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Karaoke für Herta

Impressum

ISBN 978-3-8412-0734-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Büro Süd, München unter Verwendung einer Illustration von Gerhard Glück

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

1.

Mutter starb einfach nicht. Die alte Dame steuerte bereits stramm auf die neunzig zu, doch es sah ganz so aus, als würde sie noch weitere zehn Jahre problemlos durchhalten.

Norbert hatte sich gerade zu seinem üblichen Mittagsschlaf aufs Sofa gelegt, als das Telefon klingelte. Seit er Rentner war, klingelte sein Telefon nur noch selten, und eigentlich hatte es auch vorher so selten geklingelt, dass er eine Zeitlang mit dem Gedanken spielte, das Telefon ganz abzuschaffen. Denn wenn er kein Telefon besaß, würde es auch nicht mehr auffallen, dass kaum ein Mensch das Bedürfnis verspürte, ihn anzurufen.

Im Grunde konnte es ihm ja egal sein. Er redete ohnehin nur ungern und fühlte sich selbst bei den wenigen Anrufen in seinem Tagesablauf gestört. Trotzdem hatte er sich zu dieser drastischen Maßnahme nie überwinden können. Insgeheim hoffte er nämlich, dass irgendwann der entscheidende Anruf kam. Zwar wusste er nicht, was der Anrufer ihm genau sagen sollte, aber für Norbert gab es keinen Zweifel, dass so ein Anruf jederzeit möglich war.

Meist war es jedoch nur Mutter, die ihn zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt anrief. Und ungünstig war es eigentlich immer.

»Kannst du mir erklären, warum du so lange zum Telefon brauchst? Du residierst doch nicht in einem Palast!«

Mutter klang wie üblich aufgebracht, als wäre es ungehörig, sie so lange warten zu lassen.

Norbert antwortete wie üblich mit einem kurzen Brummen. Er wusste schon, was jetzt kam, und er hatte keine Lust darauf.

»Du musst sofort kommen, ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.«

»Geht das nicht vielleicht auch am Telefon?«, fragte Norbert zaghaft. Seit Jahren bemühte er sich vergeblich um eine telefonische Lösung von Mutters Problemen, allerdings ohne den geringsten Erfolg.

Wie immer, wenn Herta ihn anrief und in ihre Wohnung zitierte, so hatte er auch dieses Mal alles stehen und liegen gelassen und war sofort hingeeilt. Wie immer auch mit dem Hintergedanken, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte. In letzter Zeit ertappte sich Norbert immer öfter bei dem Gedanken, dass es irgendwann ja auch mal vorbei sein müsse. Irgendwann musste Schluss damit sein, dass Mutter ihn immer noch ermahnte, einen Schirm mitzunehmen, wenn es draußen in Strömen regnete, als wäre er ein fünfjähriges Kind. Ein langsamer Abschied seinetwegen, aber eben ein endgültiger Abschied. Zwar schämte er sich, wenn er so etwas dachte, denn eigentlich liebte er seine Mutter, doch weil sie ihn nicht in Ruhe lassen wollte, wuchs von Woche zu Woche seine Hoffnung, dass das Telefon eines Tages für immer verstummte.

Solange sie lebte, war es für Norbert unmöglich, sich frei zu entfalten. Er konnte nicht in seinen abgenutzten, schon etwas muffig riechenden Kleidern herumlaufen, ohne dass Mutter ihn auf seine abgenutzten, etwas muffig riechenden Kleider hinwies. Er konnte sich nicht seiner Fernsehturm-Sammlung widmen, ohne dass Mutter ihm zu verstehen gab, dass derlei Hobbys eigentlich nur für Demenzkranke erfüllende Beschäftigungen seien. Er konnte nicht mal ungestraft eine Woche lang Königsberger Klopse aus Dosen essen, ohne dass sie ihm sein Lieblingsessen vermieste, indem sie erklärte, dass der Nährwert von Dosenklopsen mit dem von Schuhsohlen vergleichbar sei.

Denn um sich zu entfalten, brauchte er vor allem eins: Ruhe. Und zwar absolute Ruhe. Sein Leben musste so abwechslungslos sein, dass es jedem anderen wie der totale Stillstand vorkäme. Erst dann blühte er auf. Erst dann hatte er das Gefühl, vollkommen frei zu sein.

Doch ob es zu seinen Lebzeiten überhaupt noch dazu kommen würde, war inzwischen leider mehr als fraglich.

Ihre Wohnungen lagen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt im gutbürgerlichen Teil Charlottenburgs. »Das Zentrum der Spießer und Rentner«, wie Mutter bei jeder Gelegenheit gerne behauptete. Dabei waren sie selbst beide Rentner. Norbert hatte vor kurzem im Kreise von ehemaligen Kollegen, Nachbarn und in Mutters Gegenwart seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert, laut Herta »eine der langweiligsten Veranstaltungen, die ich je erlebt habe«. Herta war neunundachtzig, fühlte sich aber wie eine junge Frau, die keine große Lust hatte, ihre Zeit mit alten Leuten zu verplempern. Und das Schlimme war, sie schien von Monat zu Monat jünger zu werden.

