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Kat und der heißblütige Spanier

Sharon Kendrick

Kat und der heißblütige Spanier

BRIEF

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STAMMBAUM

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1. KAPITEL

Selbst die strahlende Mittelmeersonne konnte ihre Stimmung nicht aufhellen.

Mit einer ungeduldigen Handbewegung strich Kat das schimmernde dunkle Haar aus der Stirn und lehnte sich in den weichen Ledersitz der Limousine zurück. Eine Woche war inzwischen vergangen, doch die Erinnerungen an den grauenvollen Abend standen ihr noch sehr lebendig vor Augen. Gegenseitige Anklagen und Vorwürfe waren wie die Rotorblätter eines Helikopters durch die Luft geschwirrt, nachdem ein weiteres dunkles Familiengeheimnis aufgedeckt worden war …

Wenn das alles bloß nicht ausgerechnet auf dem glanzvollen Balfour Charity Ball passiert wäre, wo die Hälfte der Weltpresse vor dem Anwesen ihre Zelte aufgeschlagen hatte, um auch ja nichts zu verpassen!

Gepeinigt schloss Kat die Augen. Die Paparazzi hatten ihr Glück sicher kaum fassen können!

Vor allem, da sie sich selbst bereits auf dem Ball im letzten Jahr vor dem arroganten Spanier Carlos Guerrero und allen anderen zur Närrin gemacht hatte! Doch damals konnte wenigstens niemand behaupten, ihr Vater wäre in den Skandal verwickelt gewesen.

Dieses Mal war es viel schlimmer.

Immer noch konnte Kat es kaum fassen, dass ihre Zwillingsschwestern vor den anderen Ballbesuchern laut darüber diskutiert hatten, dass ihre geliebte kleine Schwester Zoe von einem anderen Erzeuger stammte als sie und damit gar keine echte Balfour war.

Einmal auf die Fährte gesetzt, hatte die blutrünstige Pressemeute das Anwesen tagelang belagert. Erneut hatte der Name Balfour in sämtlichen Zeitungen für reißerische Schlagzeilen und hässliche Worte gesorgt. Worte, die immer noch die Macht hatten, sie zutiefst zu verletzen, egal, wie oft Kat sie inzwischen gelesen oder gehört hatte.

Geheimnisse! Skandal! Schande und Scham!

Ja, die Balfours mussten gerade mit all dem kämpfen … und mit mehr. Doch weder Reichtum noch Prominentenstatus machten immun gegen Verletzungen und Schmerz. Aber das ließ man die Öffentlichkeit natürlich nicht sehen und würde es auch zukünftig so halten.

Und ich erst recht! dachte Kat mit einem grimmigen Lächeln. Denn in dem Moment, wo man die Maske fallen lässt oder auch nur lockert, ist man verwundbar. Das hatte sie frühzeitig gelernt.

Blind starrte sie aus dem Seitenfenster und dachte daran zurück, wie sie mit der letzten Demütigung umgegangen war. Eigentlich so wie immer …

Sie war davongelaufen. Nicht zu weit weg von Balfour Manor, nur bis London, wo sie sich, mit einer riesigen Sonnenbrille getarnt, unter falschem Namen in einem Hotel eingemietet hatte, um ihre Wunden zu lecken. Bis ihr Vater sie gestern angerufen und ihr eine einmalige Gelegenheit als Ausweg aus dem selbstgewählten Exil angeboten hatte.

Allerdings hatte sie bei seinem Vorschlag sofort einen Anflug von Misstrauen gespürt. Vielleicht weil Oscar, obwohl er ihr leiblicher Vater war, ihrem Herzen nie so nahe gestanden hatte wie ihr geliebter Stiefvater Viktor? Kat blinzelte die aufsteigenden Tränen weg und ersetzte sie durch den trotzig herausfordernden Gesichtsausdruck, den sie sich für ähnliche Situationen zugelegt hatte. Sie wollte nicht an Viktor oder die Vergangenheit denken. Damit waren ohnehin nur Schmerz, Reue und weitere quälende Emotionen verbunden.

