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Kann denn Träumen Sünde sein?

Lucy King

Kann denn Träumen Sünde sein?

1. KAPITEL

„Mark, bitte lass den Flamingo in Ruhe und komm da raus.“

Phoebe hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme und hoffte, sie würde zu dem Mann durchdringen, der eine Flasche Champagner schwenkte und durch den Teich watete.

„Ich will aber nicht, Schätzchen“, lallte Mark, knietief in Seerosen. Er lächelte schief.

„Das sehe ich“, murmelte sie und suchte angestrengt nach einer Lösung. Probleme zu lösen gehörte zu ihrem Job, doch diesmal war sie mit ihrem Latein am Ende.

„Ich habe eine Idee.“ Mark ruderte wild mit den Armen, und Phoebe blieb fast das Herz stehen.

Wenn es nicht darum ging, an einem ruhigen Ort, möglichst am anderen Ende der Stadt, seinen Rausch auszuschlafen, wollte sie nichts davon hören. „Und die wäre?“, erkundigte sie sich misstrauisch.

Mark breitete die Arme aus und lächelte vielsagend. „Warum kommst du nicht rein und leistest mir Gesellschaft? Das Wasser ist herrlich, und ich würde dir gern meinen neuen Freund vorstellen.“ Er wandte sich um und stolperte hinter dem Flamingo her, der sich in sicherer Entfernung das Gefieder putzte.

Womit hatte sie das nur verdient? Offenbar war es zu viel verlangt, dass der Abend reibungslos verlief. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen.

Die opulente, in Purpurrot und Silber dekorierte Bar und die riesigen Kronleuchter an der Decke entsprachen zwar nicht unbedingt ihrem Geschmack, und der exotische Vogel, der sechs Stockwerke über den Straßen von London frei herumlief, war, wie sich spätestens jetzt herausstellte, definitiv ein Fehler gewesen.

Doch all das spielte keine Rolle. Das San Lorenzo war die schickste Bar der Stadt und somit der perfekte Ort, um die erste Kollektion einer angesagten jungen Handtaschendesignerin vorzustellen. Und es war praktisch ein Ding der Unmöglichkeit, sie für Veranstaltungen zu buchen.

Aber Phoebe hatte es geschafft. Wochenlang hatte sie den unnachgiebigen Mr Bogoni bekniet, bis dieser sich schließlich erweichen ließ. Dann hatte sie mit gewissenhafter Planung und endlosen Vorbereitungen eine Party organisiert, über die man noch Monate reden würde.

Köstliche Häppchen und teurer Champagner hielten die Gäste bei Laune, und es lag eine erwartungsvolle Spannung in der Luft. Jos mit Edelsteinen besetzte Handtaschen waren einzeln auf angeleuchteten Podesten ausgestellt. Sie glitzerten in allen Farben des Regenbogens, während der eigentliche Star der Party sich unter die etwa hundert glamourösen Gäste mischte und mit den sorgfältig ausgewählten Journalisten plauderte, als habe sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan.

Jo Douglas, Phoebes erste und bisher einzige Kundin, stand am Beginn einer großen Karriere, und die junge Agentur Jackson Communications würde mit ihr aufsteigen.

Darum hatte Phoebe nicht vor, sich diesen Abend von Jos Freund verderben zu lassen.

Es gab nur eine Lösung. Sie musste Mark irgendwie loswerden. Schnell und diskret, bevor jemand mit einem Fotoapparat auf die Idee kam, frische Luft zu schnappen. Da es in der Bar mit jeder Minute wärmer wurde, hatte sie keine Zeit zu verlieren.

Also los! Phoebe brach einen herabhängenden Zweig ab und steckte ihn sich zwischen die Zähne. Sie drehte ihr Haar zu einem dicken Knoten und befestigte ihn mit dem Zweig auf ihrem Kopf. Anschließend schlüpfte sie aus ihren Schuhen und raffte ihr Kleid über die Knie.

Sie atmete tief durch und versuchte, nicht daran zu denken, was unter der Wasseroberfläche lauern mochte. Nachdem sie sich kerzengerade aufgerichtete hatte, schauderte sie kurz und nahm ihr Ziel ins Visier.

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Vor Schreck wäre Phoebe fast in den Teich gefallen. Blitzschnell drehte sie sich um und fasste sich an die Kehle. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie im Schatten eine große Gestalt entdeckte, die an einem Baum lehnte. „Wer sind Sie?“, brachte sie hervor, als sie wieder Luft bekam.

