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Käufliche Liebe 5

Käufliche Liebe 5

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus; wobei Herzen und Einkaufswagen nicht zu einer geschlechtlichen Einordnung neigen.

Allerdings ist DAS Herz sächlich, was lt. Sprachwissenschaftlern durchaus auf Transsexualität hinweisen kann

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Text: Sissi Kaipurgay

Foto von shutterstock

Covergestaltung: Lars Rogmann

Ein Herz für Felix

 

Rasputin ist ein Workaholic und hat keine Zeit für eine Beziehung. Er bevorzugt es, sich gelegentlich von einem Stricher bedienen zu lassen. Als Felix jedoch von homophoben Kerlen überfallen wird, regt sich bei Rasputin etwas anderes, als der Schwanz.

***

 

Samstagabend, zehn Uhr. Leichter Nieselregen lässt Hamburgs Straßen glänzen. Ich parke meinen Van hinter dem Lila Leguan und glotze eine Weile in die hellerleuchteten Fenster der Häuser in diesem an sich dunklen Hinterhof. Ein wenig Voyeurismus liegt mir im Blut. Ich liebe es eben zu sehen, wie andere Menschen wohnen.

Nachdem ich lange genug geguckt habe, steige ich aus und stiefle um das Lokal herum zum Vordereingang. Als ich die Tür aufstoße, schlägt mir abgestandene Luft, Musik und Stimmengewirr entgegen. Wie immer an einem Wochenende ist der Laden gut besucht. Während ich mir einen Weg zwischen den Gästen hindurch bahne, suche ich schon mit den Augen nach Felix.

Dieser arbeitet normalerweise hinter dem Tresen, geht aber einem lukrativen Nebenerwerb auf der Toilette nach. Damit ist er nicht allein, auch ein Dutzend anderer Kneipenstricher lungert hier herum, jedoch ist Felix etwas Besonderes. Jedenfalls für mich. Ich mag seine blauen Augen, die ständig unordentlichen Wuschelhaare und seine schlanke Figur. Außerdem ist er stets fröhlich und redet nicht zu viel.

Kann er ja meist auch nicht, wenn mein Schwanz in seinem Mund steckt. Eigentlich haben wir in dem halben Jahr, das ich regelmäßig herkomme, kaum ein paar Worte gewechselt. Wozu auch? Ich frage, ob er frei ist und danach verhandeln wir kurz über den Preis. Das ist eine Art Spiel zwischen uns, da von vornherein klar ist, dass ich einen Blowjob möchte. Dafür verlangt Felix jedes Mal fünfzig Euro und mein Versuch, ihn auf ein Abo runterzuhandeln, schlägt gewohnheitsmäßig fehl. Eigentlich schade, denn sonst würde ich noch öfter kommen, `tschuldigung, herkommen.

 

Ich stelle mich an die Theke, bestelle bei Walter, dem Inhaber des Lokals, ein Pils und schaue mich um. Die üblichen Gestalten lungern an Tischen und Wänden herum, taxieren einander und sind auf der Suche. Ich bin das nicht. Seit ich vor zwei Jahren dreißig geworden bin, habe ich zu innerer Ruhe gefunden. Ab und zu ein bisschen Sex, ansonsten harte Arbeit in meinem Fitnessclub. Ich brauche keinen Partner, wozu auch? Der Letzte hat mir endgültig den Rest gegeben und mich wohl für den Rest meines Lebens beziehungsuntauglich gemacht.

Konrad hat mich auf Schritt und Tritt überwacht. Seine Eifersucht war letztendlich so extrem, dass er mich täglich mit Vorwürfen überfallen hat. Ein Jahr habe ich das ertragen, bis ich ihn rausgeworfen habe. Schlussendlich musste ich sogar eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirken, da er mir mit einem Messer aufgelauert hat und ich nur dank meiner körperlichen Kraft mit dem Leben davongekommen bin. Sonst hätte der Kerl mir die Kehle aufgeschlitzt. Inzwischen ist er zum Glück in einer anderen Beziehung und ich brauche nicht mehr in ständiger Sorge leben.

 

„Wo ist Felix?“, frage ich Walter, nehme einen Schluck aus dem Glas und wische mir mit dem Handrücken den Schaum von der Oberlippe.

