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Kalte Rache, heiße Leidenschaft?

PROLOG

Lysander Metaxis, griechischer Milliardär, betrat den Salon seiner Luxusjacht, wo seine persönlichen Mitarbeiter bereits auf ihn warteten. Es war halb acht morgens. Da ihr dynamischer Arbeitgeber mit fünf Stunden Schlaf pro Nacht auskam und üblicherweise um sechs Uhr morgens mit der Arbeit begann, bemühte sich jeder, einen hellwachen Eindruck zu machen.

Dimitri, seines Zeichens persönlicher Assistent, überreichte Lysander eine Aktenmappe. „Ich denke, Sie werden zufrieden sein, Sir.“

Das attraktive gebräunte Gesicht konzentriert, entnahm Lysander der Mappe die Fotos von Madrigal Court. Dichte Wälder auf allen Seiten schützten das elisabethanische Herrenhaus vor neugierigen Blicken. Aber eben nicht aus der Luft. Er kannte das altehrwürdige Haus nur von Fotos aus den Alben seiner Mutter, die sie seit ihrer Kindheit verwahrt hatte. Die Luftaufnahmen waren gestochen scharf und zeigten den Verfall, der in den letzten Jahren offensichtlich enorm fortgeschritten war.

Der Blick aus den braunen Augen wurde kalt. An dem Gebäude waren Reparaturen dringend nötig. Das gesamte Dach musste erneuert und die Ziegelsteinfassade ausgebessert werden, und da war eine verdächtigte Ausbuchtung in einer der Giebelwände zu erkennen. Dennoch hatte Gladys Stewart sich immer wieder geweigert, Aristide, seinem verstorbenen Vater, das Anwesen zu verkaufen. Nun, die alte Dame hatte nicht mehr lange zu leben. Lysander ging davon aus, dass mit ihrem Ableben auch ein Kauf endlich möglich wurde.

Vier Jahrhunderte war der Besitz in der Familie seiner Mutter gewesen, bis eine finanzielle Notlage den Verkauf erzwungen hatte. Der Rückkauf von Madrigal Court war für die Metaxis-Familie zu einer Frage der Ehre geworden. Und die Familienehre wiederum war etwas, das für Lysander, Grieche durch und durch, absolute Priorität besaß. Für seine Skrupellosigkeit berüchtigt, war er ein Mann, mit dem man sich besser nicht anlegte. Doch selbst als einer der reichsten Männer der Erde hatte er seine bescheidenen Anfänge nie vergessen, auch nicht die gnadenlose Ablehnung, die er hatte erfahren müssen, bevor das Glück ihm endlich hold war und ihm Virginia und Aristide Metaxis als Adoptiveltern schenkte.

Das Wissen um diese unbezahlbare Schuld brachte ihn ins Grübeln, düstere Schatten zogen über sein Gesicht. Dabei war Lysander für seine kühle Beherrschtheit bekannt. Doch die Ereignisse der letzten Zeit hatten den Rückkauf von Virginias Elternhaus zu einer dringenden Mission werden lassen und den ursprünglichen Plan, das Anwesen irgendwann in unbestimmter Zukunft wieder zu erstehen, aufgehoben. Was immer nötig sein mochte, er musste dieses Haus zurückbekommen, und zwar schnell. Der Zeitfaktor war plötzlich von unerlässlicher Bedeutung.

Eine umwerfend aussehende Brünette schlenderte in den Salon, in einen durchsichtigen Sarong gewickelt, der nur wenig von ihrer bemerkenswerten Figur verbarg. Mit einer Fingerspitze beschrieb sie laszive Kreise auf Lysanders Handrücken. „Komm wieder ins Bett“, gurrte sie lockend.

Unmerklich versteifte Lysander sich. „Ich bin beschäftigt.“

Seine Mitarbeiter tauschten verstohlene Blicke. Keine Frau konnte Lysander länger als ein paar Wochen halten. Seine jetzige Gespielin mochte es noch nicht wissen, aber … sie war bereits Geschichte.

