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Kalte Rache – heißes Herz?

Kate Walker

Kalte Rache – heißes Herz?

1. KAPITEL

Regen prasselte herab, und jeder neue Windstoß peitschte ihr Wasser ins Gesicht. Trotzdem fiel es Sadie nicht schwer, den Weg zu dem Bürogebäude zu finden, in dem sie schon früh am Morgen einen Termin hatte. Seit sie aus der U-Bahn-Station gekommen war, schienen ihre Füße wie von selbst die richtige Richtung zu kennen.

Zum ersten Mal seit Jahren war sie wieder in dieser Gegend, aber noch immer erschien ihr hier alles sehr vertraut. Damals wäre sie mit dem Taxi gekommen oder sogar in einem Wagen mit Chauffeur. Dieser hätte sie natürlich direkt vor der Tür abgesetzt und wäre ihr auch noch beim Aussteigen behilflich gewesen. Damals, als das Büro noch ihrem Vater gehörte. Aber dies war Vergangenheit. Jetzt befand sich hier die Geschäftszentrale des Mannes, dessen erklärtes Ziel es war, Sadies Familie zu ruinieren. Aus Rache dafür, wie man ihn behandelt hatte.

Es war ihm gelungen – vielleicht sogar gründlicher, als geplant.

Tränen mischten sich in die Regentropfen, die Sadie über die Wangen liefen. Während sie auf die gläsernen Eingangstüren zumarschierte, musste sie immer wieder blinzeln. Auf den Scheiben leuchtete in riesigen Goldlettern der Name Konstantos, und zwar genau dort, wo früher der Name ihres Vaters – ihrer Familie – zu lesen war. Schmerzhaft zog sich ihr der Magen zusammen.

Würde es ihr jemals gelingen, dieses Gebäude zu betreten, ohne an ihren Vater zu denken? Seit einem halben Jahr war er nun tot, und der Mensch, der ihm alles genommen hatte, stand jetzt an der Spitze des Unternehmens, das ihr Urgroßvater aus dem Nichts aufgebaut und zu einem Imperium gemacht hatte.

„Nein, niemals!“, murmelte sie, warf ihre langen kastanienbraunen Haare in den Nacken und öffnete die Tür. Mit einem entschlossenen Ausdruck in den grünen Augen steuerte sie auf den Empfang zu. Die Absätze ihrer Pumps ließen jeden Schritt auf dem Marmorfußboden des Foyers widerhallen.

„Nein!“, flüsterte sie wieder.

Niemals würde sie es den bitteren Erinnerungen erlauben, die Gegenwart zu überschatten und ihre hart erkämpfte Entschlossenheit ins Wanken zu bringen. Sie hatte sich vorgenommen, in die Höhle des Löwen zu gehen, und nichts würde sie aufhalten. Es war ihre letzte Chance. Sie würde ihn bitten – wenn es sein musste, sogar auf Knien anflehen –, ihnen noch diesen einen Aufschub zu gewähren. Es wäre nicht auszudenken, wie es sonst weiterginge. Nicht nur für Sadie selbst, sondern auch für ihre Mutter und ihren kleinen Bruder. Eine Schwäche konnte sie sich jetzt einfach nicht leisten.

„Ich habe einen Termin mit Mr. Konstantos … Nikos Konstantos“, teilte sie der Empfangssekretärin mit.

Sie hoffte, das Zittern in ihrer Stimme würde nicht verraten, wie schwer es ihr fiel, diesen Namen auszusprechen. Seinen Namen. Den Namen des Mannes, den sie einst bedingungslos geliebt hatte. Den Namen, der beinahe auch ihrer geworden wäre – für immer. Zumindest hatte sie das geglaubt, bis ihr schmerzlich klar wurde, dass sie nur eine Schachfigur in einem Machtspiel war – einem sehr grausamen Spiel, in dem es um Rache und Vergeltung ging. Und um Wunden, die schon vor sehr langer Zeit geschlagen worden, die nie verheilt waren und das Leben aller Beteiligten noch immer stark beeinträchtigten – ihr eigenes eingeschlossen.

