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Kate und Leah

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Erstes Kapitel
  5. Zweites Kapitel
  6. Drittes Kapitel
  7. Viertes Kapitel
  8. Fünftes Kapitel
  9. Sechstes Kapitel
  10. Siebtes Kapitel
  11. Achtes Kapitel
  12. Neuntes Kapitel
  13. Zehntes Kapitel
  14. Elftes Kapitel
  15. Zwölftes Kapitel
  16. Dreizehntes Kapitel
  17. Vierzehntes Kapitel
  18. Fünfzehntes Kapitel
  19. Siebzehntes Kapitel
  20. Siebzehntes Kapitel
  21. Achtzehntes Kapitel
  22. Neunzehntes Kapitel
  23. Zwanzigstes Kapitel
  24. Einundzwanzigstes Kapitel
  25. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  26. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  27. Vierundzwanzigstes Kapitel
  28. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  29. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  30. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  31. Achtundzwanzigstes Kapitel
  32. Neunundzwanzigstes Kapitel
  33. Dreißigstes Kapitel
  34. Einunddreißigstes Kapitel
  35. Zweiunddreißigstes Kapitel
  36. Dreiunddreißigstes Kapitel
  37. Vierunddreißigstes Kapitel
  38. Fünfunddreißigstes Kapitel
  39. Sechsunddreißigstes Kapitel

Erstes Kapitel

»Ich erwarte, dass du verschwunden bist, wenn ich nach Hause komme. Du hast Zeit bis Freitag.« Leah Griffin blieb in der Tür stehen und schaute auf den Mann zurück, der ihr Leben und ihr Bett in den vergangenen eineinhalb Jahren geteilt hatte. »Vergiss nichts von deinen Sachen, Mike, denn ich lasse dich nicht mehr ins Haus, um sie zu holen.«

Mike ließ ein selbstbewusstes Schniefen hören. »Du wirst mich anbetteln, zu dir zurückzukommen.«

Leahs Koffer hing ihr bequem in der Hand. Sie hatte nicht ihr ganzes Leben eingepackt, nur das Notwendigste, was sie über die nächsten vier Tage bringen würde. Aber die simple Aufgabe, das zu nehmen, was sie absolut brauchte, und den Rest zurückzulassen, hatte sie die hässliche Situation viel besser ertragen lassen. Es erleichterte sie zu wissen, dass ihr Lieblingsnachthemd, ihre Haarbürste, ihre parfümierte Seife und die kleinen Dinge des Lebens Mike nicht mehr in die Finger fallen konnten, auch wenn er ihr alles andere schon genommen hatte. Deshalb würde es erträglicher sein, durch diese Tür zu gehen.

»Ich glaube nicht«, sagte sie leise.

Mikes Augen zuckten einen Moment lang. Er hatte sich aufgeblasen und selbstgefällig gegeben. Die Tatsache, dass sie ihm vor zwanzig Minuten gesagt hatte, er sollte seine Sachen packen und verduften, war ihm noch nicht unter die Hirnschale gedrungen. Aber sie musste zugeben, es war nicht das erste Mal, dass sie versuchte, sich von Mike zu trennen. Sie wusste, dass es diesmal anders war, aber sie konnte ihm nicht vorwerfen, dass ihm das nicht klar war. Nein, stimmte nicht. Sie warf ihm alles vor.

»Komm doch, Liebling«, schnurrte er, ging auf sie zu und streckte die Hände aus. »Sei doch nicht so.«

»Ich werde bis Donnerstag an der Konferenz teilnehmen«, sagte sie. Sie ging nicht auf ihn zu, sie wich aber auch nicht vor ihm zurück. »Wenn ich deine Nummer auf meinem Handy sehe, gehe ich nicht dran. Mir ist es ernst, Mike. Sammle deine Sachen ein und sei verschwunden, wenn ich nach Hause komme. Du hast vier Tage.«

Seine Hand war immer noch ausgestreckt, aber jetzt verharrte sie auf halber Strecke. Seine Lider flatterten. Der Mund, den sie einmal für sinnlich gehalten hatte, sah jetzt nur noch verdrießlich aus. »Wohin soll ich denn gehen?«

»Ich bin sicher, du wirst eine Couch finden, auf der du dich niederlassen kannst. Aber um ehrlich zu sein – es ist mir egal.« Ihre Finger rutschten ein wenig auf dem Koffergriff. Trotz ihres gelassenen Äußeren schwitzte sie. Sie fürchtete sich vor ihm. Oder vor sich selbst? Dass sie seinem selbstsicheren Charme wieder nachgab?

Er ließ die Hände sinken, und seine Mundwinkel sackten noch ein bisschen mehr. Er sah sich in der Küche um, in der er nie gekocht oder sauber gemacht hatte, dann schaute er wieder sie an. »Du willst das nicht wirklich tun, Leah. Ich sage dir, du willst es nicht.«

»Oh, doch, ganz bestimmt.« Sie ließ ihn ein strahlendes Lächeln sehen.

Er schreckte zurück, als hätte sie die Zähne gefletscht. Nun, vielleicht hatte sie. Leah fasste den Koffer fester und sah Mike misstrauisch an. Er stemmte die Hände in seine Hüfte. Die Brauen senkten sich, weil er die Stirn gekräuselt hatte.

»Niemand wird dich jemals so lieben wie ich«, warnte er.

»Oh, Himmel!«, rief Leah. »Das hoffe ich auch! Niemand soll mich jemals so lieben wie du!«

Ihr Koffer schlug gegen den Türrahmen, als sie sich umdrehte. Die Wucht des Aufpralls rüttelte ihren Arm bis zum Ellbogen durch. Gleißende Funken wie von einem elektrischen Schock schossen bis zur Schulter hoch. Sie biss sich auf die Lippe, um den Aufschrei zu verhindern, der eigentlich herauswollte. Mike sollte nicht glauben, dass sie ihm eine Träne nachweinte.

Er kam ihr nicht hinterher. Er folgte ihr auch nicht zur Haustür, um Leah abfahren zu sehen. Sie wusste nicht, ob sie sich deshalb besser oder schlechter fühlen sollte, aber als sie in ihren neuen Volvo einstieg, legte sie sich fest: Es war ihr egal. Er würde verschwunden sein, wenn sie zurückkehrte. Sie konnte nur hoffen, dass sie ihn nicht vermissen würde.

Sie fuhr zuerst ins Büro, wo es einige kleine Feuer zu löschen und ein paar mittlere Katastrophen zu verhindern gab, ohne dass sie sich allzu sehr anstrengen musste. Leah war dankbar für die Ablenkung – die geringste Routinearbeit hielt sie davon ab, an das zu denken, was zu Hause passiert war.

Gegen Mittag fand sie keinen Vorwand mehr, noch länger im Büro herumzuhängen. Das Harrisburg Hilton Hotel lag nur ein paar Minuten von ihrem Büro entfernt. Sie wünschte, es läge eine Stunde weit weg. Einen Tag. Eine Monatsreise. Stattdessen bog sie in die Hotelgarage ein, noch bevor sie die Liste auf ihrem iPod abgehört hatte. Sie stieg nicht sofort aus dem Auto, sondern blieb sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, die Augen geschlossen. Sie lauschte.

