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Kanakenblues

Boyle

2.–3. September 1999

2. September 1999. Drei Uhr nachts. Das Polizeipräsidium war so still wie zu keiner anderen Zeit. Boyle stand rauchend in der Verbindungstür zwischen den Fachkommissariaten 1 und 8.

Eigentlich hatte Boyle in beiden Abteilungen derzeit nichts zu suchen, denn seine Schicht war seit über zwei Stunden vorbei.

Er sah sich misstrauisch um, trat ins Büro des Chefs der Fahrbereitschaft und schloss die Tür. Er brauchte keine Minute, um zu finden, wonach er suchte: den Einsatzplan der Dienstfahrzeuge.

Er wusste, dass die Drogenabteilung des LKA den roten Porsche des Präsidiums für eine Undercoveraktion angefordert hatte. Was er nicht wusste, war der exakte Zeitpunkt. Deswegen war er hier.

Er blätterte den Papierstapel auf dem Schreibtisch durch. Da war die Anforderung des LKA.

Am 3. September um 9 Uhr 30 würden zwei Fahnder des LKA sich in den roten Porsche setzen, um mit sechs Kilo reinstem Koks auf dem Rücksitz im Hotel Excelsior einen getürkten Deal mit einem stillen Amerikaner anzuschieben. Für den Straßenverkauf aufbereitet und gestreckt, ließ sich aus den sechs Kilo beinah das Doppelte an Gewicht herausholen. Was da durch die Gegend chauffiert würde, wären also gut und gern elf Kilo Koks mit einem aktuellen Straßenverkaufswert von fast anderthalb Millionen. Die Preise waren in den Himmel geschossen, seit der Zoll im Hafen einige Großlieferungen beschlagnahmt hatte.

Nur würde das Koks aus dem Porsche nie im Excelsior ankommen, weil Boyle und Teddy Amin dem Jugo-Paten Nikolas Premuda Fahrstrecke und Abfahrtsort des roten Porsche verkaufen würden.

Teddy tat es allein für das Geld. Er auch, aber nicht nur.

Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich und lief über den langen Gang zum Aufzug, der ihn in die Tiefgarage bringen würde.

Er sah sein Gesicht im Rückspiegel seines Wagens: die tiefblauen Augen seiner Mutter, die eigenartig intensiv mit der dunklen Haut seines afroamerikanischen Vaters kontrastierten. Früher hatte er sich manchmal gefragt, wer sein Vater war, heute war es ihm ziemlich gleichgültig. Wie eine alte Narbe, die zwar manchmal noch juckte, aber mit der man längst zu leben gelernt hatte.

War das Angst, was da in seinen blauen Augen stand?

Bestimmt.

Es wäre verrückt, keine Angst vor dieser Sache morgen zu haben. Dennoch konnte nichts schiefgehen. Premudas Männer waren zu gut, um Fehler zu machen.

Teddy Amin und Boyle kannten sich fast so lange, wie er denken konnte. Trotzdem merkwürdig, dass Boyle ausgerechnet Polizist geworden war und Teddy in demselben Jahr zum ersten Mal in den Knast marschierte, als Boyle auf die Polizeischule ging.

Als Boyle mit der Polizeischule durch war, war Teddy bereits ein paar Monate wieder draußen. Boyle war der Musterschüler mit dem zweitbesten Ergebnis seines Jahrgangs. Teddy mauserte sich zum aufstrebenden Stern am Gangsterhimmel. Nach drei Jahren Streifendienst wurde Boyle zum Kriminaldienst versetzt. Ungefähr zur selben Zeit schrieb irgendeiner von Boyles Kollegen in Anspielung auf die Italienergangs der Cosa Nostra, Koscha Nostra auf Teddys Polizeiakte. Denn Teddy war Jude und das waren die meisten seiner Gangmitglieder auch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren sie nach Deutschland gekommen, um hier ein anderes, ein besseres Leben zu finden.

Koscha Nostra, die Gang der Russen also. Und Teddy war ihr unangefochtener Boss. Zwanzig junge Einwanderer aus Russland dienten ihm als Eintreiber, Rausschmeißer oder Beschützer der Mädchen, die er in seinen Bordellen beschäftigte.

Ein Gangster und ein Bulle. Und trotzdem hatte es seit zwanzig Jahren keinen Tag im Leben des Lewis Boyle gegeben, an dem er Teddy Amin nicht blind sein Leben anvertraut hätte. Wenn auch wahrscheinlich nicht seine Frau. Aber das zählte auch nicht. Denn eine Frau hatte er sowieso nicht. Jedenfalls keine, bei der er auf die Idee gekommen wäre, sie so zu bezeichnen.

Am folgenden Morgen waren die Straßen zwar nass vom nächtlichen Regen, aber die Luft selbst für Anfang September viel zu heiß.

Teddy und Boyle hockten in Teddys Mini Cooper und trieben mit dem Pendlerstrom aus der Stadt Richtung Industriezentrum Ost. Beide hingen ihren eigenen Gedanken nach. Im Ascher glühte eine Kippe vor sich hin und draußen zischte die immer gleiche Lärmschutzwand an ihnen vorüber.

Zwanzig Minuten später bog Teddys Cooper in die Einfahrt eines Schrottplatzes und rollte dann an dem frisch verputzten Bürohäuschen und Bergen von übereinander gestapelten Autowracks entlang zu einer flachen Lagerhalle.

Schien, als waren Teddy und Boyle um einige Minuten zu früh dran. Alles, was sich an menschlichen Wesen zeigte, war ein fetter Typ in einem fleckigen Overall, der wirkte, als hätte er die letzten zehn Jahre in einem Ölfass verbracht.

Einige Minuten später rollte ein unauffälliger dunkler Toyota in die Lagerhalle. Teddy und Boyle folgten ihm.

Die Halle war bis auf einen Kran und einige verrostete Stahlträger am Boden leer.

Premuda war nicht allein. Ein weiterer Mann stieg mit ihm aus dem dunklen Toyota. Ein kurzer Blick auf ihn genügte Boyle: Mitte zwanzig, schlank, durchtrainiert, schnelle klare Augen und Handkanten mit Hornhaut. Ein Bodyguard der besseren Sorte.

Premuda wirkte mit seiner rosigen Haut, den schmalen Augen, vollen Lippen und Bauernfingern wie ein Provinzrusse auf Urlaub. Selbst der gut geschnittene graue Anzug, zu dem er eine gelbe Krawatte gewählt hatte, machte es nicht besser.

„Hallo Jude“, sagte Premuda und streckte Teddy die Hand entgegen. Teddy schüttelte sie und stellte Premuda dann Boyle vor.

„Ich hab, was ihr wolltet. Wie steht’s mit euch?“

„Wir auch“, flüsterte Boyle.

