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Kalte Rache – heiße Küsse

1. KAPITEL

Der Millionär Carl Stone hatte sein Firmenimperium perfekt unter Kontrolle, doch das Wetter konnte er zu seinem Leidwesen nicht beeinflussen. Ausgerechnet heute, am Hochzeitstag seiner einzigen Tochter, sollte es laut Wetterbericht den ersten Schnee geben.

Die dunklen Wolken, die am Himmel aufzogen, verhießen nichts Gutes. Und tatsächlich, in dem Augenblick, als die ersten Gäste eintrafen und sich den Weg durch die Zuschauermenge vor der Absperrung rund um die Kathedrale bahnten, fielen die ersten dicken Flocken. Doch das konnte niemandem die Laune verderben. Wenn es hätte sein müssen, wären die Leute in ihren Designeroutfits auch durch hohen Schnee gestapft, um die Hochzeit des Jahres nicht zu versäumen.

Nur der große, schlanke Mann, der mit den Händen in den Hosentaschen scheinbar gelangweilt abseits vom Geschehen an dem Stamm der imposanten alten Eibe lehnte, schien dem bedeutenden Ereignis nichts abgewinnen zu können. Schneeflocken bedeckten sein dunkles Haar und das Jackett seines eleganten dunklen Anzugs, er war jedoch offenbar völlig immun gegen den schneidenden Wind.

Nur gelegentlich, wenn er den Gruß eines Freundes oder Familienmitglieds erwiderte, hellte sich seine finstere Miene auf.

Für die wenigen, die ihn nicht kannten, war klar, dass er Grieche und ein Verwandter des Bräutigams sein musste. Das verrieten sein dunkles Haar, seine gebräunte Haut und das markante Profil. Die Frage nach seiner Identität stellte sich jedoch nicht, denn unter den Gästen befand sich kaum jemand, der nicht wusste, wer er war. Die meisten kannten vermutlich sogar sein Sternzeichen und seine Schuhgröße und spekulierten über die Höhe seines riesigen Vermögens.

Christos Carides, der Besitzer des Firmenimperiums Carides Empire, strahlte Macht und Autorität aus und war genauso bekannt und berühmt wie der Gastgeber. Wie aus zuverlässigen Quellen verlautete, war er sogar noch reicher als Carl Stone – und er war wesentlich attraktiver als dieser, wie man mit Fug und Recht behaupten konnte.

Allerdings täuschte der Eindruck, er sei unempfindlich gegen den frühen Wintereinbruch. Nach seinem vierwöchigen Aufenthalt im sonnigen Australien empfand er die eisige Kälte als genauso unangenehm wie die frostige Atmosphäre, die zwischen ihm und dem Bräutigam herrschte.

Als er an seinen Cousin Alex dachte, verzog er sekundenlang die so verführerisch und sinnlich wirkenden Lippen.

In dem Moment kam ein junger Mann mit blondem Haar auf ihn zu. „Ich bin Peter“, stellte er sich atemlos vor.

„Ja, ich erinnere mich an dich. Du bist Carls Patensohn, stimmt’s?“

Peter nickte. „Ich bin Trauzeuge, weil du …“ Er verstummte.

„Weil ich mich geweigert habe“, half Christos ihm aus der Verlegenheit.

„Du ahnst ja nicht, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen.“

„Fein, dass ich dich glücklich machen konnte“, antwortete Christos spöttisch. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fügte er hinzu, als der junge Mann keine Anstalten machte, weiterzugehen.