„Wie ist denn Ihr Name?“, erkundigte sich die Dame am Empfang freundlich.

„Carter“, antwortete Sadie und blickte verlegen zu Boden. „S…Sandie Carter“. Eine Lüge!

Trotzdem hatte sie keine andere Wahl. Niemals wäre Nikos Konstantos bereit, sie unter ihrem wirklichen Namen zu empfangen. Kühl und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, würde er ablehnen. Und Sadie würde sich weiter so fühlen, wie das seit Anfang der Woche der Fall war – mittellos, verloren und völlig verzweifelt.

Auch jetzt war sie nicht gerade optimistisch, wenn sie an das Gespräch dachte. Immerhin aber wurde sie erwartet, wie ihr die Sekretärin nach einem Blick auf eine Liste im Computer bestätigte.

„Ich bin etwas früh dran“, entschuldigte Sadie sich. Das war leicht untertrieben, denn tatsächlich war sie viel zu früh dran. Sie hatte noch über eine halbe Stunde Zeit. Ihre innere Unruhe hatte sie weitaus früher als nötig aus dem Haus getrieben.

„Das macht nichts. Eigentlich passt es sogar recht gut“, erwiderte die Sekretärin zu Sadies Überraschung. „Ich sehe gerade, ein Termin wurde abgesagt – das heißt, Mr. Konstantos kann Sie sofort empfangen.“

„Oh, danke“, stieß Sadie hervor. Das war alles, was ihr einfiel.

Sie hatte sich vorgenommen, den Stier bei den Hörnern zu packen, und nun würde sie die Sache auch durchziehen. Dennoch zitterten ihr die Knie beim Gedanken daran, Nikos gegenüberzutreten – noch dazu in dem Büro, in dem einst ihr Vater gesessen hatte. Welcher Teufel hat mich nur geritten, hierherzukommen? fragte sie sich kleinlaut. Wie konnte ich nur annehmen, ich würde dieser Begegnung gewachsen sein? Der ersten Begegnung nach fünf Jahren – in dem Gebäude, das sie so sehr an den Untergang des Familienunternehmens erinnerte.

„Vielleicht sollte ich doch …“, begann sie zögernd. Plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob sie das alles durchstehen konnte. Ich erfinde einfach eine Ausrede, dachte sie, einen anderen Termin … meine Mutter hat angerufen … irgendetwas. Hauptsache, ich komme hier heraus, bevor ich ihm …

„Mr. Konstantos …“

Allein am Gesichtsausdruck der Empfangsdame, ihrem Lächeln und dem Tonfall ihrer Stimme hätte Sadie schon erkannt, wer soeben das Foyer betreten hatte – auch ohne, dass der Name gefallen wäre.

Die Dame deutete mit einer leichten Kopfbewegung zu Sadie hinüber und runzelte verwirrt die Stirn, als diese keinerlei Anstalten machte, sich umzudrehen.

„Wie sieht es mit meinem Zehnuhrtermin aus?“

„Die Dame ist gerade eingetroffen.“

Sadie erstarrte, und ihr Kopf war plötzlich ganz leer. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen … außer dem einen, dass er hinter ihr stand.

Nikos Konstantos war unmittelbar hinter ihr. Im nächsten Augenblick würde ihm klar werden, wer sie war.

Seine Stimme … Obwohl nur ein paar Worte gefallen waren, ließ der tiefe, raue Klang Sadie abwechselnd heiße und kalte Schauer über die Haut laufen. Zu einer anderen Zeit hatte diese Stimme ihr im Dunkel der Nacht Worte des Begehrens ins Ohr geflüstert und ihr den Himmel auf Erden versprochen. Und sie war so hingerissen gewesen von diesem sinnlichen Akzent, so bezaubert von der Atmosphäre der Leidenschaft und Verheißung, dass sie jedes Wort für bare Münze genommen hatte.