Sie lauschte der Stille.

Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit dachte sie an nichts.

Üblich war, ganz egal, was sie tat, dass sie dabei an Mike dachte. Was sie für ihn kochen sollte, in welche Reinigung sie seine Hemden geben sollte, ob sie den schwarzen Spitzen-BH oder die weiße Garnitur kaufen sollte. Ihre Welt hatte sich um ihn gedreht, um ihn und seine Lust. Im Büro war sie die Kreativ-Chefin, aber zu Hause war sie Hausfrau und zeitweise Sklavin gewesen.

Sie riss die Augen auf. Wie war das mit ihrem Vorsatz, nicht an ihn zu denken? Der Gedanke von wegen zeitweilige Sklavin hatte sie zwar beschämt, aber jetzt fühlte es sich schrecklich falsch an. Es passte nicht; es hatte nie gepasst. Die letzten achtzehn Monate ihres Lebens waren eine Lüge.

Hölle. Viel länger schon. Wenn sie den Scheinwerfer einschaltete und mit der Pinzette die Splitter herausholte, die von den katastrophalen Beziehungen übrig geblieben waren, musste sie zugeben, dass Mike nur der Letzte in einer Serie von Fehlern war.

Sie konnte nur hoffen, dachte sie, als sie nach ihrem Koffer griff und aus dem Auto stieg, dass er ihr letzter Fehler blieb.

Sie hatte erst am Morgen ihr Zimmer reserviert, als Mike unter der Dusche stand. Die Folge war, dass man ihr Zimmer noch nicht gereinigt hatte. Die Frau an der Rezeption – der Tresen war elegant und glänzend poliert – bot ihr an, den Koffer zu verwahren, und schlug vor, im Market Street Café zu warten. Leah gab ihr den Koffer. Sie würde nicht noch einmal ins Büro gehen, und die Treffen und Tagungen fanden alle erst morgen statt.

Sie wollte nachher gleich aufs Zimmer gehen, entweder sofort unter die Dusche oder sich mal richtig ausweinen. Oder beides gleichzeitig. Aber vorher musste sie mit der Konferenzmanagerin über den Gesamtablauf der Woche sprechen. Leah hatte in den letzten Monaten einige Male mit ihr korrespondiert, aber als sie jetzt mit ihr sprechen wollte, war die Empfangsdame völlig überrascht.

»Es tut mir leid. Heather befindet sich im Mutterschutz.«

Leah atmete kurz durch, bevor sie antwortete. »Ich habe erst vergangene Woche mit ihr gesprochen. Sie hat nicht erwähnt, dass sie eine Auszeit nimmt. Ich habe sie sogar gefragt, ob wir bei diesem Projekt zusammenarbeiten könnten.«

Die Empfangsdame, eine kleine zierliche Frau mit vielen kleinen Flechten auf dem Kopf, lächelte Leah an. »Es tut mir leid.«

Schlimm war, dass sie sich gar nicht bereuend anhörte, und sie sah auch nicht so aus. Aber noch hielt Leah sich zurück. »Hat sie eine Vertretung?«

»Hmm?« Die Brauen der Frau senkten sich, und sie schürzte die Lippen, als hätte Leah sie nach dem Sinn des Lebens gefragt. »Oh, ja. Ihr Assistent wird ihre Aufgaben übernehmen.«

»Großartig. Kann ich mit dem Assistenten sprechen?« Es gelang Leah, nicht mit den Zähnen zu knirschen. Sie schaffte sogar ein halbes Lächeln, das so gerade ausreichte, um ihr Gegenüber glauben zu lassen, sie wäre nicht drauf und dran, ein böses Wort zu sagen. Oder drei.

»Ja, natürlich. Er muss hier irgendwo sein.« Sie schaute sich um, als erwartete sie, dass er hinter einer der Kübelpalmen hervorsprang. »Ich kann ihn für Sie ausrufen lassen.«

»Das wäre großartig.« Niemand sollte sagen können, dass Leah Griffin nichts von Diplomatie verstand.

Die Empfangsdame nahm das Telefon in die Hand und sprach hinein, aber wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, hatte offenbar keine zufriedenstellenden Informationen für sie, denn sie zog die Stirn kraus. »Aha. Ja, sicher. Okay. Und wann kommt er zurück?«

Das hörte sich nicht gut an. Leah lechzte nach einem Kaffee, einer Cola oder einem steifen Drink. Verdammt. Ein Stück eines Schokoladenkäsekuchens wäre auch nicht schlecht. Sie bedachte die Frau an der Rezeption mit einem erwartungsvollen Blick, als sie den Hörer aufgelegt hatte.

»Er wird bald zurück sein«, sagte sie mit einem leichten Schulterzucken. »Ich habe eine Nachricht auf seiner Voicemail hinterlassen.«

»Und mein Zimmer ist immer noch nicht fertig?«

Die Frau schlug ein paar Tasten des Keyboards an. »Nein, tut mir leid. Sie könnten in der Bar warten. Ich sage Brandon, wo er Sie findet.«

Da würde sie wenigstens zu einem Drink kommen. »Ja, danke.«

In der Bar war es ruhig an diesem Nachmittag, obwohl sie ein paar Männer in Geschäftsanzügen in einer der Nischen weiter hinten bemerkte; aber niemand war da, den sie kannte. Die Leute aus ihrem Büro würden noch beim Verpackungszentrum sein. Die Mitarbeiter aus anderen Städten würden schon da sein, aber die kannte sie nicht.

Ihr Handy schnurrte in ihrer Tasche, als sie gerade einen Sitzplatz in der Bar gefunden hatte. »Griffin.«

»Leah, hier ist Dix. Ich rufe nur an, um Ihnen die letzten Neuigkeiten aus der Firma mitzuteilen.« Charles Dixon, Justiziar für Allied Packaging, hielt nichts von Zeitverschwendung.

Die Oberbosse. »Ja, ich habe sie heute Morgen erhalten. Jeanette fertigt Kopien an und bringt sie morgen mit.«

»Ich habe noch einige Zusätze«, sagte er. »Soll ich sie Ihnen auf den Schreibtisch legen?«

»Ich werde im Hotel sein. Können Sie sie Jeanette mitgeben, bitte?« Leahs Assistentin war blond und jung und in Dix verknallt. Leah war sicher, dass er es wusste, aber falls er überlegte, sich gegen die Firmenprinzipien mit einer Kollegin zu treffen, würde er ihr das niemals verraten.

Er machte eine Bemerkung, aus der sie schloss, dass er ihren langen Hotelaufenthalt für überflüssig hielt. Dix wusste nicht, dass sie im Hilton gebucht hatte. Er selbst würde nicht hier wohnen; das war auch nicht nötig, schließlich lag sein Haus nur zehn Minuten Fußmarsch entfernt von hier. (Okay, ihres auch).

