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"Der tote Hund beißt!" Karl Marx: neu gelesen

Barbara Sichtermann

Marx heute

»Da ist z. B. dieses stinkende Wirtshaus, da kommen sie zusammen und setzen sich in eine Ecke. Na, und worüber werden sie reden? Doch über nichts anderes als über die Weltfragen: Gibt es einen Gott, gibt es eine Unsterblichkeit? Und die nicht an Gott glauben, die werden über den Sozialismus und den Anarchismus reden, über eine Umgestaltung der ganzen Menschheit nach einer neuen Ordnung; weiß der Teufel, was dabei herauskommt, das sind doch alles die gleichen Fragen, nur vom anderen Ende her gesehen. Und eine Unmenge der originellsten Knaben tun bei uns heutzutage nichts anderes, als über die letzten Probleme reden. Ist es nicht so?«

F. Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, 1879

Gehörige Zeitentrücktheit

Die Armut kommt zurück in den Westen, das Elend in seiner Schreckensgestalt als Straßenräuber, Kinderstricher und Drogenopfer. Ganz war es nie verschwunden, aber die für seine Beobachtung, Linderung und Einhegung zuständigen Spezialisten bearbeiteten es meist so wirkungsvoll, dass es dem Anblick der Glücklicheren entzogen blieb. Seit dem Fall der Mauer ist es besonders in der deutschen Hauptstadt wieder sichtbar. Berlin erwacht zu einer ganz normalen westlichen Metropole wie New York oder Rom – inklusive der dazugehörenden Kriminalitätsrate, der Preisexplosion bei Citygrundstücken, der Verwahrlosung in den Außenquartieren und des Verkehrsinfarkts, zu einer Großstadt mit mengenweise mittellosen Zuwanderern, geschlagenen Glücksrittern, alkoholabhängigen Arbeitslosen und verbitterten Kleinstrentnerinnen. Ob die Armut noch weiter westwärts ziehen und Städte wie Frankfurt, Mannheim, Düsseldorf an ihre tückische Überlebensfähigkeit erinnern wird, sei dahingestellt. Sehr wahrscheinlich ist, dass der Sozialstaat, die säkulare Antwort des Westens auf die Unzulänglichkeiten des Kapitalismus, an seine Grenzen stoßen und seine Erfinder und Verwalter vor neue Herausforderungen stellen wird. Die pflegen schon heute mit umso reinerem Gewissen ihr Entsetzen, als sie sich schuldlos wähnen: die neueste Armut entstammt nicht ihrer eigenen Klientel, sondern der menschlichen Konkursmasse des realen Sozialismus. Sind sie etwa verantwortlich für die ausgepowerten Polen, die gequälten rumänischen Zigeuner und die konsumhungrigen Russen, die da an das ehemalige Westberlin herandrängen? Im Gegenteil, die Freiheit ist die letzte Hoffnung dieser Verlierer, sie war es immer schon. Die Marktwirtschaft und ihr sozialer Überbau stehen gerührt, aber schlecht gerüstet, bereit, um das Schlimmste zu verhüten, wenn die Armut in den Westen zurückkehrt.

Wieso »zurück«? Was da kommt, ist doch eine Invasion von Habenichtsen, die ihr Gastrecht bzw. ihr Recht, als Gäste aufzutreten, zu reisen und sich zu verändern, eben erst errungen haben. Die kommen von außen und insofern nicht »zurück«. Der Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen war weder das Werk des Westens noch sein Wunsch. Es genügt, wenn die kapitalistischen Demokratien, allen voran die Bundesrepublik, einen Teil der Folgelasten tragen, indem sie den Immigrantenstrom kanalisieren, Hilfeleistungen aufbringen und mit Kapital, und Know-how zur Verfügung stehen. Man kann ihnen doch nicht die Schuld an der Misere aufladen.

In der Tat, die Kategorie »Schuld« macht sich schlecht in so einem Kontext. Streichen wir sie, suchen wir nach dem geeigneten Begriff. Und fragen wir so: Kann man die Errichtung einer mit sozialistischer Ideologie legitimierten Einparteien-Diktatur in der nachmaligen Sowjetunion ohne die Existenz eines überlegenen kapitalistischen Westens erklären? War nicht der Sozialismus als Kritik, Gegenentwurf, Modell und Großversuch immer eine Reaktion auf kapitalistischen Wildwuchs – der vor hundert Jahren noch keine Beschneidung, d. h. keine Demokratie und nur Ansätze eines Sozialstaats kannte? Ist insofern nicht die Armut, die heute aus dem zusammenbrechenden Großversuch flieht, mittelbar ein Produkt auch des Westens? Das realsozialistische Experiment war in seinem Ursprung eine (russische) Gegenposition – gegen die bedrohliche Überlegenheit des Kapitalismus der alten westlichen Zivilisationen. So gesehen dürften die historischen Sieger in der »Konkurrenz« von Markt und Kommandowirtschaft, Individualismus und Kollektivismus, Parteienpluralismus und KP-Diktatur ihre Verantwortung für das Desaster des Sozialismus, seiner Errichtung und Abdankung, doch nicht so ganz von sich schütteln.

