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Kann denn Liebe Sünde sein?

1. KAPITEL

Emma Byrne weigerte sich, ihrer Nervosität nachzugeben, die wie ein aufgeregter Bienenschwarm in ihrem Brustkorb summte. Schließlich war sie ein Kind der Großstadt, sie hatte keine Angst davor, eine drittklassige Striptease-Bar zu betreten. Auch nicht allein.

Allerdings hielt sie auf der King’s Cross, Sydneys berühmter Amüsiermeile, kurz inne, um noch einmal darüber nachzudenken, ob es tatsächlich keine andere Lösung gab. In diesem Moment fiel ihr Blick auf den kraftstrotzenden Türsteher, der am Eingang der billig wirkenden Bar lehnte.

Es war ein milder Montagabend, gerade mal sechs Uhr, und das Pink Mango wartete schon auf Kundschaft. Auf schmutzige Geschäfte. Emma bekämpfte den plötzlichen Drang aufzulachen – sie war anfangs tatsächlich naiv genug gewesen zu glauben, das Pink Mango sei ein Delikatessengeschäft, das Tag und Nacht geöffnet habe.

Aber sie hatte ihrer Schwester versprochen, Jake Carmody, ihrem Trauzeugen, den Anzug vorbeizubringen. Und das tat sie nun.

Entschlossen schob sie die Sonnenbrille höher auf die Nase, warf sich die Handtasche und den Kleidersack über die Schulter und ging hinein.

Aus verborgenen Lautsprechern hämmerten die Bässe, es roch nach Bier, billigem Parfum und abgestandenem Rauch. Schon beim ersten Atemzug wurde ihr übel.

Mit unsicheren Schritten ging sie weiter. Es schien, als folgten die anwesenden Männer mit den Augen ihren Bewegungen. Das bildest du dir nur ein, sagte sie sich. Wer sollte dich in einem Laden wie diesem eines zweiten Blickes würdigen? Insbesondere in ihrem knielangen, zugeknöpften roten Trenchcoat, den hohen Stiefeln und den Lederhandschuhen – einem Outfit, das seit dem vergangenen Winter auf dem Rücksitz ihres Wagens gelegen hatte. Und genau deshalb, überlegte sie, zog sie die Blicke auf sich …

Es war gut, auf Nummer sicher zu gehen. Dem Himmel sei Dank für ihren unaufgeräumten Wagen und die perfekte Parklücke.

Sie ignorierte die neugierigen Blicke und konzentrierte sich auf die Einrichtung. Von innen wirkte die Bar noch schäbiger als von außen. Billiges Bonbonrosa, Gold und Silber. Die Sessel und Sofas waren mit einem dunkelroten, mittlerweile schmutzigen Stoff im Leopardenlook bezogen. Unter der Decke drehte sich eine Discokugel und warf Lichtpunkte auf die Bedienungen, die sich barbusig zwischen den Gästen bewegten. Ihr Lächeln war so unecht wie ihre vollen Brüste.

Aber zumindest hatten sie volle Brüste.

Die meisten der Gäste scharten sich um eine ovale Bühne und betrachteten eine Tänzerin, die ihren Körper an einer Messingstange präsentierte. Auf einer Wange hatte sie eine Kobra tätowiert.

Emma konnte sich von dem Anblick nicht losreißen. Worauf die Männer so standen … Sie selbst konnte diese Lüsternheit weder nachvollziehen noch hatte sie das Selbstbewusstsein, diesen Blicken zu begegnen.

Vielleicht war genau das der Grund, warum Wayne sich von ihr getrennt hatte.

Entschlossen schüttelte sie die Selbstzweifel ab, atmete tief durch und wandte sich von dem Geschehen auf der Bühne ab. Es erinnerte sie nur daran, wie wenig perfekt ihr eigener Körper war. Und das brauchte sie jetzt gar nicht.

Auch wenn du nächstes Wochenende heiratest, kleine Schwester, dieser Gefallen heute kostet dich etwas.

