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Kaufhaus der Träume 3 - Drache

TEIL I

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Der weiße Drache

Wer einen Rundgang durch die Galerien in der Bond Street unternimmt, sollte nicht versäumen, Cassellis berühmtes Gemälde Der weiße Drache zu bewundern, das aktuell in der Galerie Doyle ausgestellt ist. Dieses vorzügliche Beispiel für frühe italienische Malerei hat eine spannende Geschichte – befand es sich doch im Besitz etlicher gekrönter Häupter, zu denen auch Philipp II von Spanien sowie die Zarin Katharina die Große zählten. […]

Aus: Reiseführer durch London mit 4 großen und 15 kleineren Karten von Hochwürden Charles Blenkinsop, 1906, Kapitel IV
(Bibliothek von Winter Hall)

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Oktober 1909

Wann ihr aufgefallen war, dass ihr jemand folgte, konnte sie nicht genau sagen. Das Gespräch mit Kriminalkommissar Worth hatte länger gedauert als gedacht, und als sie auf die Straße hinaustrat, war es schon dunkel. Die Menschenscharen, die den Piccadilly Circus tagsüber bevölkerten, hatten sich zerstreut, der Platz wirkte unnatürlich still und leer. Nur ein paar vereinzelte Gestalten hasteten, unter ihre Schirme geduckt, durch den Regen.

Unter anderen Umständen hätte sie sich daran erfreut, wie das gelbe Laternenlicht die nasse Straße schimmern ließ. Sie hätte überlegt, wie man die verschwommenen Spiegelungen in den Schaufenstern und die Autoscheinwerfer, die die Dunkelheit durchschnitten, am besten malen könnte. Doch an diesem Abend dachte sie ausnahmsweise nicht ans Malen. Ihr Gespräch mit dem Kommissar beschäftigte sie derart, dass sie nichts um sich herum wahrnahm.

Die Luft war so klamm und kalt, dass sie fröstelte, obwohl sie ihren guten Mantel trug. Sie sehnte sich nach einem heißen Tee am warmen Kamin, traute sich aber nicht, schneller zu gehen, weil der Bürgersteig voller Pfützen und glitschigem Laub war.

Als sie schließlich merkte, dass jemand hinter ihr herging, hatte sie den Eindruck, dass ihr der Mann schon eine ganze Weile folgte. Ihr war vorher nichts aufgefallen, weil der prasselnde Regen alle anderen Geräusche übertönte und sie so in Gedanken gewesen war. Doch als sie verstohlen in ein dunkles Schaufenster schielte, erblickte sie flüchtig sein Spiegelbild – eine breitschultrige Gestalt mit Hut. Er war ein paar Meter hinter ihr, hielt aber mit ihr Schritt, und sie glaubte, seinen Blick im Nacken zu spüren.

Am liebsten hätte sie sich umgedreht, aber sie riss sich zusammen und schalt sich für ihre Albernheit. Wahrscheinlich war er nur irgendein Büroangestellter, der endlich Feierabend hatte. Um sich selbst zu beweisen, dass ihr Unbehagen unbegründet war, entschloss sie sich, die Straße zu überqueren. Der Mann kam nicht hinterher. Na also!, dachte sie. Offenbar sah sie schon Gespenster. Das Gespräch mit dem Kommissar hatte sie aus der Fassung gebracht, das war alles.

Erleichtert ging sie weiter, aber schon im nächsten Augenblick vernahm sie hinter sich wieder gleichmäßige Schritte. Es überlief sie kalt. Der Mann war noch da.

Sie warf nun doch einen Blick über die Schulter, konnte aber im Dunkeln nur erkennen, dass sich der Umriss des Hutes in ihre Richtung bewegte. Erschrocken wechselte sie abermals die Straßenseite. Der Mann ging noch ein Stück weiter geradeaus und überquerte dann ebenfalls die Straße. Sie bekam Herzklopfen, ihr Atem beschleunigte sich. Sie lief jetzt, so schnell sie konnte, doch die Schritte hinter ihr schienen immer lauter zu werden. Panik stieg in ihr auf. Sie wollte dem Verfolger nur noch entkommen.

Als der U-Bahnhof in Sicht kam, wurde die Straße wieder belebter, und zu ihrer Erleichterung hatte sich vor einem hell erleuchteten Revuetheater eine kleine Menschenmenge versammelt. Die Abendvorstellung fing gleich an. Vor dem Gebäude parkten Kutschen und Automobile, von drinnen hörte man Stimmengewirr und Musik. Sie bahnte sich im Zickzack ihren Weg durch die Menschentraube und kam erhitzt und keuchend am anderen Ende wieder heraus – allein.

Der Eingang zur U-Bahn war gleich um die Ecke. Sie eilte die Treppe hinunter, froh, im Trockenen zu sein, und kramte mit fliegenden Fingern den Fahrschein aus der Manteltasche. Sie hatte immer noch Herzklopfen. Als sie den gefliesten Gang durchquerte, zwang sie sich, langsamer zu gehen. Die plötzliche Stille war eine Wohltat.

Auf dem Bahnsteig war niemand zu sehen, auch kein Bahnangestellter. Sie schaute zu der großen Uhr hinauf und beobachtete das Vorrücken des Sekundenzeigers. Hier unten war die Welt wieder in Ordnung. Das Ticken der Uhr, die zerfledderten Reklamezettel für Pudding und Schokolade und das große, bunte Plakat, das für die U-Bahn selbst warb und versprach: „Wir bringen Sie sicher ans Ziel!“, beruhigten sie. Hatte sie sich den unheimlichen Verfolger vielleicht nur eingebildet?

Auf einmal war sie todmüde und richtete den Blick in den finsteren Tunnel, um einen Zug herbeizubeschwören. In diesem Augenblick hörte sie es wieder: schwere Schritte, die auf dem leeren Bahnsteig widerhallten.

