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KALT WIE DER NEBEL

Zum Autor:

Der Autor, Singer – Songwriter, Alfred Zech, ist 1950 in Bremen geboren und jetzt wohnhaft in Bremerhaven. Er träumte schon als Kind davon, Bücher und Songs zu schreiben und zu komponieren.

Mit 12 Jahren begann er seine Songs selbst auf der Gitarre zu begleiten und gründete seine erste Band.

Die selbstgemachte Musik, in Richtung Swing, Jazz, Blues, Rock, begleitet ihn sein ganzes Leben. Nach Jahrzehnten aktiver Rockmusik wird er sich jetzt seinen eigenen Songs widmen, sowie Bücher schreiben.

Weitere Bücher des Autors:

„Unfassbar … Schönheit und Verbrechen“,

Kriminalroman, ist am 03.11.2016 im gleichen Verlag erschienen.

„Die Chance zu leben… hab ich spät erkannt“, ist am 29.01.2016 im gleichen Verlag erschienen.

Alfred Zech

Kalt wie der Nebel

2. Fall von Versicherungs-Detektiv Erwin Müller

Ein Bremerhaven-Krimi

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Prolog

Liebe Leserin, lieber Leser,

Versicherungsdetektive werden heutzutage immer öfter von den Versicherungen eingesetzt, denn die Versicherungskriminalität nimmt stetig zu. Die Ermittlungsarbeit muss sich immer innerhalb der gesteckten Grenzen vom Gesetz halten, dabei ist das Strafgesetz und das Persönlichkeitsrecht besonders zu beachten. Ein Detektiv hat nicht mehr Rechte als jeder andere Bürger und bewegt sich in keinem Fall in einem rechtsfreien Raum bei der Ausübung seiner Tätigkeit.

Es gibt eine Reihe von Regeln die bei der Ermittlung eingehalten werden müssen, damit die gesammelten Beweise auch am Ende vor dem Gesetz voll verwertbar sind.

Alfred Zech

Alle Handlungen, handelnde Personen und Namen sowie Örtlichkeiten in diesem Roman sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit verstorbenen, lebenden oder realen Personen, sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1. Kapitel

An diesem Tage ereignete sich nichts Besonderes. Das Schicksal, das drohend über Wremen hing und es weithin bekannt machen sollte, brach erst in der Nacht herein.

Hella saß in der Halle und las. Sie war gerade bei ihrem Vater oben gewesen, um ihn für die Nacht zu versorgen, denn Herr Nielsen hatte den Rat der Ärzte gewissenhaft befolgt und sein Zimmer nicht verlassen, seitdem ich ihn gewarnt hatte.

Sie blätterte gerade eine Seite um, als sie ein leises Klopfen am Fenster hörte. Einen Augenblick lauschte sie, da sie glaubte, sich getäuscht zu haben. Vielleicht tropfte der Wasserhahn in der Küche. Aber dann vernahm sie wieder deutlich dasselbe Geräusch, legte das Buch nieder und stand auf. Sie war keineswegs ängstlich, denn Artur Willert hatte sich früher häufig auf diese Weise bemerkbar gemacht.

Sie zog den Vorhang beiseite und schaute in den Garten hinaus, konnte aber nichts sehen.

Düstere Wolken waren schon am Nachmittag von Südwesten heraufgezogen, und der Mond war nicht zu sehen. Sie ging zur Haustür und wollte eben öffnen, als sie einen Brief auf dem Boden liegen sah. Er musste unter der Tür durchgeschoben worden sein. Es stand keine Adresse auf dem Umschlag, und nachdem sie einen Augenblick gezögert hatte, riss sie ihn auf. Es war ein vier Seiten langes Schreiben. Zuerst dachte sie, der Brief käme von Artur. Sie hatte in den letzten Tagen noch verschiedene Briefe von ihm erhalten, aber sie hatte sie alle ungelesen vernichtet. Sie las die Unterschrift, hielt einen Augenblick bestürzt inne, begann dann aber doch zu lesen. Je weiter sie kam, desto größerer Schreck ergriff sie. Sie ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Sie las weiter. Jeder Satz traf sie wie ein Dolchstoß. Voller Zorn warf sie das Schreiben ins Feuer. Dann öffnete sie die Schublade eines Schrankes und nahm einen kleinen Revolver heraus, der ihrem Vater gehörte. Vor langer Zeit hatte sie die Waffe einmal weggeschlossen, als sie sich noch von den Drohungen einschüchtern ließ, die er in seiner Trunkenheit rausbrüllte. Sie zog auch eine kleine grüne Pappschachtel hervor, die mit Patronen gefüllt war. Mit einem Staubtuch reinigte sie den Revolver, öffnete ihn und lud ihn mit drei Patronen. Dann ging sie in ihr Zimmer, zog einen dunklen, weiten Mantel an und steckte die Waffe in die Tasche.

Als sie wieder unten in der Halle stand, tat es ihr leid, dass sie den Brief in ihrer Erregung verbrannt hatte. Jetzt war sie wieder vollkommen kühl und ruhig. Sie warf noch ihren Schal um und überzeugte sich, dass sie den Hausschlüssel in der Tasche hatte, bevor sie die Tür zuschlug.

An der Gartenpforte blieb sie stehen und schaute zum Gästehaus hinüber. Einen kurzen Augenblick war sie versucht, all ihre Sorgen und ihren Kummer, Erwin Müller anzuvertrauen – aber sie überwand sich. Wie absurd wäre es gewesen, einem Polizeibeamten zu beichten.

Sie ging hinaus ins Dunkel. Es kam ihr zum Bewusstsein, dass ihr nun auch der letzte Hoffnungsschimmer genommen war.

Ich hatte meine Pläne an diesem Tag schon zum dritten Mal geändert. Morgen würde ich endlich abreisen. Ich war eben doch ein sentimentaler Mensch. Dieses Eingeständnis war wirklich beschämend für einen vernünftigen Mann von fünfunddreißig Jahren.

