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Kampenwand

Titelei

Die Geschichten und ihre AutorInnen

Vorwort

Wiesenphilosophie

Barbara Danner-Schmidt

Gipfeltreffen

Ulla Weinheim

Auf jede Nacht folgt ein neuer Tag

Heike Stadelmann

„I gangat gern auf d' Kampenwand“

Tanja Petit

Kampenwandmaler

Marion Bischoff

Zukunftsperspektive

Monja Luz

Das Schneeprinzenpaar

Georg Berghammer

Wie die Kampenwand zu ihren Zacken kam

Deborah Emrath

In jedem Augenblick

Maria Sanders

Erinnerungen verwehen im Morgennebel

Christa Konrad

Handicap? Na und!

Gabi Schmid

Zurück

Helen Sonntag

Braun – das andere Schwarz

Heike Stadelmann

„Zauberhafte Gienie“

Tanja Petit

Sei (k)ein Frosch

Ulla Weinheim

Gipfelstürmer

Monja Luz

Ein Sechser im Lotto?

Barbara Danner-Schmidt

Vater unser

Marion Bischoff & Ulrike Karner

Vorwort

Die Kampenwand – von weither sichtbar. Ganz egal, ob man nun mit dem Auto oder mit dem Zug nach Aschau im Chiemgau reist. Seit ich das erste Mal in Aschau war, fasziniert mich dieser Berg mit seinen markanten Felsgebilden. Dass wir der „Kampe“ nun ein ganzes Buch voller Geschichten widmen können, erfüllt mich mit Stolz und Freude. Lassen Sie sich verzaubern von den Gedanken und Gefühlen, die die Kampenwand in den Autoren ausgelöst hat.

Marion Bischoff


Auch dieses Jahr sind wieder die unterschiedlichsten Geschichten auf unseren Schreibtischen gelandet. Jede für sich war ein Abenteuer, in das Marion und ich uns gerne gestürzt haben.

Auch wenn leider nicht jede Geschichte hier abgedruckt ist, die eingesandt wurde, begeistern uns die Ideen, mit denen sich die AutorInnen auf unser vorgegebenes Thema stürzen. Macht weiter so, wir freuen uns schon auf 2018.

Gabi Schmid


Liebe LeserInnen, wir hoffen, dass Ihnen auch dieser 2. Band gefällt und wünschen Ihnen, dass Sie die majestätische Kampenwand auch einmal von Nahem sehen können.

Danner-Schmidt1

„A

aargh! Was ist das?“ Ein blassrotes, dickes Etwas kommt bedrohlich nahe, und er spürt einen heißen Atem.

„Hilfe!“ Der Löwenzahn neigt seinen Stängel zur Seite, soweit es nur geht, um auszuweichen. Schon hört er ein Rupfen direkt neben sich. Als er sich wieder aufrichtet, sind seine Grasnachbarn verschwunden. Das mahlende Geräusch in der Nähe verheißt nichts Gutes. Seine gelbe Blüte zittert. Nein, das ist bestimmt nur der Wind. Er und zittern. Pah! Nein! Der stolze Löwenzahn mit der prächtigen, leuchtend gelben Blüte, weithin sichtbar. Wovor soll er sich fürchten? Papperlapapp!

Und auf die nervigen Nachbarn kann er gut und gerne verzichten. Jetzt ist es ruhiger hier am Fuße der Kampenwand, vorbei mit dem ständigen Geplapper.

Stolz reckt er sich in die Höhe. Aber da kommt es schon wieder. Er hört ein lautes Schnauben und das schleimige Ding versucht, ihn zu schnappen. Hastig biegt er seinen Stängel so gut er kann, und entkommt nur mit knapper Not. Dabei entdeckt er ein Gänseblümchen in der Nähe. Das scheint ganz ruhig. Klar, was kann das Ding auch von einem Gänseblümchen wollen.

„Hast du das gesehen?“, raunt er. „Da hat es jemand auf mich abgesehen!“

„Hä? Was meinst du?“

„Na, dieses dicke schleimige Ding, das so laut schnaubt und meine Nachbarn vernichtet! Eigentlich bin ich gemeint, nur bisher konnte ich davonkommen.“

„Na, da ist der aufgeblasene Geselle aber nicht so schlau, wie er immer tut“, flüstert der rote Klee nebenan.

Das kleine weiße Blümchen lächelt.