Jede einzelne seiner Lügen.

„Mrs. Carter?“

Ihr langes Schweigen hatte das Gegenteil von dem bewirkt, was sie sich wünschte. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst oder wäre im dem eleganten Marmorfußboden versunken. Stattdessen war die Sekretärin nun irritiert, sodass sie mit einem fragenden Blick versuchte, Sadie erneut auf den Mann aufmerksam zu machen, der hinter ihr stand.

Auf den Mann, der längst bemerkt haben musste, dass mit dieser Frau da vorne etwas nicht stimmte. Jeder vernünftige Mensch hätte sich gefragt, warum sie so steif und unbeweglich dastand und es an den Grundregeln der Höflichkeit fehlen ließ.

Wenn sie sich jetzt nicht einen Ruck gab und sich umdrehte, würde sie sich nur noch verdächtiger machen und riskieren, dass Nikos misstrauisch wurde. Energisch straffte sie die Schultern, atmete tief durch und drehte sich um … und fand sich von Angesicht zu Angesicht dem Mann gegenüber, den sie einst für die Liebe ihres Lebens gehalten hatte.

Natürlich erkannte er sie sofort – gleichgültig, wie sehr sie sich innerhalb der letzten fünf Jahre verändert haben mochte. Und verändert hatte sie sich – sehr sogar. Das war unvermeidlich bei dem, was hinter ihr lag. Es war nichts mehr übrig geblieben von dem jungen, glücklichen und unbedarften Mädchen, das Nikos damals kennengelernt hatte. Derselbe Nikos, dem sie jetzt gegenüberstand. Sie konnte beobachten, wie ein Schatten über sein Gesicht huschte. Er presste die Lippen zusammen, und seine Wangenmuskeln waren deutlich angespannt. Gleichzeitig stahl sich etwas in seinen Blick – etwas Wildes und Gefährliches, sodass es Sadie eiskalt den Rücken hinunterlief.

„Du!“, stieß er hervor. Nur dieses eine Wort. Aber mehr brauchte er auch nicht zu sagen. Allein in diesem Wort lagen so viel Verachtung und offene Feindseligkeit, dass Sadie förmlich das Blut in den Adern gefror.

„Ja, ich. Hallo Nikos“, sagte sie betont forsch, um ihre Nervosität zu überspielen. Ein Fehler, wie sie sofort erkannte, denn Nikos’ Brauen zogen sich drohend zusammen.

„Wir gehen in mein Büro – sofort!“ Abrupt drehte er sich um und eilte durch das Foyer, ohne sich auch nur noch einmal umzusehen. Offensichtlich hatte er nicht den geringsten Zweifel daran, dass Sadie nachkommen würde. Dass ihr nichts anderes übrig blieb, als seinem Befehl zu gehorchen.

Leider lag er mit dieser Vermutung genau richtig. Sadie hatte zwei Möglichkeiten. Entweder sie folgte ihm in sein Büro, oder sie ging sofort wieder. Aber was dann? Das Schlimmste habe ich ja schon hinter mir, tröstete sie sich. Ich habe mich in die Höhle des Löwen gewagt. Eigentlich kann mir ja jetzt nichts mehr passieren.

Oder vielleicht doch? Immerhin war ihr fester Vorsatz, ruhig und gefasst aufzutreten, bereits gescheitert.

Außerdem hatte sie Nikos aus dem Gleichgewicht gebracht – und das würde er ihr nicht verzeihen. Wenn er etwas hasste, dann waren es Überraschungen, Ereignisse, die er nicht geplant und über die er nicht die Kontrolle hatte. Sadie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er jetzt innerlich vor Wut schäumte.

Sie sah es ihm an. Jeder Zentimeter seiner muskulösen hochgewachsenen Gestalt verriet seinen unterdrückten Zorn. Sie erkannte es an den angespannten Schultern, an der Art, wie er den Kopf hielt. Arrogant wirkte er. Und ungeheuer imposant.