„Na dann … Ich höre.“

„Ein roter ’92er 911er Porsche. Er wird morgen um 9 Uhr 30, plus minus fünf Minuten, aus der Tiefgarage des Präsidiums rollen. Zwei Männer. Beide unbewaffnet. Der Ami, dem sie den getürkten Deal aufgeschwatzt haben, ist vorsichtig. Er traut keinem mit ’ner Waffe.“

„Wie viel Stoff werden sie dabei haben?“

„Sechs Kilo. Ungestreckt. Ich hab die Anforderung an die Asservatenkammer gestern selbst gesehen.“

Premuda nickte zufrieden. „Etwas verstehe ich nicht, wieso benutzen die vom LKA nicht ihre eigenen Wagen?“

Boyle lächelte traurig. „Alles, was sie an repräsentativen Schleudern haben, sind zwei defekte alte Jaguar. Sie müssen vier Formulare ausfüllen und drei Wochen warten, nur um für die Teile ’nen Satz neue Reifen genehmigt zu kriegen, also haben sie unsere Fahrbereitschaft um Hilfe gebeten.“

Premuda sah einen Moment an Teddy und Boyle vorbei. „Scheiße Junge, so führt man keinen Krieg.“

Boyle zuckte mit den Achseln, obwohl ihm der Begriff Krieg sauer aufstieß. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein?

Premuda gab dem Bodyguard einen Wink. Der setzte sich in Bewegung, trat an den Wagen, kehrte mit einem schmalen Aktenkoffer zurück.

„Hälfte heute und hier. Den Rest, nachdem ich das Zeug weiterverkauft habe. Korrekt?“

Teddy nickte Premuda feierlich zu. Soweit es ihn anging, war der Deal gelaufen.

„Wo ist der Rest?“, fragte Boyle und streckte seine Hand aus.

„Hier“, meinte Premuda und zog ein in braunes Packpapier eingeschlagenes Päckchen hervor. Boyle riss es auf und fand darin offenbar, was er sich erhofft hatte: Schnappschüsse und Papiere, die er rasch durchblätterte und dann in seiner Lederjacke verschwinden ließ. Das Geld war das eine. Aber jenes Material, das Premuda Boyle gerade übergeben hatte, war für ihn das Sahnehäubchen auf der Torte. Damit würde Boyle sich endlich an einigen Männern rächen, die ihre Uniform schon viel zu lange trugen.

Premuda wies auf das Päckchen. „Wenn ihr Bullen euch bis morgen nicht gerührt habt, bekommt alles, was du eben bekommen hast, auch Bellini von der Abendzeitung.“

Boyle sah Premuda in die Augen und zuckte die Achseln. Und wenn schon, sollte das wohl heißen.

Premuda hielt Boyles Blick mühelos stand. So einfach war der alte Mann nicht einzuschüchtern.

Keiner der beiden Männer warf einen Blick zurück, sobald Teddy den Mini Cooper durch das Maschendrahttor auf die schmale Straße vor dem Schrottplatz gelenkt hatte. Kaum andere Wagen auf der Schnellstraße, die sie wenig später der Kennedybrücke entgegenrollten.

„Wo soll ich dich rauslassen?“

Boyle drückte seine Kippe im Ascher aus.

„Am Friedhof.“

Teddy bog in Richtung City ab. Im Radio röhrte Rod Stewarts Have I told you lately. Boyle verzog das Gesicht. Rods Popgedudel war nicht ganz nach seinem Geschmack.

„Ich ruf dich an, sobald ich in Lausanne fertig bin.“

Boyle nickte. „Dein Kurier kommt mit dem Koffer auch wirklich über die Grenze?“

Teddy grinste. „Ja, kein Grund, sich Sorgen zu machen, Alter. Der Junge weiß, was er tut. Ist ja nicht so, als würde er das zum ersten Mal machen.“

Der Kurier würde mit dem Geld im Koffer nach Lausanne fahren, wo Teddy ihn erwartete, um die Kohle anschließend auf zwei Nummernkonten einzuzahlen, eines für ihn selbst, das andere für Boyle. Wahrscheinlich stieg Teddy morgen früh schon wieder in Hamburg-Fuhlsbüttel aus dem Flieger, noch bevor die Kriminaltechniker mit der Untersuchung der Umgebung der beklauten LKA-Männer zu Ende gekommen waren.

„330 000 zu fünf Prozent auf ’nem Schweizer Nummernkonto, das nenne ich ’nen guten Start, mein Freund.“

Boyle antwortete nicht, sondern trommelte ein paar Mal nachdenklich mit den Fingern auf Premudas Packpapierpäckchen herum.

Ein breiter, mit Kies bestreuter Weg wand sich unter den ausufernden Kronen alter Bäume der Friedhofskapelle entgegen. Die Stille rundum wurde einzig vom Knirschen des feinen Kieses unter Boyles Ledersneakern unterbrochen. Vierzig grün-weiße Streifenwagen waren um den Eingang der Kapelle abgestellt, dazu noch zehn zivile Viertürer der Kriminalabteilungen. Der Friedhof Blankenese war fast schon heiliger Hamburger Grund. Neben einigen bekannten Malern, Pfarrern und Schriftstellern lag hier auch die Kiezgröße Wilfried Schulz, den die Zeitungen seinerzeit „den Paten“ nannten.

Einige Uniformierte unterhielten sich leise, die Hände in den Taschen ihrer Uniformen. Zwei oder drei von ihnen grüßten Boyle flüchtig mit einem Kopfnicken.

Habe ich es mir so vorgestellt, fragte er sich. War das der Tag, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte? Mit Premudas Material hatte Boyle alles, was er brauchte, um Färber und Saleki vom 5. Revier endgültig aus dem Verkehr ziehen zu lassen.

Er hatte den Erinnerungen, die in ihm aufstiegen, nichts entgegenzusetzen.

Juli 1982. Boyle war Beamter auf Probe und kaum drei Wochen mit der Polizeischule durch. Ein Frischling voller Illusionen und Abenteuerlust. Illusionen, die an diesem Abend für immer in einem gurgelnden Sog aus Ekel und Angst untergehen sollten.

Färber, Saleki und Boyle betraten in ihren Uniformen den Aufzug eines gesichtslosen, zehnstöckigen Betonbaus in Harburg.

Färber war stellvertretender Revierchef des 5. und streng genommen nicht mal im Dienst, da seine Schicht vor wenigen Minuten zu Ende gegangen war, wohingegen der Dienst seines Kumpels Saleki, Boyles direkter Vorgesetzter, gerade erst begonnen hatte.

Färber nahm Boyle vor der Tür zur Wohnung 217 zur Seite. „Du hältst das Maul und tust, was wir dir sagen. Kapiert?“

Saleki betätigte die Klingel.

Ein kräftiger Mann in einem „Harvard University“-T-Shirt und grünlich fleckigen Shorts öffnete.

