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„Kann eine Frau Privatdozentin werden?“ – die Umfrage des Preußischen Kultusministeriums zur Habilitation von Frauen 1907

Das Zitat im Titel stammt von Adeline Rittershaus-Bjanarson, der ersten Frau, die in Preußen einen Antrag auf Habilitation stellte. Sie veröffentlichte 1902 einen Artikel in der Zeitschrift Frauencorrespondenz mit dem Titel „Kann eine Frau in Deutschland Privatdozentin werden?“

Cordula Tollmien, geb. 1951, studierte Mathematik, Physik und Geschichte an der Universität Göttingen. Seit 1987 arbeitet sie als freiberufliche Historikerin und Schriftstellerin und veröffentlichte u. a. auch eine Reihe von Kinderbüchern. Sie war an dem 1987 publizierten Projekt zur Geschichte der Universität Göttingen im Nationalsozialismus beteiligt, arbeitete von 1991 bis 1993 als wissenschaftliche Lektorin bei der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte und trug Grundlegendes zum dritten Band der Göttinger Stadtgeschichte bei, der die Jahre 1866 bis 1989 behandelt. In den Jahren 2000 bis 2011 hatte sie einen Forschungsauftrag der Stadt Göttingen zur NS-Zwangsarbeit (www.zwangsarbeit-in-goettingen.de), und 2014 erschien ihr Buch über die Geschichte der jüdischen Göttinger Familie Hahn. Mit der Entwicklung der akademischen Frauenbildung und insbesondere mit den Biografien von Mathematikerinnen beschäftigt sie sich seit 1990 – dem Jahr, in dem ihre Arbeit erschien, in der erstmals die Geschichte der Habilitation Emmy Noethers im Detail nachgezeichnet wurde. 1995 publizierte sie eine Biografie der russischen Mathematikerin Sofja Kowalewskaja.

URL: www.tollmien.com

Die Lebens- und Familiengeschichte der Mathematikerin Emmy Noether in Einzelaspekten 1/2021

Cordula Tollmien

„Kann eine Frau Privatdozentin werden?“ – die Umfrage des Preußischen Kultusministeriums zur Habilitation von Frauen 1907

Sollten wir Männer denn nicht endlich einmal uns bewußt werden, daß wir doch eigentlich kein Recht haben, immer von unserer Seite zu bestimmen, was den Frauen zu gestatten sei; woher nehmen wir dieses Recht? Aus roheren Zeiten stammt es; ist es richtig, daß noch immer daran festgehalten wird?

Wie kommen wir dazu, sie für weniger befähigt zu halten? Wir zwingen sie, mit einer niedrigeren Bildung sich zu begnügen, als wir sie empfangen; natürlich wissen sie dann weniger, aber das gestattet doch nicht den Schluß, dass sie weniger befähigt sind.

           Rudolf Sturm (Breslau) 1897,

stellvertretend für alle, die sich dem damals herrschenden frauenherabsetzenden Zeitgeist entgegenstellten

Danksagung

Ich danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der von mir genutzten Archive und Bibliotheken, insbesondere seien hier genannt Uta Grünert vom Herbarium, Alfons Renz vom Institut für Evolution und Ökologie, Ernst Seidl vom Museum und Susanne Rieß-Stumm vom Archiv der Universität Tübingen; außerdem Katrin Bäumler vom Archiv der Technischen Universität München, Thomas Becker und Linda Mosig vom Universitätsarchiv Bonn, Bärbel Mund von der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Göttingen, Thomas Schuld vom Edith-Stein-Archiv Köln und Stefanie Bellach vom Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin, aus dem die Akte stammt, die über weite Strecken die Grundlage der hier vorgelegten Veröffentlichung bildet. Mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat mir in besonderer Weise Angelika Deese.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Das Habilitationsgesuch Maria von Lindens an der Universität Bonn

Der Werdegang der ersten Tübinger Studentin Maria von Linden

Die Diskussion in der Bonner Philosophischen Fakultät

2. „Auch Frauen werden zur akademischen Laufbahn zugelassen“ – die Stellungnahmen an den Universitäten Bonn und Göttingen