Sie kam nicht mehr dazu, sich umzudrehen, ja nicht einmal dazu, zu schreien, denn der Mann stand schon hinter ihr. Als er ihr den Mund zuhielt, spürte sie den kratzigen Wollstoff seines Mantelärmels und das glatte, kalte Leder seines Handschuhs. Es war leuchtend rot, wie das Karmin in ihrem Aquarellkasten.

Sie wehrte sich zwar, ahnte aber, dass es zwecklos war. Dann spürte sie plötzlich einen kräftigen Stoß. Nach Atem ringend kippte sie vornüber … und landete mit dumpfem Aufprall im Gleisbett.

Ein Stöhnen entfuhr ihr. Sie lag zusammengekrümmt auf der Seite, die Schienen drückten schmerzhaft gegen ihre Rippen, und als sie blinzelnd die Augen aufschlug, blickte sie in den gähnenden, pechschwarzen Schlund des Tunnels. Ein Licht flackerte darin auf – und es quietschte ohrenbetäubend, als die U-Bahn heranraste.

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Drei Monate vorher – Juli 1909

Als sie zum Frühstück herunterkam, lag der Brief auf dem Silbertablett in der Diele. Ein länglicher, weißer Umschlag, auf den mit Schreibmaschine ihr Name getippt war: Miss Leonora Fitzgerald. Plötzlich hatte sie einen ganz trockenen Mund und es schnürte ihr den Hals zu. Der Brief konnte nur eines bedeuten.

Doch als sie danach greifen wollte, kam Vincent angeschlendert. Er knöpfte sich noch den Hemdkragen zu. Sie zog die Hand sofort zurück, aber es war schon zu spät.

„Nanu, was ist das denn? Ein Brief … für dich?“ Er wollte seinerseits danach greifen, aber Leo kam ihm zuvor und schnappte sich den Umschlag. Sie konnte vielleicht nicht so schnell rennen wie andere, aber sie hatte gelernt, dafür in anderen Dingen schnell zu sein.

„Das ist meiner!“, sagte sie und wollte weitergehen, aber Vincent packte sie grob am Handgelenk. „Ich weiß, was das für ein Brief ist!“, sagte er hämisch. „Er kommt von deiner albernen Kunstschule, stimmt’s? Soll ich dir sagen, was drinsteht? Liebe Miss Fitzgerald, es tut uns furchtbar leid, aber wir können an unserem Institut leider keine talentlosen Schmierfinken aufnehmen.“ Er drehte ihr den Arm um, und sie schnappte nach Luft, weil es so wehtat. Den Brief ließ sie trotzdem nicht los. „Na, wollen wir ihn mal aufmachen?“, höhnte Vincent weiter.

In diesem Augenblick hörten sie den Schlüsselbund der Haushälterin klirren. Mrs Dawes war im Anmarsch. Vincent verzog ärgerlich das Gesicht und ließ Leo los. Sie stopfte den Brief rasch in die Rocktasche und machte sich aus dem Staub.

Das Frühstück war ihr jetzt egal. Sie war viel zu aufgeregt, um etwas herunterzubekommen, und es würde sowieso niemandem auffallen, dass sie fehlte. Vater pflegte sie hinter seiner Zeitung nur mit einem Brummen zu begrüßen, und Mutter nahm ihr Frühstück ohnehin im Bett ein und „ruhte“ dann den ganzen Vormittag. Hauptsache, sie war Vincent entkommen und konnte den Brief ungestört öffnen und lesen.

Sie bog um die Ecke, hinter der ein alter Gobelin mit Löwen und Einhörnern darauf an der Wand hing. Leo vergewisserte sich rasch, dass die Luft rein war, dann hob sie den Wandteppich an einem Zipfel an. Er verdeckte eine kleine Tür in der Vertäfelung. Im nächsten Augenblick war sie hindurchgeschlüpft und stand in einem steingefliesten Gang.

Winter Hall war ein riesiges altes Herrenhaus voller Geheimgänge und in Vergessenheit geratener Kammern, für die sich außer Leo niemand interessierte. Die Geheimgänge hatten sie schon als Kind fasziniert – und nützlich waren sie auch. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihrer Familie auf diese Weise entwischt war.

Der gewundene Gang endete an einer schmalen Stiege. Der kleine Raum am oberen Ende war eines von Leos bevorzugten Verstecken. Sie hatte ihn mit einem alten Sessel und einer Petroleumlampe ausstaffiert. Hier waren ihre Skizzenbücher vor Vincents neugierigen Blicken sicher, und hier verwahrte sie auch eine Sammlung von Gegenständen, die sie noch abzeichnen wollte, die ihre Nanny aber bestimmt als „ekligen, ollen Müll“ abgetan hätte: ungewöhnlich geformte Holzstücke, ein paar kleine Tierschädel, die sie auf ihren Spaziergängen im Park gefunden hatte, und ein leeres Vogelnest.

Und hier oben traute sie sich auch endlich, den Brief zu öffnen. Er war in ihrer Rocktasche ein bisschen zerknittert, was ihn aber nicht weniger kostbar machte. Sie wog ihn kurz in der Hand, dann riss sie den Umschlag entschlossen auf und zog ein dünnes Blatt heraus.

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Leo konnte nicht weiterlesen, weil die restlichen Zeilen vor ihren Augen verschwammen. Sie ließ sich in den Sessel fallen, der Brief landete in ihrem Schoß. Sie hatte es tatsächlich geschafft! Die beste Kunsthochschule von ganz London hatte ihre Bewerbung angenommen!

Eigentlich war es schon ein Wunder gewesen, dass sie sich überhaupt dort hatte bewerben dürfen. Über ein Jahr lang hatte sie ihre Eltern angebettelt, Kunst studieren zu dürfen, aber sie hatten ihr gar nicht richtig zugehört. Vincent hatte sich natürlich über sie lustig gemacht, und sogar ihre Nanny hatte gemeint, das sei „Unsinn“ und schicke sich nicht für eine junge Dame. Hätte sich Lady Tremayne nicht für Leo eingesetzt, hätte wahrscheinlich kein Mensch ihren Wunsch ernst genommen.

