Logo weiterlesen.de
Kaufhaus der Träume, Band 2: Die Suche nach dem Smaragd-Schmetterling

dieser Saison. Einen der Höhepunkte stellt der bevorstehende große Ball von Lady Fitzmaurice auf ihrem Landsitz Hill Lodge dar.

20990.jpg

Auch finden in den kommenden Monaten einige glanzvolle Feste im Grünen statt. Steht nur zu hoffen, dass das Wetter mitspielt. Lady Woodhouse lädt nach Chesterfield Gardens ein, und nach allem, was bislang zu vernehmen war, sollen sogar mehrere Mitglieder der königlichen Familie zugegen sein. Auch Lord Beaucastle feiert auf seinem bezaubernden Anwesen Beaucastle Hall sein jährliches Gartenfest. Der Park und das weitläufige Grundstück bieten einfach eine traumhafte Kulisse für vergnügliche Stunden im Freien.

20988.jpg

Mit großer Spannung wird die Eröffnung der Kunstausstellung in der Royal Academy erwartet, die am

TEIL I

20983.jpg

DIE LONDONER SAISON

Sei es die Eröffnung der Spielzeit im Opernhaus Covent Garden oder die Jahresausstellung der Royal Academy, das Pferderennen in Ascot oder der Empfang bei Hofe – die Londoner Saison gilt zu Recht als die exklusivste und eleganteste in Europa. Eine junge Dame, die sich hier auf ihr Debüt vorbereitet, darf sich glücklich schätzen. Doch sie wird ihre erste Saison noch mehr genießen, wenn sie die gesellschaftliche Etikette beherzigt – jene Anstands- und Benimmregeln, die jede junge Dame aus höheren Kreisen im Schlaf beherrschen sollte.

Zitiert aus Lady Diana DeVeres Standardwerk Etikette für Debütantinnen – Gepflogenheiten und Gebräuche der guten Gesellschaft, Kapitel 1: Die Londoner Saison – Die Vorstellung bei Hofe – Die Königlichen Residenzen – Die Kleiderordnung – Der Hofknicks – Der Empfang

20975.jpg

Von unten drangen das Krächzen des grünen Papageis und das Pfeifen des Wasserkessels herauf. Mei drehte sich auf die andere Seite, machte die Augen wieder zu und versuchte weiterzuschlafen. Doch auch von der Straße her kamen die vertrauten Morgengeräusche: laute Stimmen und Rufe, das Tuten der Kähne auf der Themse und das Geklapper der Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster. Mei blieb noch einen Moment lang liegen, dann zwang sie sich, die Augen erneut zu öffnen. Schon fielen warme Sonnenstrahlen durch den Spalt im Vorhang und auf die Bettdecke. Mei hatte wieder mal verschlafen, und Mum würde schimpfen.

Bei diesem Gedanken setzte sie sich sofort auf und zog den Vorhang zurück, der ihre Ecke vom größeren Teil des Zimmers abtrennte. Dort schliefen ihre drei Brüder, aber ihre Betten waren leer. Song, der Älteste, arbeitete in Ah Weis Garküche, und die Zwillinge Shen und Jian mussten schon auf dem Weg zur Schule sein.

Mei sprang aus dem Bett. Warum hatte Mum sie nicht längst gerufen? Als sie die Treppe hinuntereilte, knöpfte sie hastig ihr gestreiftes Hauskleid zu.

Die Treppe war steil und eng, die Stufen knarrten. Das Haus der Familie Lim stand in einer kleinen Gasse in Limehouse in Ostlondon und duckte sich krumm und schief zwischen die Nachbarhäuser. Es war dunkel, feucht und verwinkelt, aber Mei liebte jeden Quadratzentimeter. Sie war im Schlafzimmer ihrer Eltern über dem Laden zur Welt gekommen und zusammen mit ihren Brüdern hier aufgewachsen. Irgendwo anders zu wohnen, konnte sie sich nicht vorstellen.

Wie immer nahm sie die letzten Stufen mit einem großen Satz und landete auf den Steinfliesen. Auf einer Seite der Diele roch es aus der offenen Tür zum Laden nach Tee, Gewürzen und Tabak, durch die Tür gegenüber ging es ins Hinterzimmer, wo auch der Herd stand und die Familie den größten Teil ihrer Zeit verbrachte. Doch statt die Tür aufzudrücken, blieb Mei wie angewurzelt davor stehen.

Drinnen unterhielten sich Mum und Dad. Das war nicht weiter ungewöhnlich – sonderbar war aber, dass sie die Stimmen dämpften und sich fast so anhörten, als hätten sie vor irgendetwas Angst.

Mei zögerte. „Es geht nicht anders, Lou“, hörte sie ihren Vater eindringlich sagen. „Begreif das doch bitte!“

„Aber wenn wir ihnen geben, was sie verlangen, kommen wir kaum noch über die Runden! Und was machen wir, wenn sie nächsten Monat wieder vor der Tür stehen? Ich lasse mich nicht erpressen!“ Das war ihre Mutter.

Dads Stimme klang belegt, als er entgegnete: „Willst du das Haus verlieren … den Laden … alles, wofür wir so hart gearbeitet haben?“ Noch leiser fügte er an: „Weißt du nicht mehr, wie es den Goldsteins ergangen ist? Sollen wir so enden wie sie?“

Die Goldsteins … Mei überlief es kalt. Mr Goldstein hatte ein paar Häuser weiter eine kleine Pfandleihe betrieben. Seine Frau und er waren ein schweigsames, altes Paar gewesen, aber Mrs Goldstein hatte Mei und ihren Brüdern immer einen schönen Tag gewünscht, wenn die Kinder morgens auf dem Schulweg an der Pfandleihe vorbeigekommen waren. Vor ein paar Monaten war dort Feuer ausgebrochen. Das ganze Gebäude, und damit auch die Pfandleihe, war bis auf die Grundmauern niedergebrannt, und Mr und Mrs Goldstein waren in den Flammen umgekommen. Mei hatte angenommen, das Feuer sei die Folge eines unglücklichen Zufalls gewesen, doch jetzt befielen sie böse Ahnungen. Sollen wir so enden wie sie? Was konnte ihr Vater bloß damit meinen?

