Logo weiterlesen.de
Kalter Trost

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Danksagung
  5. Vorwort
  6. 1. KAPITEL
  7. 2. KAPITEL
  8. 3. KAPITEL
  9. 4. KAPITEL
  10. 5. KAPITEL
  11. 6. KAPITEL
  12. 7. KAPITEL
  13. 8. KAPITEL
  14. 9. KAPITEL
  15. 10. KAPITEL
  16. 11. KAPITEL
  17. 12. KAPITEL
  18. 13. KAPITEL
  19. 14. KAPITEL
  20. 15. KAPITEL
  21. 16. KAPITEL
  22. 17. KAPITEL
  23. 18. KAPITEL
  24. 19. KAPITEL
  25. 20. KAPITEL
  26. Über den Autor

Danksagung

Ein herzliches Dankeschön an all die guten Menschen, deren Geduld ich strapaziert habe, während ich dieses Buch schrieb.

Kærar, pakkir, gott fólk.

Vorwort

Die Freiheit schmeckte gut. Für den langen Ómar Magnússon schmeckte sie nach Hotdogs mit Ketchup und Zwiebeln, die man mit einem kalten Bier runterspült. Er streckte seine langen Beine unter dem Plastiktisch der Imbissstube aus und rülpste vor Wohlbehagen. Eine Frau, die mit ein paar Kindern am Nebentisch saß, drehte sich zu ihm um und runzelte die Stirn. Als er ihren Blicken nicht auswich, verzichtete sie lieber auf einen Kommentar.

»Wohin gehen wir jetzt?«, fragte das pummelige Mädchen namens Selma an seiner Seite.

»In die Stadt. Zu dir.«

»Wir können nicht zu mir«, jammerte Selma. »Mum rastet aus, wenn sie dich sieht. Sie weiß, dass du eigentlich erst in einem Jahr rauskommst.«

»Erzähl ihr doch einfach, dass ich wegen guter Führung früher raus bin, Selma«, grinste Ommi. »Sag ihr, dass ich ein lieber Junge war und jetzt ein bisschen Spaß haben will.«

Er trank sein Bier in einem Zug aus.

»Komm. Es gibt viel zu tun.«

Selma erhob sich und folgte Ommi, der deutlich größer war als sie, zur Tür. Als sie überrascht aufkreischte, drehte sich die Frau mit den vielen Kindern verärgert um und wurde Zeugin, wie Ommis große Hand unter Selmas kurzem Rock verschwand. Die Frau öffnete den Mund, aber bevor sie etwas sagen konnte, war das Paar verschwunden und Selmas Quietschen war kaum noch zu hören.

1. KAPITEL

Donnerstag, der Elfte

»Laufey!«, rief Gunna zum zweiten Mal. »Laufey Oddbjörg Ragnarsdóttir! Du musst in die Schule!«

Eilig putzte Gunna sich die Zähne und musterte sich dabei kritisch im Spiegel. Ganz offensichtlich war es mal wieder Zeit für einen Friseurbesuch. Gute Zähne, eine wohlgeformte Nase, kräftige Augenbrauen, dachte sie. Sie spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken und ließ Wasser in die hohle Hand laufen, um sich den Mund auszuspülen. Sie gurgelte und spuckte erneut aus, als sie Laufey im Spiegel hinter sich auftauchen sah.

»Ich bin fertig, Schatz. Das Bad gehört dir.«

Laufey nickte und blickte sie aus trüben Augen an. Sie schwieg.

In der Küche schaltete Gunna den Wasserkocher und das Radio ein. Die Morgenshow auf Channel 2 lief. Laufey schlurfte in ihr Zimmer zurück und machte die Tür hinter sich zu.

»Wenn sie wieder ins Bett gegangen ist, dann …«, murmelte Gunna vor sich hin.

Das Wasser erreichte dampfend seinen Siedepunkt, und der Kocher schaltete sich ab. Gunna schüttete Müsli in eine Schale.

»Laufey!«, rief sie wieder. Die Tür ging auf, und Laufey erschien, fertig angezogen und mit der Schultasche in der Hand. »Wenn du nächstes Jahr in Keflavík aufs College gehst, musst du ein bisschen zügiger aufstehen«, nörgelte Gunna.

»Es heißt jetzt Reykjanesbær, Mum, nicht mehr Keflavík.«

»Auf dem Revier nennen sie es Keflagrad, weil da inzwischen so viele Ausländer wohnen.«

»Mum, das ist rassistisch.«

Gunna seufzte.

»Mag sein. Jedenfalls ist es zu früh, um darüber zu streiten. Möchtest du frühstücken? Es gibt Müsli oder Skyr

Im selben Moment richtete sich Gunnas Aufmerksamkeit auf den Beitrag, der im Radio lief. Sofort stellte sie lauter.

»Der vor zehn Tagen aus dem Gefängnis Kvíabryggja entflohene Häftling befindet sich immer noch auf freiem Fuß. Er soll im Raum Reykjavík gesehen worden sein. Die Polizei hat eine Beschreibung von der flüchtigen Person herausgegeben. Es handelt sich um Ómar Magnússon. Er ist sechsunddreißig Jahre alt, einen Meter neunundneunzig groß, kräftig gebaut und hat halblanges braunes Haar. Seine Unterarme sind stark tätowiert. Zuletzt trug er Jeans und eine dunkle Jacke. Es wird davor gewarnt, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Die Polizei bittet um Hinweise über seinen derzeitigen Aufenthaltsort …«

Gunna stellte das Gerät wieder leiser.

»Ist er ein Freund von dir, Mum?«, fragte Laufey grinsend.

»Oh ja, ganz bestimmt. Er stammt übrigens von hier.«

»Ein Krimineller aus Hvalvík? Wirklich?«

»Er hat Hvalvík verlassen, bevor wir hergezogen sind. Jetzt beeil dich mal, wenn du mitfahren willst. Ich muss in zehn Minuten los.«

Laufey gähnte.

»Ist schon gut. Ich gehe zu Fuß.«

»Es regnet«, erinnerte sie Gunna.

»Macht nichts. Ich treffe mich mit Finnur, wir gehen zusammen.«

»Meinetwegen. Ich bin gegen fünf zurück, falls nichts dazwischenkommt. Ansonsten sage ich dir Bescheid.«

»Vielleicht gehe ich doch nicht nach Keflavík aufs College«, sagte Laufey unvermittelt.

»Wie bitte?«

»Vielleicht gehe ich doch lieber nach Hafnarfjördur. Der Fachbereich Psychologie ist dort besser. Wenn du jetzt ohnehin jeden Tag nach Reykjavík fährst, könntest du mich ja mitnehmen, stimmt’s?«

Gunna überlegte einen Augenblick, wie früh sie jeden Morgen aufbrechen müssten, wenn sie Laufey nach Hafnarfjördur bringen und pünktlich zur Arbeit kommen wollte.

»Psychologie? Ich dachte, du wolltest Betriebswirtschaft studieren?«

Laufey runzelte die Stirn.

»Betriebswirtschaft ist nicht mehr angesagt, nicht seit letztem Jahr.«

»Wir werden sehen, Schatz. Lass uns heute Abend darüber sprechen. Bis später«, sagte Gunna und schnappte sich ihre Autoschlüssel und ihr Handy.

***

»Na, Diddi. Du erinnerst dich doch an mich, oder etwa nicht?«

Panik breitete sich auf dem Gesicht des jungen Mannes aus. Seine groben Gesichtszüge verzogen sich zu einer Grimasse.

»Hi, Ommi. Schön, dich zu sehen, Kumpel«, antwortete er mit heiserer Stimme. »Ich wusste gar nicht, dass du schon raus bist.«

»Bin ich auch nicht. Jedenfalls nicht offiziell.« Ommi grinste breit und ließ seine Hand schwer auf Diddis Schulter fallen. Gemeinsam schlenderten sie die menschenleere Straße entlang.

»Was? Bist du abgehauen? Dann bist du der, nach dem sie suchen? Großartig!«

»Wo wohnst du denn jetzt, Diddi?«

»Gleich hier um die Ecke. Es ist nicht weit.«

Ommi verstärkte den Druck auf Diddis Schulter, um die er seinen Arm gelegt hatte, um ihn herumzudrehen und mit dem Gesicht gegen die raue Betonwand zu schleudern, mit der anderen Hand versetzte er ihm einen Hieb in die Nieren. Diddi wollte um Hilfe rufen, aber da er ahnte, dass die Leute in dieser Gegend lieber nichts mit den Problemen anderer zu tun haben wollten, riss er sich zusammen.

»Was soll das, Ommi?«, keuchte er.

Ommi beugte sich vor.

»Diddi, du hast mich im Stich gelassen. Du bist mir was schuldig.«

»Wa-was denn, Ommi?«

»Du weißt verdammt gut, was ich meine!«

Mit einer Hand griff Ommi in Diddis fettiges Haar und landete mit der anderen Hand einen Schlag gegen seinen Kopf, sodass Diddi zu wimmern begann. Er liebte das Geräusch, wenn seine Faust auf Fleisch traf, den Adrenalinschub, dieses Gefühl der Macht. Darauf hatte er im Gefängnis verzichten müssen, und erst jetzt merkte er, wie sehr er es vermisst hatte.

»Du weißt es«, wiederholte er. »Du bist mir was schuldig. Du wirst dafür bezahlen. Du wirst alle Schulden vollständig begleichen. Kapiert?«

Diddi nickte. Aus seinem rechten Ohr tropfte Blut auf seine Jeansjacke, und sein Kopf dröhnte.

»Ja. Ich hab’s kapiert.«

»Das hoffe ich. Du hast mich nicht gesehen, und du weißt nicht, wo ich bin.«

»Ich war’s nicht, Ommi.«

»So, so«, zischte Ommi und versetzte Diddi einen erneuten Schlag in die Nieren, woraufhin dieser zu Boden ging. Das Ganze hatte nicht länger als eine Minute gedauert. Diddi wurde vor Schmerzen schwarz vor Augen, und er fragte sich verwirrt, ob der lange Ómar Magnússon tatsächlich bei hellem Tageslicht aufgetaucht war und ihn zusammengeschlagen hatte. Das Dröhnen in seinen Ohren und der Geschmack von Galle in seinem Mund ließen jedoch jeden Zweifel daran verschwinden, dass es genau so gewesen war. Stöhnend übergab er sich auf den Gehsteig. Auf der anderen Straßenseite gab sich ein Herr in Mantel und Schirmmütze große Mühe, nicht zu ihm hinüberzublicken.

***

Die Adresse, die man ihr genannt hatte, befand sich nur wenige hundert Meter vom Polizeirevier in der Hverfisgata entfernt. Daher beschloss Gunna, zu Fuß zu gehen. Es war später Nachmittag, und an diesem trüben windigen Tag brach die Dämmerung bereits früh herein. Ihr Kollege Helgi begleitete sie. Ein Streifenwagen und ein Krankenwagen standen schon mit Blinklicht vor dem modernen Wohnblock, und ein junger Polizist schirmte den Eingang vor neugierigen Passanten ab, die alle angeblich dort wohnten.

»Das ist ein Tatort. Zurückbleiben«, sagte er, als sie sich durch die Menge der Schaulustigen drängten.

»Kriminalpolizei, Dezernat für Gewaltverbrechen«, sagte Gunna knapp und genoss es, diese Bezeichnung zum ersten Mal auszusprechen. Der junge Mann trat einen Schritt zurück.

»Vierter Stock. Der Aufzug ist defekt«, antwortete er.

Helgi beäugte die Treppen.

»Vier Stockwerke?«

Der Polizist nickte.

»Nun denn.«

Helgi wandte sich der Treppe zu. Gunna nahm immer zwei Stufen auf einmal. Als sie die offene Wohnungstür erreichten, war Helgi ziemlich außer Atem.

»Das muss es sein«, keuchte er und rang nach Luft.

»Du solltest aufhören zu rauchen, Helgi«, mahnte Gunna und ging an ihm vorbei.

Ein junger Polizist stand an der Tür. Er erkannte Gunna und ließ sie beide passieren.

»Es ist kein schöner Anblick«, warnte er, während Gunna sich Einweghandschuhe überstreifte. Dann bückte sie sich, um Überzieher über ihre Schuhe zu ziehen, und reichte auch Helgi, der noch mit seinen Handschuhen kämpfte, ein Paar.

Eine junge Polizistin in Uniform stand mit leichenblassem Gesicht im Flur an der Küchentür und trat zurück, um Gunna und Helgi vorbeizulassen. Ein Rettungsassistent kauerte mit dem Rücken zu ihnen am Boden. Gunna näherte sich ihm vorsichtig, während Helgi in der Tür stehen blieb.

»Bist du in Ordnung?«, murmelte Helgi der jungen Polizistin zu. Sie nickte, ohne den Blick von dem Rettungsassistenten abzuwenden.

»Ich nehme an, sie ist tot?«, fragte Gunna, hockte sich neben den Mann im grünen Overall und nahm die Szene in sich auf.

»Naja, für mich gibt’s hier nichts mehr zu tun, wenn du das meinst«, erwiderte er knapp.

Die Leiche einer Frau lag zur Seite gedreht auf den schachbrettartig gemusterten Fliesen, die Arme von sich gestreckt, die Beine unnatürlich abgewinkelt. Eine Flut blonder Haare breitete sich um ihren Kopf aus, der in einer Pfütze aus dunklem Blut lag. Das Blut stammte eindeutig aus einer Wunde an der Seite des Kopfes.

»Hast du irgendetwas berührt?«, wollte Gunna von dem Rettungsassistenten wissen.

»Ich habe ihren Puls überprüft, das ist alles. Sonst ist nichts bewegt worden.«

»Gut. Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass sie gestürzt ist und sich den Kopf aufgeschlagen hat, nehme ich an«, murmelte Gunna vor sich hin.

»Nein, unmöglich«, erwiderte der Rettungsassistent, ohne zu zögern. »Die Verletzung stammt eindeutig von einem stumpfen Gegenstand.«

Gunna blickte zur Tür.

»Helgi, kannst du dafür sorgen, dass alle aus der Wohnung verschwinden und die Jungs von der Kriminaltechnik so schnell wie möglich herkommen? Bevor wir uns hier umsehen, müssen erst alle Spuren gesichert werden. Wissen wir schon, wer die Tote ist?«

Helgi und der Rettungsassistent starrten sie an.

»Du meinst, du erkennst sie nicht?«, fragte der Rettungsassistent.

Gunna musterte den groß gewachsenen, wohlgeformten Körper der Frau, der mit einer Trainingshose und einem Sportshirt bekleidet war. Das ärmellose Hemd gab den Blick auf straffe Haut frei, die so stark gebräunt war, dass man sie fast als knusprig beschreiben konnte.

»Sie kommt mir vage bekannt vor, aber mehr auch nicht«, gab sie schließlich zu.

»Das ist Svana Geirs. Das war sie«, erklärte der Rettungsassistent und schüttelte traurig den Kopf.

»Okay, wenn es sich um eine prominente Persönlichkeit handelt, müssen wir dafür sorgen, dass die Presse keinen Wind davon bekommt, hast du verstanden?«

»Natürlich, ich kann schweigen wie ein Grab.«

Der Sanitäter stand auf und streckte sich. Gunna betrachtete das Gesicht der Frau. Die Haut in den Winkeln der weit geöffneten grünen Augen spannte und wirkte pergamentartig, wie man es eher bei jemandem im Rentenalter erwarten würde. Die üppigen blonden Haare waren strohig und dick. Gunna fragte sich, ob sie in den letzten zwanzig Jahren je ihre natürliche Farbe gehabt hatten. Sie überlegte, wie alt sie sein könnte, und schätzte sie auf etwa fünfunddreißig.

»Wir verschwinden jetzt lieber und überlassen der Kriminaltechnik das Feld. Gehst du auch?«, fragte sie den gähnenden Sanitäter.

»Sobald der Arzt eintrifft, um offiziell ihren Tod festzustellen«, antwortete der und erhob sich vorsichtig, um nicht die Wände oder irgendetwas anderes zu berühren.

»Hast du es zum ersten Mal mit einer prominenten Persönlichkeit zu tun?«

»Mehr oder weniger. Einmal wurde ich zu einem Stadtrat gerufen. Er hatte beim Joggen am Strand von Nautholtsvík einen Herzinfarkt erlitten. Bis wir eintrafen, war er schon mausetot. Es ist jammerschade um Svana«, seufzte er. »Als ich noch studiert habe, hatte ich ein Poster von ihr an der Wand hängen.«

Gunna und Helgi verließen die Wohnung, als das Team der Kriminaltechnik ausschwärmte, und blieben auf dem Treppenabsatz im ersten Stockwerk stehen, um ihre Notizen zu vergleichen. So viele uniformierte Beamte, wie aufzutreiben waren, waren losgeschickt worden, um die Gegend nach der Mordwaffe abzusuchen und mit den langwierigen Befragungen der Anwohner zu beginnen.

»Erzähl mir etwas über Svana Geirs«, forderte sie ihn auf. »Der Name kommt mir bekannt vor, aber das ist auch schon alles.«

Helgi setzte sich auf die Treppe.

»Naja, wir werden noch genauer recherchieren müssen. Ich schätze, sie war einer jener Menschen, die dafür berühmt sind, berühmt zu sein, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Du meinst, sie hat eigentlich nichts gemacht?«

»Sie hatte eine Zeitlang eine Fitness-Show im Fernsehen auf Channel 2. Meine erste Frau hat das immer geguckt, es muss also schon mindestens fünf Jahre her sein. Sie hat diese albernen Übungen vor der Glotze mitgemacht. Hat ihr aber nichts gebracht. In der Show ging es weniger um Fitness als vielmehr um Svanas Brüste, die in einem engen Top auf- und abhüpften. Das war’s im Prinzip. Danach ist sie von der Bildfläche verschwunden, taucht aber immer noch hin und wieder in den Klatschmagazinen auf.«

»Gut. Wer könnte ein Interesse daran haben, eine gescheiterte Fernsehmoderatorin umzulegen? Soweit ich sehen konnte, war es ein einziger Schlag, der mit großer Kraft ausgeführt wurde«, meinte Gunna. Sie hätte zu gerne eine Zigarette geraucht –, aber was man verspricht, muss man auch halten. Laufey würde es sofort bemerken, wenn ihre Mum schummelte.

»Miss Cruz wird uns später Genaueres zum Todeszeitpunkt sagen können. Jetzt ist es bald sechs Uhr, also vermutlich irgendwann heute Nachmittag. Sie war noch warm, als wir ankamen.«

Der einzige Rechtsmediziner der Polizei war längerfristig beurlaubt, und der Posten war mit einer Reihe von Vertretungen besetzt worden, die jeweils für ein halbes Jahr im Ausland rekrutiert worden waren. Die jüngste Vertretung war eine Spanierin mit einem komplizierten Doppelnamen. Sie war die Nachfolgerin eines groß gewachsenen Iren. Die neuen Kollegen hatten die Spanierin sofort Miss Cruz getauft.

»Also kann sie höchstens ein oder zwei Stunden tot gewesen sein«, überlegte Gunna. »Wer hat Alarm geschlagen?«

»Die Reinigungsdame. Weil der Aufzug kaputt ist, hat sie die Treppen genommen. Die Wohnungstür stand offen«, antwortete Helgi.

»Offen? Also hat der Mörder es ziemlich eilig gehabt und sich nicht viel Zeit genommen, seine Spuren zu beseitigen. Hast du den Aufzug überprüft?«

»Er steckt zwischen der dritten und vierten Etage fest. Schon seit einer Woche, sagt der Wartungsdienst.«

»Die Wohnung ist im obersten Stockwerk. Niemand steigt ohne Grund die Treppen hoch. Was ist mit der Nachbarwohnung?«

»Da ist niemand zu Hause. Kein Lebenszeichen.«

Helgi stand auf und streckte sich.

»Nun, wer immer dort wohnt, wird ganz schön überrascht sein, wenn er von der Arbeit zurückkehrt. Wie geht’s weiter, Gunna?«

Einen Moment lang wunderte sie sich, warum Helgi ausgerechnet ihr diese Frage stellte. Sie würde noch eine Weile brauchen, bis sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte, Leiterin eines neu gegründeten Ermittlungsteams zu sein. Bisher hatte sie jahrelang ein Polizeirevier auf dem Land geleitet, in Hvalvík, wo oft wochenlang nichts Schlimmeres als ein gelegentlicher Fahrraddiebstahl passierte. Das Angebot für eine Beförderung und der damit verbundene Wechsel zur Polizei von Reykjavík waren überraschend gekommen, und sie musste sich erst daran gewöhnen, in einer großen Dienststelle mit vielen Mitarbeitern zu arbeiten. Zwar hatte Gunna in der Vergangenheit schon einmal eine Zeitlang in Reykjavík gelebt und kannte die Stadt gut, fühlte sich aber trotzdem nicht ganz wohl dort. Vieles hatte sich in den Jahren verändert, in denen sie in ihrem Provinznest eine ruhige Kugel geschoben hatte. Der Rhythmus des Lebens in der Stadt hatte sich immer mehr beschleunigt, bis es schließlich zur großen Krise gekommen war. Die Banken wurden verstaatlicht, und das Land versank in einer Rezession. Die wirtschaftliche Weiterentwicklung kam völlig zum Stillstand.

Sie hatte das neue Büro des Dezernats für Gewaltverbrechen bezogen, als die Proteste vor dem Parlament zunehmend wütender wurden. Sie musste mit ansehen, wie ihre uniformierten Kollegen jedes Wochenende bei den Demonstrationen den Zorn der Öffentlichkeit zu spüren bekamen, obwohl viele von ihnen insgeheim Sympathie für die Demonstranten und ihre ohnmächtige Wut empfanden.

Gunna hatte es glattweg abgelehnt, von Hvalvík wegzuziehen. Die vierzigminütige Fahrt jeden Morgen stellte eine Herausforderung dar, aber die Heimfahrt war für sie zu einer Oase wertvoller Zeit zum Nachdenken geworden.

»Gunna?«, wiederholte Helgi.

»Tut mir leid. Ich war in Gedanken. Wenn du herausfinden könntest, was die Dame in den letzten Tagen gemacht hat und wo sie sich aufgehalten hat, kümmere ich mich um die nächsten Angehörigen.«

»Das geht in Ordnung. Du weißt, dass wir uns auch noch um den langen Ommi kümmern müssen.«

»Ja, gut. Eiríkur müsste in einer halben Stunde eintreffen, und am besten setzt du ihn gleich ins Bild, damit er alle Informationen, die sich aus der Befragung der Nachbarn ergeben, sammeln und auswerten kann. Sicher wird der Junge mit einer Theorie aufwarten, von der er in einem Buch gelesen hat«, sagte Gunna. »Die Gerichtsmedizin wird uns bald mitteilen, was sie herausgefunden hat, aber vermutlich wissen wir das Wichtigste schon. Gewaltanwendung mit einem stumpfen Gegenstand, ein einziger Schlag gegen den Kopf, mit dem Ziel zu töten.«

»Hast du schon eine Idee?«, fragte Helgi hoffnungsvoll.

»Das wollte ich dich auch gerade fragen«, seufzte Gunna. »Oberflächlich betrachtet wirkt das Ganze ziemlich einfach. Wenn jemand auf diese Weise tötet, handelt es sich entweder um einen Junkie, der nicht weiß, was er tut, oder es ist Geld oder blinde Wut im Spiel. Svana Geirs könnte jemanden sehr wütend gemacht haben, oder sie hat ihn abgezockt.«

»Was ist mit Eifersucht?«

»Sicherlich auch eine Möglichkeit. Wir sollten auf jeden Fall herausfinden, mit wem sie gevögelt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau wie sie wie eine Nonne gelebt hat. Wir müssen auch herausfinden, womit sie ihren Lebensunterhalt verdient hat. Die Wohnung ist bestimmt nicht billig.«

»Mal sehen, was ich bis morgen ausgraben kann. Du kommst doch früh ins Büro, oder?«, fragte Helgi.

»Nein. Bjössi vom Revier in Keflavík hat mich gebeten, bei jemandem im Krankenhaus vorbeizuschauen. Es handelt sich zufällig um einen Freund des langen Ommi, nach dem du suchst.«

»In Ordnung. Grüß ihn bitte von mir, ja? Bjössi meine ich.«

2. KAPITEL

Freitag, der Zwölfte

Ein Netz aus Fältchen umgab die Augen der Krankenschwester.

Sie arbeitet zu viel, dachte Gunna.

»Bitte hier entlang«, sagte sie ruhig, aber ihr Blick huschte hin und her.

»Wie geht es ihm?«

»Nicht besonders gut. Aber er wird es überleben.«

»Kann er sprechen?«

»Kaum.«

Sie stieß eine schwere Schwingtür auf, ging einen hallenden Flur entlang und trat durch eine offen stehende Tür in ein Krankenzimmer.

»Óskar? Besuch für dich.«

Der Mann im Bett hatte einen wilden schwarzen Haarschopf, der sich deutlich vom weißen Kopfkissen abhob. Aus seinen Augen sprach die blanke Wut.

»Guten Morgen, Óskar«, grüßte Gunna mit so viel Wärme, wie sie beim Anblick der Verbände um den Unterkiefer des Mannes aufbringen konnte. Sie versuchte, sich die zersplitterten Knochen nicht vorzustellen. Die aufgeplatzte Lippe, die zugeschwollenen, blau geschlagenen Augen und der leuchtende Bluterguss auf dem Wangenknochen reichten ihr völlig.

»Kann ich euch beide allein lassen?«, fragte die Schwester. »Wir sind heute knapp an Personal, und ich habe noch jede Menge zu tun.«

»Natürlich. Danke. Ich werde zu dir kommen, wenn ich fertig bin«, antwortete Gunna und warf dem Patienten einen Seitenblick zu, als wäre er ein unartiger Schuljunge.

Die Schwester nickte und verschwand wortlos. Gunna setzte sich neben das Bett und öffnete ihre Mappe. Sie nahm sich Zeit beim Lesen der Notizen, während der Mann im Bett sie mit versteinerter Miene anstarrte.

»Also gut. Du bist Óskar Óskarsson, richtig? Deine Freunde nennen dich Skari?«, fragte sie, ohne auf eine Antwort zu warten. »Weißt du, wer ich bin?«

»Ein Bulle«, murmelte er mühsam. Er sprach in einem heiseren Bariton, und aufgrund der ausgeschlagenen Zähne lispelte er.

»Ah, du kannst also sprechen. Das ist gut. Ich bin Gunnhildur Gísladóttir. Bis vor wenigen Wochen war ich als Sergeant im Polizeirevier von Hvalvík, und jetzt leite ich das Dezernat für Gewaltverbrechen in Reykjavík. Deine Akte ist bei uns gelandet. Nun gut. Was kannst du mir erzählen?«

Gunna überflog noch einmal ihre Notizen, während Óskar sie trotzig anblitzte.

»Wohnhaft Sundstræti 29, Hvalvík. Dein voller Name lautet Óskar Pétur Óskarsson, verheiratet mit Erla Smáradóttir. Drei Kinder.«

»Fünf.«

»Fünf?«

»Erla hatte schon zwei.«

»Nach dem, was man mir berichtet hat, bist du übel zugerichtet in der Notaufnahme aufgetaucht und hast dich geweigert zu erklären, wie es dazu gekommen ist. Aber jetzt erzählst du mir besser, was passiert ist. Und versuch nicht, mir weiszumachen, du wärst die Treppe runtergefallen.«

»Ich war besoffen. Bekam Streit«, nuschelte Óskar unwillig.

»Du hattest einen Streit? Mit wem?«

»Mit einem Typen.«

»Wer war das? Wo?«

»In Keflavík.«

»Wer war der Mann?«

»Keine Ahnung«, antwortete Óskar langsam. »Ein großer Kerl, ein Pole.«

»Und worüber habt ihr gestritten?«

»Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich war besoffen.«

Gunna warf erneut einen Blick in ihre Unterlagen.

»Im Bericht der Notaufnahme steht nichts von Alkohol.«

»Ich war betrunken«, erwiderte Óskar mit Nachdruck.

»Nein. Warst du nicht. Was soll das Ganze? Wenn hier jemand rumläuft, der Leute derart grausam zusammenschlägt, müssen wir ihn so schnell wie möglich aus dem Verkehr ziehen. Skari, du hast Glück, dass du noch lebst. Du hättest an den Verletzungen sterben können.«

Óskar richtete den Blick auf die Wand hinter Gunna, und sie erkannte die Entschlossenheit in seinen Augen. Das hier würde ein Kampf werden, und wahrscheinlich würde die Geschichte nie zur Gänze rauskommen.

»Hast du in der letzten Zeit mal was vom langen Ommi gehört?«, fragte Gunna unvermittelt. Und während sie mit wenig Hoffnung auf eine Antwort wartete, klopfte die Krankenschwester an die Tür.

»Seid ihr fertig?«, wollte sie wissen. »Ich kann dich nicht zu lange bei ihm lassen. Er ermüdet noch sehr schnell.«

»Ja, eigentlich bin ich fertig«, sagte Gunna und bemerkte den panischen Ausdruck in Óskars ramponiertem Gesicht. »Aber ich komme wieder«, sagte sie und wandte sich dann an die Krankenschwester. »Falls du kurz Zeit hättest, ich würde gerne mit dir reden.«

Die Schwester nickte.

»Ich bin an der Aufnahme.«

»Ich kann auch gleich mitkommen«, meinte Gunna, stand auf und klemmte sich ihre Unterlagen unter den Arm. »Bis bald, Skari. Gute Besserung!«

Der Mann erwiderte gequält ihren Blick, schwieg aber. Mit seiner unversehrten Hand tastete er nach der Fernbedienung, und sein Blick wurde glasig, als der Fernseher zum Leben erwachte.

An der Aufnahme nahmen Gunna und die Schwester auf dem Sofa für wartende Angehörige Platz. Auf dem niedrigen Tisch lagen stapelweise abgegriffene Klatschmagazine in den unterschiedlichsten Sprachen.

»Was kannst du mir über diesen Mann sagen?«

Die Schwester zuckte mit den Schultern.

»Sein Kiefer ist mehrfach gebrochen, und vermutlich wird er nie wieder problemlos essen und sprechen können. Außerdem hat er mehrere gebrochene Rippen, gebrochene Finger an der einen Hand und einige Platzwunden und Blutergüsse im Gesicht und an den Schultern, die aber schnell heilen werden. Meiner Meinung nach hat er Prügel bezogen, und zwar nicht zu knapp. Jemand wollte ihm richtig wehtun.«

Gunna machte sich Notizen.

»Er ist gestern eingeliefert worden?«

»Gegen acht. Aber er wurde nicht eingeliefert, er ist selbst gekommen und dann zusammengebrochen.«

»Hast du eine Ahnung, wer das getan haben könnte?«

»Nein, nicht die geringste.«

»Na schön. Ich brauche deinen Namen fürs Protokoll.«

»Sjöfn Stefánsdóttir.«

»Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt. Bist du schon lange hier?«

»Erst seit wenigen Monaten. Wir sind von Akureyri hergezogen.«

»Aha. Nun denn, willkommen auf der wunderbaren Halbinsel Reykjanes.«

»Danke. Ich wäre lieber im Norden geblieben, aber mein Mann hat hier unten eine Stelle gefunden.«

»Ich komme von den Westfjorden, und ich habe mich hier nie richtig eingelebt. Es regnet die ganze verdammte Zeit, statt richtig zu schneien«, sagte Gunna.

»Ich freue mich nicht gerade auf den nächsten Winter.«

»Wenigstens haben wir noch den ganzen Sommer vor uns. Hier bedeutet Winter nichts anderes, als dass der Regen ein bisschen kälter ist als im Sommer. So, jetzt muss ich wieder los. Ich werde wiederkommen, um unserem Burschen noch ein paar Fragen zu stellen.«

Gunna zog eine Visitenkarte aus ihrer Mappe.

»Ich wäre dir dankbar, wenn du mich anrufst, falls sich hier was tut.«

»Warst du schon fleißig, Helgi?«

»Ja.«

»Dann berichte mal«, forderte Gunna ihn auf. Sie zog ihre Jacke aus und überlegte, ob sie zu elegant gekleidet war. Nachdem sie viele Jahre lang Uniform getragen hatte, fiel ihr die tägliche Entscheidung schwer, was sie anziehen sollte. Die Kostüme, die sie gekauft hatte, waren eigentlich zu schick und eher für formelle Anlässe geeignet. Also wählte sie die bequeme, informelle Kleidung, die sie für gewöhnlich zu Hause trug, oder sie ging einfach in Uniform zur Arbeit. Gunna dachte darüber nach, dass sie sich in ihrer leitenden Position vielleicht etwas sorgfältiger kleiden sollte als ihre Kollegen. Helgi trug immer dieselben Cordhosen und dasselbe Sakko – die Sachen sahen aus, als hätte er sie von einem ältlichen Verwandten geerbt. Eiríkur dagegen, der jüngste Kriminalbeamte, kam ungeniert in Jeans zur Arbeit.

»Also«, begann Helgi und überflog seine Notizen. »Svana Geirs. Ihr bürgerlicher Name lautet Svanhildur Mjöll Sigurgeirsdóttir, geboren in Höfn am 18. Dezember 1976, was bedeutet, dass sie dreiunddreißig ist«, fügte Helgi hinzu und sah zu Gunna rüber.

»In Mathe warst du bei den Klassenbesten, was?«

»Das stimmt«, entgegnete Helgi und ignorierte ihren Sarkasmus einfach. »Der Kriminaltechnik zufolge haben wir eine einzige Wunde am Kopf, außerdem kleinere Verletzungen, die entstanden sind, als das Opfer zu Boden stürzte.«

»Was wir bereits wussten.«

»Richtig. Und ganz zweifellos war die Kopfverletzung die Todesursache, was Miss Cruz uns zweifellos später mitteilen wird, zusammen mit allen Einzelheiten über den Körper der jungen Frau.«

»Wir haben jede Menge Fingerabdrücke und auch einige vollständige Handabdrücke, mindestens ein halbes Dutzend«, fuhr Helgi fort. »Wir werden bald wissen, ob sie mit bereits bekannten Fingerabdrücken übereinstimmen, aber mein Gefühl sagt mir, dass das nicht der Fall sein wird.«

»Wie kommst du darauf?«, fragte Gunna.

»Nur so ein Gefühl«, antwortete Helgi. »Ich denke, dass es kein vorsätzlicher Mord war, sondern Totschlag oder Mord im Affekt. Wer immer es war, ist einfach weggerannt. Daher die offene Tür.«

»Vielleicht hast du recht, Helgi. Kennen wir inzwischen den Todeszeitpunkt?«

»Miss Cruz meint, dass Svana wahrscheinlich bereits drei bis fünf Stunden tot gewesen sein muss, bevor sie gefunden wurde. Vielleicht kann sie den Zeitpunkt noch genauer eingrenzen.«

»Wir sind um fünf Uhr eingetroffen, also können wir davon ausgehen, dass jemand ihr zwischen zwölf und drei den Kopf eingeschlagen hat.«

»Genau.«

»Was konntest du über ihre Lebensumstände herausfinden?«

»Oh, das ist faszinierend. Svana Geirs hat zunächst als Model angefangen, als Teenager war sie mal Miss Südküste. Dann war sie in den Neunzigerjahren Mitglied in einer Popgruppe namens Cowgirls, aber die Band hatte nicht viel Erfolg. Kennst du diese Bands, die übers Land tingeln und überall in Bars auftreten? Erinnerst du dich an den Eurovision Song Contest vor zwölf, vierzehn Jahren? Sie sang den isländischen Beitrag und ist ungefähr Neunzehnte geworden. Himmelweit von der Spitze entfernt, die isländische Band war miserabel, wie eigentlich meistens. Danach hat sie es mit einer Solokarriere und ein bisschen Schauspielerei versucht, ist aber nicht sonderlich weit gekommen. Fünf oder sechs Jahre lang war sie mit ihrer Busen-Hüpf-Show im Fernsehen zu sehen. Damit war es vor drei Jahren vorbei. Seitdem scheint sie nicht mehr viel gemacht zu haben, abgesehen davon, dass sie Teilhaberin an einem Fitness-Club in der Ármúli Straße ist.«

»Welcher Club?«

»Fit Club

»Den kenne ich nicht. Wie hast du das rausgefunden?«

»Ich habe meine Tochter gefragt«, gestand er.

»Ah. Gute Polizeiarbeit, Helgi.«

Er strahlte sie an.

»Ja, nicht wahr? Svanas Eltern sind Sigurgeir Sigurjónsson und Margrét Thorvaldsdóttir, wohnhaft in der Tjarnarbraut 26 in Höfn. Beide leben noch. Sie wurden informiert und sind bereits auf dem Weg hierher. Svana war zweimal verheiratet und hatte jede Menge kurze Beziehungen, meistens mit sportlichen Typen wie Fußballspielern, außerdem mit einigen Geschäftsleuten. Sie war ein gefragtes Mädel, immer in den Zeitungen präsent, obwohl sie nie viel getan hat, soweit ich weiß. Vermutlich einfach, weil sie gut aussah.«

»Wir brauchen Namen von den Leuten, mit denen sie zu tun hatte.«

»Ich kümmere mich darum.« Helgi nickte. »Oh, dieses Apartment und der schicke Jeep draußen gehörten ihr nicht. Beide sind Eigentum einer Firma namens Rigel Investment.«

»Jetzt wird’s interessant. Eiríkur soll das recherchieren. Wo ist er überhaupt?«

»Er kommt später. Er hat angerufen, seine Frau ist krank. Deshalb muss er für etwa eine Stunde die Stellung halten.«

»Ach ja, die Freuden des Elternseins …«

»Du hast gut reden. Das hast du alles schon hinter dir«, meinte Helgi und grinste. Gunna wusste, dass Helgis Leben hektisch war. Eine gescheiterte Ehe lag hinter ihm, aus der er einen Sohn und eine Tochter hatte, die beinahe erwachsen waren. Dann hatte er ein zweites Mal geheiratet und in schneller Folge zwei weitere Kinder bekommen. Sie fragte sich, wie er ein zweites Mal mit den schlaflosen Nächten und dem anstrengenden Leben mit Kleinkindern zurechtkam. Helgi war ständig in Eile und hatte in der Regel immer etwas im Kopf, was mit den Kindern zu tun hatte. In seinem alten Skoda waren dauerhaft zwei Kindersitze auf der Rückbank installiert.

»Allerdings«, erwiderte sie mit Nachdruck. »Und ich lege auch noch keinen Wert auf Enkelkinder.«

»Es gibt doch noch keine Anzeichen dafür, oder?«, fragte Helgi besorgt.

»Ich hoffe doch sehr, dass mein Gísli mehr Verstand hat, zumindest im Moment. Und Laufey geht noch zur Schule. Obwohl das viele auch nicht davon abhält«, ergänzte sie düster. »Nun gut, wenn Eiríkur kommt, kannst du ihm sagen, er soll die Eigentümer von Svana Geirs Apartment und Auto aufspüren? Ihre Eltern sind auf dem Weg, hast du gesagt?«

»Ja, sie fliegen und treffen entweder heute noch oder morgen früh ein.«

»Ich sollte mich besser um sie kümmern. Könntest du bitte versuchen, eine Uhrzeit für ein Treffen mit ihnen zu vereinbaren?«

»In Ordnung«, sagte Helgi. Gunna schlüpfte wieder in ihre Jacke. »Hey, wo willst du hin?«

»Ich muss in der Nähe was erledigen. In einer Stunde bin ich zurück.«

Jón blätterte durch den Stapel Post und legte das, was geschäftlich aussah, nach unten, genauso wie alles, was von einem Anwalt oder einer Bank kommen konnte. Übrig blieb eine einzige Postkarte, auf der man ihm mitteilte, dass die Wartung für seinen Jeep überfällig war.

Da ihm der Jeep nicht mehr gehörte, ließ er die Karte in den Papierkorb fallen. Er überlegte kurz und warf dann die restliche ungeöffnete Post ebenfalls hinein. Es fühlte sich gut an, aber er wusste, dass er die Umschläge später herausholen und doch noch öffnen würde.

Im Haus hallte es. Die Hälfte der Zimmer war schon leer, weil Linda einige Möbel und praktisch den gesamten Inhalt der Küche mitgenommen hatte, außer den Elektrogeräten, die zweifellos früher oder später wieder in Betrieb genommen werden würden.

Manche Tage waren gut, wenn Jón alles mit einem Achselzucken abtun und sich selbst davon überzeugen konnte, dass es ihm nichts mehr ausmachte. Heute war ein schlechter Tag, an dem er im Geiste ständig die Ereignisse Revue passieren ließ, die seine kleine Familie an den Rand des Abgrunds gebracht und zerstört hatten. Aber vor allem war es das Gesicht seines persönlichen Kundenbetreuers bei der Bank mit seiner lächerlichen Gelfrisur, das ihn nicht mehr losließ.

***

Im Café Roma war es ruhig. Die Gäste, die noch vor der Arbeit gekommen waren, hatten sich bereits wieder an ihre Schreibtische verzogen, und die vormittägliche Kaffeepause hatte noch nicht begonnen. Gunna sah amüsiert zu, wie Skúli mit einem Becher Kaffee für sie und einem großen, mit Schaum gekrönten Glas für sich selbst vom Tresen zurückkehrte. Sie saßen am Fenster auf Hockern vor der langen Theke, von wo aus man die Bank gegenüber beobachten konnte. Einige wenige Kunden gingen eilig ihren Geschäften nach, während der Wind fette Regentropfen beinahe waagerecht die Snorrabraut entlangtrieb.

»Wie ist der neue Job?«, erkundigte Skúli sich schüchtern.

»Anders. Und deiner?«

Skúli schnitt eine Grimasse.

»Nicht so toll. Alle warten darauf, dass sie rausgeschmissen werden. Ich habe keine Ahnung, wem die Zeitung jetzt gehört. Der Chefredakteur ist gegangen, um irgend so ein Internet-Unternehmen aufzubauen. Wir nehmen an, er ist gegangen, bevor man ihn rausdrängen konnte.«

»Also läuft es in der Zeitungswelt im Moment nicht besonders gut, was?«

»Es ist nicht … wie soll ich sagen, es ist nicht einfach. Hast du eine Story für mich?«

»Kann sein.«

»Hat es etwas mit Svana Geirs zu tun?«, wollte er wissen.

»Warum fragst du?«

»Es hat sich rumgesprochen, dass sie tot ist. Wir wissen natürlich, dass wir keinen Namen nennen können, solange die Angehörigen nicht informiert worden sind. Aber so etwas lässt sich nicht lange unter Verschluss halten. Die Nachrufe sind schon geschrieben und warten nur auf die Freigabe.«

»Genau genommen habe ich nichts für dich, Skúli. Es ist eher umgekehrt.«

Skúli sah sie erwartungsvoll an.

»Ich bin auf der Suche nach Hintergrundinformationen, eventuell über krumme Geschäfte, unliebsame Freunde oder Bekannte. Ich möchte wissen, mit wem Svana befreundet war, ob sie Feinde hatte. Aber es muss schnell gehen. Die Story gehört dir, wenn ich es beeinflussen kann. Aber ich brauche die Art von Informationen, die ich nicht von ihren Eltern oder Geschäftspartnern bekommen werde.«

»Es gibt Gerüchte, dass dieser Fitness-Club in der Ármúli Straße, an dem sie beteiligt war, kurz vor der Pleite steht. Ich habe keine Ahnung, ob da was dran ist.«

»Weißt du, wer sonst noch daran beteiligt ist?«

Skúli dachte einen Moment lang nach und nahm vorsichtig einen Schluck von seinem kaffeefarbenen Gebräu.

»Agnar Arnalds. Du weißt schon, der Fußballspieler. Sie waren mal zusammen, und ich weiß ganz sicher, dass er an dem Club beteiligt ist oder zumindest war.«

Gunna trank ihren Kaffee aus.

»Du kannst deinen Becher kostenlos nachfüllen«, sagte Skúli.

»Es ist noch zu früh. Sonst muss ich für den Rest des Tages alle fünf Minuten pinkeln«, antwortete Gunna und beobachtete interessiert, wie Skúlis Ohren zu glühen begannen. »Ich muss jetzt wirklich zurück an die Arbeit. Sagst du mir Bescheid, wenn du auf etwas stößt, was nicht schon jeder weiß?«

Skúli nickte und wischte sich den Schaum von der Oberlippe.

»Ich hör mich mal um.«

»Sehr schön. Bis später, und danke für den Kaffee«, sagte Gunna und musste all ihre Kraft aufbringen, um die Türe zu öffnen, gegen die der heftige Wind drückte.

Eiríkur stand unten neben der Tür zum Parkplatz und hatte es nicht eilig, nach einer kurzen Zigarettenpause ins Büro zurückzukehren.

»Sie sind da.«

»Wer ist da?«, fragte Gunna und stieg mit Eiríkur im Schlepptau die Treppen hinauf.

»Svana Geirs Familie.«

»Ihre Familie? Jetzt schon?«

»Die ganze Mannschaft. Mama, Papa und kleiner Bruder.«

Gunna lehnte sich mit der Schulter an die Tür, um sie aufzuschieben, aber Eiríkur kam ihr zuvor.

»Und wie geht es ihnen?«

»Sie sind aufgewühlt und verstört. Ich dachte, sie würden einen Flug nehmen, aber offensichtlich sind sie mit dem Auto gekommen.«

»Von Höfn? Mein lieber Schwan. Wo sind sie jetzt?«

»Im Verhörraum. Das wird nicht angenehm«, kommentierte Eiríkur.

Gunna nahm den Ordner mit den Unterlagen von ihrem Schreibtisch und ging in Richtung Verhörraum.

»He, du kommst mit, Eiríkur, okay!«, rief sie, als er Anstalten machte, sich hinter seinem Schreibtisch niederzulassen. Gunna registrierte seinen gequälten Gesichtsausdruck und wusste ganz genau, wie er sich fühlte. Der Umgang mit geschockten und trauernden Angehörigen war etwas, an das sie sich auch nie gewöhnen würde.

Drei Personen saßen zusammengedrängt um den Tisch: Ein älterer, beleibter Mann mit gerötetem Gesicht, der düster vor sich hinblickte. Eine kleine Frau mit verkniffener Miene und dünnen Lippen, deren Mantel immer noch bis zum Hals zugeknöpft war. Und ein jüngerer Mann mit finsterem Blick, er hatte die Beine lang vor sich ausgestreckt.

»Guten Morgen«, begrüßte Gunna die Familie und versuchte, den richtigen Ton zu finden, die angemessene Mischung aus Mitgefühl und Sachlichkeit. »Mein Name ist Gunnhildur Gísladóttir, und ich leite diese Abteilung.«

»Guten Tag«, sagte der ältere Mann mit ausgesprochen tiefer Stimme und schob seinen Stuhl zurück, um aufzustehen und Gunna eine fleischige Hand entgegenzustrecken. »Sigurgeir Sigurjónsson. Das sind meine Frau Margrét und unser Sohn Högni.«

Gunna befreite ihre Hand aus Sigurgeirs Griff und setzte sich mit geradem Rücken der Familie gegenüber. Da alle Stühle belegt waren, stellte Eiríkur sich hinter Gunna.

»Das ist Eiríkur Thór Jónsson, er ist ebenfalls mit diesem Fall befasst. Ich möchte euch mein tiefes Beileid aussprechen. Ich weiß, dass das alles extrem schwer für euch ist, aber es gibt viele Fragen, die wir euch stellen müssen. Deshalb bitten wir um Nachsicht, wenn wir …«

»Scheiße! Wer zum Teufel hat das getan?«, fragte Högni heftig und erhob sich von seinem Stuhl. »Sagt es mir, und dann kümmere ich mich auf meine Art um den Kerl«, knurrte er wütend. Seine geballte Faust war kaum weniger eindrucksvoll als die seines Vaters, und er hätte sie am liebsten sofort eingesetzt.

»Bisher gibt es noch keine Verdächtigen. Die Ermittlungen befinden sich in einem sehr frühen Stadium. Es ist sehr wichtig, dass …«

»Was zum Teufel soll das heißen? Ihr wisst noch nicht, wer es getan hat?«, rief Högni empört.

»Bleib ruhig, Junge«, schaltete sich sein Vater ein. »Sie macht nur ihren Job. Setz dich hin und halte den Mund, ja?«

Högni sackte auf seinem Stuhl zusammen und bewegte tonlos die Lippen. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet.

»Hattet ihr häufig Kontakt mit Svana?«, fragte Gunna. Sie war entschlossen, das Gespräch wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen.

»Sie hat manchmal angerufen. Nicht sehr oft«, antwortete Sigurgeir.

»Gab es Anzeichen dafür, dass sie sich Sorgen machte oder sich möglicherweise bedroht fühlte?«

Sigurgeir zuckte mit den Schultern. Zum ersten Mal sprach Margrét. Ihre Stimme klang so trocken wie welke Blätter.

»Svanhildur Mjöll ist ausgezogen, als sie siebzehn war, und seitdem ist sie nur rund ein halbes Dutzend Mal zu Besuch gekommen. Wir haben sie nicht oft gesehen«, flüsterte sie. Gunna fiel auf, dass sie die unhandlichen Taufnamen benutzte, die Svana zusammen mit ihrem weit entfernten Heimatort hinter sich gelassen hatte. »Högni hat seine Schwester öfter gesehen.«

»Wann habt ihr zuletzt von ihr gehört?«

»An Weihnachten. Sie rief uns von einem Hotel in Spanien aus an«, sagte Sigurgeir und hustete heftig.

»Und du, Högni?« Gunna blickte den Sohn an.

»Ich habe mich letzte Woche mit ihr getroffen. Es ging ihr offensichtlich gut.«

»Ist dir irgendetwas Ungewöhnliches an ihrem Verhalten aufgefallen?«

»Nein«, erwiderte er und sah Gunna in die Augen. Sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig, was bedeutete, dass er etwa zehn gewesen war, als seine große Schwester ihr Elternhaus verlassen hatte.

»War sie wie immer? Schien sie sich über irgendwas Sorgen zu machen?«

»Sie war in Ordnung.«

»Weißt du, wie lange sie in diesem Apartment gewohnt hat?«

Högni zuckte auf genau die gleiche Art und Weise mit den Schultern wie sein Vater.

»Eine ganze Weile.«

»Einen Monat? Ein Jahr?«

»Seit irgendwann vor Weihnachten, glaube ich.«

Gunna kam hier offensichtlich nicht weiter.

»Wir tun alles, um nachzuvollziehen, was Svana gemacht und wo sie sich aufgehalten hat, aber ohne Terminkalender, Handy oder Sonstiges haben wir da keine Chance. Es wäre sehr hilfreich, wenn ihr uns Auskunft über gute Freunde von ihr geben könntet.«

Sigurgeir und Margrét erwiderten Gunnas Blick ausdruckslos.

»Svanhildur Mjöll hatte keinen Kontakt mehr zu ihren Freunden aus der Kindheit, nachdem sie in den Süden gezogen war«, erklärte Margrét. »Sie hatte mit ihrer Heimat abgeschlossen. Wenn wir nicht dort leben würden, hätte sie nie wieder einen Fuß in diesen Ort gesetzt. Sie kehrte gelegentlich an Weihnachten oder zu Beerdigungen zurück. Das war alles.«

Margrét wirkte beherrscht und gelassen, im Gegensatz zu ihrem Mann und ihrem Sohn, die beide wütend und voller Trauer waren. Gunna vermutete, dass Margrét ihre Trauer um ihr verlorenes Kind schon lange abgeschlossen hatte.

»Wisst ihr etwas über ihre finanziellen Verhältnisse? Wir wissen, dass sie an einem Fitness-Club beteiligt war. Habt ihr Informationen über andere geschäftliche Aktivitäten?«

»Sie hat es sich anscheinend gut gehen lassen«, meinte Sigurgeir. »Hat sich eine hübsche Wohnung gekauft und so.«

Gunna überlegte, ob sie erwähnen sollte, dass die Wohnung und das Auto einer Firma gehörten, entschied sich jedoch dagegen.

»Was wisst ihr über Freunde, Bekannte, Geschäftspartner?«

»Keine Ahnung, nichts«, erwiderte Högni und senkte den Blick.

»Svana war verheiratet, nicht wahr?«

»Ja, zweimal«, sagte Margrét und schürzte die Lippen. »Ihr erster Mann war ein ganz netter Junge, aber das Ganze dauerte nur etwa fünf Minuten. Den anderen Ehemann haben wir nie kennengelernt. Die zweite Ehe hat auch nicht lange gehalten.«

»Wir müssen die beiden ebenfalls befragen. Wie heißen sie?«

»Der Erste war Sigmundur Björnsson. Den anderen kannten wir vom Hörensagen unter dem Namen Bjarni, er soll ein Sportler sein.«

»Bjarni Örn Árnason, der Gewichtheber«, warf Högni ein.

Gunna hörte, dass Eiríkur hinter ihr sich die Namen notierte.

»Wann wird die, äh … freigegeben, äh … Ich meine, wann können wir sie zurückhaben?«, fragte Sigurgeir unsicher. »Wo ist sie jetzt?«

»Im Nationalkrankenhaus. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis Svanhildur freigegeben wird«, antwortete Gunna entschuldigend. »Ich werde später in Erfahrung bringen, wie der Stand ist und euch dann Bescheid geben. Wo übernachtet ihr, solange ihr hier seid?«

»Bei meiner Tante in Kópavogur«, sagte Margrét leise. »Álfhólsvegur 202.«

»Vielen Dank für eure Kooperation«, sagte Gunna und stand auf. Die drei auf der anderen Seite des Tischs folgten ihrem Beispiel. »Wir wissen es zu schätzen, dass ihr so schnell gekommen seid. Könnt ihr bitte meinem Kollegen eine Telefonnummer geben, unter der wir euch erreichen können? Er wird euch dann hinausbegleiten. Ich setze mich mit euch in Verbindung, sobald ich neue Informationen habe. Wahrscheinlich werden noch weitere Fragen auftauchen.«

Sigurgeir nickte. Seine Schultern waren gebeugt, als hätte er eine große Bürde zu tragen, während Margrét sich kerzengerade hielt. Högni dagegen wirkte wie eine Kopie seines Vaters. Gunna überließ es Eiríkur, die Familie auf den Parkplatz hinter dem Gebäude zu begleiten, und kehrte in ihr Büro zurück. Sie dachte darüber nach, wie wenig die Eltern über das Leben ihrer Tochter wussten, seit sie ihre Vergangenheit hinter sich gelassen hatte. Bei dem jungen Mann war das anders. Die Art, wie Högni den Blick senkte, verriet ihr, dass er mehr wusste oder vermutete, als er preisgeben wollte, zumindest vor seinen Eltern.

Es war schon spät am Tag, als Gunna sich auf ihren ehemaligen Bürostuhl sinken ließ und ihre Unterlagen auf den leeren Schreibtisch legte.

»Haddi!«

Stille antwortete ihr, und sie fluchte leise vor sich hin, bis das ferne Geräusch einer Wasserspülung ihr sagte, dass sie sich nicht allein im Polizeirevier von Hvalvík befand. Haddi tauchte auf, unter dem Arm die aktuelle Ausgabe des Dagurinn.

»Hast du gerufen, Gunna? Hast du beschlossen, an deinen alten Arbeitsplatz zurückzukehren?«

»In der Tat. Lass dich nieder und erzähl mir alles, was du weißt. Aber erst, wenn wir Kaffee haben«, wies sie ihn an.

Haddi schlurfte hinaus, kehrte mit zwei Bechern Kaffee zurück und machte es sich auf dem zweiten Stuhl bequem. Unter Missachtung von Gesetz und Vorschriften öffnete Gunna das Fenster und zündete sich unerlaubterweise eine Prince an, die sie in einer fast leeren Schachtel in ihrem ehemaligen Schreibtisch gefunden hatte. Haddi stopfte sich umständlich eine Pfeife.

»Also, was willst du wissen?«

»Erzähl mir was über Óskar Pétur Óskarsson.«

»Über wen?«

»Über den Burschen, dem sie letztes Wochenende den Kiefer zertrümmert haben.«

»Oh, du meinst Skari Bubba. Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Er war als Jugendlicher ein unartiger Junge. Anscheinend ist er solide geworden, seit er mit Wie-heißt-sie-noch-gleich zusammen ist.«

»Er ist am 15. April 1977 in Keflavík geboren«, las Gunna vor. »Seine Eltern sind Óskar Kjartansson und Fanney Ágústsdóttir, und er hat noch ältere Geschwister. Er ist vorbestraft wegen Einbruch, Autodiebstahl, Körperverletzung, Drogenkonsum und Randale unter Alkoholeinfluss. Die Liste geht noch weiter. Nach 2001 kommt nichts mehr. Warum wird er Skari Bubba genannt?«

In Haddis Pfeife brodelte es.

»Nun, es wird erzählt, dass sein Dad, der alte Skari, gar nicht sein Vater ist. Kennst du Bubbi, den Burschen, der die Tankstelle beim Hafnarkaffi führt? Man munkelt, dass die alte Fanney in einem Sommer eine Affäre mit ihm gehabt haben soll, während der alte Mann Garnelen fischte. Im darauffolgenden Frühling kam der kleine Skari auf die Welt. Aber der alte Skari hat nie eins und eins zusammengezählt. Er ist ein anständiger Kerl, auch wenn er nicht der Hellste ist.«

»Schön und gut, damit hätten wir die Abstammung des Mannes geklärt. Was gibt es sonst noch?«

»Skari hat Hvalvík etwa zu der Zeit verlassen, als du hergekommen bist. Er ging für eine Weile nach Reykjavík und steckte einige Jahre ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten. Dann hat er vermutlich diese Frau getroffen, mit der er zusammenlebt, und sie muss ihn wieder auf Spur gebracht haben. Jedenfalls haben sie ein paar Kinder, und vor ungefähr einem Jahr sind sie hier aufgetaucht. Er arbeitet drüben in Keflavík in einem Lager, und sie läuft mit einem Kinderwagen voller Kinder herum. Du hast sie bestimmt schon mal gesehen, sie ist ein rundliches Mädel mit einem Wuschelkopf.«

»Wohnen sie in dem kleinen Haus in der Nähe von Jón Kidda?«

»Ganz genau. Es war das Haus seiner Großmutter. Sie muss es ihm hinterlassen haben, als sie starb, und vermutlich sind sie deshalb hierhergezogen.«

»Gut. Was kannst du mir über die Zeit erzählen, bevor seine Freundin ihn auf die richtige Bahn zurückgebracht hat?«

Haddi zog die Luft durch die Zähne.

»Er war ein richtiger Rabauke, zusammen mit diesem verdammten Ommi hat er jede Menge Chaos angerichtet.«

»Du meinst den langen Ommi?«

»Ja. Der älteste Sohn von Gulla von der Post.«

»Derjenige, der aus dem Knast von Kvíabryggja getürmt ist?«

»Und seitdem nicht mehr gesehen wurde«, ergänzte Haddi. »Er wurde 2001 wegen Mordes eingesperrt, er hat einen Typen vor einem Nachtclub totgeschlagen. Das wird jedenfalls behauptet.«

Gunna zog eine Augenbraue hoch.

»Und was wird noch so geredet?«

Haddi hustete und räusperte sich ausgiebig.

»Naja, man munkelt, dass er es gar nicht gewesen ist. Der linke Hund, für den er zu jener Zeit Botengänge erledigte, war derjenige, der die Kontrolle verloren und den schmutzigen Job erledigt hat, während Ommi den Kopf dafür hinhalten musste.«

»Wir haben den falschen Mann eingebuchtet?«

»Sozusagen. Ommi hat ein Geständnis abgelegt. Aber nach dem, was ich gehört habe, ganz im Vertrauen natürlich, hat man ihm ein großzügiges Angebot gemacht. Er sitzt die Zeit ab, und als Gegenleistung bekommt er am Ende ein anständiges Sümmchen. Er war es ja schon gewöhnt, im Knast zu sein. Litla-Hraun muss schon beinahe sein zweites Zuhause gewesen sein, und nach der Verlegung nach Kvíabryggja muss er sich wie im Ferienlager gefühlt haben.«

»Haben Ommi und Skari sich irgendwann zerstritten?«

»Darüber weiß ich nichts, sie sind beide vor so vielen Jahren weggegangen, bis Skari zurückkam und sich wie ein braver Bursche wieder hier niederließ.«

»Seit wann kennen sich diese beiden Idioten?«

»Schon seit dem Kindergarten, sie sind in derselben Straße aufgewachsen und hingen miteinander rum, seit sie laufen konnten. Sie waren richtige Unruhestifter, ich habe meine ersten Jahre bei der Polizei damit verbracht, ihnen eins auf die Rübe zu geben – auch wenn es nicht viel gebracht hat.«

»Das klingt ganz so, als müsste ich Skari noch ein paar Fragen stellen.«

Haddi zuckte mit den Schultern.

»Lieber du als ich. Ich habe für den Rest meines Lebens genug mit diesen Mistkerlen zu tun gehabt.«

Gunna nickte abwesend. Die Atmosphäre war anders, und es fühlte sich ausgesprochen seltsam an, in ihrem alten Büro zu sein. Der Ort war ihr nicht mehr so vertraut, obwohl sie erst seit wenigen Wochen in Reykjavík arbeitete und immer noch täglich am Polizeirevier Hvalvík vorbeifuhr.

»Du weißt, dass ich noch nicht ganz weg bin, oder, Haddi?«

»Wie meinst du das?«

»Du solltest wissen, dass ich nur vorübergehend in diese neue Abteilung versetzt worden bin. Ívar Laxdal nennt es eine vorläufig feste Anstellung, was auch immer das heißen soll.«

Haddi lachte keuchend.

»Vermutlich heißt es, dass du den Job hast, solange du ein braves Mädchen bist, und wenn du Mist baust, können sie dich mit einem Tritt in den Hintern zu uns zurückschicken.«

»Wahrscheinlich, und es bedeutet, dass Keflavík immer noch mein gewaltiges Gehalt zahlt. Ich dachte, vielleicht befördern sie dich zum Sergeant. Ich habe es vorgeschlagen, weißt du«, fügte sie hinzu.

Haddi sah sie überrascht an.

»Das ist nett von dir, aber ich bin zu alt und schon darüber hinaus. Vielleicht wäre das stattdessen was für den jungen Snorri.« Er grinste schlitzohrig.

»Ich fürchte nicht, Haddi. Wir werden noch eine ganze Weile mit dem Einstellungsstopp leben müssen, und das bedeutet, dass es auch kaum Beförderungen geben wird, da sie mit einer Gehaltserhöhung verbunden sind. Meine Beförderung zum Inspektor muss offensichtlich auch erst noch abgesegnet werden. In der Zwischenzeit bekomme ich weiter das Gehalt eines Sergeants.«

3. KAPITEL

Samstag, der Dreizehnte

Gunna wartete vor dem Supermarkt. Endlich kam die ältere Frau heraus, auf die sie wartete. Sie war die erste Kundin an diesem Tag und trug eine dicke Jacke im Fischgrätmuster, die zuletzt vor vierzig Jahren in Mode gewesen, aber so strapazierfähig war, dass sie bis jetzt überdauert hatte. Fanneys Haare waren unter einem Schultertuch verborgen, dessen Enden in der steifen Brise flatterten, als sie vor die Tür trat.

»Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?«, fragte Gunna und nickte in Richtung der Taschen, die die Frau in den Händen hielt.

»Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, aber wenn du mir eine anbietest, nehme ich gerne an«, antwortete sie und blickte sich um, ob jemand sie sah.

Sie saß schweigend und sehr aufrecht im Wagen, als wäre eine Autofahrt ein seltenes Vergnügen, das man auskosten musste.

»Vermutlich willst du jetzt mit reinkommen, ja?«, fragte sie ergeben, als Gunna vor dem Reihenhaus anhielt, das eine Querstraße höher als die Hafenstraße lag.

Gunna saß geduldig am Küchentisch, während Fanney Kaffee aufbrühte und gleichzeitig ihre Einkaufstaschen ausräumte. Die Küche des kleinen Hauses erinnerte sie an ein Museum, so wenig hatte sich in den letzten dreißig Jahren verändert – angefangen bei dem vorsintflutlichen Kühlschrank bis hin zu dem altertümlichen Metallkessel auf dem Herd.

»Wie war Skari als Junge?«, fragte Gunna freundlich.

Fanney nahm das Schultertuch ab und stellte klappernd Tassen auf den Tisch.

»Er hat nichts als Ärger gemacht, dieser Junge, von Geburt an«, erwiderte sie ungehalten. »Ich weiß nicht, was jetzt schon wieder los war, aber er wird einige Monate lang nicht arbeiten können. Immer in Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, wie Erla das aushält.«

Sie schenkte ihnen beiden Kaffee ein und griff nach der Milchtüte.

»Er ist kein schlechter Junge, verstehst du«, fuhr sie fort. »Überhaupt kein schlechter Junge. Aber er ist leicht beeinflussbar, richtet sich nach anderen, das war schon immer so. Er will dazugehören. Wäre Gullas Junge nicht gewesen, du weißt schon, der im Gefängnis, wäre alles gut gelaufen. Aber nein, mein Óskar musste alles tun, was Ómar ihm einredete. Als er mit Erla zusammenkam, dachte ich, dass er sich zu viel aufhalst. Schließlich hatte sie schon zwei Kinder und ist älter als er, aber in der Hinsicht habe ich mich getäuscht. Sie sind anscheinend glücklich miteinander.«

Wieder seufzte sie und machte eine Pause, um Luft zu holen.

»Hast du ihn schon in Keflavík besucht?«

»Nein«, sagte Fanney bitter. »Erla ist jeden Tag dort, aber sie ist bislang noch nicht auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich meinen Sohn auch besuchen will.«

»Nun, ich muss morgen nach Keflavík und kann dich beim Krankenhaus absetzen, wenn du möchtest.«

Gunna sah, dass Fanney einen inneren Kampf zwischen Stolz und Zorn ausfocht.

»Ich will dir nicht zur Last fallen«, entgegnete sie eisig.

»Wie ich schon gesagt habe, ich muss ohnehin hinfahren, und ich gehe auch ins Krankenhaus. Also ist es überhaupt kein Problem.«

»Danke.«

»Ich hole dich um zehn ab.«

Fanney nahm die Kaffeekanne und schenkte Kaffee nach.

»Was kannst du mir über Ómar Magnússon erzählen?«

Diesmal wurde Fanneys Gesichtsausdruck hart.

»Er ist ein schlechter Junge. Er macht nichts als Ärger, wo er geht und steht«, sagte sie fröstelnd. »Mein Skari und er waren als Kinder enge Freunde, und dieses Arschloch hatte nichts Besseres zu tun als zu stehlen, zu lügen und sich zu prügeln. Er hat meinen Jungen an der Nase herumgeführt, das hat er, und ihn in alles mit hineingezogen. Er hat die Fischmehlfabrik angezündet, wegen einer Wette, und das hat ein Dutzend Männer ihre Jobs gekostet. Dann hat er Autos gestohlen und ständig davon geredet, wie man Schlösser knackt und in Häuser einbricht. Was ich dir da noch alles erzählen könnte …«

Fanney verstummte.

»Bitte fahr fort«, bat Gunna.

»Du glaubst doch nicht, er hat etwas damit zu tun, dass mein Skari so schlimm zugerichtet wurde?«

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Gunna. »Ich versuche bloß, mir ein Bild von den beiden Jungs zu machen. Ich bin ungefähr zu der Zeit nach Hvalvík gezogen, als die beiden den Ort verlassen haben. Ich kenne die beiden einfach nicht gut genug.«

»Du bist schon so lange hier, dass die Leute fast vergessen haben, dass du nicht von hier stammst.« Sie setzte sich auf dem unbequemen Stuhl noch aufrechter hin. Gunna empfand einen Anflug von Stolz, auch wenn Fanney wahrscheinlich gar nicht bewusst war, dass sie ihr ein Kompliment gemacht hatte.

»Ómar und mein Óskar haben sich als Jungen miteinander rumgetrieben, und vermutlich waren sie auch schlimmer als andere, aber Óskar war nie wirklich ein schlechter Mensch. Er war nur übermütig. Aber dieser Ómar ist ein ganz übler Typ. Sie haben sich in Reykjavík wiedergetroffen, aber sein Vater und ich haben nie erfahren, was sie dort angestellt haben.«

»Hat er es euch nicht erzählt?«

»Nein, und wir haben auch nicht gefragt. Wenn er nichts erzählen wollte, dann war das seine Sache.« Sie rümpfte die Nase. »Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass Ómar nichts Gutes im Schilde geführt hat. Er war immer schon ein niederträchtiger kleiner Mistkerl.«

***

»Oh, hast du doch noch beschlossen, dich zu uns zu gesellen, Chefin?«, fragte Helgi. Die Brille saß auf seiner Nasenspitze, und den Telefonhörer hatte er sich zwischen Schulter und Ohr geklemmt.

»Ich dachte, ich schau mal vorbei«, antwortete Gunna. »Wo steckt Eiríkur? Es ist Zeit, dass wir uns mal zusammensetzen.«

»Hier, Chefin«, sagte Eiríkur heiter und erhob sich hinter der Trennwand.

»Also gut, meine Herren, dann kommt mal her.«

Helgi blieb, wo er war, und Eiríkur brachte einen Stuhl mit, um sich neben ihn zu setzen. Gunna zog ihren Anorak aus und öffnete ihre Aktenmappe.

»So. Was gibt es Neues über Svana Geirs? Eiríkur?«

»Ich sichte alle Informationen, die bei den Befragungen in der Nachbarschaft gesammelt wurden. An dem Nachmittag war viel los, und da die Tankstelle und die Bäckerei in der Nähe sind, war da jede Menge Verkehr. Daher haben viele ausgesagt, dass sie verdächtige Personen gesehen hätten. Das Problem ist, dass wir nicht die geringste Ahnung haben, ob wir einen Mann oder eine Frau suchen, und deshalb noch niemanden ausschließen konnten.«

»Also gibt es jede Menge Verdächtige?«

»Viel zu viele. Dutzende Personenbeschreibungen, ich wette, dass die meisten einfach nur in der Bäckerei eingekauft haben.«

»Gibt es Überwachungskameras in der Nähe?«

»Nicht direkt. Eine Kamera ist vor einer Anwaltskanzlei in einer Sackgasse gleich um die Ecke installiert. Ich habe mir die Aufzeichnungen angesehen, aber darauf ist nichts Interessantes auszumachen. Die Tankstelle hat eine Videoüberwachung, die ich gerade durchgehe.«

»Wie sieht es mit den Fingerabdrücken aus der Wohnung aus?«

»Es gab ziemlich viele, die Kriminaltechnik arbeitet noch daran. Sie haben dort momentan viel zu tun.«

Gunna trommelte mit den Fingernägeln auf die Tischplatte.

»Du musst sie vielleicht ein bisschen aufscheuchen, wenn sie nicht in die Gänge kommen«, sagte sie. Eiríkur sah zweifelnd aus.

»Das möchte ich lieber nicht. Ich weiß, dass sie tun, was sie können. Sie haben einfach zu wenige Leute.«

»Haben wir das nicht alle? Gibt es Neuigkeiten von unserem Chef?«, fragte sie dann.

Örlygur Sveinsson, ihr Vorgesetzter und Chef der Abteilung, war noch nicht wieder aufgetaucht, seit er für einen längeren Zeitraum krankgeschrieben worden war. Sie alle kannten ihn nur vom Hörensagen.

»Wahrscheinlich liegt er auf dem Sofa, lässt sich von vorne bis hinten bedienen und sieht sich Police Academy 1 bis 7 an«, kicherte Helgi. Sie wussten alle, dass erzwungenes Fernsehen für einen Mann, der lieber Golf spielen wollte, schon fast an Folter grenzte.

»Schön, dann müssen wir eben ran, wie üblich. Der Mann, der die Alarmanlage in Svana Geirs Wohnung installiert hat, kommt heute Morgen vorbei. Außerdem müssen wir damit anfangen, Freunde und Bekannte zu befragen. Haben wir eine Liste, mit der wir beginnen können?«

Helgi legte ein Blatt Papier auf den Tisch, das dicht beschrieben war mit Namen, Adressen und Telefonnummern sowie Hinweisen zu der Beziehung, in der die betreffende Person zu der Verstorbenen gestanden hatte.

»Das teilen wir unter uns auf«, beschloss Gunna. »Jetzt zum langen Ommi. Ist unser entflohener Häftling irgendwo gesehen worden, Helgi?«

»Verzeihung, Chefin, brauchst du mich noch?«, fragte Eiríkur, noch bevor Helgi auf die Frage antworten konnte.

»Nicht direkt, aber du könntest einfach zuhören, nur für den Fall, dass Helgi beschließt, in Urlaub zu fahren, und du seine Aufgaben übernehmen musst. Fahr fort, Helgi.«

»Nichts«, sagte Helgi missmutig. »Aber ein preisgekrönter Idiot namens Kristbjörn Hrafnsson, auch bekannt als der doofe Diddi, ist am Mittwochmorgen in die Notaufnahme des Nationalkrankenhauses eingeliefert worden. Er hatte eine dicke Lippe, eine Nierenquetschung sowie diverse Platzwunden und Abschürfungen. Wenn wir Óskar Óskarsson im Krankenhaus in Keflavík dazurechnen, können wir von zwei Personen ausgehen, die den langen Ommi gesehen haben. Der Mistkerl hätte genauso gut eine Notiz hinterlassen können: Ommi war hier

»In Ordnung. Ich hatte bisher das Glück, diesem ganz besonderen Sonnenschein noch nicht begegnen zu müssen. Ich habe sowohl mit Skari als auch mit seiner Mutter gesprochen. Die alte Dame hasst Ommi leidenschaftlich, und Skari selbst schweigt. Was sollen wir damit anfangen?«

Helgi hob die Hände.

»Wenn er die Klappe halten will, ist das sein gutes Recht. Aber bei so schwerwiegenden Verletzungen muss es einen verdammt guten Grund geben, …«

»… den wir aus irgendjemandem herauskitzeln müssen«, beendete Gunna den Gedanken für ihn. »Gut, Jungs. Ich habe in zehn Minuten eine Verabredung in Svana Geirs Apartment. Treffen wir uns zum Mittagessen in der Kantine?«

***

Die Frau, mit der er fünfzehn Jahre lang zusammengelebt hatte, sah ihn von der Tür ihres Elternhauses aus ausdruckslos an. Jón hätte sie so gerne umarmt und einfach mitgenommen – auch wenn er nicht wusste, wohin. Das Haus war quasi leer. Fast alles, was man verkaufen konnte, war weg. Selbst der Wohnzimmerteppich war gegen ein paar Tankfüllungen eingetauscht worden.

»Bring sie spätestens um acht zurück, ja?«, sagte Linda so neutral sie konnte. Trotzdem hatte ihre Stimme in Jóns Ohren einen scharfen Unterton. Er nickte nur, als seine Tochter die Stufen hinunterhüpfte und ihn an der Hand nahm. Begriff diese verdammte Frau nicht, dass jedes harte Wort wie ein Schlag ins Gesicht war?

Linda beobachtete mit verschränkten Armen, wie Jón seine Tochter Ragna Gústa sorgfältig auf dem Vordersitz anschnallte. Das kleine Mädchen winkte seiner Mutter fröhlich zu. Linda stellte fest, dass sie zwar in der Lage war, das Winken zu erwidern, aber zu einem Lächeln reichte es nicht.

»Wohin fahren wir, Daddy? Zu unserem Haus?«

»Ich weiß es noch nicht, Schätzchen. Ich dachte, wir könnten zur Abwechslung mal zu deiner Oma fahren. Wie hört sich das an?«

»Gut«, antwortete sie, nachdem sie den Vorschlag sorgfältig geprüft hatte.

Jón lenkte den Lieferwagen auf die Hauptstraße, und das Werkzeug hinten im Wagen klirrte.

»Das gefällt mir.«

»Was denn, Liebes?«

»Ich fahre gerne in deinem Arbeitsauto. Es ist mehr lustig als in deinem anderen Auto.«

»Nicht mehr lustig. Lustiger …«

»Ist doch egal. Das Auto ist größer, und es riecht anders.«

Inzwischen fuhr er nur noch in dem Lieferwagen, aber das sagte Jón ihr nicht. Er wusste nicht, wie er ihr erklären sollte, dass ihm sein Jeep schon seit einem Monat nicht mehr gehörte.

Gunna hatte sich schnell wieder daran gewöhnt, in der Kantine zu essen. Während ihrer Zeit bei der Polizei in Reykjavík war die Kantine für sie eine feste Einrichtung gewesen, wo sich alle Polizisten täglich getroffen hatten.

Sie lud sich zwei Lammkoteletts auf ihren Teller, fügte eine Kartoffel und ein wenig Salat hinzu und verzichtete auf die Soße. Dann trug sie ihr Tablett zu Eiríkur hinüber, der vor seinem leer gegessenen Teller saß und Kaffee trank.

»Das kommt davon, wenn man zu spät ist«, sagte sie und schob die Kartoffel zur Seite, die offensichtlich bereits kalt gewesen war.

»In Svana Geirs Wohnung gab es kein Telefon, oder, Chefin?«, fragte Eiríkur.

»Nein, ich glaube nicht.«

»Das ist es, was fehlt. Kein Telefon. Jemand wie Svana Geirs muss ein Handy oder ein Blackberry gehabt haben. Es kann gar nicht anders sein – jeder hat heutzutage so ein Ding. Sogar mein Dad hat ein Handy, und er ist der altmodischste Mensch auf der Welt.«

Eiríkur erwähnte seine Eltern nur selten, aber Gunna wusste, dass sein Vater Pfarrer war und Eiríkur mehrere bedeutend ältere Geschwister hatte. Manchmal wunderte sie sich, wie seine Eltern es akzeptierten konnten, dass er mit seiner Freundin ein kleines Kind hatte, aber nicht verheiratet war.

»Das mit dem Handy ist ein wichtiger Gedanke«, sagte Gunna.

»Sie muss ein Handy gehabt haben. Wenn die Leute heutzutage einen Festnetzanschluss haben, ist der normalerweise nur für den Internetzugang. Außerdem läuft in der heutigen Zeit nichts mehr ohne Mobiltelefon. Wo also ist Svanas Handy?«

»Hast du eine Nummer von ihr?«

»Nein. Aber ich fange heute Mittag an, ihre Freunde zu befragen, und da bekomme ich bestimmt was raus. Wenn wir das Telefon finden würden, hätten wir Zugriff auf jede Menge Informationen darüber, wo sie an dem Tag war.«

»Dann mach mal. Lass mich wissen, was du herausfindest«, sagte sie und schob ihren Teller zur Seite. Sie hatte ein Kotelett und fast den ganzen Salat gegessen.

***

»Mein Gott! Direkt nebenan!«

Svana Geirs Nachbarin war allein zu Hause und freute sich anscheinend über den Besuch, als Gunna und Eiríkur bei ihr klingelten. Sie war eine winzige, puppenhafte Frau, die sich sehr modebewusst und lässig kleidete.

»Ich meine … Svana. Es ist …« Sie verhaspelte sich, suchte nach den richtigen Worten und gab es schließlich auf. Stattdessen machte sie eine verzweifelte Handbewegung.

»Es muss ein Schock für dich gewesen sein«, sagte Gunna.

»Meine Güte! Natürlich! Ich weiß, dass wir hier im Zentrum von Reykjavík wohnen, und man damit rechnen muss, dass … äh …«

»Dass es manchmal Randale gibt?«, beendete Gunna den Satz für sie.

»Ja. Randale und dass es lebhaft zugeht. So ist es. Aber mein Gott.« Sie ließ sich auf ein Plüschsofa sinken. Gunna entschied sich für einen der Stühle, die um einen langen Esstisch gruppiert waren. Der Raum war makellos sauber und absolut ordentlich. Gunna sah sich mit geschultem Blick um, alles war vom Feinsten, angefangen bei den minimalistischen Gemälden an der Wand bis hin zu den schweren Dekorationsstücken aus Kristall und dem riesigen Fernsehbildschirm, der eine Wand des Raumes einnahm. Sie legte ihre Unterlagen vor sich auf den Tisch und schlug den Ordner auf.

»Also gut. Bist du Arna Arnarsdóttir?«

»Die bin ich«, antwortete sie leicht affektiert.

»Mein Kollege Eiríkur Thór.« Gunna warf ihm einen Blick zu. Er war halb im Sofa versunken. »Mein Kollege hat gestern schon mit dir gesprochen, und du hast uns gesagt, dass du einige der Leute, die in Svanas Apartment ein- und ausgingen, kanntest. Ist das richtig?«

»Ja, ja! Einen habe ich gestern Abend noch im Fernsehen gesehen«, antwortete sie aufgeregt.

»Wer war das?«

»In den Nachrichten!«

»Auf RÚV oder Channel 2?«

Arnas aufgeregtes Lächeln verschwand.

»Äh, ich weiß nicht. Ist das nicht dasselbe?«

»Wir werden das überprüfen«, sagte Gunna. »Sind dir Personen aufgefallen, die regelmäßig gekommen sind? Oder hatte Svana häufig Besuch von Leuten, die du nur einmal gesehen hast?«

»Naja, eigentlich beides.«

»Hast du eine Ahnung, wer das so alles war?«

Arna hüpfte vor Begeisterung beinahe auf und ab und bückte sich, um einen Stapel Hochglanzmagazine vom Boden aufzuheben. Sie legte die Zeitschriften auf den Tisch.

»Ich habe diese ganzen Hefte durchgesehen …«

»Und du hast einige Gesichter wiedererkannt?«

»Ja!« Sie schlug die erste Zeitschrift auf und blätterte die Seiten um. »Ihn.«

Gunna ging zu ihr rüber und betrachtete das Foto, auf das Arna mit einem lackierten Fingernagel deutete. Es zeigte einen Mann in einem dunklen Anzug, der mit einer überschlanken Frau an seiner Seite aus einem schnittigen Auto stieg.

»Aber ich weiß nicht, wer er ist«, meinte Arna.

»Hier steht Jónas Valur Hjaltason«, erwiderte Gunna und sah Eiríkur fragend an.

»Ein Geschäftsmann«, erläuterte Eiríkur. »Er mischt überall mit.«

»Gut. Arna, es wäre am einfachsten, wenn du die Zeitschriften durchgehst und die Leute markierst, die du wiedererkennst.«

Der Vorschlag schien sie einen Moment lang zu verwirren.

»Du meinst, ihr kommt später wieder und nehmt die Magazine mit?«

»Nein, ich dachte, du könntest sie jetzt durchblättern«, erklärte Gunna geduldig. »Dabei können wir dir Fragen stellen.«

Arna dachte über den Vorschlag nach.

»Okay. Hast du einen Stift für mich?«

»Eiríkur? Könntest du das übernehmen?«

Eiríkur stand auf und nahm die Sache in die Hand.

»Könntest du dich hierhin setzen, damit wir die Zeitschriften gemeinsam durchsehen können?«, fragte er freundlich und klopfte leicht auf den Esstisch.

»Klar, warum nicht?«

Dankbar überließ Gunna Eiríkur die Aufgabe. Sie wusste, dass er mit seiner geduldigen Art viel mehr erreichen würde als sie mit ihrer Ungeduld, die sie nur schwer zügeln konnte. Immer wieder war ein Kichern vom Tisch zu hören, während sich Eiríkurs und Arnas Köpfe über dem Stapel Hochglanzmagazine immer näherkamen.

»Arna? Wohnst du allein hier?«, fragte Gunna plötzlich in eine Pause hinein.

»Nein, natürlich nicht. Ich wohne hier mit meinem Mann.«

»Dann ist er vermutlich arbeiten, oder?«

»Ja. Warum?«

»Nur so. Ich frage mich, ob ihm vielleicht etwas aufgefallen sein könnte. Wann kommt er denn nach Hause?«

Arnas rosa Zungenspitze erschien in einem Mundwinkel, während sie sich auf die Zeitschrift konzentrierte.

»Der hier?«, wollte Eiríkur wissen.

»Ja, den habe ich gesehen. Was? Tolli kommt morgen Abend zurück. Er ist diese Woche in London«, fügte sie stolz hinzu.

Als sie mit Eiríkur die Treppe hinunterging, freute sich Gunna, dass die Geräusche der Stadt wieder zu ihr durchdrangen, von denen man in Arna Arnarsdóttirs hermetisch abgedichteter Wohnung im obersten Stockwerk rein gar nichts hatte hören können.

»Nun, Eiríkur, wie ist die Ausbeute?«

»Ein halbes Dutzend Männer der feinen Gesellschaft Islands, mit denen wir uns sehr diskret unterhalten müssen. Zwei etwas dubiose Unternehmer, Jónas Valur Hjaltason und Bjartmar Arnarson, außerdem Bjarki Steinsson, ein äußerst erfolgreicher Steuerberater, und ein brandneues Parlamentsmitglied«, zählte er mit einem Blick auf seine Notizen auf. »Sie hat gesagt, dass es auch einige jüngere Männer gab, die zu Besuch kamen, aber sie kennt sie nicht.«

»Wer ist das Parlamentsmitglied?«

»Hallur Hallbjörnsson. Ich glaube, er war ein ungezogener Junge. Ich hätte nicht gedacht, dass die Sozialdemokraten sich mit so was abgeben.«

Die Tür zur Straße ging automatisch auf, als sie sich näherten.

»Hast du damit Glück gehabt?«, fragte Gunna plötzlich und zeigte auf die Überwachungskamera über der Tür.

»Nein. Der Hausmeister sagt, sie ist schon seit Wochen kaputt – deshalb gibt es auch keine Aufzeichnungen.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Kalter Trost" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen