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Kaufhaus der Träume, Band 1: Das Rätsel um den verschwundenen Spatz

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UHRMACHER IN HOXTON ERMORDET

London, 15. März

Der Uhrmacher Daniel Mendel wurde am vergangenen Samstagmorgen mit durchschnittener Kehle in seiner Werkstatt am Hoxton Square aufgefunden. Entdeckt wurde er von seinem Nachbarn, dem Kunsttischler Walter Simpson, der den Toten auch identifizierte. Ein Zeuge will am späten Freitagabend einen Jugendlichen und zwei Männer beobachtet haben, die sich in der Nähe von Mr Mendels Werkstatt herumtrieben. Die Ermittlungen sind eingeleitet.

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PROZESSBERICHTE

Seit gestern läuft im Amtsgericht London der Prozess gegen den Büroangestellten Henry Walter. Ihm wird vorgeworfen, in der Firma seines Arbeitgebers, des Bauunternehmers John Steadman, Postüberweisungen im Wert von 25 Shilling und 7 Pence veruntreut …

TEIL I

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DER STROHHUT

Ein Strohhut mit Schleifenband ist eine kleidsame Kopfbedeckung von bezaubernder Schlichtheit. Er schmeichelt jeder Gesichtsform und ist die erste Wahl für die berufstätige junge Dame.

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Sophie klammerte sich an der ledernen Halteschlaufe fest, als der Omnibus losrumpelte. Es war wieder Montagmorgen, und ringsum erwachte London zum Leben, feucht und dampfend vom nächtlichen Regen und von qualmenden Schornsteinen. Eingezwängt zwischen Büroangestellten mit runden, steifen Hüten und zusammengerollten Zeitungen unter dem Arm, blickte Sophie durchs Fenster auf die graue Straße hinaus. War der Hauch von Frühling, den ihr der Wind vorhin zugetragen hatte, nur Einbildung gewesen? Sie musste an den Garten von Orchard House denken. Bestimmt blühten dort schon die Narzissen und es duftete nach nasser Erde und regenfeuchtem Gras.

„Piccadilly Circus!“, rief der Schaffner, und der Omnibus hielt mit einem Ruck. Sophie verscheuchte die Erinnerungen an Orchard House, schob ihren Hut zurecht, packte mit der behandschuhten Hand ihren Schirm und drängte sich an den Männern und einer älteren Frau mit einem Zwicker auf der Nase vorbei. „Lieber Himmel!“, sagte die Frau pikiert, offenbar entsetzt über den Anblick einer jungen Dame, die ohne Begleitung unterwegs war, doch Sophie kümmerte sich nicht darum und sprang auf den Bürgersteig. Sie hatte sich angewöhnt, solche Bemerkungen zu überhören. Schließlich gehörte sie nicht mehr zu dieser Sorte junger Damen.

Der Bus fuhr weiter. Sophie drehte sich um und sah an dem riesigen weißen Gebäude empor, das vor ihr aufragte. Das Kaufhaus Sinclair war so neu, dass es noch gar nicht für Kunden geöffnet hatte, und doch war es schon jetzt das bekannteste Warenhaus in ganz London – und somit, nach Meinung gewisser Leute, in der ganzen Welt. Mit seinen prachtvollen Säulen und den bunten Wimpelgirlanden glich es keinem anderen Geschäft, das Sophie kannte. Man dachte eher an einen griechischen Tempel, der wie von Zauberhand schneeweiß und makellos auf dem staubigen, schmutzigen Piccadilly-Platz aus dem Boden gewachsen war. Die riesigen Kristallglasfenster waren mit königsblauen Seidenvorhängen verhüllt wie die Bühne eines großen Theaters kurz vor Beginn der Vorstellung.

Der Besitzer des Kaufhauses, Mr Edward Sinclair, war mindestens genauso bekannt. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Amerika, und sein außerordentliches Stilbewusstsein war in aller Munde. Er hatte immer eine frische Orchideenblüte im Knopfloch und immer eine andere schöne Frau am Arm. Auch wenn seine Angestellten erst seit ein paar Wochen für ihn arbeiteten und die meisten ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatten, hatten sie ihm schon den Spitznamen „Käpt’n“ verpasst, denn es ging das Gerücht um, dass er als junger Mann von zu Hause weggelaufen und zur See gefahren war. Überhaupt waren bereits eine ganze Menge Gerüchte über Edward Sinclair im Umlauf. Ob die Geschichten nun der Wahrheit entsprachen oder nicht – der Spitzname schien jedenfalls zutreffend, denn das ganze Kaufhaus glich ein bisschen einem Schiff, einem stolzen, luxuriösen Ozeanriesen, der die Kunden in ferne, exotische Länder entführte.

Irgendwo schlug eine Turmuhr. Sophie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf – die allerdings nicht sehr eindrucksvoll war – und ging mit erhobenem Kopf und forschem Schritt um das Gebäude herum, wobei die kleinen Absätze ihrer Knopfstiefel über das Straßenpflaster klackerten. Bei jedem Schritt schlug ihr Herz schneller. Mit flinken Fingern überprüfte sie, ob ihr Strohhut mit dem blauen Schleifenband noch richtig saß und ob sich ihre Frisur womöglich auflöste. Sie war jetzt ein Teil des Kaufhauses Sinclair, ein kleines Rädchen in dieser gewaltigen Maschinerie, und musste in allem untadelig sein.