„Wie? Lästert ihr etwa über mich?“ Löwenzahn schnaubt. „Das ist eine Unver...“

„Nichts für ungut, lieber Löwenzahn“, beschwichtigt Gänseblümchen. „Das ist übrigens eine Kuh.“

„Eine Kuh?“ Nachdenklich legt der Gelbe seine Blüte zur Seite. „Ja davon hab' ich schon gehört. Aber wo kommt die auf einmal her und was will die von mir?“

„Hat dir das keiner gesagt? Die Kühe vom Gorihof sind nach dem Winter zum ersten Mal auf der Weide. Sie haben Hunger und wollen uns fressen.“

„Wie, da sind noch mehr?“ Löwenzahn wird ein bisschen blass. „Aber warum mich?“

Entrüstet schüttelt er seine Blüte. „Ich bin doch so schön, das kann nicht sein! Warum sollte ich gefressen werden? Bei dir ist das ja etwas anderes.“

Gänseblümchen schweigt.

„Ach, blas dich nicht so auf“, raunzt der rote Klee.

Die Glocken der Aschauer Pfarrkirche schallen herüber, und die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel.

„Nein, nicht schon wieder!“ Diesmal hätte es ihn fast erwischt. Aber nur fast.

„Pass doch auf du blöde Kuh!“, geht er zum Gegenangriff über. „Ich bin nicht hier, um gefressen zu werden. Dazu bin ich viel zu schön.“

Und er reckt seine gelbe Blüte stolz in die Luft. „Da, schau mich an.“

Die Kuh glotzt verständnislos. „Muuuh!“

Oh, schon wieder dieser heiße Atem. Und so ein großes Maul! Während sie kaut, betrachtet sie ihn mit ihren großen Augen, das merkt er genau. Er muss sich vorsehen!

„Gänseblümchen, sag, weißt du, was wir tun können, damit wir nicht gefressen werden?“ Flüsternd beugt er sich weit hinüber zu seiner kleinen weißen Nachbarin.

„Nichts, dazu sind wir da. Das gibt gute Milch.“

Vor Schreck weicht beinahe die Farbe aus seiner Blüte: „Ich, ich, soll … mich fressen lassen? Da … da … damit die Kuh gute Milch gibt? Aber, aber … sieh doch, wie herrlich meine Blüte leuchtet.“

„Oh Mann, du nervst“, knurrt der Klee. „Der Hahnenfuß leuchtet auch schön gelb. Da bist du nicht der Einzige!“

„Das Leben ist Werden und Vergehen“, philosophiert Gänseblümchen. „Und wenn du nicht gefressen wirst, fliegt dir bald die Blüte in tausend kleinen Schirmchen davon. Ewig bleibt nur die Kampenwand.“

Der Gelbe kommt ins Schwitzen. Leise klingen die letzten Glockentöne der Dorfkirche nach. Es ist Mittagszeit, und die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel.

„Da, schau, sie geht weg!“ Löwenzahn triumphiert. Den roten Klee mit seinen blöden Bemerkungen hat sie noch abgerupft. Mit mahlenden Kiefern dreht sich die Kuh um.

„Ha, siehst du! Sie hat es eingesehen, dass ich viel zu schade bin, um gefressen zu werden! Die Kuh versteht mich – nicht wie die armseligen Gesellen hier auf der Wiese“, frohlockt er. Dabei ist er fast ein bisschen gekränkt, weil das Tier ihn nicht mehr beachtet.

Für einen Moment ist es ganz leise, nur eine Biene summt in der Ferne. Doch was ist das?

„Hörst du das auch, Gänseblü…“

Der Rest geht in einem lauten Platschen unter.

Als es wieder still wird, schaut Gänseblümchen zur Seite. Bei dem Anblick kann auch das sonst so zurückhaltende Pflänzchen nicht mehr an sich halten. Es biegt sich vor Lachen und schüttelt dabei sein weißes Blütenköpfchen.

Der angeberische Löwenzahn ist ganz von einer braunen Masse bedeckt. Nur zwei winzige gelbe Blütenblättchen schauen noch traurig oben heraus.

„Ach, ist das jetzt so schön friedlich hier, ohne diesen eitlen, aufgeblasenen Wichtigtuer“, freut sich das kleine Gänseblümchen und kichert: „Nun weiß ich auch, warum die Menschen immer sagen alles Gute kommt von oben.“

Ein zarter Windhauch streicht über die Wiese, und die Sonne lacht.

