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Kaltfleisch IV

Zurück zu den Wurzeln

Am Ende des Tunnels schimmerte schwaches Licht, wie von einer Kerze. Jens weitete seine Nasenlöcher, und konnte brennendes Wachs riechen. Feierlichkeit wie in einer Kirche, wenn der Altarraum in flackernden Schatten lag. Jens fröstelte in der Dunkelheit. Es war ein wohliger Schauer, in dem viel Geborgenheit innewohnte. Dann hörte er ein Geräusch.

Noch bevor er sich umdrehte wusste er, dass es ein Aasgeier sein würde. Der Schutzpatron der Totengräber, und heimliches Maskottchen des Friedhofs. Hatte es auf ihn abgesehen. Flügelschlagend stürzte sich die Bestie auf ihn, und bohrte ihre spitzen Krallen in Jens Brust. Seine Lungen wurden zusammengedrückt, und bunte Flecken tanzten vor seinem Gesicht. Glühende Schmerzen wie von heißen Nadeln ließen ihn fiebrig phantasieren. Trotzdem erkannte er das Tier, welches ihn im Schnabel gefangen hielt. Wurde unbarmherzig den ganzen Weg zurückgezogen. In Panik schlug Jens nach dem Gefieder. Erstickte fast in einer Wolke aus Talkum und Schweiß. Unerbittlich zog ihn der Aasgeier mit seinen Flügeln ins offene Grab zurück. Würmer fielen von den Wänden. Da erst erkannte er, wo er sich wirklich befand. Irgendwo konnte er einen Totengräber kichernd nach der Schaufel greifen hören. Er würde derjenige sein, der ihm Erde ins Gesicht warf, Schippe um Schippe. Jens schrie auf, als sich die Krallen des Vogel tiefer in seine Haut gruben. Blut floss. Doch er kämpfte nicht mehr gegen raues Horn an. Jede einzelne Kralle war an den Enden glattpoliert und verführerisch lackiert.

„Junge... ich habe gewusst, dass du zurückkommst. Ein Mutterherz kann viel verzeihen.“

Ihr Schnabel näherte sich seinen Lippen. Eine spitze Vogelzunge kam heraus, gelb und schartig. Pestilenzartiger Verwesungsgeruch schlug ihm entgegen wie eine Wolke. Keuchend schnappte Jens nach Luft.

„Gibst du Mutter einen Kuss?“


*

Schreiend wachte er auf, Mutters Parfüm noch frisch in der Nase. Das sie immer aufgetragen hatte, bevor sie ihn ins Bett gebracht hatte. Wimmernd rieb er sich den Schädel, das grobe Teppichmuster drückte durch seinen Pyjama. Noch schlafend hatte er vor diesem erotischen Fabelwesen zu fliehen versucht. Welches nicht weniger bedrohlich wirkte als ein Zentaur, oder Leda mit dem Schwan. Nur eben mütterlicher. Aus seiner Schlafanzughose ragte eine pochende Erektion wie ein Ausrufezeichen. In seinen Ohren rauschte das Blut. Er hatte jegliche Orientierung verloren. Wenn er aus den Klauen eines Alptraums erwachte, wünschte er sich jemand zum Kuscheln. Bis er nicht mehr ängstlich an die Decke starren musste. Doch Mutter war schon lange tot. Jens wichste sich in den Schlaf. Das war wirksamer als jeder Kräutertee.