Hinter der wuchtigen Flügeltür tat sich eine andere Welt auf. In den Gängen zwischen den Personalräumen wimmelte es von Menschen. Sie schleppten Kübelpalmen, Trittleitern, Farbeimer und Stapel der typischen königsblauen und goldenen Sinclair-Schachteln. Eine adrette Verkäuferin, die ein kostbares, perlenbesticktes Abendkleid behutsam über dem Arm trug, eilte an Sophie vorbei, eine andere war mit Sonnenschirmen beladen und schien es schrecklich eilig zu haben, und Mr Cooper, der strenge Geschäftsführer des Kaufhauses, putzte soeben einen männlichen Verkäufer herunter, weil dessen Handschuhe schmuddelig waren. Sophie tauchte in das Gedränge ein und verschwand dann im leeren Umkleideraum, um Hut und Mantel abzulegen.

Sie konnte noch immer nicht recht fassen, dass sie jetzt hier arbeitete. Vor einem Jahr wäre sie nicht mal im Traum auf die Idee gekommen, dass sie sich ihren Lebensunterhalt eines Tages würde selbst verdienen müssen – und nun war sie ein richtiges Ladenmädchen. Sie blieb kurz vor dem Spiegel stehen und steckte eine verrutschte Haarnadel wieder fest. Mr Cooper legte allergrößten Wert auf eine makellose Erscheinung, aber vor allem entging Edith und den anderen Mädchen keine noch so kleine Nachlässigkeit.

Früher war Sophie ziemlich eitel gewesen. Jeden Abend hatte sie ihrem Haar hundert Bürstenstriche gegönnt und Miss Pennyfeather damit verrückt gemacht, dass ihre Samtschleife auf eine ganz bestimmte Art gebunden sein musste. Inzwischen jedoch wollte sie nur noch ordentlich und geschäftsmäßig aussehen. Nichts verband sie mehr mit dem Mädchen, das sie einst gewesen war. Ihr eigenes Gesicht im Spiegel war ihr vertraut und zugleich fremd. Sie sah älter aus, blass, müde und schlecht gelaunt.

Unwillkürlich ließ sie die Schultern hängen, als sie an die lange Woche dachte, die vor ihr lag, bedachte ihr Spiegelbild aber sogleich mit einem strafenden Blick. Papa hätte sie jetzt bestimmt daran erinnert, wie gut sie es doch hatte, hier arbeiten zu dürfen. So viele andere junge Frauen hatten nicht solches Glück, rief sie sich in Erinnerung. Man sah sie ja überall, und sie waren teilweise noch jünger als Sophie selbst. Sie standen an Straßenecken und boten Äpfel und Anstecksträußchen feil, sie bettelten Passanten um ein paar Münzen an oder kauerten, in Lumpen gehüllt, in Hauseingängen.

Sophie schüttelte energisch den Kopf, straffte die Schultern und rang sich ein Lächeln ab. „Kopf hoch!“, ermahnte sie ihr Spiegelbild. Wie auch immer der Tag verlaufen würde – diesmal würde sie Edith keinen Vorwand liefern, sie als hochnäsig zu beschimpfen.

Entschlossenen Schrittes ging sie zur Tür, doch auf halbem Weg stolperte sie und verlor das Gleichgewicht.

„Huch!“, ertönte es. Als Sophie sich wieder gefangen hatte, entdeckte sie einen Jungen, der auf dem Fußboden hockte. Er hatte sich hinter den aufgehängten Mänteln versteckt, und sie war über seine Schuhe gestolpert. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Was machst du da unten?!“, gab Sophie nach Atem ringend zurück. Sie hatte sich nichts getan, aber es war ihr furchtbar peinlich, dass jemand sie dabei ertappt hatte, wie sie Grimassen schnitt und Selbstgespräche führte. Bestimmt würde sich der Junge jetzt wie alle anderen über sie lustig machen, und es würde sich im Nu herumsprechen, was sie allein im Umkleideraum trieb. „Es gehört sich nicht, anderen Leuten nachzuspionieren!“, setzte sie empört hinzu.

„Ich habe nicht spioniert“, entgegnete der Junge und stand auf. Er trug die Uniform der Laufburschen des Kaufhauses: dunkelblaue Hose mit Bügelfalte, dazu ein passendes Jackett mit einer Doppelreihe blanker Messingknöpfe und auf dem Kopf eine Schirmmütze. Doch die Jacke war ihm zu groß, die Hose ein Stück zu kurz, und die Mütze saß schief auf seinem ungekämmten, strohblonden Schopf. „Ich habe gelesen!“ Zum Beweis streckte er Sophie ein zerknittertes Heftchen mit dem Titel Abenteuer für echte Jungs hin.

Doch ehe Sophie etwas erwidern konnte, flog die Tür auf und eine Schar Ladenmädchen kam mit wehenden Röcken und flatternden Blusenschleifen hereingestürmt.

„Nanu! Entschuldige die Störung!“

Als eine hübsche Dunkelhaarige den Jungen erblickte, sagte sie lachend: „Dir sind ja immer noch keine Muskeln gewachsen!“, worauf die anderen Mädchen in albernes Gekicher ausbrachen.

„Immerhin hast du inzwischen gelernt, dir allein die Schuhe zuzubinden. Bravo!“, spottete eine andere.

Eine Dritte drehte sich zu Sophie um und vollführte einen übertriebenen Knicks. „Bitte vielmals um Verzeihung, Ihre Ladyschaft. Wir haben gar nicht gemerkt, dass Sie uns auch mit Ihrer Anwesenheit beehren.“

„Wollen Sie uns Ihren jungen Verehrer denn nicht vorstellen?“, fragte die Dunkelhaarige anzüglich, was noch mehr Gekicher hervorrief.

Der Junge wurde knallrot, aber Sophie zwang sich, ruhig zu bleiben. Seit vor vierzehn Tagen die Ausbildung der Ladenmädchen begonnen hatte, hatte sie sich an solche Sticheleien gewöhnen müssen. Inzwischen war ihr klar, dass sie sich schon am allerersten Morgen in die Nesseln gesetzt hatte, indem sie ihr bestes Kleid angezogen hatte, das Schwarzseidene mit dem Samtbesatz und den Jettknöpfen. Sie hatte es schlau anstellen und einen guten ersten Eindruck machen wollen, hatte aber feststellen müssen, dass fast alle anderen Mädchen in schlichtem schwarzem Rock und weißer Bluse erschienen waren. Als Sophie mit ihrem raschelnden Seidenkleid hereingekommen war, hatten sich alle nach ihr umgedreht und hinter vorgehaltener Hand losgeprustet.

