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(K)ein Mann für die Liebe?

Kelly Hunter

(K)ein Mann für die Liebe?

PROLOG

„Hannah, warte auf mich!“ Jolie Tanner kam durch den Garten gerannt, ließ das weiße Holztor hinter sich zuschlagen und versuchte atemlos, ihre Freundin einzuholen. Normalerweise rief Hannah immer, wenn sie an der Gartenpforte der Tanners ankam, manchmal wartete Jolie auch schon auf sie – eine Regelung, die sich seit dem ersten Schultag bewährt hatte. Nur wenn eines der Mädchen krank war, ging das andere allein zur Schule. „Han!“

Aber Hannah wandte sich nicht um. Sie verlangsamte nicht einmal ihren Schritt, sondern ging einfach weiter.

Cole begleitete sie heute, und das war äußerst ungewöhnlich. Cole war Hannahs großer Bruder. „Groß“ sowohl deshalb, weil er schon siebzehn war, ein sportlicher, hochgewachsener Junge, der sein letztes Jahr an der High School absolvierte. „Groß“ aber auch im Sinne von großartig, denn Cole war gut aussehend, beliebt und erfolgreich in allem, was er machte.

Mit seinem lässig zurückgestrichenen schwarzen Haar, dem olivfarbenen Teint und unsagbar grünen Augen, eingerahmt von dunklen, dichten Wimpern, ließ Cole die Herzen aller Mädchen höherschlagen.

Hannah verehrte ihren Bruder. Auch Jolie sah voller Bewunderung zu ihm auf, allerdings war ihr seit einiger Zeit bewusst, dass sich die unbefangene Schwärmerei, die sie bisher für ihn empfunden hatte, veränderte. Plötzlich war sie sprachlos in seiner Gegenwart und vermied es, ihn anzusehen, wenn sie sich gegenüberstanden. Hannah neckte sie schon deswegen.

Tat sie deshalb so, als hörte sie Jolies Rufen nicht?

Natürlich war es Jolie bewusst, dass sie viel zu jung für Cole war und er unerreichbar für sie blieb. Niemals würde er sie mit diesem ganz besonderen Blick ansehen, den er älteren Mädchen schenkte. Und es war auch nur eine Phase, die sie gerade durchmachte. Damit zumindest hatte ihre Mutter sie getröstet, als Jolie ihr gebeichtet hatte, dass sie sich im Moment etwas ungeschickt in Coles Gegenwart verhielt. Rachel Tanner hatte ihr unnachahmlich knisterndes Lachen hören lassen und gesagt, vermutlich werde Jolie früher oder später darüber hinwegkommen.

Ihre Schwärmerei für Cole Rees war nichts, worüber sie sich Sorgen machen musste. Es war nur eine Phase.

„Hannah, jetzt bleib endlich stehen.“ Entschlossen schob Jolie den Riemen ihrer Schultasche über die Schulter und lief los, um die Freundin einzuholen.

„Geh einfach weiter“, befahl Cole.

„Aber wie soll ich ihr das erklären?“, wandte Hannah mit kläglicher Miene ein. „Cole, sie ist meine beste Freundin. Was soll ich ihr sagen?“

„Nichts.“

„Glaubst du, sie weiß es?“

„Keine Ahnung.“ Cole Rees hatte das Gefühl, überhaupt nichts mehr zu wissen. Bis gestern hatte er geglaubt, die Ehe seiner Eltern sei unerschütterlich. Vielleicht ein bisschen langweilig, aber solide. Sein Vater war für ihn der Allergrößte gewesen, ein Held, ein Idol. Und dann hatte die Wirklichkeit ihn eingeholt. Seit mehr als einem Jahr schon hatte sein Vater eine Affäre. Gestern Abend hatte er es zugegeben, und sein Geständnis hatte eingeschlagen wie ein Blitz. Er wollte die Scheidung. Eigentlich hatten Cole und Hannah von dem Gespräch der Eltern nichts mitbekommen sollen, doch sie waren sehr laut geworden, sodass man bis ins oberste Stockwerk jedes Wort verstehen konnte. Die gegenseitigen Anschuldigungen, die plötzliche Erkenntnis, und dann das Schluchzen der Mutter.