Ich ging zu Nielsens Haus hinüber. Doch als ich sah, dass kein Fenster erleuchtet war, kehrte ich wieder in mein Zimmer zurück und versuchte zu lesen. Aber bald legte ich das Buch weg und ging ins Bett. Ich bin wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten fest eingeschlafen.

Ein heftiges Klopfen an der Tür weckte mich plötzlich auf. „Wer ist dort?“ Ich sah aus dem Fenster.

„Janssen, der Hausmeister – kann ich Sie einen Augenblick in einer sehr dringenden Sache sprechen?“

Ich machte Licht, und sah auf die Uhr – es war viertel vor Eins. Was mochte vorgefallen sein? Ich vermutete, dass eine telefonische Nachricht von der Polizeidirektion Nord für mich gekommen sei. Wahrscheinlich brauchte man ihn wegen „Hähnchens“ Verhaftung, und ich verwünschte den armen Menschen. Als ich aber das Gesicht des Hausmeisters sah, wusste ich, dass etwas anderes geschehen sein musste. Janssens Gesicht war aschfahl, und seine Lippen zitterten.

„Sir“, sagte er atemlos, „es ist etwas Fürchterliches passiert. Ich dachte, erst Sie zu rufen, bevor ich zur Polizei ginge.“

„Was gibt es denn?“ fragte ich schnell.

„Herr Mager – Herr Mager“, wimmerte der Mann.

„Erzählen Sie doch.“

„Tot – ermordet, es ist schrecklich.“

„Mager – ermordet? Warten Sie einen Augenblick, in ein paar Minuten komme ich hinunter, die Tür ist nicht verschlossen. Machen Sie mir bitte eine Tasse Tee, wenn es möglich ist.“

Ich zog mich mit größter Eile an und stürzte den heißen Tee hinunter, den mir der Hausmeister an der Treppe reichte. Jemand anders musste bereits die örtliche Polizei benachrichtigt haben, denn ein Polizeibeamter öffnete die Tür, nachdem ich angeklopft habe.

„Ich bin froh, dass Sie gekommen sind, Sir. – Das ist eine böse Geschichte. Ich habe alle Polizeistationen alarmiert.“

„Ist er tot?“

„Ja. Es ist sicher schon eine Stunde her, dass er gestorben ist. Ich habe Doktor Grandel angerufen.“

Ich nickte.

„Wo liegt er?“

„Dort.“ Der Beamte zeigte auf das Arbeitszimmer.

Ich öffnete die Tür und betrat den langgestreckten Raum. Alle Lichter waren eingeschaltet. Unwillkürlich wandte ich mich nach rechts, wo Herrn Magers Schreibtisch stand. Aber dort lag der Tote nicht, sondern am anderen Ende des Zimmers mit den Füssen zum Fenster. Die Arme lagen nach oben, als ob er einen Angreifer abwehren wollte, und die Gesichtszüge waren entsetzlich verzerrt.

Er musste aus nächster Nähe erschossen worden sein, denn ich sah Pulverspuren auf seiner weißen Weste.

Es war nicht nötig, ihn noch genauer zu untersuchen. Ein Blick auf die leblose Gestalt sagte alles.

Ich ging in die Diele zurück.

„Wo sind die Dienstboten?“ fragte ich.

„Der Hausmeister beruhigt die Mädchen, Sir.“

„Lassen Sie ihn sofort holen“, sagte ich kurz.

Der Hausmeister hatte nichts gehört. Herr Mager hatte ihn und die anderen Angestellten früh zur Ruhe geschickt und gesagt, dass er selbst alle Lampen ausschalten und das Haus abschließen werde. Er pflegte das häufiger zu tun.

„Hatte er heute Abend irgendwelchen Besuch?“

Der Hausmeister zögerte.

„Das kann ich nicht genau sagen. Einmal hörte ich unten Stimmen. Ich ging die Treppe hinunter, um etwas zu holen, und ich glaube, ich habe ihn sprechen hören.“

„Mit wem hat er gesprochen?“

„Soweit ich es beurteilen konnte, war es eine Dame.“

„Haben Sie ihre Stimme erkannt?“

„Nein, Sir.“

„Wann war das?“

„Zwischen halb elf und elf.“

„Haben Sie denn keinen Schuss gehört?“

„Nein. Irgendetwas weckte mich auf – vielleicht war es der Knall. Die Köchin sagt, sie habe ein Geräusch gehört, als ob eine Tür laut zuschlug. Sie kam herauf und weckte mich. Sie kam aber nicht gleich, da sie sich entsetzlich fürchtete und glaubte, es seien Einbrecher im Hause. Schließlich stand sie aber doch auf und klopfte an Herr Magers Tür. Und als sie keine Antwort erhielt, kam sie zu mir. Ich habe dann Herrn Mager tot aufgefunden.“

„Waren die Fenster offen oder geschlossen, als Sie eintraten?“

„Sie waren geschlossen.“

„Gibt es außer der vorderen Tür noch einen anderen Ausgang?“

„Ja, man kann auch durch die Küche gehen.“

Beide Ausgänge waren verriegelt und zugeschlossen. Ich ging in das Arbeitszimmer zurück. Das geschnitzte chinesische Schränkchen kam mir sonderbar vor. Die Tür schien nicht ganz zu schließen – ich zog daran, und sie öffnete sich. Plötzlich wurde mir der eigentliche Sinn des Möbels klar, denn ich fand im Innern einen Stahlsafe verborgen. Auch dessen Tür stand auf, und ein Schlüsselbund hing am Schloss. Der Safe war leer. Im Kamin entdeckte ich verbrannte Papiere, die teilweise noch qualmten. Vorsichtig nahm ich die nicht verbrannten Stückchen heraus und rettete dabei auch ein kleines, in Leder gebundenes Tagebuch, das erst halb verkohlt war. Ich legte es behutsam auf ein Stück Papier.

„Niemand darf die Asche anrühren – verstanden, Sergeant?“

„Vollkommen, Sir.“

Ich untersuchte die vorderen Fenster, sie waren alle fest verschlossen. Von den Fenstern auf der Rückseite war, wie er erwartet hatte, eins nicht verriegelt. Der Fensterflügel war nur angelehnt.

„Entschuldigen Sie“, sagte der Sergeant, „haben Sie den Brief gesehen?“

„Welchen Brief?“ fragte Ich. „Wo ist er?“

„Der Hausmeister fand ihn auf dem Boden neben dem Schreibtisch. Er sagte, er habe ihn aufgehoben und unter einen Stoß anderer Schriftstücke auf den Tisch gelegt. Er hat sich eben erst daran erinnert. Er glaubt, dass Herr Mager den Brief gelesen haben muss, kurz bevor er getötet wurde.“

Ich durchsuchte die Papiere auf dem Tisch und zog unter allerlei Rechnungen einen gelben Briefbogen hervor. Die Handschrift sah verstellt aus. Ich setzte mich in den Schreibtischsessel und las…

„Ich habe Ihnen eine Chance gegeben, aber Sie haben meine Bedingungen nicht erfüllt. Sie müssen also die Konsequenzen tragen. Wenn Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden Ihr Versprechen nicht einlösen, werden Sie es bereuen. Dies ist meine letzte Warnung. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt.“

Das Schreiben war mit A. B. unterzeichnet. A. B. Anton Bertram. Es stand noch eine Nachschrift unter dem Brief.

„Einer meiner Freunde, dem ich vertrauen kann, wird diesen Brief unter Ihre Türe schieben.“

Ich faltete das Schreiben zusammen und legte es in meine Brieftasche. Kurze Zeit später kam Dr. Grandel und untersuchte den Toten.

„Eine schlimme Sache“, sagte der alte Doktor kopfschüttelnd. „Es ist wohl schon eine Stunde her, denke ich. Heben Sie ihn bitte einmal ein wenig an, Herr Müller.“

„Hier ist die Wunde. Das Geschoss hat die Hauptschlagader getroffen und dann den vierten Wirbelknochen zerschmettert.“

„Können Sie irgendetwas Besonderes an ihm feststellen?“

„Nein“, erklärte Dr. Grandel und sah den Toten nachdenklich an.

„Sehen Sie sich doch einmal seine Schuhe an.“

Dr. Grandel folgte der Aufforderung und runzelte die Stirn.

„Du meine Güte – er trägt ja Stiefel wie ein Landarbeiter.“

Die dicken, unförmigen Stiefel waren mit getrocknetem gelbbraunem Lehm bedeckt. Der alte Arzt schaute verwundert auf.

„Brauchen Sie mich noch, Herr Müller?“

„Nein, ich glaube, dass Sie nicht einmal bei der Leichenschau nötig sind, wenn nicht gewünscht wird, dass Sie meine Aussagen bestätigen.“

„Gott sei Dank.“ Grandel graute es wie allen Ärzten vor gerichtlichen Verhandlungen und dem damit verbundenen Zeitverlust. „Ich bin augenblicklich sehr stark beschäftigt, kaum eine Nacht vergeht, ohne dass ich nicht von irgendeinem überängstlichen Ehemann geweckt werde – die Bevölkerung von Bremerhaven vermehrt sich beängstigend.“

Ich begleitete ihn bis zur Haustür und ging dann wieder in das Zimmer zurück, wo der Tote lag, damit ich eine genauere Untersuchung des Tatortes vornehmen kann. Ich begann mit dem Fenster, durch das der Mörder hereingekommen sein musste. Meine Theorie bestätigte sich auch sogleich, denn ich sah schmutzige Fußspuren auf einem der unter dem Fenster stehenden Diwane. Ich betrachtete sie genauer, es waren zwei linke und zwei rechte Schuhabdrücke. Sie waren verhältnismäßig klein, nicht grösser als die einer Frau, obgleich der Absatz breiter schien. Wahrscheinlich stammten sie von den Hausschuhen einer Frau.

Der Hausmeister hatte ja auch eine weibliche Stimme gehört. Das Fenster ließ sich leicht und geräuschlos öffnen. Ich entdeckte wieder etwas, als ich zum Schreibtisch kam. Es war ein großes, altes Möbelstück aus Mahagoni, das sicher echt war, denn ein Mann wie Mager hätte sich schwerlich mit einer Imitation begnügt. An jeder Seite des Tisches waren zwei Schubladen, von denen eine offenstand. Mager hatte sie vielleicht selbst geöffnet, als er im Sessel saß. Ich zog sie noch weiter heraus, und plötzlich glitzerte mir etwas Goldenes entgegen. Es war ein Damenring – ein schmaler Reif mit fünf kleinen Smaragden.

Ich runzelte die Stirn. Diesen Ring kannte ich doch – wo habe ich ihn nur gesehen? Nun besann ich mich – aber ich wollte es nicht glauben. Es war Hella Nielsens Ring, den ich auf dem Postamt an ihrer linken Hand bemerkt hatte. Ich starrte entsetzt auf den kleinen Gegenstand und besah ihn von allen Seiten, dann ließ ich ihn in meiner Hosentasche verschwinden und schloss die Schublade.

Ich setzte meine Nachforschungen auf und unter dem Schreibtisch fort. Wieder wurden meine Bemühungen belohnt. Ich fand ein kleines leeres, mit Leder bezogenes Etui, wie es Juweliere benutzen. Ich gab mir nicht die Mühe nachzusehen, ob der Ring in die weißsamtene Füllung passte, denn jeder Ring konnte in ein solches Kästchen gesteckt werden. Ich hörte Schritte im Gang und ließ auch das Etui in meine Hosentasche gleiten.

Der Polizeiinspektor von Bremerhaven trat ein, ein gewichtiger Mann, der ängstlich darauf bedacht war, überall gebührend gewürdigt zu werden. Auch er sagte, dass es eine böse Geschichte sei – es war merkwürdig, dass alle Leute immer denselben Ausdruck gebrauchten.

„Ich werde nun hier die Leitung übernehmen, Herr Müller“, sagte er mit Bestimmtheit.