*

Als Jens nach der Post schaute, fand er einen gelben Amtsbrief in seinem Briefkasten. Fassungslos blickte er auf den unterschriebenen Rückschein. Wer auch immer das an ihn adressierte Einschreiben angenommen hatte, er war es nicht gewesen. Die krakelige Handschrift mochte zu Asperger gehören, oder dem alten Kauz im Erdgeschoss, der sich gerne zum Blockwart von Anstand, Sitte und Moral aufspielte. Da war er natürlich bei Jens an der falschen Adresse. Er würde dem Alten bei Gelegenheit einen Besuch abstatten. Und ihm einen riesengroßen Kackhaufen vor die Tür scheißen. Jens konnte sich nur wundern, wie die deutsche Post ihren Aufgaben so fahrlässig nachgehen konnte. Dann schwappte eine Woge blanker Panik über ihn hinweg. War man ihm doch auf die Schliche gekommen? Amtspost bedeutete nichts Gutes. Manchem Patienten hatte er geholfen, schneller auf die andere Seite zu kommen. Wenn sie die Hufe partout nicht hochmachen wollten. Und seinem Lustempfinden im Wege standen. Die Justiz würde es als Totschlag bezeichnen. Die Sache mit seinem Vater gar als Mord, wenn sie von seinen niederträchtigen Absichten Wind bekamen. Dabei hatte er nur Mutter posthum verteidigt. Dass sie kein anderer Bock bespringt. Aber wenn man ihn im Verdacht hatte, dann würden sie es nicht bei einfachen Briefen belassen. Die Beamten würden ihm direkt vor der Wohnungstür auflauern, um ihn auf die Wache abzuführen. Handschellen klicken, der letzte Alptraum. Bevor man ihn mutterseelenallein in die Zelle werfen konnte. Er würde mit Kreide die Umrisse von Mutters Fotze neben all die obszönen Sprüche malen. Und sich einen runterholen, sobald die Augen am Sichtschlitz verschwanden.


Notariat Neumaier

Neufeldstr. 16

81243 München



Jens Schlenker

Weyprechtstr. 27


80937 München


19-05-2014


Aktenzeichen 0488/CM


Sehr geehrter Herr Schlenker,


sicher haben Sie noch nie etwas von uns gehört. Wir sind eine auf Erbrecht spezialisierte Anwaltskanzlei im Münchner Westen. Zu unseren Klienten gehören namhafte Prominente, die wir hier aus Datenschutzgründen nicht nennen dürfen.


Wir vertreten den Nachlass unseres Klienten Armin Schlenker. Er hat Sie in seinem Testament als Erben eingesetzt.


Wir wissen, dass Sie Herrn Schlenker über lange Jahre ihres Lebens nicht gesehen hatten. Und er Sie nie davon in Kenntnis setzte, dass er Ihr leiblicher Vater gewesen ist. Lassen sie mich Ihnen in aller Anteilnahme sagen, dass er Sie nicht vergessen hat. Es würde mich freuen, wenn Sie sich in dieser dringlichen Angelegenheit bei uns melden könnten.


Wir bitten Sie, ein Ausweisdokument inklusive aktuellem Lichtbild mitzubringen, um Ihre Identität zu bestätigen.


Mit freundlichen Grüßen


Christian Neumaier


Seine größte Angst hatte sich in ein sicheres Heimspiel verwandelt. Jens grinste. Er hatte seine Mutter verloren. Später seinen Vater, durch eigene Hand. Sich behauptet, gegen das Leben. Gegen alles warme und pulsierende Fleisch. Nun war es an der Zeit, die Ernte einzufahren. Überreif und stinkend hingen die Früchte vom Baum. Bald würden sie herabfallen, und ihr volles Aroma entfalten. Die Blätter der Bäume verfärbten sich, der Herbst hielt in der Stadt Einzug.


*

Jens nutzte die seltene Gelegenheit, um einen zusätzlichen Urlaubstag für Behördengänge herauszuschinden. Frau Ziegler war nicht gerade erfreut, kalkulierte sie ihr doch Budget kurz auf knapp. Jede Abwesenheit eines Mitarbeiter kostete sie bares Geld. So wie ihr das Ableben jedes ihrer Klienten Profit einbrachte. Ein Zimmer im Hospiz rechnete sich nur, wenn die Umschlagzahl entsprechend hoch war. Masse machte die Klasse. Und am Ende die Kasse. In diesem herzlosen Punkt stimmte Jens seiner Chefin voll und ganz zu. Wir kämpfen gegen elastische Wände, ein Leben lang. Wie in einer Gummizelle. Am Ende geht es nur um finanzielle Freiheiten. Aus denen persönliche Freiheiten resultieren. Jens spürte, wie sein Leben aus den Bahnen geriet. Allerdings im positiven Sinne. Mit dem richtigen Familiensinn würde er es schaffen. Daran glaubte er ganz fest.

