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Kein Platz zum Schlafen

An Stelle eines Vorwortes

Es gibt Momente im Leben von Menschen, die sind unwiederbringlich. Dass sie das sind, spürt man in den Momenten meist nicht. Wichtig ist aber, dass man solche Erfahrungen gemacht hat, damit man später, in seinen Träumen am Tage und in der Nacht nicht allein ist. Ich möchte mich bei Mona bedanken, die bereit war, mit mir in diesem Sommer einige unvergessliche gute und schlechte Erfahrungen zu machen.

Kein Platz zum Schlafen

Es war schon um zwei und immer noch keine Post da. Und das Heute, wo ich krank gemacht habe, was aber aufgrund meiner schlechten schauspielerischen Leistung nur für einen Tag gereicht hat. Seit ca. 10:00 Uhr laufe ich nun schon jede Stunde zu dem beschissenen Briefkasten runter und hoffe, endlich meinen täglichen Brief von Mona zu bekommen. Mona musste mit ihren weiblichen Mitschülern nach Berlin, einen dieser blödsinnigen Sozial- oder Ersthelferkurse machen, die man eben machen muss, wenn einem was dran liegt, das Abi zu machen. Sie war siebzehn Jahre alt, Schülerin der Abschlussklasse der Penne (EOS), korrekt gesagt; Erweiterte Oberschule. Wir waren ungefähr neun Monate zusammen. Ich wusste noch nicht so richtig, wie man sich anstellt, wenn man fest zusammen ist. Sie hatte blonde Haare. Ich stehe auf blonde Haare. Außerdem sah sie recht niedlich aus und irgendwie war es für mich schon eine Genugtuung, dass sich eine zukünftige Abiturientin mit mir abgab.

Ich war eher ein einfacher Typ mit durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlicher Größe, eigentlich war alles an mir Durchschnitt. Ich war fast mit meiner Schlosserlehre fertig. Mir war damals ganz wichtig, niemals als Schlosser arbeiten zu müssen. Am besten einen Job wie Klubhausleiter, Kneiper oder so etwas. Manchmal hielt ich mich für etwas schlauer als die anderen, dachte zumindest, dass die anderen Typen nicht weiter und vor allem nicht tiefer nachdachten. Viel nachdenken, lesen und grübeln, tat ich schon. Irgendwie fühlte ich mich überlegen, was natürlich vollkommener Quark ist. Vielleicht suchte ich auch nur nach irgendeiner Bedeutung für mich.

Mona musste sich oft mein arschloses Gesabber über das Leben, die Welt und so anhören, was sie ja auch geduldig tat, aber eigentlich wollte sie nur einen normalen Freund haben. Ich nahm mich viel zu wichtig und wollte vor ihr ständig auf den Putz hauen.

Plötzlich hörte ich im Treppenhaus Geräusche. Es war jemand am Briefkasten. Ich lief runter und richtig, da stand dieser Schüler mit Ferienjob und quetschte sehr dilettantisch die Briefe in die Schlitze. Bei mir brauchte er sich nicht zu bemühen. „Warum kommst du Clown so spät?“ fragte ich, ohne eine Antwort zu wollen, die ich dann aber trotzdem prompt bekam: „Die haben mir eine Route gegeben, die ich gar nicht kenne.“ „Naja, sagte ich, morgen weißt du dann aber Bescheid, sonst bekommst du ein paar auf die Glocke.“

Ich lief nach oben in den zweiten Stock und riss das Kuvert auf. Als erstes las ich den Schluss, „Deine liebe Mona“. Das las sich irgendwie gut, man hatte also einen Menschen, der einen lieb hat. Was sie sonst so schrieb, war eher belanglos. Sie freute sich auf unsere gemeinsame Tour nach Budapest und hatte Bedenken, ob wir denn überhaupt genug Geld dafür zusammen bekämen. Budapest war schon eine riesige Sache für uns, da wir bis dahin kaum von zuhause wegkamen. Wir wohnten beide noch bei unseren Eltern. Ich wohnte mit meinen Eltern in einer 3-Raumwohnung eines Neubaublockes. Damals war eine Neubauwohnung für DDR-Verhältnisse schon etwas Erstrebenswertes. Man hatte fließend Kalt- und Warmwasser und brauchte keinen Ofen heizen. Mein Zimmer war ziemlich klein, ca. 10 qm. Zuhause hielt ich mich möglichst selten auf, denn mit meinem Vater kam ich nicht klar. Es war nicht so, dass der sich nicht korrekt verhalten hätte, nein, er war irgendwie für mich ein Fremder, wie ein Fremdkörper, der einen beobachtet und nicht in Ruhe lässt. Mit meiner Mutter kam ich gut klar, die war eher einfach. Mein Vater war auch nur am Wochenende und am Mittwoch in Dessau. Er arbeitete als angestellter Jurist irgendwo, wofür ich mich nie interessiert habe und blieb an den anderen Tagen dort in einer Dienstwohnung. Das waren für mich gute Tage. Mit meiner Mutter und oft mit Tante Traute sahen wir dann allen möglichen Quark im Fernsehen, Peter Alexander Show, Der Große Preis oder andere Westsendungen. Nach einem Tag im Betrieb, wo man sich voller Widerwillen hingeschleppt hat, sollte es am Abend ja auch eine Belohnung geben und das war meistens Fernsehen.

