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Kein Mann für immer?

1. KAPITEL

„Hi, Baby, ich bin’s. Wo hast du in letzter Zeit gesteckt? Bleibt es bei diesem Wochenende?“

Während Rico Garcia seinen Anrufbeantworter abhörte, lehnte er sich auf dem ledernen Schreibtischstuhl zurück und seufzte.

Verdammt. Er hatte total vergessen, dass er am Samstag mit Suzette verabredet war. Vermutlich war es ein Schutzmechanismus seines Unterbewusstseins, das ihn dazu bringen wollte, mehr auf Distanz zu gehen.

Nicht, dass er sie hingehalten hatte. Von Anfang an hatte er klargestellt, dass er keine Bindung eingehen wollte, und sie war bereitwillig auf seine Bedingung eingegangen. Nun, zwei Monate später, hatte sie es sich offensichtlich anders überlegt.

Genau wie er. Im Gegensatz zu ihr wollte er die Beziehung allerdings nicht vertiefen, sondern beenden.

Er öffnete eine Schublade auf der rechten Seite, die stets mit Süßigkeiten gefüllt war, und griff in eine angebrochene Tüte Reese’s Pieces. Auch im Handschuhfach seines Autos lag immer etwas Süßes parat.

Als kleines Kind hatte er fast sein ganzes Taschengeld für Naschwaren ausgegeben. Dann, nachdem sein Stiefvater erschossen worden und der Erlös der Lebensversicherung dahingeschwunden war, hatten sämtliche Einkünfte für die Miete und sonstige Lebenshaltungskosten herhalten müssen.

Rico warf sich eine Handvoll herbstbunte Linsen in den Mund und genoss den Geschmack nach Erdnussbutter. Zum ersten Mal hatte er sie Anfang der achtziger Jahre probiert, nachdem er E. T. – Der Außerirdische im Kino gesehen hatte. Und seitdem waren sie seine Lieblingsbonbons.

Als er die restlichen Nachrichten abgehört und einige Rückrufe getätigt hatte, zog er die Adressenkartei zu sich. Er musste die Sache mit Suzette so schnell wie möglich zu einem schmerzlosen Ende bringen. Aber das wollte er nicht ausgerechnet an einem Abend tun, an dem sie mit einem gemeinsamen Dinner und anschließender Übernachtung rechnete. Besser war es, das Date abzusagen, sie Anfang der nächsten Woche aufzusuchen und ihr dann schonend beizubringen, dass sie sich jemanden suchen sollte, der dieselben Ziele im Leben verfolgte wie sie.

Er schlug den Buchstaben V in der Kartei auf und blätterte die Einträge durch. Wie hieß doch gleich die Firma, bei der Suzette arbeitete?

Auf beruflicher Ebene entfielen ihm derartige Details niemals. Aber manchmal, bei Privatangelegenheiten und vor allem, wenn es um Beziehungen zu Frauen ging, funktionierte sein Verstand einfach nicht. Dieses selektive Gedächtnis störte ihn ein wenig, denn er war stolz darauf, dass er sich alle noch so trivialen Dinge über einen Fall merken konnte.

Oft sammelten sich Unmengen von Informationen an, bis eine Ermittlung erfolgreich abgeschlossen werden konnte – was ihm meistens gelang.

Meistens. Aber nicht immer.

Er blickte auf das einzige Bild, das auf seinem Schreibtisch stand – ein Metallrahmen mit einem Foto von Frank Stafford neben seiner schwarzen 63er Corvette Sting Ray mit geteilter Heckscheibe.

Das Foto war gleich nachdem Frank den Oldtimer gekauft hatte, aufgenommen worden, ein Jahr vor seinem Tod bei einem „Jagdunfall“. Diesen Fall hatte Rico bisher nicht lösen können, aber er war fest entschlossen, ihn nicht zu den Akten zu legen.

Er schaute aus dem Fenster auf das Empire State Building. Der Himmel war bewölkt. Es sah nach Regen aus. Rico hoffte, dass er es bis nach Hause schaffte, bevor der Sturm einsetzte. Aber das war eher unwahrscheinlich. Er hatte noch zu arbeiten.