„Was für eine einmalige Gelegenheit soll das sein?“, hatte sie Oscar zurückhaltend gefragt.

In der darauffolgenden Pause überlegte Kat, ob sie sich den stählernen Unterton in der sonoren Stimme ihres Vaters nur einbildete.

„Eine, die du auf keinen Fall ausschlagen solltest“, erwiderte er schließlich gedehnt. „Hast du mir nicht gerade erst am Ballabend gestanden, wie sehr dich dein augenblickliches Leben langweilt?“

In einem Moment der Schwäche war sie tatsächlich dumm genug gewesen, dem Patriarchen des mächtigen Clans Einblick in ihr Seelenleben zu geben, und ihm die lähmende Einsamkeit zu gestehen, die sie langsam auffraß.

„Habe ich das?“

„Ja, Darling. Also … warum nicht die Gelegenheit für einen Orts- und Klimawechsel beim Schopf packen? Wie hört sich eine Mittelmeerkreuzfahrt für dich an?“

Exakt nach dem, was sie brauchte. Die Chance, klare, salzige Seeluft einzuatmen und dem Ganzen hier eine Weile zu entfliehen, war wirklich verlockend. Obwohl Oscar sich weigerte, genauere Details preiszugeben, konnte Kat einen Funken aufkeimender Vorfreude nicht unterdrücken. Denn trotz der Ungeduld und Missbilligung, die ihr Vater seinen Töchtern gegenüber manchmal an den Tag legte, freute ihn nichts mehr, als den Balfour-Prinzessinnen, wie sie häufig genannt wurden, jede gewünschte Extravaganz zu ermöglichen.

Darum saß sie jetzt hier, im Fond der vollklimatisierten, luxuriösen Limousine, unterwegs zum Hafen von Antibes, während draußen die provenzalische Sonne erbarmungslos auf die schwerreichen Feriengäste herunterbrannte. Die glitzernde Wasseroberfläche des Mittelmeers changierte zwischen Kobaltblau und Azur. Im Hafen gaben sich die größten und schnellsten Motorjachten der Welt ein Stelldichein.

Aber hier war sie ja auch an der Côte d’Azur – der französischen Riviera und der Spielwiese der Reichen und Schönen.

Entschlossen verdrängte Kat ihre trüben Gedanken, als die Limousine direkt am Kai neben den Luxusjachten anhielt.

„Wir sind da, Miss“, informierte sie der Chauffeur und wies mit dem Finger auf das größte Schiff von allen.

Angesichts der exklusivsten Jacht, die ihr je unter die Augen gekommen war, hob sich Kats Laune schlagartig. Der elegante, stromlinienförmige Schiffskörper bewegte sich in der leichten Dünung sanft auf und ab. Von ihrem Standort aus konnte Kat ein poliertes Echtholzdeck olympischen Ausmaßes bewundern – inklusive Pool und Hubschrauberlandeplatz – auf dem sich mehrere weißuniformierte Crewmitglieder tummelten und einen geschäftigen Eindruck vermittelten.

„Wow …“, machte sie bewundernd. Da sie ihr Leben lang in Kreisen verbracht hatte, in denen Reichtum und Exzentrik eine große Rolle spielten, war Kat mit Spielzeugen dieser Art absolut vertraut und wusste sehr wohl, dass Superjachten im Erwerb und Unterhalt ein Vermögen verschlangen. Doch dieses Prachtstück vor ihr gehörte noch einmal in eine ganz andere Liga.

Es war einfach … spektakulär!

Touristen aller Länder fotografierten das Luxusschiff aus verschiedenen Blickwinkeln. Kat überlegte flüchtig, wer wohl der Eigner sein mochte, und warum sich ihr Vater geweigert hatte, ihr den Namen zu nennen.