»Ich hielt es für das Beste, rechtzeitig im Hotel zu sein«, sagte sie. »Wenn man die Augen offen hält, kann man immer was Neues erfahren.«

»Ja, richtig, richtig. Nun, ich bringe Jeanette diese Unterlagen, und danach werden wir uns bald sehen.«

»Ich hole Katherine heute Abend am Bahnhof ab«, fügte sie rasch hinzu, bevor er auflegen konnte. »Wenn Sie also morgen früh da sein würden, um sie kennen zu lernen …«

»Ja«, unterbrach Dix sie. »Ja, das mache ich vielleicht.«

Da dieser Punkt geklärt war, unterbrach Leah die Verbindung. Fast sofort schlug das Handy wieder an. Das kleine Display zeigte ein schlichtes Schwarzweißfoto einer Rose. Mikes Icon. Sie sah zu, wie die Worte »Anruf verpasst« im Display auftauchten, dann klingelte das Handy nicht mehr.

Einen Moment später summte es in ihrer Hand wie eine Wespe, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Voicemail eine Nachricht für sie hatte.

»Ich habe es dir gesagt«, murmelte sie, »ich werde nicht darauf antworten.«

Sie drückte die Nachricht weg, ohne sie angehört zu haben.

Zweites Kapitel

Charles Dixon schaute aus seinem Bürofenster auf die Bäume, die den Weg säumten, und hob sein Telefon auf. Er hatte sich versprochen, sie diesmal zu ihm kommen zu lassen, und was war? Er drückte auf den Knopf mit ihrem Namen. Als sie antwortete, schoss der Klang ihrer Stimme sexuell und emotional durch seinen Körper. Himmel, er war dieser Frau verfallen.

»Hallo, Kate, bist du bereit, mich endlich auch offiziell kennen zu lernen?«

Er hörte Straßengeräusche. »Guten Morgen, Dix. Wie du weißt, ist dies der Höhepunkt meines Jahres. Was willst du von mir?«

»Ich rufe nur an, um sicherzustellen, dass bei dir alles in Ordnung ist. Und du hast nicht geschimpft, dass ich dich mit Kate angesprochen habe. Fühlst du dich gut?« Ihm gefiel das; neben ihrer Freundin Leah war er der Einzige, der sie während der Geschäftszeit Kate nennen durfte – und danach erst recht.

»Das ist eine Schlacht, die ich nicht gewinnen kann. Ich gebe auf, weil du unverbesserlich bist.«

»Wo bist du? Höre ich da Straßenlärm? Kate, Darling, sprichst du im Freien in ein Handy?« Er lachte. »Ich habe einen schlechten Einfluss auf dich. Das gefällt mir.«

»Das ist mir egal, Mr. Dixon, solange Allied Packaging mich und Hargrave und Aaron so fürstlich für unsere Dienste entlohnt. Und um auf deine erste Frage zu antworten – ich habe alle Unterlagen, die ich brauche, vorausgeschickt. Leah hat versprochen, dass sie sie ins Konferenzhotel bringen lässt. Meine Assistentin wird nicht dabei sein; ich reise also solo.«

Ihre Stimme klang professionell, aber warm. Er hatte sie mit vielen Menschen reden gehört, deshalb kannte er den Unterschied in ihrer Stimme.

»Gut. Ich muss später noch einmal mit Leah sprechen, damit sie über alles informiert ist. Ich erinnere sie an deine Unterlagen. Hast du ihr von uns erzählt?« Er senkte seine Stimme. Seine Tür war geschlossen, aber er wusste, dass Kate seine Diskretion schätzen würde.

»Noch nicht. Ich will ihr das erzählen, wenn wir unter uns sind. Wir können später reden, ich betrete jetzt das Gebäude. Wir sehen uns morgen, nicht wahr?«

Er wünschte, er könnte sie schon heute Abend sehen. Er wollte sie in seinem Bett haben und nicht bei heimlichen Treffen im Hotel, aber das hatte sie nicht gewollt.

»Gleich morgen früh.«

Sie brach die Verbindung ab, und er setzte sich zurück und schaffte es nicht, sie aus seinen Gedanken zu verbannen. Vom ersten Mal, dass er gehört hatte, wie sie »Hallo« sagte, bis zu diesem Moment war sie wie ein Lied, das er im Hinterkopf hörte. Ein Lied, das er nicht vergessen konnte. Und nicht vergessen wollte.

Katherine liebte seine Stimme, seine Anzüglichkeiten, sein Necken. Wenn irgendein anderer Mann so mit ihr während der Arbeitszeit gesprochen hätte, wäre er am Abend einen Kopf kürzer gewesen. Er war das eine kleine Stück dunkler Schokolade, das sie sich neben den Gesundheitsprodukten erlaubte. Wie sehr sie sich mit diesem absolut sündhaften Mann eingelassen hatte, wussten nur sie beide.

Sie beschloss, vom Hotel aus zu Fuß zu Hargrave und Aaron zu gehen. Normalerweise hätte sie den Anruf auf ihrem Handy ignoriert, weil es nicht ihr Stil war, auf einem öffentlichen Gehweg zu telefonieren, aber sie hatte gesehen, dass er der Anrufer war. Jetzt klappte sie ihr Handy zu und schob es zurück in die Handtasche, während sie sich der gläsernen Drehtür des Gebäudes näherte, in dem die Filiale ihrer Firma in Philadelphia untergebracht war.

Die kühle Luft aus der Klimaanlage glitt über ihre Haut, und gleichzeitig war ihr, als schlüpfte sie in eine andere Haut – hier war sie Katherine, und Kate war weit weg. Hier, mitten zwischen den 3000-Dollar-Stühlen, in den Büros mit Glas und Chrom, gab es keinen Platz für Fehler.

Die glänzenden, reflektierenden Wände des Aufzugs zeigten eine selbstsichere kühle Frau. Feminin, aber nicht zu sehr. Ihre Absätze sahen nicht matronenhaft aus, aber sexy waren sie auch nicht. Zurückhaltend und teuer, mit Bedacht ausgewählt wie alles, was mit ihrer Karriere zu tun hatte. Das Kostüm, sommerlich leicht, war rauchgrau. Die weinrote Bluse gab den idealen Farbtupfer dazu, nicht aufgedonnert, sondern eine Ergänzung für Haut und Haare. Die Haare hatte sie unter einem schmalen Chiffontuch am Hinterkopf zusammengefasst; sie vollendeten den Anblick, den sie erzielen wollte.

Die richtigen Entscheidungen. Es kam alles nur auf die Möglichkeiten an und auf die Wahl, die man traf. Katherine Edwards hatte immer die richtige Wahl getroffen – ganz wichtig in der von Männern beherrschten Welt des Körperschaftsrechts. Das hieß aber nicht, dass sie eine männermordende Bestie war, wenn sie auch glaubte, eine ganze Reihe von Anwälten zum Weinen gebracht zu haben. Ein Lächeln kam über ihre Lippen.