„Für wen hält die sich denn? Für die Kaiserin von China?“, hatte die Dunkelhaarige – Edith – den anderen Mädchen zugeraunt.

Am nächsten Tag hatte Sophie einen dunkelblauen Rock und eine weiße Bluse mit einem kleinen Spitzenkragen angezogen, aber das hatte schon nichts mehr geholfen. Die Mädchen nannten sie „Ihre Ladyschaft“, oder – wenn sie besonders gemein sein wollten – „Eure Majestät“ beziehungsweise „Prinzessin Sophie“. Sie hatten sich die ganzen zwei Wochen über ihre Sprechweise, ihre Kleidung und ihre Frisur lustig gemacht, und wenn Mr Cooper oder Claudine Sophie lobten, stachelte sie das nur noch an.

Sophie hatte versucht, sich nichts anmerken zu lassen, denn Papa sagte immer, in Kriegszeiten sei es das Wichtigste, gegenüber dem Feind keine Schwäche zu zeigen. Wenn Sophie an diesen Rat dachte, sah sie Papas Gesicht mit den blitzenden dunklen Augen und dem säuberlich gestutzten Schnurrbart wieder ganz deutlich vor sich. In ihrer Erinnerung ging er auf dem Kaminvorleger in seinem Arbeitszimmer auf und ab. An den Wänden hingen Landkarten und Andenken, die er aus fernen Ländern mitgebracht hatte, und er konnte zu jedem Gegenstand eine spannende Geschichte über ein Gefecht oder einen Feldzug erzählen. „Kopf hoch und Ruhe bewahren“, lautete sein Motto für alle Lebenslagen. Doch je mehr Sophie die anderen Mädchen ignorierte, desto giftiger wurden sie. Sie warfen ihr vor, sich für etwas Besseres zu halten, und hatten ihr den abscheulichen Spitznamen „sauertöpfische Sophie“ verpasst. Nicht erst ein Mal hatte Sophie der Verdacht beschlichen, dass Papas Rat vielleicht nicht ganz so hilfreich war, wenn man es mit einer Meute missgünstiger Nachwuchsverkäuferinnen zu tun hatte.

Trotzdem ging sie jetzt einfach hinaus, und der Junge folgte ihr. Er sah so geknickt aus, dass Sophie Gewissensbisse bekam, weil sie gedacht hatte, auch er würde sich über sie lustig machen. Denn offenbar saßen sie im selben Boot.

„Am besten beachtest du sie gar nicht“, sagte sie.

Der Junge grinste gezwungen. „Ich habe wirklich nicht spioniert, ehrlich nicht“, sagte er kleinlaut. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass du da bist. Ich wollte nur mein Heft zu Ende lesen. Das ist nämlich die neueste Folge von Montgomery Baxter.“ Als Sophie ein verständnisloses Gesicht machte, erläuterte er: „Es ist eine Detektivgeschichte. Montgomery ist noch ein Junge, aber irgendwie schafft er es immer, den Fall zu lösen und den Schurken zu überlisten – selbst wenn alle anderen daran scheitern.“ Er strahlte Sophie mit leuch­tenden Augen an, und zu ihrer eigenen Überraschung erwiderte Sophie das Lächeln. „Ich habe mich bloß versteckt, damit mich Mr Cooper nicht beim Lesen erwischt. Und es tut mir leid, dass du über meine Füße gestolpert bist.“

„Ist ja nichts passiert.“ Sophie streckte ihm höflich die Hand hin, so wie Miss Pennyfeather es ihr beigebracht hatte, und stellte sich vor: „Ich bin Sophie Taylor, und ich arbeite in der Hutabteilung.“ Sie hatte es sich bereits abgewöhnt, sich mit ihrem vollen Nachnamen – Taylor-Cavendish – vorzustellen. Damit tat sie sich hier bei Sinclair keinen Gefallen. „Taylor“ musste genügen.

„Billy Parker, Laufbursche“, stellte sich der Junge seinerseits vor und schüttelte Sophies Hand kräftig.

„Parker? Bist du etwa …?“

„… mit Sidney Parker verwandt? Ja, der ist leider mein Onkel.“ Billy verzog das Gesicht und setzte gedämpft hinzu: „Verdammt! Da kommt er!“ Hastig stopfte er das zerknitterte Heft in die Tasche seines Jacketts.

Wie alle anderen Angestellten bei Sinclair wusste natürlich auch Sophie, wer Sidney Parker war. Er bekleidete den Posten des Chefportiers, der alle anderen Türsteher und die Laufburschen unter sich hatte, außerdem war er Mr Coopers rechte Hand. Er war hochgewachsen, auf bullige Art attraktiv und in seiner stets tadellosen Uniform nicht zu übersehen. Seine Knöpfe waren immer blitzblank poliert und seine Mütze war immer gebürstet, genau wie sein glänzender Schnurrbart. Kurz: Er war das komplette Gegenteil seines nachlässigen Neffen.

„Guten Morgen, Miss“, begrüßte er Sophie und zog ehrerbietig den Hut, wie er es vor allen weiblichen Wesen zu tun pflegte. Dann wandte er sich an Billy. „Wo hast du denn wieder gesteckt? Steh grade, Junge, und mach gefälligst kein Gesicht wie drei Tage Regenwetter!“

Er zwinkerte Sophie zu, als hätten sie beide einen guten Witz auf Billys Kosten gemacht, dann stieß er ihr übertrieben schwungvoll die Tür zu den Verkaufsräumen auf. Sophie lächelte Billy noch einmal zu und ging.

