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Kaltfleisch III

Der Letzte macht das Licht aus

Den Toten blieb eine Ewigkeit an Zeit. Dieser Luxus war Jens nicht beschieden. Morgen würde er aufbrechen.

 

*

 

Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugetan. Sich in seiner Wohnung verschlossen, wie in einem Bunker. Die Rollläden herabgelassen, und die Welt vor seinen Fenstern schlief nicht, bewegte sich unruhig auf ihrer Achse. Rumpelte, polterte. Wann würden die Sterne vom Himmel fallen? Er hatte Luzifer verraten. Seine Brüder und Schwestern der Bewegung. Vor die Türe hatte er eine schwere Kommode geschoben, die tiefe Kratzer im Laminat hinterließ. In seinem jetzigen Zustand war ihm das auch egal. Er hatte schlimmere Dinge zu fürchten. Die Rache der Satanisten zum Beispiel. Unruhig wälzte er sich in dem satingefütterten Doppelsarg, den Annika mit ihm gebaut hatte. Eigentlich war es sehr einfach gewesen. Und erschreckend, dass Google für solche Anfragen hilfreiche Antworten wusste.

Annika war tot. Ihr gemeinsames Kind war gestorben. Nun hörte er auch das Knacken des kleinen Schädels. Ein Laut, vor dem er in die Kulissen geflohen war. Wurde von seinem Unterbewusstsein erbarmungslos an die Küste gespült. Treibholz aus gebrochenen Planken. Möwen pickten das Leben aus hilflosen Muscheln. Betäubend, als würde sein Kopf in einer Kirchturmglocke stecken. Hallte es in seinen Ohren. Bittere Tränen liefen ihm die Wangen herab. Sie schmeckten salzig. Die Gesichter seines Lebens zogen an ihm vorbei. Mutter, faul und stinkend. Annika, die nach den Blumen der Aufbewahrungshalle roch. Freddy, der ihm den goldenen Schlüssel zur Leichenhalle vermacht hatte. Die Jungs aus dem Heim, alle mit einer glücklosen Zukunft. Bis auf Lasse, der zum Anführer der Bewegung geworden war. Und ihn in den Untergang gestürzt hatte. Unbeeindruckt vom Tod, hätte Jens diesen Kragen gerne persönlich umgedreht. Wenn es allein Lasse gewesen wäre. Aber gegen die Bewegung kam man nicht an. Legion, denn deren Name bedeutet viele. Besser war es, zu fliehen.

 

*

 

Am nächsten Morgen stand er früh auf. Die Jungs von der Arbeit mussten wohl alleine klarkommen. Von allen Jobs, die Jens je ausgeübt hatte, hatte der Friedhof ihm am meisten Spaß gemacht. Man arbeitete an der frischen Luft. Inhalierte das erdige Aroma frischer Gräber. Stellte Gedenksteine auf, und ergötzte sich an der Trauer der Kulissenmenschen. Stattete Mutter einen Besuch ab, deren Grabstelle er selbst in finsterster Nacht gefunden hätte, mit verbundenem Penis. Er durfte getrost stolz auf sich sein: Die braune Krume auf ihrem Grab war frisch geharkt, und grüne Kletterpflanzen umschlangen zärtlich ihre Überreste. Unter der Erde würden die Wurzeln in ihren Körper dringen. Jens bedauerte zutiefst, das Team zu verlassen. Zumal eine frische Lieferung nicht mehr ganz so frischer Leichen eingetroffen war. Gut durchgezogen, bis in den Teppich. Die von den Nachbarn erst gemeldet wurden, nachdem sie durch den unangenehmen Geruch im Treppenhaus aufgefallen waren. Nach ihm würde es keinen Mitarbeiter mehr im städtischen Grünflächenamt geben, der faule Körper entsprechend zu würdigen wusste.

Jens löste seine Konten auf, und steckte alles Geld in einen schmalen Aktenkoffer. Viel war es nicht, zumindest an einem Schweizer Steuersünder gemessen. Aber genug, um um eine Brieftasche zu sprengen. Und genug, um eine neue Existenz anzufangen. Im Wochenblatt standen mehrere Kleinbusse zum Verkauf. Billig musste es sein, er würde sich später einen anderen fahrbaren Untersatz zulegen. Die wenigen Habseligkeiten, die er aus seiner Wohnung mitnehmen wollte, mussten hineinpassen. Am Stadtrand stand ein alter VW-Bus, der seinen Zwecken entgegenkam. Jens hatte ein wenig Angst, immerhin lag das Grundstück des Anbieters nicht weit von ihrer alten Kultstätte. Wo Annika auf einen Felsen gebunden gestorben war. Und die Satanisten ihr das Kind aus dem Leib geprügelt hatten. Und dann an den Baum-

Ausklinken, die Kulissen. Jens Finger fühlten sich taub an, als er die Nummer wählte. Es war einfach zu nahe dran. Zu nahe an seiner jüngsten Vergangenheit.