„Jemand, der den Eindruck hat, Sie könnten etwas Hilfe gebrauchen.“ Er kam einen Schritt auf sie zu und deutete auf Mark.

Instinktiv hob Phoebe die Hand und kam sich sofort albern vor. Wo immer er auch herkam, es war nicht sehr wahrscheinlich, dass er ihr etwas tun wollte. „Wenn aus dem Gebüsch zu springen und mich zu erschrecken Ihre Vorstellung von Hilfe ist, verzichte ich dankend.“

Der Mann blieb stehen und neigte den Kopf. „Sind Sie sicher?“

„Allerdings“, betonte sie und widerstand der Versuchung, den Boden unter ihren Füßen zu untersuchen. Seine tiefe Stimme hatte eine sonderbare Wirkung auf ihren Gleichgewichtssinn. Entweder das oder London erlebte sein erstes Erdbeben. „Was tun Sie hier überhaupt?“

„Die Aussicht genießen.“

Irgendwie hatte Phoebe das Gefühl, dass er damit nicht die Häuserlandschaft meinte, und ihr wurde schwindelig. „Sie sollten lieber die Handtaschen drinnen bewundern.“

„Ist nicht so mein Fall.“

„Dann sind Sie wohl auf der falschen Party.“ Phoebe runzelte die Stirn. Ihr fiel auf, dass er ihre Frage eigentlich nicht beantwortet hatte. Sie hatte jeden Gast auf der Gästeliste abgehakt, und dieser gut gebaute Mann wäre ihr bestimmt aufgefallen. Also, wer zum Teufel war er?

Für einen Moment vergaß sie, was sich hinter ihrem Rücken abspielte, und betrachtete ihn eingehend. In der Dunkelheit war sein Gesicht schwer zu erkennen. Während sie heimlich wünschte, er würde aus dem Schatten treten, damit sie sehen konnte, ob sein Aussehen hielt, was die Stimme versprach, überlegte sie gleichzeitig, ob sie ihn rausschmeißen lassen sollte.

Denn wer auch immer er war, dies war eine private Party, und wenn er nicht auf der Gästeliste stand, hatte er hier nichts zu suchen.

„Ich bin genau auf der richtigen Party.“

Gerade wollte sie ihn nach seiner Einladung fragen, als sie hinter sich ein Platschen hörte. Kaltes Wasser spritzte von hinten gegen ihre Beine, und sie unterdrückte einen Aufschrei. Mark war es mit dem Flamingo zu langweilig geworden, und er kam neugierig näher, um zu sehen, was los war.

„Sieht aus, als sei die Show vorbei“, bemerkte sie.

„Schade. Mir hat es gefallen.“

Obwohl es ein warmer Abend war, fröstelte Phoebe. „Drinnen ist es viel amüsanter. Champagner, Häppchen, Musik. Das ist doch viel interessanter.“

„Ich bin geneigt, Ihnen zu widersprechen“, erklärte der Fremde, und ihr Herz machte einen Sprung. „Außerdem habe ich die letzten sechzehn Stunden im Auto und im Flugzeug gesessen. Die frische Luft tut mir gut.“

„Auf der anderen Seite der Bar gibt es reichlich Frischluft. Wie Sie sehen, bin ich beschäftigt.“

Sobald Mark in Reichweite war, würde sie ihn packen und aus dem Wasser ziehen.

„Glauben Sie wirklich, Sie werden allein mit ihm fertig?“

Obwohl sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, erahnte sie sein gönnerhaftes Lächeln. „Natürlich“, erwiderte sie gereizt. Seit Jahren wurde sie immer allein mit allem fertig.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und zuckte die Schultern. „Wenn das so ist, will ich Ihnen nicht in die Quere kommen.“

„Vielen Dank“, erwiderte sie steif und drehte sich um.

Mark war näher, als sie gedacht hatte, und schwenkte noch immer die Champagnerflasche. Wenn er jetzt stolperte, würde er Phoebe mit sich zu Boden reißen.

Jetzt oder nie. Phoebe wollte ihn packen, doch er wich zurück, schwankend, als balancierte er am Rand eines Abgrunds. Dabei ruderte er wild mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Eine Champagnerfontäne schoss durch die Luft, und Phoebe wich mit einem spitzen Schrei zurück und fasste sich an den Kopf.

Oh, nein, nicht ihr Haar. Bitte, nicht ihr Haar.

