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Kaltfleisch I

Nestwärme

„Die Nachbarn haben gesagt, im dritten Stock.“

„Boah, wie das stinkt!“

„Rosenwasser ist was anderes.“

„Hier?“

„Marlies Schlenker, alleinerziehend. Die Nachbarn haben sie seit Wochen nicht zu Gesicht bekommen.“

„Soll ich klingeln?“

„Dienstvorschrift ist Dienstvorschrift.“

„Können wir den ganzen Zinnober nicht mal weglassen?“

„Hör mal zu. Ich rieche es auch, aber was bedeutet das schon? Ich habe Messiwohnungen aufgebrochen, in denen es ähnlich roch. Und dann war es am Ende nur ein alter Schweinebraten, der auf dem Herd verfaulte.“

Wachtmeister Vivodevic drückte auf die Klingel. In der gähnenden Stille eines aus abblätternden Lackschichten bestehenden Treppenhauses dröhnte es wie eine Sonntagsglocke. Welchen unheiligen Geist hatten sie aus der Bundeslade befreit?

„Nun mach doch nicht so einen Krach!“

Vivodevic zuckte mit den Schultern.

„Hast du was gehört?“

„So tot wie ein Puff am Aschermittwoch.“

„Verdammt nochmal! Wir gehen da jetzt rein. Reich mir mal das Brecheisen.“

Ihr Brecheisen war ein alter Veteran auf der Wache, von den Kollegen auch liebevoll "Alfons" genannt (nach dem Tycoon der deutschen Stahlindustrie, Alfons Krupp). Hatte Judenverstecke in den vierziger Jahren aufgebrochen. Hatte Kommunistentreffen in den fünfziger Jahren aufgedeckt. Hatte haschischdampfende Hippiekommunen in den Sechzigern gesprengt. Hatte in den siebziger Jahren der außerparlamentarischen Opposition Benimm beigebracht. Kurzum- ein bunter Querschnitt durch die bundesdeutsche Geschichte. Nicht immer politisch korrekt, aber das war ein Schlagstock auch nicht.

Knarrend schwang die Tür in einen düsteren Hausflur. Ein Fliegenschwarm nutzte die Chance, und stürmte ins Freie. Da war der Geruch, intensiv und reif. Wie ein alter Schlachthof in der gleißenden Sommersonne.

„Oh mein Gott!“

Wachtmeister Butscher hielt sich am Treppengeländer fest, während sein Mittagessen, bestehend aus einer Pizza aus der Döneria, im schmalen Spalt der Treppengeländer verschwand. Eine weitere Notiz, die sich schlecht im Dienstbericht machen würde. Aber bei dem, was sie in der Wohnung erwartete, kam es wohl auch nicht mehr darauf an. Sie würden eine Spezialfirma anrufen müssen, die mit solchen Fällen vertraut war. Zittrig klang die Stimme seines Kollegen an sein Ohr.

„Na denn auf. Wer zaudert, den beißen die Würmer.“

Im Inneren des Kalkofens war es warm wie in einem Walkadaver. Und so ähnlich roch es auch. An allen Ecken und Winkeln summte es. Die beiden Polizisten, die nur der Meldung eines wichtigtuerischen Blockwarts nachgegangen waren, hielten sich unisono ein Taschentuch vor Nase und Mund. Dennoch war keine Farbe in ihren Gesichtern geblieben, die kalkweißen Altarkerzen ähnelten.

„Immer der Nase nach.“

„Müssen wir wirklich?“

„Wenn wir den Fall lösen wollen, dann ja.“

Auf dem Wohnzimmertisch standen Reste von Fertigmahlzeiten. Ein alter Röhrenfernseher lieferte verrauschte Bilder aus dem Kinderfernsehen. Fette Käfer krabbelten über die angetrockneten Reste einer Discounter-Lasagne. In einem Senfglas schimmelte der Bodensatz eines Fruchtsafts.

„Darf ich die Fenster aufmachen?“

„Tu dir keinen Zwang an.“

Der Fenstergriff war speckig und gelb. Butscher fragte sich, wie lange kein Mensch diesen Puff mehr gelüftet hatte. Egal, was hier im Argen lag. Die Wunde reichte tiefer, als sie zuerst gedacht hatten.