Die Küche: dreckiges Geschirr in der Spüle, eine Mikrowelle, in der sich irgendein Fertiggericht drehte, auf dem Tisch ein überquellender Ascher, zwei Gläser und eine halbleere Flasche Jack Daniel’s.

Der Typ in dem Harvard-Shirt trat an den Küchenschrank und brachte einen säuberlichen Stapel Scheine hervor. „Diese Woche bisschen weniger als sonst“, sagte er.

„Ferienzeit. Schon okay.“ Saleki griff nach dem Geld, steckte es ein.

Das Harvard-T-Shirt stellte zwei zusätzliche Gläser auf den Tisch, tauschte die Luft darin gegen Jack Daniel’s Whisky. Sie tranken. Saleki fragte nach einer zweiten Füllung. Er bekam sie, kippte sie hinunter und drehte sich dann zu Färber um. „Mach hin – wir haben heute noch mehr vor!“

Färber stand auf und verließ die Küche. Für die übrigen gab es eine dritte Runde Whisky. Boyle, der sich zunehmend unwohl fühlte, aber nicht den Mut aufbrachte, etwas zu sagen.

„Ich will die Neue sehen.“ Saleki stieß das Harvard-T-Shirt an.

Eine Minute später folgten Boyle und Saleki dem Harvard-T-Shirt in den schmalen Wohnungsflur.

Färber war nirgendwo zu sehen. Im Zimmer neben der Küche quietschten Bettfedern. Aus dem gegenüber schallte das hohe Lachen einer Frau.

Harvard-Shirt und Saleki nahmen Boyle in die Mitte. Gemeinsam betraten sie das dritte Zimmer.

Ein Bett, ein zerfranster Vorleger, ein Tisch. Das Fenster verdeckt von einer bläulich schimmernden Jalousie. Auf dem Laken ein zierliches blondes Mädchen in einem speckigen Männerhemd. Die kann kaum sechzehn sein, dachte Boyle. Ekel stieg ihm die Kehle herauf.

„Bisschen sehr jung, oder?“

Der Harvard-Mann zuckte die Achseln.

„Und?“

„Nix weiter, bloß ziemlich jung.“

Saleki zückte seinen Gummiknüppel, schlug damit ein paar Mal kräftig gegen die Wand zum Nachbarraum.

„Runter von der Alten, Färber.“

Boyles Blick blieb an dem Mädchen hängen. Ihrer anfänglichen Überraschung schien Angst gewichen zu sein. Sie zog das Hemd über der Brust zusammen, verkroch sich in die hinterste Ecke des Bettes.

Eine Tür klappte. Färbers schlurfende Schritte im Flur. Saleki, Boyle und das Harvard-Shirt sahen sich nach ihm um.

Färber, der in der Tür stehend sein Koppel schloss, dann aufsah und Boyle breit angrinste.

„Fick sie!“

Boyle fuhr zu Saleki herum.

„Was?“

„Fick die Kleine.“

In Färbers Augen derselbe herausfordernde Blick, den auch Saleki aufgesetzt hatte.

„Bist du schwerhörig, oder was? Du sollst sie ficken, Mann!“

Ein sanfter Stoß von Salekis Gummiknüppel in Boyles Magengrube.

„Entweder du fickst die Kleine jetzt oder in deiner nächsten Beurteilung steht: für den Polizeidienst ungeeignet.“

Boyle schlug Salekis Gummiknüppel zur Seite. „Spinnst du?“, zischte er. „Das wäre kein Fick, sondern ’ne Vergewaltigung.“

Färber, in dessen Hand plötzlich seine Dienstpistole auftauchte.

„Und genau darum fickst du sie jetzt auch, Boyle. Wenn wir abgehen, gehst du gefälligst mit.“

Der Rest war Dunkelheit.

Immer noch.

Aus der Friedhofskapelle drangen die Klänge einer Orgel. Jetzt dort hineinzugehen, um nach Becker zu suchen, kam nicht in Frage. Also steckte Boyle sich eine Zigarette an, wartete bis die Orgelklänge verebbten und die Stimme des Pastors ertönte, dem bald darauf das vielstimmige Gemurmel eines Vaterunsers folgte.

Er hatte den Kollegen, der heute hier zu Grabe getragen wurde, kaum gekannt. Ein unauffälliger Mann um die Fünfzig, der vor einigen Tagen während einer Verkehrskontrolle von einem Kleinlaster erfasst und tödlich verletzt worden war.

Keiner der Lamettaträger, die gleich zusammen mit Frau und Kindern des Toten aus der Kapelle schreiten würden, hätte den Mann zu Lebzeiten auch nur gegrüßt, wäre er ihnen zufällig auf irgendeinem Flur entgegengekommen, aber ein bisschen Tamtam war immer gut fürs Image.

Der Trauerzug war längst an Boyle vorübergezogen und einige der höheren Ränge drängten sich bereits beim Friedhofseingang zwischen den dort lauernden Mikros und Fernsehkameras umeinander, als Boyle endlich Becker entdeckte. Er lehnte einsam eine Kippe rauchend an einem Baum.

Becker war um die sechzig und für das Gehalt eines Kriminalrats zu schlecht gekleidet. Er hatte Boyle nach dem Gymnasium zur Polizei geholt. Ihm verdankte er seine Versetzung in den Kriminaldienst und die meisten der drauffolgenden Beförderungen. Vielleicht hatte Becker in den letzten beiden Jahren etwas abgebaut, doch was immer da verlorengegangen war, machte er mit nur noch grimmigerer Entschlossenheit wett.

„Hallo Becker.“

„Hab dich da drin vermisst“, sagte Becker.

Boyle verzog das Gesicht.

Becker faltete seine Pianistenfinger über seinem Bauch. „Schon gut.“

„Ich hab Überstunden gemacht“, meinte Boyle. „Hat sich gelohnt: Ich hab Färber und Saleki am Arsch.“

Becker blies die Hängebacken auf.

„Aber Bellini von der Abendzeitung kriegt das, was ich habe, wenn wir uns bis morgen nicht gerührt haben. Dann knallt sie es auf die Titelseite.“

Becker kommentierte Bellinis Namen mit einem missmutigen Knurren. „Wie weit kommen wir mit dem, was du hast?“, fragte er.

„Ich hab Zeugenaussagen. Ich hab Fotos. Diesmal buchten wir sie ein.“

„Seit sechs Jahren bin ich an Färber und Saleki dran, aber bisher ist noch jeder Zeuge umgefallen, wenn es ernst wurde. Wer garantiert mir also, dass es jetzt nicht wieder passiert?“

Boyle hatte nie gehofft, dieser Frage aus dem Weg gehen zu können. „Dieses Gespräch hat nie stattgefunden, kapiert Becker?“

Becker nickte. „Also WER?“

„Premuda“, sagte Boyle.

