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(K)ein Mann für die Ewigkeit?

Heidi Rice

(K)ein Mann für die Ewigkeit?

1. KAPITEL

Das Klacken der fünfzehn Zentimeter hohen Stilettoabsätze von Issy Helligans Overknee-Stiefeln hallte wie Pistolenschüsse von dem Marmorfußboden wider.

Als sie sich der geschlossenen Tür am Ende des Ganges näherte, hielt sie inne. Doch trotz der Stille kam ihr Magen nicht zur Ruhe. Chronisches Lampenfieber – Issy presste eine Hand auf ihren Bauch und betrachtete das kunstvoll gearbeitete Messingschild, das den Raum als „Gemeinschaftssalon Ostflügel“ auswies.

Ganz ruhig. Du kannst das. Du hast sieben Jahre Erfahrung im Theaterfach.

Als sie das gedämpfte Geräusch lauten männlichen Lachens vernahm, wurde ihr in dem Secondhand-Trenchcoat noch heißer.

Es gibt Menschen, die dich brauchen. Menschen, die dir etwas bedeuten. Sich von alten Wichtigtuern anglotzen zu lassen, ist ein kleiner Preis dafür, diese Menschen in Lohn und Brot zu halten.

Seit einer Stunde versuchte sie, sich das einzureden, doch es half nicht. Sie zog den Mantel aus und legte ihn auf den Sessel neben der Tür. Dann sah sie an sich herab, und es schnürte ihr die Kehle zu.

Der blutrote Satin ließ ihre üppigen Kurven wie eine Sanduhr erscheinen – ihre Taille wirkte unnatürlich schmal. Sie holte Atem, und die Verstärkung des Korsetts grub sich in ihre Rippen.

Sie löste ihr Haar, ließ ihre rötlichen Locken über ihre nackten Schultern fallen und zählte bis zehn.

Das Kostüm der „Rocky-Horror-Picture-Show“-Produktion der letzten Saison war nicht gerade dezent, aber bei einem so kurzfristigen Auftrag hatte sie so schnell kaum etwas anderes finden können. Außerdem wollte der Mann, der sie am Morgen gebucht hatte, nichts Dezentes.

„Nuttig, meine Liebe. Nuttig sollte es aussehen“, hatte er in geschliffenem Englisch erklärt. „Rodders zieht nach Dubai um, und wir wollen ihm zeigen, was ihm fehlen wird. Also geize nicht mit weiblichen Reizen.“

Issy war versucht gewesen, ihm zu sagen, er solle sie ihn Ruhe lassen und stattdessen eine Stripperin buchen, doch dann hatte er die Summe genannt, die er zu zahlen bereit wäre, wenn sie eine „vernünftige Show“ ablieferte. Daraufhin behielt sie ihre Antwort für sich.

Nachdem sie sechs Monate gespart und erfolglos nach Geldgebern gesucht hatte, gab es kaum noch eine Möglichkeit, an die dreißigtausend Pfund heranzukommen, die sie brauchte, um den Crown and Feathers Theatre Pub über die nächste Saison zu bringen. „Billet Doux – die Agentur für singende Telegramme“ war die vielversprechendste Idee zur Mittelbeschaffung gewesen. Doch bislang waren sie nur sechs Mal gebucht worden, und zwar ausschließlich von wohlmeinenden Freunden.

In den letzten sieben Jahren hatte Issy es vom Mädchen für alles zur Leiterin des Lokals geschafft, und nun erwartete man von ihr, dass die Show weiterlief.

Issy seufzte. Die Verantwortung, die auf ihr lastete, bereitete ihr Kopfschmerzen, und das Fischbein in ihrem Korsett schnürte ihr den Atem ab. Mit der Drohung der Bank im Rücken, den Kredit für das Theater sofort zu kündigen, konnte sie es sich nicht leisten, ihren feministischen Prinzipien treu zu bleiben.