„Gewiss“, antwortete Ich. „Aber Sie müssten mir dann vorher eine schriftliche Anweisung geben, dass ich mich nicht weiter um die Sache kümmern soll.“

Der Polizeiinspektor zögerte.

„Das möchte ich nicht – wir könnten ja zusammenarbeiten. Ich werde, sobald es geht, die Polizeidirektion Nord benachrichtigen.“

„Dann werden wir den Fall zusammen bearbeiten, wenn ich den Auftrag bekomme“, entgegnete ich.

„Ihr Name soll nicht verschwiegen werden, im Gegenteil, man wird ihn gebührend erwähnen, Inspektor. Aber überlassen Sie es mir, den Mörder aufzufinden.“

„Ich bin überzeugt, dass Sie mich nicht zu kurz kommen lassen, Herr Müller. Was soll ich nun tun?“

Ich gab meine Anweisungen, und nach einer halben Stunde war die Leiche aus dem Zimmer entfernt. Später brachte der Polizeiinspektor neue Nachrichten.

„Herr Peters hat den Schuss gehört, er ist davon aufgewacht. Er kam gerade dazu, als der Hausmeister Herrn Mager fand. Der Schuss kam aus dem Obstgarten, der hinter dem Haus liegt.“

Ich hörte ungläubig zu.

„Aus dem Obstgarten? Das ist unmöglich. Herr Mager ist aus nächster Nähe erschossen worden. Die Weste ist vollständig versengt und geschwärzt.“

„Aber eines der Dienstmädchen hat den Schuss auch gehört, sie kann vom Fenster ihres Zimmers in den Obstgarten sehen. Sie war auch wach, das Klopfen an der Tür des Hausmeisters hatte sie geweckt.“

„Aber der Hausmeister selbst hat den Schuss doch nicht gehört.“

„Er muss gerade die Treppe hinuntergegangen sein“, meinte der Beamte.

Ich strich nervös mein Haar zurück.

„Mager muss zu der Zeit schon tot und der Safe ausgeraubt gewesen sein. Es hat mindestens einige Minuten gedauert, bis der Mann den richtigen Schlüssel gefunden und den Geldschrank geöffnet hat. Nein, was Sie da sagen, ist unmöglich. Der Hausmeister wird irgendwelchen Lärm gemacht haben – vielleicht hat er einen Stuhl umgeworfen.“ „Aber das hätte Herr Peters doch schwerlich hören können?“

Ich schwieg zunächst.

„Ja, da haben Sie recht“, gab ich dann nach einer Weile zu.

Der Tag dämmerte herauf, und wir waren immer noch damit beschäftigt, Spuren zu finden. Ich ging durch die Küche in den Garten. Draußen herrschte eine fast feierliche Stille, und die frische Morgenluft war voll Duft und Süße.

Der Obstgarten lag hinter den Gemüsebeeten. Durch ein Holztor kam man auf einen mit Schlacken bestreuten Weg. Eine Reihe von Obstbäumen stand hinter der anderen, und die mit Kalk angestrichenen Stämme schimmerten weiß im Zwielicht. Der Weg endete im Gras.

Ich schaute nach rechts und nach links, aber ich konnte nichts entdecken, bis ich die erste Baumlinie passiert hatte. Auch dann sah ich noch nicht gleich die Gestalt, die neben einem der Baumstämme lag, denn meine Augen mussten sich erst an das Zwielicht gewöhnen. Ich beugte mich zu dem Mann hinab. Er war tot, über dem Herzen war der Einschuss.

Ich ging ins Haus zurück und rief den Polizeiinspektor herbei.

„Ich habe im Garten einen zweiten Toten gefunden, und wenn ich mich nicht täusche, kennen Sie den Erschossenen.“

Der Beamte begleitete mich zu der Stelle, wo der Tote lag.

„Ja, ich kenne ihn. Es ist ein gewisser Teenie, der früher in Herrn Magers Diensten stand.

Er wurde entlassen, weil er etwas gestohlen hatte. Das war also der Mörder. Zuerst hat er Herrn Mager erschossen, dann ging er hierher und tötete sich selbst.“

„Dann müsste hier aber doch eine Waffe zu finden sein“, erwiderte ich ruhig.

Der Inspektor suchte ohne Erfolg den ganzen umliegenden Boden ab. Das Gras war ganz kurz, es musste erst kürzlich gemäht worden sein. – Ich stellte später fest, dass in der Woche gerade eine Schafherde im Obstgarten gegrast hatte.

„Hier hat ein Kampf stattgefunden“, sagte ich plötzlich. „Sehen Sie doch einmal auf den Boden. Hier sind drei Spuren, als ob sich jemand mit dem Fuß in die Erde stemmen wollte. Und holen Sie doch bitte einmal den Hausmeister her, Inspektor.“

Ich wartete, bis der Beamte außer Sicht war, dann ging ich schnell zum nächsten Baum und hob einen Gegenstand auf. Es war ein schwarzseidener Schal – der Schal Hella Nielsens, den sie umgelegt hatte, als sie mich damals zur Gartenpforte begleitet hatte.

Es stand außer jedem Zweifel: In einer Ecke sah ich das roteingestickte Monogramm H. N.

Das Tuch war etwas eingerissen. Ich roch daran, da ich wusste, dass sie ein zartes, unaufdringliches Parfüm benützte. Ich konnte mich deutlich an den Duft erinnern. Ja, das Tuch gehörte Hella. Ich faltete es so klein als möglich zusammen und steckte es in die Tasche. Mit Entsetzen kam mir zum Bewusstsein, dass alle meine Anhaltspunkte Hella Nielsen belasten.

Und doch zweifelte ich im Grunde nicht an ihr. Nicht ihre Schönheit und ihre Jugend überzeugten mich, dass sie diese Tat unmöglich begangen haben konnte. Eine innere Stimme sagte es mir. Vielleicht war auch ich wie „Hähnchen“ hellsichtig geworden. Ich lächelte bei dem Gedanken. Aber plötzlich wurde mir klar, dass mich dieser schreckliche Druck nicht mehr quälte, der mich die ganze Zeit verfolgt hatte. Hatte mich der beginnende Tag davon befreit?

Der Polizeiinspektor kam mit dem Hausmeister zurück, und um seinen Auftrag zu rechtfertigen, fragte ich den erregten Mann, ob er den Toten wiedererkenne.

„Jawohl, Sir, das ist Teenie, den Herr Mager heute Morgen hier auf dem Grundstück traf – nein, es war gestern Morgen.“

Ich hatte den kleinen Vorfall vergessen. Dieser Teenie hatte Mager gehasst.

Vielleicht gab es auch noch einen anderen Grund für seine Feindschaft außer dem Widerwillen, den ein Dienstbote gegen einen Herrn empfindet, der ihn beim Diebstahl ertappt hat.

Als wir in das Haus zurückgingen, gab ich weitere Anweisungen.

„Niemand darf hineingelassen werden – den Zeitungsberichterstattern darf nur die Tatsache mitgeteilt werden, dass Herr Mager etwa in der Zeit zwischen Mitternacht und ein Uhr ermordet wurde. Die Lage der Leiche kann den Leuten anhand einer Skizze erklärt werden, aber niemand darf das Zimmer betreten, in dem sich der Mord ereignete. Motiv der Tat: Raub. Über den Mann im Obstgarten mögen sie sich ihre eigenen Theorien bilden.“

Ich war den Weg zum Gartentor schon halb hinuntergegangen, als Artur Willert plötzlich hereinstürmte. Sein Schlafanzug war unter dem Mantel zu sehen. Er war sehr bleich.

„Herr Müller, ist das wahr – mein Onkel? Großer Gott, das ist doch unmöglich.“

„Ich bin froh, Sie zu sehen“, sagte ich langsam. „Ja, es ist leider wahr. Ihr Onkel ist tot – er ist erschossen worden.“

„Ermordet?“

Artur flüsterte dieses Wort gespannt, und ich nickte.

„Aber er hatte doch keine Feinde –“

„Wenige Menschen werden ermordet, weil sie Feinde haben. Der einzige, der drohte, Herrn Mager umzubringen, waren Sie.“

Willert taumelte zurück, als ob er einen Schlag erhalten hätte.

„Ich?“ stammelte er. „Ich soll...? Niemals.“

„Herr Mager war schon tot, als er aufgefunden wurde, er konnte nichts mehr aussagen.

Herr Willert, antworten Sie mir jetzt nicht übereilt, sondern denken Sie nach. Sie brauchen meine Frage auch überhaupt nicht zu beantworten, wenn Sie nicht wollen. Hatten Sie einen Streit mit Herrn Mager?“

Der junge Mann war so betroffen, dass ihm die Stimme versagte. Er schüttelte nur den Kopf und starrte den Detektiv entsetzt an.

„Ich will Ihnen sagen, dass ich vor einer Woche hier vor dem Haus stand und Sie sagen hörte: „Eher will ich dich umbringen.“

Jetzt fand Willert seine Sprache wieder.

„Da muss jemand Lügen über mich verbreitet haben“, rief er erregt. „Ich kann Ihnen aber auch einige Dinge erzählen. Ich habe mit ihm gestritten – ja. Wegen eines Mädchens, das keinen Pfifferling wert ist. So, nun wissen Sie es. Er sagte damals, er wolle sie heiraten, und dabei war er schon verheiratet. Er hatte keine Ahnung, dass ich das wusste, ich erzählte es ihm niemals. Seine Frau ist ihm davongelaufen. Er hat sich aber nie von ihr scheiden lassen. Er muss irgendeinen Grund dafür gehabt haben. Und als er mir nun sagte, dass er das Mädchen heiraten wollte …“

„Brüllen Sie nicht so.“ erwiderte ich scharf.

„Ich bin nicht taub. Außerdem interessieren mich Ihre Familienstreitigkeiten nicht besonders. Ich bin ziemlich sicher, dass Sie nichts mit dem Mord selbst zu tun haben, obwohl Sie –“ ich machte eine Pause, um meinen nächsten Worten mehr Nachdruck zu geben, „der Erbe des Verstorbenen sind und durch seinen Tod nur Gewinn haben, wenn Sie nicht beweisen wollen“, fügte ich hinzu und sah Willert durchdringend an, „dass seine Frau noch am Leben ist. In dem Fall erbt seine Frau das Vermögen. Vielleicht aber existiert ein Testament.“

„Soviel ich weiß, hat er kein Testament gemacht“, sagte Willert leiser und ruhiger.

„Es tut mir leid, dass ich mich soweit vergessen habe, Müller. Aber die Sache hat mich entsetzlich mitgenommen – Sie werden das verstehen.“

Ich nickte schweigend.

Ich ging mit Artur Willert zur Gartenpforte zurück und beobachtete ihn, bis er in seinem Haus verschwunden war.

Der Mann wollte jemand anklagen – das Mädchen, „das keinen Pfifferling wert war“.

Ich dachte darüber nach. Hatten die beiden, die man in Wremen bereits als Verlobte betrachtete, miteinander gestritten? Wie sehr musste Hella seine Eitelkeit verletzt haben, dass er sich zu solchen Worten hinreißen ließ. Ich hatte diese Schwäche in dem Charakter des jungen Mannes bald erkannt.

Langsam ging ich den breiten Fahrweg entlang. Sollte ich zu ihr gehen? Ich schaute auf die Uhr. Es war sechs, sie würde noch nicht wach sein. Unentschlossen sah ich zu der ruhig daliegenden Villa hinüber.

Die Jalousien waren heruntergelassen. Aber plötzlich erinnerte ich mich daran, dass sie gesagt hatte, sie müsste um sechs Uhr aufstehen, wenn sie keine Dienstboten habe. Trotzdem zögerte ich noch. Aber wenn sie wach war, hörte sie mich ja, und wenn sie noch schlief, schadete mein Klopfen auf keinen Fall. Ich ging zur Haustür und klopfte. Gleich darauf öffnete sie sich … …

…Ein paar Tage vorher ….

2. Kapitel

Der Zufall und ein schnelles Auto brachten mich in die Gegend von Bremerhaven. Die Seestadt Bremerhaven (auch Fishtown genannt) mit einem großen Containerterminal liegt in Norddeutschland direkt an der Nordseeküste nördlich von Bremen, und der kleine Vorort Wremen hier hat eigentlich keine nennenswerten Einnahmequellen. Aber trotzdem leben die Einwohner und sind bis jetzt noch nicht verhungert. Im Gegenteil, die Besitzer der kleinen, sauberen Läden, die an der einzigen breiten und schattigen Hauptstraße liegen, scheinen gute Geschäfte zu machen. Angefangen bei Fischrestaurants, Lebensmittel, Landschlachterei über Buchhandlung, Bäckerei, Bank und Sparkasse, Kunst und Keramik, Postfiliale bei Edeka, Kirche, Apotheke, Naturheilzentrum bis hin zum Hotel, Pensionen und Ferienwohnungen gibt es hier alles für die Grundbedürfnisse der Einwohner. Große Warenhäuser gibt es gleich nebenan in Bremerhaven.

Was manch einer, außer den Einheimischen, nicht weiß, ist die Tatsache das hier einige Adelsfamilien und sehr wohlhabende Leute wohnen. Sie haben sich vor langer Zeit aus England kommend hier niedergelassen.

Ich parkte meinen PKW auf dem Parkplatz der Hauptpost am Bahnhof in Bremerhaven und ging in die Schalterhalle. Hier war die Gegend nur ein einziges Funkloch, jedenfalls für meinen Handytarif und ich konnte mit meinem Handy keine deutliche Verbindung bekommen. Also musste ich von der Post aus telefonieren. Fünf Minuten lang telefonierte ich mit der Polizeidirektion Nord über einen Verdächtigen, der als „Hühneraugen-Mann“ bekannt war und deshalb den Spitznamen „Hähnchen“ erhielt. Diesen Spitznamen hatte der Mann erhalten, weil er ständig über seine Hühneraugen klagte. Soll er sich doch anständige Schuhe kaufen.

Als der geschäftsführende Direktor, der Stadtbank Holding in Bremerhaven, an einem Montagmorgen sein Büro betrat, entdeckte er, dass jemand in der Zwischenzeit dort gewesen sein muss und ihm die Mühe abgenommen hat, den großen, sicheren Geldschrank zu öffnen. Dieser Einbruch sah so unzweifelhaft nach „Hähnchens“ Arbeit aus, dass er ebenso gut eine Quittung über die fünf gestohlenen Pakete sehr wertvoller Goldmünzen hätte zurücklassen können. Alle Bahnhöfe, Flughäfen und Überseehäfen des Landes wurden durch besondere Polizeibeamte scharf überwacht, die Fremdenlisten der Hotels und Gasthäuser wurden durchforscht und alle Polizeistationen alarmiert.

Ich war gerade an der Küste in Cuxhaven im Urlaub, und hatte mich mit meiner Gitarre und einem großen Stapel Bücher aufs Land direkt ans Meer zurückgezogen. Ganz unerwartet hat man mich nun aus den Ferien zurückgeholt, um die Nachforschungen nach „Hähnchen“ zu leiten. Denn wenn er tatsächlich der Täter war, und die Münzen nicht wieder aufzufinden waren, müsste die Gesellschaft einiges an Geld auf den Tisch legen um dem entstandenen Verlust zu ersetzen. Ich war zuerst als Versicherungs-Vermittler in die Dienste einer großen Versicherungsgesellschaft Nord getreten, aber im Laufe der Zeit ist ein Detektiv und Verbrecherfänger aus mir geworden. Offiziell bin ich jedoch immer noch Vermittler und erscheine bei Prozessen als Zeuge, um die beweisbaren Fakten eines Betruges und dergleichen zu bekunden, oder zur Aufklärung eines Versicherungsfalles effektiv beitragen zu können.

Inoffiziell aber nannte mich auch der jüngste Polizist nicht „Vermittler“ oder „Detektiv“, sondern einfach nur „Erwin.“

„Ich bin ganz sicher, dass es „Hähnchen“ war“, sagte ich, und durchsuche nun den Landstrich von hier bis Bremen. Die hiesigen Polizeibeamten schwören, dass er nicht in der Nähe von Bremerhaven sei, was heißt, dass er sich direkt vor ihrer Nase herumgetrieben hat, ohne bemerkt worden zu sein, und fragten, ob er denn schon wieder etwas verbrochen habe. Sie haben bereits vor einer Woche den Bericht über den Einbruch mit allen Einzelheiten sowie eine genaue Personenbeschreibung „Hähnchens“ erhalten.“ Mir war aber von früheren seiner Taten bekannt, dass er unter falschem Namen, fast täglich wechselndem Aussehen, unauffällig in dem kleinen Ort Wremen, unter falschem Namen wohnte.

In diesem Augenblick betrat eine junge Dame das Postamt. Ich betrachtete sie voller Bewunderung. Anziehend – hübsch – schön. Die meisten Frauen sehen in einem eleganten Kostüm am vorteilhaftesten aus. Sie war groß und schlank.

„Ja, ich glaube“, antwortete ich meinem Vorgesetzten mechanisch, denn meine Gedanken und meine Augen waren jetzt bei diesem Mädchen. Sie hob ihre Hand, und ich sah einen Ring am vierten Finger ihrer linken Hand aufblitzen. Es war ein Goldreif mit eingesetzten Smaragden – oder sollten es etwa Saphire sein –, nein, ich sah deutlich den meergrünen Schimmer, es waren Smaragde. Nachdem der geheime Teil meines Berichtes erledigt war, lauschte ich mit einem Ohr auf den Klang ihrer Stimme. Sie ist wirklich außerordentlich schön, entschied ich und bewunderte ihr Profil. Dann ereignete sich etwas Merkwürdiges. Auch sie musste mich beobachtet haben, während ich nicht hingesehen hatte. Vielleicht fragte sie jetzt, wer ich sei. Ich hatte dem mitteilsamen Postbeamten meinen Dienstausweis gezeigt, um schneller mit Bremen verbunden zu werden. Der Mann würde ihr sicher bereitwillig Auskunft geben. Ich hörte, wie das Wort „Detektiv“ fiel. Ich konnte jetzt ihr Gesicht deutlich sehen.

„Detektiv.“ Sie flüsterte nur, aber ich hörte es doch und sah sie an. Sie war blass und musste sich an der Kante des Schalterbrettes festhalten. Ich war so bestürzt, dass ich den Hörer vom Ohr nahm. In diesem Augenblick wandte sie sich mir zu und begegnete meinem Blick. Ich las Furcht, Entsetzen und Schrecken in ihren Augen. Ein gequälter Ausdruck lag auf ihren Zügen, als ob ich sie irgendwie überrascht und gefangen hätte. Sie schaute verlegen fort und machte sich mit dem Geld zu schaffen, das sie herausbekommen hatte. Ihre Hände zitterten aber so sehr, dass sie schließlich ihre hohle linke Hand unter das Schalterbrett hielt und die Münzen mit der rechten Hand hineinstrich. Dann verließ sie eilig das Postamt.

Mir kam es gar nicht zum Bewusstsein, dass am anderen Ende des Schalters ein erstaunter Beamter saß, der dauernd mit beiden Händen winkte und weitersprechen wollte. Ich hängte einfach den Hörer ein und trat an den Schalter.

„Wer war die Dame?“ fragte ich, während ich die Gebühr für das Gespräch bezahlte.

„Das war Frau Nielsen aus Wremen. Ein herrlicher Vorort, Sie müssten sich ihn einmal ansehen. Es wohnen viele reiche Leute dort, zum Beispiel Herr Walters– haben Sie schon von dem gehört? Und dann Herr Mager, auch sehr wohlhabend, aber ein wenig geizig – na –, und dann leben noch allerlei Herrschaften dort. Es ist eine Art – wie soll ich sagen – Villenkolonie – eine Gartenstadt, direkt an der Nordseeküste. Das ist der richtige Ausdruck. Da gibt’s einige der größten und schönsten Häuser der ganzen Gegend. Die Familie Nielsen ist schon seit Jahren dort ansässig, lange bevor die Stadt gegründet wurde. Ich kann mich noch deutlich an Nielsens Großvater erinnern, das war ein netter Mann.“

Der Postbeamte war im besten Eifer, mir genaue Biographien der bekannten Leute von Wremen zu geben, aber ich wollte das junge Mädchen noch sehen und beendete meine Unterhaltung etwas schroff.

Ich sah sie draußen eilig davongehen und vermutete, dass der Bahnhof ihr Ziel war. Mein Interesse und meine Verwunderung waren geweckt. Wie sollte ich mir ihre Aufregung und Bestürzung erklären? Was hatte sie denn von einem Detektiv zu fürchten? Warum hatte sie mich mit solchem Entsetzen angesehen? Es war Zeitverschwendung, sich darüber Gedanken zu machen. In diesen malerischen kleinen Städten, die dem großen Weltgetriebe so fern lagen, schien der Strom des Lebens so idyllisch und sanft dahinzugleiten, unberührt von den leidenschaftlichen Stürmen, die die großen Städte in Aufruhr versetzen. Das kleine Wörtchen „Detektiv“ hatte doch nichts Schreckliches für Leute, die das Gesetz achten, und nichts zu verbergen haben.

„Hm.“ dachte ich und rieb mir nachdenklich das glattrasierte Kinn.

„Auf diese Weise werde ich „Hähnchen“ wohl nicht fangen.“

Ich verließ den Ort in meinem Auto, um erst die Hauptstraße ein Stück entlangzufahren und dann mit der systematischen Durchsuchung der vielen kleinen Nebenwege zu beginnen.

Ich war etwas mehr als zwei Kilometer auf der Landstraße von Bremerhaven entfernt, als ich langsamer fuhr, um eine scharfe Kurve zu nehmen. In dem Augenblick sah ich zu meiner Rechten eine breite Öffnung in einer Hecke, die die Straße einfasste. Ein bequemer Weg, der zu beiden Seiten mit Bäumen gesäumt war, zweigte hier ab, er war von wohlgepflegten Rasenstreifen eingefasst, schlängelte sich weithin und verschwand dann im hügeligen Gelände. Ein Wegweiser trug die Aufschrift „Privatweg nach Wremen“.

Ich hatte die Abzweigung schon hinter mir und fuhr nun ein Stück rückwärts. Nachdenklich betrachtete ich die Aufschrift und bog dann in die Straße ein. Es war kaum anzunehmen, dass „Hähnchen“ diesen Weg eingeschlagen hat. Allerdings war er ein Mann, der jede günstige Gelegenheit wahrnahm. Und in Wremen wohnten viele reiche Leute. Auf diese Weise versuchte ich, meinen Abstecher vor mir selbst zu entschuldigen, obwohl ich sehr gut wusste, dass mich nur meine persönliche Neugierde vom Weg wegführte. Ich wollte das Haus sehen, in dem die schöne Frau lebte. In welchen Verhältnissen mochte sich ihr Vater befinden? Der Weg beschrieb viele Windungen, und endlich brachte mich eine ungewöhnlich scharfe Kurve zum Ziel. Wremen breitete sich in all seiner sommerlichen Schönheit plötzlich vor mir aus. Ich fuhr jetzt so langsam, dass ein Fußgänger neben dem Wagen hätte hergehen können. Vor mir lag ein ausgedehnter Platz, der von einer ununterbrochenen Reihe blühender Sträucher eingefasst war. Etwa zehn Meter von der Straße entfernt begann ein Golfplatz. Mitten im Grünen, halb verdeckt durch die umgebenden Bäume, standen mehrere Villen. Hier schaute ein Giebel aus den Bäumen hervor, dort schimmerte ein Fensterkreuz durch das Laub. Anderswo sah ich kunstvolles Fachwerk. Ich schaute mich um, ob ich nicht jemand um Auskunft fragen könne, denn die Straße teilte sich jetzt. An der Ecke lag ein sauber mit Schindeln verkleidetes Gebäude, das den Eindruck eines Klubhauses machte. Ich stieg eben aus, um die Ankündigungen am Torpfosten zu lesen, als ein Herr um die Ecke bog. Ein wohlhabender Kaufmann, der sich zur Ruhe gesetzt hat, dachte ich. Er trägt eine schwarze Lederjacke, breite Schuhe, und ein am Kragen offenes weißes Oberhemd. Sehr von sich eingenommen und äußerst verwundert über mein Eindringen in diese Gefilde. Der Mann sah mich ernst an, aber es war keine Ablehnung in seinem Blick. Sein Alter konnte zwischen fünfundvierzig und sechzig liegen. Sein großes, glattes Gesicht zeigte keine Falten, sein Gang war lebhaft und seine Haltung ausgezeichnet, so dass ich zuerst nichts von seiner Anlage zur Korpulenz wahrnahm. Ein freundlicher Gruß zeigte mir, dass ich hier gut aufgenommen werden würde. Er winkte, ich wandte mich ihm zu.

„Guten Morgen, Sir“, begann der Mann.

„Sie scheinen hier jemanden zu suchen? In Wremen kann sich ein Fremder nur schwer zurechtfinden. Es gibt hier nämlich weder Straßennamen noch Hausnummern.“ Er lachte vergnügt.

„Ich wollte eigentlich niemand aufsuchen“, entgegnete ich ihm. „Ich bin aus reiner Neugierde hierher gefahren. Es ist ein herrliches Fleckchen Erde. Ich habe in Bremerhaven schon viel davon gehört.“

Der andere nickte geschmeichelt.

„Es kommen nur selten Fremde hierher zu Besuch, und wenn dann sind es Touristen die sich fast nur am Strand oder am Kutterhafen aufhalten.“ Beinahe hätte ich gesagt, glücklicherweise. Der Grund und Boden hier gehört mir und meinen Freunden und Nachbarn. Es gibt direkt hier kein Hotel, das Fremde in Versuchung führen könnte, sich hier aufzuhalten. Aber wir haben unser Gästehaus.“

Er zeigte auf das von Grün umsponnene Gebäude, das ich für einen Klub gehalten habe.

„Wir unterhalten es gemeinsam für Besucher. Manchmal können wir nicht alle unsere Freunde unterbringen, und dann wohnt auch wieder nur eine einzige Person dort, die dann gewissermaßen Gast unseres kleinen Gemeindewesens ist. Augenblicklich hält sich zum Beispiel ein bedeutender kanadischer Geologe bei uns auf.“

„Ein glücklicher Mann – und eine glückliche Gemeinde.

„Sind alle Häuser hier bewohnt?“

Ich stellte diese Frage, obwohl ich mir die Antwort darauf selbst geben konnte.

„Aber natürlich. Das letzte Haus dort links gehört dem großen Architekten Scheppler, der sich jetzt allerdings zur Ruhe gesetzt hat. Das nächste mit dem spitzen Giebel bewohnt Herr Wilhelm, ein Herr – nun, ich kann Ihnen leider nicht genau sagen, welchen Beruf er hat, obwohl er mein eigener Neffe ist. Ich weiß nur, dass er eine Stellung oder ein Geschäft in der Stadt hat. Das Haus nebenan mit den Kletterrosen ist das Eigentum von Herrn Nielsen – Klaus Nielsen –, Sie haben sicher schon von ihm gehört.“

„Der bekannte Maler?“ fragte ich interessiert.

„Ja, ein großer Künstler. Er hat hier sein Atelier, aber Sie können es von hier aus nicht sehen, es liegt auf der Nordseite. Künstler bevorzugen sie zur Arbeit, soviel ich davon verstehe. Dann das Gebäude dort hinten an der Ecke – dort zweigt ein ziemlich breiter Weg zu den Tennisplätzen ab – ist mein Heim“, sagte er zufrieden.

„Was ist denn das für ein großes Gebäude an der Seite des Hügels?“ fragte ich – und überlegte schnell: Vater der hübschen Frau aus dem Postamt war also der Maler Nielsen. Was hatte ich doch über ihn erfahren? Der Name rief irgendeine unangenehme Erinnerung in mir wach.

„Das Haus auf dem Hügel? Das gehört leider nicht zu unserer Gemeinde. Das ist das hochherrschaftliche Anwesen, um den wir anderen bescheidenen Landbewohner unsere Hütten gebaut haben.“

Der Vergleich schien ihm so zu gefallen, dass er noch einmal sagte:

„Unsere kleinen Hütten.“ Dann fuhr er fort: „Das Schloss dort wird von Herrn Walters bewohnt, dessen Familie in dieser Gegend seit Jahrhunderten ansässig ist. Die Walters stammen aus – aber ich will Sie nicht mit ihrer Geschichte belästigen. Herr Walters ist ein sehr reicher Mann, aber leider Invalide.“

Ich nickte höflich.

„Sehen Sie, dort kommt unser Gast, Professor Wilhelm. Nebenbei bemerkt, mein Name ist übrigens Mager.“

Das war also Herr Mager. Der Postbeamte hatte ihn „sehr wohlhabend, aber als ein wenig geizig“ genannt.

Ich betrachtete den näher kommenden angeblich kanadischen Geologen – einen hageren Mann mit buschigen Augenbrauen. Seine Haltung war etwas gebeugt, was wohl von seiner Arbeit am Studiertisch kommen mochte.

„Er war wieder draußen am Strand und hat Versteinerungen gesammelt. Er hat schon eine ganze Menge hier gefunden“.

„Ich glaube, ich kenne ihn sehr gut“, erwiderte ich, und zeigte plötzlich großes Interesse für den Fremden.

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