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Billy sah Sophie nach. Sie war das erste Ladenmädchen, das ihn nicht wie den letzten Dreck behandelt hatte, und er fand, dass sie mit ihren goldblonden Haaren genau wie die Heldin in seinem Montgomery-­Baxter-Heft aussah. Er wäre dann natürlich der mutige Nachwuchsdetektiv, der sie aus Lebensgefahr errettete.

Billy überlegte gerade, um was für eine Art Lebensgefahr es sich handeln könnte, als ihn eine derbe Kopfnuss seines Onkels wieder in die Gegenwart zurückbrachte.

„Tu nicht so unschuldig, Junge“, sagte Sidney barsch. „Ich weiß genau, dass du wieder irgendwas angestellt hast. Ich weiß nämlich alles, was hier im Haus vorgeht! Und zieh gefälligst deine Socken hoch, sonst zieh ich dir die Ohren lang! So, und jetzt zisch ab und hilf George im Stallhof mit den Lieferungen.“

Billy trabte gehorsam los, doch kaum war er außer Hörweite seines Onkels, brummelte er die wüstesten Flüche vor sich hin, die ihm einfielen. Noch vor zwei Wochen hatte er sich richtig darauf gefreut, hier anzufangen und echte Männerarbeit zu verrichten, und jetzt langweilte er sich Tag für Tag schier zu Tode und wurde von den anderen Angestellten entweder herumgescheucht oder angeschnauzt. Mr Cooper hatte ihm schon zweimal den Lohn gekürzt: einmal, weil er zu spät gekommen war, und einmal, weil er seine Schuhe nicht geputzt hatte. Mum schwärmte die ganze Zeit, wie froh er doch über so eine vielversprechende Anstellung sein könne, aber wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er lieber wieder die Schulbank gedrückt und Rechenaufgaben gelöst. Das konnte er wenigstens.

Draußen im Stallhof war es warm, und es roch nach Pferden und Heu. George saß auf einer umgedrehten Kiste in der Sonne, hatte die Pfeife zwischen den Zähnen und studierte mit angestrengt zusammengekniffenen Augen die Zeitung. Der Kater Blackie, der im Heizungskeller hauste, saß zu seinen Füßen und putzte sich.

„Da bist du ja, Kleiner.“ George klopfte auf die Kiste neben sich. „Setz dich auf deine vier Buchstaben.“

Billys Stimmung hob sich schlagartig. Hier draußen im Hof war es viel schöner als drinnen. Hier gab es keinen Onkel Sid und keine kichernden Ladenmädchen, und außerdem mochte er George, denn der machte sich nie über ihn lustig.

„Du hast die besseren Augen von uns beiden“, sagte George und deutete mit dem Pfeifenstiel auf einen Artikel. „Lies uns das doch mal vor.“

Billy setzte sich auf die Kiste, nahm die Zeitung, die George ihm hinhielt, und las:

NEW YORKER MILLIONÄR EROBERT LONDON IM STURM!

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LONDONS MODERNSTES KAUFHAUS ÖFFNET ENDLICH SEINE PFORTEN

Der New Yorker Geschäftsmann Edward Sinclair wird noch diese Woche Londons größtes Kaufhaus eröffnen. Das neue Haus am Piccadilly, an dem ein Jahr lang gebaut wurde, ist eindrucksvolle acht Stockwerke hoch. Die Verkaufsfläche umfasst 2.500 Quadratmeter, es gibt zehn hochmoderne Fahrstühle und über 100 verschiedene Abteilungen. Dazu zählen nicht nur Damen- und Herrenbekleidung und eine Abteilung für Einrichtungsgegenstände, sondern auch Spezialabteilungen für Fotografieausrüstung, Fahrrad- und Automobilbedarf sowie ein Ruheraum für die Damen, ein Rauchsalon für die Herren, eine Galerie für Ausstellungen sowie das exklusive Restaurant Marmorterrasse.

Das Sinclair sei kein gewöhnliches Warenhaus, so Mr Sin­clair gegenüber unserem Reporter, sondern ein einzigartiges, modernes Etablissement von Weltrang. Er freue sich auf die festliche Eröffnung, bei der alle herzlich willkommen seien. Eine offizielle Einladung sei nicht erforderlich.

Das Kaufhaus Sinclair steht morgen früh ab neun Uhr allen Besuchern offen. Am Samstagabend feiert Mr Sinclair mit geladenen Gästen.

Erlesene Kleinodien erstmals zu besichtigen

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Zu den Feierlichkeiten gehört auch die Eröffnung einer spektakulären Ausstellung, die ab morgen in der Galerie des Kaufhauses für jedermann zugänglich ist.

Mr Sinclair präsentiert der Öffentlichkeit zum allerersten Mal einige der wertvollsten Stücke seiner legendären Privatsammlung. Hervorzuheben sind ein kostbares Diamantdiadem, das der französischen Königin Marie Antoinette gehört haben soll, mehrere mit Edelsteinen verzierte Fabergé-­Eier sowie exquisite Arbeiten der weltweit berühmtesten Juweliere wie Cartier, Fouquet, Lalique und Ashbee.

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Dieses Bild zeigt einen mechanischen Spatz, der vom russischen Zarenhof stammt. Der entzückende Vogel ist über und über mit Perlen sowie rosafarbenen, gelben und blauen Saphiren besetzt und verfügt über eine einzigartige Eigenschaft: Er zwitschert jedes Mal, wenn er aufgezogen wird, ein anderes Lied.