Die Universität Bonn – „der Nutzen solcher Ausnahmewesen wäre mit zu vielen Nachteilen erkauft“

Die Universität Göttingen – „doch dann würden andere Bedenken in Wirksamkeit treten“

Das Göttinger Separatvotum für die Zulassung von Frauen

3. Eine Umfrage zur Festschreibung der „Ungleichheit der Geschlechter“

„Das Weib liesse sich nicht gegenüber dem Gelehrten vergessen“ – die Argumente gegen die Habilitation von Frauen

Dürfen Juden Privatdozenten werden? – die Umfrage des Preußischen Kultusministeriums im Jahr 1847 – ein Vergleich

„Die Frage der Habilitationsfähigkeit betrifft die ganze Laufbahn des akademischen Lehrers“ – Die Argumente für die Habilitation von Frauen (und von Juden)

4. Das Ergebnis der Umfrage von 1907

5. Was wurde aus Maria von Linden?

Abkürzungsverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnisse

Verzeichnis der Literatur und gedruckten Quellen

Verzeichnis der ungedruckten Quellen

Personenregister

Register der Universitäten

Vorankündigungen

Vorwort

Die Autorin legt mit diesem Band die erste Veröffentlichung einer Reihe vor, in der in loser Folge Ergebnisse ihrer biografischen Forschungen zu der Mathematikerin Emmy Noether publiziert werden sollen. Dabei geht das aus ihrer inzwischen fast dreißigjährigen Beschäftigung mit Emmy Noether hervorgegangene Projekt „Lebens- und Familiengeschichte Emmy Noethers“ nicht linear, nur auf Noethers Lebensweg fokussiert, vor, sondern ist mehrdimensional angelegt unter Einbeziehung ihres gesamten familiären und sozialgesellschaftlichen Beziehungsgefüges. So ist unter anderem eine Veröffentlichung zur Lebensgeschichte ihres Vaters geplant, und ihre Brüder und (bisher immer vernachlässigt) ihre Mutter werden ebenfalls prominent gewürdigt. Auch der Geschichte der weiter zurückliegenden Generationen, der mütterlichen wie väterlichen Groß- und Urgroßeltern Emmy Noethers, wird auf der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln nachgegangen werden. Über die engere Familiengeschichte hinaus wird, soweit dies für Emmy Noethers Biografie von Bedeutung ist, auch das allgemeinhistorische Umfeld in den Blick genommen, wenn dies geboten erscheint auch einmal – wie in dem hier vorliegenden Band 1 – als umfangreiche Einzelveröffentlichung.

Die Frage, ob und ab wann Frauen an preußischen Universitäten Privatdozentinnen werden durften, ist für Emmy Noethers wissenschaftlichen Werdegang von so großem Gewicht, für ihre eigene Habilitationsgeschichte so bedeutsam, dass die Diskussion über die Habilitation von Frauen, die das Preußische Kultusministerium Anfang 1907 als Umfrage unter allen preußischen Universitäten initiiert hatte, nur scheinbar nichts direkt mit Emmy Noether zu tun hat. Denn das Ergebnis dieser Umfrage war ein ministerieller Erlass vom 29. Mai 1908, der dafür verantwortlich war, dass es trotz der vorbehaltlosen Unterstützung der Göttinger Mathematiker dreier Anläufe und eines politischen Systemwechsels bedurfte, bis der am 20. Juli 1915 erstmals gestellte Antrag Emmy Noethers auf Habilitation schließlich im Mai 1919 positiv entschieden wurde und sie am 4. Juni 1919 ihre Probevorlesung halten konnte.