„Das ist sehr dünnes Eis, Boyle“, sagte Becker nach einer Weile.

„Willst du sie von der Straße haben oder nicht?“

„Ja.“

Boyle hatte gewonnen.

„Ist er von selbst damit gekommen?“, erkundigte sich Becker.

Boyle hatte kein Problem damit ihn anzulügen. „Sein Anwalt hat um ein Treffen gebeten. Als ich hinkomme, ist der Alte selber da. Gibt mir das Zeug, sieht mich an und garantiert mir mit seinem guten Ruf, dass diesmal kein Zeuge umfallen wird.“

Becker schluckte das – irgendwie. Für Boyle höchste Zeit ihn an ein paar alte Versprechen zu erinnern. „Dafür, dass ich dir Färber und Saleki auf dem Tablett serviere, will ich was haben. Ich hab die Schnauze voll vom Kriminaldauerdienst. Gib mir die freie Planstelle beim Morddezernat.“

Beckers Blick wurde weich. „Tut mir leid. Die hat Haffner schon mit einem von seinen Jungs besetzt.“

Haffner, genannt Bulldogge, war Chef der Mordkommission und zählte nach allem, was Boyle über ihn gehört hatte, ganz und gar nicht zu Beckers Fanclub.

„Aber Ende des Jahres geht sein Stellvertreter Sperling in Pension. Ich hab den Antrag gestern auf dem Tisch gehabt. Doch wenn ich das für dich schaukeln soll, reichen mir Färber und Saleki nicht. Da muss mehr für mich herausspringen.“

„Was?“, fragte Boyle angesäuert.

„Nächsten Monat ist deine Beförderung zum Hauptkommissar durch. Ab sofort bist du zur Pressestelle versetzt. Bis nächstes Jahr machst du dort schön Männchen und ich garantiere dir Sperlings Planstelle bei der MoKo. Übernächstes Jahr geht Haffner dann selbst in Pension. Heiner Geist wird sein Nachfolger. Aber ich setze mich dafür ein, dass du ein Jahr später sein Stellvertreter wirst und zwei Jahre später, wenn Geist dann selbst in Pension geht, kriegst du seinen Job. Mit sechsunddreißig Leiter bei Mord das hat in dem Laden vor dir noch keiner geschafft.“

Ein stiller Glanz kroch in Boyles Augen. Wenn ein Jahr Dienst in der Pressestelle der Preis war, den Becker forderte, damit konnte Boyle eindeutig leben. Alles war besser, als noch ein paar Jahre auf seinem Posten beim Kriminaldauerdienst versauern zu müssen.

Zehn nach Zwölf. Die City kochte unter Hitze, Staub und dem fauligen Geruch des Brackwassers aus dem Hafenbecken. Boyle parkte den Dienst-Opel des Kriminaldauerdienstes auf dem für die Geschäftsleitung reservierten Parkplatz vor dem Redaktionsgebäude der Abendzeitung.

Ein Pförtner in der verglasten Eingangshalle, wies ihm den Weg zum dritten Stock, wo sich die Büros der Redakteure befanden.

Er kannte Francesca Bellinis Bild von der täglichen Kolumne auf der Titelseite: Eine Brünette mit vollen Lippen, leicht schräg stehenden Augen, gerader Nase und festem, dennoch weiblichem Kinn, die so attraktiv war, dass Boyle sich wunderte, wieso man sie nicht längst für irgendeine hirnlose TV-Show gecastet hatte.

Sollte Becker jemals erfahren, mit wem Boyle sich hier traf, würde das jeden Deal, den sie zusammen ausgehandelt hatten, kommentarlos zunichte machen. Trotzdem war es das Risiko wert.

„Boyle vom Kriminaldauerdienst.“

„Schon von Ihnen gehört. Was kann ich für Sie tun?“

Bellini bot Boyle einen Platz an.

„Kaffee? Saft? Wasser?“

Boyle schüttelte den Kopf. „Danke. Ich will Sie nicht lange aufhalten.“

Bellinis verschlossener Gesichtsausdruck brach auf. „Sparen wir uns also die Floskeln. Falls Sie gekommen sind, um mich für Ihre Bosse weichzuspülen – vergessen Sie es. In Ihrem Laden ist der Wurm drin. Und genauso werde ich es weiterhin in meiner Zeitung schreiben. Und was Freundschaft angeht – danke der Nachfrage, aber damit bin ich ausreichend versorgt.“

Boyles Lächeln blieb, wo es war. Er beschloss, auf Bellinis Spielchen einzugehen.

„Schreiben Sie von mir aus, was Sie wollen, aber tun Sie es besser gleich. Könnte nämlich sonst sein, dass Sie die Sensation des Tages verpassen.“

Bellini lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück. „Sie verwöhnen mich ja geradezu, Kommissar Boyle.“

„Ja, so bin ich: immer mit dem Service nah am Endverbraucher. Also, wie wär’s mit: Revierchef und Stellvertreter festgenommen? Ach, und wo wir schon mal dabei sind: seit heute Haupt kommissar Boyle.“

Neugier blitzte in Bellinis Augen auf.

„Welches Revier? Unter welcher Anschuldigung?“

„Das 5. Mathias Färber und Stefan Saleki. Der Haftbefehl lautet auf Nötigung, Freiheitsberaubung und schwere Körperverletzung. Jeweils in mindestens vier Fällen. Becker lässt ihn gerade beim Amtsgericht ausschreiben.“

„Erklären Sie mir das genauer, Boyle. Immer wieder tauchen Gerüchte über das 5. auf. Nichts geschieht. Wieso gerade jetzt? Will da irgendjemand sein mieses Image mit ein bisschen schnellem Aktionismus aufbessern oder ist es Ihnen etwa plötzlich wirklich ernst mit dem Großreinemachen?“

„Färber und Saleki haben seit Jahren Schutzgeld kassiert. Aber Sie und ich wissen, dass der Kuchen vor ein paar Monaten neu verteilt worden ist. Und irgendwem gefiel nicht, was er da sah. Also hat er Konsequenzen gezogen und uns einen kleinen Tipp gegeben.“

Bellini blieb distanziert. Boyle setzte nach.

„Und, Bellini, erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, Sie wüssten nicht, wer dieser Mann ist, der da den Kuchen neu verteilt hat.“

In Bellinis Gesicht veränderte sich nichts. „Und wo, Hauptkommissar Boyle, findet das Ereignis des Tages statt?“

Boyle warf einen Blick auf seine Uhr. „Lassen Sie es mich mal so sagen: In zwei Stunden treten Saleki und Färber im 5. ihre Schicht an.“

Bellini griff nach dem Telefonhörer vor sich auf dem Tisch.

„Ach, und dieses Gespräch …“

„Hat nie stattgefunden. Ich weiß“, sagte Bellini.

Zwischen Siebzigerjahre-Hochhäusern und unter unbarmherziger Spätsommerhitze und verdorrten Rasenstücken brütete der Flachbau des 5. Reviers still vor sich hin. Boyle sah auf seine Uhr.

Reichlich Zeit, bis Beckers Leute auftauchten, um Färber und Saleki zu verhaften.

Er hatte den Opel hinter einer rachitischen Hecke auf dem Parkplatz eines der Hochhäuser abgestellt, von dem aus er den Eingang des 5. einsehen konnte, ohne selbst dabei gesehen zu werden.

Als dann tatsächlich die Handschellen klickten, steckte sich Boyle eine Zigarette an, machte ein paar tiefe Züge und ließ zu, dass sich der Knoten in seinem Bauch allmählich entspannte.

In Salekis Blick stand der pure Hass, als ein Kollege ihm in den unauffälligen Viertürer half. Sein Kumpel Färber schien einfach nur geschockt zu sein.

Vielleicht mochten Färber und Saleki sich immer noch vormachen, dass Boyle früher oder später wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen neben ihnen auf der Anklagebank landete. Doch sie irrten sich.

Es gab einen Grund, weshalb Boyle so sicher war, dass wegen der Vergewaltigung keiner je an seine Tür klopfen würde. Jahrelang hatte er selbst nach dem dünnen Mädchen gesucht. Aber es nie gefunden. Und ohne Zeugin blieben Färbers und Salekis Anschuldigungen nur unbewiesene Behauptungen.

Hinter der Hecke sah Boyle zwei Grünen dabei zu, wie sie vergeblich versuchten, Bellini und ihren Fotografen abzudrängen. Eine Gruppe Schaulustiger begann steif und ungelenk zu applaudieren, während der Grün-Weiße mit den beiden Gefangenen auf dem Rücksitz zwischen ihnen hindurchrollte.

Es gab Momente, da machte Polizeiarbeit Spaß. Dass sich jetzt angesichts ihrer Festnahme jede Menge Ärsche, arme Schweine und Frauenverdrescher, die von Färber und Saleki verhaftet worden waren, ganz gute Chancen ausrechnen durften, dass man ihre Prozesse noch einmal neu aufrollen würde, war Boyle scheißegal. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass sogar der Beton um ihn herum golden schimmerte.

3. September 1999. Tommy Graf trug Designeranzüge, hatte weiche Lippen und sanfte, etwas wässrige Augen. Vor zwei Jahren hatte er während eines Routineeinsatzes einen Mann erschossen, und es schien bis heute nicht so, als hätte er damit irgendwelche tiefergehende Schwierigkeiten.

Wenn Boyle in der Behörde, von Becker abgesehen, so etwas wie einen Freund hatte, dann war es Tommy Graf. Was gut und gern daran liegen konnte, dass er als einziger Homosexueller im Kriminaldauerdienst genauso sehr als Außenseiter galt wie Boyle. Jetzt stand er vor dem Plastikstehtisch eines Imbisses am Hafen und bekleckerte sein Kaschmirsakko mit Senf.

„Du hast ihnen kräftig ans Bein gepinkelt, Boyle. Ausgerechnet Bellini dorthin zu hetzen war so ziemlich das Letzte, womit sie gerechnet hätten. Jetzt bleibt ihnen nichts weiter übrig, als es an die wirklich große Glocke zu hängen. Du musstest es ja unbedingt auf die idiotensichere Tour durchziehen. Das verzeihen die dir nie. Bei Haffner und Company hast du bis in die Steinzeit verschissen.“

Boyle versenkte den Rest seiner Pommes rot-weiß in dem Papierkorb neben dem Imbisswagen. „Haffner geht in spätestens zwei Jahren in Pension. Vergiss es, der hat abgewirtschaftet.“

Tommy entdeckte den Senffleck auf seinem Sakko, zückte ein Taschentuch und rieb damit daran herum. „Sie haben wegen des Überfalls heute Morgen eine Sonderkommission gebildet. Alles dabei, was Rang und Namen hat. Ich auch.“

Boyle sah unbewegt einem Schlepper zu, der Richtung Trockendocks durchs Hafenbecken dampfte. „Und?“

Tommy steckte sein Taschentuch wieder ein. „Entweder hat den Typen irgendwer im Präsidium einen Tipp gegeben oder es waren gar keine Leute von außerhalb daran beteiligt.“

Boyle wandte sich Tommy zu. „Ein reines Bullending?“

„Ja, auch wenn sie gerade dabei sind sämtliche Abstauber der Stadt zusammenzutrommeln, glaube ich nicht, dass es Leute von draußen gewesen sind. Nein, da haben sich ein paar von unseren Männern zusammengetan, um sich gründlich zu sanieren.“

Der Schlepper im Hafenbecken verschwand im Dunst.

Tommy sah Boyle an. „Du hast zwei Jahre bei der Drogenfahndung gearbeitet. Wenn es wirklich Bullen waren, dann kommen sie von dort. Gib mir ’nen Tipp, Boyle. Du kennst die Typen besser als ich. Wenn ich diese Sache knacke, können sie gar nicht anders, als mich nächstes Jahr zum stellvertretenden Leiter MoKo zu ernennen.“

Boyle bestellte bei dem dicken schweißglänzenden Typen im Imbisswagen zwei Bier. „Keine Ahnung, Tommy. Ehrlich“, sagte er.

Boyle reichte Tommy ein Bier und fragte sich einen Augenblick, ob irgendwer nicht längst Verdacht geschöpft hatte, und ihm jetzt Tommy auf den Hals hetzte, um schon mal ein bisschen vorzufühlen. Es waren immer deine Freunde, die sie dir auf den Hals hetzten, wenn es eng wurde. Im Präsidium war das nicht anders als bei den Gangs auf den Straßen.

Sie tranken.

„Hat dir eigentlich schon mal irgendeiner gesagt, dass deine verdammten stahlblauen Augen einen richtig verrückt machen können?“

Boyle sah stur geradeaus. „Kein Mann, falls du das meinst.“

Tommy lachte.

Eine Minute, zwei – Schweigen.

„Als ich damals den Kerl erschossen habe, dachte ich, irgendwas muss sich jetzt doch ändern. Ich meine, du stehst morgens auf. Du rasierst dich. Du machst dir ’nen Kaffee. Du gehst zur Arbeit. Tust, was du immer tust. Lebst. Und dabei hätte doch eigentlich alles anders sein müssen, weil du diesen Kerl plattgemacht hast. Aber das ist es nicht. Es ist alles wie immer. Ich habe mich hingesetzt und in mich reingehorcht. Aber da war nichts. Nicht mal Leere. Einfach nichts. Ich weiß nicht, wie es anderen dabei gehen würde. Mir jedenfalls ist es bloß scheißegal. Verstehst du? Es tut mir nicht mal leid. Der Typ hat gekriegt, was er verdient. Punkt.“

Irgendwo hupte ein Auto. Und hinter ihnen bestellte ein Kerl, der aussah wie ein Werftarbeiter, einen Hot Dog zu zwei achtzig.