Als sie den Auftrag vor acht Stunden entgegengenommen hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als ihn als einmalige Gelegenheit anzusehen. Sie würde „Life is a Cabaret“ zum Besten geben, ihre weiblichen Reize spielen lassen und mit einem hübschen Sümmchen für den Crown-and-Feathers-Rettungsfonds nach Hause gehen. Außerdem konnte der Auftrag für wertvolle Mundpropaganda sorgen, denn immerhin war dies einer der exklusivsten Herrenclubs der Welt. Unter seinen Mitgliedern fanden sich Prinzen, Herzöge und Lords des Königreichs, ganz abgesehen von den reichsten und mächtigsten Geschäftsleuten Europas.

Eigentlich sollte es ein Kinderspiel sein. Sie hatte dem Auftraggeber ganz klar gesagt, was ein singendes Telegramm beinhaltete und was nicht. Und Roderick Carstairs und seine Freunde wären sicher ein leichteres Publikum als die zweiundzwanzig Fünfjährigen, denen sie letzte Woche „Happy Birthday“ vorgesungen hatte.

Das hoffte sie zumindest.

Doch als sie die schwere Eichentür zum Salon öffnete und ihr das Gejohle und Gelächter der Männer entgegenschlug, erstarb diese Hoffnung auf der Stelle.

Dem Klang nach zu urteilen waren die Männer betrunken – und lange nicht so alt, wie sie angenommen hatte. Wie angewurzelt blieb sie ungesehen im Türrahmen stehen.

Es würde wohl doch kein Kinderspiel werden …

Sie nahm all ihren Mut zusammen, sich in die Höhle des Löwen zu begeben, als sie eine Bewegung auf dem Balkon des weitläufigen Salons wahrnahm. Die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes zeichnete sich vor dem dämmrigen Abendhimmel ab. Er telefonierte. Zwar konnte sie sein Gesicht nicht sehen, doch das, was sie sah, kam ihr so bekannt vor, dass sich Issys Nackenhaare sträubten. Der Anblick des breitschultrigen Fremden mit seinen kraftvollen, raubtierhaften Bewegungen ließ sie augenblicklich erstarrten. Er erinnerte sie an einen Tiger, der in einem Käfig umherstrich.

Doch sie riss ihren Blick los und wandte sich wieder dem körperlosen Gegröle der Männer zu.

Konzentrier dich, Issy. Konzentrier dich.

Sie richtete sich auf und tat einen Schritt nach vorn, doch dann sah sie wieder zum Balkon. Der Fremde war stehen geblieben. Ob er sie beobachtete?

Wieder musste sie an einen Tiger denken. Und plötzlich erinnerte sie sich.

„Gio“, flüsterte sie und bekam kaum noch Luft. Das Korsett zwängte sie ein wie ein Schraubstock.

Keuchend schöpfte sie Atem, während ein Hitzeschauer ihr den Nacken emporstieg und ihren Kopf glühen ließ.

Tu so, als wäre er nicht da.

Gedemütigt von dem Umstand, dass schon der Gedanke an Giovanni Hamilton genügte, sie derart zu erregen, dass ihr Herz sich schmerzhaft zusammenzog, riss sie sich von seinem Anblick los.

Das konnte nicht Giovanni sein. So viel Pech konnte sie gar nicht haben. Dass sie der größten Katastrophe ihres bisherigen Lebens ins Auge sah, wo sie doch gerade dabei war, in die nächste zu schliddern. Sicher bildete sie sich das vor lauter Stress einfach nur ein.

Sie straffte die Schultern und atmete so tief ein, wie das Korsett es erlaubte.

Zeit für deinen Auftritt!

Issy betrat den Hauptraum und sang dabei die ersten Töne von Liza Minellis bekanntestem Lied. Doch als sie Rodders und seine Freunde sah, blieb sie taumelnd stehen. Die besoffenen jungen Hohlköpfe sprangen auf, und ihr Johlen und Pfeifen hallte laut in dem antik eingerichteten Raum wider.

