von sich.«

Auf diese Frage war Aggie inzwischen gefasst; sie wusste, dass diese Leute gerne taten, als interessierten sie sich für ihr Gegenüber, aber trotzdem wurde ihr immer ganz anders bei dieser Frage. Die Antworten, die sie bisher auf die vielen Fragen gegeben hatte, waren eigentlich nicht gelogen gewesen. Schließlich hatte sie ja nicht vor, die Kinder mit Müll vollzustopfen, während sie ihnen gleichzeitig den Hintern versohlte und den Dreck unters Sofa kehrte. Sie war ein gutes Kindermädchen, aber sie konnte diesen Leuten nichts von sich erzählen. Im Laufe ihrer bisherigen Einstellungsgespräche hatte sie mit diversen Antworten experimentiert und dabei Folgendes festgestellt: Wenn sie den Leuten erzählte, ihre Eltern seien tot, dann tat sie ihnen meistens zu leid, und wenn sie erklärte, sie seien ausgewandert, erwarteten sie trotzdem, dass sie zumindest hin und wieder anriefen. Nun probierte sie es zum ersten Mal mit ihrer neuesten Antwort: »Ich bin in Manchester aufgewachsen, als Einzelkind. Meine Eltern sind sehr altmodisch und konservativ, und als ich zur Uni gehen wollte, um Philosophie zu studieren, ist mein Vater vollkommen ausgeflippt. Er ist sehr gläubig, wissen Sie, und er meinte, Philosophie sei die Wurzel allen Übels, Teufelszeug.« Das hatte sie mal spätabends in einer Seifenoper im Fernsehen gehört, und in ihren Ohren hatte es vollkommen glaubhaft geklungen, oder vielleicht auch unglaublich genug, als dass man es sich nicht ausdenken würde.

Ruth und Christian Donaldson reagierten genau so, wie sie es erwartet hatte; sie setzten sich kerzengerade hin wie zwei eifrige Spaniels, und ihre Gesichter strahlten förmlich vor liberalem Mitgefühl.

»Er hat mir gedroht, wenn ich gehe, enterbt er mich.«

»Und Sie sind trotzdem gegangen?«

Agatha senkte den Blick und starrte auf ihre Schuhspitzen und spürte den schmerzlichen Stich dieser Kränkung so heftig, dass ihr Tränen in die Augen traten. »Nein, bin ich nicht. Heute könnte ich mich dafür in den Hintern beißen, aber ich habe den Studienplatz abgelehnt.«

Ruths Hand hob sich an ihren Mund; eine Geste, die Agathas Meinung nach wohl kaum spontan war. »Ach, wie schrecklich. Wie konnte er Ihnen denn so eine Gelegenheit verwehren?« Man merkte ihr an, dass sie am liebsten damit herausplatzen wollte, sie selbst würde ihren Kindern niemals etwas derart Grausames antun.

»Danach habe ich noch eine Weile zu Hause bei meinen Eltern gewohnt, aber es war grässlich. Wir haben uns ständig gestritten.« Agatha konnte das piefige kleine Reihenhaus in der Vorstadt förmlich vor sich sehen, mit dem verkniffenen, verbitterten Vater, der drohend den Zeigefinger gegen sie erhob. Ein säuerlicher Geruch nach Essig stieg ihr stechend in die Nase; vielleicht war ihre Mutter eine schlechte Köchin gewesen oder ein Putzteufel, sie wusste noch nicht recht, was von beidem. Und genau wie das nette Pärchen, das da vor ihr saß, fragte sie sich, wie er bloß so gemein zu ihr sein konnte. »Vor fünf Jahren bin ich weggegangen, und seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört.«

»Aber hat Ihre Mutter denn nicht versucht, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen?«

»Sie stand sehr unter der Fuchtel meines Vaters. Ich glaube, sie sind inzwischen umgezogen.«

»Haben Sie keine Geschwister?«

»Nein, ich bin Einzelkind.«

»Ach, Sie Ärmste«, meinte Ruth, aber Agatha konnte ihr an der Nasenspitze ansehen, wie sie sich bereits ausrechnete, dass sie ein Kindermädchen bekam, das klug genug war, einen Studienplatz zu bekommen, und das sogar völlig ohne Zusatzkosten.