„Dimitri …“ Lysander hob den Kopf von den Fotos. „Was sind das da für Kunststoffrohre innerhalb der Gartenmauern?“

Der Assistent trat vor und sah mit gerunzelter Stirn auf die Fotos. „Äh … das Land gehört doch zum Anwesen, oder, Sir? Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung.“

Lysander bedachte Dimitri mit einem vernichtenden Blick und wies an, eine Konferenzschaltung mit seiner Rechtsabteilung herzustellen.

Für seine Anwälte mit Sitz in England wurde es ein schwarzer Tag. Drohungen standen in der Luft, dass Köpfe rollen würden, ehrerbietige Entschuldigungen wurden geliefert. Man überschlug sich und versprach, sich der Sache sofort anzunehmen, doch die Order des griechischen Tycoons lautete, vorerst nichts zu unternehmen.

Er würde den Zeitpunkt wählen, um die Dinge in Bewegung zu setzen.

1. KAPITEL

„Die Metaxis-Familie wartet nur darauf, dass ich sterbe.“ Kalter Hass blitzte aus Gladys Stewarts unversöhnlichem Blick. „Aasgeier … das sind sie alle!“

„Nun, was immer sie sind, sie werden sich noch ein Weilchen gedulden müssen“, sagte die Krankenschwester, die Gladys’ Blutdruck maß, fröhlich. „Sie sind heute in bester Verfassung.“

„Hat man Sie gebeten, sich in ein persönliches Gespräch einzumischen?“, zischelte die alte Dame giftig. „Ich rede mit meiner Enkelin. Ophelia, wo bist du? Ophelia!“

Eine junge Frau mit ungewöhnlichen blassblauen Augen sammelte schmutzige Bettwäsche zusammen. Mit einem entschuldigenden Blick für die Pflegekraft trat sie vor. Sie war relativ klein, trug einen weiten Pullover und eine Hose, ein Aufzug, der ihre Figur kaschierte. Weizenblondes Haar war mit einem einfachen Gummiband zusammengebunden. Es tat ihrer Schönheit keinen Abbruch.

„Ich bin hier, Großmutter.“

Gladys’ Lippen wurden schmal vor Ärger, als sie ihre Enkelin musterte. „Wenn du dir etwas mehr Mühe geben würdest, hättest du längst einen Mann gefunden. Deine Mutter war eine Närrin, aber zumindest wusste sie, wie sie ihr Aussehen einzusetzen hatte!“

Ophelia, Single aus Überzeugung, hätte sich fast geschüttelt, als sie an die übertriebene Koketterie ihrer verstorbenen Mutter mit ihrer Schönheit zurückdachte. Sie, Ophelia, zog bequeme Kleidung und frische Luft vor. „Leider hat ihr das nicht viel eingebracht.“

„Ich habe geschworen, dass die Metaxis-Familie bezahlen wird – und ich habe sie zahlen lassen … Hör zu, ich bin noch nicht fertig!“ Dürre Finger umklammerten hart Ophelias Handgelenk und zogen sie näher heran. „Es könnte passieren, dass Lysander Metaxis persönlich vor der Tür auftaucht.“

Ophelia blieb unbeeindruckt von dieser höchst unwahrscheinlichen Voraussage. Ein Milliardär, berüchtigt für den Harem, den er sich auf seiner Luxusjacht hielt, würde wohl kaum seine Vergnügungen unterbrechen, um sie aufzusuchen. „Das glaube ich weniger.“

„Du brauchst nur dieses Haus“, raunte Gladys ihrer Enkelin ins Ohr, „und ich verspreche dir, all deine Träume gehen in Erfüllung.“

Mit den letzten Worten hatte Gladys sich Ophelias hundertprozentige Aufmerksamkeit gesichert. „Meinst du damit etwa … Molly?“, flüsterte diese hoffnungsvoll.

Wohl wissend, dass Ophelia jetzt atemlos an ihren Lippen hing, wandte Gladys triumphierend den Kopf ab. „Ich könnte es dir verraten, aber … du wirst dich wohl überraschen lassen müssen. Wenn du tust, was ich dir sage, und deine Karten richtig ausspielst, wirst du nicht enttäuscht werden.“

„Meine Schwester zu finden ist alles, was ich mir je erträumt habe.“ Ophelia seufzte. Die alte Frau in dem Bett lachte bellend auf. „Du warst schon immer eine sentimentale Närrin!“

Das Klopfen an der Tür kündigte die Ankunft des Vikars an. „Gehen Sie und genießen Sie die Pause, solange Sie können“, flüsterte die Krankenschwester Ophelia zu.