Zugegeben, es bedarf eines zeitentrückten Standpunktes, um eine solche Verantwortung wahrzunehmen und gar zu verlangen, dass die »Sieger« sie tragen. Wenn die Kosten für die Sanierung der kaputten DDR, für eine Unterstützung der Wende-Verlierer, für das Huhn im Topf der Polen, deren Gänse wir Weihnachten immer geschmaust haben, für eine Umschulung der jungen Sachsen, die in Zwickau Trabis geleimt haben, und für ein Dach überm Kopf der Siebenbürger oder wer sonst in den üppigen Kapitalismus drängt – wenn diese Kosten aufgebracht werden sollen und die feiste Wohlhabenheit des Westens gereizt die Schatulle schließt, dann wird es nötig, ein wenig auszuholen. Zeitentrücktheit ist nichts anderes als eine Konsequenz des historischen Blicks – und der gehört sich durchaus, wenn es, wie jetzt zwischen Ost und West, um epochale Zuständigkeiten geht. Fragt man, wie alles anfing, so landet man bei 1917. Oder 1848. Oder 1789. Jedenfalls im 19. Jahrhundert und bei Karl Marx.

Die Illusion der Schwere

Der Gründervater des Sozialismus war nur einer von vielen. Geradeso wie es im vorderen Orient zu Zeiten des biblischen Jesus von Propheten und Wunderheilern wimmelte, drängten sich in der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts an den Stammtischen, in den Redaktionen und Versammlungslokalen Europas die weltlichen Weltverbesserer. Der Sozialismus war eine Verheißung, ein Reiz und Modethema, ein profanes Evangelium, er war die utopische Antwort auf die normative Kraft faktischer Erschütterungen, die den Kontinent im Gefolge der Revolutionen des Bürgertums aufwühlten. Er lag in der Luft wie vormals in der antiken Welt die Erlösungshoffnung. Dass es Marx war, der unter den zahlreichen sozialistischen Denkern und Politikern als ideeller Gründer der Sozialdemokratie und später der europäischen Sowjetrepubliken überlebt hat, ist ein Stück weit historischer Zufall. Er war nicht der einzige europäische Revolutionär, der in der Arbeiterschaft den Freiheitshelden der Zukunft und im zaristischen Russland den Hort der schwärzesten Reaktion erblickte – und folglich den russischen Umstürzlern seiner Zeit eine wenn auch skeptische Sympathie bekundete. Was ihn gleichwohl von seinen Mitstreitern unterschied, die Substanz seines theoretischen Werks, kann schon deshalb nicht der Grund für seine Bedeutung in der westlichen und der russischen Sozialdemokratie gewesen sein, weil man ihn hier wie dort missverstanden, umgedeutet oder gar nicht erst studiert hat. »Die Partei Bebels und Liebknechts« führte immerhin noch ihre (posthume) Auseinandersetzung mit Marx, die Russen aber fledderten ihn. Sie mussten es tun, denn er passte nicht in ihre Landschaft. Warum sie ihn überhaupt adoptierten, bleibt erklärungsbedürftig.

Es wird so gewesen sein, dass die Autorität der deutschen Sozialdemokratie innerhalb der Zweiten Internationale den Russen gar keine andere Wahl ließ als die, »Marxisten« zu werden, dass also Marx unter den russischen Revolutionären als deutscher Exportartikel zu Ansehen kam, wobei der Ausgang fraktioneller Fehden, Spaltungen und Vereinigungen letztlich entscheidender war als das Gewicht der Theorie, die Marx vorgelegt hatte. Es ist eigenartig, wie lange sich sowohl unter den Angreifern als auch unter den Verteidigern der Marx’schen Ideen die Illusion gehalten hat, »Das Kapital« oder »Der Bürgerkrieg in Frankreich« seien, als zur materiellen Gewalt verdichtete Gedankenarbeit, höchstselbst nach Russland einmarschiert und hätten dort als geistiges Zentrum die Bolschewistische Partei ferngelenkt. Als Marx den Satz von der Theorie schrieb, die zur materiellen Gewalt werde, sobald sie die Massen ergriffe, hat er wohl kaum ein bestimmtes theoretisches Werk gemeint, nicht einmal sein prospektives eigenes, sondern die Gedanken, die – mehr oder weniger elaboriert in der Luft einer Epoche liegen. Dass sich die Massen im Falle eines Falles ausgerechnet von der »Warenanalyse« würden ergreifen lassen, muss auch Marx bezweifelt haben – seine Arbeiten dienten bis zum Schluss der »Selbstverständigung« unter einer schmalen Schicht intellektueller Kommentatoren und Programmatiker der Arbeiterbewegung. Seine, Marxens, Aufklärung sollte natürlich einen politischen Zweck erfüllen; sie hat das im Sinne ihres Erfinders aber nur bedingt getan. Einmal dogmatisiert und zur »Lehre« kanonisiert, fiel sie der Kasuistik streitlustiger Schriftgelehrter zum Opfer und wurde je nach Lage getrimmt, verkürzt, gedehnt, unterschlagen und umgeschrieben. In der Hand sozialdemokratischer, kommunistischer, gewerkschaftlicher und sonstiger Fraktionen der Arbeiterbewegung mutierte sie zu ideologischem Kitt, der so oder so zurechtgeknetet werden konnte, der Anhänger wie Führungskader auf die Parteizentrale einschwören und sie an die jeweils herrschende Linie binden sollte. Dass durchaus Versuche gemacht wurden, den »wahren« Marx unter dem Wust der Umdeutungen hervorzubefördern, dass insbesondere die jungen Wissenschaften Soziologie und Wirtschaftstheorie gerade im Westen viel aus dem Marx’schen Werk schöpfen konnten – all das ändert nichts daran, dass dieses Werk weder in seiner ursprünglich komplexen und anspruchsvollen Fassung den Arbeiterführern Europas als handlungsleitende Maxime gedient hat, noch jemals die Massen ergriff. In der Ideologie besonders der russischen Kommunisten findet sich etwa so viel Marx wie Jesu Geist in den Urteilsbegründungen der Inquisition. Die beiden einzigen Revolutionäre, die fähig gewesen wären, auf Marx’sche Theoreme den gewandelten Umständen entsprechend zu reagieren und sie kongenial zu interpretieren, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki, landeten zwischen allen Stühlen und wurden am Ende von ihren eigenen Parteigenossen geopfert.

