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Kein Zweifel, ich liebe dich

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1. KAPITEL

„Hat jemand angerufen?“

„Ja, ich habe alles aufgeschrieben. Du kommst spät, du sagtest, du wolltest nur eine halbe Stunde wegbleiben.“

Ohne den Vorwurf zu beachten, ging Andrew Harveson in sein Büro und las die Notizen. Unschlüssig stand Rebecca an der Tür und beobachtete ihn.

„Was soll das heißen?“, fragte er und hielt ihr einen Zettel hin.

Rebecca seufzte, ging zu ihm und las vor: „Outley ist auf die Insel zurückgefahren.“

„Outley? Wer ist Outley?“

„Woher soll ich das wissen? So hat er sich jedenfalls vorgestellt.“

„Ach so, Aughtley“, verbesserte Andrew gereizt.

„Na schön, dann eben Aughtley. Stell dich nicht so an, du weißt doch, wer gemeint ist.“

„Darum geht es nicht. Wenn du schon Gespräche entgegennimmst, versuch wenigstens, sie korrekt wiederzugeben.“

„Oh, ich bitte vielmals um Entschuldigung.“ Sie grüßte ironisch und wollte davongehen.

„Du brauchst gar nicht zu spotten. Wenn du das Hilfe nennst …“

„Ich bin Aromatherapeutin, Andrew, keine Sekretärin.“

„Ja, ja, das weiß ich nur zu gut.“

„Sei nicht so gehässig, du hast mich schließlich herkommen lassen.“

„Nein, das war Hetty.“

„So, und wo ist sie?“

„Sie kommt“, erwiderte er ärgerlich.

„Dann gehe ich und warte in ihrem Apartment auf sie.“

„Aber sicher, lauf nur wieder davon, das ist deiner Meinung nach ja immer der beste Ausweg.“

Ja, Andrew hatte recht. Aber leider konnte sie nicht in die Wohnung seiner Tante flüchten, weil die den Winter über verschlossen war. Wasser und Strom waren abgestellt.

Rebecca seufzte tief und verzweifelt, lehnte sich an die Wand und betrachtete Andrew. Das konnte unmöglich gut gehen. Vor lauter Spannung war sie völlig verkrampft und fühlte sich bedrückt. Wie hatte sie sich nur einbilden können, dass sie das verkraften würde? Gib mir ein Jahr Zeit, hatte sie Andrew gebeten. Nein, hatte er geantwortet, jetzt oder gar nicht. Dann geh, hatte sie ihn angeschrien. Und er war gegangen.

Entschlossen bemühte sie sich, jetzt nicht aufzubrausen, denn sie wusste ja, dass sie nach ihrer Ankunft in Amerika alle Kraft und Geduld brauchen würde.

„Denk rosa, Rebecca“, hatte ihr zu Beginn ihrer Karriere eine Therapeutin geraten. „Rosa ist die Farbe heiterer Gelassenheit.“

„Rosa“, sagte Rebecca, als ihr das Gespräch von damals wieder einfiel. Andrew meint die Beleidigungen nicht persönlich. Vermutlich hat er nur schlechte Laune, überlegte sie, weil irgendwas oder irgendwer ihn aufgeregt hat.

„Sehr witzig“, sagte er und setzte sich auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch. „Und was, zum Teufel, hat Rosa mit alledem zu tun?“

„Es beruhigt mich.“

„Ja, das habe ich gemerkt“, antwortete er ironisch.

„Sag mir nur, wo Hetty ist“, bat Rebecca bemüht geduldig, „und wenn das eine Taktik ist, um mich in Verlegenheit zu bringen …“

Natürlich war es das nicht, sie wusste es sofort, als sie sah, dass Andrew sie spöttisch anblickte.

„Sie ist noch in Miami“, erwiderte er.