„Kommt gleich wieder“, brummelt Walter, nickt in Richtung der Toiletten und wendet sich einem anderen Gast zu.

Ich mag mir nicht vorstellen, dass Felix gerade einem Kerl das Rohr lutscht. Klar, er ist nun einmal ein Stricher, doch irgendwie blende ich das immer aus, wenn wir beide zusammen in einer der Kabinen stehen. Dann gehört er nur mir und manchmal habe ich sogar überlegt, ob ich ihn nicht mal küssen möchte. Widersinniger Weise muss ich jedoch in solchen Momenten daran denken, dass in dem hübschen Mund des Mannes zahllose stinkende Schwänze gesteckt haben und sofort vergeht mir die Lust. Bin ich deshalb ein Schwein?

 

Während ich sinnend in das Bierglas starre, kommt Felix hinter den Tresen und ruft mir ein ‚Hallo‘ zu. Ich schaue auf, lächle ihn an und erfreue mich an seinem Anblick. Der Kerl ist auf ganz besondere Art hübsch, aber vielleicht empfinde nur ich das so. Allerdings ist er stets gut gebucht, was wiederum dagegen spricht. Ich mag sein feingeschnittenes Gesicht, die langen Wimpern und vor allem das fröhliche Grinsen, mit dem er stets durch die Gegend rennt. Keine Ahnung, wie er das schafft, denn er muss schon hart arbeiten. Walter ist zwar ein netter Kerl, verlangt seinem Personal jedoch einiges ab.

So muss Felix beispielsweise regelmäßig die Klos putzen. Natürlich steckt ein wenig Ironie dahinter, da er somit seinen Zweitarbeitsplatz reinigt. Björn und Frederik, die beiden anderen Angestellten, teilen sein Schicksal, womit die Sache schon wieder fair ist.

 

Ich seufze, trinke das Bier aus und schwenke das Glas, damit Felix mir ein neues Pils zapft. Der Kleine nickt, schnappt sich einen Humpen und stellt ihn unter den Zapfhahn. Er ist flink und ich weiß, dass Walter ihn mag. Das kann man an den wohlwollenden Blicken sehen, mit denen er Felix ab und zu streift. Ich sag ja: Walter ist ein netter Kerl mit rauer Schale, aber einem butterweichen Kern.

 

„Wie schaut’s aus?“, frage ich, als Felix das frische Pils vor mir abstellt.

„Gut. Gib mir zehn Minuten“, antwortet er mit gewohnter Fröhlichkeit.

Während ich an dem Bier nippe, betrachte ich seinen kleinen Hintern, die schlanken Finger und schließlich bleibt mein Blick an seinen Lippen hängen. Die Mundwinkel sind wie stets leicht nach oben gebogen, als wäre er so geboren worden. Wunderschön und die Idee, ihn zu küssen, geistert schon wieder durch meinen Kopf. Wie er wohl schmeckt? Ich stelle mir Himbeeren vor, da diese Früchte genau die Farbe seiner Lippen haben. Anscheinend habe ich heute meinen romantischen Tag.

 

„Es kann losgehen“, meint Felix und holt mich damit aus meinen verklärten Überlegungen.

Ich kippe den Rest Bier in mich rein und trotte zu den Toiletten. Felix läuft vor mir, steuert auf eine freie Kabine zu und drückt sich gegen die Wand, damit wir beide Platz haben. Die Dinger sind verdammt eng, sodass ich mit meinem breiten Kreuz gerade noch hineinpasse. Das ist auch der Grund, weshalb ich nur eine Blowjob verlange. Um richtig vögeln zu können, brauche ich mehr Bewegungsfreiheit.

„Wie sieht es aus? Gibst du mir endlich Rabatt?“, frage ich leise, während ich die Tür verriegele.

„Oh nein. Es bleibt bei dem üblichen Preis“, antwortet Felix ernst.

„Halsabschneider“, grummele ich, presse den Rücken gegen die Kabinenwand und werfe einen auffordernden Blick an mir runter. „Fang an.“

„Vorauskasse“, sagt Felix.

„Ts-ts. Soviel Misstrauen auf dieser Welt“, brummele ich, zupfe einen Schein aus meiner Börse und stecke sie zurück in die Gesäßtasche.