„Du musst unbedingt mitkommen.“

Bei der dramatisch klingenden Feststellung straffte Christos die Schultern und stieß sich mit einer eleganten Bewegung von der Eibe ab. „So? Muss ich das?“

Seine ironisch klingende Stimme und sein kühler Blick ließen Peters Hoffnungen schwinden. „Alex braucht dich unbedingt. B… bitte, Christos“, stotterte er. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Er ist völlig fertig, und wenn mein Onkel ihn so sieht, ist die Hölle los“, prophezeite er düster. „Alex hat sich gestern Abend sinnlos betrunken und ist nicht mehr er selbst.“

Christos war nicht überrascht. Es hätte ihn sogar erstaunt, wenn sich sein Cousin keinen Ausrutscher erlaubt hätte. In Stresssituationen verlor er immer die Nerven, und die Erbin und einzige Tochter eines der reichsten Männer Englands zu heiraten fiel bestimmt unter diese Kategorie.

„Wenn du Alex besser kennen würdest, wüsstest du, dass er momentan ganz er selbst ist“, antwortete Christos gleichgültig.

Hinter Alex’ charmantem Auftreten verbarg sich ein schwacher Mensch. Und wie so viele unsichere Männer reagierte er gehässig und boshaft, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.

„Ich glaube, du hast mich nicht richtig verstanden. Alex kann kaum noch gerade stehen und fängt immer wieder an …“, Peter machte eine Pause und sah sich vorsichtig um, „… zu weinen.“

Einen Mann weinen zu sehen ist für Peter offenbar das Peinlichste an der ganzen Situation, dachte Christos. „Was habe ich damit zu tun?“, fragte er betont langsam.

„Willst du ihm etwa nicht helfen?“ Peter war schockiert und empört.

„Nein“, erklärte Christos ungerührt.

Unter normalen Umständen hätte der jüngere Mann nicht gewagt, Christos Carides zu kritisieren. Aber die Aussicht, ganz allein mit der schwierigen Situation fertig werden zu müssen, ließ ihn jede Vorsicht vergessen.

„Ich wollte Alex nicht glauben, als er dich als einen gefühllosen und hartherzigen Menschen geschildert hat!“

Christos lächelte kühl. „Das war ein Fehler von dir“, erwiderte er nachsichtig. „Falls du einen Rat brauchst: Am besten steckst du Alex mit dem Kopf in einen Eimer eiskalten Wassers und flößt ihm anschließend einen starken schwarzen Kaffee ein. Aber mach dir keine Sorgen“, fügte er hinzu, „er ist unverwüstlich. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst, ich warte auf jemanden.“ Mit einem flüchtigen Kopfnicken verabschiedete er Peter.

„Mein Onkel hat recht. Du und der Rest der Familie Carides mögt euch ja für etwas Besseres halten, doch in Wahrheit seid ihr verdammte Schurken. Ihr kennt keine Moral, keine Skrupel und habt keine Manieren“, rief Peter zornig aus.

Statt beleidigt zu sein, schenkte Christos ihm ein strahlendes Lächeln. „Waren das seine Worte?“, erkundigte er sich spöttisch.

Obwohl Peter ihm körperlich unterlegen war, weckte Christos’ Reaktion in ihm den heftigen Wunsch, mit den Fäusten auf ihn loszugehen. So dumm war er dann aber doch nicht, so etwas zu tun. Immerhin war Christos mindestens einsfünfundachtzig groß und sehr sportlich.

Erst nachdem er sich beruhigt hatte, wurde ihm bewusst, dass einige der Gäste die Szene neugierig verfolgten, was Peter im Gegensatz zu Christos ausgesprochen peinlich war. Er biss die Zähne zusammen und ging mit so viel Würde, wie er unter den Umständen aufbringen konnte, davon.

Langsam näherte sich Becca Summer der Absperrung. Vor lauter Nervosität war ihre Kehle so trocken, dass sie keine zwei Worte herausgebracht hätte, und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Vor sechs Wochen hatte sie sich noch viel stärker gefühlt und sich weitaus kämpferischer gegeben.

„Leute wie die Carides machen mich ganz krank“, hatte sie verächtlich erklärt und ihre jüngere Schwester Erica mitfühlend angeschaut. „Sie glauben, sich wegen ihres Reichtums und ihrer Macht alles erlauben zu können.“

„Ach, Becca, es bringt doch nichts, sich aufzuregen“, entgegnete Erica deprimiert.

