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Kalte schulter, heißes Herz

1. KAPITEL

Leon Maranz nahm sich ein Glas Champagner von dem Tablett am Eingang und betrat den überfüllten Gästesalon des exklusiven Apartments am Regent’s Park, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Er befand sich auf einer typischen Cocktailparty, wie er sie schon etliche Male besucht hatte. Die oberen Zehntausend ließen sich von uniformiertem Personal bedienen, und alle Gäste einte ein gemeinsamer Nenner: Reichtum.

Immenser Reichtum.

Vor Leons Augen wogte ein Meer aus teuersten Designerkleidern, und an den Händen, Ohren und Dekolletés der Damen funkelten unzählige kostbare Schmuckstücke. Sie alle teilten den gleichen Gesichtsausdruck übersättigter, verwöhnter Grazien, und neben ihnen standen die dazugehörigen Männer mit selbstsicherer, fast wichtigtuerischer Miene.

Leons Lippen wurden noch eine Spur schmaler. Zu oft hatte er erleben müssen, dass der Schein dem wirklichen Sein nicht entsprach. Suchend ließ er den Blick über die Anwesenden gleiten und erkannte Alistair Lassiter sofort, obwohl dieser mit dem Rücken zum Eingang des Salons stand. Und Leon entging nicht, wie verkrampft die Haltung des anderen Mannes wirkte. Zufrieden hob Leon sein Champagnerglas und wollte gerade einen Schluck nehmen, als er stutzte.

Eine Frau starrte ihn an, was er aus dem Augenwinkel wahrnahm, ohne dabei den Kopf zu drehen. Ihre intensive Musterung verriet ihm, dass sie sich selbst unbeobachtet fühlte.

So weit nichts Besonderes! Seit etwa zwei Jahrzehnten erregte Leon überall weibliches Interesse, noch lange bevor er den Reichtum erworben hatte, der viel zu häufig das entscheidende Lockmittel für die Damenwelt war. Früher war die magnetische Anziehungskraft auf Frauen seiner markanten, kräftigen und hochgewachsenen Statur zu verdanken gewesen und dem rätselhaften, finsteren Mienenspiel in seinem überraschend attraktiven Gesicht.

Nach all den Jahren, in denen er weibliche Gesellschaft genossen hatte, wusste Leon genau, wann eine Frau an ihm interessiert war. Und diese Fremde meinte es offenbar ernst!

Er stürzte einen Schluck Champagner hinunter und wandte sich langsam seiner Beobachterin zu.

Sie wirkte wie eine Engländerin mit ihren zarten Zügen, der hellen Haut und den großen, klaren Augen. Ihre kastanienbraunen Haare waren zu einem hohen, geflochtenen Zopf zusammengefasst, der bei einer weniger schönen Frau unangenehm streng ausgesehen hätte. Ein indigoblaues, knielanges Seidenkleid schmiegte sich um ihre perfekte Figur, und die zierlichen Füße steckten in hohen, offenen Sandaletten.

Der auffallend hübschen Figur gönnte Leon einen zweiten Blick: Schmale Taille, gerundete Hüften, und trotz des moderaten Ausschnitts war ein durchaus üppiges Dekolleté erkennbar. Er war positiv überrascht und freute sich darüber, dass seine Verehrerin sich an diesem Abend nicht für ein langes Kleid entschieden hatte.

Irgendwie kamen ihm die anderen anwesenden Damen plötzlich overdressed und geschmacklos vor. Ein Schuss Adrenalin breitete sich in ihm aus. Womöglich würde sich dieser Abend doch nicht nur um Geschäfte drehen …?

Mit gerunzelter Stirn ließ er seinen Blick auf der Fremden ruhen und horchte in sich hinein, was für Gefühle sie in ihm auslöste. Einen Hauch von Begierde, das war nicht abzustreiten. Erst jetzt blickte er ihr in die Augen und erkannte den abweisenden Ausdruck darin. Ihr ovales Gesicht schien wie eingefroren.