Issys Kehle war wie zugeschnürt. Sie kam sich vor wie Rotkäppchen, die an ein Rudel ausgehungerter, betrunkener Wölfe verfüttert wurde, während sie ihnen in Unterwäsche ein Lied vorsang.

Warum um Himmels willen arbeitet Issy Helligan als Stripperin?

Vom Balkon aus starrte Gio Hamilton sprachlos die junge Frau an, die mit dem Selbstbewusstsein einer Kurtisane den Raum betreten hatte. Ihre weiblichen Kurven wiegten sich im Einklang mit den Schritten ihrer langen Beine. Auf ihrem Kostüm, das einen Zuhälter hätte erbleichen lassen, glitzerten Pailletten.

„Gio?“ Die Stimme seiner Sekretärin aus Florenz drang aus dem Telefon.

Si, Gio.“ Er versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. „Wegen des Projekts in Venedig melde ich mich noch einmal bei dir“, sagte er. „Wahrscheinlich ist es nur eine Formalität. Ciao.“ Er beendete das Gespräch. Und starrte.

Das war doch nicht das süße, ausgelassene und unfassbar naive Mädchen, mit dem er aufgewachsen war!

Doch dann sah er die blasse, sommersprossige Haut ihrer Schultern und wusste, sie war es. Pulsierende Hitze strömte ihm in die Lenden, als er an seine letzte Begegnung mit ihr dachte. Dieselbe blasse Haut, leicht gerötet nach ihrem Liebesspiel, und dieselben rötlich braunen Locken, die über ihre nackten Schultern fielen.

Das alte Lied aus dem Musical, das wegen des Gejohles kaum zu hören war, holte Gio in die Gegenwart zurück. Issys volle, samtige Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken, seine Erregung wuchs, bis schließlich die Rufe „Ausziehen, Ausziehen“ von Carstairs und den anderen ihren Gesang gänzlich übertönte.

Gios Geringschätzung für den arroganten Schnösel und seine Kumpel verwandelte sich augenblicklich in Verachtung, als Issy erstarrte und ihr Lied abbrach. Auf einmal war sie nicht mehr die unerfahrene junge Frau, die ihn in einer heißen Sommernacht verführt hatte, sondern das unbeholfene Mädchen, das ihm seine gesamte Teenagerzeit lang hinterhergelaufen war, die blauen Augen vor Bewunderung leuchtend.

Eine Mischung aus Ärger, Erregung und etwas, das er nicht wahrhaben wollte, stieg in ihm auf.

Dann machte Carstairs einen Satz nach vorn. Gio ballte die Hände zu Fäusten, als Carstairs Issys Taille umfasste. Sie drehte den Kopf weg, sodass er sie nicht küssen konnte.

Das durfte doch nicht wahr sein.

„Lass deine schmutzigen Finger von ihr, Carstairs.“

Elf Augenpaare richteten sich auf ihn.

Issy schrie kurz auf, als er auf sie zukam. Ihre Augen wurden erst groß vor Staunen und dann starr vor Schreck.

Carstairs hob den Kopf, sein Gesicht vom Champagner gerötet, sein Blick verwirrt. „Wer zum …“

Gio verpasste ihm einen Kinnhaken. Schmerz durchzuckte seinen Arm. Er rieb sich die pochenden Knöchel und sah zu, wie Carstairs auf dem Teppichboden zusammensackte.

Als er Issy nach Luft schnappen hörte, drehte Gio sich um und sah, wie ihr Blick abglitt. Noch während sie fiel, fing er sie auf und hob sie auf seine Arme. Gio kümmerte sich nicht um die Bemerkungen von Carstairs Freunden. Keiner von ihnen war nüchtern genug, um ihm Probleme zu machen.

„Schaffen Sie dieses Stück Dreck hier raus, sobald er das Bewusstsein wiedererlangt“, befahl Gio dem älteren Kellner, der von seinem Posten im Billardraum herbeigeeilt war.