Mit meinem Bruder, der wohnte irgendwo in Berlin, hatte ich kaum Kontakt, der war acht Jahre älter als ich und vollkommen das Gegenteil von mir. Ich war eher Nihilist und gefiel mir langsam in der Rolle des Versagers, der ja so unverstanden und tiefsinnig ist. Meine Haare sollten möglichst lang wachsen, möglichst schnell, damit dies auch durch mein Äußeres klar angesagt war.

Heute war wieder so ein Scheißtag im Waggonbau, wo man jede Minute auf die Uhr guckt, um endlich wieder frei zu sein. Da rettet man sich vom Frühstück zum Mittag und dann zum Feierabend. Dann sollte man duschen, was ich aber heute unterlassen habe, wollte dann zu Hause in die Wanne. Ich fuhr also mit dem Bus vom Betrieb bis zum Bäcker, der in der Nähe von unserer Wohnung war. Ein Brötchen oder so was, irgendwas gegen mein Magengrummeln. War aber schon alles ausverkauft. Dann ging ich die Straße runter, vorbei am Schnapsladen, wo ich immer die gleiche Frage stellte: „haben Sie Dreizwanziger oder Alte Juwel?“ zwei- von fünfmal hatte man auch Glück und bekam als Antwort: „Ja, aber nur zwee, junger Mann.“ Es war egal, welche Sorte, F6, Cabinett oder Semper, Hauptsache gute Zigaretten. Diesmal hatte ich Glück, aber leider nur Geld für eine Schachtel, verfluchte Scheiße. Während ich noch grübelte, ob es Sinn macht, zu Hause meine Mutter, um Geld zu fragen, war ich auch schon angekommen. Ich schloss die Tür auf und wollte erstmal einen gemütlichen Feierabendschiss auf dem Klo zelebrieren, da hörte ich schon meine Mutter rufen, „Komm mal her, hier sind zwei Herren von der Armee, die wollen dich was fragen.“ Zwei Herren von der Armee, was war das schon wieder für gequirlte Scheiße. Ja, nicht mal dazu kommt man, dachte ich mir. Ich ging also in unsere „gute Stube“, die bis auf ein paar kleine Ausnahmen genauso aussah wie die Stuben der anderen Leute in meiner Stadt. Vor allem die Schrankwand und den Esstisch mit den obligatorischen vier Stühlen im Wohnzimmer hatte eigentlich jeder. Und da saßen dann die zwei Knallfrösche, fett und faul am Tisch und tranken Kaffee. Für mich gab es keinen mehr. „Wir haben gehört - Junge, du bist interessiert an einem Studium bei der Armee.“, „Ja, vielleicht.“, antwortete ich. „Naja, jedenfalls biste ja nach dem Sommer mit deiner Lehre fertig, stimmts?“ „Ja…“, „Und dann soll es ja irgendwie weitergehen. Man will ja nicht stehenbleiben, oder?“ „Ja“, „ Also, jedenfalls kannst du dann am 1. August gleich mit dem ordentlichen Leben beginnen und meldest dich in Eggesin auf der Dienststelle, dann geht es erstmal zur Grundausbildung.“ Ich dachte mir andauernd, was labbert der da rum, der soll endlich abhauen und seinen fetten Kollegen mitnehmen, damit ich endlich, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Potte komme. „Die Haare müssen dann natürlich ab, die Gammellei hat dann ein Ende, was Frau Rüttel?!“ Der Kerl sah meine Mutter an, die eine Frau war, die gut durchs Leben kommt, aber eher von schlichtem Gemüt. Meine Mutter lächelte also, wie befohlen und wusste wohl auch nicht recht, was das Ganze solle. Sicher hätte sie am liebsten wie immer meinen Vater angerufen, aber das ging ihr wohl alles zu schnell und dann immerhin die Uniformen. Ich dachte mir immer, wie schnell ich die beiden verprügeln könnte und wie die Beiden dabei nach Luft schnappen würden. „So, Junge, du bekommst das natürlich alles noch schriftlich für die Ordnung, aber du weißt jetzt schon, dass du für den August einberufen bist.“ „Haut endlich ab.“, dachte ich mir. Es ist schon komisch, wie schnell ich in diesen Tagen alles Unangenehme verdrängt habe.