„Was soll ich denn sonst tun? Es ihm heimzahlen?“

„Du liebe Zeit, meinst du das ernst?“ Erica lachte auf. „Wir reden hier von den Carides’!“

„Bist du etwa der Meinung, diese Leute dürften ungestraft auf den Gefühlen anderer herumtrampeln?“, fragte Becca.

„Sie tun es einfach, keiner kann sie daran hindern, Becca“, antwortete Erica freudlos.

Becca hatte mit den Tränen gekämpft und hitzig erklärt: „Eines Tages werde ich ihnen zeigen, dass sie mit anderen nicht so rücksichtslos und grob umspringen können, wie es ihnen gerade passt, ohne dass jemand sie zur Rechenschaft zieht.“

Sie hatte es in der Hitze des Gefechts gesagt und vermutlich selbst nicht daran geglaubt, dass sich ihr jemals die Gelegenheit bieten würde, dem Mann, der ihre Schwester so schäbig behandelt hatte, einen Denkzettel zu erteilen. Jetzt aber war es so weit. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?, überlegte sie und bereute plötzlich ihren spontanen Entschluss.

Als jemand sie im Vorbeigehen interessiert musterte, nahm sie rasch die Kappe ab, mit der sie in diesem exklusiven Rahmen fehl am Platz wirkte, und fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten tizianroten Locken. Dann schüttelte sie den Kopf, sodass ihr das lange Haar über den Rücken fiel.

Ich darf nicht aufgeben, mahnte sie sich, obwohl sie sich zu Tode ängstigte. Zu allem Überfluss war sie nach der langen Fahrt sehr erschöpft. Am Abend zuvor hatte sie sich kurz entschlossen in ihren alten VW-Käfer gesetzt und war von Yorkshire nach London gefahren, nachdem sie in der Zeitung den Bericht über die Hochzeit des Jahres gelesen hatte.

Es ist erstaunlich, was man auf sich nimmt, wenn man sich für die jüngere Schwester verantwortlich fühlt und sie beschützen will, dachte sie. Da ihr unterwegs das Benzin ausgegangen war, hatte sie um drei Uhr in der Nacht zu Fuß eine einsame Landstraße entlang fünf Meilen zur nächsten Tankstelle laufen müssen. Die Erfahrung hätte sie sich gern erspart. Dass es angefangen hatte zu schneien, hatte alles noch schlimmer gemacht. Es war recht außergewöhnlich, dass Anfang November schon Schnee fiel.

Die nächtliche Wanderung hatte Becca eine Blase am rechten Fuß eingebracht und die Erkenntnis, dass so spontane Aktionen vielleicht doch nicht das Wahre waren. Wenn das hier vorbei war, würde sie sich nie wieder zu so etwas hinreißen lassen, denn im Grunde war sie ein vernünftiger, vorsichtiger und besonnener Mensch. Und das war auch einer der Gründe, weshalb ihre Beziehung mit Roger gescheitert war.

Ihre Familie und Freunde hatten sie in jeder Hinsicht unterstützt, als sich Roger eine Woche nach der Trennung mit einer attraktiven Blondine verlobte. Becca war jedoch nicht so erschüttert gewesen, wie alle geglaubt hatten. Deshalb verursachte ihr das Mitgefühl, das man ihr von allen Seiten entgegenbrachte, ein schlechtes Gewissen. Nach einigen Wochen war ihr die Opferrolle nur noch lästig, und sie sprach mit Erica darüber.

„Mach dir deswegen keine Gedanken“, erwiderte Erica. „Es dauert sowieso nicht mehr lange, bis es einen neuen kleinen Skandal gibt, über den die Leute reden können. Dann seid du und Roger vergessen.“

Niemand hatte jedoch damit gerechnet, dass ausgerechnet Erica Stoff für diesen neuen Skandal lieferte.