Weinheim-Ulla1




Quiz:


Die Anfangsbuchstaben dieser Geschichte ergeben das Lösungswort:


1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

1

K

alte Luft bläst in Ellens Gesicht, als sie den Windschatten der Bergstation verlässt, verfängt sich in ihren langen, rehbraunen Haaren. Gut, dass sie daran gedacht hat, eine Mütze in den Rucksack zu packen. Rasch ist sie herausgezogen und über den Kopf gestülpt. Schon besser.

Der letzte Schnee des Winters klammert sich hartnäckig an das Plateau der Kampenwand, glitzert grell in der Sonne. Die Aussicht auf die bayerischen Alpen ist grandios. Gipfel reiht sich an Gipfel, blau schimmernd in der klaren Bergluft.

„Von den blauen Bergen kommen wir“, summt Ellen vor sich hin. Wie ging es noch mal weiter? Egal. Ellen kommt nicht aus den Bergen, sondern aus dem norddeutschen Flachland.

Sie versucht, die Namen einiger Gipfel herauszufinden, doch die meisten der Findlinge, auf denen sie verzeichnet sind, stecken tief im Schnee. Sie wendet sich um und geht zur anderen Seite des Bergsattels. Gar nicht so einfach, denn unvermittelt steckt sie knöcheltief im Schnee, einmal, zweimal, dann hat sie die Kante erreicht und schaut einer Gondel nach, die ins Tal fährt.

2

A

schau liegt unter ihr in strahlendem Sonnenschein, grün und weiß und rot: Wiesen, Schlossfassade, Hausdächer. Fast wie bei einer Modelleisenbahn, nur dass weit und breit kein Zug zu sehen ist. Im Hintergrund glaubt sie, den Bärnsee zu erkennen, den sie gestern zusammen mit ihrem Freund und dessen Sohn umwandert hat.

3

M

ichael ist acht Jahre alt, und ein sehr schweigsames Kind. Das sei er schon immer gewesen, auch als seine Mutter noch lebte, sagt sein Vater. Der Junge stellt selten Forderungen, was es schwierig macht, auf seine Wünsche einzugehen. Er muss doch welche haben! Aber er sagt nie etwas.

Als es darum ging, wo sie die Osterferien verbringen sollten, und Philip vorschlug, gemeinsam mit Ellen ins Chiemgau zu fahren, nickte er nur. Echte Begeisterung für irgendetwas hat sie bis heute nicht bei dem Jungen erlebt. Auch nicht das Gegenteil. Manchmal fragt sie sich, ob er überhaupt Gefühle hat.

4

P

hilip stammt aus einem Dorf am Chiemsee, dessen Namen Ellen schon wieder vergessen hat. Irgendwas mit Rim oder Rum, ganz in der Nähe von Prien. Nach seinem Studium in Lübeck – Robotik und Physiotherapie – bot man ihm eine Forschungsstelle an, und so ist er in Schleswig-Holstein geblieben. Bestimmt spielte auch die zarte junge Frau aus dem Nachbarhaus eine nicht unwesentliche Rolle bei dieser Entscheidung, immerhin hat er sie geheiratet. Nur helfen konnte er ihr nicht. Nach nur neun Jahren fand er sich als Witwer mit einem kaum sechsjährigen Kind wieder.

Glücklicherweise kann er einige seiner Arbeiten zu Hause erledigen, den Papierkram zum Beispiel: Konstruktionspläne, Abhandlungen, Vorträge. Er entwickelt Präzisionsroboter, quasi mechanische Chirurgen, vor allem für Rückenmarksoperationen, aber hauptsächlich Prothesen für fehlende oder dysfunktionale Gliedmaßen. In der Zeit, die er im Labor verbringt, kümmert sich eine Haushälterin um die Dinge des täglichen Lebens von Vater und Sohn.

5

E

llen selbst arbeitet im Immatrikulationsbüro der Lübecker Universität, und dort ist sie auf Philip gestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit den Armen voller Papiere, sind sie, aus verschiedenen Richtungen kommend, an der Ecke eines Ganges aufeinandergeprallt. Nachdem sie ihre wild verstreuten Unterlagen auseinandersortiert hatten, lud er sie auf einen Kaffee in die Mensa ein. Bestand darauf, es sei seine Schuld gewesen.

Zufall oder Absicht, ein paar Tage danach trafen sie sich in einem Café in der Innenstadt, dann lud er sie in das eine oder andere Restaurant ein, schließlich landeten sie eines Abends in ihrer Wohnung. Er könne nicht zum Frühstück bleiben, sagte er, bat sie aber, am Nachmittag in den Park zu kommen. Dort würde sie den Grund erfahren.