Unerträglich lange hatte sie geweint.

Wieder rief Jolie, doch Cole ging unbeirrt weiter. Er ertrug es nicht, sie zu sehen. Obwohl Jolie noch ein Kind war, konnte man bereits erkennen, dass sie eines Tages eine echte Schönheit sein würde. Ihr Haar hatte die Leuchtkraft von Feuer, und mit ihren großen grauen Augen schien sie jedem direkt ins Herz zu blicken. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter war frappierend.

Schließlich hatte Jolie die Geschwister eingeholt. Sie ging neben ihnen auf dem schmalen Weg, ihre Augen strahlten hell, der glänzende Pferdeschwanz wippte bei jedem Schritt. „Hannah, hast du die Aufgaben für den Test geübt?“

Hannah schwieg. Sie bedachte ihren Bruder mit einem bittenden, verzweifelten Blick und Cole wünschte, er könne irgendwo anders sein, ganz gleich, wo.

Seit sie ein kleines Mädchen war, ging Jolie in seinem Elternhaus ein und aus. Sie gehörte nicht direkt zur Familie, aber sie war ein Teil seines Lebens, den er für selbstverständlich gehalten hatte. Hannahs Freundin. Ein bisschen sonderbar. Witzig. Immer mit einem dicken Notizbuch bewaffnet, in das sie unablässig hineinkritzelte und dessen Inhalt niemand jemals zu Gesicht bekam. Vor Jahren einmal hatte Cole Hannah gefragt, was sie eigentlich dort eintrage.

„Sie zeichnet“, hatte Hannah erklärt.

„Und was?“

„Alles Mögliche“, war Hannahs lapidare Antwort gewesen. „Tiere, Menschen, besondere Farben, einfach alles.“

Cole hatte dieser Gedanke fasziniert.

„Han.“ Jolie ließ nicht locker und riss Cole aus seinen Erinnerungen. Er bedachte sie mit einem finsteren Blick.

„Hast du dich auf den Test vorbereitet?“, fragte sie erneut.

Kaum sichtbar schüttelte Hannah nur den Kopf, dann senkte sie den Blick und ging weiter. Gestern Abend hatte ihr nicht der Sinn danach gestanden, sich auf die Schule vorzubereiten.

Als Cole nun die Freundin seiner Schwester ansah, entdeckte er Unsicherheit und Schmerz in ihren Augen. Grimmig wandte er den Blick ab und setzte wortlos und mit schnellen Schritten den Weg fort. Dabei versuchte er zu ignorieren, dass Jolie Tanner neben ihm ging.

So kamen die drei schließlich in der Schule an.

Und es schien ihnen, als hätten sie eine fast endlose Reise hinter sich.

Irgendetwas lief schief. Vollkommen schief. Hannah hatte kein Wort mit ihr gesprochen, Cole hatte sie nicht einmal wahrgenommen. Ohne einen Gruß war er im Schulgebäude verschwunden, noch ehe es geläutet hatte. Jolie hatte gehofft, Hannah werde ihr erklären, was geschehen war, wenn Cole gegangen war.

Doch auch jetzt sah Hannah sie nicht einmal an.

„Was ist los?“, beharrte Jolie verzweifelt. „Sag doch etwas.“

„Ich kann nicht mehr deine Freundin sein“, erwiderte Hannah mit bebender Stimme.

Als Jolie sie ansah, bemerkte sie, dass Hannah weinte.

„Was sagst du da?“ Voller Erschrecken schien Jolies Herz einen Moment auszusetzen. „Hannah, wovon sprichst du?“

Doch die Freundin verschwand ohne ein weiteres Wort und flüsterte in der Stunde mit ihrer Banknachbarin Sarah. In der Pause wurde Jolie auch von Sarah geschnitten, und beim Mittagessen sprach schließlich keine der Klassenkameradinnen mehr mit ihr.

Verwirrt und verletzt wanderte Jolie über den Schulhof auf der Suche nach Cole. Endlich entdeckte sie ihn, als er aus der Bücherei kam. Als er sie sah, wollte er an ihr vorbeigehen.