Band 2 der hier gestarteten Reihe wird sich dann unter dem Titel „Wir bitten nur um Dispens für den vorliegenden einzigartig liegenden Fall“ mit der Habilitationsgeschichte Emmy Noethers im engeren Sinne beschäftigen und Band 3 die Entstehungsgeschichte ihrer Habilitationsarbeit schildern, wobei speziell in diesem Zusammenhang betont werden soll, dass der Ansatz für die gesamte Reihe ein rein biografischer und kein mathematikhistorischer (oder bezogen auf ihre Habilitationsarbeit auch kein physikhistorischer) ist. Mathematische (oder physikalische) Zusammenhänge werden daher, wie dies bei der Biografie einer Mathematikerin nicht anders möglich ist, zwar erwähnt, aber immer nur sehr kursorisch, manchmal auch nur stichwortartig behandelt. Ausführliche Darstellungen findet man in der inzwischen sehr zahlreichen Fachliteratur zu Emmy Noethers mathematischen Ideen.

Dass die „Lebens- und Familiengeschichte Emmy Noethers“ hier mit deren Habilitation und den in deren Zusammenhang geführten Diskussionen begonnen wird, hat einen in der Biografie der Autorin liegenden Grund. Denn ihr 1990 erschienener Artikel mit dem sprechenden Titel

"Sind wir doch der Meinung, daß ein weiblicher Kopf nur ganz ausnahmsweise in der Mathematik schöpferisch tätig sein kann…" – eine Biographie der Mathematikerin Emmy Noether (1882-1935) und zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Habilitation von Frauen an der Universität Göttingen, in: Göttinger Jahrbuch 38 (1990), S. 153-219,

der wesentlich auf seinerzeit von ihr in Göttinger Archiven entdeckten, bis dato völlig unbekannten Dokumenten zur Habilitationsgeschichte Emmy Noethers beruhte, markiert nicht nur den Beginn der Noetherforschungen der Autorin, sondern hat – wie dies Mechthild Koreuber in ihrer Dissertation über die Noether-Schule formuliert hat – für die biographische Auseinandersetzung mit Emmy Noether Maßstäbe gesetzt (Koreuber 2015, S.154). Seitdem sind neue Erkenntnisse zur Habilitationsgeschichte Emmy Noethers nicht veröffentlicht worden. Hinzu kommt, dass Anfang Juni 2019 unter der Leitung von Koreuber in Berlin eine interdisziplinäre Fachkonferenz aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Habilitation Emmy Noethers stattfand, auf der auch die Autorin vortrug, was Anlass und Anregung für eine erneute Beschäftigung mit der Habilitationsgeschichte Emmy Noethers war.

In der 1990 erschienenen Publikation habe ich die Geschichte des Erlasses vom 29. Mai 1908, der für über zehn Jahre ein faktisches Verbot jeder Habilitation einer Frau an einer preußischen Universität bedeutete, nur als Exkurs und nur gestützt auf Göttinger Dokumente behandelt. Dass ich mich hier für eine eigenständige Veröffentlichung entschieden habe, hat seinen Grund darin, dass mir inzwischen wichtige Quellen zugänglich waren, die neue Erkenntnisse möglich machten. Zwar hat bereits Eva Brinkschulte eine erste, sehr verdienstvolle und sehr aufschlussreiche Interpretation der entsprechenden Akte des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, in der die Antworten der oben genannten Umfrage vom Januar 1907 enthalten sind, vorgenommen (Brinkschulte 2000). Doch geschah dies auf relativ begrenztem Raum, so dass Brinkschulte zwar einige instruktive Belegstellen aus dieser Akte zitieren konnte, im Wesentlichen aber zusammenfassend vorgehen musste. Da die Antworten auf diese für die Geschichte der Habilitation von Frauen so entscheidenden Umfrage auch zeitgenössisch nicht veröffentlicht wurden (man könnte auch vermuten, vom Ministerium unter Verschluss gehalten wurden), scheint eine mit ausführlichen Zitaten belegte Auseinandersetzung mit den Umfrageergebnissen, die keineswegs so einheitlich und eindeutig waren, wie dies das Ministerium in seiner in einen Erlass gegossenen Zusammenfassung glauben machen wollte, nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar geboten. Erst durch die genaue Analyse jeder einzelnen Aussage unter Rückbezug auf deren Autor und auf die Situation an der jeweiligen Universität ergibt sich ein schlüssiges Gesamtbild. Das erklärt den Umfang der hier vorgelegten Publikation, die darüber hinaus auch das Zustandekommen des Erlasses vom 29. Mai 1908 innerhalb des Ministeriums beleuchtet und hier erstmals nachweisen konnte, dass nicht der „heimliche preußische Kultusminister“ Ministerialdirektor Friedrich Althoff, sondern der seit 1897 als dessen Nachfolger im Amt des Universitätsreferenten wirkende Ludwig Elster die genannte Umfrage initiiert und auch den fraglichen Erlass zu verantworten hatte. Damit ergibt sich insgesamt ein Blick auf das durch einzelne Menschen geprägte, äußerst disparate „Innenleben“ der Entstehungsgeschichte dieses Erlasses, der für die Frauen und deren Unterstützer bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ein unüberwindliches Hindernis darstellte. Und es wird auch deutlich, dass dieser Erlass keineswegs umstandslos aus der Abwehr der Universitäten gegen alles Weibliche abgeleitet werden kann, wie dies der Erlass selbst behauptete und wie dies seitdem ohne weitere kritische Nachfrage ständig wiederholt wurde (und wird).