Pro captu lectoris habent suä fata libelli. Wir wissen doch, was aus Texten wird, die zwischen die Mahlsteine politischer oder religiöser Fraktionskämpfe und revolutionärer Umwälzungen geraten. Viel erstaunlicher als der Umstand, dass Marx missverstanden und verfälscht wurde, ist, dass die ehemaligen Sachwalter des realen Sozialismus genauso wie deren Gegner bis heute so getan haben, als offenbare sich der Dr. Karl Marx aus Trier mit den Hervorbringungen seines Genius unmittelbar in Fünfjahresplänen, nationaler Volksarmee, Staatssicherheit und Sozialistischer Einheitspartei. Dass nichts davon je in Marx’ Vorstellung Platz gefunden hätte, haben schon ältere Verteidiger des großen Philosophen belegt; was wir hier nachschieben, ist der an Marxisten und Anti-Marxisten gleichermaßen zu richtende Vorwurf einer grotesken Fehleinschätzung der Reichweite und Wirkungsmacht von Theorien. Kein einzelner Denker, nicht einmal ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, war imstande und wird je imstande sein, ein ganzes vor ihm liegendes Jahrhundert nach dem Bilde seiner Theorie zu formen. Und wenn es so erscheint, muss misstrauisch nach den wahren Triebkräften des Säkulums gefragt werden, die immer auch eine Antwort auf die Eigenart der ideologischen Selbstdarstellung bereithalten. Marx übrigens begann seine Laufbahn als Philosoph und Gesellschaftstheoretiker mit einer Polemik gegen diejenigen seiner Kollegen, die sich zur Revolutionierung ihrer Epoche mittels des bloßen Gedankens in der Lage sahen:

»Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären. Schlügen sie sich diese Vorstellung aus dem Kopf, etwa indem sie dieselbe für eine abergläubige, für eine religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle Wassergefahr erhaben. Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion der Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte. Der wackre Mann war der Typus der neuen deutschen revolutionären Philosophen...«

Dieser Typus ist immer noch nicht ausgestorben. Marxisten ebenso wie Anti-Marxisten mochten sich bislang nicht zu dem von Marx so konzis herausgearbeiteten Standpunkt durchringen, wonach man Gesellschaftsformationen, politische Strukturen und den Charakter von Regimen nicht aus ihren ideologischen Rechtfertigungssystemen erklären kann. »Marx hat uns gezeigt«, schreibt Claude Levi-Strauss, »dass sich das soziale und individuelle Bewusstsein ständig selbst betrügt. Er stellt in den Sozial- und Humanwissenschaften eine Revolution dar, die mit der Revolution der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert vergleichbar ist.«

Selbst wenn unsere Chronisten dazu in der Lage sind, Geschichte und Ideologie (auch) zu trennen – beim realen Sozialismus und Marx machen sie eine Ausnahme. »Ludwig Erhard hat endgültig über Karl Marx gesiegt«, hieß es in der FAZ vom 28. April 1990, und das ist nur ein Beispiel von hunderten. Überall wird Marx gestürzt – als Vordenker, Vorkämpfer, Büste oder Straßenname, mit allen möglichen Siegern über seine angebliche magische Dauerwirkung muss er sich in einem Atemzuge nennen lassen. Und doch hat, behaupten wir, das imperialistische Terrorregime, für das man ihn verantwortlich machen will, seinen Namen eher zufällig auf seine Propaganda-Broschüren geklebt. Die Russen haben Marx nicht gekannt, und er hat eine Umwälzung nach seinen Ideen im Reich des Zaren für unmöglich gehalten. Der russische Marxismus war von Anfang an ein Missverständnis.