„Natürlich nicht!“, sagte ihre Mutter. „Aber …“

Mei wurde plötzlich bewusst, dass sie lauschte, und so etwas tat man nicht. Entschlossen stieß sie die Tür auf. Ihre Eltern verstummten schlagartig.

„Da kommt ja unsere Langschläferin“, begrüßte ihre Mutter sie dann in ganz normalem Tonfall. Sie rollte gerade Teig aus und rührte zwischendurch in einem dampfenden Topf Brühe, der auf dem Herd stand. Wie immer tat sie mehrere Dinge gleichzeitig, wobei es allerdings meistens eher fünf Dinge waren als nur zwei.

„Hoffentlich haben dir die Jungs noch was zum Frühstücken übrig gelassen“, sagte ihr Vater und zog Mei scherzhaft an ihrem langen Zopf, als sie sich neben ihn an den blank gescheuerten Holztisch setzte.

„Wenn man dich ließe, würdest du wahrscheinlich den ganzen Tag verschlafen“, sagte ihre Mutter kopfschüttelnd, aber mit schelmisch funkelnden Augen. „Das musst du von deinem Vater haben. Er kommt aus einer Familie von Faulpelzen.“

Meis Vater machte ein Gesicht, als wäre er tödlich beleidigt, und verpasste ihrer Mutter mit der zusammengerollten Zeitung einen spielerischen Schlag. Sie tat so, als wollte sie sich mit dem Nudelholz zur Wehr setzen, duckte sich aber lachend hinter Meis Stuhl, als ihr Vater aufsprang und drohend auf sie zukam.

Auch Mei musste lachen, und der grüne Papagei in seinem Käfig krächzte fröhlich, als wollte er mit einstimmen. Es war, als hätte die gedämpfte, angespannte Unterhaltung hinter der geschlossenen Tür nie stattgefunden. Hatte sich Mei das Ganze vielleicht nur eingebildet? Das hätte zumindest erklärt, warum ihre Eltern so fremd geklungen hatten.

Mei war bewusst, dass die beiden anders waren als die Eltern ihrer Mitschüler. Mum und Dad lachten und scherzten die ganze Zeit und machten „Faxen“, wie es Mr Walker, der Schuldirektor, missbilligend genannt hätte. Mei hatte einmal bei Jessie Bates zu Abend gegessen, und da hatte eine ganz andere Atmosphäre geherrscht. Jessies Vater war so streng und grimmig, dass alle nur stumm dagesessen und höchstens zaghaft um den Salzstreuer gebeten hatten. Mei war das sehr merkwürdig vorgekommen. Wie konnte man sich vor seinem eigenen Vater fürchten? Ihr Vater war einer der nettesten Menschen, die sie kannte. Und da wagten es Jessie und ihre Freundinnen, die Nase über Meis Familie zu rümpfen, bloß weil ihre Mutter Engländerin und ihr Vater Chinese war!

Doch darüber musste sie sich ja zum Glück nicht mehr ärgern. Sie war jetzt vierzehn und mit der Schule fertig. Sie brauchte die Gassen von Limehouse – oder „Chinatown“, wie das Viertel auch genannt wurde – nur noch selten zu verlassen. Hier sah man fast genauso viele Chinesen wie Engländer. Die meisten von ihnen arbeiteten als Heizer, Matrosen, Köche, Kellner oder Zimmerleute auf den großen Passagierdampfern, die zwischen China und London hin und her fuhren. Die Wochen an Land verbrachten sie in einer Pension, bis sie wieder auf einem Schiff in Richtung Heimat anheuerten. Es gab aber auch ein paar hier ansässige Familien wie die Lims.

Mei war nicht verborgen geblieben, dass viele Londoner einen Bogen um Chinatown machten, weil es dort angeblich von Opiumhöhlen und Spielsalons nur so wimmelte, aber das war nicht das Limehouse, das Mei kannte. Ja, die Straßen waren nicht besonders sauber und die Einwohner waren arm, aber Mei fühlte sich hier wohl. Hier rümpfte niemand die Nase über sie – im Gegenteil. Der Laden der Lims lag im Herzen des Viertels, nur ein paar Schritte von Ah Weis Garküche entfernt und gegenüber von der Wäscherei und dem Gasthaus Zu den Sieben Sternen. Und Madame Wus beliebtes Lichtspiel-Varieté Laterna Magica war auch gleich um die Ecke. Jeder kannte den Laden, und jeder kannte Mei und ihre Familie.

„Du musst gleich ein paar Besorgungen für mich übernehmen“, riss Meis Mutter sie aus ihren Gedanken. Erst jetzt nahm sie wahr, dass die Uhr auf dem Kaminsims die volle Stunde schlug und Dad in den Laden hinüberging. „Beim Bäcker, beim Fischhändler und beim Schuster. Und komm bitte nicht wieder wie letztes Mal ohne den Fisch zurück!“

Seit Mei nicht mehr zur Schule ging, half sie im Haushalt und im Laden mit. Als einzigem Mädchen fiel ihr natürlich die Aufgabe zu, ihre Eltern zu unterstützen. Dass sie damit großes Glück hatte, war ihr bewusst. Die meisten Familien in Limehouse konnten es sich nicht leisten, ihre Töchter zu Hause zu behalten, und mindestens die Hälfte von Meis ehemaligen Mitschülerinnen arbeitete inzwischen in der Bleiweißfabrik oder der Kartonagenmanufaktur.

„Bevor du losgehst, bring bitte noch das hier nach oben“, fuhr Meis Mutter fort und deutete auf einen Stapel säuberlich gefalteter Bettwäsche, die vom Waschtag noch nach Seife duftete. „Nachher will sich jemand das Zimmer ansehen.“

Mei trug den Stapel die steile Treppe hoch ins Dachgeschoss. Hier oben konnte man durch die kleinen Fenster einen Blick auf den blauen Himmel erhaschen, und helle Sonnenflecken fielen herein. Beinahe wäre Mei über die weiße Familienkatze Tibby gestolpert, die auf dem Treppenabsatz vor Onkel Huans Zimmer ein Sonnenbad nahm. Tibby öffnete die grünen Augen einen Spalt, blinzelte hochmütig und schloss die Augen wieder, als Mei über sie hinwegstieg.

Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass das andere Zimmer hier oben nicht mehr Großvater gehörte. Der Raum stand jetzt leer und sollte vermietet werden, aber Mei sah ihren Großvater immer noch in seinem hohen Lehnstuhl sitzen. Um diese Tageszeit hätte er mit der zusammengerollten Katze auf dem Schoß Zeitung gelesen, und auf der kleinen, messingbeschlagenen Truhe neben ihm, in der er seine Schätze aufbewahrt hatte, hätte sein höchstpersönlicher Teebecher gestanden. Er hatte fast immer den gleichen Tagesablauf eingehalten: Teetrinken, Lesen (Zeitung und Bücher), in sein Notizbuch schreiben und zwischendurch zu Ah Weis Garküche hinüberschlendern, wo er mit seinen Freunden eine Runde Mahjong spielte. Anders als Meis Vater und Onkel, die beide kurz geschnittene Haare hatten und sich wie Engländer kleideten, hatte ihr Großvater an der Tradition festgehalten und einen Zopf getragen, der fast so lang gewesen war wie der von Mei. Er hatte darauf bestanden, seinen unwilligen Enkeln Mandarin beizubringen (dass er diese Sprache beherrschte, war sein ganzer Stolz), und weil Mei gern Geschichten hörte, hatte er ihr die endlos langen Märchen und Volkssagen erzählt, die er selbst von seinem eigenen Großvater kannte. Mei mochte diese Geschichten, auch wenn ihr Bruder Song sie für Unsinn hielt, was er aber höflicherweise nicht laut aussprach.

Genauso gern ließ sich Mei von Großvaters Familie und seinem Leben in der chinesischen Provinz Henan berichten, wo er aufgewachsen war und wo auch Meis Vater und sein Bruder geboren waren. Die Lims waren dort seit undenklichen Zeiten ansässig gewesen. Großvaters Schilderungen seines Heimatortes, der in der Nähe eines antiken Tempels lag, hatten sich für Mei ebenfalls wie Märchen angehört, und es fiel ihr schwer, das ferne, friedliche Dorf mit den schmutzigen, verqualmten, wimmeligen Gassen von Limehouse, wo sie selbst lebte, in Einklang zu bringen.

Die spannendste Geschichte von allen jedoch war Großvaters eigene Lebensgeschichte, die davon handelte, wie es ihn vom ländlichen China in die europäische Großstadt London verschlagen hatte. Zugleich war diese Geschichte aber auch die traurigste von allen. Großvater hatte sie Mei so oft erzählt, dass sie sie praktisch auswendig konnte. Als sie die Treppe jetzt wieder hinunterging, rief sie sich Großvaters Worte in Erinnerung und stellte sich seine brüchige Stimme dazu vor.

„Der kostbarste Gegenstand im Tempel war der Mondstrahldiamant“, begann die Geschichte. „Er war eiförmig und glänzte so silbrig wie das Mondlicht, von dem er seinen Namen hatte. Der Diamant besaß Zauberkräfte und brachte uns Glück und Reichtum. Er war in der ganzen Gegend bekannt und berühmt. Pilger kamen ins Dorf, um ihn sich anzuschauen, und unzählige Geschichten rankten sich um ihn. Es hieß, ein echter Mondstrahl sei in ihm eingeschlossen, deshalb schimmere er so silbrig.

Wir Lims waren seit Generationen die Hüter des Steins. Vor mir passte mein Vater auf ihn auf und davor mein Großvater. Eine alte Legende besagte, dass ihn die Mondgöttin selbst einem unserer Vorfahren zum Geschenk gemacht hatte. Dieser Vorfahr war ein tapferer Krieger gewesen, der ein schreckliches Unrecht gesühnt hatte. Zur Belohnung schenkte ihm die Göttin den Diamanten, der die magische Eigenschaft besaß, ihn und seine Nachkommen vor allem Unglück zu bewahren. Weil der Krieger aber ein kluger und gutherziger Mann war, behielt er den Diamanten nicht für sich, sondern übergab ihn den Mönchen, damit er allen Menschen Glück bringen konnte. Auch der Krieger selbst zog in den Tempel, um den Stein zu bewachen, und er und seine Nachkommen lebten fortan in Frieden und Wohlstand.

Angeblich lastete aber auch ein uralter Fluch auf dem Diamanten. Würde er je gestohlen, so drohte dem Dieb großes Unheil. Seine Felder würden verdorren und ihm und den Seinen würde so lange alles erdenkliche Ungemach widerfahren, bis er den Stein wieder zurückgebracht hätte. Es gingen Gerüchte darüber um, dass all jene, die leichtsinnigerweise trotzdem versucht hatten, den Stein zu stehlen, ein grausiges Ende gefunden hatten …“

„Mei! Bist du etwa wieder eingeschlafen? Lauf los – und vergiss nicht, die Schuhe deines Bruders vom Schuster abzuholen!“

In Gedanken noch immer bei Großvaters Geschichte, griff Mei widerstrebend nach dem Einkaufskorb. Sie ging nicht gern zum Schuster, denn seine Werkstatt lag außerhalb von Chinatown, näher am Fluss und am Hafen, und auf großen Straßen und Plätzen fühlte sie sich unbehaglich. Ihr Bruder Song hatte sie früher oft damit aufgezogen, dass sie ein Angsthase sei.

Ihre Mutter verschränkte auffordernd die Arme. Auch wenn sie im Allgemeinen lieb und lustig war, legte man sich besser nicht mit ihr an.

Mei trat in den morgendlichen Trubel hinaus. Vor Ah Weis Garküche gegenüber herrschte ein geschäftiges Kommen und Gehen, Kutschen und Fahrräder holperten vorbei, und hinter den schmutzigen Fenstern des Segelmachers und des Stellmachers wurde bereits emsig gewerkelt.

Ihr erstes Ziel war der Bäcker. Auch dort drängten sich schon die Kunden: alte Frauen mit bauchigen Körben, jüngere Frauen, die sich die Wartezeit mit munterem Geplauder verkürzten, ernsthafte Mädchen und zwei schmuddelige Straßenkinder, die sich die Nasen an der Scheibe der Verkaufstheke plattdrückten und sehnsüchtig die frischen, noch ofenwarmen Brötchen beäugten. Als Mei hereinkam, drehte sich die Frau, die gerade bedient wurde, nach ihr um, stieß ihre Begleiterin an und raunte ihr etwas zu, und als die beiden Frauen hinausgingen, schielten sie noch einmal zu ihr herüber. Mei war völlig überrumpelt. Sie war es zwar gewohnt, dass man sie anstarrte, mit dem Finger auf sie zeigte und sie manchmal sogar beschimpfte, aber doch nicht hier in Chinatown, wo es unzählige Mädchen wie sie gab!