„Und weshalb hat sie mich dann gebeten zu kommen? Es sei dringend, hat sie sogar betont.“

„Dringend?“, fragte er höhnisch und lachte bitter. „Dringend ist nur ihre verdammte Manipulation.“ Andrew lehnte sich zurück und sah sie kühl an, ehe er fortfuhr: „Sie wollte, dass du kommst, meine liebe Rebecca, weil sie beschlossen hat zu sterben.“

„Sei nicht albern, so etwas beschließt man nicht.“ Rebecca sah ihn besorgt an. „Aber sie ist krank, oder? Als sie mich anrief und sagte, ich müsse dringend kommen, dachte ich …“

„Sie ist nicht krank“, erklärte Andrew schroff. „Sie ist eine unzufriedene alte Frau, die gern alles und jeden beeinflussen möchte. Eigentlich sollte sie gestern schon zurückkommen.“

„Und weshalb ist sie nicht gekommen? Und warum sollen wir nach Norden fahren? Ich hätte sie doch auch in Miami besuchen können.“

„Frag mich nicht.“

„Ich frage aber.“

Er warf die Notizzettel auf den Schreibtisch und sah Rebecca mit seinen grauen Augen unfreundlich an. Und ihr fiel ein, dass Andrew noch nie gern Fragen beantwortet hatte, sondern sich lieber nicht festlegte. Möglicherweise war sie deswegen so hartnäckig.

„Hetty will das Erntedankfest auf dem Cape feiern.“

„Nur aus einer Laune heraus? Ich dachte, das wäre südlich und nicht nördlich von Boston.“

„Nicht Cape Cod, sondern Cape Arundel.“

„Und das hast du ihr erlaubt? Du kannst ihr doch nicht alles durchgehen lassen“, murrte Rebecca.

„Habe ich jemals eine Wahl?“

Rebecca widersprach nicht, weil sie nicht schon wieder Streit anfangen wollte. „Sie ist also gar nicht krank?“, fragte sie und seufzte.

„Nein, sie hat zwar ein schwaches Herz und soll sich nicht anstrengen, aber sonst fehlt ihr nichts.“

Besten Dank, Hetty, dachte Rebecca. Voller Sorge war sie eiligst hergeflogen und hatte all ihren Mut zusammennehmen müssen, um Andrew wiederzusehen. Und wozu? Weil eine alte Frau es sich in den Kopf gesetzt hatte. „Und was soll ich inzwischen anfangen?“, fragte Rebecca müde.

„Mich reizen?“

„Ich reize dich nicht. Musst du nicht noch einmal weggehen?“, fragte sie hoffnungsvoll, aber entgegen jeder Vernunft.

„Kann sein, dass ich noch im anderen Büro vorbeischauen muss.“

„Hast du noch ein Büro?“

„Ja, falls du es vergessen haben solltest, ich betreibe mehrere Geschäfte. Ich brauchte dich dann, um Anrufe entgegenzunehmen, aber dann bitte korrekt.“

„Schalte auf Anrufbeantworter.“

„Oh, das wäre wirklich reizend, oder? ‚Leider bin ich zurzeit nicht erreichbar. Hinterlassen Sie bitte eine Nachricht nach dem Signalton. Und übrigens: Ich bin bankrott.‘“

„Ach, du meine Güte!“ Andrew konnte einen wirklich zur Verzweiflung bringen. „Weshalb hast du keine Sekretärin?“

„Habe ich ja, aber sie ist krank.“

Wahrscheinlich steigert er sich bewusst in eine so fürchterliche Laune hinein, überlegte Rebecca. Woher sollte sie wissen, dass er mehr als ein Büro hatte? Ziemlich genau kannte sie ihn nur als Liebhaber. Aber den Gedanken verdrängte sie schnell wieder. Und was sollte das heißen, er sei bankrott? Andrew hatte Fischereiflotten, war im Immobilien- und Antiquitätengeschäft tätig, die konnten doch nicht alle gescheitert sein.