Der Mann nickte. „Sehr wohl, Euer Durchlaucht. Wird die Dame wieder zu sich kommen?“

„Ja, es geht schon. Lassen Sie mir bitte Eiswasser und Brandy aufs Zimmer kommen, sobald sie sich um Carstairs gekümmert haben.“

Gio holte tief Luft und ging den Korridor in Richtung der Aufzüge entlang. Dabei atmete er den Rosenduft ihres Haars ein und stellte fest, dass nicht nur seine Knöchel pochten.

Als er den Fahrstuhl betrat, bewegte Issy sich ein wenig, und nun, im Neonlicht, konnte er ihr Gesicht besser sehen.

Der leichte Überbiss gab ihr einen unwiderstehlichen Schmollmund. Trotz des dicken Bühnen-Make-ups und dem knallrot glänzenden Lippenstift strahlte ihr herzförmiges Gesicht noch immer die verlockende Kombination von Unschuld und Sinnlichkeit aus, die ihm vor langer Zeit so viele schlaflose Nächte beschert hatte.

Gios Blick fiel auf ihr Dekolleté, das nur knapp von dunkelroter Seide bedeckt wurde. Der alte Aufzug hielt ruckelnd in Gios Etage an, und das Pulsieren in Gios Lenden machte sich wieder bemerkbar.

Er rückte ihren leblosen Körper in seinen Armen zurecht und ging den Korridor zu seiner Suite, die er hier im Club nutzte, hinab.

Schon mit siebzehn war Issy Helligan eine Naturgewalt gewesen. Sie zu ignorieren war ebenso schwer gewesen wie sie zu bändigen. Er war ein Mann, der die Gefahr liebte, aber Issy hatte es geschafft, ihn aus dem Konzept zu bringen.

Und es sah so aus, als hätte sich daran nichts geändert.

Gio stieß die Tür zu seiner Suite auf und ging zum Schlafzimmer. Dort legte er Issy auf das Bett, trat einen Schritt zurück und starrte im Halbdunkel ihren spärlich bekleideten Körper an.

Was sollte er nun mit ihr machen?

Er konnte sich nicht erklären, wieso er das Bedürfnis verspürt hatte, sie zu retten. Sein Verantwortungsgefühl hatte gerade ausgereicht, um Carstairs einen Kinnhaken zu verpassen, doch weiter ging es nicht.

Stirnrunzelnd beobachtete er, wie sie flach atmete, während seine Irritation in gleichem Maße wuchs wie seine Erregung.

Woraus mochte das Ding gemacht sein? Ob es gepanzert war? Kein Wunder, dass sie in Ohnmacht gefallen war. Es sah aus, als bekäme sie kaum Luft.

Leise fluchend setzte er sich auf die Bettkante und öffnete die Schleife an ihrem Dekolleté. Als der Knoten sich löste, gab Issy einen leisen Seufzer von sich. Den Blick auf ihren üppigen Busen geheftet lockerte er das Satinband, mit dem das Korsett zusammengeschnürt war.

Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung gehabt hatte.

Das Drängen in seinem Schritt nahm zu, doch er widerstand der Versuchung, das Korsett ganz zu öffnen, um noch mehr von Issy sehen zu können. Dann entdeckte er rote Flecken auf ihrer blassen Haut, überall dort, wo die Verstärkungen des Mieders sich in ihr Fleisch gebohrt hatten.

„Um Himmels willen, Issy“, murmelte er und fuhr mit dem Daumen über eine der Stellen.

Was hatte sie sich überhaupt dabei gedacht, so etwas anzuziehen? Und vor besoffenen Idioten wie Carstairs herumzutanzen?

Issy Helligan hatte schon immer jemanden gebraucht, der auf sie aufpasste. Er würde ein ernstes Wörtchen mit ihr sprechen, sobald sie wieder zu sich käme.

Gio erhob sich und ging zum Fenster. Nachdem er die Samtvorhänge zurückgezogen hatte, setzte er sich auf den Barocksessel neben dem Bett. Nun, es würde nicht schwer sein, herauszufinden, was los war.

Hinter ihrem katastrophalen Auftritt vorhin steckten sicherlich Geldsorgen. Issy war schon immer eigensinnig und draufgängerisch gewesen, aber dass sie sich in dieser Weise anbot, passte nicht zu ihr. Also würde er ihr eine kleine Kapitalspritze anbieten, sobald sie aufgewacht wäre. Dann würde sie nie wieder etwas so Törichtes tun müssen, und er wäre in der Lage, sie zu vergessen.

Sein Blick streifte eine ihrer verlockenden rosigen Brustknospen, die unter dem Satinrand des Korsetts hervorlugte.

Wenn sie wusste, was gut für sie war, würde sie das Geld nehmen.

Issys Lider flackerten, als sie den sauberen Geruch der frisch gewaschenen Bettwäsche wahrnahm.

„Schön, dich wiederzusehen, Isadora.“ Die tiefe, männliche Stimme drang ihr ins Bewusstsein, und ein warmes, weiches Gefühl breitete sich in ihrem Innern aus.

Sie holte tief Luft und seufzte erleichtert – endlich konnte sie wieder atmen.

„Ich habe dieses Folterwerkzeug von Kleidungsstück ein wenig gelockert. Kein Wunder, dass du in Ohnmacht gefallen bist. Du konntest kaum atmen!“

Da war wieder diese umwerfende Stimme, diese britische Aussprache der Vokale, gepaart mit einem mediterranen Akzent – und dieser tadelnde Unterton. Diese Stimme kannte sie doch?

Issy öffnete die Augen und sah die stuckverzierte Zimmerdecke über sich. Als sie den Kopf drehte, sah sie einen Mann neben dem Bett sitzen. Als sie ihn erkannte, fiel sie kopfüber von der Zuckerwattewolke, auf der sie schwebte, in die unerfreuliche Realität zurück.

Sie kniff die Augen zu, warf den Arm vors Gesicht und ließ sich ins Kissen zurücksinken. „Geh weg. Ich bilde mir dich doch nur ein“, stöhnte sie. Aber es war zu spät.

Ein kurzer Blick hatte genügt, und seine herben, anziehenden Züge hatten sich auf ihrer Netzhaut eingebrannt und ließen ihr Herz wie verrückt pochen. Die wohlgeformten Wangenknochen, das kantige Kinn mit dem kleinen Grübchen, das leicht gewellte, zurückgekämmte braune Haar, die dunklen Brauen und die schokoladenbraunen Augen unter den dichten Wimpern waren verlockender als die Sünde selbst. Es versetzte ihr einen Stich, daran zu denken, wie er sie bei ihrer letzten Begegnung angesehen hatte, den Blick überschattet von Ärger und Reue.

Und dann kam die Erinnerung zurück. Issy stöhnte laut auf.

Carstairs schwitzige Hände, die nach ihrer Taille griffen, sein nach Whisky und Zigarre stinkender Atem. Der Schreck, als Carstairs Kopf nach hinten geschleudert wurde und Gio vor ihr aufragte. Und dann das laute Summen in ihren Ohren, bevor sie schließlich in Ohnmacht fiel.

„Verschwinde und lass mich in Frieden sterben“, stöhnte sie.

Sie hörte ein leises, heiseres Lachen und verzog das Gesicht. Hatte sie das eben etwa laut gesagt?

„Du übertreibst wie eh und je, Isadora.“

Mutlos ließ sie den Arm sinken und starrte ihren Peiniger an. In Anbetracht seiner braungebrannten Arme, über denen sich der schwarze Stoff seines Poloshirts spannte, und dem spöttischen Funkeln seiner Augen musste sie sich eingestehen, dass dies wohl keine Halluzination war. Die wenigen grauen Haare an seinen Schläfen und die Lachfalten in seinen Augenwinkeln hatte er vor zehn Jahren noch nicht gehabt, doch mit einunddreißig Jahren war Giovanni Hamilton noch genauso attraktiv wie mit Einundzwanzig. Und doppelt so umwerfend.

Warum hatte er nicht fett, hässlich und glatzköpfig werden können? Das wäre das Mindeste gewesen, was er verdient hätte.

„Nenn mich nicht Isadora. Ich hasse diesen Namen.“ Falls das überheblich klang, war es ihr egal.

„Wirklich?“ Er verzog spöttisch den Mund. „Seit wann?“

Seitdem du mich verlassen hast.

Sie verdrängte die Erinnerung. Allein nur daran zu denken, wie sie es geliebt hatte, wenn er sie mit ihrem Vornamen ansprach! Oft hatte sie sich tagelang in dem Gefühl gesonnt, dass er sie überhaupt wahrnahm.

Wie erbärmlich.

Zum Glück war sie nicht mehr die sehnsüchtige und leicht zufriedenzustellende Jugendliche von damals.

„Seitdem ich erwachsen geworden bin und gemerkt habe, dass er nicht zu mir passt“, erwiderte sie und versuchte dabei, das warme Gefühl zu ignorieren, das sich in ihrem Inneren ausbreitete, während er sie anlächelte.

Er rekelte sich ein wenig auf dem Sessel, und sein verführerisches Grinsen wurde noch ein wenig breiter. Ihre Zurückweisung schien ihn nicht im Geringsten zu treffen.

Sein Blick wanderte auf ihr Dekolleté. „Ich habe schon bemerkt, wie erwachsen du geworden bist. Es ist schwer zu übersehen.“

Ihr wurde heiß von seinem anzüglichen Ton. Plötzlich gewahr, wie viel Haut sie zeigte, richtete sie sich auf, wobei ihr Korsett herunterrutschte. Errötend zog sie die Knie an und schlang die Arme darum.

„Das war nur ein Job“, verteidigte sie sich, verdrossen darüber, dass sie sich in dem Kostüm nun viel nackter vorkam als eben noch vor Carstairs und seinen Freunden.

„Ein Job? So nennst du das also“, antwortete Gio trocken. „Für was für einen Job musst du dich von Idioten wie Carstairs belästigen lassen?“ Er kniff die Augen zusammen. „Was glaubst du eigentlich, was passiert wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre?“

Im Nachhinein war ihr klar, dass sie den Auftrag nie hätte annehmen sollen. Und vielleicht hätte sie den Raum nicht betreten dürfen, nachdem sie wahrgenommen hatte, wie betrunken ihr Publikum war. Aber sie stand schon monatelang unter Druck. Die Existenzgrundlage der Menschen, die sie liebte, stand auf dem Spiel, ebenso wie das eigene Auskommen.

Also hatte sie die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Und es war schiefgegangen. Aber sie würde es nicht bereuen. Und vor allem würde sie sich nicht von jemandem, der sich noch nie für jemand anderen als für sich selbst interessiert hatte, dafür kritisieren lassen.

„Wage es nicht, mir die Schuld für Carstairs furchtbares Verhalten zu geben“, schimpfte sie aufgebracht.

Überraschung blitzte in Gios Blick auf.

Gut so.

Es wurde Zeit, dass er begriff, dass sie nicht mehr das alberne Mädchen war, das ihm hinterherlief.

„Der Mann war sturzbetrunken und notgeil“, fuhr sie fort, während sie sich auf die Bettkante setzte. „Niemand hat dich darum gebeten, dich einzumischen.“ Sie stand auf und sah ihn an. „Du hast das aus eigenem Antrieb getan. Wenn du nicht da gewesen wärst, wäre ich schon alleine klargekommen.“

Wahrscheinlich.