Unterhausdebatte über deutsches Wettrüsten zur See, Seite 4

Vorhang auf im Fortune-Theater, Seite 6

„Donnerwetter!“, sagte George ehrfurchtsvoll. „Und stell dir bloß vor, das alles wird heut bei uns angeliefert! Juwelen, die mal Königinnen gehört haben!“

Billy beugte sich über das unscharfe Foto. „Der Spatz ist hübsch.“

Auch George betrachtete den Aufziehvogel. „Also die Spatzen, die ich kenn, sehen irgendwie anders aus. Und jedes Mal ein neues Lied? Wie soll das denn gehen, hä?“

In diesem Augenblick kam ein voll beladener Pferdekarren in den Hof gerumpelt. „Bewegung, George!“, rief jemand. „Der Boss hat gesagt, das Zeug soll zackig abgeladen werden.“

George zwinkerte Billy zu und erhob sich schwerfällig. „Auf geht’s, Kleiner. Wenn wir das erledigt haben, können wir weiterlesen.“

Das war ja schön und gut, trotzdem fiel es Billy schwer, sich auf die Kisten und Pakete zu konzentrieren. Er sah die ganze Zeit gigantische Diamanten vor sich, die in den finsteren Schächten einer indischen Edelsteinmine funkelten. Und dann auch noch Marie Antoinettes Diadem … Wo hatte der Käpt’n das bloß aufgetrieben? Billy stellte sich ein großes Pariser Auktionshaus vor oder aber eine geheime Übergabe durch einen vermummten Unbekannten in einer ausländischen Spelunke. Diese Gedanken beschäftigten ihn derart, dass sich die Arbeit wie von allein tat und der Karren im Nullkommanichts leer war und wegfahren konnte. Als Nächstes kamen zwei schwarz glänzende Lieferwagen in den Hof gerollt, die Fahrer trugen weiße Handschuhe. George nickte Billy vielsagend zu. Billy staunte die beiden Automobile mit offenem Mund an und malte sich aus, was für unermesslich wertvolle Schätze sie transportieren mochten.

Doch da tauchte Onkel Sid wieder auf. „Hier wird nicht rumgelungert, Junge, du hast hier nix mehr verloren. Beweg deinen Hintern und mach dich anderswo nützlich.“

Billy gehorchte und verzog sich, aber innerlich kochte er vor Wut. Immer wenn etwas interessant zu werden versprach, wurde er weggeschickt!

Ärgerlich und enttäuscht trat er lose Strohhalme vor sich her. Wenn er doch nur einen anderen Beruf ergreifen könnte, statt sich vom Laufburschen zum Portier hochzuarbeiten! Viel lieber wäre er ein Kriminalkommissar, der Verbrechen aufklärte, oder Kommandant eines dieser neuartigen Unterseeboote, die das britische Weltreich vor Feinden beschützten – oder vielleicht auch ein Schriftsteller, der spannende Geschichten wie die Abenteuer für echte Jungs verfasste. Oder aber er könnte so jemand werden wie der Käpt’n, ein Weltreisender, der seltene Juwelen und Schmuckstücke sammelte … Doch das waren kindische Träume. Jungen wie ihm war ein solches Leben nicht vergönnt.

Immer noch schlecht gelaunt, betrat er den Pferde­stall. Vielleicht gab es ja hier ein Eckchen, in dem er sein Heft ungestört zu Ende lesen konnte. Als er hereinkam, streckte die braune Stute Bessie den Kopf aus ihrer Box, und er blieb kurz stehen, um sie zu streicheln. Cowboy wäre auch nicht schlecht, überlegte er. Auf einem rassigen Hengst über die weiten Ebenen Amerikas zu preschen, so wie Deadwood Dick oder Buffalo Bill …

Er fuhr zusammen. Unter dem Heu in der leeren Box neben Bessie bewegte sich etwas – aber für eine Ratte oder den Kater Blackie war es zu groß.

Billy fasste sich rasch wieder. Bestimmt hatte sich nur irgendein Kind dort versteckt. Immer mal wieder tauchten Straßenkinder auf dem Grundstück des Kaufhauses auf, in der Hoffnung, sich ein paar Pennys verdienen zu können, aber Onkel Sid scheuchte sie jedes Mal weg und drohte ihnen, die Polizei zu rufen, falls sie wiederkämen. Was sein Onkel konnte, konnte Billy auch. Er streckte die Brust heraus und richtete sich hoch auf.

„Wer ist da?“, fragte er forsch. Keine Antwort. Hatten ihm seine Augen einen Streich gespielt? Er gab sich einen Ruck und sagte laut und nachdrücklich – so wie sein großes Vorbild Montgomery Baxter gesprochen hätte: „Ich weiß, dass du da drin bist. Komm sofort raus!“

Überrascht sah er, wie sich das Heu abermals bewegte. Als Erstes erschien ein argwöhnisch funkelndes, dunkles Auge, dann zeichnete sich unter den Halmen eine Gestalt ab. Es war aber kein Kind, das da zum Vorschein kam, stellte Billy erst erstaunt und dann erschrocken fest, sondern ein Jugendlicher, etliche Jahre älter als Billy und auch ein ganzes Stück größer. Unter seiner abgetragenen Mütze quollen dichte, dunkle Locken hervor, und er machte den Eindruck, als hätte er sich schon länger nicht mehr gewaschen. Billys Blick fiel auf sein blutig zerschrammtes Gesicht und den unnatürlich angewinkelten Arm, der offenbar verletzt war. Trotzdem wich Billy unwillkürlich zurück. Der Unbekannte wirkte zwar nicht direkt bedrohlich, schien aber auch keine Angst zu haben. Seine Miene war nicht furchtsam, sondern eher neugierig.

„Wer bist du? Was machst du hier?“, fragte Billy streng.

Keine Antwort.