Seither unternehmen sie öfter Ausflüge zu dritt oder verbringen ihre Freizeit in Philips Haus. Allerdings ist auch Ellen nie über Nacht geblieben. Ihre Zweisamkeit findet ausschließlich in ihrer Wohnung statt. Immer verlässt Philip sie gegen Mitternacht.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich glauben, dass du dich mit dem zwölften Glockenschlag in einen Dämon verwandelst“, scherzt sie manchmal.

Aber natürlich ist es Michaels wegen, der zuweilen in den frühen Morgenstunden, von einem Albtraum erwacht, in Philips Bett kriecht. Nicht auszudenken, wenn er es einmal leer vorfinden würde. Oder sie in den Armen seines Vaters.

6

N

adine, Ellens kleine Schwester, ist überzeugt, dass Philip sie seinem Großvater und seiner Tante, die in seinem Heimatdorf leben, vorstellen will und ihr einen Heiratsantrag machen wird. Ellens Einwand, dass sie erst seit einem halben Jahr zusammen sind, lässt sie nicht gelten.

„Schau, er braucht schließlich eine Mutter für Michael“, hat sie gesagt. „Du kommst doch ganz gut klar mit dem Knirps, oder nicht?“

„Das trifft auf seine Haushälterin auch zu.“

„Aber mit der schläft er nicht. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Drei sogar, denn wenn er dich heiratet, spart er auch noch ihr Gehalt.“

Diese Behauptung ist so abwegig, dass Ellen sich eine Erwiderung verkniffen hat. Sie ertappt sich aber dabei, trotzdem über eine mögliche Heirat nachzudenken. Darüber, ob Michael sie als Stiefmutter akzeptieren wird.

7

W

ill sie überhaupt heiraten? Und will Philip es? Falls ja, warum wollte er nicht, dass sie ihn heute zu seiner Familie begleitet? Der Alte sei etwas schwierig, hat er gesagt, und dass er zunächst die Lage sondieren wolle. Seine Tante könne ein echter Drache sein, hätte aber einen Narren an Michael gefressen, sodass er sich zumindest um ihre Reaktion auf seinen Besuch keine Gedanken mache.

„Mach dir auch um mich keine. Ich fahre mit der Seilbahn auf die Kampenwand. Auf diese Weise haben wir heute beide eine Art Gipfeltreffen. Soll man von dort oben nicht sogar den Chiemsee sehen? Wir können uns gegenseitig zuwinken.“

Was natürlich sinnlos ist, nicht nur, weil an dieser Stelle die Bergflanke den See verbirgt. Aber von der Gondel aus hat sie ihn gesehen.

8

A

llmählich kriecht die Kälte durch Schuhe und Socken, beißt in ihre Zehen. Bevor sie festfriert, sollte sie sich besser auf den Weg machen. Bis sie den halbwegs planierten Panoramaweg erreicht, bricht sie erneut im Schnee ein, einmal sogar bis fast zum Knie. Was würde es für einen Spaß machen, gemeinsam einen Schneemann zu bauen. Oder einen Schneehasen, in Anbetracht der Jahreszeit. Aber Michael hat Höhenangst, er wird nie in eine Seilbahn steigen. Er hat sich ja schon geweigert, auf ihren Balkon zu gehen. Regelrecht panisch war er, dabei liegt ihre Wohnung nur im dritten Stock.

Das Fortkommen auf dem Panoramaweg erweist sich als schwierig, weil auch hier die Schneedecke nicht besonders stabil ist. Zwar orientiert sie sich an den zahlreichen, unterschiedlich tiefen Fußspuren, sinkt aber immer wieder plötzlich ein. Sie sollten Schneeschuhe verleihen. Warum ist bisher niemand auf diese Idee gekommen?

9

N

ur noch bis zur nächsten Anhöhe, nimmt Ellen sich vor. Vielleicht kann sie von dort aus einen weiteren Blick auf den Chiemsee werfen. Es macht wenig Sinn, weiter zu gehen, denn außer der SonnenAlm haben alle Hütten noch geschlossen. Wetterbedingt, steht auf dem Schild am Anfang des Panoramaweges. Natürlich lohnt es sich nicht. Die Wanderer, die außer ihr unterwegs sind, kann man an einer Hand abzählen.