Trotz der widrigen Umstände konnte Sadie nicht umhin, ihren Blick voller Wohlgefallen über Nikos’ beeindruckenden Körper gleiten zu lassen. Über die muskulösen Schultern, die schmalen Hüften und die langen Beine. Selten hatte Sadie ihn im Anzug gesehen, und die förmliche konservative Kleidung betonte noch zusätzlich die Distanz und Entfremdung zwischen ihnen. Das war nicht der Nikos, den sie gekannt und geliebt hatte. Es versetzte ihr einen Stich, sich daran zu erinnern, wie er sich früher ihr gegenüber verhalten hatte – so herzlich und liebevoll.

Zumindest erschien es ihr damals so. Erst viel später hatte sich gezeigt, wie er wirklich war.

„Kommst du?“

Sadie zuckte zusammen. Die Frage holte sie schlagartig in die Gegenwart zurück. Nein, als herzlich und liebevoll konnte man diesen Mann dort wirklich nicht mehr bezeichnen. Ganz im Gegenteil. Ungeduldig und mit gerunzelter Stirn drückte er den Knopf, der die Fahrstuhltür öffnete, und sah Sadie unfreundlich an. Sie beschleunigte ihren Schritt und betrat eilig den Lift. Mit schützend vor der Brust verschränkten Armen lehnte sie sich an die rückwärtige Wand.

Schweigend betätigte Nikos erneut einen Knopf. Die Tür schloss sich.

„Ich …“, begann Sadie, aber ein Blick von Nikos ließ sie verstummen.

Sie hatte völlig vergessen, wie intensiv seine braunen Augen waren. Und wie sie je nach Lichteinfall und Stimmung die Farbe wechseln konnten. Manchmal hatten sie einen warmen Bronzeton, manchmal erinnerten sie an flüssiges Gold. Oder sie wirkten sanft wie Honig. Und ebenso verlockend. Davon war im Moment jedoch nichts zu spüren. Nikos sah sie mit einem Blick an, der ihr das Blut in den Adern erstarren ließ.

Ganz offensichtlich hatte er nicht vor, die Situation für sie erträglicher zu machen. Stattdessen lehnte auch er sich an eine Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Unter halb geschlossenen Lidern sah er sie ungerührt an. Wieder wünschte Sadie sich, im Boden zu versinken. Schließlich hielt sie die unerträgliche Spannung nicht mehr aus.

„Ich … ich kann dir erklären …“ Weiter kam sie nicht. Mit einer abweisenden Geste unterbrach Nikos sie.

„In meinem Büro“, zischte er.

„Aber ich …“, setzte sie erneut an.

„Ich sagte, in meinem Büro!“, wiederholte er, und sein Ton erlaubte keine Widerrede.

Sadie ergab sich in ihr Schicksal. Außerdem hatte sie keine Lust, in diesem Käfig – auf engstem Raum mit Nikos – einen Streit vom Zaun zu brechen. Sie würde sich mit ihm in seinem Büro auseinandersetzen, aber nicht hier. Nicht jetzt.

Beim Anblick seiner Miene beschlichen sie jedoch Zweifel, ob es im Büro leichter gehen würde.

„Na gut. Wie du willst. Dann eben in deinem Büro“, gab sie nach. Allerdings war der Blick, den sie ihm zuwarf, alles andere als gefügig. Mit ihren grünen Augen funkelte sie ihn wutentbrannt an.

Grimmig gestand Nikos sich ein, dass dieser Blick ihn geradezu anstachelte, noch einen Schritt weiterzugehen. Wenn sie wüsste, wie weit ich am liebsten gehen würde … sie würde sofort den Rückzug antreten.