Lady Tremayne war Leos Patentante. Sie war eine langjährige Freundin ihrer Mutter, eine wohlhabende Witwe, die in London lebte. Leo bewunderte sie zutiefst. Ihre Patentante war immer erlesen gekleidet. Sie trug Roben in den ausgefallensten Farben, dazu bestickte Seidenstolas und prächtige Federhüte. Sie erzählte oft von den Schriftstellern und Musikern, mit denen sie bekannt war, von den Kunstgalerien und Konzerthäusern, die sie besuchte, und den neu erschienenen Büchern, die sie las.

Lady Tremayne war auch die Einzige, die Leos Leidenschaft fürs Zeichnen Beachtung schenkte. Mutter pflegte ihre Zeichnungen nur mit einem gleichgültigen „Sehr hübsch, Liebes“ zu kommentieren, und ihre Nanny schimpfte über die Kohleflecken auf Leos Musselinkleid und schlug ihr vor, stattdessen lieber ein paar neue Zierstiche zu erlernen. Ganz anders Lady Tremayne. Bei ihren viel zu seltenen Besuchen in Winter Hall ließ sie sich immer Leos Skizzenbücher zeigen und brachte ihr sogar manchmal etwas mit: Stifte, ein neues Skizzenbuch aus teurem Papier und einmal einen Aquarellkasten in einem eleganten Lederfutteral.

Darum hatte Leo ihrer Patentante auch anvertraut, dass sie davon träumte, an einer Londoner Kunsthochschule zu studieren. Sie wünschte sich glühend, in einem richtigen Atelier zu arbeiten und von erfahrenen Lehrern unterrichtet zu werden. Fast noch mehr sehnte sie sich danach, die Großstadt London mit ihren herrlichen Museen und Galerien zu erkunden. Das alles hatte sie ihrer Patentante erzählt, und die hatte versprochen, ihr zu helfen.

Lady Tremayne hatte allein mit Leos Mutter reden wollen, aber Leo hatte aus dem Geheimgang hinter dem Boudoir ihrer Mutter, der ein kleines Guckloch besaß, alles mit angehört. Natürlich wusste sie, dass man andere Leute nicht belauschte, aber ihr schlechtes Gewissen verflog, als sie ihre Mutter mit ihrer hohen Nörgelstimme sagen hörte: „Offen gestanden bin ich ratlos, was wir mit ihr machen sollen. Sie ist so bockig und schwierig. Helen hat nie solche Probleme gemacht!“

„Leo wird erwachsen“, hatte Lady Tremayne mit ihrer klaren, tieferen Stimme entgegnet. „Sie braucht eine Beschäftigung. Als Helen so alt war wie sie, hat sie Pläne für ihren Debütball geschmiedet und sich auf ihre erste Saison vorbereitet.“

„Und womit soll ich Leo beschäftigen, bitte schön?“ Leos Mutter klang noch verdrießlicher als sonst. „Die Londoner Saison kommt für sie nicht infrage. Wenn sie ein bisschen umgänglicher wäre, wäre ich in diesem Herbst mit ihr ins Ausland gereist, aber Horace war dagegen. Sie weiß sich in Gesellschaft nicht zu benehmen und interessiert sich für nichts anderes als für ihre Stifte und Farben. Und dann noch diese lächerliche Idee, in London auf eine Kunsthochschule gehen zu wollen!“

„Das ist nicht lächerlich, Lucy. Leo ist begabt, das habe ich schon immer gesagt. Warum wollt ihr eurer Tochter denn nicht erlauben, Kunst zu studieren?“

„Ich bitte dich, Viola! Leo kann doch nicht … was sollen denn die Leute denken?! Wir können unsere Tochter doch nicht ganz allein nach London lassen. Wer weiß, was sie dort alles anstellt!“

Leos Mutter klang ehrlich entsetzt, aber Lady Tremayne lachte nur und erwiderte belustigt: „Sei doch nicht so altmodisch, Lucy! Leo wird gar keine Zeit haben, irgendetwas ‚anzustellen‘. In der Spencer-Akademie beispielsweise bekäme sie jeden Tag Zeichenunterricht, und außerdem müsste sie an Vorlesungen und Museumsbesuchen teilnehmen. Es täte ihr gut, mal etwas zu tun zu haben und andere junge Leute mit ähnlichen Interessen kennenzulernen. Jedenfalls wäre es allemal besser für sie, als hier herumzuhocken und nur ihre alte Kinderfrau zur Gesellschaft zu haben.“

Leos Mutter stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. „Wahrscheinlich hast du recht. So geht es jedenfalls nicht weiter. Vielleicht sollten wir sie einfach auf ein gutes Pensionat schicken, wo man ihr den richtigen Schliff verpasst.“

Leo rutschte das Herz in die Hose, aber so schnell gab Lady Tremayne nicht auf. „In ein Pensionat? Was soll Leo denn mit Tanz- und Benimmunterricht? Das wäre die reinste Zeitverschwendung! Nein, sie gehört auf eine Kunsthochschule. Diese Institute haben heutzutage durchaus einen guten Ruf. Sogar die Schwester des Herzogs von Roehampton war auf der Spencer-Akademie.“

Leo musste schmunzeln, denn natürlich horchte ihre Mutter sofort auf und fragte neugierig: „Ach ja? Das wusste ich gar nicht!“

Lady Tremayne nutzte ihren Vorteil und fuhr rasch fort: „Leos Ruf würde also keinen Schaden nehmen. Vielleicht würde sie sich zu einer etwas unkonventionellen Persönlichkeit entwickeln, aber das ist ja nichts Schlimmes. Schließlich wird sie sowieso nie …“

Leos Patentante sprach jetzt leiser, aber Leo wusste auch so, was nun kam: Schließlich wird sie sowieso nie heiraten. Plötzlich hatte Leo keine Lust mehr gehabt, weiter zuzuhören.