„Bist du wirklich bankrott?“

„Nein.“

„Und weshalb hast du es gesagt?“

„Wenn ich es dir überlassen hätte, wäre ich es, deshalb. Hat Tom angerufen?“

„Welcher Tom? Nein“, erwiderte Rebecca empört, weil er sie so finster anblickte.

„Wenn du nichts Vernünftigeres zu sagen hast, geh und sieh dir die Touristen an. Ich habe zu tun.“

Andrew hatte immer zu tun gehabt, genau wie sie. Und sich zeitlich immer beschränken zu müssen, rieb sie auf. Rebecca seufzte tief, ging zum Fenster und blickte hinaus in den trüben Tag. Der Herbst fiel wohl aus in diesem Jahr, der Winter hatte sich frühzeitig vorgedrängt und schickte nun eisige Regenschauer über den Hafen. Wie gehässig, dachte Rebecca traurig.

Ihre Spiegelungen in der Fensterscheibe waren verschwommen, minderten aber trotzdem nicht ihr eindrucksvolles Aussehen. Rebecca hatte volles rotes Haar. Vereinzelte Sommersprossen steigerten noch den Reiz ihrer zarten hellen Haut. Ihre leicht schräg gestellten Augen waren grün und wirkten überraschend hell unter den dichten dunklen Wimpern. Die volle Unterlippe des ausdrucksvollen Mundes ließ auf Wärme und Leidenschaft schließen.

Ein Sarong hätte ihre schöne Figur zur Geltung gebracht, eine Hibiskusblüte im Haar ihrer Anmut entsprochen, eine tropische Insel wäre die ihr gemäße Umgebung gewesen und nicht das winzige Büro über dem Bostoner Hafen an einem tristen Oktobertag.

Andrew war nicht so klar zu erkennen, denn er saß ja weiter vom Fenster entfernt, aber immer noch deutlicher, als Rebecca lieb war. Wie sehr sie sich seiner Nähe bewusst war, erschreckte sie.

Andrew war groß, hatte eine kühn gebogene Nase und einen schmalen Mund. Seine Augen waren so grau wie sein Haar. Noch nie hatte Rebecca einen Mann getroffen, der auch nur annähernd eine so überwältigende Anziehungskraft hatte und so arrogant war. Ein eigenwilliger, ja, gefährlicher Mann, von kaum verborgener ungestümer Lebenskraft. Und das hatte Rebecca vom ersten Augenblick an erregt. Die Beziehung zu Andrew war wie ein Leben auf Messers Schneide gewesen. Und diesen dauernden Balanceakt hatte sie nicht ausgehalten.

Hatte das Wiedersehen ihn genauso berührt wie sie? Sie wusste es nicht, denn seine schlechte Laune und Reizbarkeit konnten auch andere Ursachen haben. Bei Andrew setzte man am besten nichts als eindeutig voraus. Andrew Harveson, ihr ehemaliger Liebhaber. Er lebte diesseits, sie jenseits des Atlantiks. Beide waren willensstark und eigensinnig, und keiner wollte nachgeben. Und jetzt war es zu spät für eine Entscheidung.

„Ich könnte mir einen Wagen mieten und hinauffahren …“

„Sicher könntest du das“, stimmte Andrew ihr gleichgültig zu.

„Weshalb denn nicht?“

„Weil ich sowieso fahre, deshalb scheint es sinnlos, findest du nicht?“ Er sah sie an und lächelte spöttisch. „Sie will, dass wir alle zusammen sind.“

Am Erntedankfest?, fragte Rebecca sich bitter. Als sie das letzte Mal mit Hetty sprach, hatte die durchaus keinen senilen Eindruck gemacht.

„Sie hofft, dass du mich von den Gedanken an meine neue Nachbarin ablenken kannst“, erklärte Andrew ironisch, während er ein Buch aus dem Regal nahm, es aufklappte und anfing hineinzuschreiben.

„Was sind das für Gedanken?“, fragte Rebecca, ohne zu überlegen.