„Ich habe einen Termin zur Maniküre“, hatte Stella ihr erklärt, und in ihrer Stimme schwang die Nervosität einer künftigen Braut mit. „Und Ryan ist auf einer Konferenz in Melbourne, er kommt erst morgen zurück. Du hast heute Abend doch eh nichts Besonderes vor, oder?“

Stella wusste, dass Emma kaum ausging, insbesondere seit der Trennung von Wayne. Natürlich hatte sie Zeit. Und schließlich war sie die Trauzeugin, wie hätte sie der Braut da einen Gefallen abschlagen können? Aber ein Ausflug in eine Striptease-Bar gehörte eigentlich nicht dazu.

Ein Mann mit weit aufgeknöpftem Hemd, das eine breite Goldkette und ergrauendes Brusthaar freigab, musterte sie von der Theke aus. Sein aufdringlicher Blick – es schien, als stelle er sie sich nackt vor und finde das Ergebnis enttäuschend – ließ ihren Magen beinahe rebellieren.

Doch anscheinend war er in diesem Etablissement ihr Ansprechpartner. Emma straffte sich und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. Das war nicht ganz einfach, denn sein Blick lag auf ihrem Dekolleté.

Noch ehe sie ein Wort sagen konnte, deutete er schon mit einem seiner dicklichen Finger auf sie. „Wenn du wegen des Jobs hier bist, zieh den Mantel aus und zeig uns, was du zu bieten hast.“

Ihre Nackenhaare sträubten sich. Entsetzt zog sie den Gürtel ihres Trenchcoats fester. „Wie bitte? Ich bin keineswegs …“

„Hier brauchst du keine feinen Klamotten, Süße“, fuhr er gedehnt fort und deutete auf ihren Kleidersack. „Uns fehlt heute Abend jemand, du kannst also sofort anfangen. Cherry zeigt dir alles. Cherry, komm her!“ Seine vom Rauchen heisere Stimme drang durch den Raum.

Unter den Blicken der anderen Gäste, die jetzt alle zu ihr hersahen, zuckte Emma zusammen. Sie war froh über die Sonnenbrille. „Ich will Jake Carmody sprechen“, erwiderte sie in frostigem Ton.

Der Barkeeper schüttelte den Kopf. „Das beeindruckt mich gar nicht. Ich hab schon ’ne Menge Mädchen wie dich gesehen. Kommen hier rein, piekfein gemacht, und wollen doch nur das schnelle Geld.“

„Wie bitte? Sagen Sie mir sofort, wo ich Mr Carmody finde.“

Noch einmal ließ er seinen lüsternen Blick ungeniert über ihren Körper wandern. In diesem Moment kam eine der Bedienungen mit einem Tablett voller Gläser an die Theke. Sie trug goldene Hotpants und eine blaue Bluse. Emma bemerkte, dass sie unter ihrem Make-up müde und erschöpft aussah. Mitleid und Sympathie durchfluteten sie. Emma wusste, was es bedeutete, für das nackte Überleben arbeiten zu müssen. Glücklicherweise war sie niemals in einer so verzweifelten Situation gewesen, einen Job in einem Club wie diesem annehmen zu müssen.

„Die Dame hier will den Boss sprechen. Weißt du, wo er ist?“

Den Boss? „Das muss ein Missverständnis sein“, begann Emma. Seine Assistentin hatte ihr zwar diese Adresse genannt, aber er konnte doch wohl kaum der Chef dieser Klitsche sein?

Die Frau, die er Cherry genannt hatte, zuckte desinteressiert die Schultern. „Im Büro vermutlich.“

Der Barmann deutete mit dem Daumen auf eine Treppe am Ende des Lokals. „Treppe rauf, erste Tür rechts.“

„Danke.“ Mit zusammengepressten Lippen und dem Bewusstsein, dass ihr einige Blicke folgten, bahnte sich Emma den Weg durch den Club.

Der Boss?