„Es ist wegen meinem Vater. Ich habe einen Brief vom Notar, dass er gestorben ist.“

„Mein herzliches Beileid. Woran ist er denn gestorben?“

„Keine Ahnung.“

„Hatten sie denn keinen Kontakt?“

„Ich kannte ihn nur von alten Fotos.“

„Einen Vater zu verlieren ist immer schwer.“

„Mutters Tod war schlimmer. Das habe ich nie richtig überwunden.“

„Mein Gott, sie sind ja jetzt Vollwaise. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Wenn ich irgendetwas für sie tun kann...“

„Ist schon gut. Ich komme zurecht.“

Jens verließ das Büro wie ein Schüler bei hitzefrei: glücklich und beschwingt. Er hatte einen Tag zur freien Verfügung. Also fast zumindest. Um zehn Uhr würde er Herrn Neumaier treffen. Niemand im Hospiz ahnte, dass Armin wirklich sein Vater gewesen war. Oder dass Jens ihn umgebracht hatte. Genauso wenig, wie sie den kleinen Jungen kannten, der nackt und schreiend vom Leichnam seiner Mutter gezogen wurde. Jens wusste ein Geheimnis zu wahren. Mehr als eine billige Theatermaske hatten die Kulissenmenschen nicht verdient.


*

Das Notariat lag in einer ruhigen Seitenstraße voll schmucker Einfamilienhäuser. Früher mochte hier einmal eine Familie gewohnt haben. Dann war das Haus einem Immobilienmakler in die Hände gefallen, der mehr Profit in einer gewerblichen Nutzung sah. So wurde der Garten eingeebnet, und mit Beton zu einem Parkplatz ausgegossen. Nicht einmal ein Buchsbaum vermochte hier noch Schatten zu spenden. Diese Aufgabe war dem modernen Carport aus feuerverzinktem Stahl zugedacht. Jens suchte lange nach einem Klingelschild. Bis er merkte, dass sie den Eingang nach hinten verlegt hatten. Näher am Parkplatz, vor den neugierigen Nachbarn abgeschirmt durch einen Milchglaszaun mit dezenten Motiven. Ein verschwiegener Ort, an den auch der Münchner Steueradel ging, um sich von Schuld und Sühne reinzuwaschen. Wie zum Beweis standen die neusten Fabrikate der Firmen Audi und Mercedes im Schatten des Carports. Wo kein Vogel ihnen aufs Dach scheißen konnte. Auch das Büro, welches im ehemaligen Wohnzimmer lag, war im gleichen angeberischen Stil gehalten. Glänzender Chrom und schwarzes Leder vermittelten eine unterkühlte Atmosphäre. An den Wänden hingen Kunstdrucke, aus deren Ansammlung von Farbklecksen Jens nicht schlau wurde. Sie sollten wohl den Blick des Betrachters zerstreuen. Neumaiers Schreibtisch glich einer makellos weißen Sandwüste. Nur ein Laptop und ein Ablagefach in schwarzem Klavierlack verrieten, dass hier gearbeitet wurde. Der Typ war ein Händeschüttler erster Güte. Eine Reihe gebleichter Zähne blitzte Jens entgegen. Er konnte ihn auf Anhieb nicht leiden.

„Es freut mich, dass sie es so kurzfristig einrichten konnten. Lassen sie mich zuerst mein tiefstes Bedauern ausdrücken für ihren Verlust.“

„Kommen wir lieber gleich zum geschäftlichen Teil. Der Verstorbene hat mir nichts bedeutet.“

„Ich finde es schade, dass sie die Dinge so sehen. Aber ich akzeptiere es. Der Tod bedeutet nicht automatisch eine Aussöhnung.“

Ungeduldig scharrte Jens mit den Füssen unter dem Tisch. Im Hospiz warteten die Toten darauf, von ihm entkleidet zu werden. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen. Wenn er zurückkehrte, würde er eine Pussy ausschlecken.