Wenigstens erlaubte der Schiffsname der in Schwarz und Weiß gehaltenen Jacht einige dürftige Spekulationen: Corazón Frío. Kat war zwar keine Sprachwissenschaftlerin, aber selbst sie wusste, dass dies Spanisch war. Zu ihrem Entsetzen spürte sie ihr Herz plötzlich oben im Hals klopfen. Der einzige Mann, der sie je zurückgewiesen und sie vor den Augen der Öffentlichkeit gedemütigt hatte, war ein unerträglich arroganter Spanier gewesen.

Und trotzdem beherrschte er seitdem in jeder einzelnen Nacht ihre Träume. Ein Bild von einem Mann, mit hartem, durchtrainierten Körper, wildem schwarzen Haar und den kältesten Augen, in die sie je geschaut hatte.

Unversehens überfiel Kat eine Erinnerung, die noch viel beängstigender war als jene vom verpatzten letzten Ball. Rasch schob sie das quälende Bild beiseite. Mit erhobenem Kinn stieg sie graziös aus dem Wagen, schob die riesige Sonnenbrille auf dem Nasenrücken zurecht und schlenderte betont lässig auf die Gangway zu. Dabei war sie sich der neugierigen Blicke der Umstehenden sehr wohl bewusst.

Sie war seit Langem daran gewöhnt, dass wildfremde Menschen jeden einzelnen ihrer Schritte beobachteten. Präsentiere ihnen eine interessante, aufregende Hülle, dann schauen sie nicht hinter die Maske. Diese Regel beherzigte sie längst ganz instinktiv, ohne darüber nachzudenken. Kleider konnten als eine Art Rüstung dienen – und als Trick, andere davon abzuhalten, einem zu nahe zu kommen. Je extravaganter, desto wirksamer.

Zu hautengen Designer-Hotpants aus verwaschenem Jeansstoff trug Kat ein knappes weißes Oberteil, das bei jeder Bewegung einen Blick auf ihren flachen Bauch im zarten Goldton freigab. Das glänzende schwarze Haar fiel ihr in weichen Wellen bis weit auf den Rücken hinab. Die strahlendblauen Augen, wie sie für alle Balfours typisch waren, verbarg die Riesenbrille.

Kat wusste genau, was für eine Art von Uniform an Bord dieser privaten Luxusjachten gefordert war. Nur ein Außenstehender würde auf den täuschend schlichten Stil ihrer Kleidung hereinfallen, den sich die Designer teuer bezahlen ließen.

„Bringen Sie bitte mein Gepäck an Bord“, wies sie den Chauffeur an, bevor sie auf hohen Korksandaletten die Gangway hinauftänzelte. Oben angekommen wandte sie sich dem Mann zu, der ihr am kompetentesten erschien, und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Er war mittleren Alters, schlank und ziemlich groß mit etwas schütterem sandfarbenem Haar.

„Hallo, Sie erwarten mich sicher bereits. Ich bin Kat Balfour.“

„Yeah …“ Der Mann musterte sie scharf aus blassblauen Augen. Erst jetzt fiel Kat auf, dass er einen kleinen silbernen Ring im Ohr trug. „Das dachte ich mir.“

Neugierig schaute sie um sich. „Ist schon einer der anderen Gäste an Bord?“

„Nein.“

„Und mein … Gastgeber?“ Wie verrückt, ihn oder sie nicht einmal beim Namen nennen zu können! Warum hatte sie nicht darauf bestanden, ihn von Oscar zu erfahren?

Weil du viel zu sehr damit beschäftigt warst, dich wieder bei ihm einzuschmeicheln, gestand sie sich kläglich ein. Weil du genau gespürt hast, dass er ziemlich verstimmt und in der Laune war, dir womöglich die regelmäßige und außerordentlich großzügige finanzielle Unterstützung zu streichen! Und was würdest du dann tun?