Die Ausgrabung des Professors Y aus Massachusetts

Wenn es richtig ist, dass an Karl Marx’ schauerlichem historischem Ruf der Zufall beteiligt war, dass er genauso gut wie etliche seiner Mitstreiter in Vergessenheit hätte sinken können, dann wäre es nicht ohne Reiz, auszudenken, wie die Nachwelt reagieren, was sie an ihm finden würde, wäre er tatsächlich heute unbekannt und durch die in Bibliotheken heimlich und geduldig geleistete Ausgrabungsarbeit eines, sagen wir, skurrilen amerikanischen Historikers, erneut ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. »Deutsch-jüdisch-englischer Philosoph und Ökonom aus dem 19. Jahrhundert wiederentdeckt« könnte eine Notiz im Feuilleton der Tageszeitung überschrieben sein, und die Monatszeitschrift für Politik und Kultur ginge dann solcherart ins einzelne: »Der 1818 in Trier als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geborene Karl Heinrich Marx, der, aus seiner Heimat wegen Verschwörerei ausgewiesen, später in England gelebt hat und Fachhistorikern als Mitbegründer und Berater verschiedener umstürzlerischer Sekten ein Begriff sein dürfte, hat, wie erst heute, über hundert Jahre nach dem Tode des exzentrischen Gelehrten publik wurde, eine voluminöse Untersuchung mit dem Titel »Das Kapital« hinterlassen, zusätzlich ein umfangreiches Konvolut von Skizzen und Einzelanalysen für Folgebände des Torso gebliebenen ökonomisch-soziologischen Gesamtwerks. Ein erster Band erschien 1867, wurde vom Publikum ignoriert, von der Kritik abgetan und verschwand schließlich in der Versenkung. Jetzt geht der Verlag X das Risiko ein, »Das Kapital« erneut zu veröffentlichen – mit einem Kommentar des Marx-Entdeckers Prof. Y von der Z-Universität in Massachusetts. Prof. Y macht sich für eine Neupublikation des Werks mit dem Argument stark, die in Methode und Sprache überraschende Modernität des Buches hätte die Zeitgenossen seines Autors überfordert, vermöchte aber heute ein geneigtes und geeignetes Publikum durchaus zu finden...« Käme der Verlag X auf seine Kosten? Könnte sich »Das Kapital«, bislang Bestseller aufgrund von Zwangsmaßnahmen, am Markt behaupten? Erweckte es in freiwilligen Lesern jene Teilnahme und Begeisterung, die Millionen gedeckelter Ostblock-Schüler bei der Lektüre schmalerer Propaganda-Schriften wie »Lohn, Preis und Profit« von Marx oder »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« von Friedrich Engels zu heucheln hatten? Wäre Marx, heute gleichsam neuentdeckt und unvoreingenommen studiert, ein Faszinosum?

Das wird sich zeigen – denn eine Neuentdeckung seines Werks ist heute wirklich möglich. Da sein Name zu Unrecht für den realen Sozialismus Pate gestanden hat, da er diskreditiert worden ist durch ein System, das mit seinem Denken, Hoffen und Handeln gar nichts zu schaffen hatte, sind wir Nachgeborenen ihm eine Ehrenrettung schuldig. Andererseits sind wir, die Zeugen seiner Entthronung, die er genauso wenig »verdient« hat wie seine Inthronisierung, erst heute frei, ihn unbelastet zu studieren. Gerade jetzt, wo niemand mehr etwas von ihm wissen will und wo er nichts mehr beweisen soll, können wir umso unbefangener danach fragen, was er eigentlich sagen wollte.

Nicht dass wir die ersten wären, die eine »Ehrenrettung« versuchen. Die Anzahl derjenigen, die Marx im Sinne akribischer Werktreue und mit der Anstrengung historischen Verstehens gegen seine Ausbeutung durch kommunistische Machtpolitiker zu schützen versucht haben, ist ansehnlich, wenn auch geringer als die der dogmatischen Parteifürsten und autoritären Ideologen, die aus ihm eine realsozialistische Galionsfigur gemacht haben. Die Studenten in Ostberlin, Budapest und Moskau lernten Marx in den Populärversionen ihrer Parteischreiber kennen, ihr ideologischer Ziehvater war Lenin – ein Mann, der Marx, soweit er ihn gekannt, gnadenlos verbogen hat. In der DDR wurden die Marx’schen Jugendschriften, darunter die erst 1932 entdeckten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, zur Lektüre ausdrücklich nicht empfohlen. Begeisterte Marx-Leser galten überhaupt als verdächtig und mussten, wenn sie ihre Vorliebe bekannt werden ließen, mit Bespitzelung rechnen. Der Witz ist, dass Marx tatsächlich all das war und geblieben ist, was wir in unserem »Was-wäre-wenn«-Spiel unterstellt haben: ein einsamer Sektierer, zu Lebzeiten unbeliebt und ungelesen und nach seinem Tod eines Ansehens teilhaftig, das sowohl auf Seiten der westlichen Arbeiterbewegung wie auch bei den russischen Revolutionären viel mit taktischer Opportunität und wenig mit der Substanz seines Werkes zu tun hatte. Er blieb auch später weitgehend ungelesen. Bürgerliche Wissenschaftler wie Joseph Schumpeter, Werner Sombart und Ferdinand Tönnies ließen sich von seinem Werk beeindrucken und anerkannten sein Format. Aber die Köpfe der Arbeiterbewegung, die seine Gedanken hätten aufnehmen und fortführen sollen, denen fehlten Vorbildung, Interesse und Zeit für eine ausführliche Befassung mit Marx. Die Berufung auf ihn war ihnen wichtiger – sie setzte eine wirkliche Kenntnis nicht voraus. Das Renommee, das Marx posthum unter den unabhängigen Köpfen seiner wissenschaftlichen Kollegen gewann, litt durch die politischen Unruhen, durch die Klassenkämpfe, in denen sein Name für die proletarische Partei stand, durch Krieg, Bürgerkrieg und Stalinismus. Die Firma Marx war für das bürgerliche Westeuropa schon lange keine Empfehlung mehr, als schließlich die Nazis sie verboten und verbrannten. Die wenigen Marxisten, die Marx wirklich kannten und seine Ideen unter den propagandistischen Entstellungen wieder hätten hervorholen können, wurden ins Exil oder zum Schweigen gezwungen, und diejenigen, die mit seinem Namen Politik machten, hatten von ihm keine Ahnung. So kam es, dass Marx, heute einer der meistgenannten Autoren des 19. Jahrhunderts, ein Unbekannter geblieben und unser fiktiver Professor Y gar nicht so weit hergeholt ist. Die Studentenbewegung der 60er Jahre hat Marx wieder rezipiert und eine neue Debatte um sein Werk entfacht. Aber auch hier geriet seine Botschaft unter die Räder fraktioneller Zwistigkeiten. Doktrinäre Exegese erstickte den Versuch, das 20. Jahrhundert im Licht der Theorie von Marx zu betrachten, und die breitere Öffentlichkeit identifizierte ihn störrisch mit der Gegenpartei im Kalten Krieg. So blieb eine zeitgenössische Neuinterpretation im Ansatz stecken.