Katherine war nicht kalt, und sie hasste weder Sex noch Männer. Sie ließ sich nicht als Klischee verwenden. Wenn es sein musste, war sie klug und hart und unbarmherzig. Sie wusste, wie unterschiedlichen Männer und Frauen bei der Arbeit gesehen wurden. Das kränkte sie nicht – sie hatte gelernt, damit umzugehen.

In ihren wilden College-Tagen hatte sie beinahe alles verloren. Einen Job und die ganze Zukunft. Aber daraus hatte sie gelernt, wie wichtig es war, während der Dienstzeit einen kühlen Kopf zu behalten und in der Spur zu bleiben.

So beschränkte sie Jello Shots und Tratsch auf die Zeit nach sechs, weit weg vom Büro. Sie errichtete eine hohe Mauer zwischen Katherine, der Frau, die es auf das Eckbüro abgesehen hatte und die nicht müde wurde, Artikel in juristischen Journalen zu veröffentlichen, und Kate, der Frau, die Jeans trug, Doritos aß und sich mit ihrer besten Freundin Leah via SMS unterhielt, während sie sich Reality TV reinzog.

Ein unangenehmer Schauer durchdrang sie, als sie an Leah dachte und den abgefackten Typen, mit dem sie zusammenlebte, aber darum würde sie sich später kümmern. Zuerst musste sie die Sache mit Dix beichten. Leah würde ihren Spaß an der Geschichte haben.

Die Aufzugtür öffnete sich und gab den Blick frei auf eine große Empfangshalle, und die beiden Frauen hinter der lächerlich großen credenza blickten gemeinsam hoch und lächelten strahlend. Katherine hielt ihre Aktentasche in der linken Hand und näherte sich dem Tresen auch mit einem Lächeln.

»Guten Morgen. Ich bin Katherine Edwards, und dies ist mein erster Tag. Ich absolviere ein Praktikum und soll jemanden aus der Personalabteilung treffen.«

Sie hatte niemandem davon erzählt, denn sie wusste noch nicht, wie sich die Arbeit entwickelte. Natürlich glaubte sie fest, dass sich etwas Großes daraus ergeben würde. In den letzten beiden Wochen hatten sich ihre Erwartungen immer stärker aufgebaut. In ihr stritt Aufregung mit tiefer Sorge.

Himmel, war das hell. Ein Strahl des goldenen Sonnenscheins wärmte ihren Arm, als sie in der Hotelhalle auf ihr Taxi wartete. Zum Glück sorgte die Klimaanlage dafür, dass die Halle kühl blieb.

Der Juni in Philadelphia war, hm, man konnte sagen, golden und heiß. Sie hatte das vergessen, denn sie war bald zur Universität von Washington gegangen und hatte dort Jura studiert. Wie schnell man sich an Regen und Nebel gewöhnen konnte! Zuhause würde es gerade mal zwanzig Grad sein und das Sonnenlicht noch ein bisschen blass. Nun, jetzt war es nicht mehr ihr Zuhause. Philly war jetzt ihr Zuhause. Am folgenden Wochenende würden ihre Sachen geliefert werden, dann konnte sie einziehen. Wieweit dies ihre Affäre mit Dix berührte, wusste sie noch nicht.

Sie hatten angefangen, sich am Telefon zu unterhalten, als sie auf der Basis freier Mitarbeit von Allied Packaging engagiert worden war, und es hatte sofort zwischen ihnen gefunkt. Wie dann Telefonsex mit Dix daraus geworden war, konnte sie heute nicht mehr sagen. Und dann die E-Mails …

Das erste Mal, dass sie sich begegnet waren, war auf der juristischen Konferenz in Chicago gewesen. Er hatte sich einfach vor ihrer Tür sehen lassen. Der Sex war explosiv gewesen, wunderbar, so heimlich und schuldbewusst. Nichts war jemals so köstlich.

Es hatte vier Monate gedauert, bis sie sich noch einmal getroffen hatten, das letzte Mal vor gut vier Wochen in San Francisco. Bei den wenigen Malen, die sie sich körperlich begegnet waren, hatte sie festgestellt, dass sie Charles Dixon sehr mochte, und je öfter sie sich trafen, desto mehr. Das war eben die Crux bei der Sache.

Was sie beide hatten, war eine hübsche zeitweilige Beziehung, die zu nichts verpflichtete. Hatte sie die aufs Spiel gesetzt, indem sie einen Job in Philadelphia annahm und auch dorthin umzog?

Sie hatte einen Plan, sie hatte Ziele, und sie bildete sich was darauf ein, dass sie Geschäftliches und Persönliches auseinanderhalten konnte. Und doch saß sie jetzt da, von diesem Mann völlig benebelt. Katherine Edwards und ihre richtigen Entscheidungen – aber jetzt hatte sie eine falsche Entscheidung getroffen, weil er viel zu köstlich war, um mit dem Kopf über ihn zu urteilen.

Sie stieß einen Seufzer aus und kuschelte sich in den gemütlichen Sessel. Nachdem sie einen Tag mit Konferenzen verbracht hatte, war sie unter die Dusche gegangen und hatte sich eine ärmellose Bluse, Caprihose und Sandalen gegen die Hitze angezogen. Sie wäre doppelt froh gewesen, wenn sie das während der zweistündigen Zugfahrt angehabt hätte.

Ihr Telefon schlug an. »Du musst ihn schütteln wie einen Salzstreuer.«

Leahs Stimme drang aus der Leitung, und während Katherine versuchte, das Ende der Beziehung mit dem Arsch Mike runterzuspielen, hörte man ihr die Emotionen noch an.

Sie vereinbarten, sich auf dem Bahnhof zu treffen, und Leah erwähnte den Namen von Dix.

Kate hielt die Luft an, als sie den Namen hörte. Leah war ihre engste Freundin – seit einer Ewigkeit, so fühlte es sich an, aber Kate hatte ihr noch nichts von ihm erzählt. Ohne Alkohol war das gar nicht möglich. Sie würden viel nachzuholen haben, wenn sie sich später am Abend in Harrisburg trafen.

Sie beendeten das Gespräch, und Kate machte es sich wieder im Sessel gemütlich. Sie starrte hinaus durch die Fenster auf die Market Street und wartete.

Sie hätte Notizen überfliegen oder den Laptop anmachen können, um mit der Arbeit zu beginnen. Oder sie hätte ein paar Leute anrufen und ihre Voicemails überprüfen können. Stattdessen erlaubte sie sich, nichts zu tun als nachzudenken.

Drittes Kapitel

»Was darf ich Ihnen bringen?« Der Mann hinter der Bar hatte gewartet, bis Leah ihr Telefongespräch beendet hatte. Er warf ein Tuch über eine Schulter und legte beide Hände auf die Bar. »Sie sehen so aus, als könnten Sie einen vertragen.«

»Sieht man das?« Leah versuchte zu lachen, aber es kam eher wie ein Seufzen heraus.