Schon auf dem Klo hatte ich die Figuren von eben vergessen. Meine Mutter sprach mich an: „Freddi, wollen wir Vater anrufen?“ „Ne, lass ma, wird sich klären.“ Ich ging in die klitzekleine Küche, guckte in den Kühlschrank, ob irgendwas Gutes drinne war, war aber nich. „Scheiße!“ Also wieder Eier mit rangeschnibbelter Salami und eine Scheibe Brot, auch gebraten mit nem Loch in der Mitte, wo das Eigelb reinkam. „Na, gut“, dachte ich mir. „Gehen wir zu Tante Edeltraut runter, heute kommt Dalli Dalli?“, rief ich in Richtung Stube. „Na gut, machen wir.“

Noch ungefähr 12 Stunden bis zum nächsten Aufstehen für den Scheiß Waggonbau.

Am Freitag kam dann endlich Mona aus Berlin zurück. Ich konnte nie so recht zeigen, wenn ich mich über etwas sehr gefreut habe, was auch diesmal so war. Wir gingen in die Stadt. Am Sonntag war Abfahrt und wir wollten noch was für die Fahrt holen und weil es was Besonderes sein sollte, holten wir aus dem „Fress-Ex“ eine Flasche Rotwein. „Fress-Ex“ waren Geschäfte, wo es angeblich bessere Lebensmittel aber vor allem teurere gab. Na, ja, Scheißegal, zwar hatten wir wenig Geld, aber einen kleinen Hauch von Exklusivität wollten wir uns schon leisten. Am Freitag gegen späten Nachmittag gingen wir noch zur Polizeimeldestelle, um unser beantragtes Visum für Ungarn abzuholen. Wir gaben an, dass wir 4 Wochen bleiben wollten, damit wir pro Tag 30 Mark umtauschen hätten können. Geld hatten wir aber nur für ca. 10 Tage. Wir mussten also einen Schlafplatz in Budapest finden, der fast umsonst oder besser noch, gar nicht kosten sollte. Zur absoluten Not hatte ich noch ein kleines Kinderzelt mit. Die Fahrkarten für den Zug hatte ich schon gekauft, die waren zu meiner Verwunderung recht billig.

Am Sonntag sollte es also losgehen. Unser Zug würde gegen 18:00 Uhr von Leipzig Hbf. nach Budapest „Nygati-Pu“ fahren. Vorher mussten wir noch den Bummelzug von Dessau nach Leipzig nehmen. 15:00 Uhr fuhren Mona und ich endlich von unserer Stadt nach Leipzig.

Im Zug saßen wir nebeneinander, engumschlungen. Ich freute mich auf das „Abenteuer“, Mona war wohl vor allem gern bei mir. Wir hatten jeder einen einfachen Rucksack aus derben Stoff, eher so eine Art Anglerrucksack. Monas war ein wenig kleiner als meiner, aber beide Rucksäcke hatten Leder-trageriemen, die wir in den nächsten Tagen noch schmerzhaft spüren sollten. Auf dem Rucksack hatten wir unsere geborgten Schlafsäcke zusammengerollt und festgebunden. Außerdem schleppte ich noch das Kinderzelt mit mir rum.

In Leipzig stand unser Zug „Panoniaexpress“ schon zur Abfahrt bereit. Wir waren ungefähr eine Stunde zu früh, konnten uns also in aller Ruhe ein Abteil suchen. Schließlich nahmen wir am Fenster Platz und verstauten unsere Rucksäcke. „Wenn jetzt aber welche mit Platzkarten kommen?“ fragte Mona. „Für den Zug hat keiner Platzkarten.“, antwortete ich eher mehr hoffend als wissend. Der Zug wurde voller und voller, nur unser Abteil blieb noch leer, noch. „Da kommen welche.“ „Wo?“ „Na, da vorne, eine ganze Meute.“ Ich sah sie jetzt auch, eine Gruppe von ca. zehn Schülern oder Studenten. Die kamen auch zielgenau auf unseren Waggon und schließlich auf unser Abteil zu. „Wenn die jetzt Platzkarten haben, was dann?“, fragte Mona sorgenvoll, denn bis Budapest waren es günstigstenfalls zweiundzwanzig Stunden Zugfahrt. Dann stand der junge Kerl vor mir, hinter ihm noch 4 Mädchen und zwei Jungs und zeigte auf unsere Plätze. Dabei sprach er allerdings ungarisch, deutsch konnte keiner von denen, wie ich annahm. „Der versteht uns nicht, wir stellen uns blöd und behaupten dass wir auch Platzkarten hätten.“ Mona meinte nur: „Dann holen die den Schaffner.“ „Mal sehen.“ sagte ich. Der Junge gestikulierte wild und wollte „unsere“ Plätze. Wir mimten Unverständnis und taten so, als ob wir rechtmäßig hier sitzen würden. Mona hielt sich zurück, denn ich war der „Schauspieler“.