„Amouröse vielleicht?“

„Amour …“ Die Eifersucht tat weh, aber Rebecca unterdrückte sie energisch. Wie ein Liebhaber hatte Andrew nicht gesprochen. Außerdem wollte sie ihn nicht mehr. Lüg nicht, Rebecca, ermahnte sie sich, du wirst ihn immer begehren. Und das war sehr deprimierend. „Na und, sind sie das?“

„Vielleicht.“

„Und Hetty gefällt das nicht?“

„Nein.“

Ihr fiel ein, was Andrew vorhin gesagt hatte, sie erinnerte sich auch an das ausführliche Telefongespräch mit ihrer Patin und fragte ungläubig: „Und deswegen hat sie beschlossen zu sterben? Aus Bosheit?“

„Ganz so ist es nicht“, erwiderte Andrew und lächelte, aber keineswegs fröhlich. „Sie hat beschlossen, dass es an der Zeit sei, dein Interesse an mir wiederzubeleben. Deshalb die dringende Einladung.“

„Und deins an mir? Aber wir interessieren uns doch gar nicht mehr füreinander, oder?“

„Nein.“

So, Rebecca, jetzt weißt du es, dachte sie. „Und nachdem du mich jetzt über ihren verdrehten Gedankengang informiert hast, was rätst du mir? Soll ich einfach nicht beachten, was sie sagt?“

„Ich rate dir gar nichts. Ich habe dir nur erklärt, wie sie über die Angelegenheit denkt, und dich auf ihren nahenden Tod hingewiesen.“

„Den sie in Wirklichkeit ja nur vorgibt, weil ihr deine Liebschaft mit deiner Nachbarin nicht gefällt. Habe ich das richtig verstanden?“

„Genau.“

„Also moralische Erpressung.“

„Natürlich ist es das, aber nicht meinerseits. Ich bin bloß der Dumme.“

Du warst noch nie der Dumme, dachte Rebecca. Laut aber sagte sie: „Und was erwartet sie nun von mir?“

„Dass du mich weglockst, vielleicht?“

„Höchstwahrscheinlich“, sagte Rebecca und lachte höhnisch.

„Verbittert, Rebecca?“

„Nein.“ Verbittert war sie nicht, nur befreit von Illusionen, und das tat weh.

Andrew hörte auf zu schreiben und sah sie an. „Du bist klug, attraktiv, amüsant, unabhängig, zuversichtlich und eigensinnig …“

„Genau wie du.“

„Ja. Und immer sind wir gegenteiliger Meinung. Wenn ich Schwarz sage, wirst du Weiß sagen.“

„Aber nicht aus Eigensinn.“

„Nein?“

„Nein.“

Das Telefon klingelte. „Entschuldige“, sagte Andrew förmlich und nahm den Hörer ab.

Rebecca drehte sich wieder um und betrachtete gleichgültig die Schiffe im Hafen. Bei dem heftigen Regen sah alles grau aus. Ich hätte nicht herkommen sollen, dachte sie, ich habe es ja gleich gewusst.

„Hetty ist auf dem Flughafen Logan“, sagte Andrew plötzlich. Er klappte das Buch zu, stand auf und zog die Lederjacke an. „Bleibst du hier, Rebecca?“

„Nein, ich komme mit.“

Er nickte nur, nahm seinen Schlüssel und ihren Koffer und wartete.

„Wenn ich gewusst hätte, dass sie auf Logan ankommt, hätte ich sie dort erwarten können, oder?“

„Ja.“

Schweigend ging sie ihm voran zum Fahrstuhl. Als sie, den Mantelkragen gegen den Regen hochgeschlagen, die Straße betrat, stieß sie mit einem Mann zusammen. Rebecca drehte sich um, lächelte und entschuldigte sich. Der Mann wurde aufmerksam, lächelte bedeutungsvoll und ging rückwärts die Straße entlang.

