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Kaufmann deckt auf

© 2018 Konstantin A. M. Kaufmann

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7469-1989-8
Hardcover:978-3-7469-1990-4
e-Book:978-3-7469-1991-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

WEHE JEDER ART VON BILDUNG, WELCHE DIE WIRKSAMSTEN MITTEL WAHRER BILD-UNG ZERSTÖRT UND UNS AUF DAS ENDE HINWEIST, ANSTATT UNS AUF DEM WEGE SELBST ZU BEGLÜCKEN!

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

FAKTEN

Sämtliche Begebenheiten und Ortsbeschreibungen sind authentisch. Die Namen aller beschriebenen Personen wurden geändert.

PROLOG

Mein Leben in den Fängen der Bildungsindustrie

Acht Jahre Arbeitsleben in Berlin-Neukölln

Es gibt Bildungsträger, bei denen es nur ums Geld geht. Die Qualität der Ausbildung spielt keine Rolle. Es geht u.a. um finanzielle Mittel, die über die staatlichen Einrichtungen wie Agenturen für Arbeit, Jobcenter u.ä. für entsprechende soziale und Bildungsbedürfnisse der Menschen an die Bildungsträger weitergereicht werden. Hiervon sollte eine gute Ausbildung, Lehrmaterialien, Gehälter für die Ausbilder, Sozialpädagogen und Dozenten finanziert werden. Allerdings werden diese Gelder oft zweckentfremdet eingesetzt. Oder der Quotenschlüssel für Sozialpädagogen auf die entsprechende Anzahl Auszubildende wird oft überschritten.

Weitere Beispiele sind hierfür die Bereicherung der Inhaber und Geschäftsführer oder auch der höheren Hierarchien für den Selbstzweck. Es wird an Ausbildungsmaterial gespart, Räumlichkeiten werden mehrfach für unterschiedlichste Bildungsmaßnahmen geplant, aber auch Mitarbeiter werden in unterschiedlichste Maßnahmen gleichzeitig verplant, obwohl sie nur einmal an den Maßnahmeträger gemeldet wurden. Damit lassen sich Gelder mehrfach für eine Leistung abschöpfen. Das nenne ich Betrug und Missbrauch! Dies sind nur einige Beispiele der Misswirtschaft in der Bildungsindustrie.

Ich selbst habe beide Seiten kennengelernt. Bildungsträger, bei denen korrekt abgerechnet wurde, jeder Mitarbeiter seinen Arbeitsbereich kannte und auch sonst der Bildungsauftrag erfüllt wurde.

Aber ich musste, und das betraf die Mehrzahl der Bildungsträger, auch die andere Seite kennenlernen, wo gespart wurde, was das Zeug hielt.

Und das war der ausschlaggebende Punkt für mich, meine Erfahrungen in der Industrie der Bildungsträger niederzuschreiben.

KAPITEL 1

Meine Tochter hat einmal zu mir gesagt, dass sie keinen älteren 50-Jährigen kenne als ihren Papa. Den Kopf voller weißer Haare. Wie viele Männer in diesem Alter, die sich mit aller Macht jünger machen wollen, die Haare nicht länger als zwölf mm, mit einem kleinen Schnauzer und Kinnbart den Mund umschließend wird außerdem mit den Pfunden am Bauch gekämpft. Ich freue mich über jedes Gramm, das purzelt, und habe es bald geschafft. Ich lass mir doch nicht von meiner Tochter sagen, dass ich viel älter aussehe als ich bin. Wenn da nicht mein Rheuma wäre. Diese Schmerzen hin und wieder.

Und wer war schuld? Die eigenen Kinder? Die Ehefrau? Nein! Und wenn, dann nur zu zehn Prozent.

Meine Arbeit vielleicht? Auf jeden Fall!

Als ehemaliger Direktor eines Ausbildungshotels bin ich viele Jahre als Dozent und Sozialpädagoge für die überbetriebliche Ausbildung tätig gewesen. Als Erstes haben wir von unserem Arbeitgeber grundsätzlich nur Jahresarbeitsverträge zum Mindestlohn bekommen. Ob wir also im September noch Arbeit haben, konnte uns im Mai noch keiner sagen. Im August, nach dem Jahresurlaub, wusste man frühestens, ob man Glück hatte oder nicht. Und das ganze wiederholte sich ca. vierzehn Jahre lang, wenn man die Zeit bei Bildungsträger außerhalb Berlin-Neuköllns mitzählt.