 

*

 

Herr Bodmer war ein Hippie der alten Schule. Gefangen in seiner Zeitkapsel, hatte er die Neuerungen der modernen Welt verschlafen. Die Fassade seines Hauses war von Blumenmustern verziert, die er sicher selbst mit linkischer Hand aufgebracht hatte. Ähnlich verwildert wirkte auch der Vorgarten. Nur dem Eingreifen des Dorfpolizisten war es zu verdanken, dass keine Hanfpflanzen darin wuchsen. Unschwer zu erwähnen, dass der Dorfpolizist ein alter Freund von Bodmer war. Irgendwann in der Jugend hatten sich ihre Wege getrennt. Der eine war in den Staatsdienst getreten, der andere kämpfte weiter auf verlorenem Posten für seine Ideale. Bodmer führte Jens in seinen Werkzeugschuppen, wo der Kleinbus seit zehn Jahren auf Halde stand. Moos wucherte in den Fenstergummis. Spinnen nisteten in den Radständen. Erstaunlicherweise war die TÜV-Plakette neu. Wen auch immer der Hippie dafür geschmiert hatte.

„Sie ist mit Sicherheit keine Schönheit mehr, nicht wahr?“

„Welche sie?“

„Na meine Bettsy. Entschuldigen sie, junger Mann. Ich habe allen meiner Autos immer Namen gegeben. Sieht sie nicht wie eine Bettsy aus?“

„Ähem- ja, vielleicht. Mit ein wenig mehr Makeup.“

„Der Rost gehört dazu, wie es in der Annonce stand. Deswegen so billig.“

„Fährt sie noch?“

„Lass dich von ihrem Äußeren nicht täuschen. Damit bin ich seinerzeit bis nach Lüneburg gefahren. Nach Woodstock war dort das größte Rockfestival auf der europäischen Landscholle.“

„Auch mit Jim Morrison?“

„Ne, der war da schon lange tot. Sommer '71. Der Lizard King lag in der Badewanne, die Venen voll Heroin. Es war alles Pams Schuld.“

„Ich kenne die ganze Geschichte nur in groben Zügen. Um noch einmal auf das Auto zurückzukommen...“

„Steig ein, Junge. Wir machen eine Probefahrt.“

Bodmer drehte den Zündschlüssel um. Aus den Eingeweiden des Wagens war ein Schnarren zu hören. Hohl klickte Metall auf Metall. Riemen griffen, Kolben polterten hart in ihren Kammern. Wie Kugeln in einer Pistole. Doch wem galt die Mündung? Eine leichte Vibration ging durch ihre Füße.

„Komm schon...“

Nach ein paar gewaltigen Fehlzündungen sprang der Motor hustend und spuckend an. Das ganze Chassis wackelte, und im Radio spielten Fleetwood Mac. Die große 80er Jahre Party auf Radio Sieben.

„Sag ich's doch. Wenn sie will, dann fährt sie auch. Möchtest du ans Steuer?“

„Um ein Gefühl für den Wagen zu bekommen.“

Jens drückte das butterweiche Gaspedal durch. Jagte Bettsy auf der Geraden über die Bundesstraße.

„Nicht schlecht für ihr Alter.“

„Sag ich doch.“

„Ich nehme sie.“

„Du wirst es nicht bereuen. Bettsy kann so zärtlich wie eine Mutter sein.“

„Das bezweifle ich. Sie haben Mutter nie gekannt.“

Zum Stadtrand war er zu Fuß hinaus gewandert. Weil er fest damit gerechnet hatte, mit einem fahrbaren Untersatz zurückzukehren. Bettsy spuckte ein paar dieselgeschwängerte Rußwolken in den Himmel, bevor sie den Hof verließ.

 

*

 

Mit dem Hippie hatte Jens nur Zeit vertrödelt, die er nicht hatte. Als er mit einer neuen Plakette aus dem Landratsamt kam, war es schon Mittag. An Kartons hätte er denken können, doch dafür war es nun wirklich zu spät. Seine Kleidung verstaute er in Plastiktüten, die er unter der Spüle gefunden hatte. Dann machte er sich daran, die Möbel auseinander zu schrauben. Den Blick hektisch auf die Uhr gerichtet. Ein neues Bett würde er besorgen. Nur die Regale waren es wert, mitzukommen. Und der Kleiderschrank. Jens besaß nicht einmal einen Akkuschrauber, und die Zeit zerrann in seinen Händen. Draußen dunkelte es bereits, als er das letzte Stück im VW-Bus verstaut hatte. Jens hielt einen letzten Moment inne. Im Gedenken an Annika und seinen Sohn vergoss er eine Träne. Was schieflaufen hatte können, war schiefgelaufen.