Die Geburtstagsfeier fand im hinteren Raum eines griechischen Lokals statt, den Norbert aus diesem Anlass gemietet hatte. Es gab ein Büfett mit griechischen Spezialitäten, kurze Ansprachen früherer Mitarbeiter aus der Eisen- und Haushaltswarenhandlung C. Wagner, in der Norbert fast vierzig Jahre gearbeitet hatte, eine Laudatio seiner »Kultur«-Freundin Gerlinde Hagedorn und am Ende ein Fragespiel à la »Wer wird Millionär?«. Der Höchstgewinn betrug 200 Euro, der bei einer internen Sammelaktion seiner Kollegen zusammengekommen war. Norbert hatte allerdings schon bei der 20-Euro-Frage gepatzt. Sie lautete: »Welche italienische Spezialität ist dem Namen nach die südlichste? A: Spaghetti Bolognese, B: Pizza Napoli, C: Parmaschinken, D: Chianti-Wein.«

Da er von Geografie wenig Ahnung hatte, eigentlich hatte er überhaupt keine Ahnung, vor Mutter aber nicht den Eindruck erwecken wollte, dass ihn schon leichteste Fragen überforderten, hatte er, ohne groß nachzudenken, auf D getippt. Obwohl das Spiel damit eigentlich beendet gewesen wäre, hatte man Norbert großzügig eine Ausnahme gewährt. Weil er die meisten anderen Fragen jedoch ebenfalls falsch beantwortete, wurden die Ausnahmen zu einer Dauerregelung, an der sich zunächst allerdings niemand groß zu stören schien.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Mutter den ganzen Abend kaum etwas gesagt. Herta thronte am Kopfende der Tafel, als wäre sie der eigentliche Mittelpunkt der Gesellschaft, und verfolgte stumm das Geschehen durch ihre riesigen, eulenhaften Brillengläser. Sie trug hautenge Jeans, einen Samtblazer mit dunklem Paisley-Muster und schweren Indianerschmuck am Hals und an den zierlichen Handgelenken, den sie von einer Amerikareise mitgebracht hatte. Auf diese Weise machte Mutter deutlich, was sie von der Veranstaltung hielt: überhaupt nichts. Ihrer Meinung nach feierten nur Leute Geburtstag, für die es in ihrem Leben sonst nicht viel zu feiern gab. Und dazu gehörte zweifellos auch ihr einziger Sohn Norbert. Norbert wusste, dass er in Mutters Augen versagt hatte. Er hatte versagt, weil er jahrzehntelang ein kleiner Angestellter geblieben war. Er hatte versagt, weil er nicht den Mut gefunden hatte, seine Träume zu verwirklichen. Kurz: er hatte versagt, weil er nicht so geworden war wie Herta Grützke.

Dabei war an allem nur Mutter schuld. Ein Leben lang hatte sie Norbert durch ihre pure Anwesenheit erdrückt. Seit Vaters Tod vor zwölf Jahren war es sogar noch schlimmer geworden. Wenn sie nicht gerade auf Reisen war oder ihre zahllosen Hobbys verfolgte, die von Woche zu Woche wechselten, konzentrierte sie sich auf die Erziehung ihres Sohnes. Leider war die Kontrolle aus Hertas Sicht nicht so umfassend, wie sie es sich wünschte.

»Wenn du damals nicht so früh ausgezogen wärst«, erklärte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit, »hätte ich dich schon noch hingekriegt.« Da war Norbert aber schon zweiunddreißig, er aß selbstständig und war in der Lage, seine Unterhosen alleine zu kaufen. Dass es Norbert bis heute nicht gelungen war, sich von Mutter zu lösen, war die eigentliche Niederlage seines Lebens.

Irgendwie war Mutter immer mit von der Partie. So auch bei seinem siebzigsten Geburtstag.

Ursprünglich hatte er seinen Ehrentag nur mit Gerlinde feiern wollen. Ein Besuch im Museum und hinterher den Tag bei Wein, Essen und guten Gesprächen ausklingen lassen. Die Sache ins Rollen gebracht hatte Klaus Hennmaier, unter den Kollegen nur »Henne« genannt. Als er anrief, um sich nach Norberts Geburtstagswünschen zu erkundigen, fühlte sich Norbert genötigt, ihn zum Abendessen einzuladen. Und weil es etwas seltsam gewesen wäre, die anderen Kollegen nicht dazu zu bitten, rief er auch Lutz und Werner an.

Beinahe jeden Tag kamen neue Gäste hinzu. Selbst Nachbarn aus seinem Haus, die Norbert nur vom Grüßen her kannte, lud er spontan zu seiner Geburtstagsfeier ein. Jahrelang war es ihm erfolgreich gelungen, die anderen Hausbewohner auf Distanz zu halten. Mehr als ein freundliches »Guten Tag« war von ihm nicht zu hören gewesen. Wenn man erst damit anfing, sich über das Wetter auszutauschen, kam man schnell auch fürs Pflanzengießen im Sommerurlaub oder das Hüten diverser Haustiere in Frage. Als er noch berufstätig war, hatte er keine Probleme, seinen Nachbarn aus dem Weg zu gehen. Er verließ morgens das Haus und kehrte abends wieder zurück. Seit er vor einem knappen Jahr, viel zu spät, in Rente gegangen war, drohten nun allerdings auch Kontakte am helllichten Tag. Sobald herauskam, dass er nichts mehr zu tun hatte, wurde es brenzlig.

Aus diesem Grund blieb er bis mittags zu Hause und beschäftigte sich mit seinem Hobby, den Fernsehtürmen der Welt. Norbert besaß eine Sammlung von Modellen, die er sich aus der ganzen Welt zuschicken ließ. Er kannte sämtliche Details fast aller namhaften Fernsehtürme auswendig. Technische Daten, Erbauungszeit und gastronomische Einrichtungen. Vor kurzem war in Tokio ein weiterer Turm hinzugekommen, der sogenannte Sky Tree, mit 634 Metern der höchste der Welt. Ärgerlicherweise hatte er bis heute noch kein Modell entdeckt. Er musste sich mit Fotos aus dem Internet begnügen, die er ausdruckte und an die Wand hängte.