Aber war es auch wirklich Glück, noch ein Jahr dort bleiben zu müssen?

Ach ja, hatte ich schon erwähnt, dass sich mein viel „geliebter“ Bildungsträger in Berlin-Neukölln befand?

An dieser Stelle kann ich nur betonen: Ob Herr Sarrazin und Herr Buschkowski mit ihren Büchern Recht haben oder nicht, will ich nicht beurteilen. Schließlich wohnen hier in Neukölln viele rechtschaffene Bürger mit multikulturellen Wurzeln. Aber ausgerechnet bei mir müssen all diejenigen Jugendlichen landen, die selbst ihre eigenen Landsleute nicht haben wollten. Die „Creme de la Creme“! Die meisten ohne Schulabschluss, einige von ihnen können trotz zehnjähriger Schulzeit weder richtig Lesen noch Schreiben. Genau wegen dieser Klientel habe ich mit 52 Jahren noch einmal in Österreich im Fernstudium meinen Abschluss als diplomierter Legasthenie / Dyskalkulie -Trainer gemacht.

KAPITEL 2

„In den überbetrieblichen Ausbildungen bekommen junge Menschen, die sonst keine Chancen auf dem Markt haben, die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren.“ Dieses sehr wahre Zitat stammt von Kirsten Spiewack, Leiterin des SOS-Kinderdorfs Berlin e.V.

Diese Jugendlichen fallen häufig durch einige Raster. Fehlende Schulabschlüsse, mangelnde Sprachkenntnisse oder ihr Alter machen es den Jugendlichen schwer, in „normalen“ Betrieben Fuß zu fassen. Aber auch soziale Fähigkeiten wie Freundlichkeit, verbindlicher Umgang und Zuverlässigkeit müssten manches Mal erst erlernt oder „nachgeschliffen“ werden. Das ist für viele eine echte Herausforderung, die sie mit viel Willenskraft und Anstrengung meistern.

Das erste Lehrjahr entpuppte sich grundsätzlich als Grundkurs im Sozialverhalten und war nicht selten hoffnungslos oder vergebens. Meine absoluten „Lieblinge“ standen meist mit einem Bein im Knast, dealten mit Drogen oder waren obdachlos. Es wurde nie langweilig.

Zu lernen war die Begrüßung, der gegenseitige Respekt im Umgangston untereinander, aber besonders auch gegenüber dem Lehrkörper und Ausbildern.

Ein sehr großes Problem war die Anwesenheit. Jeden Morgen wurden Wetten abgeschlossen, ob der/die Eine oder Andere heute zur Ausbildung erscheinen würde.

Der Koch- und der Restaurantausbilder waren zufrieden, wenn die Damen oder Herren zwischen zehn Uhr und dreizehn Uhr kamen und ausgeschlafen hatten, um doch noch als anwesend registriert zu werden.

Man will ja gut dastehen vor dem Auftraggeber Jobcenter (das Thema Jobcenter wäre direkt ein zweites Buch wert). Die Hauptsache war: Der Bildungsträger verdient viel Geld.

Genau das hat mir als Sozialpädagoge und Hotelier nicht gereicht. Ich wollte Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Sauberkeit.

Doch damit fühlten sich meine Azubis, aber auch die Ausbilder, die das Umsetzen sollten, zum großen Teil überfordert. Der Burgfrieden und die eigene Bequemlichkeit waren in Gefahr. Wenn Sie dann noch Vorgesetzte haben, denen die Ausbildungsinhalte unbekannt sind und die deshalb eine Fehlentscheidung nach der anderen treffen, kann trotz anfänglich 28 Azubis unterm Strich nicht viel mehr herauskommen, als ein einziger Facharbeiter. Und das mit Duldung des Jobcenters! Aber Hauptsache, das Geld fließt.

Und dennoch entwickelte ich mich zum Lieblingsund Vertrauenslehrer meiner Azubis. Komisch, was?

Auf meiner Stirn stand die unsichtbare Diagnose Mutter-Theresa-Syndrom – und das als Mann. Auweh!