Jedenfalls quetschten sich die jungen Leute neben uns hin und sahen uns dabei verächtlich an, was mir so ziemlich Wurscht war, Hauptsache sitzen. Natürlich war diese Situation sehr gefährlich, da wir davon ausgehen mussten, dass jeder Besuch des Klos den Verlust des Sitzplatzes bedeuten würde. Aber wir hatten gesunde junge Blasen. Die ungarischen Jugendlichen nahmen uns kaum zur Kenntnis, sprachen uns während der gesamten Fahrt nicht einmal an, was vielleicht auch an unserem Aussehen lag. Wir hatten beide unsere DDR Jeansoutfit an, „Jesuslatschen“ ich „Tramperschuhe“ Mona. Meine auf Westen getrimmte DDR Jeansjacke war noch nie gewaschen. Mona hatte immerhin eine schwarze West-Cordjeansjacke. Beide trugen wir karierte Hemden. Eine Uhr oder sonst welchen Schmuck hatten wir nicht. Mona trug langes blondes natürliches Haar und ich versuchte auch mein Haar trotz der blöden Locken wachsen zu lassen. Ich war ein kleines dünnes Männchen von ungefähr 60 kg, Mona wog höchstens 50 kg. Essen war uns damals nicht so wichtig, Zigaretten schon. Allerdings heben wir beide nie Lunge geraucht, was viele unserer Leute für rausgeschmissenes Geld ansahen.

Der Zug fuhr also los, aus dem Zugfenster sah man die Sonne wie einen großen roten Kreis langsam untergehen. Der nächste Haltepunkt war Dresden. Das einzig Gute war, dass nun keiner mehr in unser Abteil zusteigen konnte. „Wenn der Schaffner die Fahrkarten kontrollieren kommt, fliegen wir sowieso raus.“ meinte Mona. Aber zu unserer Verwunderung kam kein Schaffner auf deutscher Seite mehr. Aus dem Fenster des Zugabteils konnte man sehen, wie sich die Elbe unten durch das Elbsandsteingebirge schlängelte. Ich musste kurz daran denken, wie ich als kleiner Piefke ein- oder zweimal mit meinen Eltern in einem Ort nahe von Bad Schandau Urlaub gemacht habe. So schlecht war das damals gar nicht gewesen, aber jetzt hat das richtige Leben angefangen.

Kurz hinter der deutschen Grenze hielt der Zug wieder und wir wussten auch warum. Der deutsche und tschechische Zoll kam und kontrollierte die Ausweise. Irgendwie hatten wir beide Schiss. Plötzlich wurde die Abteiltür aufgerissen und zwei deutsche Zöllner schmetterten wie Schlagersänger ihren Spruch: „Die Pässe, bitte.“ uns entgegen. Die ungarischen Jugendlichen waren nun auch sehr still, wir warteten, aber weiter passierte nichts und plötzlich fuhr der Zug weiter. „War es das jetzt?“ fragte Mona, „denke schon“, antwortete ich. Der Zug wurde schneller und fuhr Richtung Budapest durch die Nacht. Für mich war das alles schon aufregend.

Im Zuggang standen ungefähr fünf bis sechs junge russische Rocker, ständig am saufen und rumkrakelen. Mittlerweile trauten wir uns aufzustehen und auch auf das eklige Zugklo zu gehen, was vollgepisst und stinkend Eile anmahnte, wenn man drinne war. Die ungarischen Jugendlichen hatten sich anscheinend damit abgefunden, dass wir penetranten Deutschen unseren Platz verteidigen würden bis zum letzten Blutstropfen, wie es für einen Deutschen sich gehört. Als ich wieder zurück in unser Abteil kam, sah mich Mona an, „Ich habe Migräne, es ist zum Kotzen, schon wieder…“, mit dieser beschissenen Migräne musste Mona seit ihrer Jugend, wahrscheinlich ausgelöst durch die Einnahme der ersten Antibabypillen, zurechtkommen. Was die Sache für Mona noch unangenehmer machte, war das ständige Ruckeln des Zuges auf den schlechten Gleisen und das Gejohle der jungen Russen, die beim Saufen kein Ende fanden, was für eine Kondition.

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