Plötzlich erschauerte sie trotz der Hitze. Sein Leben ging sie nichts an, doch sie hätte den Jungen, den sie kannte, niemals in dieser heruntergekommenen Bar erwartet. Hatte er nicht einen ehrbaren Beruf? Er hatte Wirtschaftsrecht studiert, mit Auszeichnung. Lieber Gott, er wird doch nicht seine Karriere und ein respektables Leben hingeschmissen haben für diese …

Tja, wahrscheinlich wurde in dieser Branche besser bezahlt. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Sie kannte Jake von der Highschool. Er war einer von Ryans Freunden, und die beiden hatten oft ihre geselligere Schwester Stella besucht oder zu gemeinsamen Unternehmungen abgeholt. Emma war währenddessen entweder mit einem ihrer Nebenjobs beschäftigt oder hatte mit ihren selbst gemachten Seifen experimentiert. Manchmal allerdings konnte Stella sie dazu überreden mitzukommen.

„Jake the Rake“ hatte Emma ihn heimlich genannt, denn das war er in ihren Augen: ein Lebemann. Ein Frauenheld. Total cool, ein bisschen gefährlich und viel zu erfahren für ein Mädchen wie sie. Vielleicht hatte sie deshalb immer versucht, ihm aus dem Weg zu gehen.

Doch das hatte sie nicht davor bewahrt, sich ein bisschen in ihn zu verlieben. Energisch schob sie die Erinnerung beiseite. Ganz offensichtlich hatte die Schwärmerei damals ihre Sinne vernebelt. Liebe passte nicht in ihr Leben. Heute erst recht nicht.

Schon im Treppenaufgang hörte sie seine Stimme. Offensichtlich telefonierte er. Die vertraute tiefe, fast träge Stimme, die ihre Sinne zu umhüllen schien wie cremige Karamellsoße. Jetzt änderte sich sein Tonfall, Jake schien wegen irgendetwas beunruhigt.

Die Tür stand einen Spalt offen, und Emma klopfte an. Sie hörte, wie er den Telefonhörer mit einem wütenden Fluch auflegte. „Herein“, sagte er ungeduldig.

Doch er sah nicht auf, und so hatte Emma Gelegenheit, ihre Sonnenbrille ins Haar zu schieben und ihn zu betrachten.

Jake saß an einem schäbigen Schreibtisch, der übersät war mit Papieren, und schrieb etwas. Der Kragen seines himmelblauen Hemdes war geöffnet, die Ärmel aufgekrempelt, sodass Emma seine kräftigen, gebräunten Unterarme sehen konnte. Im Gegensatz zu dem Lokal war seine Kleidung erstklassig. Als sie in sein Gesicht sah, schlug ihr Herz eine winzige Nuance schneller. Ein Geschenk des Himmels, mit einem Mund, der jede Sünde wert war …

Sie erschauerte und zwang sich, den Blick höher gleiten zu lassen. Sein dichtes, dunkles Haar stand an einigen Stellen vom Kopf ab, als sei er sich mit der Hand hindurchgefahren. Zu gern hätte sie es glatt gestrichen …

Um Himmels willen, er war ein Mann, dem ein Stripteaselokal gehörte. Er benutzte die Frauen nicht nur, er beutete sie aus. Und sie stand hier und dachte an so was! Und doch konnte sie nicht verhindern, dass wohlige Schauer über ihren Rücken liefen.

„Hallo, Jake.“ Sie wünschte, sie fühlte sich so selbstbewusst, wie sie sich gab.

Er sah auf. Sein Stirnrunzeln wich blankem Erstaunen. Als sähe er sich selbst in einem Schaufenster mit heruntergelassenen Hosen. Sofort schob sie dieses Bild beiseite.

„Emma.“ Langsam ließ er den Stift sinken und schloss die Akte, an der er gearbeitet hatte. Dann stand er auf, und ihr wurde einmal mehr bewusst, wie groß und männlich er war. „Wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Stimmt“, erwiderte sie und ignorierte das Spiel seiner Muskeln unter dem edlen Stoff des Hemdes. „Wahrscheinlich haben wir alle viel zu tun.“

„Allerdings. Das Leben ist nicht mehr so entspannt wie zu Highschool-Zeiten.“ Er kam um den Schreibtisch herum und lächelte. Jeder Nerv ihres Körpers reagierte darauf.