Felix nimmt den Fünfziger entgegen, knüllt ihn in seine Hosentasche und sinkt auf die Knie. Voller Vorfreude wird mein Schwanz bereits härter. In der Kabine nebenan geht es gerade zur Sache, lautes Stöhnen dringt zu uns. Ich blende das aus, höre nur noch mein eigenes Blut in den Ohren rauschen und starre auf Felix‘ Schopf.

Der Kerl beherrscht sein Handwerk wie kein anderer. Nur schade, dass wir ein Kondom benutzen müssen. Wie sich seine Zunge wohl auf der nackten Haut anfühlt?

Felix packt meinen Schwanz, reibt ihn ein wenig und zückt gleichzeitig ein Gummi. Kurz darauf ist meine Erektion verpackt und er macht sich ans Werk. Ich fahre mit den Fingern einer Hand durch seine Haare, die andere liegt an seiner Wange. Es fühlt sich geil an, wenn ich die Bewegung seiner Muskeln direkt an meiner Handfläche spüre, zugleich an meinem Schwanz.

Felix knabbert erst neckisch, dann legt er richtig los. Während er seine Finger um meine Eier geschlossen hat, saugt er wie ein Weltmeister. Nach einer Woche Abstinenz bin ich hochgradig sensibel und das Ende naht rasch. Ich sollte wirklich öfter seine Dienste in Anspruch nehmen, am besten täglich. Als es losgeht, kneife ich die Lippen fest zusammen und mein Kopf fällt zurück. Die Beine werden weich und für einen Moment glaube ich, einen Engelschor singen zu hören, dann setze ich auch schon wieder zur Landung an.

Wie schön es doch wäre, wenn ich eine derartige Behandlung im Liegen genießen könnte. Danach noch ausruhen, kuscheln und einfach die Seele baumeln lassen. Ob Felix Hausbesuche macht?

Er streift das Gummi ab, verknotet es sorgfältig und drückt es mir in die Hand. Normalerweise würde er es im Mülleimer neben dem Klo entsorgen, aber ich schätze es nicht, wenn mein Genmaterial frei zugänglich ist. Das mag abergläubisch wirken, doch ich kann nicht dagegen an. Auch beim Friseur nehme ich stets die abgeschnittenen Haare mit, was mir jedes Mal ein mildes Lächeln einbringt. Mir egal. Niemand wird einen Voodoo-Zauber über mich aussprechen können, dafür sorge ich eben. Nach der Erfahrung mit Konrad bin ich halt leicht neurotisch.

„War ich gut?“, fragt Felix ironisch, steht auf und guckt auf meinen Mund.

Denkt er etwa auch an einen Kuss? Ich schiebe das gefüllte Gummi in meine Hosentasche, dabei neige ich mich leicht vor und gerate immer näher an Felix‘ Gesicht. Es fehlen nur noch wenige Zentimeter, dann könnte ich endlich seine Lippen kosten. Warmer Atem streift mein Gesicht, zarte Haut streicht an meinem Mund entlang. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde und doch kann ich den schwachen Duft wahrnehmen. Keine Himbeeren, sondern Latex.

„Ich muss kacken!“, reißt eine harsche Stimme uns aus der Versunkenheit und es wird gegen die Tür gehämmert.

Felix steht sofort stramm. Sein erschrockener Blick huscht zu mir hoch, dann zur Kabinentür. Ich versuche beruhigend zu lächeln, bin aber viel zu aufgewühlt. Der Fast-Kuss hat mich ganz aus dem Konzept gebracht.

Ich entriegele die Tür, trete vor Felix aus der Kabine und blitze den vierschrötigen Mann an, der mit erbostem Gesicht von einem Fuß auf den anderen tritt.

„Es gibt hier noch mehr Kabinen“, wettere ich. „Warum muss es gerade diese sein?“

„Ist mein Lieblingsklo“, mault der Typ und drängelt sich an mir und Felix vorbei.

„Dieser Planet ist voll von Wahnsinnigen“, murmele ich, gehe zum Waschbecken und halte die Hände unter den Hahn.

„Du bist einer von denen“, sagt Felix, tritt neben mich und betätigt den Seifenspender.

Während ich meine Hände wasche, schrubbt er seine Finger, spült den Mund aus und fährt anschließend sogar mit einer Zahnbürste, die er aus der Hosentasche zieht, flüchtig über seine Zähne. Irgendwie fühlt sich das nicht gut an. Als wenn er meine Spuren von sich abwäscht. Warum stört mich das? Ist doch gut, wenn er so sorgfältig auf sich achtet.

„Nimm’s nicht persönlich“, meint er, als wenn er Gedanken lesen könnte. „Ich tu das für mich.“

„Ach so“, nuschele ich, trockne meine Hände ab und werfe danach einen prüfenden Blick in den Spiegel.

 

Rasputin Heidenberg, dunkle kurze Haare, braune Augen. Erste Fältchen in den Augenwinkeln. Guten Tag!

 

Ich seufze, kehre meinem Spiegelbild den Rücken zu und folge Felix zurück in die Kneipe. Der Höhepunkt der Woche ist vorbei, jetzt heißt es wieder sieben Tage warten. Ich starre auf Felix‘ Hinterteil und wünsche mir … wünsche mir, dass alles anders wäre. Dass er kein Stricher ist und seine Blowjobs echt. Ach, Quatsch! Alles ist okay so wie es ist und er ohnehin ein Jungspund, der noch seine Erfahrungen machen muss.

 

Ich schiebe meinen Hintern wieder auf einen Hocker, bestelle ein neues Pils und gucke in die Gegend. Nachdem mein Trieb vorläufig befriedigt ist, kann ich mich auf andere Sachen konzentrieren. Zum Beispiel auf die Gespräche rechts und links von mir und auf den Boxkampf, der auf dem Monitor über dem Tresen gezeigt wird.

Langsam schlürfe ich die Hopfenkaltschale in mich rein, gucke noch ab und an zu Felix, dann ist es Zeit heimzukehren. Ich zahle, rutsche vom Barhocker und trotte zum Ausgang. Das war das Wochenende für mich, morgen Mittag muss ich wieder im Studio stehen.

 

Am nächsten Tag schließe ich um halb zwölf die Tür zu meinem Fitnessstudio auf. In einer halben Stunde öffnet das Studio offiziell und vorher habe ich noch einige Dinge zu erledigen. Tatjana kommt fünfzehn Minuten später, grüßt freundlich und begibt sich in die Anmeldung. Sie ist eine der beiden Aushilfen, die ich beschäftige.

Außerdem arbeitet hier noch Heinz, der zu einem Viertel an dem Laden beteiligt ist. Ein ruhiger Mann in den Fünfzigern, ein guter Freund und Fels in der Brandung, wenn ich mal Beistand brauche. Mit dieser Belegschaft lässt sich die lange Öffnungszeit des Studios ganz gut abdecken. Dennoch bleibt die meiste Arbeit an mir hängen und ein weiteres Paar Hände wäre nicht schlecht, ist aber finanziell noch nicht drin.

 

Der Tag vergeht im Nu und auch die folgenden. Schon steht wieder das Wochenende vor der Tür und damit mein üblicher Besuch im Lila Leguan. Ich freue mich richtig auf Felix und hatte schon die ganze Woche überlegt, ob ich mir nicht außer der Reihe etwas gönnen sollte. Bevor ich jedoch den Kredit für das Studio nicht abgezahlt habe, ist mein Budget streng limitiert und die rund 200 Euro, die ich im Monat für meine Bedürfnisse ausgebe, mehr als genug.

Wenn ich in einem halben Jahr schuldenfrei bin, wird alles leichter werden und vielleicht … vielleicht kann ich dann mit Felix sogar ein Exklusivrecht vereinbaren. Es stört mich schon ein wenig, dass er sich von fremden Kerlen begrabbeln lässt. Warum? Keine Ahnung, ist nur so ein Gefühl.

 

Ich parke meinen Van wie gewohnt im Hinterhof. Ausnahmsweise regnet es mal nicht, dafür weht ein eisiger Wind. Während ich zum Vordereingang laufe, stelle ich den Kragen meiner Jacke hoch. Dennoch durchläuft mich ein fröstelnder Schauer und ich bin froh, als ich in die Wärme des Lila Leguans eintauchen kann.