Angesichts seiner starren Miene wagte Kat nicht, den Mann vor sich zu fragen, wer sein Arbeitgeber war. „Ist mein Gastgeber bereits eingetroffen?“, konnte sie sich aber doch nicht verkneifen.

„Noch nicht.“

„Okay, dann seien Sie doch so gut und bringen Sie schon mal das Gepäck in meine Kabine“, bat sie betont nüchtern und verkniff sich noch im letzten Moment ein guter Mann.

„Warum erledigen Sie das nicht selbst?“, kam es prompt und ebenso ungerührt zurück.

„Wie bitte?“, fragte Kat ungläubig.

„Ich bin Ingenieur und kein Gepäckträger“, erklärte ihr Gegenüber kühl.

Irgendwie gelang es Kat, das Lächeln auf den Lippen zu behalten, während sie fieberhaft nachdachte. Angesichts der offensichtlichen Kaltschnäuzigkeit des Mannes hatte es wohl wenig Zweck, auf ihrem Wunsch zu beharren. Dennoch nahm sie sich vor, diesbezüglich ein paar deutliche Worte mit seinem Boss zu wechseln. Niemand sprach in diesem Ton mit einer Balfour!

„Dann zeigen Sie mir wenigstens den Weg zu meiner Kabine“, forderte sie mit stolz erhobenem Kopf.

Jetzt lächelte der unverschämte Kerl auch noch frech! „Ist mir ein Vergnügen. Folgen Sie mir, Miss.“

Seit ihrer Entlassung aus der Highschool hatte Kat ihre Koffer nicht mehr selbst tragen müssen. Diese hier waren schwer und sperrig, und das polierte Teakdeck war kein Laufsteg. Darum fiel es Kat auf ihren hohen Hacken ziemlich schwer, einen graziösen Eindruck zu machen oder auch nur das Gleichgewicht zu halten.

Das unangenehme Gefühl, das sich schleichend in ihr ausbreitete, verstärkte sich noch, als sie ihre Kabine erreichten. Ungläubig und mit offenem Mund schaute Kat um sich. Es war zwar Ewigkeiten her, seit sie zuletzt auf einer Jacht mitgefahren war, doch bisher waren ihr stets die besten Kabinen angeboten worden, die zur Verfügung standen. Zum Beispiel ein luxuriöser Schlafplatz in Decknähe, sodass man am Morgen gleich hinaustreten konnte, um die ersten Sonnenstrahlen und den weiten Blick übers Meer zu genießen. Oder in der Mitte des Schiffs, wo man den Vorteil der stabilsten Lage für sich beanspruchen konnte. Aber dies hier …

Kat sah sich zweifelnd um. Die Kabine war winzig und nur notdürftig eingerichtet. Keine Bilder an den Wänden und vor allem … nicht das kleinste Bullauge! Und irgendjemand hatte auch noch einen undefinierbaren Stofffetzen an einem Haken innen an der Tür hängen lassen.

Sie stellte die Koffer geräuschvoll auf dem Boden ab und wandte sich an ihren Begleiter. „Hören Sie, guter Mann …“

„Mein Name ist Mike“, unterbrach er sie. „Mike Price.“

Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass sein Name sie nicht im Mindesten interessiere, da er sich ohnehin noch heute einen neuen Job suchen konnte, sobald sie ein ernstes Wörtchen mit seinem Arbeitgeber gewechselt hätte. Aber dazu war sie zu gut erzogen.

Also holte Kat erst einmal tief Luft und atmete sie langsam wieder aus. „Ich denke, da liegt ein Irrtum vor“, sagte sie mit erzwungener Ruhe.