„Cole“, sprach sie ihn an. „Was ist los mit Hannah? Sie spricht nicht mehr mit mir, sie weint, sie scheint völlig verzweifelt zu sein. Was ist passiert?“ Jolie griff nach seinem Arm, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Als Cole sich voller Wut aus ihrem Griff wand, war auch sie den Tränen nah. „Bitte … Ich … Ich will doch nur wissen, was geschehen ist.“

„Frag deine Mutter“, sagte er mit eiskalter Stimme. „Und fass mich nicht an.“

Schamrot zog Jolie ihre Hand zurück. „Entschuldige.“ Seine grünen Augen schienen vor Hass zu brennen. „Cole, bitte. Hannah geht mir aus dem Weg, und ich habe keine Ahnung, warum. Erst Hannah, dann Sarah, jetzt auch noch die anderen Mädchen – niemand spricht mehr mit mir.“

„Was geht mich das an?“, entgegnete er kühl. „Warum sollte ich auch nur einen Gedanken an dich und deine Probleme verschwenden? Lass Hannah in Ruhe, und mich auch, verdammt.“

„Aber warum?“, fragte sie leise. „Bitte Cole, was habe ich denn getan?“

1. KAPITEL

Die Kiste war sperrig und ließ sich unglaublich schwer transportieren. Aber es gab keine andere Möglichkeit, und so schleppte und schob Jolie Tanner den wuchtigen Karton, bis sie ihn endlich auf dem Skibob verladen hatte und festzurren konnte. Waren Pappkartons überhaupt stabil genug für einen solchen Transport? Egal, sie hatte keine Wahl.

Es war Zeit zu gehen. Ein letztes Mal kehrte Jolie zu dem kleinen Häuschen zurück, suchte mit den dicken Profilsohlen ihrer dicken Schneeschuhe Halt auf den vereisten Stufen und blickte sich noch einmal prüfend um. Alles war aufgeräumt, sauber und seltsam unpersönlich. Sie hatte ihre Mission erfüllt. Jolie zog die Tür zu und schloss ab.

Während sie auf den Fahrersitz des Skibobs kletterte, sah sie weiter unten die wartende Gondel und überlegte, wie sie die Kiste wieder von dem Motorschlitten hinunterwuchten und in der kleinen Kabine verstauen sollte. Seufzend fuhr sie über die breite Piste und parkte den Bob schließlich an der Seite der Bergstation.

Die motorisierten Schneemobile gehörten Hare, dem Chef der Bergwacht, ebenso der gefütterte Overall, den er Jolie für die Fahrt geliehen hatte. Auch das Funkgerät in der Jackentasche war von Hare. Noch vor ein paar Minuten war es rauschend angesprungen und Hare hatte sich bei ihr gemeldet, um sie zu warnen. Es sei eine Wetterverschlechterung angekündigt, sie solle sich unbedingt beeilen, ins Tal zu kommen, hatte er gesagt.

„Die letzte Gondel geht in fünf Minuten. Und du solltest zusehen, dass du sie noch erreichst“, hatte er seinen Funkspruch beendet.

Alles an seinen Platz, dieser Satz ging ihr durch den Kopf, als sie vom Bob stieg und ihn sicherte. „Alles an seinen Platz“ – das war eine der wichtigsten Regeln, die Hare jedem Mitarbeiter, der für die Bergwacht arbeitete, immer wieder einschärfte. Jedes Werkzeug, jeder Rettungsgurt, wurde nach Gebrauch sofort wieder einsortiert. Wer gegen dieses eherne Gesetz verstieß, konnte sich sofort wieder von der Bergwacht in Silverlake Mountain verabschieden und sich einen neuen Job suchen in den Bars, Restaurants und Hotels von Queenstown.

„Alles erledigt?“, erkundigte sich Hare, als sie in den Kontrollraum trat und die Tür hinter sich schloss.

„Ja, alles klar.“ Jolie hängte die Schlüssel des Skibobs an den Haken und stellte das Funkgerät in die Ladestation. Dann nahm sie den Schlüssel der Berghütte aus der Jackentasche und hielt ihn dem großen, bärenstarken Mann hin. „Mama hat mich gebeten, dir auch diesen Schlüssel zu geben.“

Hare kratzte an einem nicht vorhandenen Mückenstich, statt den Schlüssel zu nehmen. Also legte Jolie ihn einfach auf den Tresen, um ihn loszuwerden. Sie konnte es Hare nicht verübeln, dass auch er ihn nicht haben wollte.