„Der Zutritt zu den Ställen ist verboten. Du hast hier nichts zu suchen. Ich rufe die Polizei.“

Der fremde Junge musterte ihn noch einmal prüfend, dann machte er endlich den Mund auf. „Ich tu nix Böses“, erwiderte er heiser. „Ich hab nix geklaut. Lass mich in Ruhe.“

„Kommt nicht infrage!“, entgegnete Billy energisch. Nicht auszudenken, was Onkel Sid sagen würde, wenn herauskam, dass Billy im Stall einen Herumtreiber entdeckt und nichts dagegen unternommen hatte! Er nahm all seinen Mut zusammen und sagte genauso streng wie vorher (nur dass seine Stimme dabei ärgerlicherweise zitterte): „Mach, dass du wegkommst, aber dalli!“

Zu seinem Verdruss grinste ihn der fremde Junge daraufhin breit an. „Du hältst dich wohl für ’nen ganz harten Burschen, was, Kumpel? Aber meinetwegen – weil du’s bist, hau ich ab. Bloß drängeln lass ich mich nicht. Also sei ein braver Junge und geh wieder an deine Arbeit.“

Billy ballte unwillkürlich die Fäuste. Warum behandelte ihn eigentlich jeder wie einen nutzlosen Dummkopf, den man nicht ernst zu nehmen brauchte? Der Kerl vor ihm trieb das Ganze mit seinem unverschämten Grinsen noch auf die Spitze. Dem würde er es zeigen! Seine Furcht war verflogen, er trat mutig einen Schritt vor und boxte ein paarmal in die Luft. Doch der andere reagierte blitzschnell und stellte ihm ein Bein, sodass Billy bäuchlings in einem Haufen Pferdeäpfel landete.

Als er sich hustend und spuckend wieder hochgerappelt hatte, klebten Strohhalme und Pferdemist an seiner Uniformjacke und der fremde Junge war spurlos verschwunden.

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Die Verkaufsräume zu betreten, fühlte sich an, als würde man in eine Pralinenschachtel steigen. Sophies Schuhe versanken in dem flauschigen Teppichboden und sie atmete die parfümierte Luft tief ein. Sie liebte dieses Kaufhaus, seit sie am Tag ihres Vorstellungsgesprächs zum ersten Mal einen Fuß hineingesetzt hatte. Dabei war seinerzeit noch überall gesägt und gehämmert worden und es hatte nach Sägemehl und Staub gerochen. Dennoch war es ihr schon damals eher wie ein Märchenschloss statt wie ein gewöhnliches Warenhaus vorgekommen.

Inzwischen war der Baulärm verstummt und es herrschte Ehrfurcht gebietende Stille, sodass Sophie den Drang unterdrücken musste, auf Zehenspitzen zu trippeln. Die riesigen Kronleuchter, die funkelnden Spiegel und die glänzende Walnussvertäfelung verschlugen ihr noch immer den Atem. Über allem hing ein verführerischer Duft, aber nicht mehr nach Sägemehl, sondern nach Kakao und kandierten Veilchen, dazu ein würziges Aroma, das Sophie an die Zigarren erinnerte, die Papa nach dem Abendessen zu rauchen pflegte. Auf die hohe Decke waren lauter Engelchen gemalt, die sich auf rosafarbenen Wölkchen räkelten, und unter den blank geputzten Glasplatten der Verkaufsvitrinen boten sich der staunenden Kundschaft die Waren dar, von blaukristallenen Parfümflakons bis hin zu emaillierten Schnupftabaksdosen. Doch noch waren keine Kunden da, noch war das Kaufhaus leer. Nur hier und dort huschte ein Ladenmädchen wie ein Geist umher und nahm ein paar letzte Handgriffe vor, ordnete Kinderhandschuhe aus weichem Leder zu einem regenbogenfarbenen Fächer oder fuhr mit einem Staubwedel über Rougetiegel und Puderdosen.

Sophie hätte gern noch länger dagestanden und einfach nur geschaut, aber sie musste sich beeilen. Sie ging zum Personaltreppenhaus am anderen Ende der Etage, denn die prächtige Haupttreppe und die Fahrstühle waren selbstverständlich den Kunden vorbehalten. Doch sogar das Personaltreppenhaus hatte etwas überwältigend Luxuriöses. Sophie konnte der Versuchung nicht widerstehen, beim Hinaufgehen die Hand über das geschwungene, karamellfarbene Geländer gleiten zu lassen.

Die Hutabteilung war in der dritten Etage, gleich neben der Damenbekleidung, und glich eher einem vornehmen Boudoir als den Hutläden, die Sophie sonst kannte. Üppige, geraffte Vorhänge hingen vor den bodentiefen Fenstern, seidenbezogene Polstersessel waren vor ovale Spiegel mit vergoldeten Rahmen gerückt, und auf kleinen Tischen standen Schalen mit lieblich duftenden Blumen. Mrs Milton, die Leiterin der Abteilung, trieb ihre Mädchen zusammen wie ein aufgescheuchtes Huhn seine ungezogenen Küken.

„Wo ist Sophie? Ach, da kommt sie ja. Beeil dich, Liebes! Minnie, mach bitte keine Fingertapser auf meinen frisch geputzten Verkaufstresen! Und du nimmst sofort die Armreifen ab, Edith! Du weißt doch, was Mr Coo­per zu so etwas sagt. Also wirklich, Mädchen! Wir haben heute alle Hände voll zu tun!“