Strukturanalyse von unverbrauchter Überzeugungskraft

Jetzt, wo der Einfluss des dogmatischen Marxismus schwindet, ja wo die staatlich bestellten und bezahlten Exegeten sich der Gehirnwäsche, die sie mit unschuldigen Schülern und Studenten trieben, redlich schämen, ist die Stunde gekommen, Marx’ Werk ohne politische Berechnung, dafür mit historischem und sachlichem Interesse neu zu sichten. Ein Schatz ist zu heben – an philosophiegeschichtlichen Kommentaren, heuristisch fruchtbaren Methoden, zeitgeschichtlichen Untersuchungen, sozialkritischen Skizzen, politisch-spekulativen Entwürfen und wirtschaftstheoretischen Konstruktionen. Es ist ein enormer analytischer Scharfsinn zu bewundern, empirische Detailbesessenheit, historisches Wissen, theoretisches Genie, kritische Schlagfertigkeit und stilistische Meisterschaft. Wird Marx erst von der absurden Unterstellung erlöst, er sei ein Prophet gewesen – der alles habe kommen sehen, sagen die einen; der sich furchtbar geirrt habe, sagen die anderen –, kann man ihn auch wieder ernst nehmen. Fällt das Vorurteil, er sei »zu schwierig«, kann man ihn sogar wieder lesen! Selbst sein »Kapital«, von Schülern wie Gegnern als apokryphes und schlechthin unlesbares Meisterwerk verschrien, ist just wegen seiner tüftelnd-schrittweisen Entwicklung des Arguments nach Art eines gelungenen Mathe-Lehrbuchs idiotensicher. Jeder versteht es, der sich die Zeit nimmt, es Wort für Wort zu lesen. Es wäre umgekehrt ein Kunststück, Marx, diesen Genauigkeitsfetischisten, der alles – in wechselnden Formulierungen, versteht sich – dreimal sagt und dann noch mit einer epischen Miniatur illustriert, nicht zu verstehen. Wer immer sich dazu entschließt, ihm Lesemuße zu opfern, wird nicht enttäuscht werden. Marx hat zu erklären, zu berichten und zu fluchen, und er lehrt immer noch, wie man studiert, denkt und schreibt.

Aber lohnt er sich abgesehen davon? Bringt »unbefangene« Marx-Lektüre heute mehr als einen gewissen Aufschluss über Denkstile und politische Prätentionen der allmählich sich herausbildenden Linken in Europa? Was bleibt von Marx, wenn man ihn aus der Propheten-Pflicht nimmt und ihm dieselbe Gerechtigkeit widerfahren lässt, die jedem Autor einer versunkenen Epoche gebührt, ihn also immanent betrachtet, d. h. ihn in aller Vorsicht und im Wissen um die eingebauten Schranken eines solchen Unternehmens, historisiert? Heute Marx zur Lektüre zu empfehlen – das muss mehr versprechen als eine Rehabilitation des missbrauchten Denkers oder neues Licht auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es muss weiterhelfen und anstoßen auch bei dem Unterfangen, die heutigen Zustände der kapitalistischen Zentren in ihrer politischen Lebenskraft und in ihrer apokalyptischen Furcht, in ihrer ökonomischen Blüte und ihrer ökologischen Fäulnis, in ihrem stolzen Reichtum und in ihrer verschämten Armut, in ihren sozialen Ausdifferenzierungs- und Nivellierungstendenzen besser zu verstehen. Hierfür ist Marx, behaupten wir, immer noch fruchtbar. Der amerikanische Prof. Y schreibt in seinem Vorwort: »Obwohl die Leitbegriffe seines (Marxens) CEuvres: »Geschichtsprozess«, »Revolution«, »Aufhebung der Selbstentfremdung« und »historisches Gesetz« aus der philosophischen Debatte seiner Zeit zu begreifen und zu interpretieren sind und in unsere Epoche weder als geschichtliche Diagnose noch als Handlungsanweisung mehr hineinpassen, liefert Karl Marx gleichwohl in dem eigentlichen Corpus seines Werkes, der Untersuchung des Kapitals, oder, wie er es nennt, der »Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft«, eine Strukturanalyse von unverbrauchter argumentativer Überzeugungskraft, logischer Stringenz und überraschender Bilderfülle. Seine Darlegung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses als eines funktionellen Antagonismus ist immer noch geeignet, vor einem naiven Frieden mit den kapitalistischen Verhältnissen zu warnen und das Bewusstsein für die Unabdingbarkeit politischer Wachsamkeit zu schärfen.«

Das ist nach Professorenart ein bisschen geschwollen ausgedrückt, aber was den sachlichen Kern betrifft, so können wir zustimmen. Es wäre erfreulich, wenn Marx ganz und gar »unrecht« hätte, wie nicht nur seine Gegner, sondern auch viele Kenner und manche Bewunderer gern resümieren. Wir hätten es dann wohl leichter mit einer Reform des Kapitalismus und einer Milderung der fatalen Konsequenzen dieser Produktionsweise: der stets erneuerten Hervorbringung scharfer sozialer Ungleichheit, der mangelhaften Möglichkeit, sozial unverträgliches einzelwirtschaftliches Handeln zu unterbinden und dem andauernden gefährlichen Gefälle zwischen Zentren und Dritter Welt. Dass Marx diese Probleme herausgearbeitet hat – wenn auch seine Lösung »philosophisch« geblieben, d. h. metaphysisch und letztlich falsch gewesen ist –, das sichert ihm bis heute Aktualität und ist wahrscheinlich der letzte Grund dafür, dass es um ihn, obwohl er weder massenhaft bekannt noch angemessen rezipiert wurde, doch nie still geworden ist.

Demokratie als legale Revolution

Bevor wir Prof. Y bitten, uns genauer darzulegen, warum er findet, dass seine Entdeckung auch der heutigen Zeit etwas mitzugeben habe, wollen wir Marx als »Kind seiner Zeit«, als Produkt und Reflex von Zuständen, gegen die er angekämpft hat, vorstellen. Wie war das mit der Revolution, der Kommunistischen Partei und der »Expropriation der Expropriateure«? War nicht Marx mit Terroristen im Bunde? Kann man den Verschwörer und Dunkelmann, der er auch gewesen ist, vom Wissenschaftler und Aufklärer trennen?

Man muss es nicht. Zu Marxens Zeit war jeder Mensch mit einem Herz im Leibe ein Verschwörer. Man vergegenwärtige sich die Zeit von Marxens Jugend, das Jahrzehnt vor 1848, man erinnere sich an die europäische Geschichte seiner Hauptwirkungszeit, der Jahrzehnte von 1848 bis 80. Die große französische Revolution lag, als Marx das »Kommunistische Manifest« schrieb, nur wenig weiter zurück als heute der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Der Umsturz hatte als Beschleuniger der trägen Geschichte sowohl den ersten und den zweiten Stand in Schrecken als auch die ungeduldige Intelligenz in Aufruhr versetzt: die Geschichte machte Sprünge – also musste sie sich auf die Sprünge helfen lassen. Es war nur herauszufinden, in welche Richtung sie sich zu bewegen anschickte – und schon konnte man schieben. Man brauchte nicht zu warten, bis die Reaktion ihr letztes Unterdrückungsinstrument zurechtgeschliffen hatte.

»Die Revolution« lag während des ganzen 19. Jahrhunderts in der Luft Europas – und sie brach sogar einige Male aus. Allerdings dort nur schwach und kurz, wo man am meisten auf sie gerechnet hatte: in Deutschland. Die Enttäuschung der progressiven Intelligenz war maßlos. Zum Eingriff in den Lauf der Geschichte hatten sich die nach rückwärts orientierten Kräfte des alten Europa fähiger erwiesen als die bürgerlich-demokratischen Neuerer. Der Jahrhundertkonflikt zwischen Volkssouveränität und Monarchie entschied sich 1848 zugunsten der letzteren.

Marx war politischer Exilant, persona non grata in Preußen, ausgewiesen auch aus Paris und Brüssel, ein Paria in der Londoner Society, bettelarm, ohne Aussicht auf Karriere, Einkommen, Reputation. Er war ein lebendes Beispiel für die Roheit der vordemokratischen Regime in Europa, die ohne zu fackeln eine Existenz vernichteten, wenn die es an Botmäßigkeit fehlen ließ. Immerhin hatte Marx weder ein Attentat auf den preußischen König verübt noch eine Untergrundarmee zusammengestellt. Er hatte lediglich in einigen radikalen Blättern und im Rahmen eines Einflusslosen Zirkels Propaganda für ein Reformprogramm gemacht, dessen Konsequenzen uns heute als blanke Selbstverständlichkeit erscheinen: deutsche Einheit, Republik, allgemeines Wahlrecht, kostenfreie Elementarerziehung und die Eisenbahnen in Staatshand. Man darf, wenn man den Revolutionär Marx als potentiellen Rechtsbrecher oder Volksverhetzer ins Visier nimmt, nie vergessen, dass er und seine gleichgesinnten Zeitgenossen eine parlamentarische Demokratie von uns heute vertrautem Zuschnitt nicht gekannt haben. Es gab kein allgemeines Wahlrecht, kein auf diesem Wege konstituiertes Parlament als oberstes Verfassungsorgan und keine Durchpolitisierung des Lebens im Sinne eines formellen gleichen Rechts für alle, per Citoyen im praktischen Sinn als individuelles Rechtssubjekt war noch nicht ausgebildet. Während das Bürgertum auf politischen Einfluss drängte und die Vorläufer der linken Parteien das Recht auch der Mittellosen auf politische Repräsentanz in der Idee vorwegnahmen, bewahrte doch die Monarchie sehr weitgehend die Privilegien des Adels und der Besitzenden und schaltete frei mit ihren Machtmitteln: der Armee, der Polizei, der Steuerhoheit und dem Zugriff auf die Köpfe mittels Zensur und kirchlich gestützter Frömmelei. In Preußen herrschte das Dreiklassenwahlrecht bis 1918, im Deutschen Reich war der Reichskanzler dem Parlament nicht verantwortlich, und selbst in England blieb die Prärogative der Krone erhalten. Als politisch involvierter und gerecht denkender Mensch hätte man zu Marxens Zeiten das Temperament einer griechischen Landschildkröte gebraucht, um den Gedanken an eine Revolution nicht zu fassen. Wobei insbesondere an die legale Variante zu erinnern ist, die dem Begriff der Revolution damals innewohnte: dass das allgemeine Wahlrecht die große Masse der Kleinbauern, Kleinbürger und,Lohnarbeiter zur politischen Herrschaft bringen und die Republik nebst Enteignung des Großgrundbesitzes und des großen Produktivvermögens per Gesetzgebung einführen werde: das war die Hoffnung der jungen Demokraten und der sogenannten Kommunisten, und es war die allenthalben zur reaktionären Prävention antreibende Befürchtung der alten Mächte. Auch Karl Marx hat es für möglich und wünschenswert gehalten, dass die europäische Revolution in dieser Weise zivil und legal vor sich gehe, und politisch fortgeschrittene Länder wie die Schweiz, Holland und Amerika als dazu in der Lage angesehen.

Marxens politische Vorstellungen, die, wenn nicht ohnehin der reinen Tagesaktualität verpflichtet, kursorisch und interpretationsfähig, häufig mehrdeutig und schwärmerisch geblieben sind, bedürfen der historisierenden Einordnung besonders nötig, da eine Herauslösung aus dem Kontext sie leer und vage und auch aufgrund ihres Pathos für beliebige Deutungen geeignet macht. Seine vielzitierten Sätze über die Pariser Kommune, »die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollzieht«, konnten nur deshalb als Legitimation für eine Einparteiendiktatur Missbraucht werden, weil die Redlichkeit der historischen Zuordnung von Lenin und Nachfolgern suspendiert worden war. Die verfängliche Formulierung von der »Diktatur des Proletariats« sollte eine Spielart demokratischer Mehrheitsregierung bezeichnen, die sich über das Interesse der Minderheit hinwegsetzt – ganz so wie es nach Marx’ Meinung zu seiner Zeit etliche »Diktaturen der Bourgeoisie« mit dem Interesse der Mehrheit gemacht hatten. Seine »Diktatur« ist gerade keine nicht-legitimierte Regierung, sondern das Produkt einer innerhalb der demokratischen Verfassung möglichen legalen Umwälzung.

Als politischer Denker findet sich Marx trotz allem zeitweiligen Liebäugeln mit dem Regelverstoß, der Sektiererei und der revolutionären Gewalt immer auf der Seite der radikalen Demokratie. Außerhalb von Massenbewegungen, die wirklich die Sympathie und Unterstützung breiter Mehrheiten auf ihrer Seite wissen, gibt es in seinem Denken weder Revolution noch Volkssouveränität – und beides konnte zu seiner Zeit füreinander einstehen.

Unter »Partei« verstand Marx die proletarische Klassenbewegung in ihrer Perspektive – nachdem sie zur Mehrheit angewachsen sein würde. Die Bemühungen der KPdSU und der SED, die »Partei Marx«, welche nichts anderes war als eine Strömung innerhalb des Spektrums wenig Einflussreicher radikaler Gruppierungen im nachmaligen linken Lager Europas, zu ihrem unmittelbaren Vorläufer zu stilisieren, waren so dreist wie dumm. Marx hasste die Stammtischpolitik kleiner proletarischer Napoleons und hätte einen Putsch auch zum Zwecke der Durchsetzung seines eigenen Programms nie akzeptiert. Denn die historischen Kräfte, auf die er baute und für die er arbeitete, sollten als wirkliche Menschen vorhanden und als Mehrheit mit legitimer Macht versehen sein. Schließlich bezweckte sein Programm nichts weniger als die »Verwirklichung der Philosophie«.

Der Riss im Fundament

Während der Studentenbewegung der 60er Jahre wurde wiederholt Klage darüber geführt, dass Marx es versäumt habe, eine »Staatstheorie« auszuarbeiten; was man schließlich dafür nahm, eine Kompilation von zu ganz verschiedenen Anlässen getanen Äußerungen und Untersuchungen, litt unter jener Deutungselastizität, die bei den meisten politischen Schriften von Marx die Rücksicht auf den Kontext unabdingbar macht. Wer eine Staatstheorie bei Marx vermisst, hat nicht verstanden, worauf es ihm ankam. Zwar taucht das Thema »Staat« in seinen Arbeitsplänen auf, aber dass es zu einer Ausarbeitung nicht kam, ist kein Zufall. Marx hat als »Staatstheoretiker« das avancierte liberale und sogar einiges anarchistische Erbe in sich aufgenommen; ihm ging es darum, dass der »wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt«, dass die Gesellschaft ihre Verdoppelung in Gesellschaft und Staat überwindet und das einzelne Individuum unmittelbar zugleich »Gemeinwesen« wird. Für einen Staat, für jede Art von Herrschaftsausübung gäbe es in einer solchen »Assoziation freier Individuen« weder Bedarf noch Platz.

Dieser der Form nach Hegel’sche und dem Inhalt nach Rousseau’sche Gedanke ist Marx’ Ausgangspunkt, auf ihn kommt er immer wieder zurück. So wie er Feuerbachs Religionskritik für sich fortsetzt, indem er danach fragt, warum der Mensch sich ein »selbständiges Reich in den Wolken fixiert« und zur Antwort gibt: weil das irdische Reich in sich zerrissen, weil der Mensch mit sich uneins ist, so stellt er sich gegen Hegel, indem er den Weltgeist als Motor der historischen Entwicklung zugunsten der arbeitenden Menschen entthront. Auch die List der Vernunft kann den Zwiespalt zwischen dem egoistischen Privatier und dem Citoyen in seiner »politischen Löwenhaut« nicht aufheben – aber das Proletariat ist dazu in der Lage. Es verkörpert die allgemeinen Interessen, indem es keine besonderen mehr geltend macht, und ist auf diese Weise befähigt, »die Philosophie aufzuheben«, indem es sie verwirklicht, das heißt: die Versprechungen einlöst, welche die Philosophie nur vindiziert.

Was immer man von diesem Chiliasmus halten mag – er ist, zu Recht, als weltliche Erlösungsidee eingestuft worden –, eins zeigt er sehr gut: dass Marx kein Staatstheoretiker sein konnte, dass für ihn das politische ebenso wie das religiöse Leben keine eigenen Wurzeln hatte und sich in Dunst auflösen müsste, nachdem die Gesellschaft reif dafür geworden wäre, die Bedürfnisse, welche die Kirchen gestillt, und die Funktionen, welche der Staat erfüllt hätte, selbst, unmittelbar und ohne Verblödung der Schäfchen und ohne Unterdrückung der Untertanen, zu befriedigen und wahrzunehmen. Die anarchistische Idee von einem staatsfreien Zusammenleben lag Marx nahe, und die liberale Polemik gegen den »Schmarotzerauswuchs« Staat, der sich am Leib der Nation vergeht, hat er oft und gern wiederholt. Ebensowenig wie man sich Marx als in der Religionskritik aufgehend vorstellen mag, da er dieses Kapitel im Buch der menschlichen Verirrungen für abgeschlossen hielt, sollte man aus ihm einen Staatsdenker machen wollen: die »Maschine der Klassenherrschaft« – in der Hand welcher Klasse auch immer – sah er am liebsten »im Museum der Altertümer, neben dem Spinnrad und der bronzenen Axt« (Friedrich Engels).

Was Marx interessierte, war das Fundament all der spirituellen Gewalten, an denen sich die Philosophen seiner Zeit abgearbeitet hatten: des absoluten Geistes, der Religion, des Staates. Er entdeckte dieses Fundament in der »bürgerlichen Gesellschaft« und fand in dieser den Grund für das Eigenleben von Geist, Religion und Staat. Die Gesellschaft selbst war zerrissen und brauchte deshalb transzendente Instanzen, die den Riß zu heilen, über ihn hinwegzutrösten oder ihn zu verwalten hatten. Erlöst werden könne das in sich gespaltene Fundament, der sich selbst durch das Produkt seiner eigenen Arbeit »entfremdete« Mensch, nur durch eine Revolutionierung der Gesellschaft: durch eine endliche Einlösung des Gleichheitsversprechens mittels Aufhebung des Klassenwiderstreits.

Eine Religionskritik also, die das irdische Elend bestehen ließe und nur von den Elenden verlangte, dass sie sich ihre Jenseitsgrillen aus dem Kopfe schlügen, hielt Marx für genauso fruchtlos wie eine Propaganda gegen die Staatlichkeit ohne Revolutionierung des gesellschaftlichen Fundaments, auf dem der Staat ruhe und von dem er zehre, d. h.

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