Kurz bevor sie ihr Ziel erreicht, zieht es ihr plötzlich die Füße weg, und sie rutscht bäuchlings etliche Meter zurück, landet in einer Schneewehe. Gut, das war's dann. Sie kämpft sich zurück auf den Weg, klopft sich den Schnee von Jacke und Hose und steigt vorsichtig den Hügel hinunter.

Während sie in der Gaststube der SonnenAlm ihre Hände an der heißen Teetasse wärmt, überlegt sie, ob Philip vielleicht auch eine Bauchlandung hinter sich hat. Oder einen Höhenflug, wie der Paraglider, den sie durch das Fenster beobachtet. Und was das für Folgen haben könnte. Ob sie noch dort sind oder bereits im Zug zurück nach Aschau sitzen? Er wollte ihr eine Nachricht schreiben, aber hier oben hat sie kein Netz, wie sie mit einem Blick auf das Display ihres Smartphones feststellt.

10

D

ie Gondel der Kampenwand-Seilbahn schaukelt sacht hin und her. Als Ellen die Talstation verlässt, überfällt sie unerwartete Wärme. Sie kommt einerseits von der Sonne, andererseits von Philips strahlendem Lächeln. Michael gleitet von der Motorhaube ihres Autos und läuft ihr entgegen. Sein Vater folgt ihm etwas langsamer.

Stadelmann-Heike1

J

udith sitzt unter dem Rosenbogen auf der blauen Bank im Garten – seiner Lieblingsbank – und starrt ins graue Nichts.

Regentropfen perlen von ihrem lockigen Haar und tropfen wie Tränen auf ihren verblichenen Trenchcoat. Nichts wird je wieder so sein wie früher. Keine Macht der Welt vermag ihren geliebten Mann zurückzubringen. Nie wieder wird sie Georgs ansteckendes Lachen am Frühstückstisch hören. Wie kein anderer, hatte er das Gespür besessen und bemerkt, wenn sie einen anstrengenden Tag vor sich hatte und Aufmunterung brauchte.

Stets hatte er sie ermutigt, ihrem Herzen zu folgen. Nie den einfacheren Weg zu gehen. Auch damals, als ihr der Mut gefehlt hat, ihren sicheren Job als Forstbeamtin aufzugeben und ihren Traum wahr zu machen, als freie Fotografin zu arbeiten, hatte er ihr den Rücken gestärkt.

„Man lebt nur einmal – und das intensiv“, hatte er dann gesagt.

„Geh nicht nur die glatten Straßen.

Geh Wege, die noch niemand ging,

Damit du Spuren hinterlässt und nicht nur Staub.“

Dieses Zitat von Antoine de Saint de Exupéry war ihm besonders wichtig. Immer wieder hatte er diese Zeilen zitiert und auch danach gelebt.

Seufzend legt sie eine Hand auf ihre Brust. Da ist er wieder der Schmerz, der ihr Herz zu erdrücken scheint. Bei jedem Atemzug wird er stärker. Es fühlt sich an, als steche er tief in ihre Seele.

Sie hatte sich nicht von ihm verabschieden können! Wer konnte damit rechnen, dass sein Herz urplötzlich aufhörte zu schlagen? Es ging ihm gut. Nie hatte er geklagt und so hatte sie sich auch keine Gedanken gemacht, ob er Herzprobleme haben könnte. Der Herzschlag ist selbstverständlich, wie so vieles im Leben.

Nur noch zwei Tage, dann jährt sich sein Todestag das erste Mal. Sie schluckt. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Wenn ich doch nur diesen Tag aus meinem Gedächtnis streichen könnte! Und jetzt auch noch der Streit mit Eva. Warum versteht sie mich nicht? Sie ist meine beste Freundin, da müsste sie doch wissen, dass ich Georgs Sachen noch nicht wegräumen kann?

„Fang endlich wieder an zu leben!“ Evas Worte hallen noch immer in ihren Ohren nach. Sie schüttelt den Kopf.

„Es ist schon schlimm genug, dass ich ihn auf seinem Kopfkissen nicht mehr riechen kann“, flüstert sie. Seit einem Jahr hat sie sein Bett nicht frisch bezogen, um seinen Duft zu bewahren. Jeden Abend legt sie den Kopf auf sein Kissen und stellt sich vor, er liege neben ihr.

Sie hat es sich zum Ritual gemacht, allmorgendlich sein Aftershave zu öffnen und daran zu schnuppern. Es fühlt sich dann wenigstens für einen Moment so an, als begrüße er sie.