„Ihr Vater war ein wohlhabender Mann gewesen.“

„Ach ja? Davon haben wir nichts zu spüren bekommen. Mutter hatte ihre liebe Not gehabt, uns über die Runden zu bringen.“

„Nun ja, als er sie beide verließ, hat sich das Blatt gewendet. Er leitete und besaß das Restaurant Harlekin in der Schwanthalerstraße. Dieses hat er vor zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen verkauft, und sich zur Ruhe gesetzt.“

„Wollen sie mir eine Kneipe andrehen?“

„Nein, die hat er ja verkauft. Und den Gewinn am Aktienmarkt gut angelegt.“

„Was in der heutigen Zeit kein Hexenwerk ist. Irgendwohin muss das billige Geld ja fließen, das die EZB in den Markt pumpt.“

„Herr Schlenker setzte sie als Alleinerben in seinem Testament fest. Damit geht ein Aktienpaket im aktuellen Tageswert von einer Million Euro in ihren Besitz über.“

„Die ich in Sachwerte umwandeln werde.“

„Viele Menschen überstürzen ihre Kaufentscheidungen, wenn sie über Nacht zu einer solchen Summe kommen. Und dann verjubeln sie ihren neuen Reichtum binnen weniger Monate. Behalten sie einen kühlen Kopf.“

„Mein Geist ist kalt wie ein Eiswürfel. Machen sie sich keine Sorgen.“

„Wenn sie bitte hier noch unterschreiben würden?“

„Sehr gern.“

Es gab nur einen Herzenswunsch, der ihm in den Sinn kam. Heute Abend würde er sich das letzte Mal im Hospiz amüsieren. Danach den Job kündigen, und sein eigenes Bestattungsinstitut gründen. Jens betrachtete die Welt mit den naiven Augen eines unverdorbenen Kindes, in Anbetracht verdorbenen Fleisches. Wenn du jeden Wunsch frei formulieren könntest, was wäre dein Begehr?

„Sagen sie mal, kennen sie zufällig einen guten Immobilienmakler?“

„Probieren sie es mit Yussuf Omari, von Munich Real Estates. Warten sie, ich habe seine Karte hier irgendwo. Wir spielen oft zusammen Golf.“

„Jeder Mensch hat ein Handicap.“

„Entschuldigen sie, Herr Schlenker. Das habe ich nicht ganz verstanden.“

„Macht nichts. Ich habe genug von meinem Ausflug zu den Kulissenmenschen. Sie sind genauso wenig real, wie alle anderen.“

Jens verzichtete darauf, ihm zum Abschied die Hand zu schütteln. Hinterher hätte er sie waschen müssen. Mit den Unterlagen des Notars in der Tasche, machte er sich auf zur Bank. Jens war es gewohnt, für die Vergangenheit zu leben. Für Vergänglichkeit und Fäulnis. Nicht daran, seine Altersvorsorge zu planen. Oder ein nekrophiles Abenteuer, das alle seine bisherigen Schandtaten in den Schatten stellte.