„Warum?“

„Die Kabine ist viel zu klein und absolut … inakzeptabel.“

„Es ist exakt die, die ich Ihnen zeigen sollte.“ Mike zuckte nachlässig mit den hageren Schultern. „An Ihrer Stelle würde ich mich nicht gleich am ersten Tag mit dem Boss anlegen.“

Wenn sie nur wüsste, wer sein Boss war! Aber sie konnte wohl kaum so weit ihr Gesicht verlieren, Mike jetzt noch danach zu fragen. „Ich glaube nicht, dass Sie verstehen …“

„Ich glaube eher, dass Sie nicht verstehen, Miss“, unterbrach sie der Ingenieur brüsk. „Der Boss erwartet von seinem Personal, dass es selbstständig arbeitet und ansonsten unsichtbar ist, darum bezahlt er uns so gut.“

„Aber ich bin kein Crewmitglied!“, protestierte Kat empört. „Ich bin als Gast an Bord!“

Einen Moment hob Mike die Brauen, dann lachte er, als hätte Kat einen guten Witz gemacht. „Das glaube ich weniger. Jedenfalls entspricht es nicht dem, was mir gesagt wurde.“

Kats Nackenhärchen richteten sich alarmiert auf. „Wovon reden Sie?“

Mit dem Kinn wies Mike auf das Stoffteil am Türhaken. Er griff danach und schüttelte es aus, bevor er es Kat reichte.

„Was ist das?“

„Wonach sieht es denn aus?“

Erst nach ein paar Sekunden erkannte Kat, was sie in der Hand hielt. Mit derartigen Utensilien war sie bisher kaum in Berührung gekommen. „Eine … eine Schürze?“ Angewidert schleuderte sie das sperrige Baumwollteil von sich. „Was soll ich damit?“

Mike runzelte die Stirn. „Am besten, ich zeige es Ihnen.“

Was blieb ihr anderes übrig, als ihm zu folgen? Denn auf keinen Fall wollte sie ihre teure Designergarderobe in diesem Karnickelstall auspacken, wo es nicht einmal ausreichend Platz gab, um sie angemessen zu verstauen.

Oder sollte sie einfach tun, was ihr Instinkt ihr gebot? Dann würde sie dieses erbärmliche Schiff sofort wieder verlassen und die ganze Mittelmeerkreuzfahrt ein für allemal vergessen. Doch zunächst stakste sie mürrisch hinter Mike her, der sie durch einen langen, holzgetäfelten Gang zu einer Doppelflügeltür führte, die er abrupt aufstieß.

Kat orientierte sich kurz und seufzte erleichtert. Na, das sah schon mehr nach dem aus, was sie sich vorgestellt hatte. Dieser Raum wies endlich die Dimensionen auf, die sie gewohnt war. Ein feudaler Speisesaal, dessen verglaste Türen direkt nach draußen führten. In die Holzdecke eingelassene Spots simulierten einen funkelnden Sternenhimmel und gaben dem Ganzen eine romantische Note, die aber die Eleganz des Mobiliars aus glänzendem dunklem Holz nicht beeinträchtigte. Momentan schien aber die strahlende Mittagssonne, die helle Kringel auf die Kabinenwände und den Esstisch zauberte, an dem mindestens zwölf Personen Platz hatten.

Mehrere geöffnete Wein- und Champagnerflaschen standen entlang der Tischmitte zwischen heruntergebrannten Kerzen in silbernen Leuchtern. Wachs war auf das kostbare Chinaporzellan getropft. Bei genauerem Hinsehen stellte Kat fest, dass es sich nur zwei Personen hier hatten gut gehen lassen. Doch die kostbare Kristallplatte mit den frischen exotischen Früchten war nur halb gegessen, der Champagner in den hohen Kristallflöten längst schal. In einem Glas schwamm sogar ein zerknülltes Goldpapier, in das wahrscheinlich eine Praline eingewickelt gewesen war.

Angesichts der dekadenten Szenerie schürzte Kat missbilligend die vollen Lippen und bedauerte schon jetzt die arme Seele, die das Chaos würde beseitigen müssen.