Als ob das alles etwas daran ändern könnte. Er kommt nie mehr zurück. Nie mehr!

Sie zieht ihre verkrampften Schultern hoch und steckt die eiskalten Hände in die Manteltaschen. Da berühren ihre Fingerspitzen ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Ihre steifen Finger schließen sich fest darum. Georgs Brief. Ihre Handflächen pulsieren.

Erst gestern hat sie ihn in dem kleinen Holzkästchen auf seinem Schreibtisch gefunden. Diese Miniatur-Schatztruhe hat sie ihm selbst aus Zirbenholz angefertigt, da er den Geruch dieses Holzes so geliebt hat.

Dieser Brief ist eine Aufforderung, ihr Leben zu leben, – auch ohne ihn – falls ihm etwas zustoßen sollte. Als hätte er geahnt, dass sie sich alleine kraftlos wie ein Baum ohne Wurzeln fühlen würde. Ein Baum, der von Tag zu Tag mehr von seiner Lebenskraft verliert.

„Steh nicht an meinem Grab und weine, ich bin nicht dort.“

Diese Zeilen seines Briefes haben sich in ihren Kopf gebrannt. Sie schlingt die Arme um ihren Körper und wünscht sich Georgs Nähe.

Einmal haben sie darüber gesprochen, was sein würde, wenn einer von ihnen den anderen früher verließe. Er hat seine Hand auf ihre Brust gelegt und gesagt:

„Liebe Ju, vergiss nie, du hast mich für immer hier in deinem Herzen.“

Sie beißt sich auf die Lippen, bis sie schmerzen. Ju, so hat er sie genannt. Sie verstärkt den Druck ihrer Arme und versucht sich seine wärmende Hand auf ihrer Brust vorzustellen. Doch statt der vertrauten Wärme kriecht nur noch mehr Kälte durch ihren Körper.

Auf einmal trommelt sie mit den Fäusten auf die Bank, bis die Haut an den Fingerknöcheln aufplatzt und stöhnt: „Ach, Georg, warum hast du mich alleine gelassen? Wir wollten noch so viel gemeinsam erleben. Und überhaupt – was maßt sich Eva an, mir vorzuschreiben wie und wann ich meine Trauer überwinden muss! Sie, als überzeugter Single, hat doch keine Ahnung, was es bedeutet, die Liebe seines Lebens zu verlieren!“

Plötzlich springt sie auf. Ich muss hier weg! Dieses Gedankenkarussell halte ich nicht mehr länger aus.

Es regnet in Strömen. Gespenstisch fliegen die schemenhaften Schatten der Landschaft im Lichtkegel ihrer Autoscheinwerfer vorbei. Eine Irrfahrt ins Nichts.

Da sieht sie ihn kommen, den mächtigen Baum am rechten Straßenrand. Ihren Blick kann sie kaum noch von ihm wenden.

Gib Gas, dann findest du endlich Frieden, dröhnt eine Stimme in ihrem Kopf. Rasend schnell kommt der Baum immer näher. Sie schließt die Augen, drückt den Fuß fest auf das Gaspedal. Ein, zwei Herzschläge lang. Alles egal, alles vorbei.

Auf einmal quietschen die Reifen, sie wird hart nach vorn geschleudert. Das Auto schlingert unkontrolliert. Sie klammert sich am Lenkrad fest, spürt jeden Stoß. Dann ist Ruhe. Ihr Herz hämmert gegen ihre Rippen, ihr Nacken schmerzt und sie hat den metallischen Geschmack von Blut in ihrem Mund.

Was ist geschehen? Verwirrt öffnet sie ihre Augen. Der Motor vibriert unbeeindruckt, die Scheinwerfer beleuchten den Teil einer Wiese. Benommen dreht sie ihren Kopf zur Seite. Nicht weit von ihr reckt sich der mächtige Baum unversehrt in die Dunkelheit empor. Ihr Kopf dröhnt. Sie lässt sich vornüber auf das Lenkrad fallen, ihre Hände noch immer krampfhaft daran festgeklammert. Warum hat sie gebremst? Sie schluchzt auf und endlich strömen all die ungeweinten Tränen aus ihr heraus.

Nur langsam versiegt der Tränenstrom und sie spürt, dass dieser einen Teil der Trauer mit sich gerissen hat. Sie blinzelt und nimmt das erste Mal bewusst wahr, dass sie im Auto sitzt und der Motor noch immer ...

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