Schon Brinkschulte hat darauf hingewiesen, dass ein Vergleich der Umfrage von 1907 mit dem ziemlich genau 60 Jahre zuvor, im Juli 1847, erhobenen Meinungsbild unter den preußischen Universitäten über die Zulassung von Juden zum akademischen Lehramt lohnend sein könnte. Auch andere Autoren haben verschiedentlich die Gemeinsamkeiten von Antifeminismus und Antisemitismus erwähnt. Doch ein Vergleich dieser beiden bis in die Formulierungen hinein übereinstimmenden Umfragen von 1907 und 1847 ist bisher nirgends erfolgt. Dies geschieht nun ebenfalls in dem hier vorliegenden Text, mit dem überraschend eindeutigen Ergebnis, dass – ersetzt man Religion durch Geschlecht und das Gegensatzpaar christlich-jüdisch durch männlich-weiblich – sich die vorgebrachten Einwände gegen die Habilitation von Juden und Frauen, trotz der unterschiedlichen historischen Gegebenheiten, oft frappierend ähneln. Daran wird deutlich, dass das beiden Fällen gemeinsame Element die Ausgrenzung des jeweils Anderen war, es sich also nicht (oder zumindest nicht nur) um eine speziell gegen Frauen gerichtete Haltung, sondern vielmehr um ein Abwehrverhalten allem Fremden und allen Veränderungen gegenüber handelte, das dem inhärenten Beharrungsvermögen jeder Institution geschuldet ist. Es sei jedoch zugegeben, dass dem Ausschluss beziehungsweise der Marginalisierung von Frauen innerhalb der deutschen Universitäten ein besonders großes, bis heute wirksames Trägheitsmoment innewohnt.

In Emmy Noethers Person sind übrigens beide Diskriminierungen in fast tragischer Weise miteinander verbunden: Am Anfang ihres wissenschaftlichen oder besser gesagt ihres akademischen Lebens erfuhr Emmy Noether Diskriminierung in erster Linie, wenn nicht sogar ausschließlich als Frau. Ab 1933 aber gehörte sie zu den ersten WissenschaftlerInnen, die von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurden, weil sie eine (politisch aktive) Jüdin war. Davon wird in späteren Bänden dieser Reihe noch ausführlich die Rede sein.

Anlass für die Umfrage vom Januar 1907 war ein Habilitationsgesuch, das die Zoologin Maria von Linden im Sommer 1906 an der Universität Bonn gestellt hatte. Nach einem kurzen Vorspann zur Einordnung dieser Umfrage in die Habilitationsgeschichte Emmy Noethers beginnt daher die hier vorliegende Abhandlung über die Frage „Kann eine Frau Privatdozentin werden?“ mit einer Einführung in den biografischen Werdegang Maria von Lindens und der Geschichte ihres Habilitationsgesuchs.

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