„So haben wir noch nie zusammengesessen“, stellte er fest.

„Das stimmt, aber da bist du keine Ausnahme“, gab sie zu. Das war die Wahrheit, und nur Hare gegenüber konnte sie so offen sprechen. Jeder andere erlebte sie schweigend, beinahe feindlich, und abweisend – ein Schutzmechanismus, den sie seit ihrer Jugendzeit pflegte. „Vielleicht wird jetzt alles anders.“

Der Tod gab allen Dingen eine plötzliche Endgültigkeit.

„Wie hält sich deine Mutter?“, erkundigte sich Hare. „Ist sie zur Beerdigung gegangen?“

„Nein“, erwiderte Jolie zögernd. „Natürlich nicht. Sie hatte geplant, stattdessen um den Wanaka-See zu laufen. Vermutlich will sie sich auf diese Weise von ihm verabschieden.“

„Arbeitet sie heute Abend in der Bar?“, wollte Hare wissen.

Jolie nickte. „Sie hat mich gebeten, dir auszurichten, dass sie dich zu einem stillen Umtrunk einlädt. Eine Art Trauerfeier.“

„Sie hat ihn sehr geliebt“, meinte Hare gerührt. „Das wird ihr immer bleiben, auch wenn sie sonst nichts von ihm behalten kann.“

„Ich weiß. Es ist nur …“ Die ganze Zeit hatte Jolie versucht, gegen die Bitterkeit anzukämpfen. Aber schließlich hatte sie den gesamten Nachmittag damit verbracht, alle Spuren ihrer Mutter aus dem luxuriösen Leben von James Rees zu löschen und dabei festgestellt, wie viel ihre Mutter für diesen Mann aufgegeben hatte – und was sie andererseits dafür bekommen hatte. „Ich weiß.“

Hare konnte nichts dafür. Damals, als junger Auszubildender der Bergwacht, hatte James Rees ihn beauftragt, auf Jolie aufzupassen, während ihre Mutter mit ihrem verheirateten Liebhaber mit der Gondel auf den Berggipfel fuhr. Seither hatte Jolie wie eine Klette an ihm gehangen bis zu dem Zeitpunkt, als sie beschloss, alt genug zu sein, um auf sich selbst aufzupassen.

Hare hatte ihr das Skilaufen beigebracht, ihr die Berge gezeigt und sie immer behütet. Doch vor der harten Realität konnte selbst Hare sie nicht schützen.

Jolies Leben hatte sich von Grund auf geändert, nachdem James Rees’ Affäre mit Rachel Tanner ans Licht gekommen war. Ihre Freunde hatten sie fallen lassen, und es war ihr nie wirklich gelungen, neue Freundschaften zu knüpfen. Als dann die Jungen begonnen hatten, sich für sie zu interessieren – und das hatten sie wahrlich – musste Jolie erkennen, dass aus früheren Freundinnen plötzlich eifersüchtige Feindinnen werden konnten, die genau wussten, wie sie mit wenigen Worten jemanden tief verletzen konnten.

„Bleibst du länger in Queenstown?“, wollte Hare wissen. „Deine Mutter kann dich jetzt sicherlich gut gebrauchen.“

Jolie zuckte die Schultern. „Ein paar Wochen werde ich bleiben. Aber dann muss ich zurück nach Christchurch.“

„Ich habe gehört, du arbeitest dort als Zeichnerin.“

„Stimmt.“ Sie hatte all ihren Mut zusammengenommen und sich bei einer Produktionsfirma beworben, die an Spezialeffekten für Filme arbeitete. Ihr Talent war überzeugend gewesen, und so konnte sie bleiben. Die Bezahlung war gut – wenigstens etwas, worüber sie sich keine Sorgen machen musste.