Das rutschende Kostüm fest im Griff durchquerte sie das verschwenderisch ausgestattete Schlafzimmer. Was würde sie dafür geben, jetzt ihre Lieblingsjeans und ein T-Shirt anzuhaben! Irgendwie schien das, was sie sagte, weniger Eindruck zu machen, solange sie aussah wie eine entlaufene Tänzerin aus dem „Moulin Rouge“.

„Wo willst du hin?“, fragte er mit drohendem Unterton.

„Ich gehe“, antwortete sie und griff nach der Türklinke. Doch als Issy sie aufzog, landete eine große Hand über ihrem Kopf und schlug die Tür wieder zu.

„Nein, das wirst du nicht“, widersprach er ihr trocken.

Sie wirbelte herum und begriff augenblicklich, dass das ein Fehler war. Ihre nackten Schultern berührten die Tür, und ihr stockte der Atem. Er stand so dicht vor ihr, dass sie die goldenen Sprenkel in seinen Augen sehen, den würzigen Geruch seines Aftershaves riechen und die Wärme seines Körpers dicht an ihrem eigenen spüren konnte.

Sie fühlte, wie ihre Brustspitzen sich aufrichteten, und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Anwesenheit ließ all ihre empfindlichen Stellen pulsieren.

„Was?“, versetzte sie. Sie fühlte sich in die Ecke gedrängt. Das letzte Mal, als ihr Gio so nah gewesen war, hatte sie ihre Unschuld verloren.

„Es gibt keinen Grund dafür, jetzt davonzustürmen.“ Sein steinharter Bizeps zuckte neben ihrem Ohr, bevor er seinen Arm sinken ließ. Als er einen Schritt zurückwich, atmete sie auf.

„Du hast mich missverstanden“, sagte er und seufzte ungeduldig.

„Inwiefern?“ Sie warf den Kopf zurück und reckte stolz ihr Kinn vor.

Mit ihren ein Meter siebenundsechzig und den fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen müsste sie eigentlich auf Augenhöhe mit ihm sein. Doch das war nicht der Fall.

Sie setzte einen gelangweilten Blick auf. Keine leichte Übung in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich nicht gut verstellen konnte und dass sie sich fühlte, als würde ihr das Herz erneut aus der Brust gerissen. Tapfer schob sie die Erinnerung beiseite und verstaute sie in der Schublade mit der Aufschrift „Größter Fehler meines Lebens“, während er sie mit unergründlichem Blick musterte. Unfassbar, dass sie diesen ausdruckslosen Blick früher für rätselhaft gehalten hatte – er war nie etwas anderes gewesen als der Beweis dafür, dass Gio keine Seele hatte.

„Carstairs hat bekommen, was er verdient hat, und ich habe es ihm gegeben“, bemerkte er eisig und ballte die Hand in der Hosentasche zur Faust. „Ich gebe nicht dir die Schuld, ich gebe der Situation die Schuld.“ Sein Blick traf ihren, und sie sah etwas darin, was sie erstaunte. War das etwa Besorgnis?

„Wenn du Geld gebraucht hast, hättest du zu mir kommen sollen“, sagte er streng, und sie wusste, dass sie sich geirrt hatte. Das war keine Besorgnis, es war Geringschätzung.

„Du hättest niemals Stripperin werden brauchen.“

Hatte er wirklich Stripperin gesagt?

Er umfasste ihr Gesicht, und die Erwiderung blieb ihr im Hals stecken.

„Ich weiß, dass es nicht gut mit uns ausgegangen ist, aber wir waren einmal Freunde. Ich kann dir helfen.“ Fast unmerklich strich er mit dem Daumen über ihre Wange. „Und egal was passiert: Du suchst dir einen anderen Job.“ Sein herrischer Ton konnte nicht über seine Erregung hinwegtäuschen. „Denn abgesehen von allem anderen bist du eine furchtbare Stripperin.“

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