Unbewusst trat sie einen Schritt zurück. Sie musste hier raus. Sofort. „Ich sehe, du bist sehr beschäftigt.“ Ihr Blick hing an seinen kaffeebraunen Augen. „Ich …“

„Bist du hier wegen eines Jobs?“

Was? Fassungslos starrte sie ihn an. Dieser Dreckskerl. „Ich habe in deinem Büro angerufen – deinem anderen Büro – und deine Assistentin sagte mir, dass ich dich hier finde.“

Sie betonte die letzten Worte und warf den Kleidersack mit so einem Schwung auf den Schreibtisch, dass die Blätter aufflatterten und zu Boden glitten. „Hier ist dein Anzug für die Hochzeit. Wenn er geändert werden muss, sollst du dich möglichst schnell an den Schneider wenden. Deshalb bringe ich ihn dir heute schon. Ryan ist verhindert, und Stella …“

„Emma, das war ein Scherz.“

Oh. Sie sah die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln und trat einen weiteren Schritt zurück. Natürlich war es nur ein Scherz. Schließlich hatte sie nichts mit diesen vollbusigen Mädchen im Lokal gemeinsam. „Ich habe keine Zeit für solche Witze. Also, hier ist der Anzug. Ich muss los.“

Ungerührt betrachtete er sie, als wolle er fragen: warum die Eile?

Im gnadenlosen Licht der Neonröhre über seinem Schreibtisch entdeckte sie die tiefen Schatten unter seinen Augen. Er schien völlig überarbeitet zu sein.

Nun gut, dachte sie. Ein Kerl, der schlechte Witze machte, hatte es nicht besser verdient. Als wenn ihr Selbstvertrauen nicht schon angeknackst genug wäre, seit Wayne sich von ihr getrennt hatte.

„So, wir zwei spielen also Vom Winde verweht, ja? Hoffentlich kann ich Rhett Butler gerecht werden.“ Sein Blick wanderte kurz zu dem Kleidersack, dann schenkte er Emma ein charmantes Lächeln. „Du bist meine Scarlett für einen Tag.“

Sie erstarrte bei diesem verlockenden – nein, entsetzlichen! – Gedanken. Ihr Blut raste durch die Adern. „Wir sind gar nichts. Keine Ahnung, warum die Hochzeit das Motto Berühmte Liebespaare haben muss.“

Leichthin zuckte er die Achseln. „Sie wollten etwas Originelles, Witziges und unglaublich Romantisches – warum nicht? Wahrscheinlich wird es sehr lustig.“ Er stützte sich mit den Händen auf der Schreibtischplatte ab und schenkte ihr noch einmal sein betörendes Lächeln. „Danke für den Anzug. Darf ich dich zu einem Drink einladen?“

Um Himmels willen! „Nein, vielen Dank.“

Jake verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Schreibtisch. Tief atmete er den frischen, ungewohnten Duft ein, der mit ihr hereingewirbelt war. Sie hatte seine Lebensgeister geweckt. Zumindest der Teil von ihr, den er sehen konnte.

Groß und schlank, wirkte sie in diesem leuchtend roten Mantel wie eine Mohnblume. Die Augen so blau wie Saphire. Selbst wütend wirkte sie noch äußerst anziehend, mit diesem eiskalten Blick und dem Schmollmund. Ihre Lippen waren so glänzend und voll und …

Er hatte sich zusammenreißen müssen, um sie nicht zu berühren. Vielleicht hätte er den Spruch über den Job nicht machen sollen. Doch er hatte nicht widerstehen können, denn sie war schon früher immer so furchtbar ernst gewesen. Ganz offensichtlich hatte sich das nicht geändert.

Der stampfende Bass von unten ließ den Fußboden vibrieren. Jake fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Wenn ich geahnt hätte, dass du selbst kommst, hätte ich veranlasst, dass wir uns in meinem Büro treffen. Meinem anderen Büro.“

Noch einmal musterte sie ihn mit diesem eisigen Blick. Er fühlte sich seltsam kurzatmig, als wenn sie ihn direkt in den Magen geboxt hätte – mit dieser behandschuhten Faust.

„Ich muss gehen“, sagte sie steif.