Der Barmann grinste. »Wir sollen das zu jedem Gast sagen – das bringt ihn in die richtige Trinkstimmung.«

Jetzt klang Leahs Lachen viel echter und kräftiger. »Wirklich?«

Er nickte und griff nach dem Zwanzig-Dollar-Schein, den ein Schlipsträger im Vorbeigehen fallen gelassen hatte. Der Mann hinter der Bar füllte zwei Krüge, während er sich immer noch mit Leah unterhielt, reichte sie weiter und legte das Wechselgeld auf den Tresen. »Nicht wirklich. Aber meistens hilft es.«

Er war nicht so jung wie die meisten Barkellner, die in den vielen neuen Kneipen und Clubs arbeiteten, die in der Downtown von Harrisburg aus dem Boden schossen. Nicht, dass Leah häufig die Clubs besuchte, aber manchmal ging sie mit Kollegen zum Mittagessen. Aber dieser Barmann sah nach Mitte vierzig aus, dunkle Haare auf dem Kopf, die an den Schläfen silbrig wurden. Und er hatte ein nettes Lächeln.

»Ich nehme ein Glas Cabernet«, sagte sie. »Für alles andere ist es noch zu früh.«

»Es ist nie zu früh«, hielt der Barmann dagegen, aber er schenkte ihr trotzdem ein Glas Rotwein ein. »Prost.«

»Prost«, sagte sie und nippte.

»Davon wachsen Ihnen keine Haare auf der Brust«, sagte der Mann hinter der Bar mit einem neuen Grinsen. »Aber ich schätze, Sie legen keinen Wert darauf, was?«

Es wäre zu schön gewesen, einfach an der Bar zu sitzen und in aller Ruhe ein Glas Wein zu trinken. Aber die Bier trinkenden Schlipsträger in der Ecknische schauten immer mal wieder rüber zu ihr. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen den Mumm entwickelte, aufzustehen und sie anzuquatschen, dachte sie, während sie sich zwanglos mit dem Barkellner unterhielt.

Sie irrte sich. Nicht einer von ihnen quatschte sie an, sondern beide.

Sie flankierten sie. Der Typ rechts von ihr, der Blonde, trug einen Ehering. Der Dunkelhaarige links von ihr ließ ein so strahlendes Lachen aufblitzen, dass er einer Werbung der Dentalkosmetik entsprungen sein könnte.

Sie stellten sich als Stu und Larry vor, und sie nannte ihren Namen. Sie fragten, ob sie geschäftlich in der Stadt wäre, was sie bejahte. Der Barmann zog sich zurück. Leah wusste seine Diskretion zu schätzen, aber sie verschwendete keinen Gedanken daran, den Absichten der Männer zu folgen.

Sie flirteten locker, wenn auch ein wenig zu berechnend, fand Leah. Nach fünfzehn Minuten fühlte sie sich wie ein Elch, der von Wölfen gejagt wurde. Die Männer wechselten sich mit ihren witzigen Bemerkungen ab, und wenn sie ihnen auch bescheinigen musste, dass sie sich redlich Mühe gaben, musste sie ihnen schließlich doch die Frage stellen.

»Habt ihr manchmal Erfolg mit dieser Masche?«

Stu, der Verheiratete, sah sie milde überrascht an. »Was?«

»Manchmal, ja«, sagte Larry, offenbar der hellere der beiden. »Bei Ihnen nicht?«

Leah lächelte. »Leider nein.«

Stu sah ein wenig verwirrt drein und tauschte einen Blick mit seinem Freund. »Hör zu …«

»Schon gut, Stu.« Larry schüttelte den Kopf. »Die Lady ist nicht interessiert.«

»Aber danke für den Drink«, sagte Leah.

Stus Handy klingelte, und er entschuldigte sich und wandte sich ab, um sich zu melden. Larry fragte: »Und wenn ich ihn irgendwie loswerde?«

Diese neue Richtung des Gesprächs war erfrischend, weil er nicht mehr den Vorwand des Flirtens brauchte. Es war lange Zeit her, dass Leah zuletzt geflirtet hatte, und es überraschte sie angenehm, dass ihre Haut noch kribbelte, wenn jemand um sie warb.

»Es hat nichts mit Ihnen zu tun«, sagte sie und fügte noch seinen Namen hinzu, der sinnlich über ihre Lippen kam, »Larry.«

Er grinste. »Das sagen sie alle.«

»Ich habe heute erst mit meinem Freund Schluss gemacht«, erklärte sie.

»Herzlichen Glückwunsch. Einen besseren Grund zum Feiern gibt es doch gar nicht.«

»Sie wissen wirklich, jede Info zu Ihrem Vorteil auszunutzen.«

Er tat überrascht und wehrte bescheiden ab, doch sein Blick war voller Stolz. »Danke. Sie sind eine schöne Frau.«

»Was ist mit Ihrem Freund? Wird er nicht empört sein?« Sie lehnte sich zu ihm, als teilten sie ein Geheimnis. Sie drehten sich beide zu Stu um, der immer noch ins Handy sprach.

»Stu? Nee.« Larry schüttelte den Kopf. »Er wird sauer sein, aber nicht empört.«

Leah lehnte sich noch ein bisschen näher zu Larry. Ihre Lippen hätten fast sein Ohr berühren können. »Ich möchte Sie was fragen, Larry.« Wieder mit dem Vornamen. Der Intimität wegen. Bei trüberer Beleuchtung wäre das noch effektvoller gewesen, wenn man im Hintergrund das Pochen der Musik gehört hätte, aber es war Nachmittag, und von draußen drang der Baulärm der Straßenfirma herein. »Macht ihr das öfter, Sie und Stu?«

Larry murmelte direkt in ihr Ohr, und seine Lippen berührten ihre Haut. »Ja.«

Sie lehnte sich noch ein bisschen mehr zu ihm. Das Satinfutter ihres Rocks glitt über ihre Schenkel, nackt über den Strumpfenden. Seit fast zwei Jahren hatte sie sich jeden Morgen für Mike angezogen, aber heute Morgen nur für sich.

»Und ihr geht dann mit einer Frau ins Bett?«, flüsterte sie. Larry roch gut. Teures Cologne. »Gleichzeitig?«

»Manchmal.« Seine Hand bewegte sich zu ihr. Die Finger huschten über ihr Knie.

»Macht ihr es euch auch selbst? Oder besorgt ihr es nur ihr?«

Das langsame Kreisen von Larrys Fingerspitzen, das sich immer ein bisschen höher geschoben hatte, hörte auf. Er zog sich zurück, schaute sie an und lächelte schief. »Was?«

Leah fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Larrys Blick folgte dieser Geste. »Ich will wissen, ob ihr euch fickt, du und Stu. Saugt ihr euch gegenseitig, wenn ihr eine fremde Frau aus einer Bar abschleppt?«

Sie hatte so lässig geredet, als wäre es ums Wetter gegangen, aber seine Reaktion war heftig. Er zuckte zurück. Er sah an ihr vorbei, vermutlich auf Stu, und als er Leah wieder anschaute, schien sein Blick von beginnender Panik erfasst zu sein.