Ihr blieb keine Zeit, sich zu sammeln und Mark herauszuziehen. Im Bruchteil einer Sekunde ergriffen zwei starke Hände ihre Taille und rissen sie zur Seite. Sie schnappte nach Luft und sah, vor Entsetzen gelähmt, wie der geheimnisvolle Fremde Mark am T-Shirt packte und aus dem Wasser zerrte.

„Hey, was soll das?“, schrie Mark und schlug wild um sich, als die Champagnerflasche ins Wasser klatschte.

Gute Frage, dachte Phoebe benommen. Wo seine Hände sie berührt hatten, brannte die Haut unter ihrem Kleid.

„Ich räume auf“, knurrte der andere und kam Mark ganz nahe. „Männer wie du gehören hinter Gitter.“

„Was soll das heißen?“, stotterte Mark. „Lass mich los. Sonst zeig ich dich an.“

„Meinetwegen“, lautete die gleichmütige Antwort.

„Das wird dir noch leidtun.“

„Das möchte ich bezweifeln. Warten Sie hier“, befahl er Phoebe und schleifte Mark, der sich mit Händen und Füßen sträubte, durch den Garten davon.

Hier warten?

Im Moment hatte Phoebe keine Wahl. Vor Schreck wie gelähmt blieb sie stehen, während eiskaltes Wasser von ihren Beinen tropfte und ihr Herz pochte. Marks Beschimpfungen und wüste Drohungen klangen ihr in den Ohren.

Benommen sah sie den beiden Männern nach und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war. Vielleicht war sie versehentlich in einen drittklassigen Actionfilm geraten. Im wirklichen Leben gab es keine Männer, die plötzlich unverhofft aus dem Nichts auftauchten, sich zum Retter aufspielten und ein einziges Chaos hinterließen wie ein kurzer, aber fataler Tornado. Jedenfalls nicht in Phoebes Leben.

Während sie sich allmählich von dem Schock erholte, wurden ihr die möglichen Konsequenzen dieser kleinen Episode bewusst. Wie konnte er es wagen sich einzumischen? Sie hatte ihm doch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie die Situation im Griff hatte.

Und dann erteilte er ihr auch noch Befehle. Was dachte er sich dabei? Dass Phoebe brav auf ihn wartete? Ha, dachte sie und bückte sich, um ihre Schuhe aufzuheben. Von wegen. Sie musste schleunigst herausfinden, ob irgendein Journalist oder Fotograf mitbekommen hatte, was gerade passiert war, und wenn nötig den Schaden begrenzen.

Wie kam er überhaupt dazu, sich so hinterhältig an sie heranzuschleichen und sie zu Tode zu erschrecken? Und Mark wie einen Neandertaler zu behandeln?

Andererseits auch irgendwie sexy. So unbeirrbar. So entschlossen. So stark …

Energisch schlug sie sich mit der Hand an die Stirn. Nein, nein, nein, nein, nein. So etwas durfte sie nicht einmal denken. Sie musste sich konzentrieren.

Während sie nach etwas suchte, wo sie sich festhalten konnte, um ihre Schuhe anzuziehen, fing Phoebes Haut plötzlich wieder an zu prickeln.

Sie drehte den Kopf und fixierte mit zusammengekniffenen Augen den großen Mann mit den breiten Schultern, der entschlossen auf sie zukam. Allein. Sein dunkler Anzug umschmeichelte den muskulösen Körper.

Phoebe hatte ein flaues Gefühl im Magen. Eine Magenverstimmung, sagte sie sich und richtete sich auf, bereit für eine Konfrontation. Sicher eine Magenverstimmung.

Während er mit großen Schritten den Abstand zwischen ihnen verringerte, bemerkte sie seinen finsteren Gesichtsausdruck. Warum hätte er wütend sein sollen? Wenn jemand einen Grund dazu hatte, dann ja wohl sie.

Phoebes Herz begann zu pochen. Vergiss die Schuhe. Die Schadensbegrenzung kann warten. Adrenalin schoss durch ihre Adern. „Sie haben mich zu Tode erschreckt“, zischte sie leise, als er nah genug war. „Wer sind Sie überhaupt? Und was haben Sie sich dabei gedacht?“

Er antwortete nicht, nahm stattdessen nur ihren Arm und dirigierte sie zur Pergola am Fuße der breiten Steinstufen, die zur Terrasse hinaufführten. Die Schuhe in der Hand, blieb Phoebe nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

„Stopp“, sagte sie, krampfhaft bemüht, leise zu sprechen. „Sie können mich nicht rauswerfen. Aua!“ Die glatten Pflastersteine waren spitzen Kieseln gewichen, die sich in ihre Fußsohlen bohrten.