Mit Schwung stieß er sich vom Schreibtisch ab. „Ich bringe dich runter.“

„Danke, das musst du nicht.“

Ihr Ton ließ keine Widerrede zu, erkannte er. „Gut. Nochmals danke, dass du mir den Anzug extra gebracht hast. Ich weiß das zu schätzen.“

„Das freut mich. Denn das war eine große Ausnahme.“

„Wir sehen uns dann morgen beim Dinner.“

„Um halb acht.“ Sie schob ihre Handtasche auf die Schulter. „Sei pünktlich.“

„Emma …“ Als sie sich noch einmal umwandte, stand wieder das Bild eines Feldes voller Mohnblumen vor seinen Augen. Und er stellte sich vor, mitten darin zu liegen. Mit Emma. „Ich freu mich, dich wiederzusehen.“

Sie erwiderte nichts, doch sie zögerte einen Moment und gab ihm dadurch die Gelegenheit, noch einen Moment länger in seiner Träumerei zu verweilen. Und fast hätte er geschworen, dass da etwas zwischen ihnen war. Dann nickte sie knapp und wandte sich zur Tür.

Er sah ihr nach und bewunderte ihren Gang. Ihr Hüftschwung hatte Klasse und Eleganz. Plötzlich fragte er sich, warum er nie versucht hatte, etwas mit ihr anzufangen. Denn ihm war durchaus aufgefallen, wie sie ihn früher in unbeobachteten Momenten angesehen hatte.

Das leichte Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, erstarb. Er kannte den Grund. Emma Byrne war kein Mädchen, mit dem man einfach Spaß hatte. Sie trug ihre Ernsthaftigkeit so, wie andere Frauen Designerjeans trugen.

Jake hingegen war niemals ernsthaft. Er liebte die Frauen, auf seine Art. Frauen, die das Spiel und seine Regeln kannten. Vorbei war vorbei – ohne Ausnahmen, ohne einen Blick zurück. Aber er konnte nicht leugnen, dass diese erwachsene Emma – weiblicher, attraktiver – ihm durchaus gefiel. Sehr sogar.

Die Tür fiel ins Schloss, und er hörte, wie sich ihre Schritte entfernten. Jake verschränkte die Arme hinter dem Kopf und stellte sich vor, wie sie die Treppe hinunterschritt. Von Kopf bis Fuß verhüllt wie in einer Rüstung, aber das war nur umso reizvoller. War ihr das überhaupt klar? Er hätte sie doch begleiten sollen, überlegte er. Doch ihre Körpersprache hatte ein eindeutiges Nein signalisiert.

Während er die Ärmel herunterrollte, schlug er sich die lüsternen Gedanken aus dem Kopf. Verdammt. Er verfluchte Earl, seinen Erzeuger, der gestorben war und ihm diesen Mist hier hinterlassen hatte. Niemand ahnte etwas von Jakes Verbindungen zu diesem Club. Niemand aus Ryan, seinen Eltern und seiner Sekretärin.

Und Emma Byrne.

„Zur Hölle damit.“ Er schaute auf seine Uhr und schob das Handy in die Hosentasche. Für derartige Komplikationen hatte er jetzt überhaupt keine Zeit, auf ihn wartete eine wichtige Besprechung. Im Gehen zog er sein Jackett von der Stuhllehne und stürmte aus seinem Büro.

2. KAPITEL

Und ausgerechnet sie hatte ihn ermahnt, pünktlich zu sein.

„Hoffentlich hat sie eine gute Ausrede“, murmelte Jake, als er seinen BMW am folgenden Abend zum Coogee Beach steuerte, wo Emma und Stella mit ihrer Mutter lebten.

Als Ryans Trauzeuge war ihm keine andere Wahl geblieben – er musste sich selbst auf die Suche machen.

Vielleicht hatte sie einfach keine Lust gehabt, Jake Carmody so schnell wiederzusehen.

Allerdings war sie immer zuverlässig gewesen, und heute war der große Tag ihrer Schwester. Also folgerte er, dass es für ihre Abwesenheit einen guten Grund gab. Er hatte versucht, sie anzurufen, aber sie war nicht an ihr Handy gegangen, und jetzt begann er, sich Sorgen zu machen. Ungeduldig trommelte er auf das Lenkrad, während er an der roten Ampel wartete. Drei junge Mädchen liefen kreischend und johlend über die Straße.