*


Eine letzte Nachtschicht im Kreise seiner Lieben. Jens stellte seine Straßenschuhe unten in den Spind, und zog die weißen Puschen über. Seine Hose kam frisch aus der Reinigung. Sogar die Kotspuren waren rausgegangen. Seine Letzte hatte die Kontrolle über ihren Schließmuskel verloren, als sie in seinen Armen starb. Noch im Badezimmer der Greisin hatte er sich geduscht. Aber auch seine Uniform hatte ein paar schokoladenbraune Spritzer abbekommen. Davon war fast nichts mehr zu sehen, außer ein paar kleineren Schatten. Jens klopfte unsichtbaren Staub von seinem Diensthemd. Kein Fleck konnte seine Seele beschmutzen. Alles perlte an ihm ab. Er war aus Teflon. Er dachte an die Krebsoma, die er damals bis zum Anschlag gefistet hatte. Das schwarze Aroma mutierter Zellen, welches aus ihrer Bärenhöhle gekommen war wie ein verendetes Tier. Und später an seinem Arm klebte, wie Fischrogen. Das Hospiz würde ihm fehlen. Wehmütig schnupperte Jens am Boden, und zog die Salmiakdämpfe ein. Dieser Geruch würde ihm fehlen. Alle Putzmittel der Welt konnten Krankheit und Tod nicht aus der Luft tilgen. Aber er bewunderte den guten Willen der Putzfrauen. In seiner Brusttasche steckten ein Kugelschreiber, und zwei Insulinstifte mit auswechselbaren Pieksern. Die Hygienevorschriften waren streng, Infektionskrankheiten konnte sich das Hospiz nicht leisten. Bei vielen der Patienten keuchte das Immunsystem in den letzten Zügen. Gott sei dank keine Aidsinfizierten, wie in dem Sterbeverein, bei dem er sich ursprünglich beworben hatte. Sexuell übertragbare Krankheiten betrafen leider auch Leichenschänder. Sofern man nicht den Besamungshandschuh eines landwirtschaftlichen Helfers überstülpte, bevor man ihn bis zum Schultergelenk in einer Toten versenkte. Eigentlich hätte er sich die Nachtschicht sparen können, und gleich zuhause auf seiner Klappkiste die Kündigung abtippen können. Ausdrucken, abgeben, fertig. Aber der Gaul litt Brunst im Stall, und wollte seinen letzten Ausritt nicht verpassen.

Frau Stromberg litt an Mukoviszidose, und hatte sich letzte Woche eine Lungenentzündung zugezogen, als sie trotz der frischen Temperaturen spazieren gegangen war. Nun, ein erwachsener Kulissenmensch war zu alt um auf wohlgemeinte Ratschläge zu hören. Um ehrlich zu sein, hatte Jens ihr den Spaziergang ausgeredet. Weil er wusste, dass ihre störrische Seele sich gegen das Verbot auflehnen würde. Und sie letzten Endes daran krepieren würde. Jens liebte ungezogene Mädchen. Wenn ihr Körper nachgab, kamen sie überall hin. Gute Mädchen kamen nur in den Himmel. Und da ging es weit weniger vergnüglich zu. Gott der Gerechte gönnte einem kein Laster. Zwischen den Wolken hatte er das Hausrecht inne, und Sünder schickte er zur Konkurrenz mit den glühenden Kohlen. Jens fand es dort unten gemütlicher. Annika hatte ihn in die Welt der Geister und Dämonen entführt. Und war letztlich auf einem Opferstein gestorben, das Ungeborene aus dem Leib geprügelt. Auf dem Altar dieses gescheiterten Lebensentwurfs war der neue Jens entstanden, im Blut geschändeter Körper. Untergetaucht in einer Brühe aus Knochen, Moos, Brüsten, brandigen Wunden mit langen Lappen, Hass und Kälte. Spuckend war er aufgetaucht, hatte das heilige Sakrileg der Taufe empfangen. Das Gesicht schmutzig von all den Dingen, die er am Abgrund seiner eigenen Seele gesehen hatte. Mutter war dort gewesen. Und hatte ihn zärtlich geküsst. Deswegen war ihm die Dunkelheit tröstlich vorgekommen. Die so kalt war, wie Mutters in Verwesung begriffener Körper. Der sich stinkend aus dem Leben verabschiedete.

