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Kater Flo und das Weihnachtswunder

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Black Heart on the Appalachian Trail

erschien 2012 bei Simon & Schuster Paperbacks, New York, London, Toronto, Sydney, New Dehli. A Division of Simon & Schuster, Inc.

ISBN 978-3-8412-0728-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung eines Motivs von Acnakelsy/iStock-photo und Sabine Vicinus/Kunstgalerie Seraphin-Art

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Bild

1.

Kater Flo steckte die Nase in den Pulverschnee und atmete aus. Die Eiskristalle stoben auseinander, umhüllten sein Gesicht mit einer dichten weißen Wolke. Er nieste und putzte sich mit schnellen Pfotenstößen die Reste von den Barthaaren. Dann beugte er sich wieder herunter, um an dem Loch zu schnuppern, das er mit der Schnauze in die Schneedecke gebohrt hatte. Flo begann zu scharren, bis er Gras unter den Pfoten spürte und der steinharte Boden seinen Enthusiasmus bremste. Hektisch schüttelte er erst die rechte und dann die linke Vorderpfote, um den Schnee loszuwerden, der sich zwischen seinen Ballen klumpte. Er hasste nasse Tatzen. Nach drei Versuchen gab er auf, schließlich hatte er Wichtigeres zu tun.

Geschäftig senkte der schwarzweiße Kater den Kopf, sog tief die Winterluft ein. Keine Frage, hier roch es eindeutig nach einer Maus. Er lief um das Loch herum, um es von der anderen Seite zu betrachten und erneut daran zu schnuppern. Dann setzte er sich auf, spitzte die Ohren und hieb mit der Tatze hier und da in den Schnee. Seine weiße Schwanzspitze zitterte vor Anspannung. Plötzlich nahm er ein Stück links von sich ein Geräusch unter der Schneedecke wahr und sprang mit einem Satz und ausgestreckten Tatzen auf die Stelle zu. Er landete weich, nichts als zarte weiße Flocken in den Pfoten. So ein Mist! Mäusefang im Winter war einfach nichts für ihn. Nicht nur, dass er wieder mal zwei Wimpernschläge zu langsam gewesen war, wie so oft in letzter Zeit, auch seine Knochen fingen wieder an zu schmerzen. Vor allem in den Hinterläufen verspürte er ein unangenehmes Ziehen, sobald er eine falsche Bewegung machte.

Mit seinen mittlerweile zwölf Jahren war Flo nun mal nicht mehr der Jüngste, was sich bei der Futtersuche in freier Wildbahn immer häufiger bemerkbar machte. Er hörte und sah nicht mehr so gut wie früher, und auch seine Reaktionsfähigkeit hatte nachgelassen. Nur auf seine Nase war noch Verlass, als wäre er im besten Katzenalter. Wäre er ein Wildtier, wären seine Tage sicher bald gezählt. Doch Flo war ein Hauskater, ein Freigänger genau genommen, der sich in seinem angestammten Revier bestens auskannte und ganz genau wusste, wo Beute zu machen war.

Auf Mäusejagd ging er inzwischen nur noch zum Vergnügen und nicht, weil er Futter brauchte – ein Luxus, den er durchaus zu schätzen wusste. Gnädig ließ er zu, dass Heike, mit der er sein überdachtes Revier bereitwillig teilte, tagtäglich seinen Napf füllte, was noch vor einem knappen Jahr eine Beleidigung für seine Fangzähne gewesen war. Aber auch Kater Flo wurde mit zunehmendem Alter bequemer und weiser. Wieso sollte er sich bei Minustemperaturen auf die Lauer legen und abmühen, wenn es auch ohne Aufwand ging? Na ja, mit vergleichsweise geringem – so ein Augenaufschlag wollte schon geübt sein. Dosenfutter verschmähte er nach wie vor, aber Heike war ein cleveres Mädchen und hatte auf Anhieb kapiert, was seinen verwöhnten Gaumen erfreute: Hühnchen in allen Variationen und Seelachs mit Weizenkleie, seine erklärte Leibspeise.

Falls es ihm bei ihr doch mal nicht schmeckte, was so gut wie nie vorkam, wusste Flo genau, bei wem in der Nachbarschaft etwas zu holen war. Am liebsten wurde er bei der jungen Mutter am Ende der Straße vorstellig, bei der ein Blick aus seinen grünen Augen genügte, um sie zu einer Dose Thunfisch greifen zu lassen. Er war ganz stolz, wie gut er die Frau dressiert hatte, sie war wirklich sehr talentiert. Aber auch der neue Nachbar Herr Scheuermann aus dem dritten Stock links zauberte auf höflich-unmissverständliche Nachfrage stets einen leckeren Happen für den Kater aus dem Küchenschrank. Flos Magen war also dank lernbegabter Zweibeiner stets gut gefüllt, und wenn es ihm draußen zu ungemütlich wurde, wartete wahlweise der Kaminsims oder sein giftgrünes, kuschelweiches Katzenkissen auf ihn.

Die Ergotherapeutin Heike war ohnehin das Beste, was ihm im vergangenen Jahr passiert war. Na gut, vielleicht das Zweitbeste – nach Shamila. Mit der Katzendame aus dem dritten Stock, die in Herrn Scheuermann einen wirklich passablen Futteranreicher, Schubberbalken und Leckstein aufgetrieben hatte, war er seit ihrem Einzug im Juli dieses Jahres schon ein paarmal durch die angrenzenden Gärten gestreift. Shamila hatte es ihm irgendwie angetan. Betagt, wie er war, konnte Flo vielleicht auf mehrere Meter Entfernung keine Insekten mehr erkennen, aber blind für attraktive Artgenossinnen war er deshalb noch lange nicht. Zwar gab sich die fünfjährige Birmakatze zumeist recht distanziert, doch der Kater war davon überzeugt, dass sie ihn ebenfalls mochte. Jedenfalls nahm sie die Mäuse und andere kleine Aufmerksamkeiten, die er ihr ab und an von seinen Streifzügen mitbrachte, stets gnädig an. Ihre tiefblauen Augen strahlten dann jedes Mal ganz besonders und brachten ihr schwarzes Gesicht zum Leuchten. Shamila hatte alle für Birmakatzen typischen Abzeichen. Kontrastreich hoben sich die dunklen Ohren, Beine und der fast schwarze Schwanz von dem eierschalenfarbenen Fell ab, das auf dem Rücken, wo die Haare länger und dichter waren, goldbeige schimmerte.

Shamila um die Tatze zu wickeln würde Flo sicher noch die eine oder andere freundliche Gabe kosten. Heikes Zuneigung dagegen konnte er sich sicher sein. Die Ergotherapeutin hatte ihn vom ersten Moment an ins Herz geschlossen und ihm Asyl gewährt, als er letzten Dezember nach einem Kampf gegen einen Maine-Coone-Kater mit blutendem Ohr und völlig zerbissen vor ihrer Terrassentür gesessen hatte. Oder vielmehr vor seiner. Er wohnte hier nämlich schon viel länger als Heike, und zwar genau seit sechs Jahren.

Ursprünglich war er mit Katrin und Olaf hier eingezogen, aber die beiden hatten sich im letzten Jahr wiederholt so heftige Revier- und Rangkämpfe geliefert, dass sie irgendwann getrennte Wege gegangen waren. Wenn die Rangordnung auf Dauer so heftig umstritten war wie bei ihnen, war dies der einzig sinnvolle Schritt, das wusste Flo aus eigener Erfahrung mit diversen Rivalen und hieß die Entscheidung daher gut. Trotzdem hatte er damals ganz schön leiden müssen.

Katrin hatte ihn in ihrer winzigen Wohnung eingesperrt und ihn obendrein genötigt, eine Katzentoilette zu benutzen. Absolut nicht katzengerecht war diese Behausung gewesen, sogar die Krallen hatte er am Sofa schärfen müssen, weil er nicht mehr nach draußen gedurft hatte. Wirklich unglaublich! Aber dann hatte Olaf den schwarzweißen Kater befreit und mit zu sich genommen, von wo er ausgebüxt und zurück in sein altes Zuhause gelaufen war. Flo hatte seinen beiden Dosenöffnern gezeigt, was eine Harke ist, und die Tatsache, dass er mit der Gesamtsituation äußerst unzufrieden war, damit deutlich zum Ausdruck gebracht. Wo kam er denn hin, wenn er sich von diesen unsensiblen Zweibeinern einfach alles gefallen ließ? Eine echt Europäisch Kurzhaar war durchaus in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Kater Flo wollte immer noch selbst bestimmen, wo und mit wem er wohnte, da ließ er sich nicht reinreden.