Und zweifellos wäre das auch für ihn selbst das Beste – wenn er auch nur noch einen Funken Verstand besaß. Aber es hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht, festzustellen, dass es sich bei seinem Zehnuhrtermin ausgerechnet um Sadie Carteret handelte – ausgerechnet um die Frau, die ihn einst zum Narren gehalten hatte. Benutzt hatte sie ihn und lächerlich gemacht. Beinahe hätte sie sogar seinen Vater auf dem Gewissen gehabt. Schließlich hatte sie ihn, Nikos Konstantos, am Ende einfach verlassen – an dem Tag, an dem sie eigentlich hatten heiraten wollen. Maßlose Wut stieg in ihm auf. Eigentlich hätte die Erinnerung daran jede romantische Regung vertreiben müssen, aber genau das Gegenteil war der Fall. Begehren hatte ihn erfasst. Nein, wenn er ehrlich war, war es Lust. Pure, unbezwingbare, animalische Lust, und zwar vom ersten Moment des Wiedersehens an, als er sie dort am Empfang stehen sah.

Ein Blick hatte genügt. Ein Blick auf diese zierliche Gestalt, auf die schmale Taille und die sinnlichen Hüften in dem strengen marineblauen Rock. Der Kontrast zwischen ihren sehr weiblichen Formen und der konservativen Kleidung war geradezu aufreizend. Er war wild entschlossen gewesen, diese Sandie Carter näher kennenzulernen, und zwar so schnell wie möglich.

Aber dann hatte sie sich umgedreht, und es war Sadie Carteret. Die Frau, die vor fünf Jahren seine Welt zum Einsturz gebracht hatte, stand plötzlich wieder vor ihm.

Weshalb? Was wollte sie von ihm?

„Nun ja, zumindest sind wir dort ungestört. In deinem Büro“, brach Sadie das gespannte Schweigen. Sie fuhr sich mit einer Hand durch das brünette Haar und strich dann ihren Rock glatt. Offensichtlich war sie innerlich nicht so gelassen, wie sie erscheinen wollte.

Gut so, dachte er. Dann würde sie sich vielleicht irgendwann verraten. Es musste einen Grund geben, warum sie nach all der Zeit plötzlich bei ihm auftauchte.

„Ach? Du möchtest also gern ungestört sein?“

„Du etwa nicht?“ Herausfordernd hob Sadie das Kinn. „Deshalb hast du doch vorgeschlagen, in dein Büro zu gehen. Oder?“

„Richtig. Es muss ja nicht jeder meine Angelegenheiten mitbekommen.“

Das hatte er damals zur Genüge erlebt, als sie wie ein Orkan in sein Leben gestürmt und ebenso plötzlich auch wieder verschwunden war – eine Spur der Verwüstung zurücklassend. Es war schlimm genug gewesen, dass die Wirtschaftszeitungen mit kaum verhohlener Schadenfreude über den Sturz des Konstantos-Imperiums berichteten, aber was Nikos auch heute noch mit einem Gefühl tiefster Demütigung erfüllte, war die hämische Berichterstattung in den Klatschspalten. Wie sehr hatte er Sadie dafür gehasst!

„Glaubst du etwa, mir ginge es anders?“

Interessant, dachte Nikos, anscheinend hat sie wirklich etwas zu verbergen. Er brannte darauf, herauszubekommen, was es war. Vielleicht kann ich es ihr ja endlich heimzahlen, überlegte er. Keine Sekunde würde er zögern, sie den Paparazzi zum Fraß vorzuwerfen. Allein diese Vorstellung erfüllte ihn schon mit Genugtuung.

„Gut, dann sind wir uns zumindest in diesem Punkt einig.“

Er würde taktisch geschickt vorgehen müssen. Es hatte keinen Sinn, Sadie jetzt zu verschrecken. Sobald sie in seinem Büro waren, würde er herausbekommen, was sie zu ihm führte. Er konnte es kaum abwarten.

Aber eigentlich konnte er sich schon denken, warum sie hier war. Letztlich ging es doch immer nur um eines: Geld.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich aus irgendeinem anderen Grund hierhertrauen würde.

Als er ihren Vater ruiniert hatte, war das natürlich auch das Ende ihres Luxuslebens gewesen. Und nun, da Edwin Carteret tot war, gab es niemand mehr, an den sie sich wenden konnte.

Sie musste verzweifelt sein. Sonst wäre sie nicht ausgerechnet zu ihm gekommen – noch dazu unter falschem Namen.

Was hält mich eigentlich davon ab, sie von meinen Sicherheitsleuten aus dem Gebäude bringen zu lassen, fragte er sich. Warum nehme ich sie auch noch mit in mein Büro?

Niemals hätte er zugegeben – nicht einmal sich selbst gegenüber –, dass die Entscheidung bereits in den ersten Sekunden in der Eingangshalle gefallen war. Sadies Anblick hatte eine ganz unmittelbare physische Wirkung auf ihn ausgeübt. Hier in diesem engen Fahrstuhl wurde ihre Nähe ihm nun fast unerträglich. Sogar in den Spiegeln an den Wänden begegnete er noch der Schönheit ihres seidig schimmernden Haars, ihrem hellen zarten Teint und den sanften Kurven ihres Körpers. Genüsslich atmete er den Duft ihrer Haut ein. Erinnerungen wurden in ihm wach und weckten sein Begehren, eine fast animalische Lust. Die Versuchung war fast mehr, als er ertragen konnte.

Dankbar seufzte er auf, als der Fahrstuhl zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich geräuschlos, und Nikos trat zur Seite, um Sadie zuerst aussteigen zu lassen.

„Nach links“, sagte er mürrisch. Schließlich kannte sie den Weg in sein Büro. Außerdem hatte sie automatisch diese Richtung eingeschlagen.

Was für ein Fauxpas, schalt Sadie sich sofort. Ich hätte ihn vorangehen lassen sollen! Aber sie hatte hier so oft ihren Vater besucht, dass es wie ein Reflex gewesen war. Jetzt war sie froh, dass Nikos ihr Gesicht nicht sehen konnte. Zu schmerzhaft war die Erkenntnis, nicht mehr hierher zu gehören, sondern sich jetzt in Nikos’ Territorium zu befinden. Er hatte jetzt die Macht und war hier der uneingeschränkte Herrscher.

Vom Herrscher zum Tyrann war es nur ein kleiner Schritt. Sadie fragte sich, wie Nikos wohl als Chef war – sicher ebenso kompetent wie rücksichtslos. Wie sonst hätte er einen solchen Erfolg haben können? In nur fünf Jahren hatte er die Konstantos Corporation aus der Misere herausgeholt, in die sie durch die Spielsucht seines Vaters geraten war. Und an ihrem Vater hatte er sich brutal gerächt – für dessen Verhalten ihm gegenüber.

„Entschuldige bitte …“ Nach und nach verlangsamte Sadie ihren Schritt, um Nikos die Führung übernehmen zu lassen. Dieser blieb jedoch wie ein dunkler Schatten einen halben Schritt hinter ihr.

Obwohl Sadie ihn nicht sehen konnte, spürte sie seine Ausstrahlung. Sie fühlte die Wärme seines Körpers, atmete den herben Duft seines Aftershaves ein. Erinnerungen an die Privatinsel der Konstantos-Familie und den wunderbaren Blick über das blaue Meer stiegen in ihr auf. Diese Insel gehörte zu dem Vermögen, das ihr Vater der Familie genommen hatte. Sadie vermutete, dass sie jetzt wieder in deren Besitz war, es sei denn, Edwin Carteret hatte sie vorher jemand anderem verkauft.

Beim Gedanken daran stieg ein leichtes Schuldgefühl in Sadie auf. Nikos hatte die Insel geliebt – so wie Sadies Mutter Thorn Trees liebte, das alte Anwesen, das schon seit Generationen zum Familienbesitz gehörte. Sicher würde Nikos nachvollziehen können, warum sie heute zu ihm gekommen war.