Als Sophie sich zu den anderen gesellte, grinste Edith höhnisch und tuschelte mit Ellie, aber Sophie kümmerte sich nicht darum und wandte sich Mrs Milton zu, die weitersprach: „Heute ist unsere letzte Gelegenheit, alles für die große Eröffnung morgen vorzubereiten. Am Nachmittag unternimmt Mr Sinclair höchstpersönlich einen Rundgang durchs Haus, da muss alles tipptopp sein. Und damit meine ich nicht nur die Vitrinen, sondern auch den Fußboden.“ Ihr Ton wurde etwas milder, und sie lächelte strahlend in die Runde. „Übrigens habe ich aufregende Neuigkeiten! Mr Cooper meinte nämlich, ich darf eine von euch zu meiner Assistentin ernennen. Diejenige erhält fünf Shilling zusätzlich pro Woche, trägt dafür aber auch zusätzliche Verantwortung. Wenn ich mal nicht da bin, leitet sie die Abteilung, außerdem sucht sie zusammen mit mir die neue Ware aus. Nach der Eröffnung werde ich ein paar Tage lang beobachten, wie sich jede von euch so macht, und mich dann entscheiden. Also strengt euch an!“

Ein gedämpftes Raunen ging durch die Mädchenschar. Wer würde die Glückliche sein? Violet oder Minnie sicher nicht, denn beide kamen frisch von der Schule. Ellie war zwar die Älteste, war aber ziemlich langsam und tat sich mit anspruchsvolleren Aufgaben schwer. Nein, eigentlich kamen nur Edith und Sophie infrage – und alle wussten, dass Mr Cooper Sophie während der Ausbildung des Öfteren ausdrücklich gelobt hatte. Die jüngeren Mädchen schauten zu Sophie herüber, aber Edith machte ein verkniffenes Gesicht. Es war klar, dass sie nicht vorhatte, die Hände in den Schoß zu legen und sich kampflos von Ihrer Ladyschaft ausstechen zu lassen.

Sophies Gedanken überschlugen sich. Fünf Shilling pro Woche zusätzlich! Damit könnte sie vielleicht sogar aus ihrer schäbigen Unterkunft ausziehen und irgendwo eine kleine Wohnung mieten. Natürlich nichts, was mit Orchard House zu vergleichen wäre – die Zeiten waren vorbei –, aber doch immerhin etwas, das irgendwann ein Zuhause werden könnte.

Mrs Milton fuhr fort: „Ich möchte, dass ihr heute alle euer Bestes gebt. Fangen wir an! Ellie und Violet, die Schachteln dort drüben müssen weggeräumt werden. Sophie, du kannst die Auslage im Fenster fertig dekorieren. Edith und Minnie, ihr putzt die Vitrinen, bis sie blitzen. Mr Sinclair soll in meiner Abteilung kein Stäubchen finden!“

Edith schäumte vor Wut. Man hatte ihr eine niedere Tätigkeit wie Putzen zugeteilt, und die grässliche Sophie durfte sich mit Dekorieren amüsieren! Als sie die Staubwedel holen ging, warf sie ihrer Rivalin einen giftigen Blick zu, aber Sophie schien ganz in ihre Arbeit vertieft und reagierte nicht. Vor ihr stand ein Stapel Hutschachteln. Jede Einzelne barg einen in zartes Seidenpapier gehüllten, wunderhübschen Frühjahrshut, der verschwenderisch mit Seidenblumen, Chiffonschleifen, Spitzenrüschen und wippenden Straußenfedern geschmückt war. Auf manchen Hüten prangten auch künstliche Vögel oder Früchte, wieder andere waren mit bauschigem Netzstoff und Tüll drapiert und ähnelten den Törtchen, die ab morgen in der Konditorei des Kaufhauses serviert würden. Sophie drehte jeden Hut behutsam hin und her, um festzustellen, von welcher Seite er sich am vorteilhaftesten präsentierte. Dabei genoss sie den weichen Samt, der ihre Hände streifte, die glatten Satinbänder, die durch ihre Finger glitten, und das Kitzeln der Schleierstoffe.

Hüte hatten die sonderbare Eigenschaft, bei ihr Erinnerungen heraufzubeschwören. Ein rosafarbener Schleier ließ sie an das Tutu denken, das sie früher im Ballettunterricht getragen hatte, eine grün gestreifte Schleife erinnerte sie an einen von Miss Pennyfeathers Sonntagshüten, ein Samtstoff an das Kleid, das sie an ihrem ersten Tag bei Sinclair angezogen hatte. Dieser Tag schien schon ewig zurückzuliegen, dabei war er in Wirklichkeit erst zwei Wochen her.

Weil sie schon vierzehn war, hatte man ihr mitgeteilt, sie sei zu alt fürs Waisenhaus. Sie sei kein Kind mehr und könne selbst für sich sorgen. Man hatte sie zu einer Arbeitsvermittlung geschickt, wo zwei Damen sie kritisch von oben bis unten gemustert hatten, als sie in ihrem kaum bis zu den Stiefelschäften reichenden Kleid mit der kindlichen weißen Baumwollschürze vor ihnen gestanden hatte.

„Sie ist aber noch sehr klein, findest du nicht, Charlotte?“

„Geradezu verkümmert. Und bestimmt schwächlich.“

„Sieh dir nur ihre Hände an! Weich wie Butter.“

„Ein verwöhntes kleines Ding.“

Sophie hatte widersprechen wollen, dass sie keineswegs verwöhnt war, doch da hatten die beiden sie schon mit Fragen bombardiert. Ob sie kochen könne? Wäsche waschen und bügeln? Schreibmaschine schreiben? Sophie musste jedes Mal den Kopf schütteln. Schnell wurde klar, dass ein Mädchen, das keinerlei Abschlüsse vorweisen konnte und keine Ahnung hatte, wie man eine warme Mahlzeit zubereitete oder den Fußboden schrubbte, nicht eben viele Möglichkeiten hatte, wenn es ums Geldverdienen ging. Französische Konversation und Ballettunterricht waren ja ganz nett, aber beides half ihr jetzt nicht weiter.