Jetzt war sie an der Reihe und wurde von Mrs O’Leary, der Bäckersfrau, freundlich begrüßt. Mrs O’Leary war immer nett zu Mei und ganz besonders zu ihren jüngeren Brüdern, und heute bestand sie sogar darauf, Mei zu den beiden Broten noch eine Tüte mit zerbrochenen Keksen in den Korb zu stecken. Meis Protest überhörte sie. „Nimm nur, Schätzchen – und lass dich nicht unterkriegen“, sagte die Bäckersfrau, drückte ihr fest die Hand und wünschte ihr noch herzlicher als sonst einen schönen Tag.

Ob Mrs O’Leary wohl gehört hatte, was die fremde Frau ihrer Begleiterin zugeraunt hatte? Tat Mei ihr jetzt etwa leid? Diese Vorstellung behagte Mei gar nicht. Um sich abzulenken, kehrte sie in Gedanken wieder zu Großvaters Geschichte zurück, kaum dass sie den Laden verlassen hatte.

„Als dein Vater etwa so alt war wie du, wurde für unsere Familie auf einmal alles anders“, hörte sie ihren Großvater sagen. Seine zittrige Stimme hatte einen Unheil verkündenden Unterton. „Ein Trupp Männer kam in unser Dorf. Sie behaupteten, sie würden gern unsere Felder vermessen und auf ihren Karten einzeichnen.

Der Anführer war ein junger Engländer, ein vornehmer Herr und geübter Fechter. Wir nannten ihn Waiguo Ren, das bedeutet ‚Fremder‘, und hießen ihn und seine Leute als Ehrengäste in unserem Dorf willkommen. Wir zeigten ihnen auch den Tempel und den Mondstrahldiamanten. Waiguo Ren unterhielt sich lange mit den Mönchen und behauptete, er wolle so viel wie möglich von ihnen lernen.

Doch in Wirklichkeit war er ein Schuft und Betrüger. Er war mit dem Kaiser im Bunde, der neidisch auf unseren Tempel und unseren Wohlstand war. Waiguo Ren belog aber auch den Kaiser und erzählte ihm, die Mönche schmiedeten ein Komplott gegen die Qing-Dynastie und planten zusammen mit ausländischen Truppen einen Aufstand. Daraufhin schickte der erzürnte Kaiser seine Soldaten, und mit ihrer Unterstützung überfielen Waiguo Ren und seine Leute uns im Schlaf. Sie plünderten den Tempel und steckten das Dorf in Brand. Während wir noch versuchten, unsere Hütten und unsere Familien zu retten, stahl Waiguo Ren den Diamanten und machte sich damit aus dem Staub.

Viele Dorfbewohner kamen ums Leben, und unsere Hütten lagen in Schutt und Asche. Ich hatte den Diamanten nicht verteidigt, wie es meine Pflicht gewesen wäre, aber weil Waiguo Ren spurlos verschwunden war, konnte ich nichts unternehmen. Kurz darauf verließ ich mit meinen beiden Söhnen – deinem Vater und deinem Onkel – das Land. Der Kaiser hatte uns unsere Existenzgrundlage genommen, doch ich wusste, dass es auf den Dampfschiffen immer Arbeit gab. Die lange Reise übers Meer war hart und gefahrvoll, aber schließlich landeten wir wohlbehalten an Englands Küste.“

An dieser Stelle pflegte Großvater die flachen Hände nach oben zu drehen, als ließe er die Geschichte frei wie einen Vogel. „Und wie es weiterging, weißt du selbst“, schloss er jedes Mal.

„Aber was wurde aus dem Diamanten?“, hatte Mei immer gefragt, als sie noch klein gewesen war.

Dann hatte Großvater gelächelt, auch wenn Kummer seine Augen verdunkelte. „Das weiß ich leider auch nicht. Ich weiß nur, dass der Mondstrahldiamant seiner eigenen Bestimmung folgt.“ Anschließend hatte er sie an sich gezogen und hinzugesetzt: „Du und deine Brüder – ihr seid für mich kostbarer als jeder Edelstein, meine Kleine. Ihr seid die einzigen Schätze, die ein alter Mann wie ich noch braucht.“

Mei hatte trotzdem gespürt, dass ihr Großvater oft an den verschwundenen Diamanten dachte. Als er ihr die Geschichte wieder einmal erzählt hatte, hatte er am Ende geseufzt und gesagt: „Weißt du, im Traum sehe ich oft unseren Tempel vor mir. Wie herrlich wäre es, wenn der Mondstrahldiamant dorthin zurückkehren und wieder sein sanftes Licht verströmen würde!“

Mei hatte mitbekommen, dass ihr Vater und ihr Onkel der Meinung waren, Großvater lebe zu sehr in der Vergangenheit. Als die beiden nach London gekommen waren, waren sie junge Männer gewesen und hatten sich hier ein neues Leben aufgebaut. Meis Vater hatte den Laden eröffnet, ihre Mutter geheiratet und vier Kinder bekommen, und Onkel Huan hatte Gefallen am Seefahrerleben gefunden und war jetzt Erster Offizier auf einem der großen Schiffe, die an den West India Docks ab- und anlegten. Alle paar Monate hatte er Landurlaub. Dann hatte er immer die Taschen voller exotischer Mitbringsel: Päckchen mit Zimtpulver, kunstvolle Elfenbeinschnitzereien oder lange Straußenfedern, mit denen er Mei an der Wange kitzelte. Seine Heimkehr war jedes Mal ein Fest, und anschließend bezog er ein paar Wochen lang wieder sein altes Zimmer im Dachgeschoss gegenüber von Großvaters Kammer. Aber wenn er diesmal zurückkäme, wäre Großvater nicht mehr da.

Mei spürte ein schmerzliches Ziehen im Magen. Ihr Großvater fehlte ihr immer noch jeden Tag.