An dem Tag, als der Krankenwagen mit Blaulicht und Sirenen vor dem hübschen, stilvollen Doppelhaus hielt, in dem Becca und ihre jüngere Schwester aufgewachsen waren, erfuhr die Familie von Ericas Schwangerschaft. Für das Baby war leider jede Hilfe zu spät gekommen, die Ärzte hatten es nicht retten können.

Nachdem man ihnen im Krankenhaus versichert hatte, es sei alles in Ordnung mit Erica und sie könne schon am nächsten Tag wieder entlassen werden, fuhren ihre Eltern, die noch unter Schock standen, und Becca nach Hause. Es herrschte eine gedrückte Stimmung, und da Becca nichts Besseres einfiel, machte sie erst einmal Tee.

„Sie ist doch erst achtzehn“, sagte ihre Mutter gerade, als Becca mit dem Tablett in den Händen ins Wohnzimmer kam.

„Na ja, vielleicht ist es besser so.“

„Du meinst, es sei besser, dass sie das Baby verloren hat?“ Elspeth Summer blickte ihren Mann empört an.

„So hat Dad es doch gar nicht gemeint“, mischte Becca sich ein. „Oder, Dad?“

„Natürlich nicht“, antwortete ihr Vater, dankbar für die Unterstützung. „Da ich unsere Erica kenne, wollte ich nur andeuten, dass am Ende wahrscheinlich ihr beide, du und Becca, euch um das Kind hättet kümmern müssen“, fügte er mit trauriger Miene hinzu.

„Es ist ja okay, mein Lieber“, beschwichtigte Elspeth Summer ihren Mann. „Wenn wir sie strenger erzogen hätten …“

Es war eine endlose Reihe von Selbstvorwürfen gefolgt. Dabei waren ihre Eltern die Allerletzten, die Grund hatten, sich etwas vorzuwerfen. Liebevollere und verständnisvollere Eltern hätte Becca sich gar nicht wünschen können.

Ja, ich bin es meiner Schwester und meinen Eltern schuldig, es diesem Mann heimzuzahlen, dachte sie jetzt und presste die Lippen zusammen. Sie war fest entschlossen, auf der Hochzeit des Jahres einen Eklat zu provozieren.

2. KAPITEL

Während Peter zum Seiteneingang der Kathedrale eilte, spürte Christos sekundenlang Gewissensbisse und überlegte, ob er ihm folgen solle. Nein, das wäre lächerlich und absurd. Weshalb sollte er seinem Cousin nach allem, was geschehen war, noch helfen?

Alex musste endlich lernen, die Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen. Vor einem Jahr war Christos mit dem Versuch, den jüngeren Mann zur Vernunft zu bringen, kläglich gescheitert.

„Du bluffst doch nur“, hatte Alex lachend erklärt, als Christos ihm Konsequenzen angedroht hatte, falls er so weitermache wie bisher.

Christos schüttelte den Kopf. „Nein. Du wirst ab sofort regelmäßig ins Büro kommen und deine Zeit weder mit Kaffeetrinken noch mit Flirten verbringen, sondern ernsthaft arbeiten. Das ist ein Befehl. Wenn du dich nicht danach richtest, werde ich dir das üppige Gehalt streichen.“

Christos meinte es ernst. Und weil er sich nicht davon abbringen ließ, warfen ihm einige Familienmitglieder hinter seinem Rücken vor, herzlos zu sein. Sie wagten natürlich nicht, es ihm ins Gesicht zu sagen. Viele fanden sein Vorgehen jedoch richtig und zollten ihm Beifall.

Wie perfide Alex reagieren würde, hatte Christos nicht ahnen können.

Mit seiner Exverlobten Melina hatte er vereinbart, am Abend bei ihr vorbeizukommen, um ihr die Schlüssel zurückzugeben und seinen Laptop abzuholen.