Meine Azubis sagten zwar über mich, dass ich streng sei, viel fordere, aber dafür sei ich fair, vertrauensvoll und hilfsbereit. Es gab kein privates Problem, welches sie nicht mit meiner Unterstützung hätten weg lösen können. Es wurde keiner im Regen stehen gelassen.

KAPITEL 3

Ich wollte natürlich auch wissen, ob ich der einzige vom Staat finanzierte „Sklave“ war und googelte im Internet. Es ist schon interessant, was man da alles so findet.

Zunächst mal die Erklärung dafür, was Bildungsträger sind und für wen sie geschaffen wurden.

Am Ende denkt ihr noch, ich übertreibe? Nein! Lest selbst:

„Wie (manche) Bildungsträger funktionieren Ein Bericht von Uwe Dörwald

Bildungsträger, die die unterschiedlichsten Maßnahmen im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit durchführen, haben einen Bildungsauftrag ihren Teilnehmern gegenüber und sie stehen ihrem Vertragspartner - der Agentur - gegenüber in der Pflicht ebenso wie den Teilnehmern in ihren Kursen. Die Agentur oder andere öffentliche geber müssen sich darauf verlassen können, dass vertragskonform gearbeitet wird. Als Auftraggeber schließt die Agentur für Arbeit mit den Trägern Verträge über die Inhalte der Maßnahmen, die Ausstattung, die Umgebungsbedingungen, über die Berichtspflichten und vieles andere mehr.

Die Bildungsträger wissen also, ab dem Moment der Ausschreibung der Maßnahme, auf was sie sich einlassen, wenn sie sich an einer öffentlichen Ausschreibung beteiligen und erst recht, wenn sie den Zuschlag zur Durchführung einer Maßnahme erhalten. Sie sind sich darüber bewusst, dass ihre Arbeit mit öffentlichen Mitteln finanziert wird.

Nun gibt es seit einigen Jahren auf dem Markt der Bildungsträger einen überaus starken und teilweise ruinösen Verdrängungswettbewerb. Bedingt durch die Ausschreibungs- und Vergabepraxis der Arbeitsagentur und die relativ hohe Bewertung des Angebotspreises bei der Vergabe ist es häufig so, dass der günstigste Anbieter den Zuschlag für eine Maßnahme erhält. Das hat zur Folge, dass in den letzten Jahren die Preise gefallen sind. Mit diesem Preisverfall sind ebenfalls die Dozentenhonorare bzw. die Festgehälter der bei Trägern Beschäftigten kontinuierlich auf ein manchmal nicht mehr akzeptables bzw. erträgliches Maß gesunken, die Arbeitsbelastung der Dozenten ist in gleichem Maße gestiegen und an der materiellen Ausstattung für Maßnahmen wurde und wird gespart. Auch wird immer mehr administrative Arbeit auf Dozenten verteilt und Vorbereitungsstunden für Lehrkräfte gibt es schon längere Zeit nicht mehr. Es herrschen also teilweise Bedingungen, unter denen Lehrer nicht arbeiten würden bzw. gegen die eine Lehrerge werkschaft Sturm laufen würde.

Meistens und erstaunlicherweise funktionieren Bildungsträger dennoch. Dies hängt zu einem großen Teil am Engagement der Mitarbeiter, die meistens motiviert sind und ihre (soziale) Arbeit gerne machen. Denn sie sind in ihrem Berufsfeld angetreten, um den anderen Menschen etwas zu vermitteln oder um Betroffenen in schwierigen Lebenslagen und Krisen zu helfen. Teilweise haben die Mitarbeiter auch Angst um ihren Arbeits platz und bemühen sich deshalb, gute Arbeit zu leisten. Sie tun dies in dem guten Glauben, dass, wenn eine Maßnahme gut läuft, der Folgeauftrag der Agentur (hoffentlich) ebenso kommt wie die entsprechende Vertragsverlängerung für sie selber. Und: Den Mitarbeitern bzw. den Honorardozenten bleibt kaum etwas anderes übrig, als ihre Arbeit gut zu machen, weil sie (meist) auf den monatlichen Gehaltsscheck angewiesen sind.

Die Gesellschafter und Geschäftsführer der Träger wissen um diese Zusammenhänge und einige unter ihnen wissen auch, wie man noch aus dieser Situation guten Profit ziehen kann. Obwohl es einen starken Preisdruck gibt und gleichzeitig hohe Qualität vom Auftraggeber gefordert wird, suchen einige nach nicht immer ganz legalen Möglichkeiten der Gewinnmaximierung unter den gegebenen Umständen. Der erste Schritt ist, ökonomisches Denken einzufordern, meist auf Kosten der Inhalte und der Pädagogik.

Diese Möglichkeiten bestehen in der kreativen Interpretation von Verträgen oder darin, dass man seine Mitarbeiter vor Ort bewusst oder unbewusst im Unwissen über die Vertragsbedingungen lässt. Man teilt den Durchführenden der Maßnahmen die Rahmenbedingungen der Maßnahme immer nur mündlich mit und immer nur soweit, dass die minimalen Bedingungen erfüllt sind. Das, was (zusätzlich) in den bei der Ausschreibung eingereichten Konzepten steht, die Teil des Vertrages sind, bekommen die wenigsten Mitarbeiter zu sehen. Diese mangelnde Transparenz wird begründet mit der Angst vor dem Diebstahl geistigen Eigentums. Allerdings ist es, wenn die Dozenten, die Maßnahme-Konzepte nicht kennen, sondern nur die Verdingungs-unterlagen, so, als führten sie - um ein Bild zu gebrauchen - ein Theaterstück auf, ohne den Text zu kennen. Des Weiteren macht man insbesondere den leitenden Mitarbeitern meist in Einzelgesprächen klar, dass, wenn sie bei vermeintlich kleineren Nachlässigkeiten nicht mitspielen, damit zu rechnen ist, dass man beim nächsten Mal die Ausschreibung verlieren kann. Dies steht als subtile Drohung immer mit im Raum.

Und dann werden die Nachlässigkeiten institutionalisiert.

Man schließt nicht mit allen Ausbildern oder Lehrkräften Verträge über die gesamte Dauer einer Maßnahme, so dass man bei den Personalkosten sparen kann oder man deckelt das Budget für Fahrtkosten. Weiteres Einsparpotential liegt in folgenden Bereichen:

1. Man deckelt Maßnahmen mit einer maximalen Anzahl an Stunden, die für den Dozenten honorierbar sind.

2. Man stattet gewerbliche Maßnahmen mit veralteten Maschinen aus und spart generell an Verbrauchsmaterial.

3. Man liefert bestimmte sachliche Ausstattungen erst dann, wenn ihr Fehlen beanstandet wird, oder schiebt Ausstattungen zwischen verschiedenen Standorten hin und her. Die entstehenden Transport- und Koordinierungskosten sind günstiger als neue Maschinen. D.h. man rechnet damit, dass nicht alle Standorte gleichzeitig kontrolliert werden.

4. Man nutzt Räumlichkeiten doppelt – z.B. für verschiedene Kurse. D.h. die Raumkosten werden von der Agentur doppelt bezahlt, der Raum oder die Werkstatt ist aber nur einmal vorhanden. - Ein Beispiel: Da es in berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB) Werkräume gibt, werden diese möglichst auch für andere Maßnahmen genutzt. Aber nur dann, wenn die Bildungsbegleiter in BvB es schaffen, die BvB Teilnehmer so zu planen, dass die Räume regelmäßig und tageweise nicht besetzt sind. D.h. man muss als Mitarbeiter die Werkstatt-Tage in BvB möglichst so organisieren, dass die Teilnehmer einen hohen Praktikumsanteil haben, egal ob dies pädagogisch sinnvoll ist. Dann kann man Ausbilder und Werkräume doppelt einsetzen. Der BvB-Ausbilder wird dann auch für andere Maßnahmen eingesetzt, statt sich innerhalb von BvB, wofür er ja einen Vertrag hat, um schwächere Teilnehmer kümmern zu können.

5. Man lässt bei Vermittlungsmaßnahmen (zum Teil oder komplett) Gruppenphasen ausfallen und macht meist nur Einzelberatungen mit dem Ziel, eine hohe Vermittlungsquote zu bekommen. Wird diese erreicht, sind alle zufrieden. An Teilnehmer, die nicht kooperieren, soll man keine Beratungszeit und -energien verschwenden. D.h.: Die Teilnehmer, die komplizierte(re) Probleme haben, kommen zu kurz oder werden als unkooperativ bezeichnet.