Boyle glaubte Tommy. Aber er wusste auch, dass er selbst es nicht ertragen könnte, einen Mann zu töten. Das war der Grund, weswegen er so fest davon überzeugt gewesen war, einen guten Mordermittler abzugeben.

„Wenn du das erst mal kapiert hast, bist du drüber hinaus. Dann gibt’s nicht mehr viel, vor dem du noch Angst haben müsstest. Und irgendwie bin ich sicher, dass die Typen, die den Überfall durchgezogen haben, schon längst an diesem Punkt gewesen sein müssen. Deshalb denke ich bei dem Überfall an Bullen. Gibt einfach keine besseren Kriminellen als altgediente Bullen.“

Tommy zückte ein Taschentuch und begann wieder an dem Senffleck herumzureiben.

„Die Leute meinen immer, wir seien so was wie die Mauer, die sie vor dem Bösen schützt, von dem sie glauben, dass es ständig um sie herum aus den Gossen kriecht. Aber das ist naiv. Wir sind keine Mauer. Wir sind höchstens so was wie Katalysatoren, die dafür bezahlt werden, das, was schieflief, durch unsere Hirne zu filtern und irgendwann in Form von Schlussfolgerungen und Beweisen in Gerichtsakten wieder auszukotzen. Worüber bloß nie einer redet ist, dass in jedem Katalysator Überreste hängenbleiben. Irgendwann wird es einfach zu viel und er verstopft und die Folge davon ist dann so was wie heute Morgen.“

Obwohl es dort nichts Interessanteres als Dunst zu sehen gab, wandte sich Boyle wieder dem Hafenbecken zu. Tommy Graf mochte gar nicht so Unrecht haben mit dem, was er sagte. Doch spielte das gar keine so große Rolle. Tommy entsprach so ganz und gar nicht dem üblichen Polizisten. Und das nicht nur, weil er schwul war, sondern auch, weil er aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte. Und so sehr er sich auch ständig selbst zu beweisen bemühte, dass sein Job für ihn mehr als nur die exzentrische Schrulle eines reichen Sonnyboys war – was Tommy im Gegensatz zur überwiegenden Zahl der anderen Polizisten fehlte, war jenes instinktive Verständnis dafür, wie unglaublich erniedrigend es war, arm zu sein.

Nein, niemand hatte Tommy vorgeschickt, um Boyle wegen des Überfalls auf den Zahn zu fühlen. Jeden anderen, nur nicht ausgerechnet Tommy Graf.

Boyle hatte gewonnen. Sie würden ihn nicht kriegen. Heute war der Tag, an dem er endlich zu dem geworden war, was er immer schon hatte sein wollen: Ein Mann, der sicher sein konnte, dass er immer ein allerletztes Ass im Ärmel hatte.

„Noch ’n Bier?“, fragte Boyle.

Die Stadt machte sich fit für eine neue Nacht: schminkte ihr Gesicht in den trügerisch sanften Farben von Irrenhauswänden.

Younas

2.–3. September 1999

2. September 1999. Wenigstens hatte die Hitze endlich nachgelassen. Und keiner in der Stadt konnte die längst fällige Abkühlung sehnlicher herbeigewünscht haben als die Männer, die im zehnten Stock des Sparkassenneubaus Beton schaufelten.

Was immer der Traum eines vereinten Europas irgendwann einmal sein würde: Zumindest hier hatte er sich in gewissem Sinn bereits erfüllt. Die Männer, die vereint in Hitze, Staub und Lärm auf der größten Baustelle der Stadt schufteten, waren Griechen, Russen, Portugiesen, Kroaten oder Albaner. Trotz aller Unterschiede arbeiteten sie seit Monaten friedlich zusammen. Vielleicht nur deswegen, weil jeder von ihnen ganz genau wusste, dass auch er nicht besser dran war als der Mann neben ihm. Was hier zählte, war die Leistung, die sie am Ende des Tages abzurechnen hatten. Nicht Herkunft oder Religion. Ob Christ, Moslem, Atheist oder Orthodoxer – an diesem Ort bestand nur, wer gelernt hatte, über solche Unterschiede hinwegzusehen.

Der Mann in den blauen Stiefeln und dem zerrissenen „I LOVE NY “-T-Shirt hieß Younas Aris, war dreiundvierzig, mittelgroß, dunkelhaarig, sehnig und tief braungebrannt. Der breitschultrige Grieche, der am Ende der weitläufigen Plattform des zehnten Stocks mit seinen beiden Kollegen seit Wochen Stahlgitter flocht, schwor, dass er nie einen besseren Kolonnenführer als Aris gekannt hatte.

Umso verwunderlicher, dass Heiermann, der Polier, ausgerechnet Younas vor einigen Minuten per Funk zu sich nach unten in den Bürocontainer bestellt hatte.

Was wollte er von ihm, fragte sich Younas während er darauf wartete, dass der Bauaufzug endlich zu ihm heraufgezuckelt kam.

Mit der Arbeit konnte es nichts zu tun haben. Die lief nämlich besser als erwartet. Trotz der Hitze hatten sie in den letzten Tagen einen satten Zeitvorsprung herausgearbeitet.

„Hallo Ali“, empfing ihn Heiermann im Bürocontainer. Heiermann nannte alle, die für ihn nach Ausländer aussahen, einfach Ali, selbst Russen, Portugiesen und Griechen. Nur bei den Iren und Schotten, die auch auf der Baustelle arbeiteten, traute er sich das nicht mehr. Zwei von denen hatten ihn deswegen vor ein paar Wochen verprügelt.

Younas hatte längst gelernt, was hier von ihm erwartet wurde: Er schloss die Tür und nahm den Helm vom Kopf. Wobei er sich alle Mühe gab, an Heiermann vorbei zu sehen. Heiermann mochte keinen Blickkontakt mit „Alis“ und Kanaken.

„Pass auf: Machst mal Schluss für heute. Morgen kommste bisschen früher. Ich hab ’nen anderen Job für dich. Gutes Geld. Schwarz. Bist morgen um sieben hier. Ich fahr dich dann dahin. Capisce?“

Younas nickte, setzte den Helm wieder auf und machte die Tür von draußen zu.

Eines Tages, dachte er, würde auch das vorbei sein. Eines Tages würde er seinen eigenen Laden haben. Einen, in dem er sich Leute wie Heiermann einzig dazu hielt, Pissbecken sauber zu machen.

„So früh?“

Younas schloss die Tür seiner Wohnung und legte die Karstadttüte, in der er seine Pausenbrote transportierte, auf dem Tischchen unter der Garderobe ab.