Erst gegen Mittag verließ er das Haus und kaufte rasch das Nötigste ein. Leider entdeckte ihn eines Tages Frau Grundmann, als er mit schweren Tüten bepackt in den Fahrstuhl stieg. Frau Grundmann wohnte im Hochparterre und war seit ihrer spät entdeckten Diabetes in Frührente. Sie sah ihm gleich an, dass er nicht zufällig um diese Uhrzeit zu Hause war. Offenbar erkannten sich Rentner untereinander wie Stammesbrüder einer weltweit verbreiteten Sippe.

»Sie sind jetzt also auch dran, na, dann willkommen im Club!«, erklärte Frau Grundmann fröhlich und wollte gerade mit ausgestreckter Hand auf ihn zugehen, als Norbert geistesgegenwärtig den Fahrstuhlknopf drückte und nach oben entschwand.

Am Ende standen fünfzehn Leute auf der Gästeliste, darunter auch Frau Grundmann, die ihn seither regelmäßig mit Diabetikerkuchen versorgte, den er ebenso regelmäßig in den Mülleimer warf.

»Willst du deine Mutter eigentlich nicht einladen?«, fragte ausgerechnet Gerlinde Hagedorn zwei Tage vor seinem Geburtstag. Einmal im Monat trafen sie sich zu Konzerten, Theater- oder Museumsbesuchen. Sie war einige Jahre jünger als Norbert und interessierte sich ausschließlich für das reiche Kulturleben der Stadt. Nicht, dass er Gerlinde als Frau nicht schätzte, aber er war doch heilfroh, dass sie die Männer aus Marmor im Museum höher bewertete als Männer aus Fleisch und Blut. Was sie nicht wusste, war, dass Mutter sie auf den Tod nicht leiden konnte. Schon beim Wort »Kultur«-Freundin schlug sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.

»Kultur und Freundin schließen sich ja wohl aus«, meinte Mutter uneinsichtig. »Entweder du hast Kultur oder du hast Sex. Beides zusammen geht nicht, außer du hast schlechten Sex!«

Mutter war der Ansicht, dass ein Mann ohne Sex nicht existieren konnte. Eine Frau allerdings genauso wenig. Nur dass sie in dieser Hinsicht eher einem Kamel glich, das auch lange Durststrecken ertrug, während der Mann mehr Richtung Laubfrosch tendierte. Einige Stunden ohne Feuchtigkeit und der Frosch war am Ende.

Dass Norbert schon lange überhaupt keinen Sex mehr hatte, brauchte er ihr ja nicht unbedingt auf die Nase zu binden. Außerdem war es ihm peinlich, mit einer neunundachtzigjährigen Frau, die zudem noch seine Mutter war, über sein Geschlechtsleben zu diskutieren. Umgekehrt hatte Mutter jedoch keinerlei Hemmungen, ihm bei Tee und Gebäck über ihre letzten »Handarbeiten« mit ihrem alten Freund Schorschi zu berichten. »Das Gute in unserem Alter ist, dass man dabei sitzen bleiben kann.«

Mutter konnte manchmal sehr direkt werden, und es störte sie auch nicht, wenn ihr Leute dabei zuhörten. Im Gegenteil.

Jedenfalls hatte Gerlinde nicht die geringste Ahnung, was es bedeutete, Mutter dazu zu laden.

Insgeheim hoffte er noch bis zuletzt, dass Herta seinen Geburtstag vergaß, zumal sie an derlei Feierlichkeiten sowieso kein Interesse hatte. Ihre eigenen Geburtstage ignorierte sie hartnäckig, seit sie fünfzig war, und verbat sich energisch, von Norbert oder wem auch immer daran erinnert zu werden. Zu Weihnachten flog sie regelmäßig nach Marokko. Und über Ostern schloss sie sich in ihrer Wohnung ein und aß zwei Tage lang Kaninchenbraten, ihrer Ansicht nach die vernünftigste Art, diesen »lästigen Feiertag« zu bewältigen.

Leider klingelte an jenem Tag morgens um sieben das Telefon. Mutter scherte sich nicht um Uhrzeiten. Ihrer Meinung nach waren sie eine Erfindung von Kapitalisten, um die Lohnsklaven an die Werkbänke zu treiben. »Folgendes«, kam sie gleich zur Sache, »du hast siebzig Jahre dein Leben verplempert, es wird Zeit, dass das anders wird.« Da hätte Norbert eigentlich schon gewarnt sein müssen, aber er war viel zu müde, um zu begreifen, dass Mutter eine grundsätzliche Neuausrichtung seines Lebens plante. »Wenn du heute Abend zu mir kommst«, fuhr sie fort, »gehen wir mal ein paar Sachen durch. Den Sekt musst du aber selber mitbringen.«

Er lag im Bett und hielt schweigend den Hörer ans Ohr. Am liebsten hätte er wortlos aufgelegt, aber er traute sich nicht. Die Folgen wären unabsehbar gewesen. Mutter war eine Diktatorin, sie kannte alle psychologischen Tricks aus dem Effeff. Der schlimmste war, ihm ein Gefühl der Undankbarkeit zu vermitteln. Allein der Hinweis auf seine schwere Geburt oder dass sie als Neunzehnjährige mitten im Krieg alleine ein Kind großziehen musste, reichte völlig aus, um ihn windelweich zu kochen.

»Heute Abend ist es etwas ungünstig«, rang er sich endlich doch noch zu einer Reaktion durch.

»Du willst den Abend also lieber mit dieser Hagemann verbringen, anstatt deiner Mutter Gesellschaft zu leisten, verstehe ich dich richtig?«

Im Grunde ging es immer nur um sie. Ihr Leben, ihren Sohn, ihre Bedürfnisse.

»Hagedorn«, korrigierte er sie erschöpft.

»Fräulein Hagemann ist dir wohl wichtiger als deine Mutter!«

Es gelang ihr immer wieder, dass er sich schlecht fühlte.