Während sie hüpfend versuchte, ihre Schuhe anzuziehen, blieb er stehen und blickte auf sie herab. Dann unterdrückte er einen Fluch und hob sie auf seinen Arm. Phoebe schrie leise auf, als ihre Schulter seine muskulöse Brust berührte. Eine seiner Hände lag an der Außenseite ihrer Brust, die andere umschloss ihren nackten Schenkel.

„Lassen Sie mich runter!“, fauchte sie zornentbrannt. Ihre Beine wippten bei jedem Schritt, den er tat, und sie versuchte vergeblich, ihr Kleid über die Schenkel zu ziehen.

Unter einer Laterne blieb er stehen und setzte sie ab, hielt sie jedoch weiterhin fest.

„Ich habe nicht die Absicht, Sie hinauszuwerfen“, sagte er heiser und betrachtete ihr Gesicht.

„Dann lassen Sie mich los.“

Wenn überhaupt, wurde sein Griff noch fester. Phoebe fühlte sich, als hätte jemand sie an eine Steckdose angeschlossen. Das hätte auch erklärt, warum ihr ganzer Körper prickelte und kribbelte. Woher kam sonst die sengende Hitze, die durch ihre Adern strömte?

„Ich heiße Alex, und Sie sollten Ihre Freunde sorgfältiger auswählen.“

Als Phoebe die kühle Zurückhaltung in seiner Stimme hörte, suchte sie seinen Blick – und vergaß für einen Moment zu atmen.

Oh, Gott. Seine Augen waren faszinierend. Grau. Nein, nicht einfach grau. Ein Silbergrau, das sich schlagartig zu Schiefergrau verdunkelte, umrahmt von den dichtesten Wimpern, die sie je bei einem Mann gesehen hatte. Unter geraden, dunklen Augenbrauen blickte er glühend auf sie herab.

Während Phoebe seine Gesichtszüge erforschte und er die ihren, bekam sie einen trockenen Mund, und das Blut in ihren Adern brodelte. Er war nicht einfach attraktiv. Er sah umwerfend gut aus. Aber nicht auf konventionelle Weise wie die Schönlinge in Phoebes Welt. Dieser Mann sah aus wie ein richtiger Mann.

Die kleine weiße Narbe über dem rechten Auge und der winzige Höcker auf seiner Nase wirkten irgendwie gefährlich. Wäre Phoebe auf der Suche nach einem Mann gewesen, wäre er genau ihr Typ gewesen. Aber sie war nicht auf der Suche. Doch dieser Mund. Was für ein Mund …

Ihre Hände, die zu Fäusten geballt zwischen seiner und ihrer Brust klemmten, fühlten sich allmählich taub an. Sie sehnte sich danach, sie zu lösen und über sein weißes Baumwollhemd zu streichen, vielleicht sogar über das V gebräunter Haut unter dem offenen obersten Knopf. Oder über den Hals bis in sein Haar?

Was dachte sie sich nur? Sie musste sich konzentrieren. Was hatte er gerade gesagt? Sie versuchte krampfhaft, sich zu erinnern. Irgendetwas von Freunden. Richtig. „Welcher Freund?“, brachte sie hervor und presste ihre Fäuste noch fester zusammen.

„Der Kerl im Teich.“

„Das ist nicht mein Freund.“ Seit ihrer letzten gescheiterten Beziehung hatte sie Männer abgeschrieben. Für immer. Besonders solche, die sich von hinten an sie heranschlichen und sie zu Tode erschreckten. Egal, wie gut sie aussahen.

„Hat er Ihnen wehgetan?“

„Nein. Natürlich nicht.“ Wovon redete er? Vergeblich versuchte sie, sich aus seinem stählernen Griff zu befreien. Alex schien nicht die Absicht zu haben, sie gehen zu lassen.

Stattdessen nahm er ihr Kinn und drehte es zum Licht. „Er hat mit der Flasche auf Sie gezielt“, rekapitulierte er grimmig. „Wo hat er Sie getroffen?“

Phoebes Haut brannte unter seinen Fingern. „Haben Sie den Verstand verloren?“, fragte sie, verblüfft über den Verlauf, den die Unterhaltung nahm. „Mark hat mich nicht geschlagen.“

„Sind Sie sicher?“

„Natürlich bin ich sicher“, echote sie. „Ich glaube, ich hätte es gemerkt, wenn mich jemand mit einer Champagnerflasche verprügelt hätte. Besonders, wenn es sich um Jahrgangschampagner handelt.“

Er kniff die Lippen zusammen. „Nicht komisch.“

„Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu“, versetzte sie scharf. Dass er mit seinem Verhalten den Erfolg des heutigen Abends, des wahrscheinlich wichtigsten Abends in ihrem und Jos Leben, gefährdete, war alles andere als komisch. „Kann ich mein Kinn jetzt wiederhaben?“

Daraufhin ließ er ihr Kinn so abrupt los, als hätte er sich verbrannt. Sie drehte den Kopf, um ihn anzusehen. Für einen Moment sahen sie einander nur an, und Phoebe wurde bewusst, dass er sie immer noch an sich gepresst hielt.

Hitze strömte durch ihren Körper, und ihr Herz raste. Ihr Mund wurde trocken und sie schluckte schwer. Sie musste sich zusammenreißen und versuchen, seinen Bizeps zu ignorieren. „Ich verstehe. Sie haben sich also eingemischt, weil SDie dachten, dass mein Freund mich verprügelt?“ Ein fatales Glücksgefühl stieg in ihr auf, bis sie sich daran erinnerte, dass Ritterlichkeit in ihrer Welt nicht existierte und dass sie weder danach suchte noch darauf angewiesen war.

Seine Miene verfinsterte sich. „Dort, wo ich herkomme, schlägt man keine Frauen.“

Gegen ihren Willen wurde Phoebe warm ums Herz. „Dort, wo ich herkomme, wird niemand geschlagen.“ Die Jacksons hatten subtilere Methoden.

„Er hat Sie Schätzchen genannt. Und Sie haben geschrien und sind zurückgewichen.“

„Ja, aber nur, weil ich nicht nass gespritzt werden wollte“, erklärte sie. „Und Mark nennt jeden Schätzchen.“

„Sie wollten nicht nass gespritzt werden“, wiederholte er leise, und seine Stimme war plötzlich so kalt und abweisend, dass es ihr einen Schauer über den Rücken jagte und sie sich instinktiv die Oberarme rieb.

Als Phoebe die kalte Verachtung in seinem Blick sah, wünschte sie, sie hätte ihren Mund gehalten. Dann würde sie jetzt noch in seinen starken Armen liegen, eingehüllt in seine Wärme. Stattdessen fühlte sie sich schuldig.

Dann besann sie sich. Moment mal. Warum fühlte sie sich überhaupt schuldig? Sie hatte ihn nicht um seine Hilfe gebeten. Und man konnte ihr wohl kaum vorwerfen, einem Schwall Champagner ausgewichen zu sein, der ihre Frisur ruiniert hätte. Sie hatte im Moment schon genug Sorgen.

Resolut erstickte sie ihre Schuldgefühle im Keim. „Dafür“, erklärte sie und deutete auf ihre Frisur, „habe ich zwei Stunden gebraucht, und mein Kleid darf nur gereinigt werden.“

Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte Alex verblüfft, dann versteinerte sich seine Miene wieder. Sie betrachtete sein Haar, dick, dunkel und unverschämt glänzend. Natürlich konnte jemand wie er nicht nachvollziehen, wie schwer es war, ihre störrischen Locken zu zähmen.

„Hören Sie, ich habe Sie nicht um Ihre Hilfe gebeten“, begann sie. „Und ich habe Ihre Hilfe auch nicht gebraucht.“

„Das scheint mir allmählich auch so.“

„Ich hatte die Situation im Griff.“

„Sie waren barfuß, hatten einen Zweig im Haar und das Kleid bis zur Hüfte hochgezogen …“

„Bis zu den Knien“, widersprach sie. „Aber unabhängig von der Länge meines Kleides oder meiner Frisur hatten Sie kein Recht sich einzumischen.“

Alex fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Was erwarten Sie von mir? Dass ich danebenstehe und zusehe, wie man Ihnen wehtut? Haben Sie wirklich geglaubt, dass er freiwillig rauskommt?“

Sie blinzelte. „Nun, ja.“ Mit ein wenig Überredungskunst.