„Was für ein grauenhaftes Durcheinander!“

Mike lachte. „Nicht wahr? Der Boss macht eben keine halben Sachen, wenn er eine Party schmeißt.“

Das klang fast anerkennend, und Kat schüttelte sich innerlich. Wenigstens wusste sie jetzt sicher, dass der Boss ein Mann war, denn keine Frau brächte es fertig, ein derartiges Schlachtfeld zu hinterlassen. Auf jeden Fall sprach die herrschende Unordnung nicht gerade für ihren Gastgeber.

Mit einem satten Schnurren sprangen die Maschinen an und das Schiff begann sanft zu vibrieren. Kats Augen weiteten sich überrascht, und sie lauschte kurz, wurde aber gleich darauf von etwas abgelenkt, das ihre ganze Aufmerksamkeit gefangen nahm. Vor ihr auf dem polierten Teakboden, halb versteckt unter dem Tisch, lag ein goldener Hauch von einem Nichts – ein winziger Stofffetzen, den sie erst auf den zweiten Blick als Bikinioberteil identifizieren konnte. Ein Symbol für haltlosen, dekadenten Sex. Heiße Schamesröte bedeckte ihre Wangen.

Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Während sie mehr als peinlich berührt zur Seite sah, blickte sie direkt in ein dunkles, attraktives Männergesicht. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, nur um gleich darauf mit doppelter Geschwindigkeit weiter zu hämmern.

Das konnte nicht sein! Das durfte einfach nicht sein!

Der Mann auf dem Foto in dem schweren silbernen Rahmen war kaum älter als Anfang zwanzig. Doch an dem schon damals markanten Gesicht und den herausfordernden schwarzen Augen würde sie ihn immer und überall wiedererkennen. Er wirkte etwas schlaksiger als heute, trug eine üppig bestickte und verzierte Glitzerjacke zu hautengen Hosen und auf dem rabenschwarzen Haar einen flachen, seltsam geformten Hut.

Der kuriose Aufzug ließ ihn fremd und gleichzeitig absurd vertraut erscheinen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Kat realisierte, dass es sich um das traditionelle Kostüm eines Stierkämpfers handelte. Doch das schien angesichts der wachsenden Panik, die sich ihrer bemächtigte, schon gar nicht mehr relevant zu sein.

Der junge, verwegene Stierkämpfer, der sie aus dem schweren Silberrahmen kalt musterte, war niemand anders als Carlos Guerrero … der Mann, den sie nie wieder in ihrem Leben hatte sehen wollen.

„Wessen Jacht ist das hier?“, fragte sie heiser.

Mike war ihrem Blick gefolgt. „Seine“, erwiderte er lakonisch.

„C…Carlos Guerrero?“ Allein den verhassten Namen auszusprechen, jagte ihr eisige Schauer über den Rücken.

„Aber sicher, wer sonst? Wussten Sie das denn nicht?“ Mikes Neugier schien geweckt.

Natürlich hatte sie es nicht gewusst! Wäre sie sonst hier an Bord? Nicht auf eine Million Kilometer wäre sie diesem verdammten Schiff nahe gekommen! Aber den unverschämt grinsenden Ingenieur über ihre Gefühle gegenüber seinem Arbeitgeber aufzuklären, daran dachte sie schon gar nicht.

„Ich glaube, es handelt sich hier um eine Verwechslung“, murmelte sie spröde. „Nicht mehr als ein kleines Missgeschick, trotzdem möchte ich augenblicklich zurück an Land gehen.“

„Ich befürchte, das wird nicht möglich sein.“

„Und warum, wenn ich fragen darf?“, forderte Kat arrogant Aufklärung des Missverständnisses.

„Weil Carlos mir eine neue Arbeitskraft angekündigt hat, die Kat Balfour heißt.“

Nur ein einziges Wort war bei Kat hängengeblieben. „Arbeitskraft …“, echote sie.