»Es kommen noch ein paar Kollegen.«

»Aus diesem Topfladen?«

In all den Jahren hatte Mutter ihn nur ein einziges Mal auf der Arbeit besucht. Als sie sah, dass auch Kochtöpfe verkauft wurden, hatte sie sich ihr Urteil gebildet.

»Wenn du Lust hast, kannst du natürlich gerne dazu …«

»Ich habe keine Lust«, fiel sie ihm ins Wort, »aber ich komme.«

Es fing schon damit an, dass sich Mutter von »Fräulein Hagemann« dauernd etwas vom Büfett bringen ließ. Sie nahm zwei Bissen vom Teller und schob ihn dann mit den Worten: »Der Grieche kann denken, aber nicht kochen.«, angewidert zur Seite. Zwischendurch forderte sie mit einer theatralischen Geste einen Ouzo, den sie angeblich dringend brauchte, damit »das fettige Zeug« in ihrem Magen kein Unheil anrichtete. Mutter wusste, wie sie die Aufmerksamkeit der Leute erregte. Im Grunde war sie eine Schauspielerin, die ihr Leben lang eine Frau spielte, die sie aus tiefstem Herzen bewunderte.

Den halben Abend hatte Norbert angespannt am Tisch gesessen und nur darauf gewartet, dass etwas passierte. Denn es passierte immer etwas, wenn Mutter dabei war. Grundsätzlich! Ihre Rolle verlangte einfach den dramatischen Höhepunkt plus Abgang mit Showeffekt. Vielleicht hatte er die Fragen nur deshalb falsch beantwortet, weil er dauernd mit dem Schlimmsten rechnete.

Der Moment kam, als Norbert trotz mehrfach bewiesener Ahnungslosigkeit schließlich vor der 200-Euro-Frage stand. Mutter schlug mit dem großen Opal, den sie am Mittelfinger trug, gegen das Wasserglas und räusperte sich so laut, dass die Gespräche augenblicklich verstummten.

»Ich will hier mal Folgendes sagen: Ein Spiel hat Regeln, selbst beim Geburtstag meines Sohnes, und die werden hier auf eine Weise missachtet, dass ich es nicht mehr mit ansehen kann. Wenn man eine Frage nicht weiß, ist eben Schluss mit lustig. Aus und bums. Was Sie meinem Sohn hier durchgehen lassen, ist wirklich unerträglich. Ich meine, wie soll er denn lernen, dass alles seine Konsequenzen hat?«

Herta blickte durch ihre Riesenbrille in die Runde. Alle starrten entsetzt auf Mutter, die ihren Auftritt sichtlich genoss. Norbert hockte zusammengesunken auf dem Stuhl und knibbelte nervös an den Fingern. Warum verschwand sie bloß nicht für immer aus seinem Leben und ließ ihn endlich in Würde alt werden? Warum schaffte sie es immer aufs Neue, dass er sich wie ein pubertierender Jugendlicher fühlte? Er wollte aber gar nicht jung sein, es war, als wäre er viel zu lange dazu gezwungen worden. Wenn es schlecht lief, würde er noch vor Mutter sterben, ohne je das Gefühl genossen zu haben, erwachsen gewesen zu sein. Und wenn er ehrlich war, sah es momentan ganz danach aus, als würde es schlecht laufen.

»Wir brechen das Spiel hier ab und fangen noch mal von vorne an«, erklärte Mutter ungerührt zum Spielleiter gewandt. Klaus Hennmaier sah betreten zu seinem Nachbarn. »Natürlich stelle ich mich als Kandidatin zur Verfügung. Also fragen Sie schon, sonst sitzen wir hier noch bis Mitternacht. Und das ist wohl nicht im Sinne meines Sohnes.«

Norbert sah sich verlegen lächelnd um. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn in diesem Augenblick eine Gruppe gewaltbereiter Osteuropäer hereingestürmt wäre und Geiseln genommen hätte.

Niemand wagte, gegen Mutter zu opponieren. Selbst Werner Köster, der sonst nicht auf den Mund gefallen war, wirkte jetzt wie ein kleiner Junge, der eine empfindliche Strafe befürchtete, wenn er ihr widersprach. Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell erwachsene Männer vor Mutter zu zwergenhaften Figuren schrumpften.

Erwartungsgemäß konnte Mutter jede Frage sofort beantworten und sackte die 200 Euro schließlich, ohne zu zögern, ein.

»Und wenn Sie noch mal so ein Spiel veranstalten«, meinte Mutter mit einem süffisanten Lächeln, »würde ich mir an Ihrer Stelle schwierigere Fragen ausdenken. Oder halten Sie meinen Sohn für so blöd?«

Damit erhob sie sich und verließ knapp grüßend den Raum.

2.

Wenige Tage später saß Norbert also in Mutters Wohnung. Sie trug einen weißen Sari und darunter schwarze Leggings. Ihre Füße steckten in kunstvoll verzierten Ledersandalen, ihre Fußnägel waren schwarz lackiert. Mit ihrer Riesenbrille wirkte sie wie ein Fotomodell aus den sechziger Jahren. Schon deshalb fühlte sich Norbert immer ein wenig grau und langweilig. Eigentlich war es seltsam, dass ausgerechnet diese Frau seine Mutter sein sollte. Und hin und wieder, wenn sie ihn so merkwürdig ansah, schien Mutter dasselbe umgekehrt auch über ihren Sohn zu denken.