Von allen jungen Mädchen aus gutem Hause wurde erwartet, dass sie irgendwann heirateten. Viel mehr wurde allerdings auch nicht von ihnen erwartet. Sie sollten hübsch und charmant sein, irgendwann einen „passenden jungen Mann“ ehelichen und natürlich jede Menge Kinder bekommen. Genauso hatte es Leos untadelige Schwester Helen gemacht.

Nur war Leo völlig klar, dass niemals ein „passender junger Mann“ um ihre Hand anhalten würde. Zunächst einmal war sie überhaupt nicht hübsch. Hübsche Mädchen hatten lockiges Haar und rosige Wangen mit Grübchen. Leo dagegen war blass und dünn und hatte glatt herabhängendes Haar, das sich allen Bemühungen ihrer Nanny, Locken hineinzudrehen, widersetzte. Hübsche Mädchen trugen duftige, mit Rüschen und Spitze verzierte Kleider. Leo dagegen bevorzugte schlichte Kleidung und hatte ihren Bruder Vincent schon immer um seine Samtjacketts und glänzenden Lederstiefel beneidet. Als sie ihre Mutter gefragt hatte, warum sie nicht auch so etwas anziehen könne, war diese schockiert gewesen, und ihre Nanny hatte sie ermahnt, ihre „Zunge zu hüten“ und sich „wie eine kleine Dame“ zu benehmen.

Aber vor allem war Leo kein bisschen charmant. Schon als Kind war sie so viel allein gewesen, dass sie nie wusste, worüber sie mit anderen Leuten reden sollte. Dann war sie kurz vor ihrem achten Geburtstag krank geworden, und hinterher war nichts mehr wie vorher gewesen. Die Krankheit hatte sie monatelang ans Bett gefesselt. Ihr eines Bein hatte bleibende Schäden davongetragen, und die Ärzte hatten ihr prophezeit, sie würde nie mehr gehen können. Aber Leo war entschlossen gewesen, ihnen das Gegenteil zu beweisen, und hatte so lange geübt, bis sie an einer Krücke humpeln konnte. Das war es letztlich auch, worauf Lady Tremayne angespielt hatte: Eine heiratsfähige junge Dame musste nicht nur hübsch sein, sie musste vor allem vor Gesundheit und Kraft strotzen wie ein preiswürdiges Rennpferd. Ein „Gebrechen“, wie Leos Mutter es diskret zu nennen pflegte, war nicht vorgesehen.

Andererseits hatte Leo erst während ihrer langen Bettlägerigkeit richtig mit dem Zeichnen angefangen. Sie hatte stundenlang alles gezeichnet, was sie sah – ihre Nanny, die Arzneiflaschen auf dem Fensterbrett oder die kahlen Bäume draußen vor dem Fenster. Als sie dann wieder durchs Haus humpeln konnte, hatte sie sich die Zeit damit vertrieben, die langen Flure und nicht benutzten Räume zu erforschen und alles abzuzeichnen, was sie darin entdeckte. Sie hatte Stunden mit der Betrachtung vergilbter Ölgemälde zugebracht, hatte chinesische Vasen und Marmorfiguren skizziert, die komplizierten Muster antiker Teppiche kopiert und ihre eigenen, möglichst originalgetreuen Versionen der Fitzgeraldschen Ahnenporträts angefertigt.

„Allerdings stellt die Spencer-Akademie hohe Ansprüche an die Bewerber“, sagte Lady Tremayne gerade, als Leo nun doch wieder die Ohren spitzte. „Es ist die angesehenste Kunsthochschule des Landes – sie nehmen nur die Allerbesten auf.“

„Ich glaube nicht, dass Leo dort eine Chance hätte“, erwiderte ihre Mutter. Sie klang ein bisschen besänftigt. „Aber meinetwegen spreche ich mit Horace darüber. Vielleicht erlaubt er Leo ja, sich dort zu bewerben. Und jetzt lass uns endlich das Thema wechseln, Viola. Ich bin so gespannt darauf, was du über deine Reise nach Wien zu berichten hast! Ist das Opernhaus wirklich so prachtvoll, wie man immer hört?“

Als Leo jetzt an diese Unterhaltung zurückdachte, wurde sie wütend. Ihre Mutter hätte ihr niemals zugetraut, dass sie an der Akademie angenommen würde! Spencer-Akademie der Bildenden Künste, las sie den Briefkopf noch einmal, strich ehrfürchtig mit dem Finger über das Wappen und wiederholte die Worte leise wie einen Zauberspruch. Sie konnte es kaum erwarten, ihrer Patentante zu schreiben und ihr von ihrem Erfolg zu berichten. Aber erst musste sie noch etwas anderes erledigen.

Sie griff nach ihrer Krücke und stemmte sich aus dem Sessel hoch. Sie würde Kunst studieren, und weder ihre Mutter noch ihr Vater noch sonst jemand würde sie daran hindern! Eilig humpelte sie den Geheimgang wieder zurück und schlüpfte durch die Tür in der Wandvertäfelung auf den Flur hinaus. In diesem Moment war es ihr sogar herzlich egal, ob sie ihre Mutter beim Frühstück störte. Sie stieß einfach die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf. „Stell dir vor, Mutter“, rief sie, „die Spencer-Akademie hat mir geschrieben! Ich bin angenommen!“

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September 1909

Es war ein regnerischer Nachmittag, und aus den Schaufenstern des bekanntesten Kaufhauses von London, des Sinclair am Piccadilly Circus, ergoss sich goldenes Licht auf die trostlos graue Straße. Die unter ihren Schirmen vorbeihastenden Passanten konnten gar nicht anders, als anzuhalten und die prächtig dekorierten Auslagen mit der neuesten Herbstmode zu bewundern oder einen Blick durch den herrschaftlichen Eingang auf das Gedränge der eleganten Kundschaft im Foyer zu werfen.

Ging man die Vortreppe hoch und trat durch die wuchtige Flügeltür ins warme, einladende Innere des Gebäudes, stieg einem sogleich der köstliche Duft von Schokolade und Karamell aus der Süßwarenabteilung in die Nase. Die Kunden bummelten durch die Bücherabteilung und blätterten in druckfrischen Romanen oder hielten in der Abteilung für Damenbekleidung Ausschau nach der einzig wahren Pelzstola oder einem Seidenschirm in einer ganz bestimmten Farbnuance. Andere ergötzten sich einfach nur an der flauschigen Weichheit der Teppiche und dem Funkeln der Kronleuchter und beobachteten die Vorbeikommenden. Im Sinclair gab es immer etwas – oder jemanden – zu sehen.

Das wusste niemand besser als Sophie Taylor, doch an diesem Nachmittag eilte sie an den hell erleuchteten Schaufenstern vorbei, ohne ihnen auch nur einen Blick zu gönnen. Sie sah heute auch gar nicht aus wie die adrette Verkäuferin aus der Hutabteilung. Ihr blondes Haar war vom Wind zerzaust, an ihrem Rocksaum klebte Schmutz, ihre Knopfstiefel waren bespritzt, und ihr dünner Mantel bot kaum Schutz gegen den Regen. Tatsächlich sah sie so zerrauft und durchnässt aus, dass sich etliche Köpfe nach ihr umwandten, als sie in Lyons Teestube trat. Doch sie bewahrte Haltung, ignorierte die neugierigen Blicke und marschierte erhobenen Hauptes zu einem Ecktisch hinüber, der mit einem weißen Tischtuch und Geschirr für zwei Personen gedeckt war. Dort ließ sie sich erschöpft auf einen Stuhl sinken.

„Tee, Miss?“, fragte die Kellnerin.

Sophie zerrte an ihren nassen Handschuhen und lächelte ein bisschen kläglich. „Ach ja, bitte!“, sagte sie. „Ein heißer Tee wäre jetzt himmlisch.“

Als eine Weile darauf die Tür abermals aufschwang und eine junge Dame hereingestürmt kam, war die Teekanne schon fast leer. Die junge Dame war groß und schlank und sah in ihrem blauen Mantel mit dem Samtbesatz einfach umwerfend aus. Auf ihrem seidigen dunklen Haarschopf thronte keck ein ebenfalls blaues Federhütchen. Ihre Aufmachung wirkte weder besonders kostspielig noch entsprach sie der neuesten Mode, aber bei ihrem Anblick setzten sich die übrigen Gäste unwillkürlich kerzengerade hin. Der trübe Nachmittag bekam auf einmal einen unerwarteten Glanz.

Eine Dame stupste ihre Begleiterin verstohlen an und deutete mit dem Kinn auf den Ankömmling. War das nicht die junge Schauspielerin, deren Foto jüngst in der Daily Picture zu sehen gewesen war? Ein junger Mann, der sich selbst für einen Theaterkenner hielt, raunte seinen Freunden zu: „Das ist Lilian Rose! Sie spielt die Arabella in Die Erbin. Die Theatrical News von letzter Woche hat sie ‚den neuen Stern am Theaterhimmel‘ genannt!“

Die Einzige, die kein bisschen beeindruckt schien, war das Tee trinkende blonde Mädchen an dem Tisch in der Ecke. Die anderen Gäste wechselten erstaunte Blicke, als die junge Schauspielerin zielstrebig ebendiesen Tisch ansteuerte.

„Bitte entschuldige, Sophie – ich hab es einfach nicht mehr rechtzeitig zu Mrs Long geschafft!“ Lil ließ sich auf den freien Stuhl fallen. „Die Anprobe hat mal wieder ewig gedauert!“

„Das ist schon der dritte Termin, den du in dieser Woche verpasst hast“, entgegnete Sophie streng.

„Der dritte? Oje!“ Lil machte ein zerknirschtes Gesicht. „Es tut mir furchtbar leid, ehrlich. Darf ich dir als kleine Entschädigung ein Stück Kuchen bestellen? Fräulein!“

Nachdem sie bei der Kellnerin frischen Tee und eine Anzahl Kuchenstücke, von der eine ganze Großfamilie satt geworden wäre, geordert hatte, wandte sich Lil wieder zu ihrer Freundin um und blickte sie über den Tisch hinweg so flehend an, dass Sophie schmunzeln musste. Man konnte Lil einfach nicht lange böse sein.

„Wie lief es denn bei Mrs Long? Konntest du die gestohlene Katze wieder auftreiben?“ Lil nahm erst jetzt wahr, in welchem Zustand Sophie war. „Du siehst … äh … ein bisschen durchweicht aus.“

„Was du nicht sagst!“, scherzte Sophie. „Ja, ich habe die Katze wieder aufgetrieben. Sie war überhaupt nicht gestohlen worden, sondern hockte hinten in Mrs Longs Garten auf einem Baum. Ich hatte meine liebe Mühe, sie von dort herunterzubugsieren.“ Sie schob ihren Blusenärmel hoch, damit Lil die feuerroten Kratzspuren auf ihrem Arm sah.

„Meine Güte!“, entfuhr es Lil. „Da war Mrs Long hoffentlich froh und dankbar!“

„Ungefähr zwei Minuten lang. Dann hat sie mir einen ausführlichen Vortrag darüber gehalten, dass sich junge Mädchen zu ihrer Zeit damenhaft zu benehmen wussten und nicht wie die Affen auf Bäume geklettert sind.“

„Puh! Das geht entschieden zu weit. An deiner Stelle hätte ich sie gefragt, ob es ihr lieber gewesen wäre, du hättest ihre blöde Katze im Baum verschimmeln lassen.“

In diesem Augenblick brachte die Kellnerin den Kuchen und dazu noch einen Teller mit warmem Buttertoast. Beide Mädchen waren hungrig und futterten erst einmal drauflos. Dann setzte Sophie ihren Bericht fort. „Als es ans Bezahlen ging, war Mrs Long der Meinung, weil ihr Schneeflöckchen ja nicht gestohlen wurde, sei das hier angemessen.“ Sie holte eine Sixpence-Münze aus der Tasche und ließ sie auf den Tisch fallen. Das Geldstück trudelte kläglich klirrend gegen das Milchkännchen.

„Ist das alles?“, sagte Lil empört. „So eine geizige Person!“

„Für den Tee wird es wohl reichen“, gab Sophie zurück, „aber für die Reinigung meiner Sachen eher nicht.“

„Ich bin dafür, dass wir Mrs Long von unserer Kundenliste streichen“, sagte Lil ärgerlich. „Unsere Arbeit ist ja wohl deutlich mehr wert!“ Dann musste sie selbst lachen. „Die Sixpence-Detektivinnen … klingt wie eins von Billys Krimiheftchen!“

Tatsächlich hatten sich Sophie und Lil einen gewissen Ruf als Detektivinnen erworben, seit sie nicht nur die gestohlenen Schätze des Kaufhausbesitzers Mr Sinclair wiederbeschafft, sondern auch im Kriminalfall um den Smaragd-Schmetterling einen von Londons meistgesuchten Verbrechern entlarvt hatten. Mittlerweile verging kaum eine Woche, ohne dass sich jemand mit einem neuen „Fall“ Hilfe suchend an die beiden wandte. Anfangs hatten sie noch gestaunt, dass so viele Leute sie plötzlich als Ermittlerinnen engagieren wollten, aber inzwischen hatten sie sich daran gewöhnt.

Die ersten Male hatte Sophie ihre neue Tätigkeit sehr aufregend gefunden. Sie war stolz gewesen, wenn sie jemandem hatten beistehen können – auch wenn es nur darum ging, Familienerbstücke wie eine verloren gegangene alte Uhr wiederzubeschaffen oder einer jungen Dame dabei zu helfen, ihre verschollene Großmutter wiederzufinden. Mit dem kleinen Zuverdienst durch diese Aufträge hatte Sophie den schmalen Lohn aufgebessert, den sie als Verkäuferin bei Sinclair verdiente. Fast noch wichtiger war ihr aber der Spaß daran gewesen, im Team mit Lil (und oft auch mit Billy und Joe, ihren beiden Freunden) immer neue Rätsel zu knacken.

Erst in letzter Zeit hatten die „Fälle“, mit denen sie es zu tun bekamen, sie ein bisschen gelangweilt. Der letzte wirklich spannende Auftrag war schon eine ganze Weile her, und verschwundene Katzen aus Bäumen zu holen, war keine echte Herausforderung. Außerdem hatte Lil deutlich weniger Zeit für die Detektivarbeit, seit sie die Hauptrolle in einem aufsehenerregenden neuen Stück im West End ergattert hatte. Sie hastete von den Theaterproben zu den Modenschauen im Kaufhaus und dann noch zu Terminen mit Fotografen – und sie fehlte Sophie. Es war nicht nur mehr Arbeit, die anstehenden Aufträge ohne Lils Hilfe zu erledigen, es war auch längst nicht so lustig.

„Zum Glück bin ich in diesem Zustand niemandem aus dem Sinclair begegnet“, sagte Sophie jetzt. „Ich hatte schon Angst, dass mir Mrs Milton über den Weg läuft. Sie ist momentan sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.“ Mrs Milton leitete die Hutabteilung des Kaufhauses.

„Unsinn!“, sagte Lil energisch. „Das glaubst du doch selber nicht. Mrs Milton hält große Stücke auf dich.“

Sophie zuckte nur die Achseln. Das mochte ja vor ein paar Monaten so gewesen sein, aber in letzter Zeit war sie zu oft abgelenkt, und das war ihrer Vorgesetzten nicht entgangen.

In Wahrheit war die Tätigkeit einer Hutverkäuferin meistens ziemlich eintönig, und Sophie fühlte sich unterfordert. Natürlich war ihr bewusst, dass sie froh sein konnte, überhaupt eine Anstellung zu haben, und dann auch noch in einem so exklusiven Etablissement wie dem Sinclair. Doch nach den aufregenden Abenteuern der letzten Zeit war es ihr zunehmend schwergefallen, in ihr anspruchsloses Verkäuferinnendasein zurückzukehren.

Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hätte. Sophie war eine Waise und musste allein für sich sorgen. Zwar träumte sie manchmal davon, professionelle Detektivin zu werden, aber das waren natürlich nur Hirngespinste.

Eben wollte sie diese Überlegungen ihrer Freundin anvertrauen, doch Lil hatte sich weggedreht und sah zum Eingang der Teestube hinüber. Ihr Mund stand offen, als hätte sie ein Gespenst erblickt.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Sophie.

Lil schien sie gar nicht zu hören.

„Was in aller Welt machst du denn hier?“

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Sophie erblickte einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen jungen Mann, der mit langen Schritten auf ihren Tisch zustrebte. Seltsamerweise kam er ihr irgendwie bekannt vor.