„Schnappt euch den Verräter!“

Plötzlich waren sie da, umringten ihn von allen Seiten. Gunnar schwang eine Eisenstange. Manu trug in ihren Armen eine Seilrolle, aus Resten gefertigt. Jens sah die Knoten, wo sie Annikas Stricke geflickt hatten. Um ihn nun zu binden. Fabian grinste hämisch, die Bürste auf seinem Kopf blutrot gefärbt für den finalen Showdown. Jens hastete durch die Blumenbeete des Vorgartens auf seinen Wagen zu. Zertrampelte dabei Astern und Petunien, die ihr Vermieter im Frühjahr angepflanzt hatte. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Die Kränze waren aufgetischt. Wenn er zu lange wartete, gesellte sich eine frische Leiche dazu. Jens hatte keinen Gedanken darauf verschwendet, ob der Rest der Bewegung ihm an der Auffahrt auflauern würde. Thomas und Lasse hatte er glatt übersehen, weil sie sich hinter den Mülltonnen versteckten. Jetzt fluchte er über seine eigene Dummheit. Sie würden ihm das Fell über die Ohren ziehen wie dem Hund, der auf die Eisenspitzen des Geländers gespießt gewesen war. Jens hatte einen metallischen Geschmack im Mund. So schmeckte das Leben. Er hatte sich auf die Zunge gebissen.

Mit einem beherzten Sprung schaffte er es auf den Fahrersitz. Wie ein Gespenst tauchte Lasses Fratze vor der Windschutzscheibe auf. Die Nase so dicht ans Glas gepresst, dass Jens fast den Türverriegler vergessen hätte. Fauchend wie eine Katze bleckte Lasse die Zähne. Kratzte an der Scheibe, und versuchte das Glas einzuschlagen. Klappernd fiel Jens der Schlüssel aus seiner zitternden Hand, und verschwand in der Dunkelheit des Fußraums. Mit Grauen bemerkte er, wie Gunnar Lasse zur Hilfe eilte. Warum kam ihm kein Nachbar zur Hilfe? Lärmende Kneipen waren nur eine Seitenstraße entfernt. Ladengeschäfte lagen wenige Gehminuten zu Fuß. Sie waren mitten im Zentrum, verdammt! Und wo war der Scheißschlüssel?! Nachbarn würden die Polizei erst rufen, wenn sich eine Blutlache um seinen Schädel ausbreiten würde, wie ein roter Heiligenschein. Im Licht der ersten Laternen würde das Blut schwarz aussehen wie Tinte. Oder seine Seele. Jens hatte sich der Sünde schuldig gemacht.

„Schlagt die Scheibe ein!“

Hier ging es ums blanke Überleben. Um Menschenleben machte Jens sich keine Sorgen, höchstens um sein eigenes. Endlich hatte er den Wagenschlüssel gefunden, und triumphierend ins Zündschloss gerammt. Mit quietschenden Reifen setzte er zurück, und hörte an der Seite des Vans ein Poltern. Es war Lasses Schienbein, welches beim Aufprall mit der Stoßstange brach. Fluchend schlug Gunnar mit der Eisenstange gegen die Karosserie, und stolperte dabei. Unter den Reifen lag ein Hindernis, über das Jens knirschend rollte. Das Orchester spielte die Knochenpolka. Wen er überrollt hatte, spielte keine Rolle. Bloß raus aus dieser Hölle!

 

*

 

Er hasste es, nachts zu fahren. So wie er es überhaupt hasste, Auto zu fahren. Seine Orientierung war nicht die beste. Während Annika mühelos über das Display ihres Smartphones strich. Oder Mutter über das Armaturenbrett, wenn sie mit ihm an den Bodensee fuhr. Zu ihrem privaten Strand, wo sie beide nackt sein konnten. Ohne sich dem Diktat der Gesellschaft zu unterwerfen. Ohne Vater, der damals schon ein Gespenst gewesen war. Jens erinnerte sich, wie sein kleiner Mann im kalten Wasser zusammengeschrumpft war. Und Mutter ihn später wieder aufgerichtet hatte.