Inzwischen war sie schon fast an der Themse angekommen. Die Luft roch hier ganz anders, teils beißend nach Rauch und Terpentin, teils würzig nach dem Rum, den die Schiffe aus Übersee mitbrachten, und dann war da noch der typische Eigengeruch des Flusses. Mit dem Fluss hatte damals alles angefangen – er hatte Großvater und seine beiden Söhne dereinst nach London gebracht.

Im Weitergehen betrachtete Mei die zahllosen Kräne und Masten, die sich wie schwarzes Gekritzel vor dem Himmel abzeichneten. Die Straßen wurden immer voller, Mei musste sich zwischen hoch beladenen Pferdekarren hindurchschlängeln. Ein Zeitungsjunge rief seine Schlagzeilen aus, Zollbeamte waren auf dem Weg ins Büro, barfüßige Kinder spielten zwischen den Passanten Fangen, und Arbeiter luden Waren aus – pralle Getreidesäcke, dicke Taurollen und lange Holzbalken. Alle waren viel zu beschäftigt, um einem einzelnen Mädchen mit einem Einkaufskorb auch nur einen flüchtigen Blick zu gönnen, sodass Mei sich allmählich wohler fühlte und anfing, das bunte Treiben zu genießen.

Sonst sah die Themse immer grau aus, aber heute ließ die Junisonne das Wasser mal silbern, mal blau oder grün funkeln. Über Meis Kopf kreischten die Möwen, aus den Schornsteinen am gegenüberliegenden Ufer kräuselte sich Rauch, und der Fluss war voller Dampfer, Segeljollen und Frachtkähne. Mei bedauerte es fast, als sie vor der Schusterwerkstatt stand und hineingehen musste.

Der Schuster war ein leutseliger Mann mit rotem Gesicht, der seine freie Zeit überwiegend im Wirtshaus verbrachte. „Du willst bestimmt die Schuhe von deinem Bruder abholen – bittschön! So gut wie neu!“, polterte er fröhlich und hielt ihr das Paar hin. Doch dann zog er die Schuhe plötzlich wieder weg, und Mei blickte verdutzt zu ihm hoch.

„Kannst du deinem Vater bitte was von mir ausrichten?“, sagte der Schuster mit gedämpfter Stimme und sah auf einmal gar nicht mehr fröhlich aus.

„Gern“, erwiderte die überraschte Mei.

„Aber was ich dir jetzt sage, ist nur für deinen Vater bestimmt. Alle anderen geht es nix an. Auch nicht deine kleinen Brüder, diese Lausebengel.“

Mei verstand gar nichts mehr, nickte aber.

Der Schuster zögerte kurz, gab sich dann einen Ruck und raunte: „Sag deinem Vater, er sitzt in der Patsche.“

„Wie bitte?“

„Und zwar bis zum Hals. Er weiß dann schon Bescheid. Und jetzt lauf, Kleine … und pass gut auf dich auf.“

Letzteres betonte er so nachdrücklich, dass es Mei ganz anders wurde. Das war keine gewöhnliche Verabschiedung – es war eine Warnung. Aber wovor bloß? Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, fröstelte aber unwillkürlich, als sie wieder in die warme Sonne hinaustrat.

Das Hafenviertel, das ihr gerade noch so bunt und lebendig erschienen war, wirkte auf einmal unheimlich, und sie beschleunigte ihren Schritt. Seeleute und Hafenarbeiter eilten an ihr vorbei, ein Betrunkener kam aus einer Kneipe getorkelt, ließ seine Schnapsflasche fallen und fluchte wüst. Sie wich ihm aus, doch da wurde sie von einer Bande Straßenkinder umringt. Das jüngste zupfte an ihrem Rock, um sie abzulenken, ein anderes ließ unauffällig die schmutzige Hand in ihren Korb gleiten. Aber Mei hatte nicht umsonst ihr ganzes Leben im East End verbracht. Sie stieß den kleinen Dieb weg, funkelte die Kinder böse an und rief schallend: „Schert euch fort, oder ich rufe den Schutzmann!“ Die Kinder stoben auseinander und tauchten in der Menge unter.

Mei hatte Herzklopfen und ging noch schneller, aber sie rannte nicht. Wer rannte, verriet, dass er Angst hatte, und wer Angst hatte, zeigte Schwäche. Trotzdem hallte die Warnung des Schusters bei jedem Schritt so laut in ihren Ohren wider wie das Geläut der Bow Church. Er sitzt in der Patsche. Bis zum Hals. Pass auf dich auf.

Sie stürmte in den Laden ihrer Eltern. Die Glocke über der Tür läutete wie immer, aber Mei blieb wie angewurzelt stehen.

Der Laden war völlig verwüstet. Die Theke und der Hocker dahinter waren umgekippt, die Waren aus den Regalen gefegt. Der Fußboden war mit zerbrochenen Flaschen übersät, Dosen mit Tee und Kaffee waren beim Herunterfallen aufgesprungen und hatten ihren Inhalt überall verstreut. Einen Augenblick lang nahm Mei nur das Durcheinander wahr, dann entdeckte sie mittendrin eine Gestalt, die mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Boden lag wie eine zerbrochene Puppe.

„Dad!“, schrie sie.

20967.jpg

Am anderen Ende der Stadt, weit weg von den engen, schmutzigen Gassen der Armenviertel, lag mitten im West End ein Laden der ganz anderen Art. Londons exklusivstes Kaufhaus platzte vor Kunden schier aus den Nähten. Die Saison war in vollem Gange, und jeder, der etwas darstellte, musste sich einfach im Sinclair blicken lassen.

Draußen war schönstes Juniwetter, und der Himmel über dem Piccadilly Square war strahlend blau. Drinnen herrschte auf allen acht Etagen geschäftiger Trubel. Elegante Damen begutachteten Handschuhe und Sonnenschirme, während schmucke Herren sommerliche Flanellhosen und Strohhüte anprobierten. Grüppchen lachender und schwatzender junger Leute standen nach Eiscreme an – Mr Edward Sinclairs neueste Errungenschaft aus Amerika, die in den besseren Kreisen von London rasch zum Renner geworden war. Ganz oben lustwandelten schick gekleidete Paare über die Dachterrasse, die als der romantischste Ort in ganz London galt, seit Mr Frederick Whitman sie zum Schauplatz seiner Hochzeit mit dem Revuestar Kitty Shaw auserkoren hatte. Währenddessen eilten mit Kartons beladene Laufburschen in adretten Uniformen durchs Haus, und der Chefportier Sid Parker riss schwungvoll die großen Flügeltüren auf, um zu den Klängen eines munteren Walzers, den ein Pianist auf dem weiß glänzenden Flügel oben auf der Galerie spielte, weitere Kundenströme einzulassen.