„Muss morgen früher los. Irgendein Job bisschen außerhalb, hat Heiermann gesagt.“

Aziza trat in die kleine Küche zurück und machte sich am Herd zu schaffen.

„Die Schule noch nicht aus?“, fragte er, während er die Schuhe auszog.

„Nein“, rief Aziza aus der Küche. „Mittwochnachmittag ist Schwimmen. Da kommt sie nicht vor fünf.“

Der Geruch nach Kaffee.

Er ging ins Bad. Zog sich aus. Er mochte es nicht, zusammen mit den Kollegen im Baucontainer zu duschen. Die neugierigen Blicke, mit denen sie die Narben auf seinem Oberkörper bedachten, konnte er nicht ertragen.

Er warf die dreckige Arbeitskluft in den Wäschekorb neben dem Klo und trat in die Dusche. Wasser, das gleich darauf weich über seinen Körper floss.

Ein paar Minuten später saß er Aziza gegenüber am Tisch, rauchte eine Zigarette und schloss die Hände um einen Becher heiß dampfenden Kaffees.

„Halif wartet auf unsere Entscheidung. Er sagt, er kann uns das Geschäft nicht mehr lange frei halten. Entweder sagen wir ihm bis Freitag zu oder er muss sich andere Leute suchen.“

Halif, den man auf der Straße auch Halif Kahn nannte, war Azizas einziger in Deutschland lebender Verwandter und unter anderem Besitzer einer Kette von Dönerläden, die er mit eigenem Fleisch und Gemüse versorgte. Er hatte ihnen das Geld und die Papiere besorgt, die sie gebraucht hatten, um nach Deutschland zu kommen.

„Du weißt, was ich davon halte. Wir schulden ihm immer noch Geld.“

Aziza blieb stumm. Und gab sich gar nicht erst Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Aziza war für Younas die beste Frau, die ein Mann sich nur wünschen konnte. Doch sie war eben auch manchmal stur wie ein Ochse.

Trotzdem würde ihre Verstimmung vorübergehen. Sicher: Er wollte weg vom Bau und irgendwann einmal ein eigenes Restaurant haben. Aziza war eine gute Köchin und harte Arbeit waren sie beide von Kindesbeinen an gewohnt.

Doch einen von Halifs Dönerläden zu übernehmen, würde bedeuten, sich noch mehr von ihm abhängig zu machen.

Younas mochte es nicht abhängig zu sein und Halif war ein gefährlicher Mann. Jeder auf der Straße wusste, dass er in seinen Läden Geld sammelte, mit dem er Waffen kaufte, die dann später zu wer weiß was benutzt wurden. Und jeder auf der Straße wusste außerdem, dass Halif auch irgendetwas mit Drogen zu tun hatte.

Doch Younas mochte keine Drogen. Er hatte die Schnauze gestrichen voll von Waffen. Und er hatte eindeutig genug von Politik. Als er nach Hamburg kam, hatten sie es versucht. Alt gewordene Berufsrevoluzzer, die kamen, seinen Tee tranken und sagten: „Wir brauchen deine Hilfe, um für die Freiheit zu Hause zu kämpfen.“

Nur war für Younas zu Hause da schon nicht mehr das Land, in dem er geboren worden war, sondern hier. Und DIESES LAND war frei, DIESES LAND war gerecht.

Nein, er war nicht in dieses Land gekommen, um dieselben Fehler zu machen, für die er damals bereits mit ein paar Jahren Knast in jenem anderen Land bezahlt hatte.

„Wir könnten es uns doch wenigstens mal ansehen“, bat Aziza.

„Nein“, sagte Younas. Er hatte nicht in Deutschland so viele Jahre in jedem Job geschuftet, der sich ihm nur bot, nur, um das dabei zurückgelegte Geld jetzt ausgerechnet Halif in den Rachen zu werfen. Lange würde es nicht mehr dauern, dann war ihre Tochter Sertab mit dem Gymnasium fertig und bereit, auf eigenen Füßen zu stehen. Ein Jahr noch oder zwei, bis sie genug Geld zusammengekratzt hatten, um auch ohne Halifs Protektion das kleine Restaurant zu kaufen, von dem sie all die Jahre geträumt hatten.

3. September 1999. Gegen sechs stand er zusammen mit Aziza auf. Hörte sie, während er sich ins Bad zurückzog, in der Küche hantieren.

Er liebte die stillen Momente allein im Bad, bevor er morgens zur Arbeit aufbrach. Die einzige Zeit des Tages, in der ihm nichts und niemand zu nahe kommen durfte.

Alleinsein hatte ihn nie abgeschreckt. Schon als Kind war er stundenlang allein in immer weiteren Kreisen über die kärglichen Felder seines Dorfes gezogen, ohne dabei irgendetwas zu vermissen. Es lag auch nicht daran, dass er die Zeit mit seiner Familie nicht ebenso genoss. Doch gerade weil er seine Familie liebte, brauchte er auch diese wenigen kostbaren Augenblicke ganz für sich allein.

Er legte das Rasierzeug weg. Spülte Schaum und Barthaare durch den Ausguss.

So oder so: Es blieb dabei – Halifs Angebot war nichts für sie. Eines Tages, machte er sich vor, würde Aziza das einsehen.

Heiermann lenkte den röhrenden Transporter so vorsichtig, als transportierten sie rohe Eier, statt robustem Bauwerkzeug.

Sie fuhren von der Schnellstraße ab, eine stille Allee hinunter, die schließlich in eine ebenso stille Vorortstraße einmündete. Zwei- und dreistöckige Einfamilienhäuser mit Vorgärten. Die Straßenränder gesäumt von Mittelklassewagen.

„Wir sind da“, brummte Heiermann und parkte den Transporter am Straßenrand vor einem weitläufigen, weiß getünchten Bungalow.

Ein junger Mann in einem Anzug erwartete sie bereits. Younas verstand den Namen des Anzuges nicht, als der sich Heiermann vorstellte. Was er jedoch verstand, war, was er hier zu tun hatte: brüchige Fliesen von den Wänden eines Swimmingpools abschlagen.

Für den Anzug existierst du eigentlich gar nicht, dachte er, als er durchs Tor zurück auf die Straße trat, um sein Werkzeug vom Transporter zu laden.

„Ich komm dich dann um fünf hier abholen“, sagte Heiermann.

Den ganzen Vormittag hindurch brannte die Sonne unbarmherzig auf Younas’ nackten Rücken. Kein Stück Schatten in diesem verfluchten Loch.