»Nein«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Teufel, nein!«

Leah lehnte sich auf ihrem Hocker zurück und drehte sich zur Bar. Sie hob ihr Glas Wein und leerte es, dann stellte sie das Glas vorsichtig auf den Untersetzer. Sie leckte sich über die Lippen und zog einen Fünf-Dollar-Schein aus der Tasche. Sie legte ihn auf den Tresen.

»Schade«, sagte sie mit einem süßen Lächeln für Larry, der immer noch so aussah, als hätte er einen Schlag auf den Hinterkopf erhalten. »Denn wenn Sie ja gesagt hätten, wäre ich mit euch beiden aufs Zimmer gegangen.«

Der Barmann unterdrückte ein schallendes Lachen, während Leah dem verdutzten Larry zuwinkte. Sie ging zur Rezeption und erfuhr, dass ihr Zimmer endlich fertig war.

Sie hatte die Jacke schon ausgezogen, als die Tür gerade ins Schloss fiel. Sie warf ihre Handtasche aufs Bett und ging sofort ins Bad und drehte das heiße Wasser auf. Eine heiße Dusche brauchte sie immer noch, aber das Ausheulen war nicht mehr nötig.

Dampf füllte das Badezimmer, als sie die Knöpfe ihrer Seidenbluse öffnete, die sie hinter die Tür hängte. Nachdem sie den Rock ausgezogen hatte, stand sie in weißer Spitze da, BH und Höschen, dazu den Strumpfgürtel. Die Strümpfe waren fleischfarben. Die Spitze zwischen den Beinen war schon feucht geworden.

An diesem Morgen, nachdem sie Mike gebumst hatte – sie konnte sich nicht dazu bringen, bei diesem Akt an »Liebe machen« zu denken, denn Liebe war nicht dabei gewesen –, hatte sie sich gefragt, ob sie je wieder Sex haben wollte. Der Gedanke, die Hände einer anderen Person wieder auf ihrem Körper zu spüren, drehte ihr den Magen um. Die Erleichterung, dass sie ihn nicht mehr blasen und ihn nicht mehr aushalten musste, wenn er sich auf ihr austobte, hatte ihren Beschluss noch verstärkt.

Es hatte nicht den einen Grund gegeben, der ihren Entscheid ausgelöst hatte. Die Trennung war das Ergebnis monatelanger Unzufriedenheit. Leah hatte immer über eine gesunde Libido verfügt, und ihr Sexleben mit Mike lag auf einer Wellenlänge – anfangs. Über Nacht war ihr Verlangen nach ihm zerquetscht worden, weil er keine Rücksicht nahm. Ihre Spiele mit Dominanz und Unterwerfung waren für ihn nur der Vorwand geworden, sich wie ein Arsch zu verhalten.

Larrys Berührung ihres Knies, der pure maskuline Geruch, der interessierte Blick seiner Augen – all das hatte in Leah etwas ausgelöst, das seit Monaten geschlummert hatte. Er hatte geglaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben und die Konversation so zu lenken, wie er es wollte. Aber sie hatte das Sagen, und Larry bemerkte es nicht.

Das fühlte sich gut an.

Ein Seufzer flüsterte aus ihr, als sie ihren Körper mit den Händen streichelte. Die Frau im Spiegel sah nicht so aus wie die Leah, die sie kannte; die Leah, die den Blick senkte, wenn sie sich nackt sah; die Leah, die nachgab.

Leah glitt mit den Fingern unter ihr Höschen und über die getrimmten Löckchen. Ihre Klitoris pochte unter der Berührung, und ein neuer Seufzer öffnete ihren Mund. Ihre Finger tauchten tiefer, zwischen die glitschigen Falten, und sie erschauerte.

Sie nahm den Duschkopf vom Haken und schaltete die Massagewirkung ein. Das Wasser schoss jetzt in kurzen, harten Stößen durch die Düsen.

Seit langem hatte sie sich keinen Orgasmus mehr beschert. Mike war ein großer Fan von Orgasmusverweigerung; für ihn war das ein Zeichen von Macht: Wenn sie selten kam, wurde es dadurch wahrscheinlicher, dass sie kam, wenn er sie vögelte – deshalb hatte sich Leah seinen Befehlen nicht widersetzt.

Aber damit war es jetzt vorbei. Kein Mike mehr, erinnerte sie sich, als sie die pulsierende Düse direkt auf ihre Klitoris richtete. Das erste Mal schrie sie kurz auf, weil der Druck fast zu viel für sie war. Zu stark. Ihre Hüfte ruckte vor und zurück, und sie musste sich am Handlauf festhalten.

Sie dachte an die beiden Männer in der Bar. Zwei Schwänze, zwei Münder, vier Hände. Wie würde es sich anfühlen, wenn einer zwischen ihren Beinen kniete und sie saugte, während der andere über ihre Wirbelsäule leckte?

Ein sanftes Murmeln entwischte ihr, als das Wasser sie zerstampfte. Ihr Atem kam schon in kurzen, scharfen gekeuchten Lauten, und ihre Sicht wurde verschwommen. Leah, den Duschkopf noch in der Hand, ließ sich auf den Boden der Badewanne sinken und öffnete die Beine, während sie die Düse auf ein sanfteres Sprühen stellte.

Das Wasser liebkoste ihr Fleisch wie hundert winzige Zungen, die sie eifrig leckten. Ihre Klitoris, die weichen Falten, den Po. Sie bewegte den Wasserstrahl hin und her, und als es ihr hart kam, krümmte sie unwillkürlich den Rücken und stieß ein lautes Grunzen aus. Ihre ganze Pussy zog sich zusammen, wollte etwas umklammern und sehnte sich nach einer Füllung. Zu ihrem Leidwesen hatte sie nichts eingepackt. Sie hatte eine ganze Schublade voll von Spielzeug, das aber unter Mikes harter Hand seine Anziehung verloren hatte. An diesem Morgen hatte sie geglaubt, sie würde nie wieder einen Vibrator benötigen.

Aber zum Glück hatte sie noch ihre Hände, und sie wusste genau, wo ihr G-Punkt lag. Das Wasser kitzelte sie, als sie die Finger in sich schob und sich langsam zu streicheln begann. Sie kam wieder, härter noch als beim ersten Mal.

Es war ein Wunder.

Leah lag in der Wanne. Der Sprühregen aus dem Duschkopf war gegen die Wand gerichtet, sodass nur ein feiner Nebel auf sie fiel. Ihr Herzschlag erholte sich; sie empfand nichts als Erleichterung.

»Wow«, sagte sie und lachte. »Es ist noch nicht vorbei!«

Sie war halb überzeugt gewesen, dass sie nie wieder Sex haben wollte. Oder dass ihr Körper nie wieder jene Lust fordern würde, die Mike ihr beigebracht hatte.