Im Stallhof hinter dem Gebäude ging es keineswegs ruhiger zu. Lieferwagen um Lieferwagen rumpelte durch das Tor, ein jeder schwer mit Kisten beladen. Viele dieser Fahrzeuge kamen geradewegs vom Hafen und brachten Waren aus aller Herren Länder – kiloweise chinesischen Tee, ballenweise indische Seide und überhaupt das Schönste und Beste, was das britische Weltreich zu bieten hatte. Alles wurde erst einmal hier abgeladen, und anschließend wurden die einzelnen Bestellungen an die prächtigen Villen in Westlondon ausgeliefert. Gerade eben stellte eine Gruppe Dienstleute die nächste Fuhre zusammen, wobei jeder Gegenstand sorgfältig erst in Seidenpapier gehüllt und dann in einen Sinclair-Karton verpackt wurde. Die Kartons wurden in den hauseigenen Pferdekarren und Lieferwagen verstaut, dann rollte eine lange Prozession durch Londons Straßen.

Währenddessen glitten im Kaufhaus die Aufzüge hinauf und hinunter, die Tische im Restaurant Marmorterrasse wurden zum Mittagessen eingedeckt, und in der Hutabteilung hatten sich Gruppen von Kundinnen vor den wunderschön dekorierten Auslagen mit den neuesten Sommerhüten versammelt – hinreißenden, hauchzarten Gebilden, die verschwenderisch mit duftigen Seidenblumen und flauschigen Straußenfedern geschmückt waren. Eine besonders elegante Dame kam am Arm ihrer Freundin angerauscht und fächelte sich Kühlung zu.

„Ich finde nicht, dass eine Debütantin ausschließlich Weiß tragen muss. Elfenbein oder Creme sind durchaus eine Alternative, auch ein blasses Mauve könnte ich mir vorstellen … aber alles andere würde von schlechtem Geschmack zeugen, findest du nicht auch?“

Das Mädchen, das hinter den beiden herlief, war eindeutig besagte Debütantin, eine junge Dame, deren erster offizieller Auftritt in der Gesellschaft bevorstand. Sie sah sich staunend und mit halb offenem Mund um, als sei sie völlig überwältigt. Doch das war weiter nichts Ungewöhnliches. Schließlich gab es in London kein zweites Kaufhaus wie das Sinclair mit seinen hohen, mit Wölkchen und Engelchen bemalten Decken und dem prächtigen Foyer mit dem Marmorfußboden und der goldenen Standuhr.

Wobei es natürlich keineswegs nur die Ausstattung war, die das Sinclair so einzigartig machte, und auch nicht das hochkarätige Unterhaltungsprogramm, das Mr Sinclair seinen Kunden zu bieten pflegte – in der einen Woche vielleicht ein stilvoller Thé dansant, in der nächsten die Präsentation einer brandneuen Erfindung. Nein, das ganze Haus mit allem Drum und Dran hatte etwas Magisches. Die Luft in den Verkaufsräumen schien stets nach Rosen, Veilchen, Karamell und Schokolade zu duften, und dann waren da ja noch die berühmten blau-goldenen, mit Satinband umwundenen Kartons, in denen sich unter knisternden Lagen aus schneeweißem Seidenpapier die Erfüllung der kühnsten Träume verbergen mochte.

Selbst Sophie Taylor, die schon seit der Eröffnung des Kaufhauses hier arbeitete, schaute sich immer noch mit großen Augen um und ließ sich von all der Pracht und Schönheit verzaubern – wobei an einem betriebsamen Morgen wie diesem natürlich nicht viel Zeit zum Umschauen blieb.

„Hier kommt die neue Ware, Miss Taylor!“, rief ihr ein Laufbursche zu, der einen großen Rollwagen voller großer, runder Schachteln vor sich herschob.

„Bitte gleich ins Hutlager, Alf“, erwiderte sie, pflückte auf Zehenspitzen ein mit künstlichen Blaukehlchen geschmücktes Exemplar von einer hohen Auslage und überreichte es einer ungeduldig wartenden Kundin.

Seltsam, dass heute tatsächlich ihr fünfzehnter Geburtstag war! Noch vor einem Jahr wäre sie nicht im Traum darauf gekommen, dass sie an diesem Tag Hüte verkaufen würde. Als sie nun ins Lager eilte, um für ein paar Debütantinnen weitere Modelle herbeizuholen, staunte sie selbst, wie grundlegend sich ihr Leben seit ihrem letzten Geburtstag gewandelt hatte. Damals war Papa auf Heimaturlaub gewesen, rief sie sich in Erinnerung, und hatte zahllose Geschichten über die neuesten Heldentaten seines Regiments mitgebracht. Er hatte sie ins Theater ausgeführt, und sie hatten im Garten von Orchard House gepicknickt. Die Köchin hatte eine mit Erdbeeren verzierte Geburtstagstorte gebacken, und sie hatten mit Limonade auf Sophies Wohl angestoßen. Papas Geschenk war ein wunderschönes neues Kleid gewesen, ihr erstes richtiges Abendkleid, und ihre liebe alte Gouvernante Miss Pennyfeather hatte ihr einen dazu passenden Seidengürtel überreicht. Sie sah wieder vor sich, wie Papa sie angelächelt hatte, als beim Abendessen alle „Zum Geburtstag viel Glück“ gesungen hatten …

Auf einmal brannten ihre Augen, aber sie riss sich zusammen. Sie konnte es sich jetzt nicht leisten zu heulen – schließlich war sie zum Arbeiten hier.

Den ganzen Tag lang Hüte zu verkaufen, war anstrengend und manchmal auch sehr eintönig. Tag für Tag nahm sie Warenlieferungen entgegen, räumte das Hutlager auf und trug die Verkäufe in das Rechnungsbuch ein. Aber sie machte ihre Sache gut und war stolz darauf.