Sein Ton war scharf, als Andrew spöttisch sagte: „Wie ich sehe, bringst du die Männer noch immer um den Verstand.“

„Natürlich.“ Sie musste mitspielen, oder?

Andrew lächelte, als er die Haustür abschloss und Rebecca zum Auto begleitete. Er legte ihr Gepäck in den Kofferraum und sagte aufreizend: „Armer Teufel. Ich hätte wahrscheinlich ein Messer im Rücken, wenn ich nur mit dir gesprochen hätte.“

„Sei nicht albern.“

„Oh, ich bin nicht dumm, Rebecca.“

Doch, das bist du, hätte sie am liebsten gesagt, einmal warst du sogar sehr dumm. Aber sie schwieg lieber, denn Andrew war ja überzeugt, dass er Glück gehabt hatte.

Höflich hielt er ihr die Beifahrertür auf. „Ich möchte wissen, ob du als alte Dame die Männer auch noch wild machst. Wie alt bist du jetzt, sechsundzwanzig?“

„Du weißt genau, dass ich siebenundzwanzig bin.“ Sie machte Männer nicht wild, sie beunruhigte sie höchstens ein wenig.

Und als sie sich neben ihn setzte, machte Rebecca den Fehler, ihm in die Augen zu blicken. Sofort schlug ihre törichtes Herz schneller. Sie konnte sich einreden und vorgeben, was sie wollte, Andrew brachte ihr Blut in Wallung und erregte sie. Er war ohne Ausnahme der reizvollste, attraktivste Mann mit einer unglaublich erotischen Ausstrahlung.

„Wie war denn der Kursus?“, fragte er belustigt. Seine Laune hatte sich offenbar gebessert.

„Wie bitte?“

„Du bist doch zu einem Kursus in Frankreich gewesen, oder?“

„Ja.“ Sie war sich seiner Nähe bewusst – kein Atemzug, keine Bewegung entging ihr –, und das gefiel ihr gar nicht, aber sie versuchte, sich zusammenzunehmen. „Hat Hetty dir das erzählt?“

„Nein. Hetty und ich sprechen sehr selten von dir.“

Wie abweisend! „Muss ich mich nun herabgesetzt fühlen?“

„Überhaupt nicht. Ich habe nur eine Tatsache festgestellt. Fühlst du dich denn so?“

„Nein.“ Und das stimmte auch, es machte sie nur traurig. Aber diesmal durften Gefühle sie nicht stören, und deshalb konnte ihr auch gleichgültig sein, wie Andrew erfahren hatte, wo sie gewesen war. Sie sollte sich einfach einbilden, er hätte sie nett gefragt, weil es ihn wirklich interessierte. „Ja“, wiederholte sie. „Ich war in Frankreich.“

„War es interessant?“

„Ja, und informativ. Ich bin froh, dass ich hingefahren bin.“

Banal, aber besser als eine zu empfindliche Reaktion seinen anmaßenden Herausforderungen gegenüber. Auch besser, als die Fassung zu verlieren, weil er sie so leicht verwirren konnte. Und sie brauchte ihren klaren Verstand, und deswegen musste sie anders vorgehen.

Zurückhaltung hatte keinen Sinn, denn Andrew hatte sie ja schon aus dem Gleichgewicht gebracht. Deswegen würde sie ihn in Zukunft genauso spöttisch behandeln wie er sie. Und wenn er sie für hart und herzlos hielt, sollte er, sie war von seiner Meinung nicht abhängig. Aber sie nahm Hetty die Einmischung sehr übel. Und sich selbst verfluchte sie, dass sie es ihr erlaubt hatte.

Um wenigstens scheinbar ein wenig Interesse zu zeigen, blickte sie aus dem Fenster und betrachtete die Straßen, durch die sie fuhren. Vielleicht konnte sie sich dadurch von Andrews verwirrender Nähe ablenken und die Spannung verdrängen, die sie noch immer in seiner Gegenwart fühlte.

„Viele Touristen sind nicht hier“, sagte er in dem scheußlich spöttischen Ton, der Rebecca jedes Mal reizte, Andrew zu ohrfeigen.

„Vielleicht hat der Regen sie vertrieben. Meine Güte, das ist doch lächerlich“, rief sie. „Wir sind erwachsen, können wir nicht über etwas anderes reden als übers Wetter?“

Andrew lächelte unverschämt. Und Rebecca fühlte, dass sie nah daran war, die Beherrschung zu verlieren. „Du bist in mein Leben eingebrochen wie der Geist aus der Flasche …“

„Ich dachte, du in meins“, widersprach er ruhig. „Obwohl ich hoffe, dass es dabei etwas gesitteter zugegangen ist.“

„… und bist tatsächlich nett!“, sagte Rebecca ironisch.

„Höflich auf jeden Fall.“

„Weshalb solltest du auch nicht? Du bist glücklich davongekommen, wie du sagtest.“

„Ja, das habe ich gesagt.“

Geschlagen wandte Rebecca sich ab und fragte nun doch, was sie eigentlich nicht hatte fragen wollen. „Woher weißt du, dass ich in Frankreich war?“ Weil er in meinem Fitnesscenter angerufen hat, fiel ihr plötzlich ein. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. „Ich hoffe nur, du hast meine Leute nicht beunruhigt.“

„Weshalb hätte ich das tun sollen?“

„Weil du immer Unruhe stiftest, aus Spaß oder Gewohnheit, was weiß ich. Und wenn Hetty es dir nicht gesagt hat, musstest du, um zu erfahren, dass ich in Frankreich war, in meinem Studio nachfragen. Es sei denn, du kannst hellsehen.“

„Natürlich. Es sei denn …“

„Andrew, beantworte meine Frage“, sagte sie gereizt.

Er amüsierte sich köstlich. Oder tut vielmehr so, dachte Rebecca, die sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was ihn so belustigte.

„Ja, ich habe angerufen, und nein, ich habe deine Leute nicht beunruhigt. Zufrieden?“

„Beinah. Bleibt allerdings zu fragen, weshalb du angerufen hast. Das hast du doch früher nicht getan, oder?“

„Nein.“

„Und warum jetzt?“

„Weil ich dachte, es sei dir lieber, wenn du weißt, dass Hetty ein Treffen plant. Aber du warst nicht da, und weil ich nicht wusste, wie weit deine Angestellten in deine Privatangelegenheiten eingeweiht sind, habe ich keine Nachricht hinterlassen.“

Sie erreichten den Flughafen, und Andrew parkte, unerlaubt, wie Rebecca vermutete, auf dem Taxenstand.

„Warte hier“, befahl er ganz selbstverständlich. „Ich suche sie.“ Er schob die Hände in die Taschen und ging davon. Mehrere Leute sahen ihm nach, und es waren nicht nur Frauen.

Rebecca seufzte tief, lehnte sich bequem zurück und betrachtete den Flughafen, den sie erst vor einigen Stunden verlassen hatte. Allmählich wurde sie müde und fühlte sich erschöpft. Kaum aus Frankreich zurückgekommen, hatte sie nur schnell geduscht, sich umgezogen, ihren Koffer gegen einen anderen mit frischer Kleidung ausgetauscht, und schon war sie wieder unterwegs gewesen.

Die Wagentür wurde aufgerissen. Rebecca erschrak, denn Andrew schien sehr ärgerlich zu sein. Sie blickte sich um, aber als sie die Patentante nirgends entdecken konnte, fragte sie schwach: „Wo ist sie denn?“

Andrews Miene war undurchdringlich. Er antwortete nicht, stieg ein, ließ den Motor an und verließ das Flughafengelände, als wäre der Teufel hinter ihm her.