Vielleicht hatte Emma sich verändert. Vielleicht hatte sie beschlossen, ihre selbst auferlegten Pflichten einzutauschen gegen ein bisschen Spaß. Schließlich waren sie sich – abgesehen von ihrem seltsamen Treffen gestern – schon eine Ewigkeit nicht mehr begegnet.

Die Erinnerung ließ ihn zusammenzucken. Er wusste genau, wann er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Vor sieben Monaten, auf Stellas und Ryans Verlobungsparty. Und er wusste genau, was sie getragen hatte – ein langes, trägerloses Kleid, dessen Farbe an das silbrig glitzernde Meer erinnerte, in dem sich der Mond spiegelt.

Er zwang sich, die verkrampften Hände am Lenkrad zu lockern. Die angespannte Miene zu lösen. Was bedeutete es, dass er sich an jedes Detail erinnerte, bis hinunter zu jedem schimmernden Zehnagel? Jeder dumme Junge konnte es erahnen.

An jenem Abend war er gerade rechtzeitig gekommen, um zu sehen, wie sie Hand in Hand mit einem blonden Surfertypen erschien. Wayne Irgendwas. Ganz offensichtlich waren Emma und Wayne unglaublich verliebt.

Vielleicht war dieser Wayne auch jetzt der Grund dafür, dass Emma die Zeit vergessen hatte …

Stirnrunzelnd bog Jake in die Auffahrt der Byrnes ein und schaute über das Meer, das in der untergehenden Sonne glänzte. Direkt hinter einer roten Limousine hielt er an.

Im Souterrain war früher ein Musikstudio gewesen, erinnerte er sich. Als Jugendliche hatten sie dort oft herumgehangen. Jetzt wohnte Emma dort, soweit er wusste, und ganz offensichtlich war sie noch zu Hause, denn es brannte Licht. Und da außer ihrem kein anderer Wagen auf dem Hof stand, war sie anscheinend allein.

Noch während er die Wagentür öffnete, wählte er Ryans Nummer. „Ry? Sieht so aus, als sei sie noch gar nicht losgefahren.“ Er ging die Stufen hinunter. „Wir kommen gleich.“

Verstimmt schob er das Telefon in die Hosentasche. Wenn er es schaffte, pünktlich zu erscheinen – und das nach einem mehr als anstrengenden Tag – dann sollte es Emma wohl auch gelingen. Noch dazu als Trauzeugin.

Durch das halb geöffnete Fenster drang ruhige Musik, begleitet vom Geräusch der Wellen, die sich am Strand brachen. Kurz hielt Jake inne, atmete die herbe, salzige Luft ein und genoss den Duft des Geißblatts, dann nahm er die letzten Stufen.

Die Türklingel, gefolgt von einem lauten Klopfen, riss Emma aus ihrer Arbeit. Es war, als erwachte sie aus einem tiefen Schlaf. Verwirrt schaute sie auf die Uhr. Oh nein. Als die Familie vor einer halben Stunde losgefahren war, hatte sie Stella versichert, dass sie ebenfalls gleich aufbrechen würde.

Ganz offensichtlich war sie die unzuverlässigste Trauzeugin der Welt.

Ihre Muskeln waren verspannt, weil sie zu lange in gebeugter Haltung gearbeitet hatte. Stöhnend streckte sie sich und redete sich gleichzeitig ein, dass sie die Zeit keineswegs deshalb aus den Augen verloren hatte, weil sie unbewusst den Moment hinauszögern wollte, Jake zu sehen. Auf gar keinen Fall würde dieser Mann irgendeinen Einfluss auf ihr Leben nehmen. Und auch jener Moment gestern, in dem ihre Blicke sich getroffen hatten und die Welt um sie herum zu verblassen schien, spielte absolut keine Rolle.

Tack, tack, tack.