„Sei doch nicht dumm, wir haben keinen Grund, uns aus dem Weg zu gehen“, erklärte Melina, als er ihr am Telefon sagte, sein Chauffeur würde ihr die Schlüssel bringen. „Komm doch selbst, und lass uns auf die gute Zeit, die wir miteinander hatten, anstoßen.“

Ihren gehässigen und triumphierenden Blick, als er ihr Apartment betrat, hatte er noch nicht vergessen. Zwischen leeren Weinflaschen hatten sie und Alex nackt auf dem Teppich gelegen. Die Schuldgefühle, die Christos hatte, seit er vor einer Woche die kurze Verlobung mit ihr gelöst hatte, verschwanden auf der Stelle.

Eigentlich war es kaum zu glauben, dass er außer Verachtung und Abscheu nichts für die Frau empfunden hatte. Weder verspürte er irgendwelche Rachegefühle, noch berührte ihn das arrogante Lächeln seines Cousins. Die Szene war einfach zu schmutzig und zu geschmacklos.

Schweigend legte er die Schlüssel auf den Tisch, nahm seinen Laptop und verließ Melinas Wohnung. Er verstand nicht mehr, dass er jemals geglaubt hatte, diese Frau heiraten zu können.

Als seine Großtante erschien, verdrängte er die trüben Gedanken. Er hörte sie schon von Weitem. Ihre hagere Gestalt hatte sie in mehrere Lagen warmer Kleidung gehüllt und das graue Haar unter einem altmodischen Hut verborgen. Ihre Stimme klang so laut und durchdringend wie eh und je.

„Schnee im November! Das gehört sich einfach nicht. Das englische Wetter bringt mich noch um“, ereiferte sie sich an einen anderen Gast gewandt.

„Das bezweifle ich sehr“, erklärte Christos.

Als Theodosia Carides ihren Neffen erblickte, erhellte ein Lächeln ihr faltiges Gesicht.

„Du bist also doch gekommen“, stellte sie fest und ließ sich von ihm zur Begrüßung auf die Wange küssen.

„Ich wollte doch die Gelegenheit nicht versäumen, dich wiederzusehen, Theodosia.“

„Heb dir deinen Charme für andere auf“, erwiderte die siebzigjährige Dame und verbiss sich das Lächeln, während sie sich an seinem Arm in die Kathedrale führen ließ. „Ich bin dagegen immun. Aber ich dachte, du seist in Australien, Christos.“

„Das war ich auch.“ Im Vorbeigehen erblickte er Melina, die genauso umwerfend gut aussah wie immer, und sie nickten sich höflich zu.

„Hat Alex dich wirklich gebeten, sein Trauzeuge zu sein?“, fragte seine Tante.

„Ja.“

„Und du hast es abgelehnt? Dafür hattest du bestimmt deine Gründe, oder?“

Christos dachte gar nicht daran, ihre Neugier zu befriedigen. „Natürlich. Soll ich dir die Tasche abnehmen?“ Die große Handtasche hatte sie fest an sich gepresst.

„Die kann ich selbst tragen“, versicherte sie ihm leicht ungehalten und blieb kurz stehen, um tief Luft zu holen. „Du weißt vermutlich, dass Andrea behauptet, du hättest dich nur deshalb geweigert, Trauzeuge zu sein, weil du eifersüchtig seist, oder?“

„Worauf sollte ich eifersüchtig sein?“ Fragend zog er die dunklen Augenbrauen hoch.

„Auf ihren wunderbaren Alex, wie Andrea glaubt.“ Sie lachte laut und fröhlich wie über einen gelungenen Scherz. „Angeblich machst du ihn bei jeder Gelegenheit klein und lächerlich. Das schafft er eigentlich ganz allein, wie ich seiner Mutter gesagt habe. Aber Andrea ist ja sowieso blind für die Fehler und Schwächen ihres Sohns.“

„Dann sollte ich ihr aus dem Weg gehen.“

„Als ob es dich interessierte, was andere über dich denken.“ Ihre zufriedene Miene verriet, dass sie die Einstellung ihres Neffen billigte.

„Deine Meinung interessiert mich doch sehr, Theodosia“, wandte er charmant lächelnd ein.

Die ältere Dame quittierte die Bemerkung mit einem verächtlichen Schnaufen. „Was ist eigentlich mit unserer Familie los? An unseren alten Traditionen hält wohl niemand mehr fest, wie mir scheint“, machte sie dann ihrem Unmut lautstark Luft. „Bis jetzt hat mir noch niemand erklärt, warum sich das Brautpaar nicht von einem griechisch-orthodoxen Geistlichen trauen lässt.“

„Sieh mich nicht so vorwurfsvoll an, Theodosia. Mit dieser Hochzeit habe ich nichts zu tun.“ Er war nur gekommen, weil seine Mutter ihm am Telefon ins Gewissen geredet hatte. Sie wollte vermeiden, dass die Leute glaubten, er und Alex seien nicht gerade die besten Freunde.

„Das sind wir ja auch nicht“, hatte er erwidert.

Das Eingeständnis beeindruckte seine Mutter nicht. Im Gegenteil, sie wollte wissen, ob es ihm Spaß mache, sie zu quälen. „Wenn er sich dir gegenüber schlecht benimmt, hat es nur etwas mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen zu tun“, erklärte sie.

Christos lachte auf. Minderwertigkeitsgefühle kann man bekommen, wenn man herausfindet, dass die Frau, die man heiraten wollte, Sex mit dem eigenen Cousin hat, dachte er ironisch. Da er Melina aber nie geliebt hatte, hatte der Vorfall sein Selbstbewusstsein nicht erschüttert.

Er war sehr überrascht gewesen, als seine Verlobung verkündet wurde. Melina hatte ihrem Vater etwas ins Ohr geflüstert, und einige Minuten später bat dieser die Gäste, die sich zur Feier seines dreißigsten Hochzeitstags eingefunden hatten, um Aufmerksamkeit.

„Zu meiner großen Freude kann ich euch die Verlobung meiner Tochter mit unserem lieben Freund Christos Carides bekannt geben“, verkündete Melinas Vater.

Um Melina, die ziemlich betrunken war, nicht zu brüskieren, ließ Christos sich nicht anmerken, wie überrascht er war, und spielte mit. Er kannte sie seit einigen Jahren und hatte ab und zu eine Nacht mit ihr verbracht. Höflich lächelnd nahm er die Glückwünsche entgegen und beschloss, die Sache am nächsten Tag klarzustellen. Das war der erste große Fehler.

Den nächsten machte er am folgenden Morgen, als Melina reumütig und kleinlaut bei ihm erschien und versprach, alles richtigzustellen. Sie wirkte so zerknirscht, dass er vorschlug: „Wir können es ja miteinander versuchen.“

„Meinst du das ernst, Christos?“

„Warum nicht? Natürlich lieben wir uns nicht, aber wir verstehen uns ganz gut und glauben beide nicht an die Liebe auf den ersten Blick.“

Eine Ehe ohne Liebe zu führen hätte ihn nicht gestört. Was man nicht kannte, vermisste man auch nicht, war sein Motto. Bei ihren zahlreichen Auseinandersetzungen hatte Melina ihm immer wieder vorgeworfen, gefühlskalt zu sein. Und er hielt es für möglich, dass sie recht hatte.

„Was heißt das, du hättest mit der Hochzeit nichts zu tun? Immerhin bist du das Familienoberhaupt“, holte ihn seine Tante mit ihrer schrillen Stimme in die Gegenwart zurück.

Mit einem reumütigen Lächeln widmete Christos sich wieder der resoluten älteren Dame an seinem Arm. „Das ist ein ziemlich fragwürdiger Titel.“

Theodosia lachte belustigt auf, ehe sie ernst erwiderte: „Beschwer dich nicht, Christos. Du bist mit einem brillanten Verstand gesegnet, siehst gut aus und bist sagenhaft reich, ganz zu schweigen von deinem Talent, dein Geld zu vermehren, ohne dabei ins Schwitzen zu geraten.“

Die wenig damenhafte Bemerkung entlockte Christos ein amüsiertes Lächeln.

„Die Braut hat ein Gesicht wie ein Pferd“, wechselte seine Tante das Thema.

„Sally ist eine sehr nette junge Frau“, entgegnete er und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.

Der Anblick der Frau mit dem gelockten tizianroten Haar fesselte seine ganze Aufmerksamkeit. Als sie die mit vielen Kerzen beleuchtete gotische Kathedrale betrat, leuchtete ihr langes Haar wie rotes Gold. Sekundenlang glaubte er, sich in einer anderen Wirklichkeit zu befinden. Wahrscheinlich macht sich der Jetlag bemerkbar, dachte er und lockerte die Krawatte. Dann betrachtete er die schlanke junge Frau in dem schlichten Outfit genauer.

Er hatte keine Ahnung, wer sie war, aber das musste nichts bedeuten, denn er kannte viele der Gäste nicht. Doch sie war die Einzige, die ihm auffiel und deren Anblick ihn berührte. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und er zog die dichten Augenbrauen zusammen.

Als Mathematiker und Verstandesmensch sah er keinen Widerspruch darin, seinem Instinkt zu vertrauen. Und sein Instinkt sagte ihm, dass diese schlanke rothaarige Frau nichts Gutes im Schilde führte.

Weshalb er sich so sehr zu ihr hingezogen fühlte, wusste er nicht, und er war auch nicht in der Stimmung, der Sache auf den Grund zu gehen. Nur eins wusste er genau: Er musste diese Frau kennenlernen, selbst auf die Gefahr hin, eine Enttäuschung zu erleben.

Dass er sich in den letzten Monaten völlige Enthaltsamkeit verordnet hatte, erklärte seiner Meinung nach nicht seine heftige Reaktion auf diese Frau. Aus lauter Angst, sie würde spurlos verschwinden, wagte er nicht, sie aus den Augen zu lassen.

Andererseits konnte eine Frau mit so auffallendem Haar nicht spurlos verschwinden. Bewundernd ließ er den Blick über die tizianroten Locken gleiten, die ihr über den schmalen Rücken fielen. Es war beinah unmöglich, dass sie in der Menschenmenge untertauchte, obwohl sie das offensichtlich versuchte. Warum sie nicht auffallen wollte, würde er noch herausfinden.

Dass eine Frau auf den ersten Blick ein solches Verlangen in ihm weckte, war eine ganz neue Erfahrung für ihn.

„Ich habe nichts gegen Pferde. Die Braut scheint ein gebärfreudiges Becken zu haben“, plauderte Theodosia unbekümmert weiter. Auf einmal runzelte sie die Stirn nachdenklich. „Ist sie vielleicht schwanger? Das würde erklären, warum die beiden so überstürzt heiraten. Was meinst du, Christos?“

„Dazu habe ich keine Meinung. Es geht mich nichts an“, antwortete er, während er seine Tante, die er auch wegen ihres lockeren Mundwerks sehr schätzte, zu ihrem Platz begleitete.

„Es macht ja nichts, wenn die Braut schwanger ist.“

„Schön, dass du so tolerant bist, Theodosia.“

„Du weißt doch, dass ich nicht prüde bin, mein Junge. Aber es ist auch in Ordnung, wenn eine Frau bei der Hochzeit noch unberührt ist“, gab sie zu.

In dem Moment verschwand die Fremde hinter einer der Säulen. Sie schien allein hier zu sein, was er sehr beruhigend fand.

„Gibt es das denn noch?“, fragte er spöttisch. Für ihn war es wichtiger, der letzte statt der erste Mann für die Frau zu sein, mit der er sein Leben verbringen wollte.

„Ach, spar dir deinen Spott. Du bist auch kein Heiliger, mein Lieber.

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