Das Mineralwasser, das er von zu Hause mitgebracht hatte, war schon seit über einer Stunde alle. Aber da drüben auf der Terrasse hockte die Freundin des Anzuges in einem Bikini, der mehr freiließ als verdeckte, und glotzte ihn an, als sei er ein Tier im Zoo. Fehlte bloß noch, dass sie auf der Straße ein Schild aufstellte und Eintritt verlangte: „Echter Kanake, Oberkörper frei, macht echte Drecksarbeit. Eine Stunde zuschauen: zwei Mark.“

Die Schläge, mit denen er die Fliesen des Swimmingpools malträtierte wurden fester.

Gerade mal zwei.

Vor fünf würde er hier nicht herauskommen.

Scheiße – ganze drei Stunden noch.

„He!“

Younas wandte sich um.

„Was trinken?“

Die Freundin des Anzuges war an den Rand des Pools getreten. In ihrer Hand eine halbvolle Flasche Mineralwasser.

„TRINKEN? WASSER?“

Younas lächelte. Trat an den Rand des Pools, nahm die Flasche und trank gierig. Wasser, das von seinen Lippen tropfte, feine helle Streifen in den Staub, Dreck und Schweißfilm zog, da wo es über seine Brust gelaufen war.

„Danke.“

Die Freundin des Anzuges nahm die Flasche wieder an sich. Schob ihm dabei ihre halbnackten Brüste ins Gesicht. Ganz sicher kein Versehen.

„Du bist stark“, flötete sie. Wies dabei auf Younas’ Oberarme.

„Stark, verstehst du?“

Younas nickte.

„Ich hab noch mehr Wasser drüben. Wenn du was brauchst, sag einfach Bescheid.“

Keine Frau sollte einem Mann ihre halbnackten Brüste so schamlos ins Gesicht hängen, dachte er. Der Geruch ihrer Sonnencreme und ihres Parfüms mischte sich mit dem seines Schweißes. Er verabscheute das.

Ihre Hand lag plötzlich auf seinem Gesicht. Ihre Finger strichen über seine Lippen.

„Da drin ist ’ne Dusche.“ Sie machte eine Geste in Richtung Haus. „Ich bin den ganzen Tag hier. Ich lauf dir nicht weg.“

Younas kannte die Regeln. Er wusste, wo sein Platz war – ganz sicher nicht in ihrem Bett. Für sie war er nichts weiter als ein zugelaufener Hund. Der unerwartete Höhepunkt dieses gleißend hellen Tages.

„Nein.“

Er schüttelte ihre Hand ab.

Sie gab ihm eine Ohrfeige. Ihr Schlag traf ihn so unerwartet, dass er davon ins Taumeln geriet.

„Du verdammter Schlappschwanz! Du Wichser! Wofür hältst du dich eigentlich?“, brüllte sie.

Einen Augenblick griff Angst nach ihm. Möglich, dass sie den Anzug anrief und ihm irgendwelche Lügen auftischte. Der Anzug, der anschließend Heiermann anrufen würde. Und Heiermann, der ihn schließlich rauswarf.

Nein, sie war nicht der Typ dazu, dachte er. Sie würde nichts weiter tun, als ihn den Rest des Tages zornig zu ignorieren. Sie war schlau genug zu wissen: Sie, nicht er, hatte die Regeln gebrochen.

Am Abend war Heiermann überpünktlich. Stand plötzlich am Rand des Pools. „Bist nicht fertig geworden, was?“, fragte er. Obwohl jeder, der auch nur den Anflug einer Ahnung davon hatte, wie schnell ein einzelner Mann in Beton gelegte Fliesen von einer Wand abschlagen konnte, auf den ersten Blick hätte sehen müssen, dass selbst vier Leute es an einem Tag nicht hätten schaffen können.

„Macht nix, machste eben morgen weiter“, verkündete Heiermann.

„Okay.“

Younas kletterte über die verchromte Leiter aus dem Pool heraus.

„Irgendwas gewesen?“, fragte Heiermann.

„Nix“, antwortete Younas.

Sie fuhren einen anderen Weg zurück. Zuckelten die von Alleebäumen gesäumte Straße herab, vorbei am parkähnlichen Komplex einer großen Irrenanstalt.

„Ich hab mir das überlegt: Kriegst morgen eben noch ’nen zweiten Mann mit auf die Baustelle. Dann schafft ihr das bis morgen Abend mit dem Swimmingpool ganz sicher. Und Kohle ist da auch so noch genug für alle drin“, meinte Heiermann.

Younas sah auf die Alleebäume.

„Bist ’n guter Mann, Ali. Das hab ich dir immer schon mal sagen wollen. Nicht wie die Jugos oder die Irländer, die schon früh morgens besoffen auf die Baustelle kommen. Wirst sehen: Irgendwann, da machen se dich noch mal zum Polier.“

Beinah hätte Younas über Heiermanns Lügen gelacht.

Ein Jahr später

1

4. September 2000, 11 Uhr – 20 Uhr 30

11 Uhr 03. Es war das einzige Haus der Straße, das der Abrissbirne bislang noch entgangen war. Verloren reckte es seine schäbige Fassade einer von tiefen Schlaglöchern vernarbten Straße zu. Der meterhohe, mit Graffiti verzierte Bauzaun, der gegenüber des Hauseingangs eine fast gänzlich abgesoffene Baugrube umschloss, machte den Eindruck von Tristesse und Verlorenheit, den die Gegend vermittelte, auch nicht besser.

Der einzige Wagen auf der Straße war Boyles neuer schwarzer Alfa Spider. Alle anderen Mieter des Hauses waren längst ausgezogen. Nur Boyle war geblieben und dass er allein hier war, sah er als Vorteil. Keine neugierigen Nachbarn, die registrierten, wann er ging und kam oder mit wem er seine Nächte verbrachte. Fast war es, als gehörte das Haus ihm.

Seine Wohnung bestand aus vier Zimmern, von denen er allerdings nur drei regelmäßig nutzte. Er besaß nicht viele Möbel. Im Bücherregal, im hohen Zimmer neben der Küche, standen einige Dutzend juristische und kriminologische Fachbücher und ein paar Gedichtbände. Boyle mochte keine Romane.

Die alte Kaffeemaschine hatte sich ausgeröchelt. Boyle griff nach der Kanne und goss die dampfende Flüssigkeit in einen Porzellanbecher.

„Morgen, Arschloch“, prostete er durchs Küchenfenster dem Plakat auf dem Bauzaun gegenüber zu. Das Plakat zeigte ihn selbst, wie er breit lächelnd dem Betrachter eine Polizeimarke entgegenstreckte. Darunter stand in großen, vertrauenerweckend blauen Lettern: „EINER VON UNS.“

Seit Wochen versuchte er vergeblich herauszufinden, wer von den Kollegen auf die bescheuerte Idee verfallen war, es ausgerechnet gegenüber seinem Küchenfenster an die Bretter des Bauzauns pappen zu lassen.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag ein Flugticket nach Fuerteventura und neben dem ungemachten Bett im Schlafzimmer stand ...

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