„Könntest du nicht von hier aus arbeiten?“

„Warum sollte ich?“

„Ich weiß nicht.“ Hare zögerte. Verlegen kratzte er sich am Kopf und runzelte die Stirn. „Vielleicht ist es jetzt einfacher für dich, hier zu sein. Nach dem Tod von James, meine ich.“

„Oh nein. Hannah ist noch hier, Cole ebenfalls. Und James’ Witwe.“ Die eigenbrötlerische Christina Rees. „Schließlich gehört ihnen die halbe Stadt. Und sie werden niemals ein Interesse daran haben, etwas für eine Tanner einfacher zu machen.“

„Es war für keinen von euch leicht“, gab Hare zu bedenken. „Wäre jetzt nicht ein guter Anlass, die alte Feindschaft zu beenden?“

„Vernünftig betrachtet, hast du natürlich recht“, erwiderte Jolie. „Aber die Fehde zwischen den Tanners und den Rees’ hat nichts mit Vernunft zu tun.“

„Das muss doch nicht so bleiben.“

„Oh doch, das wird es.“ Offen und freundlich sah sie Hare an. Der große, oft rau wirkende Mann war immer nett zu ihr gewesen und kannte die wahre Jolie besser als die meisten anderen. „Hare, ich werde nicht nach Queenstown zurückkehren. Mein ganzes Leben bestand nur daraus, mich vor anderen Menschen zu verstecken. Nie konnte ich so sein, wie ich wollte. Für alle war ich nur die Tochter der Geliebten von James Rees. In Christchurch dagegen“, Jolie suchte nach den richtigen Worten, „habe ich endlich den Mut gefunden, ich selbst zu sein. Und ich muss zugeben, dass es mir gefällt.“

„Hast du schon Freunde gefunden?“

„Noch nicht wirklich.“ Wieder zuckte sie die Schultern. „Aber zumindest habe ich dort keine Feinde. Das ist doch auch schon etwas, oder?“

„Klar“, murmelte Hare.

Nun hatte sie ihn in Verlegenheit gebracht und sich selbst bloßgestellt. Ein guter Zeitpunkt, um zu verschwinden. „Ich würde jetzt gern die letzte Gondel nehmen.“

„Noch einen Moment, ich warte noch auf jemanden, der mitfahren will.“

„Auf wen?“ Die Piste war wegen des angesagten Unwetters bereits geschlossen. Jolie hatte geglaubt, alle Mitarbeiter und Skiläufer seien schon seit Stunden im Tal. Alle bis auf Hare, der in einer kleinen Hütte am Rande des Skigebiets lebte.

„Cole.“

„Cole Wer?“, fragte sie alarmiert.

Doch Hare antwortete nicht, er wagte nicht einmal, sie anzusehen.

Jolies Magen krampfte sich zusammen. „Cole Rees ist hier auf dem Berg?“

„Er ist vor ein paar Stunden gekommen und wollte auf den Gipfel.“

„Was will er da?“

Hare zuckte die Schultern.

„Aber … wie kann das sein?“ Um die Sachen ihrer Mutter zu packen, hatte sie extra einen Zeitpunkt gewählt, zu dem kein Rees in der Nähe war. So hatte sie zumindest geglaubt. „Warum ist er nicht auf der Beerdigung?“

„Ich habe ihn nicht gefragt. Der Mann sah nicht aus, als habe er Lust, lange mit mir zu reden.“

Und gleich würde er mit ihr gemeinsam in der kleinen Gondel sitzen, um ins Tal zu fahren. Nur Cole Rees und Jolie Tanner, und zwischen sich eine Kiste mit all den Erinnerungen an die vergangenen zwölf Jahre, die ihre Mutter mit James Rees verbracht hatte. „Großartig“, versetzte sie. „Ganz toll. Gibt es eine Möglichkeit, eine zweite Gondel zu aktivieren, damit Cole Rees ungestört bergab fahren kann?“

Hare schüttelte den Kopf. „Ich bin froh, dass ich diese eine trotz der Blizzardwarnung zurückhalten konnte.“ Er blickte aus dem Fenster und nickte. „Zeit zu gehen, Mädchen. Cole ist da.“

Jolie folgte seinem Blick und sah ihn. Cole. Mit langen, kräftigen Schritten bahnte er sich den Weg durch den Schnee zur Seilbahn, das pechschwarze Haar vom Wind zerzaust, das markante Gesicht dem Sturm ausgesetzt. Er wirkte so rücksichtslos, unberechenbar und gleichzeitig so männlich, dass Jolie beinahe erstarrte. Sie durfte gar nicht daran denken, wie sehr er alle Tanners hasste. „Wunderbar“, sagte sie mit grimmiger Entschlossenheit. „Dann kann es ja losgehen.“

Sie griff nach einer alten, zerfransten Schaffellmütze mit Ohrenklappen, die irgendjemand in der Bergstation vergessen hatte, und stülpte sie über den Kopf. Dann band sie ein dickes, schwarzes Halstuch um und setzte eine Skibrille auf – ebenfalls eine Fundsache, die nie abgeholt worden war.

Ausdruckslos sah Hare ihr zu. „Wenn du willst, kannst du den Overall anbehalten“, bot er an.

„Danke. Ich bringe ihn dir morgen zurück.“ Unter dem dicken, unförmigen Anzug konnte niemand erkennen, ob eine Frau oder ein Mann darin steckte.

„Dein Haar“, bemerkte Hare.

„Oh.“ Noch einmal nahm sie Mütze und Skibrille ab, steckte ihre lange, dunkelrote Mähne auf und verbarg sie unter der Fellkappe. Zu guter Letzt schlug sie die Ohrenklappen hinunter. „Besser?“, erkundigte sie sich.

„Du siehst aus wie ein Cousin von E.T.“, grummelte Hare. „Ich schätze, genau das war dein Plan?“

„Erfasst“, gab sie zurück und setzte die dicke Brille wieder auf. Dann beugte sie sich vor, um sich von ihrem alten Freund und Mentor zu verabschieden.

Doch der trat schnell einen Schritt zurück. „Komm bloß nicht auf die Idee, mich zu umarmen.“

„Bis später.“ Ganz kurz nur tätschelte Jolie seinen Arm. „Sehe ich dich heute Abend in der Bar?“

„Wenn das Wetter wieder besser wird, ja“, gab Hare zurück und schaute auf den Monitor, der noch immer eine Unwetterfront anzeigte, die direkt in das Gebiet zog. „Sieht aber nicht so aus. Sag deiner Mutter, ich komme, sobald ich kann.“

„Das mache ich.“

„Und richte ihr aus, wie sehr es mir leidtut, dass sie diesen Verlust erleiden musste.“

„Auch das“, versicherte Jolie mit belegter Stimme. Sie war gerührt über Hares Einfühlungsvermögen, das sich in diesen wenigen Worten ausdrückte. Denn Rachel Tanner, eine Barbesitzerin mit zweifelhaftem Ruf – Gerüchten nach war die Bar ein Geschenk von James Rees an seine Geliebte – konnte ganz sicher nicht mit viel Mitgefühl rechnen, weil sie um ihren verheirateten Liebhaber trauerte.

Hare warf einen letzten Blick aus dem Fenster und schaute sorgenvoll in den verhangenen Himmel. „Kia waimarie, meine Kleine. Viel Glück. Lass den Kopf nicht hängen.“

Seufzend sah Hare Jolie nach, wie sie zur Seilbahn hinüberstapfte. Natürlich hatte sie recht, es war vermutlich der schlechteste Zeitpunkt, Cole Rees ausgerechnet heute zu begegnen. Aber sie konnte es nicht ändern. Irgendwann auf der Fahrt ins Tal würde Cole sein Gegenüber näher betrachten, und ganz sicher erkannte er dann, um wen es sich handelte. Spätestens ein Blick in ihre großen grauen Augen würde ihm verraten, wer bei ihm saß.

Niemand, sinnierte Hare, hatte Augen wie die Frauen der Tanners. Diese Herausforderung, die in der Tiefe ihres Blicks lauerte. Ein verlockender Mix aus Selbstbewusstsein und unendlicher Verletzlichkeit.

In diesen Augen konnte ein Mann sich verlieren.