„Andrew, wo ist Hetty?“

„Auf dem Quincy Markt. Sie wollte noch einkaufen.“

„Quincy Markt, wo ist der denn?“

„In Boston.“

„Aber weshalb will sie das?“

„Dafür kann es mehrere Gründe geben“, erklärte er spöttisch. „Gedankenlosigkeit, oder vielleicht will sie mich bestrafen für eine Kränkung, die nur sie als solche empfunden hat. Wer weiß?“

„Aber sie wusste doch, dass du sie abholen würdest. Sie hat dich doch telefonisch darum gebeten.“

„Ja, natürlich, deshalb hat sie ja auch bei der Auskunft eine Nachricht hinterlassen. Aber wenn ich sie schließlich zu fassen kriege und zur Rede stelle, wie sie sich vorstellt, dass ich arbeiten, gleichzeitig eine ehemalige Geliebte unterhalten und zum Flughafen hin- und herrasen soll, wird sie mich nur erstaunt fragen, ob ich müde sei.“

Rebecca wusste, dass es vernünftiger war, darauf nicht einzugehen, deshalb beobachtete sie den Verkehr. Den Rest der Fahrt legten sie schweigend zurück.

Eine seltsame Art, Boston kennenzulernen, dachte sie trübsinnig.

Andrew parkte, seufzte und befahl kurz angebunden: „Du gehst hier entlang, ich da. Und beeil dich, das Auto steht im Halteverbot.“ Wieder schob er die Hände in die Taschen und verschwand auf dem Markt.

Rebecca zog los und stand bald vor einem Torbogen, über dem „Faneuil Hall“ stand. Ratlos blickte sie sich um und fragte den am nächsten stehenden Budenbesitzer: „Quincy Markt?“ Und er zeigte ihn ihr.

„Vielen Dank.“

„Reizender Akzent, Ma’am“, sagte er und grinste. „Einen schönen Tag noch.“

Rebecca lächelte gequält und erwiderte: „Schlimmer kann er eigentlich nicht werden.“ Beruf es nicht, dachte sie, bei Andrew und Hetty sind Katastrophen nicht auszuschließen.

Während sie auf das lang gestreckte Gebäude zu ihrer Linken zueilte, wurde ihr Haar immer nasser, und beinah hätte sie sich auf dem vom Regen rutschigen Kopfsteinpflaster auch noch den Fuß verstaucht. Aber die netten Worte des Budenbesitzers hatten sie aufgeheitert und vorübergehend beruhigt.

Sie bahnte sich den Weg durch die überfüllte Markthalle, in der Lebensmittel verkauft wurden. Die verschiedenartigen Düfte, die Rebecca entgegenwehten, waren überwältigend – nasse Wolle riecht nun einmal nicht gut –, und ihre Schienbeine waren oft in Gefahr, mit zusammengeklappten, tropfenden Regenschirmen in Konflikt zu geraten. Trotzdem ließ sie keine Ecke und keinen Winkel aus.

Dann drückte sie sich auf der gegenüberliegenden Standreihe an den Händlern vorbei, die von Strohpuppen bis zu Wachskerzen alles anboten, und durchsuchte jeden Keller, aber die Patentante fand sie nicht.

Erwartete Andrew von ihr, dass sie sich auch in den anderen Gebäuden umsah? Rebecca nahm es an. Sie ging hinaus, schlug den Mantelkragen hoch und atmete dankbar die frische Luft ein, während sie sich aufmachte, die gegenüberliegenden Geschäfte zu inspizieren. Wie gern hätte sie sich hier länger herumgetrieben, denn hier hätten viele Sachen sie zum Kauf gereizt.

Nachdem sie treppauf und treppab gelaufen und von etlichen Einkaufswagen angestoßen worden war, ging sie schließlich zurück zum Auto. Dort wartete Andrew schon.

„Wieder nicht?“, fragte sie besorgt.

„Nein.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Wir versuchen es in ihrer Wohnung. Und wenn sie da nicht ist, fahren wir zurück in mein Büro. Vielleicht hat sie dort eine Nachricht hinterlassen oder wartet sogar selbst auf uns.“

„Das ist aber nicht meine Schuld“, sagte Rebecca ruhig.