„Hier …“

Kaum merklich berührte Nikos Sadie an der Schulter – sie waren vor seinem Büro angekommen. So flüchtig die Geste auch war, sie ließ Sadie doch erschauern. Wie sehr hatte sie seine Berührungen früher geliebt! Damals hatte sie sich ihnen ganz hingegeben. Noch immer konnte sie die Erinnerung an seine zärtlichen Hände auf ihrer brennenden Haut abrufen, an seine Liebkosungen, seine Küsse. Wie bei einem gut gestimmten Instrument löste dieser kurze Augenblick eine Resonanz tief in ihrem Inneren aus.

„Danke. Ich weiß …“

Brüsk drückte sie die Türklinke nach unten, um ihre Verwirrung zu überspielen.

„Wenn du vielleicht trotzdem erlaubst …“, Nikos’ Tonfall war zynisch, und mit einer energischen Bewegung stieß er die Tür auf.

Er hätte kaum deutlicher vermitteln können, dass er – und nicht Sadie – hier bestimmte, und zwar uneingeschränkt.

Ich täte besser daran, das nicht zu vergessen, sagte Sadie sich. Schließlich wollte sie Nikos auf ihre Seite bringen und ihn nicht verprellen. Und schon gar nicht, bevor sie die Gelegenheit bekommen hatte, ihm ihre Situation zu schildern. Sie zwang sich, tief durchzuatmen.

„Vielen Dank.“

Irgendwie gelang es ihr, höflich und souverän zu klingen. Obwohl es wahrscheinlich taktisch klüger war, etwas demütiger und bescheidener aufzutreten. Aber taktisches Geschick war noch nie ihre Stärke gewesen. Außerdem hatte sie im Moment genug damit zu tun, ihr wild klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen. Das ist sicher nur die Anspannung, sagte sie sich. Das bevorstehende Gespräch mit Nikos machte sie eben nervös.

Was sollte es auch sonst sein? Den Gedanken an die Berührung seiner Hand, an den herben Duft seiner Haut würde sie keinen Raum geben … und sie durfte auch nicht zulassen, dass Bilder von vergangenen Momenten der Leidenschaft auftauchten und sie aus dem Gleichgewicht brachten.

„Bitte. Komm herein.“

Noch immer schlug Nikos diesen übertrieben höflichen Ton an. Einen Ton, der Sadie zur Vorsicht mahnte. Nikos erschien ihr wie ein Raubtier kurz vor dem Angriff. Jetzt hieß es äußerst wachsam sein. Hatte er sie deshalb in die Abgeschiedenheit seines Büros gebeten? Damit niemand sie hören und Sadie möglicherweise Beistand leisten konnte?

Plötzlich hatte Sadie das Gefühl, die Beine würden unter ihr nachgeben. Zögernd betrat sie den Raum. Nach ein paar Schritten blieb sie unschlüssig stehen und sah zu Nikos hinüber, der an ihr vorbei zu seinem Schreibtisch ging, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Er macht es mir wirklich nicht leicht, dachte sie verzagt. Krampfhaft überlegte sie, wo sie beginnen sollte, aber ein Blick in Nikos’ verschlossene Miene ließ jeden Gedanken abbrechen.

Und plötzlich entdeckte sie noch eine weitere Regung in seinem Gesicht: eiskalte Wut. Nun, da er in seinem Büro mit ihr allein war, fern von neugierigen Blicken, ließ er endlich die Maske fallen. Der wahre Nikos kam zum Vorschein. Ein Nikos, der die dünne Schicht der Konvention abgestreift hatte wie eine alte Haut. Und jetzt schlug ihr sein unverhüllter Zorn entgegen. Er richtete sich direkt gegen sie.

Das Raubtier war bereit zum Angriff … einem tödlichen Angriff.

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