Nun, dachte sie, als sie sich in einen weißen flauschigen Bademantel schlängelte, wenigstens hatte er sie nicht gebrochen.

Viertes Kapitel

»Und so habe ich einen Job hier in Hargrave angenommen.« Kate ließ die größte Bombe des Tages mitten in das Gespräch mit Leah fallen. Ihre Freundin hatte sie am Bahnhof abgeholt, und sie waren auf dem Weg zum Hotel.

»Im Ernst? Seit wann weißt du das schon? Warum hast du nichts gesagt?«

Kate seufzte. »Es hängt mit einer anderen Sache zusammen, die ich dir auch noch nicht erzählt habe. Aber eins nach dem anderen. Gestern habe ich mich für ein schickes Apartment entschieden. Nächste Woche geht’s mit der Arbeit los. Mehr Geld, schöneres Büro, bezahlter Umzug. Hier bin ich gleichberechtigte Partnerin.«

»Hört sich gut an. Und es ist viel besser, dich in einer Entfernung von zwei Stunden zu wissen, statt auf der anderen Seite des Kontinents. So, und jetzt rück mit der anderen großen Geschichte raus.«

Kate atmete tief durch und platzte damit heraus, bevor sie noch einmal darüber nachdenken konnte. »Ich habe eine Affäre mit Charles Dixon.«

»Du bist verrückt! Dix? Eine Affäre? Und du hast mir nichts davon gesagt?«

»Ja, eine Affäre, eine Beziehung. Sex. Richtig heißer, heimlicher Sex. Einer fliegt zum anderen, wir vögeln ein ganzes Wochenende lang und gehen unserer Wege. Himmel, es ist phantastisch.«

Leah grinste. »Wow! Und wie lange geht das schon so?«

»Wir flirten, seit wir uns kennen gelernt haben, dann folgten E-Mails und Telefonsex. Er ist sehr erfindungsreich.« Ein Schauer schüttelte sie durch, als sie das sagte. »Vor vier Monaten haben wir uns das erste Mal getroffen. Wir haben uns erst zweimal über ein Wochenende getroffen; zuerst in Chicago und vergangenen Monat in San Francisco.«

»Weißt du, ich muss dich das fragen. Bringt er dich so in Fahrt, dass du die Nationalhymne kreischst?«

Kate lachte. »Wenn ich falsch herum im Kronleuchter hänge. Du weißt, ich bin keine Jungfrau mehr, aber er ist ein Rockstar im Bett.«

»Ich bin völlig schockiert. Nicht, dass du eine Affäre hast, sondern dass du mir nichts davon erzählt hast. In letzter Zeit ist er nicht mehr so verkrampft. Ich schätze, du bist der Grund dafür. Was hält er denn von deinem Umzug hierher?«

»Ich habe es ihm noch nicht gesagt. Ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll, Leah. Wir hatten diese Affäre ohne jede Bindung, und plötzlich tauche ich in seinem Vorgarten auf. Er hat Kinder und eine Ex-Frau, und natürlich führt er sein eigenes Leben. Noch hat er mich nicht gefragt, ob ich Teil seines Lebens sein will – ich meine, über das hinaus, was wir bisher haben.«

»Wow. Nun, du wirst es erst erfahren, wenn du es ihm gesagt hast. Muss ich so tun, als wüsste ich von nichts?«

»Ich habe ihm angekündigt, dass ich es dir heute sage. Aber sonst weiß niemand etwas. Mir ist schon unangenehm genug, dass Leute denken könnten, ich hätte diesen Beratungsjob deinetwegen ergattert, aber es wäre noch schlimmer, wenn jemand glaubte, ich hätte den Job nur bekommen, weil ich den hauseigenen Justitiar bumse.«

»Jeder, der sich auskennt, würde darüber nur lachen. Also, ich erwarte einen Bericht mit allen Details. Da du jetzt hier wohnst, können wir manchen Zug durch die Gemeinde machen.«

»Ja, ich bin schon gespannt auf deine hübschen Stripper, die Schlange stehen, wenn du einen Club besuchen willst. Ich Arme muss mich ja mit dem Rest begnügen, den du mir übrig lässt.« Sie schnatterten in einem fort auf dem kurzen Weg zum Hotel. Ihre Themen erstreckten sich von Schuhen über Duran Duran, Clive Owen und die neuesten SF-Filme, die sie sehen wollten.

Kate und Leah hatten sich in der achten Klasse kennen gelernt, als Kates Eltern fanden, dass sie ein Internat besuchen sollte. Es war Liebe nach dem ersten Kichern, und seither hielt ihre Freundschaft. Leah hatte Kate in einigen harten Zeiten erlebt, aber sie hatte stets an ihrer Seite gestanden. Es hatte keinen wichtigen Moment in Kates Leben gegeben, den Leah nicht auf die eine oder andere Weise mit ihr geteilt hatte.

Hölle, einmal hatten sie sogar einen Mann geteilt. Im Sommer nach der Highschool hatten sie im Pferdecamp für die unteren Klassen der Highschool gearbeitet. Dort hatten sie einen anderen Helfer kennen gelernt, der hauptsächlich mit den Pferden arbeitete. Er war älter und wunderbar. Nach einem Abend im Stall, als sie zu dritt dem Jack Daniels zusprachen, hatten sie und Leah ihn nackt ausgezogen, ihn gefesselt und zu zweit genommen, als machten sie das immer so. Kate schnaufte vor sich hin, als sie sich daran erinnerte. Sie hatten seine Welt aus den Fugen gehoben, und heute konnte sie sich nicht mal an seinen Namen erinnern.

Von allen Menschen auf der ganzen Welt gab es nur Leah, die ihr immer die Wahrheit sagen würde, auch wenn sie schmerzte. Und Leah würde ihr zuhören, ohne sie zu verurteilen. Es war ein großer Trost, einen solchen Menschen zu haben, der es ehrlich mit ihr meinte und der ihr einen sicheren Hafen gewährte.

Als sie im Hotel eintrafen, hatte sich Leahs Stimmung deutlich aufgehellt. Die Anwesenheit einer guten Freundin konnte das bewirken.

»Er kümmert sich drum«, sagte Leah, als Kate ihr Gepäck aus dem Kofferraum heben wollte. Sie wies auf den Pagen, der neben einer der hohen Marmorsäulen lungerte. Er nahm sofort Haltung an, als Leah ihn ansprach. »Das Gepäck gehört auf Zimmer 223.«

Er nickte, trat vor und ließ sich den Schlüssel geben. Leah wandte sich wieder an Kate, um das Gespräch aufzunehmen, das sie unterbrochen hatten. In der Tür blieb sie stehen, als sie den Ausdruck der Freundin sah. »Was ist denn?«

Kate schüttelte den Kopf und musste lächeln. »Sie tun alles, was du willst. Ich liebe es, dem zuzuschauen.«

Leahs Brauen hoben sich. »Wem zuzuschauen?«

Kate zeigte auf den Pagen, der ihr Gepäck zum Aufzug trug. »Den Jungs. Du sagst, sie sollen springen, und sie fragen dich, wie hoch.«

»Ach, hör auf.« Leah lachte und führte Kate zur Bar.