Aus eigener Kraft war er nie aus Bemmelsbach herausgekommen. Noch immer war die Welt fernab der Windschutzscheibe ein Mysterium. Er hatte die Autobahn genommen, um so wenig Gedanken wie möglich an die Landschaft zu vergeuden. Heimatlos war er geworden. Wo sollte er hin? So weit, wie die Reifen ihn trugen. Zu neuen Abenteuern. In Bemmelsbach hatte er alle Anlaufstellen durch: die Bestattungsinstitute, die Leichenhalle, und den Friedhof. Wie ein Drogensüchtiger sinnierte er über seinen nächsten Schuss. Wo er die nächste Portion kaltes Fleisch finden würde. Ein kleines Kaff kam nicht mehr in Frage. Zu mühsam wäre es gewesen, ohne Insiderwissen die lokale Nekro-Szene auszuforschen. Die Benzinnadel war in der Mitte angekommen. Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Augsburg war schon lange durch. Jens war nicht mehr weit von den Rändern Münchens entfernt. An der Raststätte kaufte er ein paar Schokoriegel, um durch die Nacht zu kommen. Die vertrockneten Sandwichs in den Schauvitrinen erweckten nicht wirklich sein Vertrauen. Leichter holte man sich eine Salmonelleninfektion, als eine gesunde Zwischenmahlzeit. Wer Thunfisch und Ei an der Autobahn bestellte, konnte nicht ganz bei Sinnen sein. Jens spülte mit Energydrinks nach, um den ekligen Geschmack loszuwerden. Der Typ von der Nachtschicht hatte dunkle Ringe unter seinen Augen, und war nicht weit von einer Leiche entfernt.

„War das alles?“

„Scheiße, warum auch nicht?“

Die Entscheidung hatte Mutter für ihn getroffen. Als er ankam, brach die Morgendämmerung aus den Wolkenschichten hervor, wie ein sanfter roter Nebel. Jens hatte seit vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen, und die Müdigkeit forderte ihren Tribut. Mit letzter Kraft fuhr er eine Parkbucht an, direkt vor einem Supermarkt in Germering. Stellte den Motor aus, und zog die Vorhänge zur Fahrerkabine zu. Dahinter befand sich eine kuschelige Koje. Jens schlief sofort ein.

 

*

 

Als er aufwachte, brannte ihm jeder Knochen einzeln im Leib. Was im schummerigen Licht der Morgendämmerung wie ein gemütliches Bett ausgesehen hatte, entpuppte sich bei Tageslicht als eine Ansammlung alter Plastiktüten, die mit bunten Lumpen gefüllt waren. Nun gut, der alte Karren war kein Campingbus. In dieser Hinsicht hatte ihn der Hippie nicht belogen. Aber Jens hatte ihn auch nicht gefragt. Was sich jetzt als ein schwerer Fehler herausstellte. Ein neuer Morgen, ein neuer Tag. Einmal um die Welt, und die Taschen voller Geld. Nur, dass ihm das jetzt nichts nützte. Er musste eine feste Bleibe finden. Eine Wohnung. Der Vogel hatte das Nest verlassen. Doch dem jungen Glück hatte der liebe Herrgott Steine in den Weg gelegt.

Neben dem Supermarkt gab es ein kleines Café, wo er sich mit einer Tasse Kaffee und einer Käsesemmel stärkte. Schnell lernte Jens, sich an die landestypischen Brauchtümer anzupassen.

„Ich bin neu in der Gegend. Sagen sie mal, wo finde ich hier eine Bank?“

„Muss es denn eine Bestimmte sein?“

„Am besten Sparkasse. Da war ich früher immer.“

„Fahren sie zum Bahnhof. Nach dem Kreisel kommen diverse Banken, auch eine Sparkasse.“

„Und die nächste Post?“

„Am Ende der Straße rechts, das sehen sie gleich.“

„Haben sie vielen Dank.“

Jens stellte eine Prioritätenliste zusammen. Das wichtigste von allem war eine Adresse. Für den Übergang tat es ein Schließfach, damit er seine Post abholen konnte. Gehaltsschecks und Kontoauszüge. Werbebroschüren und Rechnungen. Danach würde er sich um eine Bankverbindung kümmern müssen.