„Das habe ich auch nicht behauptet. Steig ein.“

Rebecca gehorchte. Sie strich sich das nasse Haar aus der Stirn und blickte auf die Straße in der Hoffnung, irgendwo doch noch eine entschlossene ältere Dame zu entdecken. Sie seufzte und dachte: Oh Hetty, was soll das? Sie musste doch wissen, dass weder Rebecca noch Andrew sehr geduldig waren.

Rebecca brauchte ein geregeltes Leben, aber Hetty und Andrew ließen sich nichts vorschreiben. Sie wusste es genau, aus Wut oder purer Dummheit jedoch hatte sie es immer wieder versucht.

Sie und Andrew hatten drei Monate voller Leidenschaft verbracht und immer gewusst, dass sie enden mussten. Einen Kompromiss hatten sie beide strikt abgelehnt, und zwei Menschen konnten eine Liebesbeziehung nicht aufrechterhalten, wenn einige Tausend Kilometer sie trennten. Sie hatte sich zu ihm hingezogen gefühlt, sie hatte ihn gemocht, aber nicht gewusst, ob sie ihn liebte. Körperlich hatte sie sich nach ihm gesehnt. Ihr Herz hatte schneller geschlagen, wenn er in ihrer Nähe gewesen war, aber ihr Verstand hatte die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen. Und wenn man liebte, mussten Gefühl und Verstand doch wohl übereinstimmen.

Doch ihren wahren Charakter hatte sie keinem gezeigt, auch Andrew nicht. Als Kind war sie unsicher und entschlossen gewesen, sich zu bewähren. Als Siebenundzwanzigjährige hatten Erfolg, Zuversicht und die unbedingte Entschlossenheit sie geprägt, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollte.

„Glaubst du, dass sie da sein wird?“, fragte sie ruhig.

„Woher soll ich das wissen?“

„Du brauchst nicht gleich so sarkastisch zu werden, Andrew.“

„Entschuldige.“

Rebecca seufzte und blickte weiter aus dem Fenster. Wenigstens wollte sie etwas von der Stadt sehen. „Ist das das State House?“

Andrew sah flüchtig nach links. „Ja. Und das ist Beacon Hill“, erklärte er nach einer Weile und fuhr langsamer, damit Rebecca den kleinen, kopfsteingepflasterten Hügel mit den Häusern und Laternen betrachten konnte, die sie so sehr an England erinnerten. Vermutlich sollte sie dankbar sein für die kleine Aufmerksamkeit.

„Charles Street“, sagte er. Und wieder blickte Rebecca pflichtschuldig hin. „Kopfsteingepflasterte Bürgersteige und Gaslaternen. Ein bezaubernder Stadtteil.“ Andrew wich einem Taxi aus und hielt am Bordstein.

„Ja, er ist hübsch. Wohnt Hetty hier?“

„Ja.“ Andrew stieg aus, schlug die Fahrertür zu und ging ins Haus.

Ärgerlich folgte Rebecca ihm ins Foyer, wo ein älterer Mann hinter einem verzierten Pult saß. Der Portier, vermutete sie.

Er lächelte Andrew zu, aber als er Rebecca erblickte, wurde sein Lächeln sehr viel charmanter, denn so nass und unordentlich sie auch aussah, Rebecca war schön.

„Noch ein Verehrer“, bemerkte Andrew geringschätzig. „Ist meine Tante zu Hause?“, fragte er den Portier.

„Nein, Sir.“ Der sah ihn besorgt an. „Erwarteten Sie, sie hier anzutreffen?“

„Nein“, antwortete Andrew ärgerlich, „heute erwarte ich gar nichts. Danke.“ Er ergriff Rebeccas Arm und drängte sie zum Ausgang. Der Portier nahm einen Schirm und begleitete sie.

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