Wie gewohnt ist der Laden voll und die Luft erfüllt von Musik und Stimmengewirr. Ich gehe zum Tresen, lass mich auf einem Hocker nieder und winke Felix zu. Der winkt zurück, stellt einen Humpen unter den Zapfhahn und bringt bald darauf das volle Glas zu mir rüber.

„Hallo Rasputin“, grüßt er mit gewohnt fröhlichem Grinsen.

„Hey Felix“, erwidere ich. „Wie sieht’s aus?“

„Ich muss warten, bis Walter zurück ist. Er ist gerade im Keller und sticht ein neues Fass an.“

„Okay“, murmele ich, trinke einen Schluck und richte den Blick auf den Fernseher über der Bar.

Dort läuft gerade ein Fußballspiel, das mich aber nur mäßig interessiert. Ich schaue mich im Lokal um und mustere die anderen Gäste. In einer Ecke drücken sich drei Glatzköpfe herum, die ich hier noch nie gesehen habe. Die Kerle tragen Springerstiefel und Lederjacken, müssen aber deswegen nicht unbedingt feindlich gesinnt sein. Ich fühle trotzdem so etwas wie eine Bedrohung, die von den Dreien ausgeht. Wahrscheinlich spinne ich, doch Vorsicht ist besser, als das Nachsehen zu haben. In jedem Fall werde ich die Kerle im Auge behalten.

Als Walter hinter den Tresen zurückkehrt, wechsle ich mit ihm einen Blick und nicke zu der Ecke. Er schaut kurz dorthin, zuckt mit den Achseln und wendet sich dem Zapfhahn zu. Anscheinend stuft er die Männer als harmlos ein.

„Wir können“, sagt Felix und lenkt damit meine Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge.

 

Im Toilettenraum müssen wir warten, bis eine der drei Kabinen frei wird. Es riecht nach Desinfektionsmittel, Pisse und gerade hat wohl jemand ein großes Geschäft abgewickelt. Im Ganzen ist die Atmosphäre also wenig romantisch, als Felix vor mir in die freigewordene Zelle huscht. Warum gehen wir eigentlich nicht zu meinem Wagen? Wenigstens geruchstechnisch wäre das eine Verbesserung.

„Wie immer?“, fragt Felix und schaut mich dabei so herzallerliebst unschuldig an, dass ich nicht anders kann, mich vorbeuge und seine Lippen mit meinen streife.

Leider kann ich dank der Geruchskulisse seinen Duft nicht wahrnehmen. Er zuckt auch gleich zurück und hebt erstaunt die Augenbrauen.

„Was ist los?“, murmelt er und reibt sich mit einem Finger über die Lippen, als wenn er deren Beschaffenheit prüfen müsste.

„Nüx“, nuschele ich, zücke die Geldbörse und fische einen braunen Schein heraus. „Wie immer“, füge ich dann hinzu und verzichte mal auf das Gefeilsche. Der Kuss hat mich etwas aus dem Gleichgewicht gebracht.

Felix nickt, schnappt sich das Geld und schiebt es in die Hosentasche, anschließend geht er auf die Knie und nestelt an meiner Jeans. Zum Glück hat sich die Luftqualität inzwischen leicht gebessert, sodass ich den folgenden Blasangriff richtig genießen kann. Felix ist jeden Cent wert und wie immer reicht er mir im Anschluss das benutzte Kondom.

„Hast du zu Hause einen Behälter für das Zeug?“, spöttelt er.

„Quatsch“, brummele ich, stecke das Gummi ein und wuschele ihm durchs Haar. „Das wird entsorgt, aber auf sichere Weise.“

„Aha“, murmelt Felix, öffnet die Kabinentür und schiebt sich in hinaus.

Ich folge ihm zu den Waschbecken, spüle kurz die Hände ab und gehe zurück in den Schankraum. Dabei komme ich an den Glatzen vorbei, die noch immer in der gleichen Ecke herumlungern. Einer der Kerle wirft mir einen kurzen Blick zu und ich meine, Hass darin glimmen zu sehen, kann mich aber auch täuschen.