Glücklicherweise hatte Katrin, deren Talent als Katzenversteherin sich in Grenzen hielt, ein Einsehen gehabt und ihn freigegeben. Das rechnete Flo ihr wirklich hoch an. Die Tatsache, dass er bei Heike und damit in seinem alten Zuhause hatte bleiben dürfen, hatte ihn für die damals erlittenen Strapazen mehr als entschädigt. Die Ergotherapeutin war ein absoluter Katzenmensch, der Tiere respektierte und ihnen niemals seinen Willen aufzwang.

Darüber hinaus war noch etwas absolut Großartiges passiert: Flos Lieblingsmensch Olaf war ihm erhalten geblieben, was weniger einem glücklichen Zufall als vielmehr seinem eigenen Zutun zu verdanken war. Der Kater hatte nämlich die Tatzen im Spiel gehabt, als Olaf und Heike dank seiner uneigennützigen Hilfe zusammengefunden hatten, und war alles in allem sehr zufrieden mit sich und seiner Wahl. Seither war seine Katzenwelt wieder in bester Ordnung.

Na ja, fast, denn die freche Maus wollte sich partout nicht von ihm fangen lassen. Flo startete einen letzten Versuch, duckte sich und legte sich auf die Lauer. Da, nur wenige Zentimeter vor ihm knisterte es erneut unter der weißen Decke. Mit allen vieren sprang der Kater in die Luft, doch als er landete, hatte er erneut nichts als Schnee in den Pfoten. Igitt, es reichte!

Beleidigt trat er den Rückzug an und beschloss, dass es höchste Zeit für ein Nickerchen war.



»Weg mit euch! Weg, weg, weg!«

Der neunjährige Tim schlug den Kopf auf die Tischplatte. Immer wieder. So lange, bis er erschöpft in sich zusammensank, eine Wange auf dem aufgeschlagenen Matheheft. Seine Augen füllten sich mit Tränen, die auf die Rechenaufgabe tropften. Die Tinte verlief, bis nur noch ein wässriger blauer Fleck zu sehen war.

»Verzieht … euch … endlich.« Seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.

Tim saß in der Wohnküche am Esstisch, wo er viel lieber Hausaufgaben machte als oben in seinem Zimmer. Die Eckbank mit den bunten Sitzkissen war so gemütlich, dass er sie jederzeit dem ergonomischen Schreibtischstuhl vorzog, den seine Eltern ihm extra gekauft hatten, damit er sich besser konzentrieren konnte.

»Der Stuhl und der höhenverstellbare Tisch kosten uns eine Stange Geld«, hatte sein Vater ihm noch im Möbelhaus einen Vortrag gehalten. »Aber für dich und deine Gesundheit ist uns natürlich nichts zu teuer«, hatte er hinzugefügt und Tim viel zu fest auf die Schulter geklopft.

Der nickte nur, während seine Mutter ihm wie einem Kleinkind über den Kopf streichelte, was ihn schier wahnsinnig machte. Er mochte es nicht, wenn man ihn anfasste.

Sein Vater war noch nicht fertig. »Dafür erwarten wir von dir aber, dass du dich besserst. Ist das klar?«

Sie standen gerade in der Kassenschlange, und Tim sah sich peinlich berührt um, ob die anderen Wartenden etwas von ihrem Gespräch mitbekamen. Das war wieder mal typisch Papa – immer alles mit Forderungen verbinden. Trotzdem nahm der Junge sich nicht zum ersten Mal vor, seine Eltern nicht mehr zu enttäuschen. Der gute Wille war da … Wenn es nur nicht so schwer wäre, sich auch daran zu halten.

Eigentlich hatte er seiner Mutter versprochen, fleißig und ohne Zwischenfälle Hausaufgaben zu machen. Da es seit Stunden schneite, musste sie auf dem Gehweg vor dem Haus Schnee schippen. Sie hatte ihn gefragt, ob sie ihn alleine lassen könne, und Tim hatte genickt. Er hatte ihr den Gefallen von ganzem Herzen tun wollen, denn er hatte seine Mama sehr lieb, daher hatte er es auch ernsthaft versucht. Aber es klappte nicht – wieder einmal.

In Mathematik nahmen sie gerade Längen und Maße durch, und das Umrechnen der verschiedenen Einheiten bereitete ihm keinerlei Probleme. Mit Leichtigkeit hatte er daher die ersten beiden Aufgaben gelöst, bei der er Meter in Zentimeter sowie Kilo in Gramm und Milligramm umrechnen musste. Manchmal arbeitete sein Kopf so schnell, dass die rechte Hand mit dem Schreiben nicht hinterherkam. Dementsprechend sah sein Heft aus, und nicht selten gab ihm sein Klassenlehrer in der Probe eine halbe Note schlechter, weil er so unleserlich schrieb. Das machte ihn jedes Mal fuchsteufelswild, schließlich stand die richtige Lösung auf dem Blatt. Was konnte er schon dafür, dass seine Hand so langsam war?

Aber Herr Schröder verstand ihn sowieso nicht, genau wie sein Vater und die meisten Erwachsenen, bis auf Heike, seine Ergotherapeutin. Die war nett. Die anderen waren immer nur streng mit ihm und versuchten, ihn in einen Käfig aus Regeln zu zwängen. Dabei merkten sie nicht, dass sie damit alles nur noch schlimmer machten, weil er bloß noch damit beschäftigt war, sich zu befreien, um endlich wieder atmen zu können. Dazu musste er einfach manchmal ausrasten, um sich Linderung zu verschaffen. Statt nachzufragen, was seine Wutanfälle auslöste, und ihm zu helfen, bestraften die Großen ihn jedoch und dachten sich nur noch mehr neue Regeln aus. Ein echter Teufelskreis …

Wütend war er auch jetzt. So wütend, dass es in ihm drin richtig doll wehtat. Diese blöde Textaufgabe, die er sich ganz bis zum Schluss aufgehoben hatte, wollte einfach keinen Sinn ergeben. Die Zahlen, die darin vorkamen, ließen sich nicht zu einer Rechenaufgabe zusammenfügen. Je mehr Tim es versuchte, desto größer wurde das Durcheinander in seinem Kopf. Auch das unangenehme Ziehen in seiner Brust verschlimmerte sich. Er hatte schon die Fingernägel so tief es nur ging in die Handflächen gebohrt, aber es hatte nichts geholfen. Erst nachdem sein Kopf ein paar Mal mit voller Wucht auf die Holzplatte des Esstischs geprallt war, hatte der stechende Schmerz hinter seiner Stirn den in seiner Brust abgemildert.

Der Viertklässler richtete sich auf, wischte sich über die Augen und hörte zu, wie draußen vor seinem Fenster die Schneeschaufel über die Gehwegplatten kratzte. Über die Buchsbaumhecke hinweg erspähte er die fellbesetzte Kapuze des Daunenmantels seiner Mutter, die sich gleichmäßig hob und senkte. Er beobachtete sie eine Weile, bis sie vor seinen Augen verschwamm, dann nahm er einen neuen Anlauf und wandte sich wieder dem Mathebuch zu.

»Lea und ihre beiden Freundinnen wollen für ihre Ponys Äpfel kaufen. Bei dem Händler, der einmal pro Woche im Stall vorbeikommt, kosten fünf Kilogramm acht Euro«, las er sich die Textaufgabe noch einmal laut vor. »Lea kauft zehn, ihre Freundin Marie fünfzehn und die kleine Sophie zwanzig Kilo Äpfel. Wie viel muss jede von den dreien bezahlen?«

Tim dachte so angestrengt nach, dass er gar nicht merkte, wie er sich die Lippe blutig biss. Die Aufgabe musste doch zu lösen sein. Erstens war er nicht dumm, und zweitens hätte Herr Schröder sie ihnen sonst nicht aufgegeben. Aber er konnte sich die vielen Details nicht merken. Spätestens beim dritten Satz war er verwirrt. Die Zahlen schwirrten wie wild geworden durch seinen Kopf.

»Weg mit euch!«, brüllte er und hämmerte sich mit den Fäusten gegen die Schläfen. »Haut ab!«

Im nächsten Moment flog seine rechte Hand nur so übers Papier, wobei es ihm nicht immer gelang, sich an die vorgegebenen Kästchen zu halten, so schnell wollte er alles festhalten. Anstatt erst nachzudenken und dann loszuschreiben, musste er jeden einzelnen Gedanken sofort notieren, aus Angst, ihn wieder zu vergessen. Das Rechnen bereitete dem Jungen keine Probleme, aber sobald er Text in Zahlen umsetzen musste, herrschten in seinem Kopf nur noch Chaos und dichter Nebel.

Immer schneller kritzelte er Zahlenreihen in sein Heft, um nur eine Sekunde später alles durchzustreichen. Spontan schrieb er andere Zahlen hin, war sich jedoch nicht sicher und nahm den Tintenkiller, um sie wieder verschwinden zu lassen. Wenn er das Durcheinander hinter seiner Stirn doch nur auch so leicht wegradieren könnte! Sofort verspürte er wieder das Ziehen in der Brust. Nein, so klappte es nicht. Er musste erst ausrechnen, was ein Kilo Äpfel kostete und dann … Obwohl, nein, hatten sie im Unterricht nicht … Mist, es fiel ihm nicht mehr ein.

»Wo bleibst du denn nur, Mama?«

Ganz kleinlaut klang seine Stimme, in der die wachsende Verzweiflung deutlich zu hören war.

Wieso war seine Mutter nicht hier und half ihm? Warum musste sie ausgerechnet jetzt Schnee schippen? Sie war schuld, dass es nicht klappte, sie hatte ihn allein gelassen. Tims unbändige Wut richtete sich gegen seine Mutter. Mit einem Satz sprang er von der Eckbank und stürmte ins Wohnzimmer. Er musste etwas kaputt machen, damit es besser wurde. Ohne nachzudenken, griff er nach der Vase mit den Barbarazweigen auf dem Couchtisch und schleuderte sie gegen die Wand über dem Sofa. Keuchend stand er da und starrte entsetzt auf die Scherben und das Wasser, das die Raufasertapete herunterlief, als der unerträgliche Druck in ihm nachließ. Endlich!

Just in dem Moment kam seine Mutter herein, die Wangen von der Kälte gerötet. Mit einem Lächeln im Gesicht fuhr sie sich mit zwei Fingern durch die kurzen, dunklen Haare und versuchte sie zu glätten. Als sie ihren Sohn völlig außer Atem und sichtlich verwirrt mitten im Zimmer stehen sah, weiteten sich ihre Augen vor Schreck.

»Timmy, was ist denn passiert?«, sagte sie.

Rasch zog sie ihren Daunenmantel aus und legte ihn über den Fernsehsessel ihres Mannes. Da fiel ihr Blick auf die nasse Wand.

»Himmel, was hast du denn nun schon wieder angestellt? Kann man dich denn nicht mal eine Minute aus den Augen lassen? Du wolltest doch Hausaufgaben machen.«

»Hab ich ja«, entgegnete Tim matt, ohne sich vom Fleck zu rühren.

Mit gesenktem Kopf stand er da, während Trotz und Scham in seinem Innern miteinander rangen. Einerseits tat es ihm schrecklich leid, dass ihn der Zorn wieder mal übermannt hatte. Andererseits war er unendlich wütend. Seine Unterlippe bebte, als er mit aller Kraft gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfte.

Seine Mutter bückte sich, um die Scherben aufzulesen, dann nahm sie den abgeknickten Zweig, an dem bereits die ersten Knospen zu sehen waren, vorsichtig in die Hand. »Jetzt ist er hin.«

Tim verharrte die ganze Zeit über reglos und ließ das Gezeter, zu dem seine Mama ansetzte, wie in Trance über sich ergehen. Nun war sie wieder wütend auf ihn. Dabei hatte er ihr zeigen wollen, dass er es auch alleine hinbekam. Er hatte sich so viel Mühe gegeben, doch wieder einmal hatte er versagt.

Plötzlich durchzuckte ihn derselbe heftige Schmerz wie zuvor, der ihn jedes Mal so wütend und hilflos machte. Er ließ seine Mutter mitten im Satz stehen und stürmte nach oben in sein Zimmer.

Nachdem er die Tür mit einem Knall zugedonnert hatte, der sicher noch drei Häuser weiter zu hören war, drehte er den Schlüssel im Schloss und warf sich aufs Bett. Durch das gekippte Fenster, das auch im Winter immer offen sein musste, weil er sonst Angst hatte zu ersticken, drangen helle Stimmen und Kinderlachen. Es waren die Nachbarskinder, die im Schnee umhertollten. Nur zu gerne wäre er jetzt draußen bei ihnen gewesen, aber sie würden ihn sowieso nicht mitspielen lassen. Die anderen Kinder mochten ihn nicht.

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