Und sie sah praktisch durch ihn hindurch. Als wäre er gar nicht da. Als würde er nicht existieren. Als würde er in ihrem Universum nicht die geringste Rolle spielen …

Abrupt drehte sie sich um und kehrte so Leon den Rücken zu. Damit löste sie eine Emotion in ihm aus, die er lange nicht mehr verspürt hatte. Wenige Sekunden starrte er auf ihren wohlgeformten Po, dann setzte er sich entschlossen in Bewegung.

Flavia zwang sich zu einem höflichen Lächeln und tat so, als würde sie das laufende Gespräch verfolgen. Dabei hatte sie heute keinen Sinn dafür, die Gäste ihres Vaters zu unterhalten. In ihrem Kopf spukten ganz andere Gedanken herum.

Sie wollte überhaupt nicht hier in dem opulenten Regent’s-Park-Apartment ihres Vaters sein. Dieses ganze verlogene Getue um sie herum bereitete ihr starke Übelkeit. Man verlangte von ihr, die verwöhnte Tochter des ungemein nachsichtigen und großzügigen Multimillionärs zu spielen. Dabei wussten sie beide am besten, wie wenig das mit der Realität zu tun hatte.

Was geht mich diese bescheuerte Cocktailparty eigentlich an? ärgerte sich Flavia. Ich stehe hier nur dumm rum in diesem übertriebenen Ambiente, damit mein Vater herumprotzen kann!

Die Räume waren von Designern eingerichtet worden, wobei Chrom, Glas und antikes Holz als Materialien dominierten, während es an kuscheligen Kissen, Decken oder Teppichen fehlte. Flavia fühlte sich völlig fehl am Platze.

Sie wollte zu Hause sein. Im Herzen des rauen Dorset – weit, weit auf dem Lande. In dem grauen georgianischen Steinhaus, das sie so sehr liebte. Die schlichte rechteckige Front mit den breit eingerahmten Fenstern, die urigen Möbel, die zusammen mit dem Gemäuer gealtert waren.

Flavia war durch die Wiesen und Wälder der Umgebung gestreift, mit dem Fahrrad umhergerast und auf abenteuerliche Entdeckungstouren gegangen, aber sie war immer wieder heil und sicher nach Hause zurückgekehrt. Zu den liebevollen Großeltern, die sie in ihr Herz geschlossen hatten, nachdem Flavias Mutter tragischerweise viel zu früh gestorben war.

Aber Harford Hall war Welten von dem glamourösen Luxusapartment ihres Vaters entfernt. Und Flavia konnte nicht einfach Reißaus nehmen, so gern sie es auch wollte.

Seufzend verlagerte sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und verfluchte die ungewohnten High Heels, während sie einen großen Schluck aus ihrem Mineralwasserglas nahm. Sie hatte keine Ahnung, wovon das Paar sprach, dem sie gegenüberstand. Offenbar war der Mann ein einflussreicher Unternehmer, der ihrem Vater von großem Nutzen sein könnte, sonst wäre er wohl kaum eingeladen worden. Ihr alter Herr teilte die Menschen für sich in zwei Gruppen auf: Die einen konnte er ausnutzen, die anderen ließ er einfach fallen. Und als seine Tochter gehörte Flavia tragischerweise beiden Gruppen an.

Fast ihr gesamtes Leben lang hatte er sie ignoriert, und genauso war er auch mit ihrer Mutter verfahren. Die hatte er nur zwangsläufig geheiratet, weil sie sein Kind erwartete. Wie sich später herausstellte, ließ er sich von Flavias Großeltern anständig dafür entlohnen. Mit diesem Geld gründete er sein Imperium, und schon wenige Monate später waren Frau und Kind für ihn überflüssig geworden. Er brachte beide nach Dorset zurück und suchte sich eine Geliebte – steinreich und geschieden. Doch nachdem sie in sein Unternehmen investierte, war auch sie schnell wieder weg vom Fenster.

Diesem Muster folgte Flavias Vater weiter, und seine Gefährtinnen wurden zunehmend jünger.

Nur ist er heutzutage der Goldesel für seine Partnerinnen, dachte sie mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen.

Allein dieses Apartment war mehrere Millionen Pfund wert, was neben der extravaganten Einrichtung vor allem auf die einzigartige Lage am Regent’s Park zurückzuführen war. Die erste Adresse am Platz! Daneben besaß ihr Vater noch diverse Luxusimmobilien, unter anderem Villen in Marbella und auf Barbados.

Flavia war niemals dort gewesen, und sie hätte es auch gar nicht gewollt. An dieser Cocktailparty mochte sie auch nicht teilnehmen, aber vor drei Jahren hatte sich das Blatt gewendet. Ihre verwitwete Großmutter hatte dringend eine neue Hüfte benötigt, und Flavias Vater war diesbezüglich recht deutlich geworden.

„Die alte Schachtel kann ihre OP als Privatpatientin bekommen, aber das Geld dafür gibt es nur als Kredit. Und du wirst es mir zurückzahlen, indem du vor meinen Gästen auftauchst, lächelst und dich charmant unterhältst, sobald ich dich herbeizitiere! Wenn die Leute dein Benehmen, deine Bildung und deine Erziehung bemerken, werden sie sich noch mal überlegen, wen sie hier als neureich beschimpfen!“

Zu gern hätte sie dem Alten Kontra gegeben, aber ihre geliebte Großmutter stand weit hinten auf der Liste für eine Hüftoperation und litt unter ihren Schmerzen und ihrer Unbeweglichkeit. Obendrein fehlte das Geld an allen Ecken und Enden. Harford Hall war ein Fass ohne Boden – genau wie alle alten, riesigen Landhäuser –, da war eine private OP einfach nicht drin.

Trotz der vehementen Abneigung dagegen, ihrem Vater etwas schuldig zu sein, hatte sich Flavia seinen Wünschen gebeugt. Und nun, drei Jahre später, war sie ihm immer noch verpflichtet …

Sie war nach London beordert worden, um die gefällige, reizende Tochter zu spielen, mit der ihr Vater vor Neidern oder potenziellen Geldgebern angeben wollte. Die Falschheit und Doppelmoral dieser Farce machte Flavia fertig, vor allem, wenn ihr Vater sie vor anderen wie einen kostbaren Schatz behandelte, obwohl die Wahrheit ganz anders aussah.

Heute fiel es ihr besonders schwer. Flavias Großmutter hatte die OP damals zwar gut überstanden, bald darauf jedoch mental ziemlich abgebaut. Ihre Demenz verschlimmerte sich zusehends, und Flavia ließ die alte Dame nur noch ungern allein, selbst wenn es nur für wenige Tage war. Zwar blieb eine Pflegerin solange bei ihr, trotzdem machte Flavia sich permanent Sorgen.

„Keine müden Ausflüchte!“, hatte ihr Vater gewettert, als sie ihm ihre Bedenken mitteilte. „Diese alte Ziege ist mir gleichgültig. Du setzt dich gefälligst in den nächsten Zug! Ich erwarte wichtige Gäste, und da soll alles perfekt sein!“

Dieser extrem scharfe Unterton war ihr neu. Ihr Vater klang angestrengter als sonst. Aber vielleicht hatte er einfach Ärger mit seiner derzeitigen Freundin, Anita, einer arroganten, habgierigen Erbschleicherin.

Bei ihrer Ankunft war noch deutlicher geworden, wie blank seine Nerven lagen, als er Flavia grob am Ellenbogen packte. „Heute Abend kommt ein besonders wichtiger Gast, und ich will, dass du dich speziell um ihn kümmerst. Verstanden?“ Sein harter Blick taxierte sie. „Das solltest du schaffen. Er mag Frauen, besonders die gut aussehenden. Da sollte es mit dir wohl keine Probleme geben. Aber fahr um Himmels willen die Krallen ein und sei mal ein bisschen zugänglicher als sonst!“

Nicht zum ersten Mal sprach er sie auf ihre distanzierte Haltung an, und wie üblich ignorierte sie diesen Vorwurf. Sie war höflich, unterhaltsam und freundlich zu jedermann, mehr aber auch nicht. Es gab Grenzen, auch wenn man sich selbst verkaufte …

„So zugänglich wie Anita?“, fragte sie trocken, wohl wissend, wie sehr ihr Vater das offensive Fremdflirten seiner Lebensgefährtin hasste.

Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze. „Frauen wie sie erreichen wenigstens etwas. Sie weiß genau, was sie will und wie sie es bekommt. Du dagegen bemühst dich nicht einmal. Heute tust du es besser! Wie ich schon sagte, es ist wichtig!“

Da war er wieder, dieser scharfe Unterton in der Stimme. Aber Flavia blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern. Im Übrigen war es nicht ungewöhnlich, dass ihr Vater angestrengt dem Geld nachjagte, und wahrscheinlich wartete gerade ein besonders lukrativer Deal auf ihn. Ekelhaft war, dass er dafür sogar seine eigene Tochter anhalten würde, irgendeinem fetten, alten Geschäftsmann Honig um den Bart zu schmieren.

Voller Abscheu über die Taktik ihres Vaters hatte Flavia sich abgewandt, um sich in ihrer gewohnt zurückhaltenden Art seinen Gästen zu widmen. Und während sie die Gästeschar überblickte, erregte plötzlich etwas ihre Aufmerksamkeit. Nein, nicht etwas, sondern jemand.

Offensichtlich war er gerade erst gekommen, denn er stand noch in der Doppeltür zum Flur und hielt ein volles Glas Champagner in der Hand. Er musterte die Gesellschaft in dem prunkvollen Raum und verharrte bei einer Person, die außerhalb ihres Blickfelds stand. Wenigstens gab das ihr die Gelegenheit, ihn ausgiebig zu betrachten.

Doch dann sah er sie an, und der erste Eindruck rauschte in rasanter Geschwindigkeit durch ihren Verstand: groß, gerade und auffallend breite Schultern, dunkle Haare, starke Gesichtszüge.

Eine Hand hatte er lässig in die Hosentasche gesteckt, und sein Erscheinungsbild strahlte Selbstsicherheit aus.

Er war ein reicher Mann, das konnte man kaum übersehen. Nicht nur der akkurate Haarschnitt und der teure Anzug sprachen Bände, seine ganze Aura wirkte überlegen und kontrolliert. Er war ein Mann von magnetischer Anziehungskraft, vor allem für die Frauenwelt, das stand fest!

Flavia spürte ja selbst den Zauber seiner Präsenz. Unablässig starrte sie ihn an und bemerkte die schöne, gerade Nase, seinen sinnlichen Mund und vor allem die dunklen, undurchdringlichen Augen.

Sie schluckte und merkte, dass sie viel zu flach atmete und ihr Herz immer schneller schlug. Um sich vor seiner unheimlichen Wirkung auf sie zu schützen, sah sie hastig zu Boden und widmete sich dann wieder dem Paar, das bei ihr stand. Hinter sich hörte sie die Stimme ihres Vaters.

„Flavia, Schätzchen, komm doch bitte mal her!“, rief er in dem weichen Ton, den er ihr gegenüber gern in der Öffentlichkeit anschlug.

Gehorsam folgte sie seiner Aufforderung und fand sich wenige Sekunden später genau neben dem Mann wieder, der gerade eben noch ihr Interesse geweckt hatte. Ihre Beine fühlten sich plötzlich taub an, und das Lächeln fiel ihr unendlich schwer.

„Liebling.“ Ihr Vater schloss seine Finger um ihr Handgelenk. „Ich würde dir gern jemanden vorstellen. Leon Maranz. Und dies ist meine Tochter Flavia.“

Sie hatte alle Mühe, Haltung zu wahren. Schließlich gab es doch überhaupt keinen Grund, sich durch diese Begegnung verunsichern zu lassen. Oder?

Die Worte kamen zäh aus ihrem Mund. „Wie geht es Ihnen, Mr Maranz?“ Es war ihr unangenehm, sich so fehl am Platz zu fühlen. Unter anderen Umständen …

Es war einfach zu schnell gegangen. Sie hätte etwas Zeit gebraucht, sich diesem eindrucksvollen Fremden zu nähern, sich einen zweiten Eindruck zu verschaffen und dann irgendwann ein privates Gespräch zu beginnen. Aber jetzt war sie blitzartig mit ihm konfrontiert und hatte sich dabei überhaupt nicht im Griff.

Blinzelnd betrachtete sie das makellose weiße Hemd, das über seinen Muskeln leicht spannte, und wich seinen aufmerksamen Augen aus.

„Miss Lassiter.“

In seiner ruhigen, angenehmen Stimme entdeckte sie einen Akzent, den sie allerdings nicht einzuordnen wusste. Seine Haut war tief gebräunt und verlieh ihm zusätzlich ein exotisches Aussehen, genau wie die lackschwarzen Haare.

Ihr war es zu viel, sie musste weg. Obwohl ihr bewusst war, wie unhöflich sie sich verhielt, ergriff sie die Flucht. „Ich muss nach dem Cateringservice sehen“, murmelte Flavia. „Bitte entschuldigen Sie mich!“ Sie nickte kurz. „Mr Maranz.“

Im Weggehen bemerkte sie die finstere Miene ihres Vaters, aber es half nichts. Sie musste ihrem Instinkt folgen, und der riet ihr, schleunigst auf Abstand zu gehen. Erst im Nebenzimmer atmete sie wieder auf, doch das Herz schlug ihr immer noch bis zum Hals.

Wieso reagiere ich so heftig auf diesen Mann? wunderte sich Flavia. Immerhin hatte sie schon oft mächtige Persönlichkeiten im Umkreis ihres alten Herrn kennengelernt, also warum ging ihr ausgerechnet dieser so unter die Haut? Lag es an der intensiven Art, wie sie sich angesehen hatten, bevor man sie einander vorstellte?

Immer noch fühlten sich ihre Beine taub an, während sie am Buffet entlangspazierte und vorgab, die servierten Platten zu inspizieren. Hier und da nahm sie eine Gabel zur Hand und schob etwas Obstdekoration zusammen oder arrangierte den Aufschnitt neu.

Mr Maranz hatte das gewisse Etwas, auch wenn nicht wirklich greifbar war, worum es sich dabei eigentlich handelte. Flavia sog zischend die Luft ein und schüttelte unmerklich den Kopf. Ihr konnte ganz egal sein, ob er der begehrenswerteste Mann war, den sie jemals gesehen hatte. Sie würde sich niemals auf jemanden einlassen, der ihr von ihrem verhassten Vater vorgestellt worden war. Mit diesen Kerlen wollte sie nichts zu tun haben.

Außerdem bin ich sowieso nicht frei, seufzte sie innerlich und dachte dabei an ihre arme Großmutter. Die alte Dame war auf Flavia angewiesen. Sie brauchte ihre Enkelin um sich, die sie schließlich auch voller Liebe großgezogen hatte. Und Flavia würde ihre Oma um nichts in der Welt im Stich lassen!

Es war ein schweres Schicksal, denn tagtäglich nahm die Demenz Flavia mehr von der geliebten Frau weg, die ihr die Mutter ersetzt hatte. Es war herzzerreißend, diesem geistigen Verfall hilflos zusehen zu müssen in dem Wissen, was eines Tages geschehen würde … Doch bis es so weit war, wollte Flavia ihr Bestes tun, um ihrer Großmutter das Leben zu erleichtern. Auch wenn das bedeutete, vom eigenen Vater vorgeführt zu werden. Und so lange konnte sie eben nicht das normale Leben einer fünfundzwanzigjährigen Frau führen.

Deshalb war es irrelevant, welchen Einfluss der Bekannte ihres Vaters auf sie ausübte. Leon Maranz hatte nichts mit ihr zu tun – würde nie etwas mit ihr zu tun haben!

Jetzt schüttelte sie den Kopf etwas heftiger. Vor allem war es ja nicht so, als hätte sie die gleiche rätselhafte Wirkung auf ihn. Er konnte jede Frau haben und hatte Flavia vermutlich gar nicht richtig wahrgenommen. Sie musste sich schlicht zusammenreißen und ihm für den Rest des Abends aus dem Weg gehen. Basta!

„Verraten Sie mir mal, speisen Sie alle Ihre Gäste so zügig ab?“

Erschrocken zuckte sie zusammen und drehte sich um.

Leon Maranz stand nur einen Meter entfernt von ihr im ansonsten menschenleeren Zimmer. Sein Gesicht war ernst, fast furchterregend, und in Flavia schrie alles danach, den Raum sofort zu verlassen.

„Ich verstehe nicht ganz?“, antwortete sie defensiv.

Eine Höflichkeitsfloskel, nur leider etwas zu scharf formuliert.

Seine Augen wurden schmal. „Aus welchem Grund schneiden Sie mich, obwohl wir uns doch gerade erst vorgestellt worden sind?“

„Ich schneide Sie doch nicht!“ Vergeblich bemühte sie sich, dabei nicht schroff zu klingen, aber ihr nervöser Zustand ließ den Versuch fehlschlagen.

„In dem Fall frage ich mich, wie es sich anfühlt, wenn sie mal tatsächlich jemanden links liegen lassen“, entgegnete er ironisch und klang sogar ein bisschen ärgerlich.

Im ersten Moment wollte sie sich schon entschuldigen, das wäre zumindest angemessen. Die Situation entschärfen. Aber bevor ihr ein Wort über die Lippen kommen konnte, machte sie den Fehler, in seine Augen zu schauen.

Diesen Ausdruck hätte sie selbst blind oder im Schlaf erkannt: unverhohlenes sexuelles Interesse. Ihr Puls beschleunigte sich.

Zuerst reagierte Flavia völlig hilflos auf das, was ihr gerade entgegengebracht wurde. Äußerlich blieb sie zwar ruhig, aber innerlich geriet sie völlig außer Kontrolle. Sie spürte ihren eigenen heißen Atem in der Lunge, die brennende Hitze in ihren Venen und das erregende Prickeln auf ihrer sensiblen Haut. Ihr ganzer Körper schien sich plötzlich wie in einem Flammenmeer zusammenzuziehen.

Sie konnte sich nicht bewegen, und sie konnte auch den Blickkontakt nicht abbrechen.

Auf einmal breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, und seine Augenlider schlossen sich kurz. „Sollen wir noch einmal von vorn beginnen, Miss Lassiter?“, schlug er vor und klang dabei ausgesprochen selbstzufrieden.

Kein Wunder! Nun wusste er genau, warum sie ihm gegenüber kurz angebunden gewesen war. Genug Erfahrung mit Frauen hatte er sicherlich, und die Gewissheit um seine Außenwirkung amüsierte ihn auch noch.

Die Stille zwischen ihnen dauerte zu lange, trotzdem bekam Flavia keinen Ton heraus. Alles, was sie zustande brachte, war, sein Lächeln zu erwidern. Dann löste sich die Verkrampfung in ihrem Rücken, und ihr Blick wurde weicher. Allmählich akzeptierte sie den Einfluss, den Leon Maranz auf sie ausübte. Es ließ sich sowieso nicht ignorieren, sondern funkte kraftvoll zwischen ihnen hin und her. Aufregend, sinnlich und gefährlich. Flavia wurde neugierig, bekam Lust auf mehr, und wenn sie ganz ehrlich war, wollte sie …

Nein!

Unmöglich! ermahnte sie sich. Undenkbar!

Mit der Welt von Leon Maranz wollte sie nicht das Geringste zu tun haben. Geldgierige, oberflächliche Menschen, die für die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse über Leichen gingen, gehörten nicht in Flavias wirkliches Leben. Denn dort hatte das Wohlbefinden ihrer Großmutter höchste Priorität, und es ging um Werte wie Liebe, Fürsorge und Loyalität.

Daher galt es, genau jetzt einen Schlussstrich zu ziehen. Bevor es zu spät war …

„Eher nicht, Mr Maranz“, erwiderte sie kühl.

Im Grunde hatte er diese klare Abfuhr nicht verdient, aber schon aus Selbstschutz musste Flavia eben zu drastischen Maßnahmen greifen.

Falls sie es nicht tat, könnte es passieren, dass sein Lächeln ihr gänzlich den Verstand raubte! Und was kam danach?

Diese reizvolle Frage ging ihr nicht mehr aus dem Kopf und verlangte nach einer Antwort. So weit durfte es allerdings nicht kommen!

Ihr Lächeln wurde verkrampft. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen möchten …“

Damit ließ sie ihn stehen, obwohl sich jeder einzelne ihrer unsicheren Schritte anfühlte, als würde sie auf einem Drahtseil balancieren.

Konsterniert sah Leon ihr nach, während sie im angrenzenden Salon zwischen den vielen Gästen aus seinem Blickfeld verschwand. Er war richtig wütend über diese zweite Abfuhr. Was fiel der Frau ein, ihm noch einmal den Rücken zu kehren? Ihr Benehmen war wirklich unglaublich!

In seiner Brust entwickelte sich ein bedrückendes Erstickungsgefühl, das Leon zum letzten Mal vor einigen Jahren ertragen musste. Er hatte gehofft, nie wieder darunter zu leiden, aber Flavia Lassiters Verhalten beschwor offenbar die alten Geister herauf. Erinnerungen, die er lieber verdrängen und weit, weit hinter sich lassen wollte.

Mit klopfendem Herzen kämpfte Leon gegen die düsteren Emotionen an, um zu verhindern, dass sie seinen Verstand vergifteten. Es war unnütz, alte Verletzungen zuzulassen. Das beklemmende Gefühl, wenn auf einen herabgesehen wird. Wenn man für andere unsichtbar ist.

Nein, Flavias burschikose Art musste einen bestimmten Grund haben. Sicherlich gab es eine ganz natürliche Erklärung dafür – eine, die ihm willkommen sein sollte und mit seiner männlichen Ausstrahlung zu tun hatte. Flavias Signale waren zwar widersprüchlich, aber Leon sollte sich schon arg täuschen, wenn sie nicht sexuell an ihm interessiert war!

Sie trug eine Maske, wahrscheinlich um ihre wahren Empfindungen vor ihm zu verbergen. Sein maskuliner Instinkt war auf ihren Blick und ihr Lächeln angesprungen – ein verlässliches Radar, sobald es sich um hübsche Frauen handelte. Und ihm selbst ging es nicht anders: Verlangen lag in der Luft.

Auf mehr hatte er es auch nicht abgesehen. Nur Verlangen, Begehren, Verführung. Alle Gefühle darüber hinaus waren überflüssig und zerstörerisch.

Seine Wut flaute ab, und die Muskeln entspannten sich wieder. Es gab überhaupt keinen Grund, sich aufzuregen. Flavia Lassiter spielte ihm etwas vor, aber Tatsache war, sie fühlten sich beide zueinander hingezogen. Kein Zweifel!

Leichten Schrittes kehrte auch er in den Salon zurück und legte sich im Kopf schon eine Strategie zurecht. Vorerst würde er Flavia davonkommen lassen, sie hatte schon genug mit sich zu kämpfen. Aber zu gegebener Zeit wollte er ihren eiskalten Schild, mit dem sie ihn auf Abstand hielt, in tausend Stücke zerschmettern. Und dann würde sie bekommen, wonach sie heimlich verlangte, genau wie er …

Nur eine Frage der Zeit, bis sie das Unausweichliche zuließ. Das war alles. Einfach abwarten.

Leon konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und hätte sich vor lauter Vorfreude am liebsten die Hände gerieben.

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