 

Da ich am nächsten Tag erst spät arbeiten brauche, bleibe ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit noch etwas länger. Heinz wird morgen den Laden schmeißen bis zum Nachmittag und hat mir befohlen, endlich mal auszuspannen. Nett von ihm und ich kann wirklich ein bisschen Freizeit gebrauchen.

Relaxt trinke ich noch ein Bier, bevor ich auf Mineralwasser umsteige. Schließlich muss ich noch fahren. Ich wechsele ein paar Worte mit Walter und klöne ein wenig mit einem Bekannten zu meiner Rechten. Dabei schaue ich immer mal wieder zum Fernseher oder zu Felix.

Langsam nähert sich Mitternacht und ich merke, dass ich bald nach Hause sollte. Der Tag im Studio hat mich geschlaucht. Felix übergibt gerade seine Gäste an einen Kollegen, offenbar macht er Feierabend. Ich überlege, ob ich es wagen könnte ihn zu fragen, ob er mit zu mir kommt, als er auch schon in Richtung des Hinterausganges verschwindet. Schade. Ich stürze den Rest Wasser hinunter und werfe aus irgendeinem Grund einen Blick in die Ecke, in der die Glatzen lungern, doch die sind plötzlich weg.

Gut, ein Problem weniger. Der frisch eingetroffene Kollege hinter dem Tresen räumt mein Glas ab und fragt, ob ich noch etwas trinken möchte. Ich verneine und verabschiede mich von dem Bekannten, winke Walter zu und begebe mich langsam zum Ausgang. Die kalte Luft vor der Tür tut gut und nimmt etwas Schläfrigkeit von mir.

Ich atme tief ein, biege um die Ecke zum Hinterhof und da höre ich sie auch schon.

„Na los, du Schwanzlutscher. Zeig was du kannst“, grölt eine helle Stimme.

Mein Herz macht einen schmerzhaften Satz, als ich Felix zwischen den drei Glatzenträgern entdecke. Einer hat seine Finger in die Haare an Felix‘ Hinterkopf gekrallt und ein anderer holt gerade aus und versetzt ihm einen Tritt in die Rippen. Felix kniet, ist halbnackt und … ich renne los!

„Ihr verdammten Arschlöcher!“, brülle ich im Laufen.

Mit meinen stolzen eins neunzig überrage ich die Kerle und muss wohl in meiner Wut recht imposant wirken. Jedenfalls lassen sie Felix los und einer macht sich gleich vom Acker. Die beiden anderen stehen einen Moment unschlüssig da, bevor sie ihrem Kumpel folgen. Sie verschwinden in der Dunkelheit zwischen den Häusern. Ich erreiche Felix, hocke mich hin und greife vorsichtig nach seiner Schulter. Sein Kopf ist nach vorn gesackt und ich höre ihn leise schluchzen.

„Hey! Felix? Alles okay?“ Was für eine Frage! Ich habe den brutalen Fußtritt selbst gesehen und was die Arschgeigen vorher mit ihm angestellt haben, wage ich mir gar nicht auszumalen. „Komm, steh auf. Ich bring dich ins Krankenhaus“, flüstere ich, packe ihn am Oberarm und will ihn hochziehen, aber er wehrt mich ab.

„Kein Krankenhaus“, wimmert er. „Lass mich einfach.“

„Du musst aber untersucht werden“, beharre ich. „Vielleicht hast du eine Bruch oder so.“

„Bin nicht versichert. Lass mich“, wispert er, schnieft und linst unter seinem Haar hervor zu mir. „Lass mich, bitte!“, wiederholt er und ich entdecke einen Bluterguss an seiner linken Schläfe.

„Ich lass dich hier nicht“, beharre ich, packe sein Kinn mit zwei Fingern und zwinge sein Gesicht zu mir herum. „Oh Mann!“, stoße ich entsetzt hervor, als ich das zuschwellende linke Auge bemerke.

Blut tropft aus seiner Nase und an seinem Hals befinden sich dunkle Würgemale. Am liebsten hätte ich ihn an meine Brust gezogen, nur die Sorge ihm damit weh zu tun hält mich davon ab. Das T-Shirt ist zerrissen und die Hose hängt ihm in den Kniekehlen. Sein Geschlecht ist nur noch knapp von einem Stück Stoff verdeckt, das wohl mal eine Pants gewesen ist.

„Du kommst mit zu mir“, bestimme ich, umfasse seine Oberarme und zwinge ihn auf die Füße.

Als ich sicher bin, dass er mir nicht wieder zusammensackt, richte ich seine Kleidung so gut es geht. Suchend schaue ich mich nach seiner Jacke um, entdecke sie nahe der Hauswand neben einem ramponierten Fahrrad und führe ihn langsam dorthin. Dabei halte ich ihn weiterhin am Arm fest, denn er macht einen wackligen Eindruck.

Ohne ihn loszulassen bücke ich mich nach der Jeansjacke und hänge sie über seine Schultern.

„Kannst du nachgucken, ob meine Börse …?“, flüstert Felix.

In der rechten Brusttasche ertaste ich eine quaderförmige Erhebung, außerdem finde ich in der Tasche darunter einen Schlüsselbund. Offenbar hatten die Kerle es nur darauf abgesehen, Felix zu demütigen. Glück im Unglück, doch angesichts seiner Verletzungen ein dummer Spruch.

„Scheint alles da zu sein“, murmele ich und gucke auf das Fahrrad. „Ist das deins?“

„Ja. Aber es ist wohl nun ganz hinüber“, sagt er bedauernd und zieht die Nase hoch.

Eine eiskalte Böe fegt in diesem Moment durch die Häuserschlucht und reißt fast Felix‘ Jacke von dessen Schultern. Ich kann sie gerade noch schnappen und ziehe ihn dabei näher an mich heran.

„Wir fahren jetzt zu mir und ich guck mir deine Wunden an. Danach schläfst du in meinem Gästebett und morgen sehen wir weiter“, erkläre ich und halte ihn wieder am Arm fest, während ich ihn zu meinem Van führe.

 

Felix humpelt und scheint starke Schmerzen zu haben, denn er verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Ich muss ihn letztendlich anschnallen, da er das nicht selbst hinbekommt. Totenbleich und den Blick starr geradeaus gerichtet sitzt er die ganze Fahrt neben mir. Ich würde ihn gern fragen, was genau passiert ist, doch im Moment halte ich lieber den Mund. Felix steht unter Schock, zittert erbärmlich und braucht jetzt erst mal Ruhe und ein warmes Bett.

 

Ich fahre den Van in die Garage und helfe danach Felix aus dem Wagen. Mein Haus, ein Erbe meines Großvaters, ist durch zwei Stufen zu erreichen. Ich schließe die Tür auf, führe Felix direkt ins Gästezimmer und setze ihn auf dem Bett ab. Nachdem ich den Heizkörper voll aufgedreht habe, hole ich Decken aus meinem Schlafzimmer und hülle den zitternden Mann ganz damit ein. Sein Kinn ist schon wieder auf die Brust gesackt, der Blick gesenkt. Langsam sinke ich neben ihm auf die Bettkante.

„Ich lass dir eine Wanne ein“, sage ich leise. „Dann wirst du schneller wieder warm.“

„Warum tust du das alles für mich?“, fragt Felix, hebt den Kopf und sieht mich direkt an.

Ich zucke beim Anblick des Veilchens automatisch zusammen.

„Du bist ein netter Kerl und bläst verdammt gut. Das sind doch zwei Gründe“, antworte ich mit einem Grinsen, das den Worten die Schärfe nehmen soll.

„Ach so. Darum geht’s“, sagt Felix und schmunzelt zaghaft.

Ich atme erleichtert auf, da er den Schock offenbar überwunden hat, sonst würde er nicht so gelassen reagieren.

„Es geht nun erst mal darum, dass du dich aufwärmst und danach gucke ich, ob ich dich irgendwo verarzten muss.“ Aufmunternd streife ich kurz mit einer Hand durch seinen Schopf, dann stehe ich auf und laufe ins Bad.

 

Zehn Minuten später liegt Felix bis zum Hals in einem duftenden Schaumbad. Ohne jegliche Scham hat er sich von mir aus den Klamotten und in die Wanne helfen lassen. Dabei habe ich blaue Flecken an seinen Rippenbögen, Beinen und Armen entdeckt. Die Kerle müssen ihn mehrfach getreten haben, gebrochen scheint jedoch nicht zu sein.