 

*

 

Die erste Zeit schlief er in seinem Wagen. Den er jedoch woanders parkte, um nicht unangenehm aufzufallen. Jetzt bedauerte er es, kein voll ausgestattetes Campingmobil gekauft zu haben. Für eine Gurke aus den Siebzigern mit beigen Rallyestreifen hätte das Budget locker gelangt. Wenn er nur nicht so in Eile gewesen wäre! Zweimal in der Woche suchte er das Hallenbad auf, um sich waschen und rasieren zu können. So konnte es auf Dauer nicht weitergehen. Jens brauchte eine feste Bleibe. Leider konnte er sich auch kein Hotel leisten. Vielmehr sah er es nicht ein, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Dafür war er zu sehr Schwabe. Mutter hatte ihn zur Sparsamkeit erzogen. Lediglich in neue Klamotten investierte er. Jens ging undercover, und dazu passte das schwarze Zeug nicht, was Annika ihm aufgezwungen hatte. Stück für Stück stellte er seine Garderobe um. Verlor den harten Umriss gegen die Kulissen, seine Kontraste. Stopfte sein altes Leben in einen Altkleidercontainer. Der neue Jens unterschied sich von allen seiner früheren Ichs. Er war durch die Hölle gegangen. Was andere tötet, härtete ihn ab. Zufrieden betrachtete er seinen neuen Look im Seitenspiegel. Spuckte in die offene Handfläche, und strich sich die Haare glatt. Einen Friseur sollte er auch mal wieder besuchen. Nicht, um ordentlich auszusehen. Sondern um den Kulissen ähnlicher zu werden. Morgens legte Mutter ihm die Klamotten zurecht. Jens war ins Hotel Mama zurückgekehrt, mit Vollpension bis in den Schritt. Wo sie an seinen Eiern nestelte. Ihren Liebling aufweckte. Guten Morgen, Latte. Guten Morgen, Mutter.

„Der Wettermann hat gestern gesagt, es sollen fünfzehn Grad werden. Ich habe dir ein Hemd rausgelegt, und einen Pullover. Du erkältest dich doch so leicht!“

„Die Hose mag ich nicht, die ist ja dunkelblau.“

Mutter war eine liebevolle Frau, aber manchmal konnte sie auch streng sein. Von gebleichten Jeans hielt sie nichts. Da lohnte auch keine Diskussion. Bei der man doch nur keuchend unter ihr liegenblieb, als Verlierer.

„Mein Junge braucht nicht herumzulaufen wie die letzten Kulissenkinder. Jedem Trend nacheifern, bloß weil die Gören auf dem Schulhof behaupten, es würde dazugehören. Um cool zu sein.“

„Ja, Mutter.“

„Was habe ich dir über die Kulissenkinder gesagt?“

„Dass sie nicht real sind.“

„Und wenn du nicht brav bist, dann wirst auch du zur Kulisse.“

„Bitte Mutter, lass das nicht zu!“

„Wir sind anders mein Kind, wir sind real.“

Dann hatte sie sein Gesicht in ihre Hände genommen und es mit Küssen überschüttet. Ihr Atem roch nach den Kräuterbonbons, die sie bei der Hausarbeit lutschte. Seine Vergangenheit ruhte in Pappkartons hinter dem Fahrersitz. Jens zog eine Jacke an. Er erkältete sich immer so schnell.

 

*

 

Zwei Wochen lebte er wie ein Penner. Dann fand er endlich eine passende Wohnung. Besser gesagt: ein Loch. Oder was in München für den kleinen Geldbeutel zu haben war. Seine neue Bleibe bestand aus einem Zimmer, das alles enthielt: Küche, Bad und Schlafzimmer. Bloß das Klo befand sich auf dem Gang, und wurde von den Nachbarn der gesamten Etage mitgenutzt. Soviel konnte man nicht lüften oder mit der Chemiekeule sprühen, dass dies ein angenehmer Ort wurde. Jens verließ seine Wohnung nur zum Scheißen. Zum Pinkeln benützte er das gleiche Waschbecken, in dem er sich auch die Zähne putzte. Am Beckenrand hing ein WC-Stein, der für die nötige Zitronenfrische sorgte. Frischer Rachen, frisches Klo. Für alles andere war der Weg zu weit. Auf dem Zwei-Platten-Kocher erhitzte er Fertiggerichte in Dosen. Oder holte eine Pizza um die Ecke. Zu mehr reichten seine Kochkünste nicht. Wehmütig dachte er an Mutter zurück. Bei ihr hatte es am besten geschmeckt.

Das Haus war bis unters Dach voll mit Studenten. Nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus reiner Profitgier des Vermieters. Je mehr Personen man in die Wohnungen pferchte, umso mehr konnte man aus jedem Quadratmeter herausholen. Wenn man ihnen das Wohnen in kleinen Rationen verkaufte. Ein Wunder, dass Jens eine Bleibe gefunden hatte. Allerdings war auch der Preis entsprechend. An den Wochenenden feierten sie wilde Partys. Manchmal fragten sie ihn, ob er mitkommen wollte. Doch Jens schüttelte emotionslos den Kopf, mit sich allein war er am glücklichsten.

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