6. Vermittlungsmaßnahmen, bei denen bei inhaltlichen Defiziten des Teilnehmers auch Schulungsanteile vorgesehen sind, laufen so, dass die Dozenten diese Defizite meistens nicht feststellen (dürfen), so dass nicht geschult werden muss, oder die Defizite sind so groß, dass sie nicht zum Inhalt bzw. zu den Rahmenvorgaben der Maßnahme passen.

7. Bei Deutsch- oder Integrationskursen nutzt man das Maximum an Praktikumszeiten aus, obwohl die TN sprachlich meist nicht in der Lage sind, das Praktikum zu absolvieren und erhebliche sprachliche Mängel haben. Auf diese Weise bekommt man Räume frei und spart Honorarkosten oder auch Festgehälter ein, wenn ohnehin vorhandene Sozialpädagogen diese Maßnahmen zu einem gewissen Teil mit betreuen.

8. Man setzt Honorardozenten z.B. in BvB-Maßnahmen nur mit einem Minimum an Stunden, das aber oft nicht dem vorgegebenen Maß entspricht. Die Hauptsache ist, dass der Name des Dozenten mal im Klassenbuch auftauchte. Wichtig ist den Verantwortlichen bei den Trägern, dass die Personalmeldungen formell korrekt sind, aber gleichzeitig am realen Einsatz des Personals gespart wird.

9. Meist gibt es zu wenige EDV-Räume für die laufenden Maßnahmen, die gleichzeitig stattfinden. - Es bleibt dann dem Dozenten überlassen, die Zeit zu füllen, in der man nicht in den EDV-Raum kann. Jugendlichen aus entsprechenden Maßnahmen steht der Raum meistens nur dann zur Verfügung, wenn er nicht anders genutzt wird.

10. FAZIT: Das kreative Einsparungspotential der Träger liegt also im Personal- und Sachbereich sowie bei der optimalen Planung und Belegung der Räume auf der einen Seite und auf der anderen Seite an mangelnder Kontrolle. Man kann sich in gewissem Grade sicher fühlen bei seinem Tun und Lassen.

Denn: Man macht dies alles oder kann es tun, weil auf Trägerseite das Wissen und die Erfahrung da ist, dass die Agentur relativ wenig tut, solange die Agentur vor Ort den Eindruck hat, die Maßnahme laufe gut. Die Messlatte, das Kriterium, das besagt, wann eine Maßnahme gut ist, bemisst sich ja meist und meist zu Recht am Output, also z.B. an den Vermittlungszahlen. Und dieser Output ist ja nicht schlecht, weil die für die Maßnahmedurchführung Verantwortlichen in der Regel sehr engagiert vorgehen. Und da sich auf der Seite der Träger meist schnell herum spricht, wann mit Besuchen und Kontrollen der Arbeitsagentur zu rechnen ist, ist bei diesen Prüfungen wie auch bei den Audits nach DIN ISO im Rahmen des geforderten Qualitätsmanagements meist alles in Ordnung. Die Prüfgruppen der Agentur sind personell nicht entsprechend ausgestattet, um Missstände zu finden und der Turnus, in dem geprüft wird, lässt den Trägern genügend Raum und Zeit, um Geld einzusparen. Das geringe Gehalt, mit dem Dozenten, Ausbilder und Sozialpädagogen bei Bildungsträgern inzwischen auskommen müssen, hindert viele Mitarbeiter jedoch nicht daran, (hoch)motiviert zu arbeiten. Die meisten Mitarbeiter bei Trägern arbeiten allerdings weder für die Agentur noch für die Firma, mit der sie einen Arbeitsvertrag haben, sondern sie rechtfertigen ihre (gute) Arbeit für wenig Gehalt vor sich selbst damit, dass sie für die Teilnehmer versuchen, das Beste aus einer schlechten Situation herauszuholen. Viele Mitarbeiter von Bildungsträgern haben innerlich schon lange gekündigt. Eine Mitarbeiterin bei einem Träger beschrieb die Situation bei Bildungsträgern einmal mit folgenden Worten: "Bei Bildungsträgern gibt es nur zwei gute Positionen entweder man ist hier Putzfrau oder der Laden gehört einem."

Die Frage, die sich stellt, ist die, wie man aus dieser Situation herauskommt, zum Vorteil aller Beteiligten. Eine Möglichkeit ist, die Präsenz der Agenturvertreter am Maßnahmeort zu erhöhen, also öfter zu schauen, ob die Maßnahme auch vertragskonform durchgeführt wird, was aufwendig und mit Stichproben nicht zu machen ist. Wenn Vertragsverstöße vorliegen, sollte man den Trägern, die gegen die Verträge verstoßen konsequenterweise erst die gelbe, dann die rote Karte zeigen und ihnen keine weiteren Maßnahmen geben. Man sollte so weit gehen, diese Träger vom Ausschreibungsverfahren auszuschließen. Das wäre auch ein positives Signal an Träger, die bisher immer engagierte und gute Arbeit geleistet haben.

Eine weitere Möglichkeit ist die, die Gründung von Trägern zu erleichtern, bei denen sich Kompetenzen sammeln. D.h. zum Beispiel die Gründung von Trägern zu erleichtern, die aus einem Zusammenschluss von Dozenten bestehen. Denn in der Regel haben die Dozenten, Ausbilder oder Sozialpädagogen die Fach- und Sachkompetenz hinsichtlich der Durchführung der Maßnahmen und nicht die Abteilungen der Träger, in denen Konzepte ersonnen und Angebote erstellt werden. Die Konzept- oder Marketingabteilungen wissen, welche Schlagworte in eine Ausschreibung gehören, aber sie wissen meist wenig von der Praxis. Das bedeutete, man ginge weg von einer Auftragsvergabe, die der Papierform entspricht, und hin zu einer Auftragsvergabe, wo die Fach- und Sachkompetenz liegt. Hintergrund für dieses Vorgehen bzw. diese Möglichkeiten war, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass bei der Einführung ökonomischer Steuerungsmodelle - alle Mitarbeiter bei Trägern sind und werden von ihren jeweiligen Führungskräften angehalten, wirtschaftlich zu denken und (kundenorientiert) zu handeln1 - in nicht-ökonomische Felder (Bildung) tatsächlich offene Märkte erzeugt und gesetzte Ziele besser erreicht werden als vorher.

Weshalb schreibe ich dies und warum existiert eine Art Mauschelei bei Bildungsträgern? Ich schreibe dies, weil diese Verhältnisse System zu sein scheinen, weil man dies nicht akzeptieren kann und weil eine Erfahrung zur Sprache zu bringen, verhindert, dass wir nur ihre Opfer sind; wenn wir Worte dafür finden, entsteht eine erkennende Distanz, die wir als befreiend erleben. Das bezeichnet die positive Macht der Sprache, ob schriftlich oder mündlich. Es gibt auch ihre negative Macht. Diese wird schnell dort wirksam, wo systematisch an den oben aufgeführten Stellschrauben gedreht wird und unverhohlen der wirtschaftliche Nutzen im Fokus steht. Im Bezugssystem des Arbeitgebers Bildungsträger ist kritisches Denken und Hinterfragen in den meisten Fällen weder erwünscht noch gefragt, man muss im Sinne des Systems funktionieren. Und das kann zu einer psychologischen Last werden, wenn man mitbekommt oder ahnt, dass auf diese Weise einiges nicht vertragskonform läuft. Man weiß andererseits aber auch, dass die viel gepriesene und immer in kritischen Situationen eingeforderte Loyalität einer Firma gegenüber ihre Grenze hat - das Maß ist so etwas wie die eigene ethische Disposition oder das Verständnis von Recht. Abgesehen davon: Was ist geforderte oder erzwungene Loyalität schon wert? Zumal man in diesem Zusammenhang bedenken muss, dass das Direktionsrecht des Arbeitgebers sich nicht über geltende Verträge und geltendes Recht hinwegsetzen kann. Insbesondere wenn ein höherwertiges Rechtsgut konkret gefährdet ist, ist der vermeintliche und unterstellte Bruch der Schweigepflicht nicht rechtswidrig. Das Einfordern von Loyalität bei Bildungsträgern - [Für wen arbeiten Sie eigentlich: für die Arbeitsagentur oder für uns?

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