„Hast du das Wohnzimmer gesehen? Da wohnt doch noch ein kleines Kind mit bei?“

„Nimm doch eine tiefe Nase voll, wen du mir nicht glaubst. Hier lebt niemand mehr.“

Nach dem Wohnzimmer versuchten sie es im Schlafzimmer. Mit jedem ihrer Schritte wurde der Gestank unerträglicher. Umso größer die Überraschung, als ein nackter Junge auf sie zugetorkelt kam. Seine Augen waren glasig, wie die eines Preisboxers in der letzten Runde. Nur Gott mochte erahnen, welche Gräuel er gesehen hatte. An seinen schmutzigen Fesseln klebte Kot. Sein Haare standen in fettigen Strähnen ab, wie bei einem verrückten Wanderprediger.

„Meine Mama schläft. Ihr dürft meine Mama nicht aufwecken.“

Vivodevic bezweifelte, dass die Mutter des Jungen ihr Bett je wieder verlassen würde. Irgendeine schwarze Flüssigkeit war von der Matratze getropft, und auf dem Boden zu einer dunklen Melasse erstarrt. Ihre Augen waren zwei tiefe Höhlen, in denen Spinnen nisteten.

„Schau mal in dem Schrank da, ob wir was zum Anziehen für den Kleinen haben.“

Butscher öffnete widerwillig den Schrank. Überhaupt schien das weitere Öffnen von Türen langsam über seinen Verstand hinaus zu gehen. Für den heutigen Abend war er weit genug über den Rand der Realität hinaus gerutscht. Zumindest nach seinem Geschmack. Neben einigen fahlen Fetzen der Kindsmutter, die so abgetragen waren, dass es ihn in der Seele schmerzte, fand er auch Hosen und Pullover in kleinen Größen. Er warf sie seinem Kollegen zu. Warum war ihm der Junge vom ersten Moment an unsympathisch vorgekommen? Seine Ehe war kinderlos geblieben, doch dieses Häufchen Elend hatte es nicht verdient, dass er seine persönlichen Antipathien mit einbrachte. In einer der untersten Schubladen fand er Unterwäsche, die dem Bengel passen mochte.

„Und was wird aus Mama?“

Eine Frage, für die ein gestandener Polizist keine Antwort kannte. Sollte er dem Jungen sagen, dass sie in der alten Fleischhalde der Gerichtsmedizin landen würde? Dass ihr Kadaver nach einer kurzen Obduktion schnell eingeäschert werden würde? Dass der Waisenmacher ihm einen Besuch abgestattet hatte?

Nichts von alledem würde er ihm sagen. Der Junge wirkte geistesabwesend, wie ein Schiffbrüchiger, nachdem sein Boot am Horizont gesunken war. Als sein Kollege sich allerdings an den Abtransport der Leiche machte, da funkelte Leben in den kleinen Knopfaugen. Wie ein wildes Tier fiel er über Vivodevic her, eine dunkle Wolke aus spitzen Zähnen und trommelnden Fäusten.

„Aua, verdammt. Halt mir das Biest vom Leib!“

„Was machen wir jetzt mit diesem Wilden?“

„Ich rufe den Nachtportier vom Samariterheim an. Und du kümmerst dich um Verstärkung.“


*


Butscher stand vor dem Haus, als der Junge von einer Psychologin abgeführt wurde. Selten hatte er eine Zigarette so nötig gehabt wie heute.

Die Dame wirkte etwas gereizt, ihre Schicht war lange um. Aber irgendeiner musste die Scherben zusammenkehren, wenn ein Leben aus dem Leim ging. Der Bericht des Gerichtsmediziners würde ergeben, dass die Mutter des Jungen an einem Zuckerschock verstarb. Diverse Insulinspritzen in der Wohnung, verkrustet und kristallin. Zeichneten das Schicksal einer Patientin, die die Ratschläge ihres Arztes schon lange in den Wind geschrieben hatte. Wahrscheinlich hatte der Junge wochenlang neben der Leiche geschlafen. Sich von dem ernährt, was im Kühlschrank übrig war. Später hatte er die Geldbörse seiner Mutter geplündert, und im Supermarkt für Nachschub gesorgt. Die ganze Zeit über war er morgens zur Schule gegangen.

Wenn solche Dinge quasi Tür an Tür zu unserem Alltag passieren können, dann geht die Stadt langsam vor die Hunde, dachte Butscher. Die Glut verbrannte ihm die gelbschwieligen Finger, seine Zigarette landete fluchend auf dem Gehsteig.