Als sie das Lager jetzt mit einem Stapel Schachteln wieder verließ, reckte sie selbstbewusst das Kinn. Papa war nicht mehr am Leben, aber der Gedanke, dass auch er stolz auf sie gewesen wäre, tröstete sie ein wenig.

Noch vor ein paar Monaten hatte sie die Vorstellung, sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu müssen, beängstigend gefunden. Sie hatte sich das Verkaufen nicht zugetraut – und sich schrecklich allein gefühlt. Dann aber war sie Hals über Kopf in ein spannendes Abenteuer verwickelt worden und hatte zusammen mit drei neuen Freunden das Kaufhaus vor einer Katastrophe gerettet. Es so auszudrücken, und sei es nur in Gedanken, machte sie immer noch ein bisschen verlegen. Die „Retterin“ des Sinclair zu sein, klang so großartig, ja, eingebildet. Trotzdem entsprach es der Wahrheit. Sophie und ihre Freunde hatten die Explosion einer Höllenmaschine verhindert, die das Kaufhaus in die Luft gesprengt hätte. Ein skrupelloser Verbrecher, der sich selbst „Baron“ nannte, hatte die todbringende Vorrichtung in der großen Standuhr versteckt. Sozusagen nebenbei hatten sie auch noch den aus dem Kaufhaus gestohlenen, unermesslich wertvollen mechanischen Spatz wiederbeschafft und Mr Sinclair zurückgebracht.

Das Ganze war eine außergewöhnliche und einigermaßen erschreckende Erfahrung gewesen, aber Sophies Lebensumstände hatten sich dadurch entscheidend verbessert. Sie hatte einen Teil der Belohnung, die Mr Sinclair auf die Wiederbeschaffung seiner geraubten Schätze ausgesetzt hatte, darauf verwendet, aus der heruntergekommenen Pension auszuziehen, in der sie bis dahin gewohnt hatte, und sich eine schönere Unterkunft zu suchen. Mrs Milton, die Leiterin der Hutabteilung, hatte sich sehr gefreut, dass Sophie zurückgekommen war, und die anderen Ladenmädchen, die Sophie anfangs links liegen gelassen hatten, waren jetzt viel netter zu ihr. Tatsächlich behandelten die jüngeren Mädchen sie jetzt mit einer gewissen Ehrfurcht und Bewunderung – als wäre sie die Heldin eines Groschenromans. Sogar Sophies Erzfeindin Edith hielt sich seitdem zurück, und der große Mr Sinclair selbst lächelte oder nickte Sophie jedes Mal zu, wenn er auf seinen Rundgängen in der Hutabteilung vorbeikam.

Das Beste aber war, dass sie sich nicht mehr so einsam fühlte. Nichts konnte ihr Papa und Orchard House wiederbringen, aber immerhin hatte sie jetzt ihre Freunde: Lil, Billy und Joe. Auch sie waren wie Sophie im Kaufhaus angestellt.

Lil gehörte zu den berühmten „Mädels vom Käpt’n“. Das waren die Mannequins, die den wichtigsten Kundinnen bei den täglichen Modenschauen die neuesten Kleider, Hüte und Schuhe vorführten. Außerdem arbeitete sie als Tänzerin im Fortune-Theater und hetzte zwischen Modenschauen, Theaterproben und Auftritten hin und her.

Billy wiederum war von seiner vorigen Stellung als Laufbursche zum Lehrling in Mr Sinclairs persönlichem Büro befördert worden. Er drückte sich nicht mehr wie vorher vor seiner langweiligen Hilfstätigkeit, sondern hastete jetzt regelmäßig mit wichtiger Miene und Eilaufträgen für Mr Sinclairs Privatsekretärin, Miss Atwood, durch die Flure. Wenn er Sophie dabei begegnete, grinste er sie an, hatte aber offenbar nie Zeit, stehen zu bleiben und ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Gewachsen war er seit dem Frühjahr auch, und er hielt sich viel gerader. Kaum noch etwas erinnerte an den unsicheren Jungen, der sich immerzu in Schwierigkeiten gebracht und Sophies Beistand gebraucht hatte.

Joe wiederum arbeitete jetzt im Stall des Sinclair. Wenn Sophie morgens zur Arbeit kam, sah sie ihn oft, wie er mit hochgekrempelten Hemdsärmeln ein Pferd striegelte und dabei fröhlich einen Revueschlager vor sich hin pfiff. Früher hatte er zu einer Bande gehört, die für den Baron arbeitete. Als Sophie ihm zum ersten Mal begegnet war, hatte er mit einem verletzten Arm und ohne einen Penny in der Tasche vor dem Kaufhaus gehockt. Auch er war kaum wiederzuerkennen, so wohlgenährt und zufrieden, wie er jetzt aussah. Eine richtige Anstellung und eine Unterkunft zu haben, bedeutete ihm viel, was Sophie gut nachvollziehen konnte, weil ja auch sie die Erfahrung gemacht hatte, ganz allein und mittellos dazustehen. Sie hatten beide großes Glück gehabt.

Allerdings hatte ihr heldenhaftes Abenteuer Sophie nicht nur Gutes gebracht. Sie fühlte sich seither ihres Lebens nicht mehr richtig sicher, denn sie hatte als Einzige einen Blick auf den Baron erhaschen können. Es war allgemein bekannt, dass der Gangsterboss sorgfältig darauf achtete, seine Identität geheim zu halten. Nur seine engsten Vertrauten wussten, wie er aussah. Darum hatte Mr McDermott, der von Mr Sinclair beauftragte Privatdetektiv, in den ersten Wochen nach der vereitelten Explosion darauf bestanden, dass ein Polizist Sophie zur Arbeit brachte und wieder abholte. Inzwischen ging sie zwar wieder ohne Begleitung ins Kaufhaus, aber Mr McDermott war schon mehrmals vorbeigekommen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Seine Besuche taten ihr gut, denn anfangs war sie bei jedem unerwarteten Geräusch zusammengezuckt. Wenn sie hinter sich Schritte gehört hatte, hatte sie Angst bekommen, und nachts hatte sie mit offenen Augen im Bett gelegen und sich eingebildet, der Baron starre sie aus der Dunkelheit an.