„Okay, okay“, murmelte sie. Hastig wickelte sie die kleinen, duftenden Seifen in Blütenform, die sie für einen Auftraggeber gefertigt hatte, in Seidenpapier und rief: „Ich komme schon!“

Im Gehen wischte sie sich die Hände an ihrem weißen Arbeitskittel ab und öffnete die Tür. „Ich …“

Die große, kraftvolle Silhouette eines Mannes füllte den Türrahmen fast komplett aus. Obwohl die tief stehende Sonne nur seine Umrisse erkennen ließ, wusste Emma sofort, wer da vor ihr stand. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Jake.“ Atemlos schaltete sie die Beleuchtung auf dem Flur an. Sie versuchte, von seinem Anblick unbeeindruckt zu bleiben. Doch tatsächlich nahm sie jedes Detail an ihm wahr. Das dunkle Haar, die gebräunte Haut … Anscheinend war ich zu lange auf Blonde-Kerle-Diät, dachte sie voller Selbstironie.

Seine dunkle Hose war maßgeschneidert, das schokoladenbraune Hemd am Kragen geöffnet. Der Luftzug wirbelte eine Haarsträhne auf, deren Farbton im milden Licht der Abendsonne wirkte wie lange gelagerter Whiskey.

„Hier steckst du also.“ Sein Ton war schroff, prüfend sah er sie mit seinen dunklen Augen an.

„Wo sonst?“, gab sie zurück und versuchte zu ignorieren, dass sie rot wurde, als sie daran dachte, wo sie sich zuletzt getroffen hatten. Der Gedanke an das Striplokal gab ihr das Gefühl, ein dummes kleines Schulmädchen zu sein. Dabei gab es gar keinen Grund, dass sie wegen dieses Etablissements ein schlechtes Gewissen haben musste. Heute Abend allerdings sah das anders aus – sie war zu spät, und das war der Grund, warum er plötzlich bei ihr auftauchte.

Sie schenkte ihm ein leichtes Lächeln und beschloss, dass ihr gestriges Treffen den Abend heute nicht verderben sollte. Schließlich war es Stellas Fest. „Ich bin hoffnungslos spät dran“, gab sie zu. „Vermutlich bist du deshalb gekommen.“ Weshalb sonst?

„Es gibt ein paar Leute, die sich Sorgen um dich machen“, entgegnete er stirnrunzelnd. Er sagte es so ernsthaft, als gehöre er selbst zu diesen Leuten. Wo waren die Lachfältchen von gestern geblieben? Dann trat er unaufgefordert ein und musterte den großen Esstisch, auf dem noch unzählige der kleinen Seifenstücke lagen.

„Du bist nicht ans Telefon gegangen.“ Er drehte sich um und sah sie an. „Auch nicht an dein Handy, obwohl ich ein paarmal versucht habe, dich zu erreichen.“

Ihr Lächeln erstarb. Lag da etwa Kritik in seiner Stimme? „Das sagt der Richtige“, konterte sie. „Warst du nicht gestern zu beschäftigt mit deinen anderen Geschäften, um mich zurückzurufen? Weißt du eigentlich, wie viel Mühe es mich gekostet hat, die Adresse deines Büros von deiner Sekretärin zu bekommen?“

Ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, nickte er. „Sie hat es mir erzählt, und ich bitte in aller Form um Entschuldigung.“

Emma atmete tief ein. „Okay.“ Sie zwang sich, den gestrigen Abend aus ihrem Gedächtnis zu streichen. „Und da ich keinen guten Grund für meine Verspätung habe, bitte nun ich dich um Verzeihung.“

Der Ausdruck seiner Augen erwärmte sich, und seine Haltung wurde weicher. „Angenommen.“ Ganz kurz nur beugte er sich hinunter und streifte ihre Wange mit seinen Lippen. Als er sich wieder aufrichtete, nahm sie sein herbes, würziges Aftershave wahr.

Sofort war die prickelnde Anspannung von gestern zurück und jagte ihr das Blut durch die Adern. „So, äh … Ich gehe gerade noch …“ Völlig aus dem Konzept gebracht trat sie einen Schritt zurück und steuerte auf einen Vorhang zu, der den Raum teilte und hinter dem sich ihr Schlafzimmer befand. Doch Jake reagierte nicht.

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