Norbert hatte nie viel Wert auf sein Äußeres gelegt. Im Geschäft hatte er jahrzehntelang einen grauen Kittel getragen. Und weil es ihm merkwürdig vorkam, sich für die drei Stunden noch etwas anderes anzuziehen, hatte er den Kittel zu Hause einfach weitergetragen, so dass er sich gefühlsmäßig eigentlich dauernd im Dienst befand. Seit er Rentner war, hatte er den Kittel nur noch an, wenn er sich mit seiner Fernsehturm-Sammlung beschäftigte, um seinem Hobby eine professionelle Note zu geben. Ansonsten trug er abwechselnd die beiden identischen schlammbraunen Jacketts auf, die er vor über zehn Jahren beim Schlussverkauf erworben hatte. Im Grunde hätten diese Jacketts bis zu seinem Lebensende vollkommen gereicht.

Trotz ihres Alters wirkte Mutter kein bisschen müde. Sie schmiedete Pläne, manche über ein Jahr im Voraus, hatte ständig neue Ideen, wie sie ihr Leben interessant gestalten konnte, und reiste zweimal im Jahr mehrere Wochen durch Europa. Meist zusammen mit ihrem Freund und Liebhaber Schorschi, der genauso alt war wie Norbert und Mutter gewissermaßen als lebende Krücke diente. Denn während ihr Kopf noch tadellos funktionierte, war sie nicht mehr so gut zu Fuß. Ein Bein lahmte, und obwohl sie sich lange dagegen gewehrt hatte, benutzte sie seit kurzem einen Stock, ein antiquarisches Modell mit vergoldetem Handgriff, das sie bei einer Auktion für sagenhafte dreihundert Euro ersteigert hatte. »Wenn schon Krücke, dann mit Stil«, erklärte Mutter. Und weil sie Nachteile schnell in Vorteile ummünzte, verwendete sie den Stock mitunter auch gegen ihre Mitmenschen. Trödelnde Rentner zum Beispiel, die ihr im Kaufhaus die Sicht versperrten. Ein gezielter Schlag gegen die Beine half, um diese »Schlafmützen« aus dem Weg zu räumen.

Mit all dem machte sich Mutter natürlich nicht nur Freunde. Seit dem Tod ihres Mannes hatte sie den Großteil der gemeinsamen Bekannten, die sich hauptsächlich aus seinen Geschäftskollegen rekrutierte, rigoros ausgemistet. Allesamt »Langweiler und Schnarchnasen«, die nichts anderes im Kopf hatten als ihren Beruf. Durch einen Kontakt seines Vaters war Norbert zu der Stelle bei C. Wagner gekommen, ein Grund mehr, den Job ihres Sohnes für vollkommen schwachsinnig zu halten.

Als Vater starb, war Mutter regelrecht aufgeblüht. Zwei Tage nach der Beerdigung entsorgte sie die alte Wohnungseinrichtung mit dem Sperrmüll und kaufte sich Stilmöbel aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Von ihren Reisen brachte sie immer wieder wertvolle Einzelstücke mit. Marokkanische Kommoden, handgefertigte Lederstühle und Teppiche aus amerikanischen Indianerreservaten. Nach und nach verwandelte sich ihre Fünf-Zimmer-Wohnung in eine Kunstausstellung, bei der nur eines zählte: ihr eigener Geschmack. Regelmäßig lud sie wildfremde Menschen zu sich nach Hause, die sie zufällig in Restaurants getroffen hatte. Menschen, die alle ein interessanter biografischer Hintergrund verband. Doch je älter sie wurde, desto seltener wurden diese Einladungen. Sie brauchte ständig neue Gesichter, damit ihr nicht langweilig wurde, und weil sie nicht mehr so häufig ausging, wie sie es wollte, gingen ihr langsam die Kontakte aus. Inzwischen bewohnte sie nur noch zwei Zimmer, das Wohn- und das Schlafzimmer.

Mutter wurde immer kleiner und zierlicher. Trotz einer wöchentlichen Putzhilfe hatte sie keine Kraft mehr, alle Räume zu bewirtschaften. Jedes Mal, wenn Norbert zu ihr kam, hoffte er insgeheim, dass sie ihm endlich den Entschluss mitteilte, ins Altersheim zu ziehen. Nach einem Sturz vor zwei Jahren, bei dem sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, hatte Norbert zum ersten Mal das Altersheim ins Spiel gebracht, worauf Mutter ihm untersagte, dieses Wort in ihrer Gegenwart noch einmal zu erwähnen.

Auch dieses Mal blickte er erwartungsvoll zu Mutter, die halb hingestreckt auf ihrer Ottomane saß, und betete zu Gott, dass sie endlich vernünftig wurde und einen Schlussstrich zog.

»Ehrlich gesagt mache ich mir ein bisschen Sorgen«, meinte sie ernst auf ihren Sohn herabblickend.

»Das kriegen wir schon wieder hin«, sagte Norbert erstmals ein wenig optimistisch, was den Ausgang ihres Gespräches betraf.

Herta nahm ihre Brille ab und schloss für einen Moment die Augen. Ohne die riesigen Brillengläser wirkte ihr Gesicht gleich um die Hälfte kleiner. Fast schien es, als könnte er ihren Kopf mit seinen Händen umgreifen. Norberts Hände waren nämlich sehr groß, wie eigentlich alles an ihm sehr groß war, und manchmal kam es ihm so vor, als wäre er für das, was er in seinem Leben geleistet hatte, viel zu verschwenderisch ausgestattet worden. Mit solchen Händen hätte er Häuser bauen oder ganze Schweine zerlegen oder auch einfach nur geliebte Menschen umarmen können. Stattdessen hatte er Ösen und Nägel verkauft und keine Häuser gebaut, Schweine zerlegt und geliebte Menschen umarmt. Und das beschäftigte ihn jetzt manchmal, wenn er zu Hause saß und seine viel zu großen Gliedmaßen betrachtete, die er nicht so genutzt hatte, wie es unter Umständen möglich gewesen wäre.

