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Kaltfleisch Gesamtausgabe

Faule Begierden






Über das Buch:


Als die Polizei die Wohnung aufbricht, finden sie einen völlig verstörten und verwahrlosten Neunjährigen. Daneben liegt der Leichnam seiner Mutter. Doch sie ahnen nicht, welch abscheuliche Szenen sich in der Vergangenheit abgespielt haben.


Wenn alle Tabus zerbrochen wurden. Reift das Verlangen nach kaltem Fleisch heran, wie eine faule Frucht.

Nestwärme

„Die Nachbarn haben gesagt, im dritten Stock.“

„Boah, wie das stinkt!“

„Rosenwasser ist was anderes.“

„Hier?“

„Marlies Schlenker, alleinerziehend. Die Nachbarn haben sie seit Wochen nicht zu Gesicht bekommen.“

„Soll ich klingeln?“

„Dienstvorschrift ist Dienstvorschrift.“

„Können wir den ganzen Zinnober nicht mal weglassen?“

„Hör mal zu. Ich rieche es auch, aber was bedeutet das schon? Ich habe Messiwohnungen aufgebrochen, in denen es ähnlich roch. Und dann war es am Ende nur ein alter Schweinebraten, der auf dem Herd verfaulte.“

Wachtmeister Vivodevic drückte auf die Klingel. In der gähnenden Stille eines aus abblätternden Lackschichten bestehenden Treppenhauses dröhnte es wie eine Sonntagsglocke. Welchen unheiligen Geist hatten sie aus der Bundeslade befreit?

„Nun mach doch nicht so einen Krach!“

Vivodevic zuckte mit den Schultern.

„Hast du was gehört?“

„So tot wie ein Puff am Aschermittwoch.“

„Verdammt nochmal! Wir gehen da jetzt rein. Reich mir mal das Brecheisen.“

Ihr Brecheisen war ein alter Veteran auf der Wache, von den Kollegen auch liebevoll "Alfons" genannt (nach dem Tycoon der deutschen Stahlindustrie, Alfons Krupp). Hatte Judenverstecke in den vierziger Jahren aufgebrochen. Hatte Kommunistentreffen in den fünfziger Jahren aufgedeckt. Hatte haschischdampfende Hippiekommunen in den Sechzigern gesprengt. Hatte in den siebziger Jahren der außerparlamentarischen Opposition Benimm beigebracht. Kurzum- ein bunter Querschnitt durch die bundesdeutsche Geschichte. Nicht immer politisch korrekt, aber das war ein Schlagstock auch nicht.

Knarrend schwang die Tür in einen düsteren Hausflur. Ein Fliegenschwarm nutzte die Chance, und stürmte ins Freie. Da war der Geruch, intensiv und reif. Wie ein alter Schlachthof in der gleißenden Sommersonne.

„Oh mein Gott!“

Wachtmeister Butscher hielt sich am Treppengeländer fest, während sein Mittagessen, bestehend aus einer Pizza aus der Döneria, im schmalen Spalt der Treppengeländer verschwand. Eine weitere Notiz, die sich schlecht im Dienstbericht machen würde. Aber bei dem, was sie in der Wohnung erwartete, kam es wohl auch nicht mehr darauf an. Sie würden eine Spezialfirma anrufen müssen, die mit solchen Fällen vertraut war. Zittrig klang die Stimme seines Kollegen an sein Ohr.

„Na denn auf. Wer zaudert, den beißen die Würmer.“

Im Inneren des Kalkofens war es warm wie in einem Walkadaver. Und so ähnlich roch es auch. An allen Ecken und Winkeln summte es. Die beiden Polizisten, die nur der Meldung eines wichtigtuerischen Blockwarts nachgegangen waren, hielten sich unisono ein Taschentuch vor Nase und Mund. Dennoch war keine Farbe in ihren Gesichtern geblieben, die kalkweißen Altarkerzen ähnelten.

„Immer der Nase nach.“

„Müssen wir wirklich?“

„Wenn wir den Fall lösen wollen, dann ja.“

Auf dem Wohnzimmertisch standen Reste von Fertigmahlzeiten. Ein alter Röhrenfernseher lieferte verrauschte Bilder aus dem Kinderfernsehen. Fette Käfer krabbelten über die angetrockneten Reste einer Discounter-Lasagne. In einem Senfglas schimmelte der Bodensatz eines Fruchtsafts.

„Darf ich die Fenster aufmachen?“

„Tu dir keinen Zwang an.“

Der Fenstergriff war speckig und gelb. Butscher fragte sich, wie lange kein Mensch diesen Puff mehr gelüftet hatte. Egal, was hier im Argen lag. Die Wunde reichte tiefer, als sie zuerst gedacht hatten.

„Hast du das Wohnzimmer gesehen? Da wohnt doch noch ein kleines Kind mit bei?“

„Nimm doch eine tiefe Nase voll, wen du mir nicht glaubst. Hier lebt niemand mehr.“

Nach dem Wohnzimmer versuchten sie es im Schlafzimmer. Mit jedem ihrer Schritte wurde der Gestank unerträglicher. Umso größer die Überraschung, als ein nackter Junge auf sie zugetorkelt kam. Seine Augen waren glasig, wie die eines Preisboxers in der letzten Runde. Nur Gott mochte erahnen, welche Gräuel er gesehen hatte. An seinen schmutzigen Fesseln klebte Kot. Sein Haare standen in fettigen Strähnen ab, wie bei einem verrückten Wanderprediger.

„Meine Mama schläft. Ihr dürft meine Mama nicht aufwecken.“

Vivodevic bezweifelte, dass die Mutter des Jungen ihr Bett je wieder verlassen würde. Irgendeine schwarze Flüssigkeit war von der Matratze getropft, und auf dem Boden zu einer dunklen Melasse erstarrt. Ihre Augen waren zwei tiefe Höhlen, in denen Spinnen nisteten.

„Schau mal in dem Schrank da, ob wir was zum Anziehen für den Kleinen haben.“

Butscher öffnete widerwillig den Schrank. Überhaupt schien das weitere Öffnen von Türen langsam über seinen Verstand hinaus zu gehen. Für den heutigen Abend war er weit genug über den Rand der Realität hinaus gerutscht. Zumindest nach seinem Geschmack. Neben einigen fahlen Fetzen der Kindsmutter, die so abgetragen waren, dass es ihn in der Seele schmerzte, fand er auch Hosen und Pullover in kleinen Größen. Er warf sie seinem Kollegen zu. Warum war ihm der Junge vom ersten Moment an unsympathisch vorgekommen? Seine Ehe war kinderlos geblieben, doch dieses Häufchen Elend hatte es nicht verdient, dass er seine persönlichen Antipathien mit einbrachte. In einer der untersten Schubladen fand er Unterwäsche, die dem Bengel passen mochte.

„Und was wird aus Mama?“

Eine Frage, für die ein gestandener Polizist keine Antwort kannte. Sollte er dem Jungen sagen, dass sie in der alten Fleischhalde der Gerichtsmedizin landen würde? Dass ihr Kadaver nach einer kurzen Obduktion schnell eingeäschert werden würde? Dass der Waisenmacher ihm einen Besuch abgestattet hatte?

Nichts von alledem würde er ihm sagen. Der Junge wirkte geistesabwesend, wie ein Schiffbrüchiger, nachdem sein Boot am Horizont gesunken war. Als sein Kollege sich allerdings an den Abtransport der Leiche machte, da funkelte Leben in den kleinen Knopfaugen. Wie ein wildes Tier fiel er über Vivodevic her, eine dunkle Wolke aus spitzen Zähnen und trommelnden Fäusten.

„Aua, verdammt. Halt mir das Biest vom Leib!“

„Was machen wir jetzt mit diesem Wilden?“

„Ich rufe den Nachtportier vom Samariterheim an. Und du kümmerst dich um Verstärkung.“


*


Butscher stand vor dem Haus, als der Junge von einer Psychologin abgeführt wurde. Selten hatte er eine Zigarette so nötig gehabt wie heute.

Die Dame wirkte etwas gereizt, ihre Schicht war lange um. Aber irgendeiner musste die Scherben zusammenkehren, wenn ein Leben aus dem Leim ging. Der Bericht des Gerichtsmediziners würde ergeben, dass die Mutter des Jungen an einem Zuckerschock verstarb. Diverse Insulinspritzen in der Wohnung, verkrustet und kristallin. Zeichneten das Schicksal einer Patientin, die die Ratschläge ihres Arztes schon lange in den Wind geschrieben hatte. Wahrscheinlich hatte der Junge wochenlang neben der Leiche geschlafen. Sich von dem ernährt, was im Kühlschrank übrig war. Später hatte er die Geldbörse seiner Mutter geplündert, und im Supermarkt für Nachschub gesorgt. Die ganze Zeit über war er morgens zur Schule gegangen.

Wenn solche Dinge quasi Tür an Tür zu unserem Alltag passieren können, dann geht die Stadt langsam vor die Hunde, dachte Butscher. Die Glut verbrannte ihm die gelbschwieligen Finger, seine Zigarette landete fluchend auf dem Gehsteig.


*


Die erste Nacht verbrachte Jens in der Aufbewahrungsstelle des Kinderheims. Eingemummelt in eine kratzige Wolldecke nuckelte er am Daumen. Dachte an seine Mutter, von der die Beamten ihn getrennt hatten. Und an die ungewisse Zukunft, die ihn erwartete. Die anderen Kinder hatten ihm sein Bett gezeigt. Und den Schrank, in den er seine wenigen Habseligkeiten unterbringen konnte, die die Polizeibeamten vorläufig aus der Wohnung geborgen hatten. Fast augenblicklich schlief er ein.


*


Recherchen hatten ergeben, dass der Junge keine nahen Verwandten hinterlassen hatte. Großeltern verstorben, Vater unbekannt. Mit ihm würde die Linie aussterben, sollte er nie selbst Kinder in die Welt setzen. Was ganz davon abhing, wie er das Trauma wegstecken würde. Normalerweise waren Heimkinder neugierig wie zur Weihnachtsbescherung, wenn ein Neuling kam. Doch Jens mieden sie, er war ihnen nicht geheuer. Nicht, dass sie ihm böse gewesen wären. Oder ihm die üblichen Streiche gespielt hätten, die zum Initiationsritus gehörten. Ihn von Gemeinheiten auszuschließen war noch endgültiger, als die Freundschaftsverweigerung.

Jens war bestimmt kein Kind, welches man brav in der Ecke stapeln konnte. Doch Feindseligkeit konnte man ihm gewiss nicht vorwerfen. Überhaupt schien es schwer, einem Kind mit seiner Vergangenheit irgendetwas vorzuwerfen. Was die anderen Kinder abschreckte, war seine Emotionslosigkeit. Wenn man sich mit ihm unterhielt, bewegte sich nicht ein Gesichtsmuskel. Als hätte man einer Marionette die Fäden durchtrennt. Doch wer spielte die Partitur auf diesem Klavier? Der Psychologin, die er einmal die Woche aufsuchen musste, gab er Rätsel auf. Jens verdrängte das Geschehene nicht. Auf Fragen gab er kaum Antworten, dafür die wenigen Augenblicke, wo man ihn lächeln sah. Aus diesen dumpfen, brütenden Stunden im Hinterzimmer ging er stets als Sieger hervor. Eine ernsthafte Ärztin hätte sich Sorgen gemacht, und ihn in eine andere Einrichtung geschickt. Doch wenn der Alltag aus zündelnden Pyromanen, Gewalttätern und Zwangsonanisten bestand, war ein stummes Kind noch ein Sonnenschein. Zu viele Problemfälle, um die Frau Dr. Bertels sich kümmern musste. Manchmal bedauerte sie es, in einer staatlichen Einrichtung zu arbeiten. Es war einmal ihr Traumberuf gewesen, aber die Kinderseelen hatten sie verschlissen. Sie fühlte sich leer und ausgebrannt. Eine bittere Ironie des Schicksals, wenn man ihre Arbeit bedachte. Abends, bei einer Tasse Tee, hatte sie den kleinen Jens vergessen. Man durfte sich nicht mit reinziehen lassen, sonst blieb man selbst auf der Strecke. Ein Ratschlag, den man ihr auf der Uni gegeben hatte.


*


Nachts wurde er von schlimmen Alpträumen geplagt. Sah das Gesicht seiner Mutter zerfließen, wieder und wieder. Zu einer schmierigen Masse werden. Sie zu küssen, hinterließ einen Film auf den Lippen. Dabei musste er sie doch beschützen! Seit Vati sich aus dem Staub gemacht hatte, war er der Mann im Haus geworden. Mit allen daraus entstehenden Pflichten. Hatte in ihrem Bett geschlafen, und den kalten Körper warmgehalten. Und als es ihr nicht mehr warm werden wollte, hatte er die Heizung aufgedreht. Was es nur noch schlimmer machte. Denn mit der Hitze kamen die Fliegen. Gewundert hatte er sich, wie all die Insekten reingekommen waren. Hielt er doch alle Fenster geschlossen.

Er wachte auf in einem riesigen Schlafsaal, wo nur das Schnaufen und Schnarchen vieler Kinder zu hören war. Eine Fliege hatte sich auf seiner Nasenspitze niedergelassen, und putzte ihre Flügel. Jens schrie, doch keiner kam. Die Nachtschwester war über ihrer Illustrierten eingenickt. Am Morgen waren die Schreckbilder vergessen, die ihn so geängstigt hatten. Durch den Raureif auf den Fensterscheiben sah er den ersten Schnee des Winters. Er mochte es nun, wenn es kalt wurde. Das erinnerte ihn an seine Mutter.


*


Das Herz einer Mutter ist ein Abgrund,

in dessen Tiefe man immer eines findet:

Bereitschaft zum Verzeihen.


(Honoré de Balzac)

J.-Kreutzer-Weg 15

78055 Bemmelsbach


Marlies Schlenker


*25.04.1971 ✝ 03.09.1998


Viel zu früh verließ ein Engel die Erde. Doch sie schenkte der Welt einen Sohn.


Die Beerdigung findet am 18.10.1998 im kleinen Kreis auf dem städtischen Friedhof statt. Falls es weitere Hinterbliebene gibt, dürfen diese sich gerne bei Pfarrer Kricke melden.


*


Auf Anraten der Psychologin durfte Jens an der Trauerfeier nicht teilnehmen. In seiner momentanen Verfassung sei er nicht bereit dazu gewesen. So das Amtsdeutsch seiner Akte. Eine Entscheidung, die er Frau Dr. Bertels niemals verzeihen würde. Dass sie ihm die Möglichkeit geraubt hatte, Abschied zu nehmen.


*


Leere Gänge, die nach Bohnerwachs stanken. Eine polnische Putzfrau mit knallroten Gummihandschuhen wrang ihren Mob aus. Dampf stieg aus dem Eimer. Reinheit und Salmiak. Der heilige Geist der Nächstenliebe. Oder auf welchen Lügen sie hier aufbauten. Um die Entwurzelten wieder aufzubauen. Jens hatte sie noch nie lächeln gesehen. Er wusste nichts von ihr. Und wollte es auch nicht. Sie gehörte zu den Kulissenmenschen. Menschen, die Teil der Landschaft waren. Wie Wolken oder Vögel. Zuhause hatte es nur ihn und Mutter gegeben. Sie waren echt. Aber wenn der eine Teil der Menschheit zu den Kulissen zählte. Dann musste der andere Teil aus Schauspielern bestehen. Jens ging nach draußen, um den Kopf freizubekommen. Zog die dicken Stiefel an, Mütze und Handschuhe. Gewohnte Ordnung. Als Heilmittel gegen das Chaos, was gegen Ende zuhause vorherrschte. Als alles zerfiel.

Atemwölkchen zerstoben vor seiner Nase. Jens stapfte hinaus in den Schnee. Die Landschaft hatte sich vor ihm versteckt. Unter einer weißen Haube. Erst das Frühjahr würde zeigen, ob er es hier leiden konnte. Hinter dem Haus mochte eine Wiese unter dem Schnee liegen, oder ein abfallender Hang. Vielleicht mochte es einen Weg geben, statt eines festgetrampelten Pfads. Niemand folgte ihm. Das Samariterheim war ein Kinderheim, und kein Gefängnis. Keine Beinfessel der Welt hätte ihn halten können. Man hielt sie wie Brieftauben. Im ständigen Vertrauen, dass sie an ihren Nistplatz zurückkehren würden. Was hatten sie denn sonst im Leben?

Weiter unten mündete der Hang in einem Tannenwald. Die Wege waren tief zugeschneit. Hin und wieder ging eine kleine Lawine ab, wenn einer der Äste die Last nicht mehr halten konnte. Er war vom rechten Weg abgekommen. Im Leben und im Wald. Längst hatte er den sicheren Pfad des Wanderers verlassen. Sich zwischen Holzstapeln und umgerissenen Wurzelkronen hindurch gekämpft. Immer tiefer wurde der Wald, immer dichter die Vegetation. Zweige peitschten ihm ins Gesicht, rissen ihm die Haut auf. Jens kümmerte es nicht. Seine Mutter hatte ihn allein in der Welt zurückgelassen. Tränen liefen, brannten auf der Haut. Ein kalter Wind pfiff ihm entgegen.


*


Er stolperte, ging zu Boden. Pulverschnee rutschte in seine Kapuze. Verschollen und vergraben, wie ein Lawinenopfer. Wartete er auf keinen Rettungs-Bernhardiner. Rappelte sich auf, klopfte den losen Schnee von der Jacke. Freudig strahlend hielt er inne. Aus dem Schnee schaute ein nacktes Paar Beine heraus. Novemberkantholz, für den Winter eingelagert. Wenn harte Zeiten kommen. Musst du hart sein. Hart wie ein Brett. Oder steif wie eine Leiche.

Sie musste gestorben sein, bevor der erste Schnee fiel. Die Kälte hatte sie gut konserviert. Selbst die Maden, die zwischen ihren Beinen krabbelten, wirkten träge. Ihr Bär hielt Winterschlaf. Einzelne Schneekristalle glitzerten in den Schamhaaren. Ihre Beine waren auseinander geschoben, Reste eines zerfetzten Schlüpfers hingen zwischen den Zweigen. Das Tier, was sich an ihr ausgelassen hatte. War auf zwei Beinen aus dem Wald marschiert. Jens grub sie aus, mit bloßen Händen. Die klamm wurden, und taub. Bis kein Schnee mehr auf ihr lag. Bestimmt fühlte sie sich einsam, so allein im Wald. Jens legte sich zu ihr. Schmiegte sich an den völlig ausgekühlten Körper. Spendete Wärme, wie er Kälte bekam. Er rollte sich zum Embryo ein. Zurück in der Zeit. Schrumpfte. Verlernte zu sprechen. Verlernte zu laufen. Kehrte zurück in Mutters warmen Schoss. Schwamm friedlich in Fruchtwasser. Zellen verschwanden, bis nur noch ein Samenfaden und eine Eizelle blieben. Urknall mit Überschallgeschwindigkeit. Jens hatte aufgehört zu existieren. War nicht mehr als das unmoralische Zwinkern in den Augen eines Barlümmels.

Als er ging, deckte er sie mit einer Decke aus Laub und Reisig zu. Wenn sie einer entdeckte. Würde man sie ihm wegnehmen. Nach allem Fremden um ihn herum war er froh, etwas Vertrautes gefunden zu haben.

„Schlaf gut.“

Er küsste sie zärtlich auf die Stirn.


*


Mit einer schweren Grippe landete Jens in der Krankenabteilung. Eine Erkältungswelle hatte das Heim erfasst, und auch vor ihm nicht Halt gemacht. Der halbe Saal schniefte und bellte wie ein Lazarett. Ein besorgter Arzt drückte ihm das Stethoskop auf die magere Brust.

„Einatmen, ausatmen.“

Jens krümmte sich vor Husten, der in seiner Kehle rasselte wie eine Klapperschlange. Der Arzt schüttelte den Kopf, und holte eine Spritze aus seinem braunen Lederkoffer. Klopfte gegen den Zylinder, bis ein Freudentropfen aus der Kanüle kam. Drückte sie ab wie einen Revolver, direkt in die fleischigen Partien des Jungen. Schreckte vor der Hitze zurück, die von ihm ausging.

„Rufen sie mich, wenn sein Fieber nicht zurückgeht.“

Drei Tage lang kämpfte Jens gegen das Fieber. Verwechselte die Namen, verwechselte die Menschen. Im Delirium. Sorgte sich um die Frauenleiche im Wald. Dass niemand sie entdecken würde. All die Dinge, die er noch mit ihr anstellen konnte. Wenn er gesund aus diesem Saal herauskam. Der nach Kampfer und Medikamenten schmeckte. Ein Wartesaal für den Tod. Der draußen im Wartezimmer Zeitschriften blätterte. Ihnen auflauerte mit seiner scharfen Sense.

Während er heil auf der anderen Seite herauskam, war seinem Bettnachbarn weniger Glück beschieden. Der Arzt zog die Decke über seinen Kopf. Dabei wisperte der Stoff wie eine schabende Leinwand. Jens ging ein kalter Schauder über den Rücken. Noch Jahre später würde er sich an dieses Geräusch erinnern. Der Tod war kein verlässlicher Geselle. Er kam, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Nahm sich, was er brauchte. Und verschwand mit einem Hofknicks hinter den Kulissen.


*


Kurz vor Weihnachten setzte eine für die Jahreszeit ungewohnte Schneeschmelze ein. Während in den Fußgängerzonen der Republik Tannenbäume und Lametta das Bild bestimmten, kehrten einige Übermütige in die Biergärten ein. Statt Glühwein süffelten sie Radler auf Eis. Auch die Bedienungen ließen sich zu frivolen Scherzen herab. Einer der Gäste klatschte ihnen anerkennend auf den Hintern. Die Zeitungen waren voll von Spekulationen über einen Serienmörder, der sein Unheil trieb. Eine Grausamkeit an den Tag legte, wie man sie bis dato noch nicht gekannt hatte. Rauschen im Blätterwald. Kadaver verwesten unter freiem Himmel.

Jens brütete in seinem Zimmer. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit hatten sie ihn auf ein Vierer-Zimmer verlegt. Die Neulinge landeten erst im großen Schlafsaal. Massenabfertigung, das Fließband. Bis man sie einer Zimmergemeinschaft zuteilte. Der kleinsten Brutzelle der Gesellschaft. Er hatte das untere Bett bezogen. Widerstandslos und ohne Diskussion. Er teilte sich seine neue Heimat mit drei anderen Jungen. Kulissenmenschen, wie er zähneknirschend dachte. Nur der Vollzähligkeit halber wären zu erwähnen: Der dicke Lasse, der den Anderen immer die Süßigkeiten stahl. Lukas, eine widerliche Frohnatur. Pfiff schon frühmorgens die Lieder nach, die er im Kofferradio gehört hatte. Timo, der immer noch daran glaubte, dass seine Eltern ihn irgendwann abholen würden. Für ihn empfand Jens noch am meisten Sympathie. Nicht, dass er die offen gezeigt hätte. Seine menschlichen Züge waren rudimentär vorhanden. Er lebte sie nur nicht aus!

Sie waren zu dritt um ein Brettspiel versammelt. Niemand hatte ihn gefragt, ob er mitspielen wollte. Generell redeten sie wenig miteinander. Das Nötigste war noch zuviel. Für einen Jungen, der das Schweigen wie eine Mauer um sich aufschichtete. Stein um Stein. Niemand schenkte ihm Beachtung, als er eine Jacke überzog und die Stube verließ.


*


Kaum, dass die Sonnenstrahlen sein Gesicht trafen. Fühlte er sich frei. Kniepte die Augen zusammen, und schirmte seine Augen gegen das gleißende Licht. Kaum zu glauben, dass in weniger als zwei Wochen Weihnachten war. Morgen Kinder, wird's nichts geben. Nur wer hat, dem wird geschenkt. Wusste schon Erich Kästner, dessen Bücher in der hauseigenen Bibliothek auslagen. Jens mochte seine Gedichte, die der Gesellschaft die Maske abzogen. Er war ein ernster kleiner Junge, der gerne Bücher las.

Mühelos fand er die Stelle im Wald wieder. Er hatte sich schon Sorgen gemacht. Weil das Fieber soviel verbrannt hatte. Lückenhafte Relais hinterlassen, schmauchend und schmorend. Der Schnee war gewichen. Ihr froststeifer Körper hatte eine weibliche Weichheit angenommen. Moos blühte auf ihren Knöcheln. Die Natur kehrte zurück. Die Maden waren geschlüpft, und hatten sich in einen Fliegenschwarm verwandelt. Der wie eine schwarze Wolke aufstob, als er sich der Leiche näherte. Jens vermisste die Kälte des Körpers, die ihn anfangs so angezogen hatte. Aber er freute sich über das Tauwetter. Welches Teile von ihr wieder zugänglich gemacht hatte. Von denen er letzten Monat nicht einmal hätte träumen können. Er streichelte ihre Nippel, bis sie abgingen. Die vorstehenden Knubbel lösten sich, und nur noch die kleinen braunen Teller blieben übrig. Offene Stellen, wie abgefaste Stromkabel. Bereit, diese Kiste zu überbrücken. Bis über die Feiertage. Er öffnete seine Hose.


*


In dieser Zeit entglitt er zusehends der Realität. Wenn er je wirklich darin verhaftet war. Frau Dr. Bertels begann, sich Sorgen zu machen. Jens wirkte noch verstörter als sonst. Bei einem Jungen mit seiner Vorgeschichte mochte das etwas heißen. Die Erzieherinnen berichteten, dass er den Kontakt zur Gruppe verlor. Sich weiter abkapselte. Er aß schlecht, und magerte ab. Gerade nach seiner schweren Erkrankung hätten ihm ein paar Kilos mehr auf den Rippen gut zu Gesicht gestanden. Blass war er geworden. Er erinnerte sie an die Tage seiner Einlieferung. Wie verloren er gewirkt hatte.

„Guten Morgen, Jens. Nimm doch gleich Platz.“

Müde wie ein alter Mann kletterte er auf die Beratungsliege aus rotem Kunstleder. Und wie ein alter Mann legte er sich zum Schlafen hin. Rollte sich ein wie ein Engerling, der in die Erde zurück möchte. Oder ein Embryo im Mutterleib. Frau Dr. Bertels unterdrückte ein Seufzen. Das könnte eine lange Sitzung werden. Wenn die Arbeitseinheiten für die einzelnen Zöglinge nicht genau bemessen wäre.

„Hast du dich gut bei uns eingelebt?“

„Geht so.“

„Sind die anderen Kinder auch nett zu dir?“

„Ich bin ihnen vollkommen gleichgültig.“

„Was fühlst du dabei?“

Jens lachte. Fröhlich und erleichtert.

„Was sollte mir das ausmachen? Ich brauche sie nicht.“

„Gib ihnen ein wenig Zeit, ja? Sie werden dich gern haben. Wenn sie dich besser kennenlernen.“

„Ja genau.“

„Für keinen Jungen ist es leicht, wenn er im Heim landet.“

„Sie wissen, dass ich anders bin.“

„Wie meinst du das?“

„Manchmal sehen sie mich so an. Als hätte mich jemand verpetzt. Ihnen von der Zeit mit Mutter erzählt. Aber diese Zeit gehört nur mir allein.“

„Es ist okay, wenn du deine Mutter in Ehren hältst. Aber du darfst dich auch vor neuen Erfahrungen nicht verschließen.“

„Sie sehen mich an, als wüssten sie mehr über mich. Als ich selbst weiß.“

„Du kannst mir glauben. Für jeden unserer Zöglinge gilt absolute Diskretion. Die Kinder können nicht mehr von dir wissen, als du ihnen erzählst.“

„Verstehen sie jetzt, warum sie mir gleichgültig sind? Verstehen sie jetzt, warum ich ihnen nichts erzählen mag?“

„Niemand zwingt dich zu irgendetwas. Was du auch für dich entscheidest, ist richtig. Ich möchte aber, dass du den anderen Kindern eine Chance gibst. Das zumindest haben sie verdient. Versprichst du mir das?“

„Ja.“

„Schön. Darauf können wir aufbauen.“

Sie drückte ihm zur Belohnung einen Lutscher in die Hand. Den er achtlos im nächstgelegenen Blumenkübel versenkte. Wäre er älter gewesen, hätte er eine Zigarette in ihrem Ficus zerdrückt. Die Ernte war nicht aufgegangen.


*


Während die anderen Kinder unten in der Halle feierten, hatten Timo und Jens sich nach oben verzogen. Jens, weil er Menschenansammlungen nichts abgewinnen konnte. Timo, weil er seine Mutter vermisste. Im Mütter vermissen waren sie beide recht gut. Doch in ihrer Vorstellung von Mutterliebe unterschieden sie sich wesentlich. Ihre Füße baumelten durch die Streben des Treppengeländers. Unter ihnen gähnte ein Abgrund in sicherer Entfernung. Von unten lärmten Weihnachtslieder zu ihnen hoch. Geschenke wurden aus großen schwarzen Müllbeuteln unter den geschmückten Baum geleert. Wie die Leichen intakter Familien. Nie war das richtige dabei. Der Plastiktruck hatte einen Sprung. Der Teddybär nur ein Knopfauge, alter Veteran der Waschmaschine. In seinem Blick lag keine Güte. Nur die Erinnerung an schlechte Zeiten. Puzzles mit kahlen Stellen. Wo das Motiv fehlte, wie Haare auf einer Glatze.

„Sie sind nicht gekommen.“

„Hältst dich wohl für etwas Besonderes, weil du noch Eltern hast?“

„Nein. Ich frage mich, warum sie mich weggeben haben.“

„Oder du wurdest ihnen genommen, vom Amt.“

„Niemals!“

„Sicher sind sie Rabeneltern.“

„Ich wünschte, ich wäre tot.“

„Tot ist süßer denn Leben.“

Sie schwiegen wieder. Timo weinte. Wenn seine Brust sich nicht rhythmisch bewegen würde, wäre es nicht aufgefallen. Er weinte lautlos, als schäme er sich für seine Tränen. Für Jens war er wieder zur Kulisse geworden. Vor der sein Leben spielte.


*


Menschen kamen, Menschen gingen. Jens waren sie egal. Er regte sich nur darüber auf, wenn die verdammte Tür nicht einmal stillstehen konnte. Wie oft hatte er um ein Einzelzimmer gebeten. Und war stets abgeblitzt. Sie hofften immer noch, dass er sich integrierte. Darauf aber konnten sie lange warten! Plötzlich brach das halbe Zimmer in helle Aufregung aus.

„Los, kommt mit! Timo will sich umbringen!“

„Also ich würde lieber sitzen bleiben. Der feige Sack simuliert doch nur.“

„Verdammter Freak, wie kann dich das nur kaltlassen?“

„Weil er nur eine Figur ist, wie jeder andere auch. Und ich habe das Spielbrett nicht erfunden.“

Fassungslos stürmten sie an ihm vorbei. Nun, da es mit der Ruhe vorbei war. Konnte er sich genauso gut das Schauspiel ansehen. Seufzend stand Jens auf. Na warte, Timo. Wenn du es nicht ernst meinst, dann verpasse ich dir den Todesstoß.

Kalt drang die Abendluft in das nach Bohnerwachs riechende Treppenhaus. Erdig und feucht, wie ein Grab. Die senffarbigen Vorhänge flatterten leicht. Am Fensterstock hatte Timo das Seil verknotet. Wie ein Bergsteiger, der sich absichern möchte. Doch hoch hinaus wollte er nicht. Er suchte die Tiefe, die verlockend nach ihm rief. Belustigt bemerkte Jens, dass er es aus einer Handvoll Springseile aus der Turnhalle gebastelt hatte. Egal wie primitiv es wirkte, so stabil war es doch. Kein chinesischer Billigimport. Diese Seile waren aus bestem Hanf gefertigt. Stammten aus Zeiten, wo Magnesium kein Nahrungsergänzungsmittel war, sondern allenfalls das weiße Pulver, mit dem man sich die Hände puderte. Bevor man aufs Reck stieg, und eine Rolle vorwärts hinlegte. Die auf blaugrauen Sportmatten unsanft abgefedert wurde. Jens wurde das Gefühl nicht los, dass er heute Abend eine erstklassige Rolle vorwärts erleben würde. Sein Blick verschwamm, das Treppenhaus stand unter Nebel. Wenn er seine Finger ausstreckte, so konnte er die dreifarbigen Rasterpunkte berühren. Nur ein Film. Er lag auf Mutters gemütlichem Sofa, und zappte durch die Kanäle. Langweilig. Bevor es richtig spannend wurde, kam die Werbung. Das Turmspringen von Acapulco ging weiter. Nach einer kurzen Unterbrechung aus der bunten Welt der Produkte.

Die Seile endeten in einer geflochtenen Schlinge, die eng um Timos Hals lag. Wie eine Dornenkrone, die zu tief gesunken war. Würde er für unser aller Sünden sterben. Ein Bein baumelte bereits über die Brüstung. Als ritte er einen Rodeogaul. Und nicht den Sprungturm zur Hölle.

„Zurück! Wenn ihr näher kommt, springe ich!“

„Mach kein Scheiß, Mann. Wir bleiben hier vorne, okay?“

„So ist gut. Ich will euch im Auge behalten.“

„Mensch Timo, ist doch saukalt draußen. Magst nicht reinkommen? Ich hab noch Kakao im Schrank. Und Kekse, von meiner Oma.“

„Klar. Weil du eine Familie hast. Ich habe niemanden.“

„Du hast uns. Wir sind wie Brüder für dich.“

Timos Lachen wurde von einem trockenen Husten unterbrochen. Er schwankte unsicher auf dem Sims.

„Wer solche Brüder hat, braucht keine Familie.“

Er schwang das andere Bein über die Brüstung. Lukas preschte vor, um ihn zurückzuziehen. Doch seine Hand griff ins Leere. Timo lächelte, als er aus dem Rahmen fiel. Die Arme gekreuzt wie ein Turmspringer auf den Klippen. Stand er in der Luft, als könne er der Schwerkraft trotzen. Oder seiner Familie, die ihn nie besucht hatte. Dann verschwand er in der Versenkung, als hätte es ihn nie gegeben. Die Bühne ihrer Schauspieler bereinigt, die Souffleusen verschwanden im Theatergraben. Das Seil straffte sich. Klirren, als der Körper gegen die Fassade schlug. Im zweiten Stock ging eine Fensterscheibe zu Bruch. Glassplitter bohrten sich in seine Augen wie kleine glänzende Spieße. Reflektierten den Nachthimmel und die spärlichen Außenlichter. Blut strömte über sein kindlich naives Gesicht. Zeit, seine Entscheidung zu bedauern. Hatte er nicht. Dieser Fahrstuhl würde nicht halten, bevor er im Erdgeschoss angekommen war. Gallert spritzte in alle Richtungen, blieb als knorpeliger Schmodder an der Fassade hängen. Wie der gelbe Hustenrotz in einem Taschentuch. Dann gab sein kleiner Körper endlich nach, in Gottes Barmherzigkeit. Mit einem fleischiges Reißen, welches durch Mark und Bein ging. Gefolgt von einem Klatschen, als seine strangulierten Überreste auf den Terrassenfliesen landeten. Das Seil schwang noch eine Weile nach, wie ein Uhrenpendel. Dann ruhte es ebenso.

Timo hinterließ Stille, und weit aufgerissene Münder. Dann fing das Gekreisch im Erdgeschoss an. Hastig zogen die Erzieherinnen die Rollläden runter. Die die Schreckensbilder nicht aus den Köpfen der Kleinen zu tilgen vermochten. Heute nicht und für den Rest ihres Lebens. Es würde als das Weihnachtsfest in Erinnerung bleiben, als ein Engel vom Himmel fiel.


*


Jens und seine Stubenkameraden waren die Ersten auf der Terrasse. Dicht gefolgt von den anderen Kindern aus dem Festsaal. Jeder Unfall zog seine Gaffer an. Wenn sie groß waren, würden sie auch am Straßenrand halten. Nicht um zu helfen, sondern um Fotos fürs Familienalbum zu schießen. Sofern sie bis dahin eine eigene Familie gegründet hatten. Die Außenlichter gingen an, und tauchten Timos Körper in ein unbarmherzig ehrliches Sezierlicht. Das Seil hatte sich als der Robustere der Beiden erwiesen. Schnee war aufgewirbelt worden, wo sein Körper aufschlug. Als hätte er das alte Kinderspiel im Winter gespielt. Und einen Engel in den Schnee gegraben. Sein Kopf war etwas weiter gerollt. Ein Hamletdarsteller, den das Stadttheater abgesetzt hatte. Timo wirkte am Ende wie ein Schmalzkringel, in Puderzucker getaucht. Jens wusste nicht, ob Timos Eltern noch lebten. Oder ob sie nur ein Wunschtraum waren, der den kleinen Jungen zugrunde gerichtet hat. Ton Steine Scherben. Der Traum ist aus.

„Kinder, geht bitte rein. Das ist nichts für euch.“

Jens schrie auf, als er unwirsch hineingetrieben wurde. Erwachsene Hände krallten in seinen Nacken, wie Klauen aus Stahl. Nichts gegen die Fliehkräfte, die Timos Körper entzwei gerissen hatten. Ein paar Flocken fielen aus den Wolken. Der Schnee verfärbte sich rot, wo er im Blut landete. Die Fassade des Heims sah aus, als hätte jemand einen verfrühten Silvesterknaller in eine Katze gesteckt. Es fror fest.


*


Sie wurden einzeln befragt. Jens wartete mit seinen Zimmergenossen vor dem Büro der Hauspsychologin. Harte Plastikstühle, die einem das Blut in den Beinen abdrückten. Pochend und kribbelnd, wie unter Strom. Jens lutschte ein Hustenbonbon. Nicht weil er erkältet war, sondern weil der Geschmack ihn an seine Kindheit erinnerte. Keiner von ihnen wurde direkt verdächtigt. Mit Timos Tod etwas zu tun zu haben. Sie waren nicht mehr als Kinder, die vom rechten Weg abgewichen waren. Nicht aus eigener Schuld.

„Jens, kommst du bitte?“

Er sprang auf, die Hände lässig in den Hosentaschen. Der kleinste Erwachsene der Welt. Die Wahrheit war rund wie ein Bonbon. Und nutzte sich ab. Jens trat ein. Die gute Stube. Die er öfter gesehen hatte, als die anderen Kinder. Wann würden die Erwachsenen ihm endlich über den Weg trauen? Die Maske kindlicher Unschuld für real nehmen? Wenn er daran glaubte, warum sie nicht? Er war sich keiner Schuld bewusst.

„Es tut mir schrecklich leid. Dass du schon wieder den Tod erleben musstest.“

„Ach, nicht so schlimm. Der Tod ist Teil des Lebens. Teil meines Lebens.“

„Trotzdem. Es ist nicht richtig. Ein Junge in deinem Alter sollte unbeschwert spielen. Das Leben erfahren. Und nicht seine dunkle Kehrseite.“

„Was wollen sie wirklich von mir?“

„Timos Entscheidung verstehen. Er war doch ein Freund?“

„Freunde. Auch das ist so ein Wort, mit dem sie mich immer wieder quälen. Ich habe keine Freunde.“

„Genau das finde ich schade. Du hast soviel zu geben. Und nimmst doch so wenig an.“

„Okay, geht es hier wieder um mich oder was? Dann sparen sie sich ihre klugen Worte für unsere wöchentliche Stunde.“

„Nein, eigentlich geht es um Timo. Und um die Gründe für seinen Freitod.“

„Warum fragen sie mich das? Er wird schon wissen, warum er es getan hat.“

„Weil du sein Freund warst. Entschuldigung, nicht Freund. Aber zumindest sein Zimmernachbar. Weil du ihn jeden Tag gesehen hast. Mit ihm geredet hast. Und wenn es nur ein paar Worte waren, die ihr gewechselt habt. Enthalten sie vielleicht die Quintessenz dessen, warum er sich umgebracht hat.“

„Man kennt einen Menschen nicht, und doch lebt man mit ihm.“

„Geh zurück in der Erinnerung. Hat er sich anders verhalten als sonst?“

„Wissen sie, ich habe wenig mit ihm gesprochen. Er war nur ein armseliger Kulissenmensch, verstehen sie?“

Die erste Lüge. Die ihm locker über die Lippen ging. Weil Timo ihm nichts bedeutet hatte.

„Du weißt, was ich dir über die Kulissenmenschen gesagt habe?“

„Dass sie genauso real sind wie ich.“

„Und Gefühle haben. So wie du.“

„Was ich nach wie vor bezweifle.“

„Jens, es geht hier nicht um dich! Ein armer einsamer Junge hat sich umgebracht! Und alles, was ich von dir will, ist ein bisschen Anstand! Du hast ihn jeden Tag gesehen. Ist dir irgendetwas aufgefallen? Hat er sonderbare Dinge erwähnt?“

„Er hat seine Eltern vermisst. An ihre Rückkehr geglaubt.“

„Und du? Hast du ihn dabei unterstützt?“

Verdammt dünnes Eis. Unter seinen Füssen hörte er es knirschen. Der Frost trug nicht, die Eisdecke war zu dünn. Wenn er jetzt einbrach, würde er für immer abtauchen.

„Was dachten sie? Das war die einzige Hoffnung, die er hatte.“

„Danke. Du kannst jetzt gehen.“

Timo war nur eine Akte auf ihrem Schreibtisch. Leitz, braun, mit einem Aktenreiter. Mehr war nicht von ihm geblieben. Jens freute sich über die Ruhe, die endlich einkehrte.


*


Das neue Jahr begann mit einem bitteren Frost, der bizarre Muster auf die Scheiben der Eingangstür zauberte. In der Jungentoilette froren die Rohre ein, platzten in der Wand. Gefrierendes Wasser sorgte für weitere Risse. Als der Schaden endlich bemerkt wurde, drehte der Hausmeister das Hauptventil ab. Unter allgemeinem Gekicher wurde die Mädchentoilette für beide Geschlechter freigegeben. Rote Köpfe wie ein Tomatenbeet. Doch was blieb ihnen übrig? Um die Notdurft im Hof zu verrichten, war es zu kalt. Um die Backsteinmauern der alten Anstalt pfiff der Wind wie eine alte Frau im Sterbebett. Schneeverwehungen türmten sich an der Nordseite bis zur zweiten Fensterreihe. Miesepetrig hockten die Kinder in ihren Zimmern. Vertrieben sich die Zeit mit Würfelspielen. Die Älteren verzockten Sach- und Dienstwerte. Die Schule des Kapitalismus. Da wurden Sklavenschicksale für Tage beschlossen.

Wenn Jens sich einsam fühlte, dachte er an seine Mutter. Oder an die Leiche im Wald, deren Bilder in seinem Kopf frischer waren. Und somit eine größere Leuchtkraft an den Tag legten. Die neuerliche Kälte würde den Verwesungsprozess verlangsamen. Das Spielzeug erhalten. Es war ärgerlich, auf Gedeih und Verderb vom Wetter abhängig zu sein. Aber das galt wohl für alle Kinderspiele unter freiem Himmel. Unschuldig die Welt zu erkunden. Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn sie sind rein an Verstand und Gemüt. Jens erinnerte sich an die salbungsvollen Worte des Pfarrer in der hauseigenen Kapelle. Weniger als an dessen Naivität. Wenn Gott dich paniert wie ein Schnitzel, dann will er dich auch in die Pfanne hauen. Ein Salzstreuer in der Linken. Eine Gabel in der Rechten. Die Mutter hatte er ihm genommen. Ihre gemeinsame Wohnung, in der er aufgewachsen war. Die ihm ein Stück Heimat gewesen war. Nichts war geblieben von seiner alten Welt.

Doch der liebe Herrgott konnte einem kleinen Jungen auch eine Gnade gewähren. Pünktlich zum Valentinstag klarte der Himmel auf. Aus Schnee wurde graubrauner Matsch, der langsam in den Gullydeckeln der Zivilisation versickerte. Jens ging hinaus in den Wald. Um mit seiner neuen Geliebten zu feiern.


*


Die unbeständige Witterung hatte ihr stark zugesetzt. Von ihrem Gesicht war wenig geblieben. Wilde Tiere hatten ihr das Fleisch aus den Wangen gezogen. Bissspuren an den Beinen, wie ein abgenagter Hühnerknochen. Reste vom Grill, achtlos weggeworfen. Aber er liebte sie immer noch. Die Insekten waren verschwunden. Bis auf ein paar Klopfkäfer, die freundlich mit den Fühlern summten. Erkannten sie ihn wieder? Unmöglich, mein Junge. Da geht die Phantasie mit dir durch. Es können nicht die Gleichen sein. Wie letztes Mal. Denn auch er hatte sich verändert. Haare waren ihm zwischen den Beinen gewachsen, vom gleichen Aschblond wie die seiner Mutter. Es geschah alles viel zu früh. Er war noch nicht reif dafür. Aber das war er noch nie gewesen. Offiziell aufgeklärt hatte sie ihn nie. Außer in praktischen Übungen.

Das Schamhaar der Leiche war verschwunden. Und durch Moos ersetzt wurden. Jens nahm einen tiefen Atemzug aus dieser grünen Quelle. Sie roch nicht einmal mehr wie ein Mensch. Als er sie das erste Mal entdeckt hatte, roch sie wie eine brandige Wunde. Überhitzung in einem kalten Körper. Feucht war sie gewesen, das verdammte Luder! Auch wenn es nur Gewebewasser sein konnte, was aus ihrer Mumu gesickert war. Nun war die Quelle versiegt. Das Fleisch darum herum hatte sich gelb verfärbt, wie eine alte Kerze aus Bienenwachs. Sie roch erdig. Ein Vorgeschmack auf das Grab. Welches sie im Wald gefunden hatte. Als er seine Zunge in den Mooshügel bohrte, passierten zweierlei Dinge gleichzeitig: Er wurde hart wie eine Stahlstange. Und ein paar Brocken astreines Muschifleisch lösten sich, rutschten ihm in den Hals. Jens bekam einen Hustenanfall. Ein schleimiger Brocken zog einen langen Speichelfaden und flog weit hinaus, wie ein Angelköder. Landete auf einem grauen Streifen Gras, der noch lange vom Frühling entfernt war. Erstaunlich, wie Gras den Winter jedes Mal überlebte. Obwohl es wie tot wirkte. Und doch nur schlief. Klappern. Jens löste seinen Gürtel. Pulsierte, als die Kälte seinen kleinen Knecht einschloss. Er war der Eiszapfen, der diese Winterwüste pflügte. Die Höhlenmalereien von den Wänden meißelte.


*


Der unauffällige Junge landete mindestens jede zweite Woche im Schuppen, den die Aufseherinnen zu einem blicklosen und lichtdichten Arrestbunker umgebaut hatten. Dazu geeignet, den Willen zu brechen. Selbst die mutigsten Rabauken waren mit tränenfeuchten Gesichtern herausgekommen. Bloß Jens nicht. Dem schien die Stille und Abgeschiedenheit zu gefallen.

In Schwierigkeiten geriet er durch seine Tierquälerei. Wenn man ihn frei herumlaufen ließ, erwischte man ihn früher oder später, wie er einem Vogel die Augen ausdrückte. Oder eine Maus mit einem Zimmermannsnagel aufspießte. Man durfte das flinke Aas nicht eine Sekunde aus den Augen verlieren! Das Schlimmste daran war sein emotionsloser Blick, wenn er einen Regenwurm in mehrere Stücke zerteilte, den Kopf leicht schräg gehalten. Nicht einmal, um das Tier leiden zu sehen. Keine Freude drang durch seine glühenden Wangen. Nur die reine, ungekünstelte Neugierde. Vielleicht würde mal ein Biologe aus ihm werden, wenn er sich in der Schule anstrengte. Das, oder ein sehr seltsamer Erwachsener. Seine Erzieherin meldete ihn zu Jugend forscht an, um seinen Entdeckergeist in vernünftige Bahnen zu lenken. Man konnte ihn ja nicht immer in den Schuppen sperren.


*


Womit sie leider falsch lag. Jens war ein fauler Schüler, der vor allem durch seine mangelnde mündliche Mitarbeit am Unterricht auffiel. Für Arbeitsgruppen taugte er nicht. Keiner wollte ihn dabeihaben, und er stellte sich auch an wie das fünfte Rad am Wagen. Wie sollte man eine mündliche Note an einen stummen Schüler vergeben? Dabei wusste sie, dass er zu geistigen Hochflügen fähig war. Wenn er es nur gewollt hatte. Doch Jens verweigerte sich mit einem sanften Lächeln. Gerade dieses konturlose Lächeln, welches nie seine Mundwinkel erreichte, trieb sie in den Wahnsinn. Laute Worte waren nicht seine Stärke. Sein Aufbegehren lag in den leisen Tönen. In der Verweigerung. In der Passivität gegenüber dem Leben. Während seine Altersgenossen regelmäßig die Bravo lasen, oder im Internet nach dem Funken Freiheit suchten, den das Heim ihnen nicht bieten konnte, spielte Jens weiterhin mit Barbiepuppen. Nackten Barbiepuppen, denen er die Haare abrasierte. Bis sie aussahen wie die Opfer eines Bombenanschlags. Man hätte blind sein müssen, um dem Ganzen keine sexuelle Komponente abzugewinnen. Seit drei Jahren war er Gast des Samariterheims. Unbestreitbar kam er in die Pubertät. Sie würde mit der Hauspsychologin sprechen müssen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, wenn sie an die Puppen nur dachte.


*


Viel war von der Leiche nicht geblieben. Das sich zu ficken gelohnt hätte. Der Mensch war nicht für die Natur geschaffen. Oder eine nasskalte Witterung. Dafür, unter freiem Himmel zu verwesen. Wie eine Nacktschnecke lag sie da, schmierig und von Blättern verklebt. Der Versuch sie zu reinigen, endete in einem Fiasko. Die Haut zog Fäden wie ein Pastateller mit ordentlich Käse drauf. Lieber nicht anpacken. Wie aber sollte Jens sich vergnügen?

Gänsehaut kribbelte auf seinen Beinen, als er sich auszog. Und doch liebte er die Kälte. Weil sie ihn an Mutter erinnerte. Die letzten Tage auf dem sinkenden Schiff. Er allein hatte das Steuerrad gehalten. Während Mann und Maus über Bord gingen. Und es aus der Kombüse nach verdorbenen Lebensmitteln stank. Die Bullen hatten keine Ahnung gehabt, was er durchgemacht hatte. Weil sie nur die Leben der Anderen auf den Schreibtisch bekamen. Oder vor die Pistole, auf der Flucht. Es war ein gewaltiger Unterschied. Wenn man selbst unmittelbar betroffen war.

Um sie nicht zu zermatschen, hielt er sich an einem Ast fest. Übte weniger Druck auf ihren geschwächten Körper aus. Während er den Acker pflügte. Doch es half nichts. Lore um Lore. Schaufelte er das Fleisch aus dem Bergwerk heraus. Genauso gut hätte er einen Schwarm Kaulquappen rammeln können. Nichts als eine glibbrige Masse. Kopfschüttelnd zog er ihn heraus. Klopfte sich die Brocken ab, und setzte sich. Grübelte, wie er sein Tageswerk fortsetzen konnte. Er konnte und wollte es nicht hinnehmen. Dass er eine Leiche vor sich liegen sah, und trotzdem keine Befriedigung erfuhr. Für einen kurzen Moment zog er es in Erwägung, die Überreste mit einem Knüppel endgültig zu Brei zu zerschlagen. Als eine obszöne Nachahmung des Geschlechtsaktes. Wut und Enttäuschung herauszulassen, wie einen Erguss. Ein kalter Vulkan aus Eis.

Jens grinste. Konnte die Antwort so einfach sein? Sie lag ja buchstäblich auf der Hand. Wenn du nicht willig bist, so taugst du immer noch als Wichsvorlage. Er spuckte in die Hände, und warf den Karottenhobel an. Wie in Mutters Küche. Schälte er die rote Frucht, und schwelgte in Erinnerungen. Zum Abschied küsste er sie auf den Mund. Oder die Stelle, wo er ihn vermutete. Sortierte die Bilder im großen schwarzen Karteikasten ein, da oben. Wie in einem Sarg. Brennholz für lange und harte Winter.


*


Das Heim war nicht mehr als eine Durchgangsstation. Herzlichkeit auf Zeit bemessen. Ein schlechter Familienersatz. Fad und abgeschmackt, nichts im Vergleich zum Original. Einmal im Monat wurden interessierte Paare geladen, damit Plätze frei wurden. Ein paar Esser weniger am Tisch. Verschachert für ein paar Euro an Pflegefamilien. Die Hoffnung auf eine richtige Adoption hatten sie bei der Fleischbeschau verloren. Wangen wurden rosig gekniffen. Haare in die Länge gezogen. Zahnreihen geprüft wie Pferdegebisse auf der Auktion. Nur selten wurden sie liebevoll getätschelt. Gesichter im Wartesaal, dieser Zug war abgefahren.

Kein Kind konnte sich darüber freuen, in die nächsten Hände durchgereicht zu werden. So jedenfalls dachte Jens. Und war froh, dass dieser Kelch an ihm bisher vorübergegangen war. Nach dem Tod eines dieser Kulissenkinder war die Stimmung noch angespannter als vorher. Die Erzieherinnen betrachteten ihn zunehmend mit Argwohn. Als nähmen sie es ihm übel, dass der Tod ihn derart kalt ließ. Mit diebischer Freude lauerten sie auf den Moment, wo sie ihn abschieben konnten. Er war alleine auf seinem Zimmer. Die anderen Kinder mieden ihn seit Timos Tod noch mehr als sonst. Frau Dr. Bertels kam mit einem jungen Paar. Mitte dreißig schätzte er sie. Die Frau eine große Blonde in einem modischen Jeanskleid. Vervollständigt wurde das Bild durch ein geblümtes Halstuch. Ihr Mann wirkte etwas hager. Sein Gesicht: Die freudlose Miene des Hamsterrads der Alleinverdiener. Die ihr Leben lang strampelten, damit ihre Nachkommen es einmal besser hatten. Während die Frau für den Haushalt zuständig war. Und die Erziehung. Ein Abziehbild aus einem Hochglanzprospekt. Für den Fotografen gestellt.

„Das ist doch ein reizendes Kind. Wie alt ist er, sagten sie?“

„Zwölf Jahre.“

„Er würde sich bestimmt gut mit unserer Tochter vertragen.“

„Hörst du Jens, eine Schwester.“

„Sie ist etwas jünger als du. Was hältst du davon, ein Schwesterchen zu bekommen?“

„Ich brauche eine Mutter, und keine Schwester.“

Die große Frau drehte sich im Flüsterton beiseite.

„Er hängt wohl sehr an seiner Mutter?“

„Jens ist Vollwaise. Zu seiner Mutter hatte er einen besonders engen Kontakt.“

„Du bekommst alles von uns. Einen Vater, eine Mutter, und eine kleine Schwester.“

„Eine ganze Familie. Na, wäre das nicht was für dich?“

Was sollte er darauf antworten? Er spürte, wenn er zu etwas gedrängt wurde. Und seine Antwort längst nicht mehr zählte. Wie bei Mutter. Gegen seinen Willen kam ein Gefühl von Heimat auf. Tief aufgestaute Einsamkeit drückte mit der Last eines Bulldozers gegen sein Zwerchfell. Seine Eingeweide wurden dabei ausgewrungen wie eine Zitrone. Zu lange gewartet, die Frucht war am Baum verdorrt. Gab kaum noch Saft. Nur eine einzelne Träne lief seine Wange hinab. Wie Wasser in der Wüste. Stillte sie den Durst nicht, sondern kitzelte ihn auf sadistische Art und Weise. Seine neuen Eltern verwechselten es mit Herzlichkeit. Sie glaubten auch, dass in jedem Menschen ein Funken Gutes steckte.

„Es freut mich, dass er ihnen zusagt. Unser kleines Goldstück. Folgen sie mir ins Büro, dort können wir seine Papiere fertig machen.“

„Dann wollen wir mal deine Koffer packen, kleiner Mann.“

Jens checkte mit leichtem Handgepäck aus. Aus seinen Lieblingsklamotten aus Mutters Zeiten war er hinausgewachsen. Und das Heim hatte ihn aus der Kleiderkammer nur spärlich versorgt. Die aus öffentlichen Spendengeldern finanziert wurde. Bunt zusammengewürfelter Abfall der Wohlstandsgesellschaft. So fühlte er sich. Und nun war eine neue Familie bereit, ihn aufzunehmen.


*


Wie ein Hund klemmte er an der Heckscheibe des Vans. Die Sonne brannte unbarmherzig durchs Glas. Jens hechelte, um sich Kühlung zu verschaffen. Nur die Kälte war sein Freund. Wie großzügig sie waren. Eine Schwester. Konnte er ebenso wenig brauchen wie alle anderen Kulissenmenschen. Am Horizont wurde das Samariterheim immer kleiner. Die Flutlichter gingen an, im Rhythmus der Zeitschaltuhr. Das Licht am Ende des Tunnels. Verschwand am Ende der Allee. In der Dunkelheit summten nur die Fliegen in Mutters Salon.

Die Frau bot ihm den Rest vom Mittagessen an. Aufgewärmt in der Mikrowelle. Es würde auch keine Umstände machen. Dankbar lehnte Jens ab. Es war ein langer Tag gewesen. Zum zweiten Mal in seinem Leben war er entwurzelt worden. Dabei wäre er nur dankbar gewesen, wenn man ihn in Ruhe gelassen hätte. Er hätte glücklich sein können in der Einöde. Doch die Menschen konnten nicht. Von anderen Menschen lassen. Er war todmüde.

„Schau mal, wir haben dir ein Zimmer eingerichtet.“

Bevor sie Kinder in die Welt setzten, musste dies ein Gästezimmer gewesen sein. Auf dem Fenstersims standen Kakteen. Keine Pflanze, die blühte. Ein alter Schrank, der nicht mehr richtig schließen wollte. Ein kleiner Schreibtisch, offensichtlich aus der Kindheit seines neuen Vaters. Zu guter Letzt ein Bettsofa. Die Frau machte sich daran zu schaffen. Versuchte den Mechanismus zu verstehen, den sie zuletzt vor Jahren betätigt hatte. Als der letzte Freund der Familie einen über den Durst getrunken hatte. Wir waren doch alle einmal jung gewesen. Machten Fehler. Verloren die Kontrolle nach drei Bier. Ihre Freunde hatten sich verabschiedet. Die einen in Ehe und Elternschaft, die anderen sahen sie nicht mehr.

Schnuppernd erkundete der Junge seine neue Umgebung. Schnappatmung, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Dabei Hände und Füße weit gespreizt. Der gestelzte Gang eines Pantomimen in der Fußgängerzone, der einen Roboter darstellt. Achtlos warf Jens seine Sporttasche in die Ecke. Scheppernd ging etwas darin kaputt.

„Lass mal gut sein, ich schlafe auf dem Boden.“

„Bei uns muss niemand auf dem Boden schlafen. Magst du mir helfen? Du musst nur da mal ziehen. Gemeinsam schaffen wir das.“

Sanft zog der blasse Junge ihre Hand beiseite. Er war immer gut zurechtgekommen in der Wildnis. Wolf unter Wölfen.

„Es macht mir wirklich nichts aus. MUTTER.“

Beseelt schwebte sie aus dem Zimmer. Sie hatte es ihm abgenommen. Diese wertlose Hure. Vielleicht war sie doch keine Kulisse. Sondern Publikum. Jens nahm die alte Wolldecke und rollte sich ein wie ein Hund.


*


„Schläft er schön?“

„Er hat sich auf dem Boden zusammengerollt wie ein Hund.“

„Der arme Junge. Wer weiß, was er durchgemacht hat.“

„Lass ihm ein wenig Zeit. Er muss sich einleben können.“

„Er hat mich Mutter genannt.“

„Na dann ist ja alles bestens.“

„Für den Moment ist er noch ziemlich verstört. Aber im Grunde auch sehr anlehnungsbedürftig.“

„Ich finde es immer noch verkehrt, ihm ein eigenes Zimmer zu geben. Er sollte sich ein Zimmer mit Cynthia teilen.“

„Ach du weißt doch, wie Jungs sind. Sie brauchen ihren Freiraum.“

„So wie du dein Arbeitszimmer. Ein Refugium für deine schmutzigen Gedanken. Wo du dir Filme im Netz ansiehst, die jede anständige Ehefrau schaudern lassen.“

„Schatz, bitte. Wir haben uns lange genug darüber ausgelassen.“

„Ich setze uns eine Kanne Tee auf.“

„Den guten Früchtetee von Rewe.“

„Genau den.“


*


Am nächsten Morgen war die Frau mit Staubsaugen beschäftigt. Beim Frühstück war Jens höflich und zurückhaltend gewesen. Wie ein Nachbarskind auf Besuch. Ein Fremdkörper. Gestrahlt hatte sie, frischen Orangensaft gepresst. Die knusprigen Brötchen vom Bäcker im Viertel. Die Biomarmelade aus dem Reformhaus. Demetermilch in Flaschen. Alles da, alles politisch korrekt. Wir sind eine der führenden Exportnationen. Wir können es uns leisten. Nicht im Discounter einzukaufen. Regionale Kräfte zu unterstützen.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange ihre Tochter schon gestanden hatte. Gegen den lärmenden Staubsauger anzukommen versuchte. Doch was mochte ein zartes Kinderstimmchen schon ausrichten. Gegen Industrielärm. Also zupfte sie die Frau am Ärmel, um auf sich aufmerksam zu machen.

„Was ist, mein Schatz?“

„Ich mag den Jens nicht.“

„Liebling, du wirst dich an ihn gewöhnen.“

„Er macht so komische Dinge mit meinen Spielsachen.“

„Wir kaufen ihm eigene Spielsachen. Dann wird er deine in Ruhe lassen. Wer weiß, vielleicht spielt ihr mal zusammen?“

„Aber er rubbelt meinen Bären.“

Die Frau beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Ein harmonisches Miteinander bildete die Grundlage ihrer Familie. Menschen zankten sich wegen Belanglosigkeiten. Umso wichtiger war es, Missverständnisse aus der Welt zu räumen. Doch was sie im Zimmer ihrer Tochter sah, ließ sie zurücktaumeln.


*


Ihr neues Pflegekind hatte den Teddybären seiner Schwester fest im Griff. Hielt ihn an den Pfoten fest. Ins Bett gedrückt, dass die Nähte spannten. Polsterwatte quoll aus dem Schritt des Bären. Aus einer Wunde, die Jens in seinen flauschigen Körper getrieben hatte. Seine Hose lag zusammengeknüllt auf dem Boden. Der Junge war noch keinen Tag in ihrem Haus, und schon musste sie den Anblick seines erigierten Penis verdrängen.

„Das ist ja widerlich! Sofort steigst du von dem Teddybären runter!“

Anklagend wie ein erhobener Zeigefinger streckte sein Penis sich in die Luft. Der Junge besaß kein angeborenes Schamgefühl. Oder es war ihm abhanden gekommen.

„Jens, würdest du bitte deiner Schwester ihr Spielzeug zurückgeben?“

„Bäh. Jetzt mag ich den Bären auch nicht mehr haben.“

„Ich stecke ihn in die Waschmaschine, mein Schatz.“

Sie kannte sich mit Töchtern aus. Nicht aber mit Söhnen. Die ihre Sexualität früher entdeckten. Und dabei weniger zimperlich waren. Etwas ratlos verschwand sie in der Waschküche. Den Teddybären hob sie dabei mit spitzen Fingern weit von sich. Bei diesem Streit hatte es keine Gewinner gegeben, nur Verlierer.

Als ihr Mann von der Arbeit kam, erzählte sie ihm diese seltsame Episode. Doch anders als sie, brach er in heiteres Gelächter aus.

„Jungs sind eben Jungs.“

„Na wunderbar. Wenn er also gerade die Freuden der Onanie entdeckt, dann soll er das in Zukunft in seinem Zimmer tun.“

„Ich rede mit ihm.“

„Klar, von Mann zu Mann.“

War der zynische Klang ihrer Worte neu? Oder war sie so geworden, als der Junge zu ihnen zog?


*


Als der Mann ihn aufsuchte. War er müde von der Arbeit, und wünschte sich nur noch zwei Dinge: ein gutes Abendessen. Und einen guten Schlaf. Sex war eine Pflichtübung fürs Wochenende. Ihre Ehe war eingeschlafen, als das erste Kind aus der Muschi seiner Frau gekrabbelt war. Ihr neues Pflegekind hatte Anlaufschwierigkeiten. Sich bei ihnen einzuleben. Anstatt sie enger zusammenzuschweißen als Familie. Schien der Bengel einen Keil zwischen sie zu treiben.

Jens hatte sein Bett gemacht. Die kahle Stelle auf dem Boden, wo der verblasste Fleckerlteppich lag. Schien ihm schnell zur Gewohnheit zu werden. Auch nicht wirklich eine positive Entwicklung. Der Junge hatte den Charakter einer Zwiebel. Mit jeder Schale die man abzog, kam eine neue Enttäuschung zutage.

„Du weißt, worüber ich mit dir reden möchte.“

„Mutter hat mich verpetzt.“

„Es geht um Regeln, die in unserem Haus gelten. An die du dich halten wirst.“

„Ihr Erwachsenen. Kommt mit Regeln daher, als wären sie die Antwort auf alles. Eigentlich seid ihr so ratlos wie Kinder.“

„Du wirst dich an die Regeln halten. So wie Mutti und Vati das auch tun. Es gibt Dinge, die macht man einfach nicht. Hast du mich verstanden?“

„Ja.“

„Wenn du etwas von Cynthias Sachen nimmst, dann bittest du sie vorher um Erlaubnis.“

„OK, versprochen.“

„Noch etwas anderes. Es ist mir etwas unangenehm, darüber zu sprechen. Naja, also Selbstbefriedigung ist etwas ganz Natürliches. Wir haben nichts dagegen, wenn du es tust. Jeder Junge tut das. Zumindest, bis er eine Frau gefunden hat. Aber tu uns den Gefallen, und zieh dich dazu zurück. Es ist etwas Privates. Und sollte es auch bleiben.“

„Machen Erwachsene das auch?“

„Wie gesagt, es ist etwas Privates. Man spricht nicht darüber, okay.“

Jens hörte nur mit halbem Ohr zu. Seine Augen fielen ihm zu. Dabei sah er so friedlich aus wie jedes schlafende Kind. Das beim Krippenspiel in Stroh gebettet wurde.

„Warum musste es auch ausgerechnet der Teddybär deiner Schwester sein?“

„Weil er leblos war.“

Langsam verstand der Mann, warum Jens seiner Frau so unheimlich wurde. Verstört ging er in die Küche, wo die Frau mit einem dampfenden Topf Linsen mit Seitenwürstchen wartete.


*


Auf dem städtischen Friedhof ruhte der Leichnam von Marlies Schlenker. Wilde Blumen wuchsen auf ihrem Grab. Moosfäden begannen, den Stein zu erobern. Weil ihr Grab nicht gepflegt wurde. Jens hatte es vergessen. Als er die Leiche im Wald entdeckt hatte. Die keine bessere Liebhaberin war als Mutter. Nur eben anders. Reifer, wenn man nach dem Fleisch ging. Wo das Leben verging, wuchs neues heran. Jens hatte eine neue Mutter bekommen.

Jens lag in seinem neuen Zimmer, bei geschlossener Tür. Machte das, wovon der Mann gesprochen hatte. Er hatte recht gehabt. Es war etwas Privates, was man mit keinem teilen durfte. Einsamkeit machte sich breit in seinem Herzen. Ja, mit Mutter. Da war es eine gemeinsame Sache gewesen. Seine neue Mutter konnte er noch nicht einschätzen. Sie war eine Fremde. Es würde eine Weile gehen, bis er mütterliche Gefühle empfangen konnte. Bis dahin trug er beim onanieren die alten Bilder im Kopf.


*


Die Frau hatte Popcorn gemacht. Nicht das fertige Zeug aus dem Supermarkt. Sondern Richtige, mit braunem Rohrzucker. Dazu einen Zeichentrickfilm, den ihr Mann aus der Videothek geholt hatte. Jens war auf das Sofa gekrochen wie ein Schiffbrüchiger auf ein Rettungsfloß. Kuschelte sich an die Frau. Legte seinen Kopf in ihren Schoss, den Mund der Scham zugekehrt. Blähte die Nüstern wie ein Rennpferd in der letzten Kurve. Peinliche Befangenheit.

„Du bist ja noch ganz warm. Du bist nicht meine Mutter.“

Wortlos löste er sich aus ihren Armen. Wie ein Liebhaber, der einfach zurück schrumpfte. Wich zurück auf seine Ecke des Sofas. Zog seine Popcornschale herüber, und stopfte sich die Backen voll. Mit einem Mal war es betäubend kalt geworden. Stromschnellen, die einen auf den Grund zogen. Ohne jede Vorwarnung. Auch wenn Jens Augen gebannt auf der Leinwand hingen, so kamen sie sich doch beobachtet vor. Die unendliche Weite des Sofas. Die Distanz zwischen ihnen und dem Kind am anderen Ende. Doch wer beobachtete hier wen? Seine Augen suchten ja nicht den Kontakt mit ihnen. Blaues Flimmern an den Fenstern, wie Frosteskapaden. Ein einsames Raumschiff im Orbit. Losgelöste Scholle im Universum. Unsere kleine Farm in der Vorstadtsiedlung. Unter ihnen bröckelte schwarzes Gestein, und sie begriffen: Jens hatte sie in diesen Zustand versetzt. Wie ein König thronte er auf dem Sofa. Ihnen fröstelte. Hatten endlich begriffen was es hieß, Kulisse zu sein.

„Ich hätte gerne ein Glas Saft.“

Der Mann stand auf und ging in die Küche. Insgeheim war die Frau froh, dass er sich um ihn kümmerte. Wie ein Vater. Aber brauchte dieser Junge überhaupt einen Vater? Kümmerte es ihn? Wie ein Säugling nuckelte er am Daumen, während die bunten Bilder an ihm vorbeizogen.


*


Auf der ganzen Fahrt wechselten sie kein Wort. Die Fahrerscheibe war heruntergekurbelt, um eine Brise frischer Luft hereinzulassen. Das Kinderheim empfing sie wie ein offener Schlund. Aus dem die Dämonen herausgekrochen kamen. Sie hatten sich geschworen. Sie nicht als Dämonen zu bezeichnen. Doch an die Unschuld einer Kinderseele glaubten sie schon lange nicht mehr. Im hinteren Teil des Wagens lag der Koffer mit Jens Sachen. Heimlich gepackt, als der Junge mit der Frau im Supermarkt gewesen war. Er sollte die Falle nicht ahnen, in die sie ihn tappen ließen.

„Sei so gut, und geh spielen. Während Mutti und Vati mit der Heimleiterin sprechen.“

„Aber ich habe keine Freunde.“

„Tja, woran das wohl liegt?“

Wortlos ließen sie Jens stehen. Wie bestellt und nicht abgeholt. Ärgerten sich darüber, dass es in diesem Puff keinen Aufzug gab. Und sie wie Büßer die drei Stockwerke bis zum Rektorat erklimmen mussten.

„Nehmen sie diesen Bastard zurück.“

„Nun beruhigen sie sich doch. Ein Kind ist kein Waschpulver. Es braucht eine gewisse Eingewöhnungszeit.“

„Paperlapapp. Sie haben uns von Anfang an seine Vergangenheit verschwiegen. Es ist der Sohn aus dem Horrorhaus, nicht wahr?“

„Ich kann ihre Aufregung verstehen. Aber geben sie einem Kind eine Chance.“

„Sie kennen seine Vorgeschichte. Besser als ich. Der Tod seiner Mutter. Die Polizei, die ihn aus der stinkenden Hölle befreite. Ein Kadaver, von allen Nachbarn unbemerkt. Und dieses Kind haben sie uns anvertraut!“

„Wir hielten diese Details nicht für wichtig.“

„Sie wussten, dass wir eine Tochter haben. Der dieses Monster ein Bruder sein würde.“

„Familiäre Werte sind wichtig für jedes Kind. Geschwister ebenso. Wir dachten, es würde seiner Entwicklung guttun.“

„Die Tinte auf seinen Entlassungspapieren ist noch frisch. Kaum getrocknet. Kratzen sie meinen Namen von dieser Urkunde. Ich will nicht die Mutter von diesem Geschöpf sein.“

„Ach, wenn es doch so einfach wäre. Mit einem Kind abzuschließen...“

„Sie reden von einem Kind. Als wenn weiter nichts wäre. Wir reden von einem Dämon in Menschengestalt. Das Omen wäre noch untertrieben. Es liegt uns nichts näher, als ihn schnellstmöglich loszuwerden.“

„Na gut. Wir werden versuchen, in in seine ursprüngliche Gruppe zu integrieren.“

„Herzlichen Dank. Wir haben es versucht. Wirklich versucht.“

Sie hatten nicht damit gerechnet, ihm noch einmal in die Augen blicken zu müssen. Doch da stand er in der Lobby. So, wie sie ihn abgeliefert hatten. Als gehöre er nicht hierhin. Als gehöre er eigentlich nirgendwo hin auf dieser weiten Welt. Sie gingen an ihm vorbei, ihre Häupter vor Scham gesenkt. An diesem Kind gescheitert zu sein. Seine paar Habseligkeiten gaben sie beim Pförtner ab. Für Jens sollte es der erste und letzte Versuch bleiben, in eine Familie integriert zu werden. In seiner Akte wurde ein Vermerk gemacht. Manche Kinder waren eben nicht für das Familienleben geschaffen.


*


Frau Dr. Bertels hatte einen neuen Altersschub wegzustecken gehabt. Die Kinder machten ihr schwer zu schaffen, und ein neuer Mann, der das tiefe Loch in ihrer Seele (und ihrem Körper) füllen konnte, war nicht in Sicht. Wenn, dann würde sie als alte Jungfrau sterben. Return to sender, adress unknown. In ihren weizenblonden Haaren waren erste graue Strähnen aufgetaucht. An Haarfülle war nie zu denken gewesen, sie hatte sie zu einem Knoten hochgesteckt, um mehr Volumen heraus zu mogeln, doch ohne Erfolg. Wie ein Dutt hatte es ausgesehen. Alte Schwarzweißaufnahmen ihrer Großmutter waren vor ihrem geistigen Auge aufgeblitzt. Marina fühlte sich zu jung, um sich mit den Linien abzufinden, die das Schicksal ihr vorbehielt. Doch sie brannten sich schon in ihr Gesicht.

Und dann war da dieser Junge. Gut konnte sie sich an den Abend seiner Einlieferung erinnern. Und die Furore, für die er sorgte. Ein Fall wie dieser kam sehr selten vor. Sie dankte Gott, zu dem sie in ihrer altjüngferlichen Kammer betete, dass es dabei blieb. Nichts wiegte schlimmer als der Verlust der Eltern. Besonders, wenn die familiäre Bindung so eng war. Im Sexualkundeunterricht lernten die Burschen, wozu ihr Pimmelchen nütze war. Nicht jeder von ihnen setzte dieses Wissen sinnvoll um. Zum Erwachsenwerden gehörte auch Verantwortung. Dazu aber brauchte es Vorbilder, Rollenbilder. Die Erzieherinnen konnten eine richtige Familie nie ersetzen. Sie versuchten es dennoch, und das erfüllte den Tag mit Licht.

„Willst du es nicht einmal mit Autos probieren? Puppen sind doch was für Mädchen.“

Jens drehte die nackte Barbie in seinen Händen, wie eine Reliquie. Schlimmer noch, wie einen Fetisch.

„Ich mag ihre glatte Oberfläche, ihre Kälte. Und dass sie keine dummen Fragen stellen.“

Humor war seine Waffe gegen eine Welt, die ihn nicht verstand. Frau Dr. Bertels ließ sich nicht davon einschüchtern.

„Glatt und kalt können auch Spielzeugautos sein. Möchtest du nicht mit richtigen Mädchen spielen?“

Oh, diese Frage war so falsch gewesen! Er mochte seine Lehrerinnen täuschen. Doch der Dummkopf war nur eine Rolle, die er für die Welt spielte. In Wirklichkeit manipulierte er Menschen. So wie er Fliegen mit dem Feuerzeug vom Fenster sengte. Ihnen zusah, wie sie mit ihrem verstümmelten Flügeln zuckten. Sie liegen ließ, allein mit der Qual. Zuhause bei Mutter, da hatte er den Kampf gegen die Fliegen verloren.

„Sie scheinen mich für ziemlich notgeil zu halten. Als ob ich keine anderen Wege kennen würde, die Zeit totzuschlagen. Schlage die Zeit tot, bevor sie dich totschlägt. Nennt man das Notwehr?“

„Ich will dir keine Vorschriften machen. Niemand wünscht das. Du sollst nur wissen, dass ich für dich da bin. Wenn du Fragen über das Leben hast.“

„Ja, sie sind für mich da. Wie eine Mutter.“

Der letzte Satz hatte gesessen wie ein Peitschenhieb. Frau Dr. Bertels errötete. Wortlos ließ Jens sie stehen, und ging.

Mutterlos

Mit der Volljährigkeit kam die Entlassung aus dem Heim. Von da an musste er sich selbst erziehen. Keine weibliche Hand mehr, die ihm sagen konnte, was richtig oder falsch war. In Puncto Frauen war er ein Spätzünder geblieben. Da war nie eine gewesen, die es mit den Küssen seiner Mutter aufnehmen konnte. Keine, die ihn so liebevoll gestreichelt hätte. Er lebte so enthaltsam wie ein Priester. Nicht, dass er keine Bedürfnisse gehabt hätte. Aber seine Phantasien waren diffus und unausgegoren. Manchmal tauchten Bilder in der Nacht auf. Gehäutete Tiere im Dreckmantel paniert. Augenlose Schaufensterpuppen. Hundescheiße unter Schuhabsätzen. Die Spinne, die im Auge seiner Mutter genistet hatte. Polaroids aus dem Reich der Toten.

Es brauchte Jahre, bis er seine Begierden klar definieren konnte. Oder eingestehen. Denn sie wichen wesentlich von dem ab, was man ihm im Sexualkundekundeunterricht beigebracht hatte. Dem herkömmlichen Muster von Mann und Frau, von Bier und Brüsten, von Löchern und Stängeln. Konnte Jens nichts abgewinnen. Es gab Menschen, die sich in Lack und Leder zwängten, um Befriedigung zu erhalten. Die sich anpinkelten und anschissen, als wären sie nie stubenrein geworden. Es gab tausenderlei Spielarten der Sexualität. Über die öffentlich diskutiert wurde. Die Boulevardblätter und Spätfilme waren voll davon. Doch über das, was Jens in Wallung brachte, wurde nicht gesprochen. Schnell merkte er, dass es sich um ein Tabuthema handelte, welches nicht einmal mit spitzen Fingern angepackt wurde.

Das Leben wirkte sich tödlich auf seine Erektion aus. Der Tod hingegen verlieh den sonst so blassen Frauen eine erotische Ausstrahlung, die kein Visagist je hinbekommen hätte. Wie sie so schlaff da lagen, vollkommen regungslos. Jens wusste nicht, wo er die Objekte seiner Begierde auftreiben konnte. Fürs Erste begnügte er sich mit Horrorfilmen aus der Videothek. An Onlinebilder von Leichen heranzukommen. War fast ebenso schwer, wie die Suche nach guter Kinderpornografie. Die Netzgemeinde kannte kaum Anfragen, die die Begriffe "Leiche" und "Erotik" miteinander in Einklang brachten. Dabei gehörten diese Begriffe zusammen wie Butter und Brot!

Jens Alltag war eintönig, und das war gut so. Abwechslung war ihm zuwider. Am liebsten hatte er den Herbst, wenn die Blätter sich braun verfärbten, und dichter Nebel in den Gassen hing. Wenn alles starb und verging. Holzkohlenrauch aus den Kaminen stieg. Er arbeitete am Band, führte tausende Male am Tag die gleiche Bewegung aus, und hätte damit beim heiteren Beruferaten auftreten können. Manchmal ging er mit einem Arbeitskollegen ein Bier trinken. Mehr Freunde hatte er nicht.

Das Heim war ein Ort strenger Regeln und schwerer Entgleisungen gewesen. Im Endeffekt verboten die Erzieherinnen soviel, wie sie konnten. Um die Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen. Und glaubten, der Gesellschaft damit einen Bärendienst zu erweisen. Sie nahmen dich bei der Hand. Sanft, aber fordernd. Und wenn ein eckiger Bauklotz nicht durch ein rundes Loch passte, wurde er hindurch gehämmert. Das Leben verpasste dir Dellen und Beulen. Sie versuchten, dich auf die Welt da draußen vorzubereiten.

Niemand wusste, wie es in seinem Herzen aussah. Was zwischen ihm und Mutter vorgefallen war. Oder dass der Tod ihn magisch anzog. Jens mietete in der Stadt eine kleine Wohnung an, die vom Amt gezahlt wurde. Bis er die Probezeit in der Fabrik überstanden hatte. Dann stellten sie ihre Zahlungen augenblicklich ein. Und er musste lernen, von seinem eigenen Geld zu leben. Jens kam gut damit aus. Er hatte keine Leidenschaften, die teuer zu Buche schlugen. Etwas ratloser war er, was die Kulissenmenschen anging. Er traute ihnen nicht. Wie sie wuselten und duselten. Dusel hatten, und sich am Leben freuten. Das dem ihrer Nachbarn bis aufs Detail glich. Jens versuchte, ihnen auf den Grund zu gehen. An dem teilzuhaben, was die Privatsender behaupteten. Leben war etwas, was er aus dem Fernsehen kannte.

Er wollte ausgehen! Sich amüsieren! Das tun, was Jungs in seinem Alter taten! Und sei es nur, um dazuzugehören. Vielleicht hätte er nicht mit der Königsdisziplin anfangen sollen: Der Disko. Aber ein Ort, an dem es zu laut war. Als dass er mit den Kulissenmenschen hätte sprechen müssen. Wo man mit einem Glas Cola in der Ecke stehen konnte, den ganzen Abend. Ohne, dass ihn jemand behelligte.


*


Leider gehörte Jens zu jenen armen Säcken, denen auch schummriges Licht nicht zu schmeicheln vermochte. Mit störrischen blonden Haaren ohne Glanz. Seine Haut war käsig weiß, mit einem ungesunden Stich ins Gelbe. Wenn er lächelte, arbeitete kein Muskel mit. Als weigere sich jede Emotion, sein Gesicht zu betreten. Überhaupt sah er aus, als wäre Tageslicht sein natürlicher Feind. Ein Vampir, der sich vor der Welt in einer schwarzen Kiste versteckte. Der Türsteher verschränkte die Arme, als er diesen komischen Vogel vor sich stehen sah. Der Club lebte von feiernden Gästen. Und nicht verdrucksten Spaßbremsen.

„Du kommst hier nicht rein.“

Mit eingezogenen Schultern zog er davon. Er wusste, wenn er unerwünscht war. Es war eh nur ein halbherziger Versuch gewesen. Danach verbrachte er die Abende wieder allein zuhause. Bis Werner ihn mitnahm.


*


Werner war schon etwas älter als Jens. Altgedientes Eisen im Betrieb, ein lebensfroher Mittfünfziger. An Vaterfiguren hatte es ihm im Leben gefehlt. Zu früh musste er die Rolle des Familienoberhauptes selbst übernehmen. Die Samstagabende, wenn die ehelichen Pflichten riefen. Und Mutter ihr seidenes Negligé anzog.

Er wusste nichts von der Welt, nichts vom Leben. Auch die Arbeit im Stanzwerk hatte er sich nicht ausgesucht. Das Samariterheim hatte eine stille Übereinkunft mit dem Fabrikbesitzer, die Zöglinge in regelmäßigen Abständen zu übernehmen. Wer gut spurte, konnte auf einen Arbeitsplatz zählen, der ihn bis zum Lebensende ernähren würde. Wer aber faul war, oder ungeschickt, den setzte der Meister schnell wieder auf die Straße. Jens war nicht wirklich gut. Seine Liebe zur Monotonie machte ihn aber schnell zu einem unentbehrlichen Arbeiter. Werner klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Seit den Tagen im Heim einer der Ersten, die ihm offen und freundlich gegenübertraten. Anerkennend nickte er ihm zu. Wer Jens kannte, wusste dieses Lächeln zu schätzen. Das ungefähr so selten war, wie Regen in der Wüste.

In den Mittagspausen saßen sie zusammen auf der alten Holzbank, draußen. Jeder mit seiner Thermos. Das Essen hineingestopft wie einen Schichtsalat. Erzählte Werner ihm gerne vom Angeln. Wie ein Vater, den er nie kennengelernt hatte. Unterhielten sie sich über Köder und die richtigen Techniken.

„Du könntest ja mal mitkommen. Wenn du willst.“

„Gerne.“

Ein Vater, den er nie gehabt hatte. Er mochte Werner. Der ihn nie nach seiner Vergangenheit fragte. Nach seiner Zukunft. Was er einmal werden wollte, wenn dies alles vorbei war. Welche Wünsche er hatte. Welche Träume. Ein Freund, der keine Fragen stellte. War das einzige, was Jens an seiner Seite akzeptierte. Ansonsten hätte er sich verschreckt in sein selbstgewähltes Schneckenhaus zurückgezogen. Er war ohne Leben. Menschen bedrohten diese Leere. Nur bedingt gestattete er Zutritt. Auf verstaubte Vitrinen, in denen farblose Erinnerungen vergilbten. Die wenigen Exponate, die für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Waren nichts im Vergleich zu der geheimen Schatzkammer in seinem Herzen, zu der nur Jens einen Schlüssel besaß. Dort drinnen funkelten Drusen voller Edelsteine. Ein Spiegelkabinett mit Fabergé-Eiern und schweren Gläsern aus Bleikristall, rotweintrunken. Hier drin feierte nur Jens allein rauschende Feste. Hier gab es nur ihn. Und Mutter.


*


Am Sonntag fuhren sie hinaus zum Weiher. Frau Hezel drückte ihrem Mann den Angelkoffer in die Hand, und einen Kuss auf den Mund. Jens mochte sie gut leiden. Sie war keine klassische Schönheit, hatte aber eine mütterliche Aura um sich. Die ihn ganz kribbelig machte. Die silbernen Strähnen in ihrem Haar würde er ihr vergolden. Wenn er ihr kleiner Sohn sein dürfte. An ihrem Busen liegen, und den Honig saugen. Muttermilch, die er bis zu seinem neunten Lebensjahr getrunken hatte. Direkt von der Quelle.

Sie parkten ihre Fahrräder im Gebüsch. Während fromme Christen in schwarze Anzüge schlüpften, und blank gewienerte Schuhe. Packten sie den Angelkoffer mit Ködern voll und Sandwiches. Eine Kühltasche mit Eistee und Dosenbier. An einem Tag in der Woche. Ruhte selbst der Herr. Erschuf keine Welten, und legte sich einfach auf die faule Haut, wie die Mehrzahl seiner Geschöpfe. Werner lehnte mit dem Rücken zum Boot, die Angel fest in der Hand. Kleine Schweißtröpfchen erschienen auf seiner Glatze. Durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Libellen zogen ihre Kreise, nah am Wasser gebaut. Die Tränen der Lüfte. Vibrierend, dass man ihre Flügel mehr ahnte. Als dass man sie sah. Wasserflöhe, die ihre Kreise zogen. Malaria lag in der Luft, und Tropensünden. Pflanzen, die in der Uferdämmerung verdarben. Stinkend, faulend und salzig. Kleine Tiere, die dem Tod anheimfielen. Überrascht taten, und kleben blieben. Wie in der Kannenfalle. Die Luft stank nach Sumpf, wie sie nach Tod stank. Kaum zu glauben, dass sich in dieser unwirtlichen Umgebung Fische fangen ließen, die auf dem Teller landeten. Plötzlich surrte die Spindel, Werners Angelschnur verschwand in den Tiefen des Sees. Hastig griff er in die Angel, um die Kontrolle über seine Beute wieder zu erlangen. Holte die Leine ein. An seinen hochgekrempelten Armen traten die Sehnen hervor, das Biest wehrte sich mit Leibeskräften. Im Wasser zu bleiben, und am Leben.

„Etwas hat angebissen.“

Die Wasseroberfläche teilte sich, der Fisch landete mit einer schwungvollen Geste im Boot. Werner nahm den zappelnden Fisch von der Leine, und schlug ihn über einen Stein. Augenblicklich hörte er auf zu zappeln. Jens griff in den Angelkoffer, holte ein gezacktes Jagdmesser heraus. Die scharfen Zacken stachen gegen das Sonnenlicht.

„Darf ich die Klinge führen?“

„Hast du so etwas schon einmal gemacht?“

„Tausende Male.“

Jens schloss die Augen. Dachte an all die Tiere, die durch seine Hände gegangen waren. Zappelnd, lebend. Und ihr Leben dann ausgehaucht hatten, in seinen Händen. Die Strafstunden im Bunker, die er dafür kassiert hatte.

„Dann tu dir keinen Zwang an.“

Seine Hände waren für den Tod geboren. Seit er aus der Fotze seiner Mutter gekrochen war. Und kehrt gemacht hatte. Um wieder hineinzugleiten. Den Kreislauf des Lebens im Rückwärtsgang erlebt. Oh, Mutter!

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