Sie nickte, nahm die Wäsche und lächelte dem Vikar beim Verlassen des Zimmers freundlich zu. Er war ein gutmütiger Mann, der regelmäßig vorbeischaute und die bissigen Klagen ihrer Großmutter mit stoischer Geduld ertrug.

„Sie kommen umsonst!“, tönte es vom Bett. „Ich werde Ihrer Kirche nicht einen Penny hinterlassen!“

Es erstaunte Ophelia immer wieder, dass ihre Großmutter noch immer so tat, als wäre sie reich, dabei steckte sie bis zum Hals in Schulden. Gladys Stewart würde eine so peinliche Wahrheit natürlich niemals zugeben, sie war besessen von Geld und gesellschaftlicher Stellung. Der Schein musste bis zuletzt gewahrt werden. Madrigal Court, das Anwesen, das Gladys ihren inzwischen verstorbenen Mann damals überredet hatte zu kaufen, verfiel immer mehr. Das Dach war undicht, die Wände feucht, und den Großteil des einst gepflegten Parks hatte sich die Natur längst zurückgeholt. Dieses wunderschöne alte Haus zu einer Ruine verkommen zu lassen und sich dennoch zu weigern, es zu verkaufen, gehörte mit zu der Rache an der Familie Metaxis.

Ophelia blieb am Giebelfenster stehen und schaute hinaus. Fast die gesamte Umgebung gehörte inzwischen Lysander Metaxis, dem griechischen Schiffsmagnaten. Sein Vater war reich gewesen, doch der Sohn übertrumpfte ihn noch bei Weitem. Alles was er anfasste, wurde zu Gold. Und wenn es darum ging, mit Geld um sich zu werfen, gab es niemanden, der das besser konnte als Lysander Metaxis. Jedes Mal, wenn in der Gegend ein Haus zum Verkauf auf den Markt kam, riss er es an sich, mit einem Preisangebot, bei dem niemand mithalten konnte. Vor über dreißig Jahren noch hatte der Metaxis-Familie nur das Pförtnerhaus am Ende der Allee gehört, jetzt waren sämtliche Farmen und die Hälfte der Wohnhäuser in der Stadt in ihrer Hand.

Madrigal Court war ein unabhängiges Reich inmitten des Metaxis-Imperiums, doch schon bald, wenn Gladys nicht mehr war, würde auch das wunderbare alte Haus ihm gehören. Das war schon jetzt abzusehen. Selbst wenn ihre Großmutter ihr einen Teil des Anwesens vererben sollte – was keineswegs feststand … allein die Summe der unbezahlten Rechnungen und die Kosten für die Beerdigung waren Grund genug, das Haus so schnell wie möglich zum Verkauf zu stellen. Ophelia konnte nur hoffen, dass Lysander Metaxis ihr die Möglichkeit lassen würde, das von der Mauer umschlossene Gartenstück zur weiteren Nutzung zu mieten. Schließlich lag es in gebührendem Abstand zum Haus und hatte auch einen eigenen Zugang von der Straße.

Erst stopfte Ophelia die Bettwäsche in die Waschmaschine, dann stieg sie in ihre Gummistiefel und eilte nach draußen. Den Park hatte sie allein nicht in Ordnung halten können, doch der Garten innerhalb der Mauer war eine blühende Oase. Hier wuchsen in säuberlich aufgeteilten Beeten Stauden und exotische Schnittblumen, mit denen sie ihr kleines Geschäft aufbauen wollte. Zwar hatte sie sich inzwischen einen Stammkundenkreis erarbeitet, doch für eine feste Aushilfe reichte es noch lange nicht.

Nach einer guten Stunde Gartenarbeit kehrte sie in die gemütliche Küche zurück, wo ein alter Holzofen aus den Zwanzigerjahren – das modernste Stück im Raum! – für anheimelnde Wärme sorgte.

„Guten Tag! Zeit für den Tee!“, grüßte Haddock sie krächzend von seiner Stange.

„Guten Tag, Haddock.“ Ophelia verstand den Wink und hielt dem großen Papageien eine Erdnuss hin. Sie war mit dem alten Vogel aufgewachsen und liebte ihn geradezu abgöttisch. Und da sie wusste, wie gern er seine Streicheleinheiten hatte, strich sie ihm sanft die Kopffedern glatt.

Bekannte Schritte näherten sich. Pamela Arnold, eine Frau Ende zwanzig mit einem roten Pagenkopf und lustigen braunen Augen, kam in die Küche. „Mädchen, so wie du aussiehst, brauchst du unbedingt einen Mann, an den du dich anlehnen kannst.“

„Nein, danke. So verzweifelt bin ich noch nicht.“ Eine lockere Bemerkung, die Ophelia allerdings durchaus ernst meinte. In ihrem bisherigen Leben waren Männer ein nie verendender Quell von Problemen, Kummer und Enttäuschungen gewesen. Ihr Vater hatte die Familie bereits vor vielen Jahren verlassen und vergessen, dass Ophelia überhaupt existierte. Ihre Mutter war mit einem Mann nach dem anderen ausgegangen, die sie alle entweder um Geld erleichterten, gewalttätig waren oder sie mit anderen Frauen betrogen. Und Ophelias erste Liebe hatte solche Lügen über sie verbreitet, dass sie in der Schule zur Ausgestoßenen geworden war.

„Oh, nicht schon wieder!“, stöhnte Ophelia verlegen auf, als Pamela eine irdene Kasserolle auf den blank geschrubbten Küchentisch stellte. „Du kannst uns doch nicht ständig füttern …“

„Wieso nicht? Du bist im Moment ziemlich erschöpft, und du bist meine beste Freundin. Ich finde zwar nicht gut, wie du dich aufopferst, aber ich kann dir wenigstens ein wenig helfen.“

Ophelia hob kritisch eine Augenbraue. „Ich opfere mich nicht auf …“

„Doch, tust du, noch dazu für eine höchst unsympathische Person. Aber jetzt verschließe ich mein respektloses Mundwerk und sage keinen Ton mehr.“

„Meine Großmutter hat meiner Mutter finanziell unter die Arme gegriffen und mir ein Zuhause gegeben, als ich dringend eines benötigte. Sie hätte weder das eine noch das andere tun müssen.“ Ophelia verstummte. Ihre Großmutter hatte mit ihrer schroffen Art viele Menschen vor den Kopf gestoßen. Gladys war es gelungen, sich durch das strenge britische Klassensystem von ganz unten nach oben zu boxen, um dann einen Mann der obersten Gesellschaftsschicht zu heiraten. Doch letztendlich hatte es nur einen einzigen Schicksalsschlag gebraucht, um der starken Frau den Boden unter den Füßen wegzuziehen und Ophelias viel schwächere Mutter Cathy zu zerstören.

Das war jetzt über dreißig Jahre her, und noch immer hallte das Echo von Verbitterung, Wut und Erniedrigung durch Ophelias Leben. Das tief sitzende Vorurteil hatte auch auf sie Wirkung gehabt, selbst wenn sie immer versuchte, offen zu bleiben. Der Name Metaxis erfüllte sie mit einer unterschwelligen Feindseligkeit, die ihrem heiteren und großzügigen Wesen eigentlich völlig fremd war.

Während sie frischen Kaffee aufbrühte, musste sie ein Gähnen unterdrücken. Der Papagei registrierte es und begann prompt schrill ein Wiegenlied zu pfeifen. Für einen Moment glitt Ophelia zurück in die Vergangenheit. Sie sah wieder Mollys lachendes Gesicht vor sich, umrahmt von dunklen Locken. Bei Mollys Geburt war sie acht Jahre alt gewesen, aber sie hatte sich um das Baby kümmern müssen, weil Cathy der Aufgabe nicht gewachsen war.

Seit acht Jahren hatte sie ihre Schwester nicht mehr gesehen.

Pamela hielt sich die Ohren zu. „Scht, Haddock!“

Eingeschnappt drehte der Papagei den Kopf weg.

„Metaxis Immobilien übernimmt übrigens die Kosten für die Renovierung des Gemeindezentrums“, berichtete Pamela. „Das macht sie jetzt noch beliebter.“ „Lumpenpack!“, krächzte Haddock so laut er konnte. „Nie wird ein Metaxis auf Madrigal hausen!“ Pamela verzog das Gesicht. „Sorry, ich hab vergessen, dass der Name ihn wild macht.“ „Einem Metaxis ist nicht zu trauen!“, gellte der Vogel weiter. „Haddock kann nichts dafür. Die Leute sagen die unmöglichsten Dinge vor ihm, und er schnappt es auf.“

„Ich weiß.“ Pamela schaute betreten drein. „Ich hab ihm ‚Schleimbeutel‘ und ‚Nulpe‘ beigebracht. Sein Vokabular ist altmodisch geworden.“

„Metaxis Bastard!“

„Haddock!“ Ophelia schwang entsetzt herum.

„Na, das hab ich ihm nicht beigebracht“, verteidigte Pamela sich sofort.

Ophelia kannte den Schuldigen, sagte aber nichts. Die schwierige Gegenwart konnte sie nur meistern, indem sie sich auf die Zukunft konzentrierte. Ihre Ausbildung hatte sie nie für eine Karriere nutzen können. Sie war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Die Blumen und Pflanzen in dem ummauerten Garten waren das, was sie am Leben hielt, während sie ihre restliche Zeit darauf verwandte, eine kranke Verwandte zu pflegen, während im Hintergrund der Stapel an Rechnungen wuchs und das Einkommen schrumpfte.

Zu schade aber auch, dass der Milliardär Lysander Metaxis nicht schon heute vor der Tür stand! Schon seltsam, welchen Scherz ihre Großmutter sich da ausgedacht hatte. Für ihren Humor war die alte Dame eigentlich nie bekannt gewesen.

„Ich mag es nicht, wenn man meine Zeit unnütz verschwendet“, erklärte Lysander seinem Londoner Anwalt in unfreundlichem Ton.

„So überraschend es auch sein mag, aber Mrs. Stewart hat Sie in ihrem Testament als Erben mitbedacht. Wie man mir mitteilte, ist Ihre Anwesenheit bei der Testamentsverlesung erforderlich. Der Notar richtet sich mit einem Termin nach Ihnen, wie er mir versichert hat.“

Lysander stieß leise die Luft durch die Zähne aus. Rätsel mochte er ebenso wenig. Warum sollte Gladys Stewart ihn in ihr Testament einschließen? Es ergab keinen Sinn.

„Vielleicht hat sie auf dem Sterbebett ja doch noch Reue empfunden. So etwas kommt häufiger vor.“

„Ich brauche den Segen dieser Frau nicht, um das Anwesen zu kaufen.“ Lysander hatte Gladys Stewart nie getroffen. Sein Vater hatte sie einmal als geldgierige Harpyie beschrieben. Immerhin hatte sie Aristide und Virginia jahrelang eine gewisse Angst eingejagt, was Lysander aber auf ein übertriebenes und unbegründetes Schuldgefühl seiner Adoptiveltern zurückführte. Was war denn so Schlimmes passiert? Sein Vater hatte die Verlobung mit Gladys’ Tochter Cathy gelöst, um Virginia zu heiraten. Solche Dinge passierten eben, andere Leute mussten auch damit leben lernen.

Achtundvierzig Stunden später landete Lysanders Helikopter auf Madrigal Court. Lysander reiste nie allein, ein Team von ausgewählten Mitarbeitern und seine neueste Bettgespielin, Anichka, ein russisches Topmodel, waren mit dabei.

„Was für ein wunderschönes Haus“, entfuhr es einer jungen Frau aus dem Team untypisch verträumt.

Lysander blieb unbeeindruckt. Geschichte hatte ihn noch nie wirklich interessiert, und ein zerfallenes Gebäude in einem verwilderten Park widerstrebte seinem Sinn für Ordnung und Disziplin. Wenn so viele Schäden schon auf Anhieb zu erkennen waren, dann war das nur die Spitze des Eisbergs. Seine Lippen verzogen sich zu einem Strich. Es würde eine Herauforderung werden, die Reparaturen schnell über die Bühne zu bringen.

„Es fällt zusammen“, bemerkte Anichka und wischte sich angeekelt den Staub von den Händen, weil sie unklugerweise das schmiedeeiserne Geländer der kleinen Brücke über den Wassergraben berührt hatte.

Mit einem einzigen kritischen Blick hatte Lysander den Zustand des Hauses erfasst. Es war eine Bruchbude, eine vierundzwanzigkarätige Ruine, nichtsdestotrotz eine Ruine. Doch ganz gleich, wie hoch der Preis auch sein mochte, er würde das Anwesen kaufen.

Morton, der Notar, begrüßte sie in der Halle und führte sie in einen Salon, in dem das meiste Mobiliar mit Laken vor Staub geschützt wurde.

„Leider wird Mrs. Stewarts Enkelin Ophelia sich etwas verspäten. Aber sie ist sicher bald hier“, entschuldigte sich der ältere Mann beflissen.

In genau diesem Moment bremste Ophelia ihren zerbeulten Landrover im Hof mit quietschenden Reifen ab. Sie war spät daran, und sie war wütend. Denn obwohl sie den Notar informiert hatte, dass sie heute noch einen anderen Termin wahrnehmen musste, hatte er ihren Einwand ignoriert. Wer Geld hatte, hatte auch das Sagen, und ein griechischer Milliardär war sicherlich ein wesentlich wertvollerer Mensch als sie!

Diese unverfrorene Gleichgültigkeit ärgerte Ophelia maßlos. Die Beerdigung ihrer Großmutter war noch keine Woche her, und jede Minute ihres Tages war seither damit angefüllt, den Berg von Arbeit zu regeln, der sich vor ihr auftürmte. Außerdem hatte der Notar es nicht für nötig gehalten, sie rechtzeitig über die persönliche Anwesenheit von Lysander Metaxis bei der Testamentsverlesung in Kenntnis zu setzen. Dieses winzige Detail hatte er sich bis gestern aufgehoben.

Ophelia eilte durch die Küche. Es war Unsinn, dass Lysander Metaxis nach Madrigal Court eingeladen worden war. Denn was könnte ihre Großmutter schon dem Mitglied einer Familie vermachen, die sie ihr Lebtag verabscheut hatte? Völlig überrascht über Donald Mortons Mitteilung, dass ein Metaxis bei der Testamentseröffnung anwesend sein würde, war Ophelia schließlich zu dem einzig möglichen Schluss gelangt, dass ihre Großmutter bis zum letzten Atemzug noch von Rachegedanken geleitet worden war. Was genau die alte Dame sich ausgedacht hatte, konnte Ophelia sich allerdings beim besten Willen nicht vorstellen.

Ophelia hatte längst akzeptiert, dass Lysander Metaxis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Anwesen kaufen würde. Es war wohl das Beste, was diesem wunderbaren alten Haus widerfahren konnte. Es brauchte jemanden mit genügend Mitteln für die nötigen Renovierungen. Dennoch wäre es ihr lieber gewesen, wenn sie Lysander nicht treffen müsste. Sie konnte nicht vergessen, dass es sein Vater gewesen war, der das Leben ihrer Mutter zerstört hatte. Aristide war ein Playboy gewesen. Reich, verwöhnt und egoistisch. Ein Frauenheld, der sich nicht darum geschert hatte, welchen Schaden er anrichtete. Lysander Metaxis war noch dekadenter als sein verstorbener Vater, obwohl man heutzutage wesentlich toleranter war. Seit dreißig Jahren wäre er der erste Metaxis, der Madrigal Court betrat.

Vor dem Salon holte Ophelia noch einmal tief Luft, dann öffnete sie die Tür und trat ein.

Donald Morton, der Familienanwalt, wirkte gehetzt, als er eilig die formelle Vorstellung übernahm. „Mr. Metaxis, das ist Ophelia Carter.“

„Mr. Metaxis …“ Die Begrüßung klang mehr als hölzern. Ophelia hielt den Rücken gerade, als der Blick aus den braunen Augen sie traf. Natürlich hatte sie Fotos von ihm in den Zeitungen gesehen, aber sie hätte nicht gedacht, dass er so groß war. Sein Vater war ein eher kleiner, massiger Mann gewesen. Ihr stockte der Atem, denn Lysander Metaxis war ein ausnehmend gut aussehender Mann mit schwarzem Haar und markanten Zügen. Mit jeder Pore strahlte er Macht und Energie aus. Mehr noch … Sogar Ophelia konnte die schwelende Sinnlichkeit dieses Mannes spüren, dabei ließen Männer sie üblicherweise eher kalt.

„Miss Carter.“ Lysander hatte die Augen leicht zusammengekniffen. Irgendetwas an ihr fesselte ihn, er konnte nur nicht sagen, was es war. Sie war klein, mit goldenem Haar wie der Sonnenschein, das sie zu streng zurückgesteckt trug. Ihre Augen hatten die Farbe von hellen Aquamarinen und strahlten aus einem herzförmigen Gesicht. Erst im Nachhinein fiel ihm ihr Aufzug auf – sie trug eine Windjacke und Jeans, die Hosenbeine steckten in lehmigen Gummistiefeln. Als sie die Jacke ablegte, zeigten sich unter der Bluse erstaunlich pralle Kurven über- und unterhalb einer wespenschlanken Taille. Heiß, lautete sein Urteil schließlich. Und zwar richtig heiß. Die Reaktion seines Körpers erfolgte sofort und war schmerzhaft intensiv. Es erstaunte ihn.

Natürlich bemerkte Ophelia den Blick, der auf ihren vollen Brüsten haftete. „Was glauben Sie, wohin Sie da starren?“, fragte sie verärgert.

Lysander konnte sich an kein einziges Mal erinnern, bei dem eine Frau so feindselig auf sein Interesse reagiert hätte. Vor allem nicht eine so winzige Frau, dachte er amüsiert. Wahrscheinlich könnte er sie mit einer Hand hochheben.

„Auf die Stiefel?“, schlug er vor.

Seine tiefe, samtene Stimme jagte Ophelia einen prickelnden Schauer über den Rücken. Als sie auf seinen Blick traf, hatte dieser die Auswirkungen eines Erdbebens auf ihre Fassung. Ihr Mund wurde trocken, ihr Puls beschleunigte sich, ihr Herz schlug wild an ihre Rippen wie ein gefangener Vogel im Käfig.

„Ich habe eine Vorliebe für Stiefel“, fügte er noch träge hinzu. Der Familienanwalt stand stumm dabei und schaute mit wachsender Verwirrung von einem zum anderen. „Mit hohen Absätzen allerdings. Von Lehm und Gummi halte ich nichts.“

Ophelia hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie mit diesem doppeldeutigen, lasziven Ton umgehen sollte, sie wusste nur, dass ihre Wangen brennend heiß wurden. Wortlos ließ sie sich auf einem Sessel nieder und weigerte sich, Lysander noch einmal anzuschauen.

„Wir sollten anfangen“, meinte Lysander ungerührt.

Ophelia musste feststellen, dass sie nach dieser kurzen Vorstellung darauf hoffte, die Testamentsverlesung möge ein riesiges Loch in Lysanders Metaxis’ unglaubliches Ego schlagen. Und sie ärgerte sich über sich selbst. Wieso ließ sie zu, dass er sie so aufrieb?

„Vorab möchte ich einen Punkt klarstellen“, hob Donald Morton angespannt an. „Dieses Testament wurde vor vier Monaten aufgesetzt, als Mrs. Stewart sicher wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte. Da sie die Möglichkeit einer gerichtlichen Anfechtung ausschließen wollte, unterzog sie sich vorher einer genauesten psychiatrischen Untersuchung. Mrs. Stewart war im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, wie die Diagnose bestätigt.“

Ophelias ungute Ahnung wurde stärker. Dieses Testament musste ziemlich ungewöhnlich sein. Sie hoffte nur, sie würde sich gleich nicht in einer extrem peinlichen Situation wiederfinden. Allerdings konnte sie sich auch nicht vorstellen, weshalb sie sich bei der Metaxis-Familie entschuldigen sollte.

„Ich vermache“,

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