Mit seiner Patientin ging es zu Ende, das war offensichtlich. Und er hätte sich nie verziehen, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Das Mittagessen, welches er ihr aufs Zimmer gebracht hatte, hatte sie nicht angerührt. Röchelnd hatte sie in den Laken gelegen, wie ein Gemälde von Ferdinand Hodler. Ihr Atem ging kurz und flach. Jens hatte sich seinen anderen Pflichten gewidmet, er konnte warten. Hatte Laken gewechselt und Bettpfannen geleert. Hauspost sortiert und Pakete verteilt. Vorher hatte er sie geöffnet und an sich genommen, was er brauchen konnte. Frau Strombergs Enkelin konnte definitiv ein paar leckere Kekse backen. Er würde ihr eine Dankeskarte schreiben, wenn ihm noch genügend Zeit blieb. Aber nun war ihre Großmutter fällig. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie mit ihrer Krankheit so alt geworden war. Man durfte Gott nicht herausfordern, wenn einem seine Zeit zugewiesen wurde. Jens würde diesen Fehler korrigieren. Ihre Augen waren zugefallen, und lagen in tiefen Ringen. Die fahlblonden Haare schwammen in Schweiß gebadet auf dem Kopfkissen, wie an die Küste angespülter Seetang. Jens schloss die Tür, und lauschte auf ihren Atem. Wie auf Ebbe und Flut der Wellen. Der Mensch bestand zu neunzig Prozent aus Wasser, auch wenn er nur Kulisse war. Und war den Gezeiten unterworfen, wie dem Mond. Der gnadenlos an uns zerrte. Ob wir wach waren, oder ob wir schliefen. Noch immer schnaufte diese alte Lok, rasselnd und schleimig. Rhythmisch senkte ihr Brustkorb sich in dem durchsichtig geschwitzten Nachthemd. Darunter zeichneten sich die Nippel ab, wie eine stumme Einladung. Jens drehte den Schlüssel im Schloss. Wie oft hatte er diesen Moment erlebt? Wenn sie in einer fremden Umgebung den Löffel abgaben. Nicht so wohl behütet wie Mutter, die zuhause gestorben war. Und einen Sohn hatte, der ihren letzten Wunsch erfüllte, mit pumpenden Lenden. Die gleichen zerwühlten Laken. Der gleiche verdorbene Geruch. Nur, dass Frau Stromberg noch nicht tot war. Aber fast. Jens nahm im Besuchersessel in der Zimmerecke Platz, wo er sie im Auge behalten konnte. Lehnte sich zurück, und schwelgte in Erinnerungen an eine glückliche Kindheit. Kein Außenstehender hätte vermutet, dass eine Kindheit unter diesen Umständen glücklich verlaufen konnte. Aber Jens strafte diese Theoretiker Lügen. Er war glücklich gewesen mit Mutter. Weil er ihr Sohn gewesen war. Und ihr Liebhaber. Wenn sie ihn aus ihrem Bett entließ, war er zum Bäcker gelaufen, und hatte sein Taschengeld in Süßigkeiten umgesetzt. In den untersten Regalreihen, auf Kinderhöhe, standen die Kunststoffschütten der Firma Haribo. Dicht gefüllt mit Gummigewürms und Schaumgummigetier. Am liebsten waren ihm die Schleckmuscheln gewesen. Und genau so eine hoffte er heute zu bekommen. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen, wenn er daran dachte.

Im Zimmer war es still geworden. Jens lauschte auf seinen eigenen Herzschlag. Und den von Frau Stromberg, ein Laken weiter. Doch so sehr er seine Ohren auch anspitzte, das einzig Lebendige in diesem Raum war er selbst. Routinemäßig hielt er ihr den Spiegel unter die Nase. Um sicherzugehen, dass er auch keine Lebende ficken würde. Allein der Gedanke daran verursachte ihm Übelkeit. Gürtelklappern, Jens Diensthose fiel zu Boden. Mit einer nachlässigen Bewegung rutschte sie ihm von den Knöcheln. Jens, der Schlangenmensch. Stand in Unterhosen da, und seine Kobra drückte gegen den Eingriff. Wenn Gefahr drohte, würde sie angreifen und Gift spucken. Ihr Köpfchen drückte gegen den Muttermund, um geboren zu werden. Rein und raus. Oh, Mutter! Bevor die Kobra ihr Sekret versprühen konnte, glitt er aus ihr heraus und tauchte seine Zunge in das kälter werdende Fleisch. Spürte den Lebensfunken schwinden, auch aus ihrem Leib.

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