„Was soll ich wohl hier machen?“, fragte er fröhlich zurück. „Ich suche dich, was sonst? Erst war ich am Theater, aber der Bursche am Bühnenausgang hat mir gesagt, dass ich dich hier finde.“

Lils entsetzte Miene glättete sich. „Ist ja ’n Ding!“, rief sie aus, als der junge Mann sie jetzt ungeniert umarmte – sehr zum Interesse der Gäste, die einander wieder anstießen und tuschelten. „Hoffentlich steckt er nicht jedem meiner Verehrer, wo ich mich gerade aufhalte!“

„Ich bin ja nicht dein Verehrer“, konterte der junge Mann. „Und du freust dich, mich zu sehen, gib’s zu!“ Er ließ Lil los, wandte sich zu Sophie um und streckte ihr die Hand hin. „Bitte verzeihen Sie, dass ich hier so hereinplatze. Ich bin Lils Bruder Jonathan, aber alle meine Freunde nennen mich Jack.“

„Das ist meine beste Freundin Sophie Taylor“, stellte Lil ihrerseits Sophie vor. „Du erinnerst dich bestimmt … ich habe dir schon oft von ihr erzählt.“

Jack grinste Sophie an und sie erwiderte sein Lächeln. Sie konnte gar nicht anders. Er sah Lil nicht nur verblüffend ähnlich, sondern hatte auch die gleiche lebhafte Art wie sie und offenbar das gleiche unerschütterliche Selbstvertrauen. Als sie ihm die Hand schüttelte, wurde sie unwillkürlich ein bisschen rot und genierte sich für ihre nassen, verschmutzten Sachen.

„Wie schön, dass ich Sie endlich kennenlerne“, sagte er herzlich. „Ich setze mich einfach zu euch, einverstanden?“

Schon hatte er von irgendwoher einen dritten Stuhl herbeigezaubert, und die Kellnerin brachte ihm eine saubere Tasse.

Lil schob ihm die Kuchenplatte hin. „Verrätst du mir jetzt bitte mal, was du hier zu suchen hast? Ich dachte, du bist in Oxford. Geht das Semester denn nicht wieder los?“

Jack lehnte sich zurück, und Sophie hatte den Eindruck, dass er ganz gegen seine Art ein bisschen verunsichert war. „Na ja …“, erwiderte er in künstlich unbekümmertem Ton, „die Sache ist die … Ich hab hingeschmissen. Da staunst du, was?“

„Hingeschmissen?“, wiederholte Lil verständnislos. „Was soll das heißen?“

„Dass ich nicht mehr nach Oxford zurückgehe.“

„Wie bitte?! Das ist nicht dein Ernst!“

„Doch!“ Jack klang jetzt ein bisschen gereizt. „Ich passe einfach nicht dorthin. Klar, ich hab mich letztes Jahr gut amüsiert und einen Haufen netter Leute kennengelernt … aber im Grunde war es wieder wie Schule. Ich will nicht Jura studieren und hinterher den ganzen Tag in einem muffigen Büro eingesperrt sein wie Vater. Du willst ja auch nicht zu Hause rumhocken und höchstens mal mit Mutter auf irgendwelche Teegesellschaften gehen. Du weißt doch, was ich werden möchte.“

Lil nickte. „Du willst Kunst studieren und Maler werden, aber du weißt auch, dass Vater niemals damit einverstanden wäre. Er redet die ganze Zeit davon, dass du später in seine Kanzlei eintreten sollst. Du kannst das Jurastudium nicht einfach aufgeben, Jack. Das erlaubt er dir nie.“

„Zu spät. Ist schon passiert.“

Lil war baff. „Aber … aber was willst du dann jetzt machen?“

„Jetzt kommt das Erfreuliche.“ Jacks Miene hellte sich auf. „Ich bin an der Spencer-Akademie angenommen worden, das ist eine der besten Kunsthochschulen von London! Die berühmtesten Maler haben dort studiert. Letztes Frühjahr habe ich ein paar Lehrer von dort kennengelernt und ihnen meine Arbeiten gezeigt, und um es kurz zu machen: Man hat mir ein Stipendium angeboten. Der Unterricht hat schon diese Woche angefangen.“

„Das … das ist natürlich toll, aber du hast nie auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verloren!“ Lil war immer noch fassungslos. Sogar der Kuchen schien plötzlich vergessen. „Wo wohnst du denn jetzt? Und hast du es unseren Eltern schon gebeichtet?“

„Nein, hab ich nicht. Und ich habe es auch nicht vor“, gab Jack entschieden zurück. „Ein Studienkamerad aus Oxford nimmt meine Post entgegen und schickt sie mir nach. Ich habe in Bloomsbury eine kleine Atelierwohnung gemietet, die ich mir leisten kann. Es den Alten zu erzählen, hat keinen Sinn. Sie würden sich bloß aufregen. Ich warte lieber, bis ich mir als Maler einen Namen gemacht habe. Dann begreifen sie vielleicht, dass ich es ernst meine und dass trotzdem etwas aus mir geworden ist.“

„Mannomann!“, schnaufte Lil. „Vater trifft der Schlag! Er ist ja noch nicht mal drüber hinweg, dass ich zu Hause ausgezogen und zum Theater gegangen bin. Und jetzt wirfst du alle Pläne um, die er mit dir hatte! Du weißt doch, wie Mutter und Vater über Künstler denken. Maler zu sein ist noch schlimmer als Schauspielerin!“

Jack grinste schief. „Ich weiß, ich weiß. Künstler sind Bohemiens, die in verdreckten Dachkammern hausen und ein skandalöses Leben führen. Was gar nicht so übel klingt, finde ich. Aber das ist ja auch der Grund, weshalb ich es ihnen nicht erzähle. Versprich mir, dass du mich nicht verpetzt.“

„Darauf kannst du dich verlassen, das weißt du doch. Trotzdem finde ich es ganz schön gewagt. Gib bitte nicht mir die Schuld, wenn dir der Schwindel irgendwann um die Ohren fliegt.“

Jack schien sich zu entspannen. „Danke“, sagte er schlicht. Dann wandte er sich wieder an Sophie. „Ich muss mich noch einmal dafür entschuldigen, dass ich hier so hereinplatze und Sie mit meinen Familienangelegenheiten behellige, Miss Taylor.“

„Sei doch nicht so förmlich“, unterbrach ihn Lil. „Du kannst ruhig Sophie zu ihr sagen.“

„Und was machst du so, Sophie?“, fragte Jack daraufhin. „Bist du auch Schauspielerin?“