***

Als Agatha schließlich wieder in ihrem schäbigen Zimmerchen am King’s Cross saß, war sie hundemüde und wie erschlagen. Sie zerbrach sich noch immer den Kopf darüber, warum um alles auf der Welt sie den Donaldsons gesagt hatte, sie hieße Aggie, wo sie doch bisher alle immer Agatha genannt hatten. Vermutlich einfach deshalb, weil es ein bisschen netter klang, aber nun musste sie dabei bleiben. Das Handy ihrer Mitbewohnerin klingelte. Die ging ran und meldete sich mit einem knappen Hallo, und dann winkte sie Agatha plötzlich hektisch zu. Lisa neigte zu heftigen Stimmungsschwankungen, weshalb Agatha ihr Herumgewedel geflissentlich übersah, bis sie hörte, was sie da gerade sagte.

»Ach, sie war einfach wunderbar, wir waren todtraurig, als sie uns verlassen hat … ja, sie hat sich ganz allein um beide gekümmert, ich arbeite Vollzeit … Nein, das lag nur daran, dass wir aus London weggezogen sind, weil wir einen größeren Garten für die Kinder wollten.« Dann tat Lisa, als lutsche sie an einem übergroßen Schwanz, während sie immer weiterredete, was Agatha wirklich ärgerte, schließlich durfte sie unter keinen Umständen vergessen, was sie zu sagen hatte. »Ehrlich gesagt, beinahe wären wir dageblieben, nur um sie nicht zu verlieren.« Falsches Lachen, Lisa tat, als nippte sie an einem Glas Champagner. »Ach, es ist wirklich schwer, nicht wahr, ständig alles zu jonglieren.« Lisa legte die Hand über den Hörer, schaute Agatha an und formte tonlos Flachwichser mit den Lippen. Agatha lächelte pflichtbewusst. Wenn Lisa das vermasselte, konnte sie für nichts garantieren. »Nein, nein, rufen Sie ruhig jederzeit an, aber ganz ehrlich, ich kann sie Ihnen gar nicht wärmstens genug empfehlen.« Lisa warf das Handy aufs Bett und machte ein schmatzendes Sauggeräusch mit den Lippen. »Alter, diese Schnösel sind doch alle gleich. Die glauben einem auch alles. Die meisten haben es doch gar nicht anders verdient, als aufs Kreuz gelegt zu werden, was?«

»Danke«, entgegnete Agatha, angelte ihren letzten Zwanzigpfundschein aus dem Portemonnaie und reichte ihn Lisa. Wenn man sich etwas wirklich wünscht, dann geht es auch in Erfüllung, hatte ihr mal jemand gesagt, oder vielleicht hatte sie es auch in einem Film gehört. Ihr war es egal, sie kümmerte nur, dass sie sich aus diesem Drecksloch heraus- und in das propre schmucke Heim der Donaldsons hineinwünschte, und zwar so schnell wie möglich.

***

»Möchtest du Indisch oder Chinesisch?«, fragte Ruth, während sie die Krimskramsschublade in der Küche durchwühlte, die vor Einpackpapier, alten Saattütchen, einer kaputten Schachtel mit Stecknadeln und diversen anderen Dingen, die sie wohl nie wieder brauchen würden, beinahe überquoll.