„So ist es. Sie sind nach eigener Aussage Kat Balfour, und auf der Corazón Frío gibt es sechs hungrige Crewmitglieder.“ Er grinste breit. „Wir brauchen dringend jemand, der uns die Mahlzeiten zubereitet und hinter uns aufräumt und saubermacht. Das sehen Sie doch wohl ein, oder nicht?“

Kat blinzelte verwirrt und war immer noch der Ansicht, dass dieser seltsame Spaßvogel von Ingenieur sich einen dummen Scherz auf ihre Kosten erlaube. Als wenn sie auch nur im Traum daran dächte, derart niedrige Arbeiten zu verrichten – und dann auch noch für die Crewmitglieder auf einer Luxusjacht, wie sie sie bisher nur als Gast betreten hatte! Doch die grimmige Entschlossenheit hinter Mikes schadenfrohem Grinsen belehrte sie schnell eines Besseren. Dieser Mann scherzte keineswegs.

Was, zur Hölle, ging hier eigentlich vor sich?

„Lassen Sie mich von Bord gehen!“, verlangte Kat. „Und zwar auf der Stelle!“

„Tut mir leid, das kann ich nicht. Am besten klären Sie das mit dem Boss persönlich. Ich habe nicht die Befugnis, Sie gehen zu lassen. Aber wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Ich an Ihrer Stelle würde hier erst mal klar Schiff machen, bevor Sie irgendwelche Forderungen stellen. Der Boss wird bald an Bord kommen.“

Carlos Guerrero kam hierher auf die Jacht?

Kat schnappte nach Luft, als treibe sie unversehens in stürmischer See, ohne Boot oder wenigstens einen Rettungsanker in Sicht. Und dann überfiel sie gleich die nächste schockierende Erkenntnis. Ihr Vater hatte diese Kreuzfahrt für sie arrangiert.

Warum?

Das alles ergab keinen Sinn. Doch sich noch länger mit wilden Spekulationen aufzuhalten, brachte sie momentan auch nicht weiter. Das Wichtigste war, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Der Fensterfront zugewandt starrte Kat mit offenem Mund übers weite Meer zu den winzigen Booten im Hafen von Antibes zurück, die wie glitzernde Spielzeuge wirkten. Sie saß in der Falle! Es sei denn, sie konnte den stoischen Ingenieur dazu bewegen, sie freizulassen.

„Hören Sie, Mike …“, versuchte Kat es zur Abwechslung im einschmeichelnden Ton, garniert mit einem herzzerreißenden Augenaufschlag, der ihr eigentlich immer zu dem verhalf, was sie sich wünschte. „Sie werden mir doch helfen, nicht wahr?“

Sein Grinsen wurde noch breiter. „Sorry, Darling, keine Chance. Ich mag meinen Job.“

Binnen eines Wimpernschlags änderte Kat ihre Taktik. „Okay … dann lassen Sie mich Ihnen zur Abwechslung einen Tipp geben. Ich bin nicht Ihre Dienstmagd, und ich werde ganz sicher nicht für Sie oder sonst wen kochen und putzen, verstanden? Und auf gar keinen Fall werde ich den Müll wegräumen, den Ihr schlampiger Boss und seine … seine … Bekannte hinterlassen haben. Ist das angekommen?“

Mike zuckte nur achtlos mit den Schultern. „Laut und deutlich. Machen Sie doch, was Sie wollen. Ich möchte allerdings nicht in Ihrer Haut stecken, wenn Carlos an Bord kommt.“ Er schaute auf die Uhr an seinem Handgelenk. „Ich gehe jetzt zum Käpt’n. Wenn Sie sich beruhigt haben, können Sie nachkommen, dann zeige ich Ihnen die Kombüse.“

Damit überließ er Kat, die vor Empörung und Schock wie Espenlaub zitterte, einfach sich selbst. Namenlose Furcht presste ihr Herz zusammen. Eine Angst, die sie tief in ihrem Innern begraben und seit Langem nicht mehr verspürt hatte. Der beklemmende Gedanke, sich auf Feindesland zu befinden, schnürte ihr die Luft ab und machte sie hilflos.

Nein, nicht ganz hilflos!

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