Doch jetzt war schon Sommer, und weder der Baron noch seine Jungs – die Schlägertypen, die im East End für ihn die Drecksarbeit erledigten – hatten sich je blicken lassen.

„Vielleicht hat er ja gar nicht mitbekommen, dass ich ihn gesehen habe. Das könnte doch sein, oder?“, hatte Sophie Mr McDermott gefragt.

Der Privatdetektiv hatte nur den Kopf gewiegt und erwidert: „Wer weiß? Der Baron ist undurchschaubar.“ Dann hatte er Sophie angelächelt (und er lächelte fast nie!) und angefügt: „Aber wie auch immer, Miss Taylor, es sieht tatsächlich so aus, als ob er Sie vergessen hat, und darüber bin ich sehr froh.“

Der Baron mochte Sophie vergessen haben, aber sie würde ihn wohl niemals vergessen können. Vielleicht, überlegte sie jetzt, während sie die Hüte aus dem Seidenpapier wickelte, konnte sich der Gangsterboss nicht vorstellen, dass ihm ein einfaches Ladenmädchen gefährlich werden könnte. Was nicht ganz abwegig war, denn schließlich gehörte er zu den mächtigsten Männern in London und herrschte über das ganze East End, während sie selbst hier im Sinclair stand und ihren fünfzehnten Geburtstag damit verbrachte, Hüte zu verkaufen.

„Das ist das Modell mit den Rosetten, das Sie gern sehen wollten, Madam“, sagte sie und hielt den entsprechenden Hut hoch. „Dieser hier ist mit Rosenknospen verziert, und der Rosafarbene ist das neueste Modell aus Paris.“ Sophie war stets höflich und zuvorkommend, denn den Angestellten des Sinclair wurde eingeschärft, dass die Zufriedenheit der Kunden das Allerwichtigste war.

Die zierlichste der drei jungen Damen – sie trug ein kunstvoll mit Volants besetztes Kleid – griff sofort nach dem Pariser Modell. „Ich probier ihn mal auf“, verkündete sie und trat vor den Spiegel. „Lord Beaucastle meinte neulich, in Rosa sehe ich einfach unwiderstehlich aus“, sagte sie über die Schulter zu ihren Begleiterinnen.

Das zweite Mädchen – schlank, dunkelhaarig und deutlich schlichter gekleidet als ihre Freundin – verdrehte die Augen, sagte aber nichts. Sie nahm den Rosettenhut in die Hand und drehte ihn hin und her. Sophie glaubte zu sehen, wie sie dabei verstohlen einen Blick auf das Preisschild warf, das diskret auf der Innenseite der Hutschachtel befestigt war.

„Cynthia hat genauso einen“, sagte sie dann abfällig und ließ den Hut wieder in die Schachtel fallen. „Nicht, dass noch jemand glaubt, ich hätte den gleichen Geschmack wie sie!“

„Und wie findet ihr den hier?“, fragte die dritte Debütantin, die Grübchen und blonde Locken hatte und den Hut mit den Rosenknospen aufprobierte. „Für eine Tee-Einladung eigentlich ganz nett, oder, Emily? Wenn ich mein Seidenes dazu trage?“

„Dann kauf ihn doch, wenn er dir gefällt, Phyllis“, gab die dunkelhaarige Emily zurück. „Mein Fall wäre er nicht.“

„Ich hätte ja gedacht, dass du dich auf diesen hier stürzt“, sagte die Zierliche schnippisch und bewunderte sich mit dem Pariser Modell auf dem Kopf im Spiegel.

„Wie kommst du denn darauf?“, erwiderte Emily verächtlich. „Ich mache mir nichts aus Rosa. Aber den Blauen hier mit dem gepunkteten Schleier finde ich hübsch.“ Sie deutete mit dem Kinn auf ein anderes Modell in der Auslage. „Der ist viel schicker.“

Die blonde Phyllis, die inzwischen ein breitkrempiges Modell aufgesetzt hatte, sagte entsetzt: „Das ist hoffentlich nicht dein Ernst! Der ist viel zu gewagt! Es ist unser Debüt. Da dürfen wir auf keinen Fall … hervorstechen.“

Emily lachte auf. „Jetzt tu mal nicht so tugendhaft!“

„Wenn du so mutig bist, dann probier ihn doch auf“, mischte sich die Zierliche wieder ein, die sich immer noch nicht von ihrem unwiderstehlichen Spiegelbild losreißen konnte. Es klang herausfordernd.

Emily hielt die behandschuhte Hand vor den Mund und gähnte verstohlen, als langweile sie sich. „Keine Lust“, erwiderte sie gelassen. „Außerdem ist es ein bisschen gewöhnlich, sich im Kaufhaus einzukleiden, findet ihr nicht? Stellt euch mal vor, auf einem Fest taucht jemand auf, der den gleichen Hut trägt. Wie peinlich!“

„Nicht so peinlich, wie auf drei Einladungen hintereinander dasselbe Abendkleid zu tragen“, sagte die Zierliche halblaut.

Emily tat so, als hätte sie nichts gehört, aber Sophie entging nicht, dass sich ihre Wangen einen Hauch rosiger färbten.

Eine unbehagliche Stille trat ein, dann nahm die Zierliche den rosafarbenen Hut endlich ab und warf ihn nachlässig auf den Tresen. „Vielen Dank, aber ich habe mich dagegen entschieden“, sagte sie leichthin zu Sophie und wandte sich dann an Phyllis: „Und was ist mit dir? Nimmst du den Breitkrempigen jetzt oder nicht? Wir kommen noch zu spät zum Mittagessen!“

Phyllis setzte den Hut rasch ab und gab ihn Sophie mit entschuldigendem Lächeln zurück, dann verschwanden die drei in Richtung Restaurant. Sophie atmete auf und räumte die Hüte wieder weg.

So froh sie auch darüber war, im Sinclair arbeiten zu dürfen – an ihrem Geburtstag konnte sie sich wahrlich schönere Beschäftigungen vorstellen, als nörgelige Debütantinnen zu bedienen. Bei diesem Gedanken überkam sie sogleich ein schlechtes Gewissen.

„Post für Sie, Miss Taylor!“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kaufhaus der Träume, Band 2: Die Suche nach dem Smaragd-Schmetterling" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen