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Kalte Schulter, heiße Küsse

Sandra Hyatt

Kalte Schulter, heiße Küsse

1. KAPITEL

Mit einem lauten Knall schlug die Tür des Besprechungszimmers gegen die Wand. Gabe Masters, der als Geschäftsführer von Masters’ Developments Corporation am Kopfende des ovalen Tisches saß, sah auf und erblickte sie. Sie schaute sich mit ihren blauen Augen suchend um, bis sie auf seinen Blick traf und ihn fixierte. Der Schock, dass sie plötzlich hier auftauchte, durchdrang jede Faser seines Körpers. Es war sein Glück, dass er schon so oft an diesem Tisch gesessen und mit undurchdringlicher Miene harte Verhandlungen geführt hatte. Selbst unter dieser Voraussetzung war es nicht einfach für ihn, sitzen zu bleiben, ohne sich seine Bestürzung anmerken zu lassen.

Was fiel ihr ein?

Julia, seine persönliche Assistentin, kam atemlos herbeigeeilt. Chastity Stevens – ein völlig unpassender Name, wie Gabe fand, da sie alles andere als unberührt war – mit ihren perfekt frisierten blonden Haaren trug ein hautenges schwarzes Kostüm, als würde sie noch immer trauern. Sie stellte seine elegante Assistentin vollkommen in den Schatten. Chastitys perfekt geformte Lippen leuchteten rot, genauso wie die Schuhe mit den schwindelerregenden Absätzen und die kleine, stilvolle Handtasche. Nur die weißen Knöchel ihrer Hand, mit der sie die Tasche umklammert hielt, verrieten, dass sie nicht ganz so gelassen war, wie sie auf den ersten Blick wirkte.

Das machte ihr Eindringen aber kaum erträglicher.

„Es tut mir leid.“ Julia schaute ihn mit großen Augen an. „Ich konnte sie nicht aufhalten.“ Sie wollte nach Chastitys Arm greifen, doch die machte einen kleinen Schritt zur Seite, und Julia griff ins Leere.

„Es ist in Ordnung, Julia. Ich kümmere mich darum.“

Die Blicke der anderen Männer, die rund um den Tisch saßen, wanderten von Gabe zu Chastity. Ihre Porzellanhaut, die großen, runden Augen, die von langen, dunklen Wimpern umrahmt wurden, und die verführerischen Kurven, die das enge Kostüm so vorteilhaft betonte. Kurven. Gabe wusste genau, wie viel diese Kurven gekostet hatten. Hatte sein Bruder Tom nicht immer wieder dafür bezahlt?

Bis zu dem Tag, an dem er gestorben war.

Gabe musste sich sehr zusammenreißen, um seine Stimme unter Kontrolle zu halten. Langsam stand er auf. „Ich fürchte, dies ist kein geeigneter Zeitpunkt, Miss Stevens.“ Gabe war sehr froh darüber, dass sie Toms Namen nicht angenommen hatte. „Julia wird dir einen Termin geben.“

„Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht, dass ich seit Wochen versuche, einen Termin bei dir zu bekommen. Das ist langsam nicht mehr witzig.“ Ihr Ärger bereitete ihm durchaus innere Genugtuung, doch die konnte er nicht auskosten. Nicht hier und nicht jetzt.

„Ich war in letzter Zeit ziemlich beschäftigt.“ Er warf den anderen Männern ein verschwörerisches Lächeln zu, die daraufhin leise lachten. Sie alle hatten viele Überstunden machen müssen, um die Bedingungen für den Kauf einer weiteren Ferienanlage auszuhandeln.

Das war zumindest einer der Gründe. Ein anderer war, dass er keinerlei Lust verspürt hatte, die geldgierige Frau zu treffen, die einen Keil in seine Familie getrieben hatte.

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, meine Herren.“ Gabe ging auf Chastity zu. „Wenn du jetzt sofort verschwindest“, sagte er mit leiser, eiskalter Stimme, „bekommst du einen Termin. Versprochen.“ Mit einer Hand hielt er ihr die Tür auf, mit der anderen bedeutete er Chastity zu gehen. Ihr Auftritt hatte schon genug Schaden angerichtet. Es wurde allerhöchste Zeit, dass sie verschwand. Hier stand ein millionenschwerer Deal auf dem Spiel. Es hatte ihn eine Menge Arbeit gekostet, die anderen Männer zu dieser Besprechung zu bewegen. Schließlich herrschte in Neuseeland im Januar Hochsommer, und viele Unternehmen machten Betriebsferien.

Dieser Vertrag musste noch heute unterschrieben werden, und Gabe würde sich von ihr nicht das Geschäft vermasseln lassen.

Chastitys dezentes, wenn auch völlig unpassendes Markenzeichen, der Duft von Frühlingsblumen, stieg ihm in die Nase. Ihre ohnehin schon blassen Wangen verloren auch den letzten Rest von Farbe, als sie seinem Blick einen Moment lang standhielt. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre es Gabe nicht möglich gewesen, die Vielzahl von Gefühlen, die sich in ihren großen Augen spiegelten, zu deuten. Vor allem schien sie besorgt zu sein. Aber das ergab keinen Sinn, denn schließlich war sie diejenige gewesen, die in seine Sitzung geplatzt war.

Endlich drehte sie sich um und verließ das Zimmer.

Gabe nickte Marco, seinem Stellvertreter, zu. Der würde die Verhandlungen verlässlich fortführen, während er selbst Chastity ins Vorzimmer folgte.

„Du erwartest doch wohl nicht ernsthaft, dass ich glaube, du hältst, was du versprichst, oder?“, fragte sie, als er die Tür hinter ihnen schloss.

„Ich habe keine Zeit für diese Diskussion. Ich habe dich gebeten zu verschwinden.“ Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Gabe unterbrach sie. „Wenn du jetzt nicht gehst, gibt es überhaupt keinen Termin. Und das, was du von mir willst, bekommst du auch nicht.“ Er sah, wie sie erstarrte.

In ihre blauen Augen trat ein Ausdruck eiserner Entschlossenheit. So kannte er sie gar nicht. „Und wenn du nicht jetzt mit mir redest“, erklärte sie, „dann garantiere ich dir, dass du niemals das Kind sehen wirst, mit dem ich schwanger bin. Das Kind deines Bruders.“

Gabe starrte sie fassungslos an, während er die Bedeutung ihrer ungeheuerlichen Behauptung langsam erfasste.

„Mein Büro“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Dritte Tür links“, fügte er hinzu, obwohl sie ganz genau wusste, wo es war. Schließlich hatte sie bis vor zwei Jahren noch hier gearbeitet, erst kurze Zeit für ihn und dann für Tom. Bis sie beschlossen hatte, dass sie als Toms Frau sehr viel mehr herausholen konnte, als wenn sie seine Assistentin blieb.

Vor seiner Bürotür blieb Chastity stehen. Sie war jetzt noch blasser. Statt hineinzugehen, sah sie sich plötzlich verzweifelt um und eilte dann in Richtung Empfangsbereich. Noch bevor sie die Schwingtüren erreicht hatte, fing sie an zu laufen. Das Letzte, was Gabe sah, war, dass sie sich die Hand auf den Mund presste und die Damentoilette betrat.

Wütend stand er an der Tür, als sie einige Minuten später wieder auftauchte. Ihr Gesicht war immer noch blass, doch sie hielt den Kopf hoch erhoben. Eine feuchte Haarsträhne, die an ihrer Wange klebte, war das einzige Anzeichen dafür, dass nicht alles in Ordnung war.

Sie wusste sehr wohl, dass sie von ihm kein Mitleid erwarten konnte, als sie vor ihm in sein Büro ging. Das einzige Mal, als er sie um etwas gebeten hatte – nämlich keinen Keil zwischen Tom und seine Familie zu treiben –, hatte sie nur kühl erwidert, dass sie keinen Einfluss darauf hätte. Gabe schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Dann wartete er.

Doch jetzt, da sie es geschafft hatte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, fiel es ihr offenbar schwer zu reden. Sie ließ sich ein wenig unsicher auf einem der Lederstühle vor seinem Schreibtisch fallen, die wohlgeformten Beine aneinandergepresst. Dann drehte sie sich zu ihm um, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und schaute zum Fenster. Er folgte ihrem Blick. Der Himmel über Auckland war klar und blau, doch auf dem Wasser im Hafen bildeten sich kleine Schaumkronen. Am Horizont ballten sich graue Wolken zusammen. Sie kündeten ein Gewitter an, das der schwülen Hitze hoffentlich bald ein Ende bereiten würde.

Gabe sah wieder zu Chastity. Kleine Schweißtropfen bildeten sich an ihrem Haaransatz, und mit den Händen umklammerte sie die Armlehnen des Stuhls. Gabe seufzte genervt und marschierte zur versteckten Bar am anderen Ende des Büros. Er schenkte ein Glas Wasser ein, ging zu Chastity zurück und reichte es ihr. Sie hob den Blick, ohne ihn direkt anzuschauen, bevor sie ihre manikürten Finger ausstreckte und das Glas schweigend annahm. Gabe nahm seine Position an der Tür wieder ein, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.

Chastity wollte etwas sagen. Aber es gelang ihr nicht, weil sie so damit beschäftigt war, die Übelkeit zu unterdrücken. Bitte. Nicht vor ihm. Eigentlich hatte sie gedacht, es wäre ihr inzwischen egal, was Gabe von ihr hielt.

Offensichtlich war das jedoch nicht der Fall. Es wäre einfach zu beschämend, wenn sie sich ausgerechnet in seiner Gegenwart übergeben müsste.

Die Masters, allen voran Gabe, würden nicht begeistert auf ihre Neuigkeiten reagieren. Er war, genau wie sie, davon ausgegangen, dass sie nichts mehr miteinander zu tun haben würden.

Schon seit einem Monat überlegte sie fieberhaft, wie sie ihm die Neuigkeit beibringen sollte. Doch Tag für Tag, Woche für Woche hatte er sich geweigert, sie zurückzurufen, sodass aus ihrer Angst erst Frust und schließlich Wut geworden war. Deshalb war Chastity hier hereingestürmt: Sie wollte das Versprechen, das sie Tom gegeben hatte, erfüllen, ehe noch mehr Zeit verstrich. Leider war ihr die Kraft, die sie aus der Wut geschöpft hatte, jetzt in der Damentoilette abhandengekommen.

Sie trank einen Schluck Wasser und stellte das Glas auf den Schreibtisch.

Gestern Abend hatte sie vor dem Schlafzimmerspiegel geprobt, was sie zu Gabe sagen wollte. Da war sie noch überzeugt gewesen, dass sie die Sache im Griff hatte. Kurz und knapp, vor allem aber emotionslos, wollte sie ihn über die Sache aufklären. Genauso emotionslos, wie er jetzt vor ihr stand. Stattdessen saß sie in diesem großen, dezent luxuriös gestalteten Büro und bekam kein Wort heraus.

„Was willst du? Und beeil dich.“ Vielleicht hatte er doch Gefühle. Seine Worte trieften geradezu vor Verachtung. „Ich muss zurück in meine Besprechung.“

Chastity zwang sich, ruhig zu antworten. „Wenn du mir einen Termin gegeben hättest, als ich dich darum gebeten habe, hätte ich das hier nicht tun müssen.“

„Und was genau ist das hier ?“

Natürlich hatte sie gewusst, dass es nicht einfach werden würde, aber sie hatte vergessen, welche Macht dieser gut einen Meter achtzig große Mann ausstrahlte, wenn er wütend war. Chastity holte tief Luft. „Ich versuche, das Richtige zu tun.“ Sie blickte auf und begegnete dem Blick aus seinen braunen Augen. Sie waren so dunkel und bitter wie Kaffee. Ähnlich wie die von Tom und gleichzeitig völlig anders.

„Auch wenn das mal eine nette Abwechslung wäre, bezweifle ich es doch sehr.“

Sie konnte Gabe seinen beißenden Zynismus nicht einmal verübeln. Tom hatte sie als Vorwand benutzt, um sich von seiner Familie zu distanzieren. Anfangs hatte sie nichts davon gewusst, doch auch später hatte sie nicht dagegen protestiert. Sie hatte sich einfach darüber gefreut, dass sie Tom helfen konnte, sich den Raum zu nehmen, den er brauchte.

„Ich bin schwanger“, erklärte sie tonlos.

Bevor sie zu ihrer gut einstudierten Erklärung ansetzen konnte, schweifte Gabes Blick zu ihrem noch immer fast flachen Bauch und wieder hinauf. Die leichte Wölbung war unter der Kostümjacke verborgen. „Das glaube ich dir gern.“

Und von einem Moment zum nächsten war die Wut wieder da. Sein Bruder war seit drei Monaten tot, und Gabe deutete an, dass sie mit einem anderen Mann geschlafen hatte.

Chastity musste sich beherrschen, um den arroganten Ausdruck nicht mit einem Schlag aus Gabes Gesicht zu vertreiben. Auch wenn es ihr enorme Befriedigung verschafft hätte – sie konnte es sich einfach nicht leisten.

Sekundenlang herrschte spannungsgeladenes Schweigen.

„Wie, zum Teufel, willst du irgendjemanden davon überzeugen, dass dein Kind irgendetwas mit mir oder meiner Familie zu tun hat?“ Er machte eine kleine Pause. Dabei wirkte er wie ein Panther, der zum tödlichen Schlag ansetzte. „Tom war zeugungsunfähig.“

Chastity stand auf und ging zur Tür. Das musste sie sich nicht bieten lassen. Sie hatte ihm gesagt, dass sie schwanger war, so wie sie es versprochen hatte. Es war nicht ihr Problem, dass Gabe ihr nicht glaubte. „Könntest du bitte zur Seite treten? Ich muss gehen.“

Langsam schüttelte er den Kopf, während er sie verächtlich ansah. „Ich dachte, du wärst schon so tief gesunken, wie es geht. Offenbar habe ich dich überschätzt.“ Er öffnete die Tür.

Chastity ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatte in ihrem Leben gewisse Entscheidungen getroffen, und zu denen stand sie auch. Er hatte kein Recht, sie zu verurteilen. Sie ging an ihm vorbei, ignorierte den neugierigen Blick der Empfangsdame und marschierte zu den Fahrstühlen.

Während sie auf den Lift wartete, merkte sie, dass jemand hinter ihr stand. Als sie über die Schulter blickte, sah sie, dass Gabe wie ein Türsteher vor einem Nachtklub mit verschränkten Armen darauf wartete, dass sie das Haus verließ.

Der Fahrstuhl hielt, und die Türen glitten auf. Chastity trat in die Aufzugskabine und drehte sich um. Ein Mann, hart wie Granit, hatte Tom über seinen älteren Bruder gesagt. Es war unschwer zu erkennen, warum. Doch gegen ihren Willen erinnerte sie sich an die Zeit, als sie hier gearbeitet hatte. Zumindest war er immer fair gewesen.

Gleichzeitig fiel ihr wieder ein, dass ihr Versprechen Tom gegenüber aus zwei Teilen bestanden hatte. Sie hatte geschworen, Gabe nicht nur zu erzählen, dass sie schwanger war, sondern auch, wie das Baby entstanden war. Wenn sie es jetzt nicht tat, müsste sie noch einmal wiederkommen.

Als sich die Fahrstuhltüren wieder schlossen, senkte Gabe die Arme und wandte sich ab. Chastity holte tief Luft, hob die Hand und hielt die Türen auf. Gabe fuhr herum. „Was …“

„Es ist nicht immer alles so, wie es zu sein scheint, Gabe. Und es funktioniert nicht immer alles nach deinen strengen Regeln.“ Sie hielt seinem kalten Blick stand. „Kurz vor seinem Tod haben Tom und ich es mit einer In-vitro-Fertilisation versucht.“ Sie sprach hastig, weil sie die Sache schnell hinter sich bringen wollte. „Wir haben dafür die Samenspende benutzt, die er vor seiner Bestrahlung abgegeben hat.“ Sie senkte die Hand, und als die Fahrstuhltüren sich schlossen, wurde ihr die stille Genugtuung zuteil, zu sehen, wie Gabe Masters mit offenem Mund dastand.

2. KAPITEL

Chastity trat in den lichtdurchfluteten Innenhof hinaus und zwang sich, langsam und tief durchzuatmen. Eigentlich hätte sie erleichtert sein sollen, dass sie ihr Versprechen Tom gegenüber gehalten hatte, denn jetzt konnte sie nach vorne schauen. Stattdessen kam es ihr vor, als hätte sie so etwas wie eine düstere Vorahnung.

„Erklär es mir noch einmal.“ Die tiefe Stimme, die dicht hinter ihr erklang, erschreckte sie. Chastity wirbelte herum.

Gabe baute sich vor ihr auf.

Es hatte also nicht funktioniert. Chastity hatte gehofft, die Sache wäre erledigt, sobald sie Toms Wunsch entsprochen hatte. Doch natürlich wollte Gabe Näheres wissen. Trotzdem versuchte sie, das Unausweichliche hinauszuzögern. „Musst du nicht zurück in deine Besprechung?“

Ein kleiner Muskel zuckte in seiner Wange. „Marco hat die Verhandlungen übernommen. Er wird auch noch fünf Minuten länger allein zurechtkommen.“ Er schaute demonstrativ auf seine Uhr.

„Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Alles Weitere können wir wieder über unsere Anwälte regeln lassen, so wie alles, seit Toms Tod.“ Sie ging an ihm vorbei und konzentrierte sich auf die Drehtür, die nach draußen, in die Freiheit führte. Und doch wusste sie, dass sich einiges geändert hatte.

Der Tod bedeutete das Ende. Ein Baby war ein neuer Anfang.

Innerhalb von Sekunden war Gabe wieder neben ihr. „Ich möchte, dass du es mir ganz genau erklärst.“ Er sprach ruhig und gelassen, doch Chastity hörte den drängenden Unterton. Dieser Mann war wahnsinnig angespannt.

Gemeinsam traten sie hinaus in die drückende Schwüle. Chastity kannte Gabe gut genug, um zu wissen, dass er nicht lockerließ, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.

„Gegenüber im Park ist eine Bank.“ Das war kein Vorschlag, sondern ein Befehl.

Chastity überlegte. Sie musste nicht mit Gabe reden. Der Nachmittag war auch so schon anstrengend genug gewesen, und am liebsten wäre sie jetzt nach Hause gefahren, um dieses enge Kostüm und die unbequemen Schuhe auszuziehen und einen langen Spaziergang am Strand zu machen. Sie öffnete den Mund, um ihm eine Abfuhr zu erteilen.

„Bitte?“ Er kam er ihr zuvor. Und sie wusste, es war kein Wort, das ihm leicht über die Lippen kam.

„In Ordnung. Fünf Minuten.“ So lange könnte sie sich gerade noch zusammenreißen.

Vor der Parkbank zögerte sie. Gabe schaute sie an. Dann setzte er sich in den Schatten einer Eiche, gerade so als wüsste er, dass er Chastity mit seiner Größe verunsicherte.

Sie setzte sich mit größtmöglichem Abstand neben ihn und atmete noch einmal tief durch. Er benutzte immer noch dasselbe Rasierwasser wie damals, als sie für ihn gearbeitet hatte. Ein unverwechselbarer Duft, der für sie untrennbar mit ihm in Verbindung stand. Für sie roch er nach Macht und Stärke.

„Ich habe hier manchmal gesessen, als ich für dich und Tom gearbeitet habe.“

„Ich weiß.“

Ruckartig hob sie den Kopf. Ja, sie glaubte ihm. Er war einer von den Männern, die immer wussten, was um sie herum passierte.

„Erklär mir das mit deiner Schwangerschaft noch einmal.“ Es war offensichtlich, dass mit Gabe momentan kein Small Talk möglich war.

Wahrscheinlich war das sowieso das Beste. Sie würde ihn über die Fakten informieren und die Gefühle außen vor lassen. Er hatte sich zu ihr herumgedreht. Einer seiner Ellenbogen lag auf der Rückenlehne der Bank, und Chastity vermutete, dass er diese Haltung ganz bewusst eingenommen hatte, um Offenheit zu signalisieren. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Tom wusste, dass die Gefahr bestand, dass er zeugungsunfähig werden könnte. Also hat er, bevor die Bestrahlung begann, eine Samenspende abgegeben.“ Das klang zwar sehr nüchtern, doch das war nötig, um nicht ins Stocken zu geraten. „Das wusstest du doch sicher, oder?“ Tom war vor einigen Jahren, noch ehe Chastity ihn kennengelernt hatte, an Krebs erkrankt. Damals war die Beziehung zu seiner Familie und seinem Bruder noch ungetrübt gewesen.

Gabe nickte und wartete.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er die Fäuste ballte. „Vor ein paar Monaten haben wir uns dann entschlossen, es mit einer künstlichen Befruchtung zu probieren.“

„Seid ihr dazu in dieselbe Klinik gefahren?“

„Ja. Die Bestätigung der Schwangerschaft kam eine Woche vor Toms Unfall.“

„Er wusste davon?“, fragte Gabe leise.

Sie sah auf und begegnete seinem Blick aus zusammengekniffenen Augen. Chastity nickte, und seine Miene wurde noch düsterer.

Abrupt stand Gabe auf und ging ein paar Schritte den Weg entlang. Er rieb sich den Nacken, und Chastity hörte, wie er leise fluchte. Noch nie hatte sie Gabe so aufgewühlt gesehen.

Hinter ihm bewegten sich die Äste im aufkommenden Wind, der die Schwüle des Nachmittags jedoch noch nicht vertreiben konnte. Trotz der dunklen Wolken, die sich am Horizont zusammenballten, war es drückend heiß, und winzige Schweißperlen sammelten sich zwischen Chastitys Brüsten.

Sie betrachtete Gabes Rücken, die breiten Schultern und die geballten Fäuste, die er jetzt in die Taschen seiner schwarzen Hose steckte. Nach einer kleinen Ewigkeit drehte er sich um und kam zu ihr zurück. Er war deutlich blasser als noch vor wenigen Minuten. Jetzt wirkte er nicht nur verärgert, sondern auch frustriert.

„Deinetwegen hat Tom sich mehr oder weniger von der Familie zurückgezogen, und zwar von dem Tag an, als du bei ihm eingezogen bist. Warum erzählst du mir das jetzt alles?“

„Weil er mich darum gebeten hat. Sobald die Schwangerschaft bestätigt worden war, hat er mir das Versprechen abgenommen, dass ich dir von dem Kind und davon, wie es gezeugt wurde, erzähle, falls ihm irgendetwas passiert.“ Sie hatte dem nur zugestimmt, weil Tom zu der Zeit endlich völlig gesund gewesen war. Aber das hatte ihn auf der regennassen Straße nicht vor der scharfen Kurve und dem Strommast bewahrt.

„Und was willst du jetzt von mir?“

„Ich will gar nichts von dir. Es kann alles so weitergehen wie bisher.“

Er schüttelte den Kopf. „Das wird wohl nicht möglich sein.“

„Warum denn nicht?“

„Weil du, falls du die Wahrheit sagst, das Kind eines Masters bekommst. Und wir kümmern uns um unsere Familie.“

Chastity sah ihn entgeistert an. „ Falls ich die Wahrheit sage?“

Lässig hob Gabe eine Schulter. „Du musst zugeben, dass es durchaus auch andere Möglichkeiten gibt.“

Chastity stand auf und marschierte davon. Ihr war egal, wohin, solange sie nur von Gabe wegkam.

So schnell ließ er sich jedoch nicht abschütteln. „Geh weg“, fuhr sie ihn an.

„Ich will die Wahrheit wissen.“

„Als würdest du die glauben. Du glaubst doch nur das, was du hören willst.“ Chastity blieb stehen. „In Ordnung. Die Wahrheit ist, dass ich Tom ständig betrogen habe. Ich weiß nicht, wer wirklich der Vater meines Kindes ist. Es könnte einer von einem Dutzend Männern sein. Also wollte ich versuchen, dich davon zu überzeugen, dass es Toms ist. Denn ich wünsche mir nichts sehnlicher, als weiterhin mit deiner Familie in Kontakt zu bleiben. Offenbar kann man dir aber so leicht nichts vormachen. Also gebe ich auf, und du kannst jetzt gehen. Du wirst nie wieder etwas von mir hören.“ Tränen der Entrüstung stiegen ihr in die Augen, und sie rang nach Atem.

Gabe rührte sich nicht. Eine Sekunde lang schloss er die Augen, bevor er sie wieder öffnete und seufzte. „Es tut mir leid, wenn meine Frage dich verletzt hat.“

Seine Entschuldigung überraschte sie. Normalerweise machte Gabe Masters niemals einen Rückzieher.

Wie versteinert stand Chastity da.

„Wir müssen reden.“ Er deutete auf die Bank. „Möchtest du dich lieber setzen oder ein bisschen spazieren gehen?“

Weder noch. Sie hatte das Versprechen, das sie Tom gegeben hatte, eingelöst. „Wir müssen nichts mehr bereden.“

Mit seinen braunen Augen hielt er sie gefangen. „Ich muss wissen, was du willst. Was du denkst.“

„Das habe ich dir doch schon gesagt: nichts. Ich wollte dich nur über die … Situation aufklären. Tom hat mich darum gebeten. Wenn ihr, du oder deine Eltern, das Kind manchmal sehen wollt, dann finden wir eine Lösung.“

„Meine Eltern wollen es sicher nicht nur zu Weihnachten und an Geburtstagen sehen.“ Er machte eine kleine Pause und fügte hinzu: „Und ich auch nicht.“

„Wirklich?“ Sie versuchte gar nicht erst, ihre Skepsis zu verbergen. Seine Eltern hatten immer nur Perfektion von Tom und Gabe gefordert. Das hatte dazu geführt, dass Tom sich von ihnen distanziert hatte, während Gabe sich zu einem Workaholic und Perfektionisten entwickelt hatte, der nach immer größeren und besseren Geschäften gierte. Sie hatte geglaubt und gehofft, dass sie sich damit zufriedengeben würden, so zu tun, als würden Chastity – und ihr Kind – nicht existieren.

„Ja“, erwiderte er bestimmt.

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann fuhr er fort: „Kannst du ein Kind großziehen?“

„Ich brauche kein Geld, wenn du darauf hinauswillst.“ Wahrscheinlich bezweifelte er jedoch eher, dass sie dafür geeignet war, einen Sprössling der Masters zu erziehen.

Er nickte kurz, und sie hätte zu gern gewusst, was in ihm vorging. Denn dass er etwas ausbrütete, war offensichtlich. Er hatte die Stirn gerunzelt, wie immer wenn er über ein Problem nachdachte. Sie hatte ein mulmiges Gefühl. Gabe fällte keine schnellen Entscheidungen. Er versuchte stets, die Lösung für ein Problem im Alleingang zu finden, und wenn er sie gefunden hatte, setzte er sie um.

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