»Ich bin jetzt fast neunzig«, sagte sie, als sie ihre Brille wieder aufgesetzt hatte, und blickte sich nachdenklich im Raum um. »Mir bleibt nicht mehr viel Zeit.«

Norbert nickte. Er hatte plötzlich ein ausgesprochen gutes Gefühl.

»Als ich all diese alten Leute bei deinem Geburtstag gesehen habe, dachte ich so bei mir: Herta, deine Aufgabe ist noch nicht erledigt!«

Norbert setzte sich an die Stuhlkante und fing nervös an zu kippeln. »Aufgabe? Welche Aufgabe?«

»Du sollst nicht kippeln, Junge«, befahl Herta und zog kurz ihre Schultern hoch, »und setz dich gerade hin, sonst bekommst du einen Haltungsschaden.«

»Ich bin siebzig«, erklärte Norbert, »ich bekomme keinen Haltungsschaden mehr. Und wenn, ist das jetzt ja wohl auch egal.« Er hörte zwar auf zu kippeln, blieb aus Protest aber weiterhin auf der Stuhlkante sitzen.

»Du hältst dich wohl schon für zu alt, wie?« Mutter sah ihn streng an.

Norbert brummte nur.

»Mick Jagger ist auch siebzig. Sitzt der abends zu Hause und guckt Ratesendungen?« Mutter nahm ihren Stock und fuchtelte damit in der Luft herum.

»Weiß man’s?«, erwiderte er leicht eingeschnappt.

»Du warst schon immer ein alter Mann, auch als Kind. Was hab ich bloß falsch gemacht?« Sie schüttelte den Kopf. »Statt draußen mit deinen Kumpels zu spielen, hast du mit diesen Bussen gespielt!«

Tatsächlich war Norbert stolzer Besitzer eines umfangreichen Fuhrparks öffentlicher Verkehrsmittel gewesen. In seinem Zimmer hatte er das komplette Westberliner Liniennetz nachgestellt. Nur wer die einfache Fahrt bezahlt hatte, durfte sein Zimmer betreten. Dass niemand mit ihm spielen wollte, hatte er nie recht begreifen wollen.

»Ich hatte eben keine Lust auf Weitpinkeln«, versuchte er sich zu rechtfertigen.

Mutter hatte recht. Eigentlich hatte er sich nie jung gefühlt. Und dass er nun endlich in einem Alter war, in dem Weitpinkeln nicht mehr zwangsläufig dazugehörte, empfand er als Befreiung.

»Aber das hat doch jeder Junge gemacht«, erklärte Mutter, »ich verstehe nicht, warum du immer so bockig bist.« Sie musterte ihn streng. »Es wird jedenfalls Zeit, dass du dein Leben ordnest. Und ich werde dir dabei helfen. Es kann ja nicht ewig so weitergehen!«

Norbert umklammerte die Stuhllehne. Er begann am ganzen Körper zu zittern. Die Sache drohte gerade gewaltig aus dem Ruder zu laufen. Es war nicht ausgeschlossen, dass Mutter es wirklich ernst meinte. Anstatt mit Klaus, Lutz und Werner Skat zu spielen, würden sie unter Mutters Aufsicht um die Wette pinkeln.

»Aber wobei willst du mir denn helfen?«, fragte er und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. »Mir geht es hervorragend!« Seine Stimme klang brüchig, eigentlich wusste er selbst nicht mehr, ob es ihm wirklich so gutging.

Herta setzte sich aufrecht hin und stieß den Stock zwischen ihre Beine.

»Ich werde meine Wohnung aufgeben und bei dir einziehen. Anders geht es nicht.«

Der Stoß erschütterte seinen ganzen Körper. Norbert brauchte Minuten, bis er begriff, was sie eben gesagt hatte. Er sollte sein ohnehin schon stark eingeschränktes Rentnerleben vollkommen aufgeben und wieder unter die Fittiche seiner Mutter zurückkehren. Und nicht nur das, sie würde ihm helfen, sein Leben zu ordnen. Was immer sie damit meinte.

Aber Norbert wollte es auch gar nicht mehr wissen. Es reichte ihm. Lange genug hatte er Geduld mit seiner Mutter gehabt. Siebzig Jahre hatte er sie ertragen, es war an der Zeit, ihrem Treiben ein schnelles Ende zu bereiten.

Er würde einfach aufstehen und wortlos die Wohnung verlassen. Nein, vorher würde er ihr noch die Meinung sagen. Er würde in einem sachlichen Ton erklären, warum er ihren Plan keinesfalls tolerieren werde. Er würde ihr unmissverständlich mitteilen, dass er sein Leben von nun an ohne sie gestalten werde. Und zwar täglich, 365 Tage im Jahr, Feiertage inklusive!

Norbert saß wie versteinert da und starrte zu Mutter. Der Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Er schloss die Augen und atmete tief durch.

»Mutter!«

»Junge.«

Mit aller Kraft drückte er sich aus dem Stuhl.

»Ich werde nicht zulassen …« In diesem Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Er merkte noch, wie die Beine unter ihm wegsackten und sein Kopf hart auf den Handgriff von Mutters Stock schlug.

3.

Eigentlich hatte er sich das mal anders vorgestellt. Mit seinem Leben, seiner Arbeit und mit Mutter. Als er vor Jahren in Rente gehen wollte, hatte ihn Herr Wegert, sein Chef, gebeten, noch zwei Jahre dranzuhängen, weil man noch keinen geeigneten Nachfolger gefunden habe. Frau Lüke von der Buchhaltung hatte ihm sogar einen Präsentkorb mit italienischen Köstlichkeiten überreicht und ihn unter Tränen angefleht, das Angebot für eine Verlängerung anzunehmen.