*


Die erste Nacht verbrachte Jens in der Aufbewahrungsstelle des Kinderheims. Eingemummelt in eine kratzige Wolldecke nuckelte er am Daumen. Dachte an seine Mutter, von der die Beamten ihn getrennt hatten. Und an die ungewisse Zukunft, die ihn erwartete. Die anderen Kinder hatten ihm sein Bett gezeigt. Und den Schrank, in den er seine wenigen Habseligkeiten unterbringen konnte, die die Polizeibeamten vorläufig aus der Wohnung geborgen hatten. Fast augenblicklich schlief er ein.


*


Recherchen hatten ergeben, dass der Junge keine nahen Verwandten hinterlassen hatte. Großeltern verstorben, Vater unbekannt. Mit ihm würde die Linie aussterben, sollte er nie selbst Kinder in die Welt setzen. Was ganz davon abhing, wie er das Trauma wegstecken würde. Normalerweise waren Heimkinder neugierig wie zur Weihnachtsbescherung, wenn ein Neuling kam. Doch Jens mieden sie, er war ihnen nicht geheuer. Nicht, dass sie ihm böse gewesen wären. Oder ihm die üblichen Streiche gespielt hätten, die zum Initiationsritus gehörten. Ihn von Gemeinheiten auszuschließen war noch endgültiger, als die Freundschaftsverweigerung.

Jens war bestimmt kein Kind, welches man brav in der Ecke stapeln konnte. Doch Feindseligkeit konnte man ihm gewiss nicht vorwerfen. Überhaupt schien es schwer, einem Kind mit seiner Vergangenheit irgendetwas vorzuwerfen. Was die anderen Kinder abschreckte, war seine Emotionslosigkeit. Wenn man sich mit ihm unterhielt, bewegte sich nicht ein Gesichtsmuskel. Als hätte man einer Marionette die Fäden durchtrennt. Doch wer spielte die Partitur auf diesem Klavier? Der Psychologin, die er einmal die Woche aufsuchen musste, gab er Rätsel auf. Jens verdrängte das Geschehene nicht. Auf Fragen gab er kaum Antworten, dafür die wenigen Augenblicke, wo man ihn lächeln sah. Aus diesen dumpfen, brütenden Stunden im Hinterzimmer ging er stets als Sieger hervor. Eine ernsthafte Ärztin hätte sich Sorgen gemacht, und ihn in eine andere Einrichtung geschickt. Doch wenn der Alltag aus zündelnden Pyromanen, Gewalttätern und Zwangsonanisten bestand, war ein stummes Kind noch ein Sonnenschein. Zu viele Problemfälle, um die Frau Dr. Bertels sich kümmern musste. Manchmal bedauerte sie es, in einer staatlichen Einrichtung zu arbeiten. Es war einmal ihr Traumberuf gewesen, aber die Kinderseelen hatten sie verschlissen. Sie fühlte sich leer und ausgebrannt. Eine bittere Ironie des Schicksals, wenn man ihre Arbeit bedachte. Abends, bei einer Tasse Tee, hatte sie den kleinen Jens vergessen. Man durfte sich nicht mit reinziehen lassen, sonst blieb man selbst auf der Strecke. Ein Ratschlag, den man ihr auf der Uni gegeben hatte.


*


Nachts wurde er von schlimmen Alpträumen geplagt. Sah das Gesicht seiner Mutter zerfließen, wieder und wieder. Zu einer schmierigen Masse werden. Sie zu küssen, hinterließ einen Film auf den Lippen. Dabei musste er sie doch beschützen! Seit Vati sich aus dem Staub gemacht hatte, war er der Mann im Haus geworden. Mit allen daraus entstehenden Pflichten. Hatte in ihrem Bett geschlafen, und den kalten Körper warmgehalten. Und als es ihr nicht mehr warm werden wollte, hatte er die Heizung aufgedreht. Was es nur noch schlimmer machte. Denn mit der Hitze kamen die Fliegen. Gewundert hatte er sich, wie all die Insekten reingekommen waren. Hielt er doch alle Fenster geschlossen.

Er wachte auf in einem riesigen Schlafsaal, wo nur das Schnaufen und Schnarchen vieler Kinder zu hören war. Eine Fliege hatte sich auf seiner Nasenspitze niedergelassen, und putzte ihre Flügel. Jens schrie, doch keiner kam. Die Nachtschwester war über ihrer Illustrierten eingenickt. Am Morgen waren die Schreckbilder vergessen, die ihn so geängstigt hatten. Durch den Raureif auf den Fensterscheiben sah er den ersten Schnee des Winters. Er mochte es nun, wenn es kalt wurde. Das erinnerte ihn an seine Mutter.


*


Das Herz einer Mutter ist ein Abgrund,

in dessen Tiefe man immer eines findet:

Bereitschaft zum Verzeihen.


(Honoré de Balzac)

J.-Kreutzer-Weg 15

78055 Bemmelsbach


Marlies Schlenker


*25.04.1971 ✝ 03.09.1998


Viel zu früh verließ ein Engel die Erde. Doch sie schenkte der Welt einen Sohn.


Die Beerdigung findet am 18.10.1998 im kleinen Kreis auf dem städtischen Friedhof statt. Falls es weitere Hinterbliebene gibt, dürfen diese sich gerne bei Pfarrer Kricke melden.


*


Auf Anraten der Psychologin durfte Jens an der Trauerfeier nicht teilnehmen. In seiner momentanen Verfassung sei er nicht bereit dazu gewesen. So das Amtsdeutsch seiner Akte. Eine Entscheidung, die er Frau Dr. Bertels niemals verzeihen würde. Dass sie ihm die Möglichkeit geraubt hatte, Abschied zu nehmen.


*


Leere Gänge, die nach Bohnerwachs stanken. Eine polnische Putzfrau mit knallroten Gummihandschuhen wrang ihren Mob aus. Dampf stieg aus dem Eimer. Reinheit und Salmiak. Der heilige Geist der Nächstenliebe. Oder auf welchen Lügen sie hier aufbauten. Um die Entwurzelten wieder aufzubauen. Jens hatte sie noch nie lächeln gesehen. Er wusste nichts von ihr. Und wollte es auch nicht. Sie gehörte zu den Kulissenmenschen. Menschen, die Teil der Landschaft waren. Wie Wolken oder Vögel. Zuhause hatte es nur ihn und Mutter gegeben. Sie waren echt. Aber wenn der eine Teil der Menschheit zu den Kulissen zählte. Dann musste der andere Teil aus Schauspielern bestehen. Jens ging nach draußen, um den Kopf freizubekommen. Zog die dicken Stiefel an, Mütze und Handschuhe. Gewohnte Ordnung. Als Heilmittel gegen das Chaos, was gegen Ende zuhause vorherrschte. Als alles zerfiel.

Atemwölkchen zerstoben vor seiner Nase. Jens stapfte hinaus in den Schnee. Die Landschaft hatte sich vor ihm versteckt. Unter einer weißen Haube. Erst das Frühjahr würde zeigen, ob er es hier leiden konnte. Hinter dem Haus mochte eine Wiese unter dem Schnee liegen, oder ein abfallender Hang. Vielleicht mochte es einen Weg geben, statt eines festgetrampelten Pfads. Niemand folgte ihm. Das Samariterheim war ein Kinderheim, und kein Gefängnis. Keine Beinfessel der Welt hätte ihn halten können. Man hielt sie wie Brieftauben. Im ständigen Vertrauen, dass sie an ihren Nistplatz zurückkehren würden. Was hatten sie denn sonst im Leben?

Weiter unten mündete der Hang in einem Tannenwald. Die Wege waren tief zugeschneit. Hin und wieder ging eine kleine Lawine ab, wenn einer der Äste die Last nicht mehr halten konnte. Er war vom rechten Weg abgekommen. Im Leben und im Wald. Längst hatte er den sicheren Pfad des Wanderers verlassen. Sich zwischen Holzstapeln und umgerissenen Wurzelkronen hindurch gekämpft. Immer tiefer wurde der Wald, immer dichter die Vegetation. Zweige peitschten ihm ins Gesicht, rissen ihm die Haut auf. Jens kümmerte es nicht. Seine Mutter hatte ihn allein in der Welt zurückgelassen. Tränen liefen, brannten auf der Haut. Ein kalter Wind pfiff ihm entgegen.


*


Er stolperte, ging zu Boden. Pulverschnee rutschte in seine Kapuze. Verschollen und vergraben, wie ein Lawinenopfer. Wartete er auf keinen Rettungs-Bernhardiner. Rappelte sich auf, klopfte den losen Schnee von der Jacke. Freudig strahlend hielt er inne. Aus dem Schnee schaute ein nacktes Paar Beine heraus. Novemberkantholz, für den Winter eingelagert. Wenn harte Zeiten kommen. Musst du hart sein. Hart wie ein Brett. Oder steif wie eine Leiche.

Sie musste gestorben sein, bevor der erste Schnee fiel. Die Kälte hatte sie gut konserviert. Selbst die Maden, die zwischen ihren Beinen krabbelten, wirkten träge. Ihr Bär hielt Winterschlaf. Einzelne Schneekristalle glitzerten in den Schamhaaren. Ihre Beine waren auseinander geschoben, Reste eines zerfetzten Schlüpfers hingen zwischen den Zweigen. Das Tier, was sich an ihr ausgelassen hatte. War auf zwei Beinen aus dem Wald marschiert. Jens grub sie aus, mit bloßen Händen. Die klamm wurden, und taub. Bis kein Schnee mehr auf ihr lag. Bestimmt fühlte sie sich einsam, so allein im Wald. Jens legte sich zu ihr. Schmiegte sich an den völlig ausgekühlten Körper. Spendete Wärme, wie er Kälte bekam. Er rollte sich zum Embryo ein. Zurück in der Zeit. Schrumpfte. Verlernte zu sprechen. Verlernte zu laufen. Kehrte zurück in Mutters warmen Schoss. Schwamm friedlich in Fruchtwasser. Zellen verschwanden, bis nur noch ein Samenfaden und eine Eizelle blieben. Urknall mit Überschallgeschwindigkeit. Jens hatte aufgehört zu existieren. War nicht mehr als das unmoralische Zwinkern in den Augen eines Barlümmels.

Als er ging, deckte er sie mit einer Decke aus Laub und Reisig zu. Wenn sie einer entdeckte. Würde man sie ihm wegnehmen. Nach allem Fremden um ihn herum war er froh, etwas Vertrautes gefunden zu haben.

„Schlaf gut.“

Er küsste sie zärtlich auf die Stirn.


*


Mit einer schweren Grippe landete Jens in der Krankenabteilung. Eine Erkältungswelle hatte das Heim erfasst, und auch vor ihm nicht Halt gemacht. Der halbe Saal schniefte und bellte wie ein Lazarett. Ein besorgter Arzt drückte ihm das Stethoskop auf die magere Brust.

„Einatmen, ausatmen.“

Jens krümmte sich vor Husten, der in seiner Kehle rasselte wie eine Klapperschlange. Der Arzt schüttelte den Kopf, und holte eine Spritze aus seinem braunen Lederkoffer. Klopfte gegen den Zylinder, bis ein Freudentropfen aus der Kanüle kam. Drückte sie ab wie einen Revolver, direkt in die fleischigen Partien des Jungen. Schreckte vor der Hitze zurück, die von ihm ausging.

„Rufen sie mich, wenn sein Fieber nicht zurückgeht.“

Drei Tage lang kämpfte Jens gegen das Fieber. Verwechselte die Namen, verwechselte die Menschen. Im Delirium. Sorgte sich um die Frauenleiche im Wald. Dass niemand sie entdecken würde. All die Dinge, die er noch mit ihr anstellen konnte. Wenn er gesund aus diesem Saal herauskam. Der nach Kampfer und Medikamenten schmeckte. Ein Wartesaal für den Tod. Der draußen im Wartezimmer Zeitschriften blätterte. Ihnen auflauerte mit seiner scharfen Sense.

Während er heil auf der anderen Seite herauskam, war seinem Bettnachbarn weniger Glück beschieden. Der Arzt zog die Decke über seinen Kopf. Dabei wisperte der Stoff wie eine schabende Leinwand. Jens ging ein kalter Schauder über den Rücken. Noch Jahre später würde er sich an dieses Geräusch erinnern. Der Tod war kein verlässlicher Geselle. Er kam, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Nahm sich, was er brauchte. Und verschwand mit einem Hofknicks hinter den Kulissen.


*


Kurz vor Weihnachten setzte eine für die Jahreszeit ungewohnte Schneeschmelze ein. Während in den Fußgängerzonen der Republik Tannenbäume und Lametta das Bild bestimmten, kehrten einige Übermütige in die Biergärten ein.

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