„Falls es Ihnen entgangen ist, dieser Mark ist gebaut wie ein Preisboxer, und er war außer Kontrolle. Ihre Naivität verblüfft mich.“

„Ich war keine Sekunde in Gefahr“, behauptete sie. „Mark tut keiner Fliege etwas zuleide. Was haben Sie übrigens mit ihm angestellt?“

„Ich habe ihn rausgeworfen.“

Was sonst. „Hat Sie jemand dabei gesehen?“

Er runzelte die Stirn. „Ist das von Bedeutung?“

Ob es von Bedeutung war? Sie schnappte nach Luft und fragte sich kurz, ob eventuell sogar Rauch aus ihren Ohren quoll. „Natürlich ist es von Bedeutung.“

Er lachte ungläubig auf. „Was andere Leute denken, ist Ihnen tatsächlich wichtiger als die eigene Sicherheit?“

„Was mir wichtig ist, ist meine Sache. Sie haben überreagiert.“

Ihr ungebetener Beschützer sah aus, als koste es ihn enorme Kraft sich zu beherrschen. „Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie unberechenbar ein Mann in diesem Zustand ist? So jemand kann von einem Moment auf den anderen gewalttätig werden.“ Er beugte sich so nah, dass Phoebe ihr eigenes Spiegelbild in seinen Augen erkannte, und schnipste mit den Fingern, dass sie erschrak. „Einfach so.“

Statt ihre Neugier zu befriedigen und ihn zu fragen, ob er aus Erfahrung sprach, tat sie entrüstet. „Wissen Sie“, meinte sie kühl, „das ist nicht das erste Mal, dass ich mit jemandem zu tun hatte, der keinen Alkohol verträgt. Bis Sie aufgetaucht sind“, fuhr sie fort, machte einen Schritt auf ihn zu und stach ihm mit dem Zeigefinger in die Brust, „und sich wie ein Höhlenmensch aufgeführt haben, war alles gut. Ich bin wunderbar zurechtgekommen. Allein.“

Als ihr bewusst wurde, dass Alex ihr überhaupt nicht zuhörte. stockte sie. Er starrte auf ihren Mund, und sein Körper schien vor Spannung geradezu zu vibrieren.

Unter ihrer Hand spürte sie seinen Herzschlag, spürte, wie die Hitze seines Körpers durch sein Hemd hindurch ihre Handfläche verbrannte, spürte, wie seine aufgerichtete Brustspitze gegen ihre Hand drückte.

Entsetzen packte sie. Sein Herz? Seine Hitze? Seine Brust? Unter ihrer Hand?

Verwirrt suchte ihr Blick den Finger, mit dem sie Alex eben noch in die Brust gestochen hatte. Doch was musste sie sehen? Ihre Hand lag jetzt flach an seinem Oberkörper, und Phoebe war kurz davor, sein Hemd zu packen und ihn an sich zu ziehen.

Die Zeit schien stillzustehen. Der sinnliche Rhythmus der Musik, die von der Bar zu ihnen herüberwehte, ging Phoebe direkt ins Blut und weckte ungeahnte Gefühle in ihr, die es unmöglich machten, an etwas anderes zu denken als an einen leidenschaftlichen Kuss.

Phoebe verstand nicht recht, was mit ihr geschah. Nie zuvor hatte ein Mann so eine Wirkung auf sie gehabt. Natürlich hatte sie sich schon zu Männern hingezogen gefühlt. Oft sogar. Aber noch nie hatte sie so ein brennendes Verlangen empfunden.

Ein Zentimeter, vielleicht zwei, und ihre Lippen würden zu einem leidenschaftlichen Kuss verschmelzen. Sie würden auf die großen Kissen unter der Pergola sinken und einander die Kleider vom Leib reißen.

Auf der Party, für die Phoebe die Verantwortung trug.

Bei diesem Gedanken riss sie entsetzt ihre Hand fort und stolperte einen Schritt rückwärts. Alex blickte ihr tief in die Augen. Sein glühender Blick brachte ihren Puls zum Rasen. Ihr Mund war trocken.

„Mich hat niemand gesehen“, versicherte er, und sein rauer Ton verriet ihr, dass ihm ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen wie ihr.

„Gott sei Dank“, stieß sie hervor, obwohl sich ihr Hals wie Schmirgelpapier anfühlte. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schluckte schwer. „Wenn Sie sich jetzt noch entschuldigen, verzeihe ich Ihnen.“

„Und ich verzeihe Ihnen, wenn Sie sich bedanken.“

Da reckte sie das Kinn und lächelte eisig. „Sieht ganz so aus, als würde keiner von uns bekommen, was er sich wünscht.“

Alex legte seine Hand in ihren Nacken und zog sie an sich. „Nicht unbedingt.“

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