Nun war Norbert für Präsentkörbe und Tränen durchaus empfänglich. Er aß gerne viel, und er hatte Frau Lüke schon lange ins Herz geschlossen, so dass es ihm nicht schwerfiel, den grauen Arbeitskittel anzubehalten und über das 65. Lebensjahr hinaus weiterzumachen. Allerdings wurden aus den zwei schließlich vier Jahre und aus dem einen Präsentkorb zwei. Frau Lüke weinte auch wieder, und Herr Wegert knuffte ihn aufmunternd am Arm, was er in all den Jahren noch nie getan hatte. Sein Chef wusste nämlich, dass es für Norbert im Grunde keinen Nachfolger gab. Niemand kannte den Laden besser als Norbert Grützke. Er war der Herr über Tausende von Schrauben, Nägeln, Muttern, Stiften, Stangen und Bolzen, über Haken, Ösen, Ringschrauben und Dübel. Er kannte den deckenhohen und wandbreiten Schrank aus hunderten kleiner Schubladen auswendig. Er wusste sofort, wo er hingreifen musste, wenn jemand eine stahlverzinkte Ringmutter von 28 mm Ösendurchmesser benötigte. Und selbst Herr Wegert erkannte, dass so einer wie Norbert nicht ersetzbar war. Ja, dass es einen wie Norbert wahrscheinlich nie mehr geben würde.

Dabei war er handwerklich gar nicht besonders begabt. Als Jugendlicher wollte er lange Zeit Sänger werden. Nicht Solo-Sänger, sondern in einem Chor. Irgendwo in der zweiten oder dritten Reihe, unsichtbar, aber doch gut zu hören. Er hatte eine sanfte Baritonstimme. In seinem Zimmer sang er oft Volkslieder und Passagen aus berühmten Opernwerken von Mozart und Offenbach. Wenn seine Eltern nicht da waren, trat er im Badezimmer auf, wo es so schön hallte. Er war glücklich, wenn er alleine im Badezimmer sang, und manche Liedtexte rührten ihn so, dass er feuchte Augen davon bekam.

In der Schule ahnte niemand etwas davon. Kein Mensch wusste, dass dieser etwas grob zusammengebaute Junge in seiner Freizeit gerne volkstümliche Lieder sang. Und eigentlich konnte es auch niemand wissen, denn meistens schwieg er und blieb höflich am Rande, als wäre ihm insgeheim klar, dass er sich zum Gespött der Klasse machte, wenn herauskäme, dass er seine Zukunft im Gesangsfach sah. Auf Klassenfotos war er der in der rechten, oberen Reihe, und er blieb dort stehen, bis er die Schule beendet hatte.

Einige meinten, er hielte sich für etwas Besseres, weil er bei den Jungsstreichen nie mitmachte. Andere glaubten zu wissen, dass er nicht viel im Kopf hatte und nur deshalb kaum etwas sagte. Und seine Schulzeugnisse schienen diesen Eindruck leider zu bestätigen. Meist erreichte er nur mit dem Wohlwollen der Lehrer, denen er auf rätselhafte Weise sympathisch war, die nächste Stufe. Tatsächlich begriff er nur langsam. Manches verstand er bis heute nicht. Zum Beispiel, warum es notwendig war, auch noch eine eigene Freundin zu haben, wenn man doch mit allen Mädchen in der Klasse gut auskam.

Seine erste sexuelle Erfahrung hatte er mit einundzwanzig, in dem Jahr, als er sein Abitur machte. Helga Simons war zwei Jahre jünger und hatte eine schiefe Nase. Nicht so schief, dass es unangenehm auffiel, aber schief genug, dass unter den Jungen einschlägige Witze kursierten. Offenbar rief sein verstocktes Wesen auch Mädchen auf den Plan, die ihn lediglich für schüchtern hielten. Helga verführte ihn auf der Damentoilette eines Tanzlokals, in das er sich gegen seinen Willen hatte mitschleifen lassen. Er konnte nicht sagen, dass ihn der Vorgang mit tiefer Zufriedenheit erfüllte, zumal er ständig Angst hatte, entdeckt zu werden. Die ganze Zeit wagte er kaum zu atmen und wäre zweimal fast ohnmächtig geworden. Norbert sah die Sache eher als notwendige Erfahrung, die ein Mann eben irgendwann einmal erlebt haben sollte. Dass ihn Helga daraufhin nun allerdings regelmäßig treffen wollte, empfand Norbert als schweren Eingriff in sein Privatleben. Jedenfalls erschien es ihm unmöglich, gleichzeitig für sich und zusammen mit einem Mädchen zu sein. Denn die Natur war das eine, der Kopf das andere. Und sein Kopf flüsterte ihm, dass die Schnittmenge aus Natur und Kopf die Ehe war und dass ihm darin einfach zu wenig Platz für sein eigenes Leben blieb.

Sie trafen sich noch ein paar Mal, unter anderem auch zu einem offiziellen Vorstellungstermin bei seinen Eltern, auf den Helga gedrängt hatte, was Norbert bis zur letzten Minute zu verhindern versuchte. Im Nachhinein musste der Besuch aber als Glücksfall gewertet werden, denn natürlich waren seine Eltern, insbesondere Mutter, die hinterher kein gutes Haar an seiner »Freundin« ließ, gegen diese Beziehung. So kurz vor dem Abitur solle er sich gefälligst auf die Schule konzentrieren und nicht auf Mädchen. Helga merkte, dass sie bei seinen Eltern nicht gut ankam, worauf sich ihre Beziehung überraschend schnell abkühlte.