„Oh nein“, sagte Sophie. „Ich arbeite als Verkäuferin bei Sinclair.“

„Aber vor allem löst sie Kriminalfälle“, mischte sich Lil wieder ein. „Wie ich bekanntlich auch. Von uns beiden ist Sophie aber die begabtere Detektivin, weil sie so gescheit ist. Ich habe dir doch geschrieben, was wir zusammen schon für Abenteuer erlebt haben!“

„Stimmt“, sagte Jack lachend. „Ihr hattet mit gestohlenen Schätzen und Verbrecherbanden zu tun, und dann gab es noch eine Verfolgungsjagd über die Dächer. Hat sich echt spannend angehört!“ Sein Tonfall legte nahe, dass er seiner Schwester kein Wort glaubte, aber das konnte man ihm nicht recht verdenken, dachte Sophie. Sie konnte manchmal selbst nicht glauben, was in den letzten Monaten alles passiert war.

„Vielleicht kann ich ja jetzt, wo ich auch in der Stadt bin, mal bei euch mitmachen“, fuhr Jack munter fort. „Was habt ihr beide denn zum Beispiel heute Abend vor? Ich will ins Café Royal – kommt doch mit!“

„Meinst du etwa das Café Royal in der Regent Street?“, fragte Lil eifrig.

„Richtig! Dort treffen sich die Künstler. Lauter berühmte Maler verkehren dort, und es ist immer sehr lustig. Unsere Alten würden jedenfalls keinen Fuß über die Schwelle setzen.“

Lil hatte leuchtende Augen bekommen. „Ich würde wahnsinnig gern mitkommen, aber leider habe ich heute Abend Vorstellung“, sagte sie bedauernd.

„Und was ist mit dir, Sophie?“

„Ich kann heute Abend leider auch nicht“, sagte Sophie rasch. „Vielleicht ein andermal.“ So verlockend es auch sein mochte, den Abend mit Lils charmantem und, wie sie zugeben musste, auch sehr attraktivem Bruder zu verbringen – sie konnte es sich nicht leisten, so lange aufzubleiben. Sie musste früh am nächsten Morgen wieder zur Arbeit erscheinen, und wenn sie nicht pünktlich war, würde sie in Mrs Miltons Achtung noch weiter sinken.

„Ich komme drauf zurück!“, erwiderte Jack mit seinem gewinnenden Lächeln.

Kurz darauf brachen alle drei auf. Lil und Jack schlenderten Arm in Arm die Straße hinunter und steckten vertraulich die dunkelhaarigen Köpfe zusammen, Sophie schlug den Weg zu ihrer Pension ein. Sie war jetzt müde und zog fröstelnd den Mantel um sich. Lils Bruder kennenzulernen, war nett gewesen, trotzdem bedauerte sie es, dass er die Verabredung mit ihrer Freundin, die sie nur selten allein treffen konnte, gestört hatte.

An der Ecke kaufte sie für einen Penny die Abendzeitung. „Schönen Abend noch, Miss“, wünschte ihr der Zeitungsjunge und tippte sich wie jedes Mal an die Mütze. Sophie hatte sich angewöhnt, morgens und abends die Zeitung zu lesen. Gegenüber ihren Freunden behauptete sie, das sei für die Detektivarbeit unerlässlich, aber in Wahrheit hielt sie Ausschau nach Neuigkeiten über den Mann, der sich „der Baron“ nannte.

Der Gedanke an den Baron war immer in ihrem Hinterkopf. Sie und ihre Freunde hatten bereits zwei höchst unerfreuliche Zusammenstöße mit ihm gehabt, und Sophie musste oft an ihre letzte Begegnung am Hafen denken, nach der er in einem Boot geflüchtet war. Ich wage zu behaupten, dass wir uns irgendwann wiedersehen, hatte er da zu ihr gesagt. Für heute Nacht heißt es: adieu.

Lil und die anderen waren davon überzeugt, dass der Baron ein für alle Mal verschwunden war und nie mehr auftauchen würde. Auch Scotland Yard war der Meinung, er habe das Land verlassen. Allerdings hatte man sein Foto an die Polizeibehörden sämtlicher Nachbarländer geschickt, ja sogar nach Amerika, und er war nirgendwo gesehen worden. Darum war Sophie nicht so zuversichtlich wie ihre Freunde, dass sie sich wegen des Barons keine Sorgen mehr zu machen brauchten. Er würde nicht vergessen, dass sie es gewesen waren, die das Geheimnis um seine falsche Identität gelüftet hatten.

Sie schloss die Haustür der Pension auf und ging die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Drinnen zog sie erst die schmutzigen Stiefel aus und hängte ihre nassen Sachen zum Trocknen auf, bevor sie es sich im Lehnsessel bequem machte und die Zeitung aufschlug.

An der Wand gegenüber pinnten die spärlichen Informationen, die Sophie bis jetzt über den Baron zusammengetragen hatte. Darunter waren auch etliche Artikel über die Zeit, als er noch als „Lord Beaucastle“ aufgetreten war. In der Mitte hing die rätselhafte Fotografie, die von Beaucastles Schreibtisch stammte und die ihr Mr McDermott überlassen hatte. Das Bild zeigte Sophies Eltern zusammen mit dem Baron. Auf der Rückseite stand: Kairo, 1890.

Dieses Foto war die überraschendste – und verstörendste – Entdeckung von allen gewesen. Sophie hatte zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihre Eltern den Baron gekannt hatten, ja womöglich sogar mit ihm befreundet gewesen waren.

Wie jeden Tag durchforstete sie die Zeitung Seite für Seite nach irgendwelchen Meldungen, die auf den Baron hindeuteten. In Knightsbridge war ein Juweliergeschäft ausgeraubt worden, aber die Diebe hatten nur billigen Schmuck mitgehen lassen, und der Einbruch selbst war nicht raffiniert genug ...

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