»Mir egal«, antwortete Christian und goss ihnen zwei Gläser Wein ein. »Ich bin völlig erledigt.« Die Kinder waren gerade erst seit einer Viertelstunde im Bett, und Ruth war sich sicher, dass Betty bestimmt gleich mit irgendeiner Ausrede herunterkommen würde, wie, dass sie ein Glas Wasser wollte, und dann würde sie die Nerven verlieren, was dann wiederum hieß, dass die wenige Zeit, die sie mit ihrer Tochter verbrachte, für beide Seiten alles andere als ein Vergnügen war. Aber wie lange sollte sie diesen permanenten Schlafmangel denn noch durchstehen? Es war wirklich nicht übertrieben, Schlafentzug als Foltermethode zu bezeichnen; zweifellos gab es Tausende und Abertausende von Menschen in Gefängnissen rund um den Globus, die mehr schliefen als sie. Christian hatte es irgendwie geschafft, die Fähigkeit zu entwickeln, Bettys Geschrei zum Trotz einfach weiterzuschlafen, und sie hatte es längst aufgegeben, ihn wecken zu wollen. Nur der Bestangepasste überlebt, dachte sie oft spätnachts, da ist die Evolution unerbittlich. Kein Wunder, dass Betty den ganze Tag rumheulte; wenn sie könnte, würde Ruth genau dasselbe tun.

***

Mit einem Blick auf die Uhr sah Christian, dass es schon beinahe neun war, und irgendwie kam es ihm wieder einmal vor wie ein vergeudeter Tag. Vorhin hatte er Ruth angelogen, als er ihr erzählte, er habe ein bisschen was im Haushalt erledigt, dabei war das Einzige, was er hinbekommen hatte, die Anzeige für die Stelle der neuen Assistentin der Geschäftsführung für seine Abteilung aufzusetzen. Er fühlte sich völlig zerschlagen. Warum nur weinte Betty ständig? Und warum wollte Hal einfach nicht essen? Er wusste, dass sie eigentlich darüber reden müssten, aber er war einfach zu müde, um diese hochexplosiven Themen anzusprechen. Denn für einen Streit hatte seine Frau immer noch genug Puste, wenn schon für nichts anderes.

»Und, wie fandest du sie?«, fragte sie ihn nun.

»Ganz nett, und du?«

»Ich fand sie toll, und ihre vorherige Arbeitgeberin hat sie in den höchsten Tönen gelobt.«

»Aha.« Christian setzte sich an den langen Holztisch in der Küche, der eigentlich für ein wesentlich größeres und großartigeres Haus gedacht war und gegen den sich ihre Küche so albern ausnahm wie eine alte Frau im Minirock. Ruth hatte ihn von einem Antikmarkt in Sussex mitgebracht, wo belgische Händler überteuertes antikes Gerümpel verkauften, das in ihrer Heimat höchstens noch als Feuerholz verbrannt würde, aber hier für mehrere hundert Pfund den Besitzer wechselte. Er wusste noch genau, wie die polnischen Bauarbeiter Ruth ausgelacht hatten, als sie dabei waren, das Haus zu renovieren, und plötzlich zwei Wandleuchten unauffindbar waren, und sie den Polier gefragt hatte, ob vielleicht einer seiner Leute sie mitgenommen habe. Für uns, hatte der wegwerfend erwidert und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, ist das Schrott. Christian hatte das Gefühl gehabt, diese Männer hassten ihn. Na ja, vielleicht war es nicht unbedingt Hass, mehr Verachtung. Er wusste, dass sie über ihn lachten und sich in ihrer Sprache über ihn lustig machten, was für ein armer Trottel denn bitte schön Tausende von Pfund für ein Haus zum Fenster rauswarf, das eine Ruine war.

»Aber meinst du denn, wir sollen sie einstellen?«

Christian versuchte, Für-und-Wider-Argumente anzubringen. Ihr letztes Kindermädchen hatte einen tollen Eindruck gemacht, bis sie quasi ohne Vorwarnung lapidar gekündigt und im selbem Moment auf Nimmerwiedersehen das Haus verlassen hatte. Er konnte sich nicht mal mehr genau an das Gesicht der Neuen erinnern, aber eins wusste er noch ganz genau, nämlich dass Betty ihretwegen aufgehört hatte zu heulen. »Ich fand sie super. Und außerdem bleibt uns kaum eine andere Wahl, oder?«

Ruth wirkte aschfahl. »Nein, aber das kann doch kein Grund sein, jemanden als Kindermädchen anzuheuern.«

»Hör zu, tu es einfach. Wenn es nicht hinhaut, müssen wir uns eben was anderes einfallen lassen.« Er legte seine Hand auf ihre, und ein Kribbeln durchlief ihn, als er ihre Haut berührte. Manchmal wirkte sie immer noch so auf ihn.