Er besaß und leitete eine höchst erfolgreiche Detektei, Garcia and Associates, die sein Lebensinhalt war und immer bleiben würde. In der diskreten Eliteagentur beschäftigte er nur erstklassige Büroangestellte und höchst professionelle Detektive, sodass er es sich durchaus hätte leisten können, ein wenig kürzer zu treten. Aber er liebte die Herausforderung, die ihm die Arbeit bot.

Die Gegensprechanlage blinkte und summte. „Mr. Garcia?“

„Ja, Margie.“

„Ihre Mutter ist auf Leitung drei.“

„Danke.“ Er hatte seit Wochen nicht mit seiner Mom gesprochen und hoffte, dass alles in Ordnung war. Manchmal sorgte er sich um sie. Er nahm das Gespräch an. „Hi, Fremde. Was gibt’s?“

„Ach, Rico, du wirst nicht glauben, was passiert ist.“

Ihre Stimme klang noch fröhlicher als üblich. „Ich habe eine wundervolle Neuigkeit.“

„Was ist passiert? Hast du in der Lotterie gewonnen?“

„Nein. Es ist viel besser.“

Besser als Geld? Das gefiel ihm gar nicht. Die ersten zwanzig Jahre seines Lebens hatte er zusammen mit seiner liebenswerten, weichherzigen und leichtgläubigen Mutter verbracht – und in Sorge um sie. Ihre „guten Neuigkeiten“ riefen immer Skepsis bei ihm hervor.

Beim letzten Mal hatte er beträchtlichen Druck ausüben müssen, bis ihr Auserwählter ihr das erschlichene Geld zurückgezahlt hatte. Danach hatte er den Heiratsschwindler, der auf Geschiedene und Witwen spezialisiert gewesen war, der Polizei ausgeliefert.

„Ich habe in ein paar Minuten den nächsten Termin, Mom. Erzähl mir doch einfach deine gute Neuigkeit“, forderte er sie auf.

„Ich habe den wundervollsten Mann auf der ganzen Welt kennengelernt. Und ich habe mich verliebt.“

Herrje! Schon wieder?

„Rico? Hast du mich gehört?“

„Ja, Mom, ich habe es gehört.“

„Bist du gar nicht begeistert?“

Nein, das war er überhaupt nicht. Denn sie war schon zu oft enttäuscht worden. Deshalb wünschte er sich einfach, sie würde nicht länger davon träumen, dass ein Märchenprinz käme und sie auf sein Schloss entführte.

Aber das durfte er ihr nicht so deutlich sagen. Sie hätte vermutlich zu weinen angefangen, und mit ihren Tränen konnte er nicht umgehen.

Das Leder ächzte, als er sich auf dem Stuhl zurücklehnte. „Du weißt, dass ich dich glücklich sehen möchte. Aber wer ist dieser Typ?“

„Er heißt Daniel Osterhout. Er ist Zahnarzt, und er ist mein Seelenverwandter.“

Seelenverwandter? Den Ausdruck hatte er noch nie von ihr gehört. Konnte sie nicht einfach mit dem Mann schlafen? Warum musste sie gleich jeden heiraten, der ihr gefiel? „Wie lange kennst du ihn schon?“

„Fast einen Monat.“

„Das ist nicht sehr lange.“

„Mir kommt es vor, als würde ich ihn schon ewig kennen.“

Rico seufzte und schwieg.

„Ach, komm schon, Honey, ich verstehe ja, dass du skeptisch bist. Aber Daniel ist anders. Du wirst schon sehen. Und eines Tages wirst auch du eine besondere Frau finden.“ Den letzten Satz sagte sie nicht zum ersten Mal.

Er blickte gen Himmel. Er hatte seine Mom sehr lieb, aber er wünschte, sie wäre nicht so vertrauensvoll. Ganz gewiss hatte sie die Enttäuschungen nicht verdient, denen sie sich ständig aussetzte. Konnte sie nicht ein bisschen realistischer in Herzensdingen sein?

„Daniel und ich haben beschlossen, im Juni zu heiraten“, erklärte sie enthusiastisch. „Was sagst du dazu?“

Er hielt ein Freudenfest für unangebracht. Immerhin handelte es sich bereits um ihre fünfte Hochzeit. „Du meinst damit eine kleine Zeremonie im Standesamt vor einem Friedensrichter und mit zwei Trauzeugen, oder?“

„Na ja, eigentlich hätten wir gern eine kirchliche Trauung mit einem Organisten und einigen engen Freunden und Angehörigen. So in der Art.“

Das klang ihm viel zu engagiert. „Es sprich wohl nichts gegen Juni, solange du dir sicher bist.“

„Ich war mir noch nie so sicher.“

Sie schien davon überzeugt zu sein, dass ihn diese Mitteilung erleichterte, aber das war nicht der Fall.

„Allerdings muss ich mir vielleicht etwas Geld von dir borgen. Die Braut muss die Hochzeit ausrichten, und da könnte es knapp werden“, gestand sie.

Sie wussten beide, dass sie kein Geld zu „borgen“ brauchte, sondern dass er für alles aufkommen würde. Das tat er immer. Er konnte ihr einfach nichts abschlagen.

Seit sein Vater gestorben war, gab es nur sie beide – nun, abgesehen von den Stiefvätern, die in relativ rascher Abfolge gekommen und wieder gegangen waren. Jeder einzelne der Kandidaten hatte der einsamen Mutter mit Kind eine intakte Familie versprochen und dann alles andere als das gegeben.

Rico nahm das gerahmte Foto in die Hand. Okay, Frank hatte ihnen nicht mit Absicht wehgetan, aber durch seinen unerwarteten Tod hatte er sie dennoch allein und trauernd zurückgelassen.

„Also gut. Ich komme für die Hochzeit auf, wenn du dich bemühst, sie in einem kleinen Rahmen zu halten.“ Er war gewiss kein Geizhals und konnte sich durchaus ein rauschendes Fest leisten, aber er gab nichts auf all den Zirkus.

„Ach, Honey, du bist ja so gut zu mir“, murmelte sie sanft und gerührt.

„Tja, du warst auch immer ziemlich gut zu mir.“

Als er noch ein Teenager war, hatten sie viele schlechte Zeiten gemeinsam überstanden und beide hart arbeiten müssen, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

„Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch“, murmelte er. „Bist du dir wirklich sicher?“

„Absolut.“

„Okay. Dann freue ich mich für dich.“

Er griff zu einem Kugelschreiber. „Wie heißt der Mann doch gleich?“

„Daniel Osterhout.“

„Buchstabiere.“

„Du schreibst es doch nicht auf, oder?“

„Warum nicht?“

„Du willst doch wohl nicht einen deiner Detektive auf ihn ansetzen!“

„Natürlich nicht.“ Rico beabsichtigte keineswegs, diesen Job einem anderen zu überlassen.

Sie buchstabierte den Namen.

„Und wie hast du ihn kennengelernt?“

„Ich habe im Dollarsaver einen Coupon für eine kostenlose Untersuchung in seiner Praxis in Westlake gefunden und einen Termin gemacht. Ich weiß ja, dass du nicht an so was glaubst, aber es war Liebe auf den ersten Blick.“

Auf einem Zahnarztstuhl? Wie romantisch!

„In dieser Hinsicht bin ich nicht allzu gläubig, das stimmt. Aber ich freue mich, dass du glücklich bist.“

Hoffentlich bleibt es auch so.

Als Jugendlicher hatte er seine Hoffnung auf jeden Mann gesetzt, den sie ins Haus gebracht hatte. Doch all die Enttäuschungen hatten ihn hart und zynisch gemacht, und für ihn war die Liebe nichts als ein Kindermärchen.

Seine Mom dagegen lernte nicht so schnell. Und er befürchtete, dass das Scheitern einer weiteren Ehe, sei es nun durch Tod oder Scheidung, ihr eher den Rest geben könnte, anstatt sie härter zu machen.

„Daniel und ich würden dich dieses Wochenende gern zum Dinner einladen“, verkündete sie.

Garcia and Associates, mit Filialen in New York, Chicago und L. A., wäre nicht zu einer florierenden Firma geworden, wenn der Inhaber nicht hart arbeiten und sein Herzblut dafür geben würde. „Ich weiß nicht, ob ich hier weg kann.“

„Also wirklich, Honey! Deine Arbeit frisst dich auf. Außerdem hast du doch ein paar neue Detektive angeheuert, wie diesen Mann, den du Cowboy nennst. Also kannst du doch bestimmt für einen Tag herkommen.“

Rico blickte auf seinen Kalender. Wenn er Suzette absagte, hatte er etwas Freizeit an diesem Wochenende. „Also gut. Ich komme am Samstagnachmittag. Wir gehen essen, ich lerne deinen Seelenverwandten kennen, und dann fahre ich zurück.“

„Du kannst auch in meinem Gästezimmer übernachten. Ich mache frische Brötchen und Bratwurst im Saft zum Frühstück.“

„Da kann ich nicht widerstehen. Mein letztes Date wollte mich auf einen Gesundheitstrip bringen – Tofu, Weizenkeime und all diesen Unsinn.“

„Also bist du gerade solo?“

Vorsicht, ermahnte er sich. Es galt, auf jeden Fall zu verhindern, dass seine Mutter wieder einmal einen Verkupplungsversuch startete. Sie glaubte, dass die perfekte Frau für ihn, genau wie sie selbst, auf Wolken schweben und die ewige wahre Liebe im Sinn haben müsse.

Aus irgendeinem Grund ging es ihr nicht in den Kopf, dass er schon lange nicht mehr an Hirngespinste wie die Ehe glaubte, und sein Pessimismus lag nicht nur an ihrer negativen Vorgeschichte auf diesem Gebiet.

Er hatte einen Freund, Mac McGuire, dessen Frau ihn zu zwingen versucht hatte, seinen Beruf als Cop aufzugeben, an den Stadtrand zu ziehen und den Streifenwagen gegen eine Familienkutsche zu tauschen. Sie hatten sogar ein gemeinsames Kind, was die Sache aber nur noch schlimmer machte.

Denn das Schicksal waltete seines Amtes und spielte Mac einen bösen Streich.

Er und seine Frau ließen sich scheiden, bald darauf wurde sein Sohn bei einem Autounfall getötet. Aus Kummer verfiel sein Kumpel der Trunksucht und wurde wegen eines Berufsvergehens angeklagt.

Nein, Rico wollte sich auf keinen Fall derartigen Unwägbarkeiten und Risiken aussetzen.

„Hör mal, Mom, ich bin nicht auf ein Date aus, falls du das im Sinn hast. Aber ich komme am Samstag zum Dinner, und wenn es wirklich frische Brötchen und Bratwurst im Saft gibt, bleibe ich über Nacht.“

„Das freut mich aber! Übrigens habe ich eine gute Freundin, die einen Privatdetektiv braucht, und ich dachte …“

„Dass ich dir einen Gefallen tue und die Sache übernehme?“

„Du wirst ihr doch helfen, oder?“

Er würde ein bisschen maulen, aber den Fall übernehmen, wie immer. Seine Mutter schien eine Vorliebe für Leute zu haben, die seine Dienste brauchten und immer auf seine Gefälligkeit hofften. „Wo liegt das Problem denn diesmal?“

„Meine Freundin versucht, ihre jüngere Schwester zu finden, die sie seit der Kindheit nicht mehr gesehen hat. Es würde ihr sehr viel bedeuten. Und mir auch.“

„Na gut. Ich werde sehen, was ich tun kann.“

„Prima. Ich lade sie für Samstag ein. Vielleicht kann sie mit uns zum Essen gehen.“

Nachdem sie das Gespräch beendetet hatten, machte Rico sich wieder auf die Suche nach Suzettes Telefonnummer. Ein Gespräch mit seiner Mutter stärkte immer wieder aufs Neue seinen Entschluss, jegliche Art von Bindung zu vermeiden.

Molly Townsend staunte immer wieder darüber, wie ähnlich ihr Colette Garcia war. Obwohl sie Mutter und Tochter hätten sein können, waren sie in wenigen Wochen sehr gute Freundinnen geworden.

Colette war mit Anfang fünfzig immer noch eine attraktive und elegante Frau mit rot gefärbten Haaren, ausdrucksvollen blauen Augen und einem optimistischen Herzen aus Gold.

„Ich bin sicher, dass Rico Daniel mögen wird, wenn er ihn erst mal kennt“, sagte sie, während sie in ihrem kleinen, aber gemütlichen Wohnzimmer Tee aus einer zarten, handbemalten Kanne einschenkte.

Sie räusperte sich. „Aber ich bin etwas nervös wegen ihrer ersten Begegnung. Rico will mich immer beschützen.“

„Bestimmt läuft alles glatt.“ Molly nahm die elfenbeinfarbene Tasse und betrachtete das zarte Blumenmuster in Lila und Grün.

„Wahrscheinlich hast du recht. Ich bin trotzdem froh, dass du mit uns zum Dinner kommst. Rico ist nicht gerade begeistert über meine Hochzeit, obwohl er eingewilligt hat, sie zu bezahlen.“

Colette sah Molly eindringlich an. „Ich hoffe, dass du ihm erklären kannst, wie viel es mir bedeutet. Ich war zwar schon vier Mal verheiratet, aber ich war noch nie so sehr verliebt. Daniel und ich wollen uns lebenslang binden und alles so machen, wie es sich gehört.“

„Ich werde tun, was ich kann“, versprach Molly.

Als Hochzeitsberaterin bei Betty’s Bridal Boutique hatte sie es häufig mit Brautvätern zu tun, die kein Verständnis für die emotionale und symbolische Bedeutung einer Hochzeit aufbrachten. Aber mit dem skeptischen Sohn einer Braut hatte sie sich bisher nie auseinandersetzen müssen.

„Rico müsste jeden Moment kommen.“ Colette blickte auf ihre goldene Armbanduhr. „Ich bin ja so froh, dass ihr euch kennenlernt.“

Molly erging es nicht anders. Als sie erfahren hatte, dass Rico der Inhaber einer sehr erfolgreichen Detektei war, hatte sie ihr Glück kaum fassen können. Seit Jahren wollte sie ihre jüngere Schwester suchen, aber sie hatte nicht gewusst, wie sie es anfangen sollte.

Colette hatte ihr versichert, dass Rico den Fall liebend gern kostenlos übernehmen würde. Aber davon wollte Molly nichts wissen. Eine Wiedervereinigung mit ihrer Schwester war ihr jeden Preis wert.

Colette unterbrach ihre Überlegungen: „Er kann nicht nachempfinden, was mich mit Daniel verbindet. Ich weiß, dass er um so vieles glücklicher wäre, wenn er es könnte. Er muss endlich ein nettes Mädchen finden und häuslich werden.“

Der flüchtige Eindruck, dass Colette einen Verkupplungsversuch im Sinn haben könnte, erweckte ein leichtes Unbehagen in Molly, obwohl sie eigentlich darauf brannte, den einen und ganz besonderen Mann zu finden, den das Schicksal für sie bereithielt.

Normalerweise freute sie sich darauf, potenzielle Partner kennenzulernen, noch dazu, wenn sie von einer guten Freundin empfohlen wurden.

Aber sie stellte hohe Ansprüche, die nicht viele Männer erfüllten. Nach allem, was sie bisher gehört hatte, konnte Colettes Sohn ihren Erwartungen nicht gerecht werden.

Als könne sie Gedanken lesen, sagte Colette: „Ich habe ein gutes Gefühl, was dich und Rico angeht.“

Molly nahm einen Schluck Tee. Ihr vorrangiges Ziel bei der Bekanntschaft mit Rico war die Suche nach ihrer Schwester. Aber natürlich wollte sie ihm eine Chance geben – sofern er sich als so warmherzig, optimistisch und familienorientiert wie seine Mutter erwies.

Doch das blieb abzuwarten.

Sie stellte ihre Tasse ab und griff nach ihrem Notizbuch. „Wollen wir schon mal mit den Hochzeitsvorbereitungen anfangen?“

„Wir sollten lieber warten, bis Daniel hier ist. Ich möchte ihn dabeihaben.“

Molly nickte.

„Weißt du, du wirst Rico mögen.“

„Das hoffe ich. Aber eines muss dir klar sein. Ich bin durchaus aufgeschlossen, begehrten Junggesellen zu begegnen, aber ich bin sehr wählerisch.“

„Das solltest du auch sein.“

Molly nickte. Während der ersten zwölf Jahre ihres Lebens hatte sie ein lausiges Beispiel für Ehe und Familie vor Augen gehabt, und deshalb wollte sie auf jeden Fall auf eine derartige Erfahrung verzichten.

Dass sie nach einer derart bösen Kindheit nicht verbittert und abgestumpft war, verdankte sie Don und Barbara Townsend. Ihre Pflegeeltern hatten sie gelehrt, dass sich die Dinge immer zum Besten entwickeln, dass gute Menschen existieren und dass die Liebe siegt. Und dass irgendwo ihr Traummann auf sie wartet.

Colette tätschelte mit zarter Hand Mollys Knie. „Wählerisch oder nicht, mein Sohn wird dir gefallen.“

Sie seufzte. „Ich weiß, was du denkst – dass jede alte Krähe ihr Baby für schneeweiß hält. Aber Rico ist so ziemlich der bestaussehende Mann auf der Welt.“

Für Molly war das äußere Erscheinungsbild längst nicht so wichtig wie der Charakter eines Menschen.

Im Grunde genommen suchte sie nach einem Gefährten wie Don Townsend, der seine Gefühle zeigte und auch Verständnis für ihre Emotionen aufbrachte. In mancherlei Hinsicht verkörperte er ihren Traummann, trotz seiner schütteren Haare und der leicht gebeugten Körperhaltung.

Nur manchmal fantasierte sie von einem Zukünftigen, der Brad Pitt wie aus dem Gesicht geschnitten war.

Als das Dröhnen eines Hochleistungsmotors erklang, stellte Colette ihre Teetasse auf den Glastisch und stand auf. „Gut. Er ist hier.“

Das Geräusch klang nach einem Rennwagen. Molly hatte nie darüber nachgedacht, welches Auto der Richtige fahren sollte. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann wie Don Townsend in einem Porsche oder Ferrari durch die Stadt brauste.

„Entschuldigst du mich bitte einen Moment?“, bat Colette, während sie schon auf dem Weg zur Haustür war.

„Natürlich.“ Molly strich über den schwarzen Strickstoff ihres schlichten, aber schicken Kleides.

Irgendetwas sagte ihr, dass Rico nicht für sie infrage kam. Allein sein Beruf als Privatdetektiv war ein rotes Tuch für sie. Sie wollte einen Mann mit geregelten Arbeitszeiten, der die Abende und Wochenenden bei seiner Familie verbrachte.

Sein Auto stellte einen weiteren Minuspunkt dar. Das Röhren des hochtourigen Motors deutete auf Schnelligkeit und Schnittigkeit – auf hohe Risikobereitschaft und Angeberei.

Das waren keine Eigenschaften, die Molly gefielen.

Doch trotz aller Vorbehalte war sie aufgeschlossen und unvoreingenommen. Aus reiner Neugier trat sie an das große Erkerfenster, das auf die von Bäumen gesäumte Vorstadtstraße zeigte, und spähte verstohlen durch die cremefarbenen Gardinen.

Hinter ihrem verblassten blauen Toyota stand nun eine alte Corvette, die schwarz wie die Nacht und sehr gut erhalten war.

Ein großer, dunkelhaariger Mann stieg aus dem Sportauto. Er war leger gekleidet in schwarzer Hose und weißem Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, und er trug eine Sonnenbrille und ein sehr charmantes Lächeln zur Schau. Alles an ihm sah nach einem Playboy aus.

Und doch hatte Molly Schmetterlinge im Bauch, und ihr Herz pochte bei seinem Anblick.

Wie verrückt war das denn?

Nie zuvor hatte sie sich zu einem so großen, dunklen und umwerfenden Typ wie Rico Garcia hingezogen gefühlt, und sie wusste auf Anhieb, dass sie sich auf romantischer Ebene niemals mit ihm einlassen sollte. Doch aus irgendeinem dummen Grund schienen ihre Hormone nicht auf ihren Verstand zu achten.

2. KAPITEL

Rico musterte das kleine Haus. Vor drei Jahren, als die Wohnsiedlung in dem ruhigen Vorort erschlossen worden war, hatte er es seiner Mutter geschenkt.

Nicht nur das Innere des Hauses war nach ihrem Geschmack eingerichtet, auch den Garten hatte sie sehr romantisch angelegt. Die schmiedeiserne Bank auf dem Rasen wurde wohl erst nach seinem letzten Besuch aufgestellt, und auch die Statue aus Beton, die offensichtlich einen Engel darstellte, kannte er noch nicht. Oder war es vielleicht eine Amorette?

Colette besaß Talent dafür, selbst eine armselige Hütte in ein behagliches Zuhause zu verwandeln. Sobald sie eine neue Wohnung bezog, drückte sie ihr ihren Stempel auf, indem sie Duftsträußchen auf den Couchtisch, gerahmte Fotos auf den Kaminsims und Kerzen auf die Kommode stellte. Und wenn sie Rico erwartete, kochte oder backte sie immer etwas Köstliches für ihn.

Ihm gefiel ihre Fähigkeit, ihm einen Ort zu bieten, an dem er seinen Zynismus für eine Weile ablegen konnte. Diesmal allerdings musste er ihn sich bewahren, um den neuen Mann in ihrem Leben kritisch unter die Lupe zu nehmen und um sicherzugehen, dass seine Mom mit dem gebührenden Respekt behandelt wurde.

Da ihr Ford Taurus diagonal in der Auffahrt stand, hatte er am Straßenrand geparkt, direkt hinter einem blauen Toyota Corolla, der schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Er konnte nur hoffen, dass dieses Gefährt nicht Dr. Osterhout gehörte.

Wenn sie schon wieder heiraten wollte, dann sollte ihr Ehemann sie wenigstens so versorgen können, wie sie es verdiente. Deshalb hätte Rico es vorgezogen, wenn ihr Dentist einen neuen Mercedes oder Lincoln fahren würde.

Seine vorläufige Recherche hatte ergeben, dass ihr Auserwählter recht gut situiert war. Trotzdem war Rico nicht davon überzeugt, dass er der Richtige für Colette war. Bisher hatte sie schließlich kein großes Geschick bei der Auswahl ihrer Männer bewiesen.

Erneut musterte er den Toyota.

Eine künstliche rote Rose war mit einer Schleife an die Antenne gebunden und ließ ihn vermuten, dass der Besitzer sich nicht immer erinnern konnte, wo er geparkt hatte. Die Heckstoßstange wies einige Dellen auf, und auch das New Yorker Nummernschild war verbeult. Vielleicht sollte er sein Auto lieber auf der anderen Straßenseite in Sicherheit bringen.

„Hallo, Honey.“ Colette kam in schwarzer Hose und grauem Pullover aus dem Haus und begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung.

Sie strahlte ihn an. „Wie war die Fahrt?“

Rico sog ihren vertrauten Duft nach Gardenien ein.

„Ganz gut.“ Er deutete mit dem Kopf zu dem Toyota. „Wem gehört der?“

„Molly.“

Ach ja. Die Lady, die ihre Schwester sucht.

Als sie das blassgrün gestrichene Wohnzimmer betraten, sah Rico sich nach der Freundin seiner Mutter um. Er erwartete eine Frau mittleren Alters und war wie vom Donner gerührt beim Anblick der zierlichen jungen Blondine, die in der Nähe des Fensters stand.

Sie war kaum größer als ein Meter sechzig und trug ihre glatten schulterlangen Haare in einer klassischen Frisur. Ein schlichtes schwarzes Kleid umschmiegte äußerst feminine Kurven. Ihr Lächeln war atemberaubend.

Wäre er ihr in einem Lokal in der Stadt begegnet, hätte er sie spontan auf einen Drink eingeladen und vielleicht zum Tanzen aufgefordert. Und möglicherweise wären sie im Bett gelandet.

Aber was tat eine Frau wie sie im Haus seiner Mom?

„Rico, das ist meine Freundin Molly“, verkündete Colette.

Er rühmte sich, stets auf das Unverhoffte vorbereitet zu sein, doch beinahe hätte er Molly mit offenem Mund angestarrt. Schließlich hatte er eine ausgeprägte Schwäche für Blondinen. Er bemühte sich, seine Verblüffung zu verbergen, und streckte ihr die Hand entgegen. „Wie geht es Ihnen?“

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