Für seine Eltern war es immer klar gewesen, dass er die Schule ordentlich beendete. Vater hatte damals bereits eine leitende Position in der Metallwarenfabrik. Und heimlich hoffte er wohl, dass Norbert später einmal in seine Fußstapfen trat. Dass er plante, in eine völlig andere Richtung zu stapfen, hatte er seinen Eltern lange verschwiegen. Bis zu dem Tag, als er Mutter zu einer privaten Vorstellung einlud. Aus diesem Anlass hatte er sein Zimmer festlich mit Kerzen illuminiert und sich eine Wolldecke um die Schultern gehängt.

Vielleicht war es einfach nur der falsche Moment, als er vor die Wäscheleine trat, über der seine Hemden hingen, und mit ausgebreiteten Armen die Arie des Papageno sang. Während des gesamten Vortrags saß Mutter wie schockgefroren auf dem Stuhl und starrte ihn an, als käme gerade eine zehn Meter hohe Tsunami-Welle auf sie zugerast, der sie nicht mehr entkommen konnte.

»Du willst was?«, fragte sie, nachdem er sich verbeugt hatte. »Das reicht ja nicht mal für ein Vorsingen in einem Laienchor!«

Irgendwie hatte er es immer geahnt. Dass er letztlich nicht begabt genug war. Dass es nicht reichte, um seinen großen Traum von einer Gesangskarriere zu verwirklichen. Trotzdem war Norbert auch ein bisschen erleichtert. Vielleicht hatte Mutter ja recht gehabt und ihn so vor einer späteren Enttäuschung bewahrt.

Die Arbeit bei C. Wagner machte ihm wider Erwarten großen Spaß. Auch wenn er Mutter nie begreiflich machen konnte, was so großartig daran sein sollte, Schrauben zu verkaufen, hatte Norbert das Gefühl, der Welt einen Dienst zu erweisen. Auf seine Art machte er die Welt ein wenig sicherer. Seine Dübel verhinderten, dass Bilder von den Wänden fielen, und die Schrauben bewahrten Kräne davor, umzukippen. Alles, was die Welt im Innersten zusammenhielt, fand sich in Norbert Grützkes Schubladen.

Sein Abschied vom Laden, in dem er fast vierzig Jahre hinter dem Tresen gestanden hatte, wurde mit einer kleinen Feier begangen. Herr Wegert hielt eine launige Rede, in der er ihm den Titel »Meister Norbert Grützke« ehrenhalber verlieh. Zum Abschluss überreichte er ihm eine Urkunde, die sein Chef offensichtlich erst kurz zuvor am Computer erstellt hatte. »In Erinnerung an vierzig bleierne Jahre.« Es war nicht ganz klar, ob er »bleibende« oder tatsächlich »bleierne« Jahre gemeint hatte. Und für wen sie bleibend oder bleiern gewesen waren, getraute sich Norbert nicht nachzufragen. Frau Lüke schenkte ihm im Namen der Belegschaft eine Jahreseintrittskarte für den Berliner Fernsehturm, was zwar nett, aber vollkommen überflüssig war, da er den Turm wegen seiner Höhenangst ohnehin nie betreten würde, und seine Kollegen Henne, Lutz und Werner gaben die Gründung eines Skatclubs bekannt, um die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Obwohl Norbert immer gerne mit seinen Kollegen zusammengearbeitet hatte, erschien ihm ein gemeinsamer Skatclub doch ein wenig übertrieben. Denn in Zukunft wollte er lieber selber bestimmen, welche Termine er wahrnahm. Im Gegensatz zu vielen anderen, die aus dem Berufsleben entlassen wurden, freute er sich auf die freie Zeit. Endlich konnte er seine Sammlung von Fernsehtürmen aus aller Welt komplettieren. Er konnte so lange zu Mittag schlafen, wie er wollte, den restlichen Tag vertrödeln und abends im Fernsehen seine geliebten Rateshows ansehen.

Er konnte es. Im Prinzip.

4.

»Da haben Sie ja noch mal Glück gehabt!«

Norbert kam nur langsam wieder zu sich. Er lag in einem Zimmer, das er nicht kannte. Neben seinem Bett bemerkte er einen freundlich lächelnden Mann, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Er trug einen weißen Kittel und ein Stethoskop um den Hals. Offenbar befand sich Norbert in einem Krankenhaus. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Er war gefallen und mit dem Kopf auf etwas Hartes gestoßen. An der Stirn fühlte er einen Verband. Jetzt erinnerte er sich: Er war aufgestanden, um Mutter etwas Wichtiges mitzuteilen. Dann hatte es ihm die Beine weggezogen.

»Ein paar Zentimeter tiefer und ihr rechtes Auge wäre verloren gewesen.«

Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Mutter hatte erklärt, noch eine wichtige Aufgabe erledigen zu müssen, und plante aus diesem Grund, in Norberts Wohnung überzusiedeln.

Er blickte erschrocken zum Arzt, als wäre er sich nicht hundertprozentig sicher, ob er das alles nur geträumt hatte.

»Sie müssen sich wirklich keine Sorgen machen. Wir behalten Sie zur Sicherheit noch ein, zwei Tage hier«, sagte der Arzt mit der ruhigen Stimme eines Mannes, der sein Leben vollständig unter Kontrolle hatte. »In Ihrem Alter ist eine leichte Gehirnerschütterung noch nicht so dramatisch.«

»Nur ein, zwei Tage?«

»Na ja«, meinte der Arzt, eine Sekunde verunsichert, »Sie wollen doch bestimmt so schnell wie möglich wieder nach Hause, oder?«

Norbert überlegte, ab welchem Alter eine leichte Gehirnerschütterung wohl als dramatisch eingestuft wurde. Und woher wusste er überhaupt, wie alt er war?

»Besteht nicht die Möglichkeit, ich meine, könnte es möglich sein, dass es noch etwas mehr, also etwas anderes ist als eine Gehirnerschütterung?«

Der Arzt blickte ihn nachdenklich an.

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