Als sie sich niedergeschlagen auf den Rückweg gemacht hatte – es hatte zu schneien angefangen –, war sie zum ersten Mal am Kaufhaus Sinclair vorbeigekommen. Die Bauarbeiten waren noch nicht abgeschlossen, trotzdem war der weitläufige Bretterzaun um das Grundstück schon mit Werbeplakaten gepflastert, vor denen sich trotz der Kälte die Passanten drängten. Was Sophie jedoch zum Stehenbleiben bewogen hatte, war ein riesiges Schild, das mit signalroter Schrift verkündete: PERSONAL GESUCHT. Sophie hatte sofort gespürt, dass das Schild ihretwegen dort hing.

Am folgenden Tag hatte sie sich die Haare aufgesteckt und den Saum am Rock ihres erwachsensten Kleides ausgelassen. Auf einer harten Stuhlkante sitzend, hatte sie gewissenhaft alle Fragen beantwortet, die ihr Mr Coo­per – ein ernster Mann mit kurz gestutztem Bart und feierlichem schwarzem Anzug – stellte. Als er ihr schließlich eine Verkäuferinnenstelle in der Hutabteilung angeboten hatte, war ihr ein Stein vom Herzen gefallen. Der Anfangslohn betrug zehn Shilling pro Woche. Davon konnte sie sich ein möbliertes Zimmer in einer Pension für berufstätige Frauen leisten.

Die Stelle hätte auch Papas Wünschen entsprochen, dachte sie, als sie wieder draußen war. Er hätte von ihr erwartet, dass sie den Kopf nicht hängen ließ und das Beste aus ihrer Lage machte, so wie es die Soldaten in den Geschichten taten, die er so gern erzählte. Höchstwahrscheinlich würde es Sophie nicht mit wilden Tieren oder aufständischen Eingeborenen zu tun bekommen, aber sie konnte trotzdem tapfer sein und ihr neues Leben meistern.

Die Auslage war so gut wie fertig dekoriert. Sophie hielt kurz inne und blickte durchs Fenster auf die Straße hinunter, auf der inzwischen Hochbetrieb herrschte. Pferdekutschen und motorisierte Droschken, dazwischen waghalsige Radfahrer, und natürlich die Omnibusse, auf denen farbenfrohe Reklamen für Pear’s-Seife und Fry’s-Schokoladenriegel prangten. Auf dem Bürgersteig wimmelte es von Passanten, und Sophie sah mit freudiger Erregung, dass die meisten neugierig an der imposanten Fassade des Kaufhauses emporspähten.

„Heut ist keine Zeit zum Träumen, Sophie. Die Auslage ist sehr schön geworden, aber wenn du damit fertig bist, hätte ich ein paar Botengänge zu erledigen“, hörte sie Mrs Milton sagen. Sophie wandte sich schuldbewusst vom Fenster ab. „Diese Hüte hier müssen in die Ankleideräume in der ersten Etage gebracht werden. Sie werden von den Mannequins bei der Eröffnungsmodenschau getragen.“

Edith, die immer noch Vitrinen polierte, freute sich sichtlich, dass auch Sophie jetzt eine niedere Tätigkeit übernehmen musste. „Das passt Ihrer Ladyschaft bestimmt gar nicht“, raunte sie Minnie vernehmlich zu.

Edith irrte sich gewaltig, dachte Sophie ärgerlich, als sie den schwankenden Stapel Hutschachteln die Treppe hinunter balancierte. Tatsächlich freute sie sich immer, wenn sie sich im Haus umschauen konnte, und war stolz darauf, dass sie so gut wie jeden Winkel kannte. Im Ankleideraum für die Mannequins war sie allerdings noch nie gewesen, aber vor allem war sie auf die wunderschönen jungen Frauen gespannt, die eigens dafür eingestellt worden waren, Kleider, Pelzmäntel und Hüte vorzuführen. Nach der großen Eröffnungsfeier würde einmal pro Tag eine Modenschau stattfinden. Die Mannequins würden sich den wichtigsten Kundinnen des Kaufhauses präsentieren, und zwar in einem hocheleganten Salon neben der Damenbekleidung. Bei den anderen Angestellten hatten sie den Spitznamen „Die Mädels vom Käpt’n“ weg, denn angeblich hatte Edward Sinclair darauf bestanden, jede Einzelne von ihnen persönlich auszuwählen. Es hieß, sie seien so strahlend schön wie die Revuetänzerinnen im Londoner West End.

Im Labyrinth der Personalflure in der ersten Etage hatte Sophie den gesuchten Raum bald entdeckt. Sie klopfte leise, und als niemand antwortete, ging sie hinein. Wie alle Räume im Kaufhaus Sinclair war auch dieser hier hübsch möbliert, mit gepolsterten Stühlen, Spiegeln, hellen Lampen und Kleiderstangen voller raffinierter Roben. Mittendrin stand eine dunkelhaarige Schönheit, die augenscheinlich zur Hälfte in einem Abendkleid feststeckte. Das musste eins der „Mädels vom Käpt’n“ sein. Sophie trat sofort den Rückzug an.

„Bitte entschuldigen Sie. Ich wusste nicht, dass jemand hier drin ist“, sagte sie verlegen, doch bevor sie die Tür hinter sich zuziehen konnte, drehte sich die junge Frau um.

„Warte doch mal!“, rief sie. Ihre kräftige Stimme wollte so gar nicht zu ihrer anmutigen Erscheinung passen. „Vielleicht kannst du mir ja mit diesem blöden Kleid helfen. Ich krieg’s einfach nicht zu!“

Sophie stellte die Hutschachteln auf einen Tisch. Als sie näher trat, verschlug es ihr den Atem. Es war, als stünde sie vor einer griechischen Göttin im weißen Seidenunterrock. Hochgewachsen und von klassischer Schönheit, mit prachtvollem, braunem Haar, das hoch aufgetürmt war, unglaublich langen, schwarzen Wimpern und seidigem, milchweißem Teint, war das Mannequin das hinreißendste Geschöpf, das Sophie je begegnet war.

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