Cole Rees senkte den Kopf und beschleunigte seinen Schritt, als er die Gondel vor sich auftauchen sah. Das Wetter passte zu seiner Stimmung: trübe und unberechenbar. In seinem Innern erlebte er ein Wechselbad der Gefühle – mal überwogen Trauer und Bedauern, dann wieder Wut und Trotz. Er hatte es auf der Beerdigung seines Vaters nicht ausgehalten. Bei all den Lobesreden, die auf den Verstorbenen gehalten worden waren, hatte sich ihm der Magen umgedreht. Die echte, tiefe Trauer seiner Mutter hatte ihn rasend gemacht. Und als dann auch noch seine Schwester ihn inständig gebeten hatte, die Dinge nicht noch schlimmer zu machen, war ihm klar geworden, dass er keinen Moment länger bleiben konnte, ohne seinen toten Vater zur Hölle zu wünschen.

Als er die Trauerfeier vorzeitig verlassen hatte, war seine Mutter, der gesellschaftliches Ansehen über alles ging, förmlich in sich zusammengesackt. Hannah, seine Schwester, war stärker. Er wusste, sie würde ihn früher oder später dafür bluten lassen, dass er die Familie mit seinem unpassenden Aufbruch bloßgestellt hatte.

Zumindest die Klatschmäuler waren befriedigt, wenn auch nur für kurze Zeit.

Am liebsten hätte er jetzt in den Armen einer Frau versucht, das alles hinter sich zu lassen. Doch selbst der Wunsch nach schnellem Sex erinnerte ihn an seinen Vater. Cole war seinen wechselnden Geliebten gegenüber längst nicht mehr so rücksichtslos und unsensibel wie früher, aber noch immer stand für ihn fest, dass keine Frau es wert war, echte Gefühle an sie zu verschwenden. Er liebte es, eine Frau zu erobern und zu verführen, aber mehr als das hatte keine von ihnen verdient. Schließlich hatte er erlebt, wohin es führen konnte, eine Affäre zu ernst zu nehmen. Sein Vater hatte diesen Fehler gemacht und damit seine Familie zerstört.

Seine Mutter hatte eine Totenwache für ihren Mann organisiert, aber auch daran wollte Cole nicht teilnehmen. Stattdessen hatte es ihn hinauf in die Berge gezogen. Er wollte auf seine eigene Weise Abschied von seinem Vater nehmen.

Sein Blick fiel auf die neue Seilbahn, für die er sich stark gemacht hatte. Sie ersetzte die veralteten Sessellifte und brachte doppelt so viele Skifahrer auf die Pisten wie früher. Der ganze Ort profitierte davon.

Cole sah hinauf zu den Fenstern der Bergstation und winkte, als er Hare entdeckte. Ihm war aufgefallen, dass der Chef der Bergbahnen nicht bei der Beerdigung gewesen war, aber er wusste, dass der starke, stolze Maori sein ganz eigenes Leben führte und sich nicht darum scherte, was von ihm erwartet wurde. Doch James Rees gegenüber war er immer loyal gewesen. Ein treuer Freund, ein zuverlässiger Mitarbeiter.

In diesem Moment trat ein dick vermummter Junge aus der Tür und wandte sich in die Richtung der wartenden Seilbahn. Er ging in Coles Spur, blieb aber weit hinter ihm und schloss gewissenhaft die Tore hinter ihnen. Als Cole unter dem schützenden Vordach der Seilbahnstation angekommen war, schüttelte er den Schnee von seinem Mantel und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Dann stieg er in die Gondel, in der ein riesiger Pappkarton schon die Hälfte des Platzes einnahm. Fröstelnd steckte Cole die Hände in die Taschen seines Wollmantels. Ganz eindeutig war er viel zu dünn angezogen für eine Bergtour. Unter dem Mantel trug er noch den schwarzen Anzug von der Beerdigung. Nur die Lederschuhe hatte er gegen Bergstiefel getauscht.

Jetzt hatte auch der Junge die Gondel erreicht, schwang sich hinein und zog die Tür hinter sich zu. Er war klein und schmal für einen von Hares Gehilfen. Normalerweise stellte Hare nur Männer ein, die nicht nur Verstand besaßen, sondern auch kräftig und durchtrainiert waren.

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