»Ich meine es ernst.« Kate sah sie an. »Sage bloß, du bemerkst das nicht.«

Leah blieb stehen. Ihr Lächeln schwand, als sie an Mike dachte. Seufzend sagte sie: »Meistens nicht.«

Sie nahmen in einer der Nischen Platz statt an der Bar. Ein anderer Barkellner hatte Dienst, eine junge Frau, und Leah bestand darauf, die Drinks zu bezahlen, obwohl Kate protestierte.

»Du kannst die nächste Runde übernehmen.«

»Die nächste Runde?« Kate hob ihr Glas. »Okay, wenn wir von mehr als einem Glas sprechen, dann weiß ich, dass du eine Menge zu erzählen hast. Fang an.«

Leah zögerte. Nicht, weil sie Kates Urteilsvermögen nicht traute oder weil sie die Kritik der Freundin fürchtete. Es war nur schwer zuzugeben, einen Fehler begangen zu haben – wieder einen. Einige Dinge waren zu persönlich, selbst in einer Freundschaft, die schon so lange hielt.

»Heute Morgen wurde ich mit einem Schwanz im Mund wach«, begann sie.

Kate hob eine Augenbraue. »Hast du ihn abgebissen?«

Leah lachte. Sie spürte, wie der Knoten in ihrem Bauch allmählich lockerer wurde. »Nein.«

Kate nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Leah, du hast nie viel von Mike erzählt, deshalb kann ich so gut wie nichts dazu sagen, aber er scheint ein komplettes Arschloch zu sein, und ich bin froh, dass du ihn in die Wüste geschickt hast.«

Leah nippte an ihrem Drink. »So einfach ist es nicht.«

»Das ist es doch nie«, sagte Kate. »Also erzähl.«

Leah trank noch mal und dachte genau nach, was sie sagen sollte. Die Bar war früher am Tag fast leer gewesen, abgesehen von den zwei absolut nicht schwulen Schlipsträgern, aber da es auf den Abend zuging, füllten sich die Plätze. Meistens mit jungen Leuten, die nach der Arbeit Entspannung suchten, oder auch mit Hotelgästen.

Kate wartete, und Leah wollte ihr wirklich gern alles erzählen. Sie zweifelte, dass die Freundin schockiert oder auch nur überrascht sein würde, und doch schien ihr Mund geschlossen zu bleiben, als wollte er die vergangenen achtzehn Monate wie ein Geheimnis behalten. Etwas zum Schämen, obwohl das gar nicht zutraf.

»Ich dachte wirklich«, sagte sie bedächtig und achtete darauf, dass ihre Stimme nicht zitterte, »dass es das war, was ich wollte.«

Kate sagte nichts; die ideale Reaktion.

Leah schaute sie an. Seit der achten Klasse hatten sie alles miteinander geteilt. »Erinnerst du dich an Todd?«

Diesmal hob Kate nur eine Braue. »Auf dem Weg hierher habe ich daran gedacht. Ich hatte seinen Namen vergessen, aber es fällt einem schwer, ihn zu vergessen, nicht wahr?«

Leah lachte. »Ja, stimmt.«

»Mike hört sich aber nicht wie Todd an, meine Liebe.«

»Ist er auch nicht. Aber … erinnerst du dich an den Strick?«

Kate lachte und schlug kurz beide Hände vors Gesicht. »Oh, Himmel. Ja, natürlich. Er wusste nicht, was ihm widerfuhr. Ich wette, er denkt jedes Mal an uns, wenn er einen Strick oder ein Seil benutzt.«

Leah lachte auch. Sie hatten ihn in einem Heuschober festgebunden und ihm keinen Moment der Ruhe gegönnt. »Das könnte ich nie vergessen.«

Kate schaute die Freundin an. »Und?«

Lea seufzte, trank den Rest Wein aus ihrem Glas und wünschte, sie hätte was Härteres bestellt. »Du weißt, ich habe seitdem ein paar Freunde gehabt.«

»Du und ich auch.«

»Nun, ich glaube, ich habe etwas gesucht, was mich daran erinnert.« Leah hob die Schultern und atmete tief ein. »Ich habe immer gedacht, es müsste schön sein, jemanden zu haben, der Dinge für mich tut.«

Wieder nickte Kate nur und hörte weiter zu.

»Mike war nicht der Erste«, fuhr Leah fort. »Aber er war ganz versessen darauf. Beherrschend. Dominierend. Zuerst hat es mir gefallen. Er hat festgelegt, was ich anziehe, was ich koche. Der Sex war großartig. Er wusste einfach, was zu tun war. Ich brauchte ihm nie etwas zu sagen.«

Leah winkte der Kellnerin, dass sie noch eine Runde bringen sollte. »Aber nach einer Weile wusste er nicht mehr, was ich wollte, und er erwartete, dass ich wusste, was er wollte.«

»Und als du das nicht wusstest?«

»Nicht doch«, sagte Leah. »Ich habe es immer gewusst.«

Kate lächelte. »Natürlich hast du es gewusst.«

Leah hob die Schultern. Das Gespräch tat ihr nicht so weh, wie sie vermutet hatte. Im Gegenteil – je länger sie darüber redete, desto weniger schien es sie zu tangieren, und Mike und seine Forderungen wurden immer weniger wichtig.

»Er hat mich nie gezwungen, etwas zu tun, was ich nicht tun wollte.« Das musste sie klarstellen. »Er war nur in die Herren-Sklavinnen-Spiele mehr involviert als ich. Bald wurde es sehr einseitig. Ich habe mich nie als Sklavin empfunden, und ich erkannte, dass er nicht viel von einem Herrn an sich hat. Er ist nur ein selbstsüchtiger Bastard, der eine Frau suchte, die alles für ihn tut.«

»Und die auch noch seinen Schwanz saugt.« Kate wartete mit der Bemerkung, bis die Kellnerin den Wein gebracht hatte, dann fügte sie noch hinzu: »Nein, nach einem Herrn hört er sich nicht an.«

Sie hatten immer ehrlich über ihr Sexleben gesprochen; dass sie mal einen Jungen geteilt hatten, war offenbar die Hemmschwelle gewesen, die sie für immer gesenkt hatten.

»Und soll ich dir was sagen?«, fragte Leah. »Ich dachte, ich wäre viel entsetzter, aber ich fühle mich nur erleichtert.«

»Gut für dich«, sagte Kate ehrlich.

Leah grinste. »Ich dachte schon, ich wollte nie wieder Sex.« Sie erzählte Kate über ihren Nachmittag, von Stu und Larry, und wie Larry fast ausgerastet war, als er ihren Vorschlag gehört hatte.

»Aber ich will dir einen Tipp geben«, schloss Leah.

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