Energisch schob sie sich die Haare hinter die Ohren. »Okay, gute Idee, Batman.« Das sagte sie sonst immer zu Hal, und sein Verlangen sackte augenblicklich sang- und klanglos in sich zusammen.

***

Agathas Zimmer im Haus der Donaldsons war so perfekt, sie hätte heulen können. Es war ganz oben unter dem Dach, wo sie sich wie in einem schützenden Kokon fühlte, mit all den Menschen zwischen sich und der Welt da draußen. Und es war in einem hellen zarten Blauton gestrichen, fast taubenblau, so wie in ihrer Vorstellung die perfekte amerikanische Mutter ein Kinderzimmer anstreichen würde. Gegenüber der Tür stand ein großes weiß gestrichenes Holzbett an der Wand, das vor knautschigen, flauschigen Kissen geradezu überquoll, sodass man beim Einschlafen fast glaubte, in einem Wolkenberg zu versinken. Und dann ein eigenes kleines Badezimmer, versteckt hinter einer zierlichen Tür, hinter der sie zunächst einen Wandschrank vermutet hatte, und in dem Ruth netterweise einige teuer wirkende Cremes und Lotionen bereitgestellt hatte. Aber das Beste von allem war, dass die beiden einzigen Fenster zur anderen Seite des Dachs hinausgingen, weshalb von der Straße nichts zu hören und zu sehen war und man stattdessen in den ständig wechselnden Himmel schauen und sich vorstellen konnte, man sei irgendwer irgendwo auf der Welt. Von so einem Zimmer hatte Agatha immer geträumt, aber nie zu hoffen gewagt, es tatsächlich einmal ihr Eigen nennen zu dürfen.

Ruth und Christian schienen aufrichtig bemüht, damit es ihr an nichts fehlte, und wirkten unendlich dankbar, dass sie den Job angenommen hatte, obwohl es doch eigentlich genau andersherum sein müsste. Zwar lächelte und lachte sie das ganze Wochenende lang, sehnte aber insgeheim den Montag herbei, damit sie endlich mit der Arbeit anfangen konnte. Sie hatte große Pläne für das Haus und die Kinder. Zuerst wollte sie gründlich aufräumen und sauber machen, dann würde sie dafür sorgen, dass Betty aufhörte, ständig zu heulen, und schließlich würde sie Hal dazu bringen zu essen. Das Leben war ein Kinderspiel, wenn man sich erreichbare Ziele setzte.

Bei genauerem Hinsehen war das Haus schmutziger als befürchtet. Die Putzfrau der Donaldsons hatte sie allem Anschein nach ganz schön auf den Arm genommen, denn überall in den Ecken, wo man sonst nicht so genau hinschaute, hatte offensichtlich seit Jahren niemand mehr richtig sauber gemacht. Unter den Betten und Sofas hatten sich regelrechte Friedhöfe verlorener Dinge angesammelt, von denen Agatha sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass jemand diesen Kram irgendwann mal gebraucht hatte. Der Kühlschrank war innen ganz klebrig und fies, und die Fussel, die sich im Wäschetrockner angesammelt hatten, stellten eine echte Feuergefahr dar. Sämtliche Fenster waren völlig verdreckt, und die Holzrahmen drum herum wirkten schwarz und morsch, brauchten aber eigentlich nur mal gründlich mit einem feuchten Lappen abgewischt zu werden. In der Brotschublade tummelten sich Krümel neben steinharten, uralten Brötchen, und der Gefrierschrank war derart vollgestopft mit leeren Schachteln und längst vergessenen Gerichten, dass er aussah, als würde er überhaupt nicht benutzt. Ganz unten im Wäschekorb lagen Kleidungsstücke, die ganz muffig rochen und deren Existenz, davon war Agatha überzeugt, Ruth längst vergessen hatte, und zwar aus dem ganz einfachen Grund, weil man sie von Hand waschen musste. Die Küchenschränke waren klebrig von verkleckerter Marmelade und verschmiertem Honig, und der Backofen qualmte, wenn man ihn anmachte, weil sich im Laufe der Jahre eine veritable Fettschicht in seinem Inneren angesammelt hatte. Nie und nimmer würde Agatha zulassen, dass ihr zukünftiges Zuhause einmal so verlotterte. Und nie im Leben würde sie jeden Tag aus dem Haus gehen so wie Ruth. Niemals würde sie einfach so dahergelaufenen Fremden vertrauen.

***

»Und, wie ist dein neues Kindermädchen?«, hatte Sally, ihre Chefredakteurin, sie gefragt, kaum dass Ruth an jenem ersten Montag in die Redaktion gekommen war. Worauf diese ehrlich erwidert hatte: »Bisher einfach prima.« Was auch gestimmt hatte, und auch eine Woche, nachdem Agatha bei ihnen angefangen hatte, lief alles ganz prima. Nur fühlte Ruth sich neben ihr wie ein erbärmlicher kleiner Wurm. Ruth befürchtete zwar, dass ihr Minderwertigkeitskomplex ein echtes Armutszeugnis für sie war, aber das Mädchen war einfach zu gut. Noch nie war das Haus so blitzblank gewesen und der Kühlschrank so gut bestückt; das Essen, das sie allabendlich auf den Tisch zauberte, war köstlich, und die Kinder wirkten rundum glücklich und zufrieden. Es war der Traum einer jeden berufstätigen Mutter, und sich da zu beklagen würde an Wahnsinn grenzen; aber ehe Aggie aufgetaucht war, hatte sie immer eine gewisse abartige Befriedigung dabei empfunden, über unfähige Kindermädchen zu jammern. Wobei sich Ruth vollkommen darüber im Klaren war, dass sie selbst es nicht besser hinbekäme.

Nach Bettys Geburt war Ruth zunächst zu Hause geblieben, aber sie hatte es gerade mal ein Jahr ausgehalten, und die Erinnerung an diese Zeit klang tief in ihrem Inneren noch immer nach. Ruth war eine Kämpferin, bisweilen mit Tendenz zur Kontrollfanatikerin. Sie war stolz darauf, ihr Leben so gut im Griff zu haben, sich ohne zu zögern Hals über Kopf hineinzustürzen, keine Angst davor zu haben, etwas Neues zu probieren, ja, nicht mal Angst davor zu haben zu scheitern. Aber das Leben mit Betty war so ganz anders gewesen.

Angefangen hatte alles so vielversprechend, mit großen Hoffnungen und hohen Erwartungen. Sie hatte sich vorgenommen, immer frische Blumen auf dem Tisch zu haben, wollte Brot backen und Kuchen, Betty jeden Tag etwas vorlesen, lange Spaziergänge durch den Park mit ihr unternehmen, ihr beibringen, welche Geräusche die Tiere machten, und sie mit Küssen überschütten. Zuerst war es wie die beste Droge gewesen, die sie je genommen hatte, die pure Euphorie hatte sie überallhin begleitet und eingehüllt wie eine wohlig warme Wolke. Es hatte sie an das Wohlgefühl erinnert, wenn man an einem heißen Tag am Strand lag und den Eindruck hatte, als durchdringe die Sonne den ganzen Körper und wärme jedes Organ. Wobei das natürlich vor der Sache mit der Ozonschicht gewesen war, ehe die sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte und die Sonne zum Krebsauslöser mutiert war.

Aber diese Wärme kam aus ihr selbst, aus ihr und dem, was sie erreicht hatte. Es gibt einen Moment, nachdem man ein Kind geboren hat, nachdem man all die Scheiße und das Blut und die Kotze und das Gefühl, in zwei Hälften gerissen und auf links gedreht zu werden, und die entsetzliche Erkenntnis, dass einem das hier, genau wie den Tod, niemand abnehmen kann, hinter sich hat. Und dieser Moment ist der Himmel. Die pure Glückseligkeit. Er ist spirituell und doch irdisch. Man kennt seinen Platz im Leben und nimmt ihn vielleicht zum ersten Mal im Leben an. Man ist eins mit den anderen Frauen und durch eine klaffende Kluft von den Männern getrennt. Und dieses Gefühl hält lange an, manchmal wochen- oder monatelang.

Aber wie bei jeder Droge kommt irgendwann der unvermeidliche Absturz, und der traf Ruth vollkommen unvorbereitet. Sie konnte sich noch genau an den Moment erinnern. Sie war gerade dabei gewesen, in der Küche Karotten zu schnippeln, und dachte darüber nach, ein bisschen was vom Abendessen für Bettys Mittagessen am nächsten Tag aufzuheben, als ihr Gehirn mir nichts, dir nichts umschaltete. Sie spürte es ganz körperlich, wie einen Ruck im Schädel. Gerade war sie noch ganz im Hier und Jetzt, und im nächsten Augenblick hatten sich ihre Hände von ihrem Körper gelöst. Fassungslos schaute sie zu, wie sie etwas derart Banales taten wie Gemüse zu schnippeln, und spürte sie nicht mehr. Sie versuchte es mit anderen Küchenarbeiten, wie Wasser in den Kochtopf zu füllen, aber es war immer das Gleiche. Sie fürchtete, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen, und rannte panisch zu Christian, der gerade Fußball schaute und überhaupt nicht verstand, was sie plötzlich hatte. Leg dich doch ein bisschen hin, hatte er gesagt, du musst ja hundemüde sein, wo du doch keine Nacht durchschläfst. Ich kümmere mich ums Abendessen und bring dir nachher was auf dem Tablett nach oben.

Aber schlafen half auch nicht. Am nächsten Morgen wachte sie schweißgebadet und mit Herzrasen auf. Als sie sich im Bett aufsetzte, drehte sich alles, und der ganze Raum schwankte, als sie ins Badezimmer tappte. Völlig außer sich flehte sie Christian an, zu Hause zu bleiben, weil sie wohl krank sein musste, aber er sah sie bloß an, als habe sie den Verstand verloren, und fragte sie, ob sie vergessen habe, dass seine neue Sendung just an diesem Abend zum ersten Mal ausgestrahlt wurde.

Folglich musste Ruth sich irgendwie zusammenreißen, denn Kleinkinder straften sämtliche Krankheiten außer ihren eigenen mit Missachtung, doch die Welt blieb seltsam verzerrt. Von diesem Augenblick an wurde alles, was sie noch vierundzwanzig Stunden zuvor hüpfend und springend vor Freude getan hatte, zu einer Tortur und beinahe so unerträglich, wie an einem eisig kalten Wintertag aus dem kuschelig warmen Bett zu kriechen, in dem noch der neue Liebhaber liegt. Sie fing an, Betty mit Gläschen zu füttern. Christians Abendessen glänzte meist durch Abwesenheit, und manchmal blieb das Haus wochenlang ungeputzt. Den Park hasste sie allmählich genauso wie einst das Fliegen, etwas, von dem sie sich nicht vorstellen konnte, es jemals wieder im Leben zu tun. Selbst die Frauen, mit denen sie sich ein wenig angefreundet hatte, schienen ihr plötzlich fremd. Sie redeten in einer unverständlichen Sprache unzusammenhängendes, unbedeutendes Zeug. Nie würde sie so tüchtig und fähig sein wie sie, nie wieder würden die Tage sie sanft einlullen und wie im Flug vergehen, und die Angst begann, sie in jedem Augenblick ihres Lebens immer mehr einzuschränken.

Ruth hatte sich gefühlt, als verschwände sie langsam, aber sicher. Ihre Knochen fühlten sich ganz matschig an in ihrem Körper, sodass sie manchmal Angst hatte, im Park ohnmächtig zu werden oder mit Betty im Arm die Treppe runterzufallen. Sie lebte in ständiger Sorge um ihre heißgeliebte Tochter, die sie ebenso innig liebte wie eine Löwenmutter ihr Kind. Heimlich rechnete sie sich aus, sollte sie sterben, kurz nachdem Christian das Haus verlassen hatte, um zur Arbeit zu gehen, dann müsste Betty zwölf Stunden alleine durchstehen. Sicher wäre sie danach schwer traumatisiert und fürs Leben gezeichnet, wenn sie nicht gar schwer verletzt wurde oder starb. Und wenn Christian beruflich über Nacht fort war, konnte sie vor Sorge nicht schlafen, weil sie das Gefühl hatte, durch das Bett im Nichts zu versinken, auch wenn sie eigentlich einfach nur zu Tode erschöpft war.

Die Lage spitzte sich dramatisch zu, als sogar der Gang zum Supermarkt zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung wurde. Die Ironie der Situation war ihr durchaus bewusst. Da stand sie nun, die Frau, die mit dem Rucksack mutterseelenallein durch Asien getrampt war, ein Jahr in Amerika studiert hatte, sofort nach dem Kennenlernen zu Christian nach London gezogen und auf einer sehr schlüpfrigen Karriereleiter aufgestiegen war, vor Angst erstarrt angesichts einiger Gänge voller Lebensmittel.

Verzweifelt versuchte Ruth sich an die Person zu klammern, die sie einmal gewesen war, doch die war offensichtlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden, ganz gleich, wie angestrengt sie auch suchte. In ihrer Erinnerung war sie eine starke, selbstbewusste Frau, aber es kam ihr fast vor wie ein Film, und die Vorstellung, jemals wieder in diese Haut zu schlüpfen, schien ihr vollkommen abwegig. Nach neun Monaten zu Hause wurde ihr langsam klar, dass es nur noch schlimmer werden konnte. Sie schaute sich die Frauen im Park an und konnte über deren Selbstlosigkeit nur staunen. Da draußen gab es eine ganze Armee von Frauen, die das größte Opfer gebracht hatten, sich selbst für andere zu opfern, und sie empfand allergrößten Respekt für sie.

***

Der Montag, an dem Aggie bei ihnen anfing, hätte für Christian eigentlich ein Tag wie jeder andere sein sollen. Er betete, es möge mit ihr klappen, denn Ruths unweigerlichen stressbedingten Nervenzusammenbruch, sollte es wider Erwarten nicht funktionieren, würde er nicht verkraften. Dann müssten sie sich nämlich wieder und wieder durch diese endlosen, zermürbenden Gespräche quälen, ob sie nicht doch besser zu Hause bleiben sollte, wo sie doch beide wussten, dass sie das nie im Leben tun würde. Die Rolle als Vollzeit-Mutter und -Hausfrau hatte ihr nicht gelegen, und doch flirtete sie immer wieder mit der Vorstellung. Er verstand einfach nicht, warum Ruth ihrer beider kostbare Zeit für unerquickliche Streitgespräche verschwendete, bei denen es weder eine zufriedenstellende Antwort noch eine Einigung gab. Sie konnte sich nächtelang über alles und nichts den Kopf zerbrechen, sodass ihm manchmal der Kopf schwirrte und er sich vorkam wie bei einer nicht enden wollenden Achterbahnfahrt.

Doch als er das Haus verlassen hatte, da hatte Ruth ganz gelassen gewirkt, und Aggie war bereits in der Küche gewesen, um Bettys Frühstück vorzubereiten, und hatte dabei geflissentlich die Tatsache ignoriert, dass Hal nichts essen wollte, was er selbst insgeheim schon immer für die sinnvollste Vorgehensweise gehalten hatte. Aber Ruth musste ja unbedingt einen Riesenwirbel darum machen und ihn bei jeder Mahlzeit betüddeln. Er fragte sich, wie sie die Energie und den Optimismus dazu aufbrachte, jeden Tag aufs Neue zu hoffen, Hal würde etwas essen, sich die Mühe zu machen, Hal bei jeder Mahlzeit etwas auf den Teller zu legen, mit einem Löffel um ihn herumzuscharwenzeln und zu bitten und zu betteln und ihn inständig anzuflehen, er möge doch bitte, bitte etwas zu sich nehmen. Wäre es nach Christian gegangen, hätte er schlicht und ergreifend aufgehört, Hal irgendwas Essbares anzubieten, und nach ein, zwei Wochen hätte er ihm einfach einen Keks hingehalten. Seltsam, dass Ruth nie in Erwägung zog, ihre Hausärztin könnte womöglich recht haben. Doch er verkniff sich jeglichen Kommentar, weil derart wichtige Entscheidungen in Ruths Kompetenzbereich fielen. Er hatte Angst davor, in solch entscheidende Angelegenheiten einbezogen zu werden, nicht bloß wegen der unweigerlichen Streitereien, die er damit scheinbar aus dem Nichts heraufbeschwören konnte, sondern auch, weil er womöglich einen Präzedenzfall schaffen könnte und in Zukunft ähnliches Engagement von ihm erwartet würde.

Als er ins Büro kam, erinnerte Carol, seine Produktionsleiterin, ihn daran, dass zwei Vorstellungsgespräche für die neue Assistentenstelle anstanden. Das klang zwar todlangweilig, aber nicht besonders anstrengend.

»Ich habe die Bewerberliste auf drei zusammengestrichen«, erklärte sie ihm. »Möchten Sie sich noch schnell die Lebensläufe anschauen, ehe wir anfangen?«

Doch da war er schon dabei, seine E-Mails zu lesen. »Nein, danke. Irgendwas, das ich wissen sollte? Hat einer der Kandidaten vielleicht nur ein Bein?«

Sie musste lachen. »Nein, nichts dergleichen. Sie machen alle einen sehr kompetenten Eindruck.«

Um zehn hatte er einen Termin mit dem obersten Chef, der von ihm wissen wollte, wie der Kontakt zu Sky sich entwickelte, was keine zwei Minuten dauerte, und dann saßen sie noch eine halbe Stunde zusammen und lachten sich über die neue Realityshow vom Wochenende schlapp. Als er schließlich aus dem Konferenzraum kam, war Carol schon ziemlich angesäuert, weil die erste Bewerberin bereits seit zehn Minuten wartete und er das Gespräch offensichtlich vollkommen vergessen hatte. Stimmt, stimmt, hatte Christian gesagt, während er sich auf dem Weg nach drinnen noch schnell eine Tasse Kaffee geholt hatte.

Sie saßen an einem Resopaltisch in einem Raum mit runden, grellbunt gerahmten Fenstern, die wohl eigentlich eine heitere, beschwingte Stimmung verbreiten sollten. Derlei Geschmacksverirrungen zogen Christian immer runter, weil er es nicht ausstehen konnte, wenn Leute taten, als müsse einem die Arbeit Spaß machen, und Büros aussahen wie Kinderspielplätze. Nicht, dass er sich jeden Tag ins Büro quälen musste, aber er wäre sicher nicht hingegangen, hätte er nicht irgendwie seine Brötchen verdienen müssen. Was Ruth ihm allerdings nicht abnahm. Ruth behauptete nämlich steif und fest, er sei lieber im Büro als zu Hause, er sei mit seinen Kollegen enger befreundet als mit seinen eigentlichen Freunden und arbeite vermutlich auch an Projekten, mit denen er eigentlich gar nichts zu tun hatte, nur weil es ihm so viel Spaß machte.

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