Ich lass Felix eine Weile allein und nutze die Zeit, um ein Kissen und eine Decke zu beziehen. Nachdem ich das Gästebett kuschelig hergerichtet habe, tappe ich wieder ins Bad, schnappe mir ein flauschiges Handtuch und stelle mich vor der Wanne auf.

„Komm, du schläfst mir sonst noch ein“, locke ich ihn.

Er öffnet die schweren Lider und guckt eine Sekunde verständnislos zu mir hoch. In diesem Augenblick ist er einfach unglaublich hübsch. Das heile Auge ist himmelblau und die nassen Haare hängen ihm wild ins Gesicht. Dazu noch der wundervoll geschwungene Mund … Ein wohliges Kribbeln setzt in meinem Magen ein und ich würde ihn am liebsten küssen.

„Hilfst du mir?“, fragt er flüsternd, setzt sich auf und greift nach dem Wannenrand.

Ich hieve ihn hoch, indem ich die Hände unter seine Achseln schiebe und stelle ihn vor mir ab. Felix ist fast einen Kopf kleiner als ich und sehr schmal. Daher bereitet mir das keine großen Schwierigkeiten. Ich hülle ihn in das Handtuch und nehme ein zweites hinzu, um seine Haare zu frottieren. Himmel! Es bringt mir richtig Spaß, den Kerl zu verhätscheln.

„Aua!“

Sein Ausruf holt mich aus der Trance, in die ich offenbar verfallen bin. Ich habe sein Auge versehentlich gestreift und ernte dafür nun einen bösen Blick. Entschuldigend zucke ich mit den Achseln, werfe das Handtuch über den Heizkörper und trete einen Schritt zurück.

„Möchtest du noch etwas trinken, bevor ich dir Gute Nacht sage?“, frage ich.

„Gern, Papi“, erwidert er spöttisch grinsend und tappt hinter mir her in den Flur und weiter zum Gästezimmer. „Hast du zufällig was zum Anziehen für mich?“, ruft er über die Schulter und bleibt stehen.

 

Mein T-Shirt reicht im bis über die Oberschenkel. Somit braucht er keine Shorts, die er sich ohnehin wahrscheinlich zweimal um die schmalen Hüften wickeln könnte. Obwohl ich natürlich nicht genau hingesehen habe, weiß ich, dass sein Schambereich komplett rasiert ist. Sein Schwanz hat normale Größe und ist … Okay, ich hab hin gestiert und sein Glied ist – genau wie der Rest von ihm – wohlgeformt und sieht lecker aus. Felix‘ kleiner Hintern hat die Form eines Apfels und ich würde zu gern mal hinein beißen.

Nachdem er es sich im Bett bequem gemacht hat, hocke ich mich auf die Kante und reiche ihm einen Becher heißen Tee. Ich habe mir selbst auch einen gemacht und trinke in kleinen Schlucken, wobei ich Felix beobachte. Es gefällt mir, ihn einfach nur anzuschauen. Vielleicht sollte ich ihn bitten, als Dekoration für immer hierzubleiben.

„Ich wollte gerade aufs Fahrrad steigen, als die Kerle in den Hinterhof kamen“, fängt er leise an zu erzählen, dabei pustet er immer mal wieder in den Becher. „Erst dachte ich, die nehmen nur eine Abkürzung, aber dann … dann haben sie mir das Fahrrad weggenommen, sind darauf herumgetrampelt und … und dann war ich dran.“

Er schweigt einen Moment und schlürft ein wenig Tee.

„Ich hab versucht mit denen zu reden, aber … sinnlos! Nach dem hier …“ Er zeigt mit dem Finger auf sein lädiertes Auge. „… habe ich mich lieber nicht mehr gewehrt und einfach nur gebetet, dass es schnell vorbei geht.“

Ich schnappe mir seine freie Hand und verschränke die Finger mit seinen. Sein Adamsapfel hüpft aufgeregt und seine Wimpern sind gesenkt, als er weiterspricht: „Ich hätte alles getan, damit die mich in Ruhe und am Leben lassen. Jämmerlich, oder?“ Er trinkt und seine Hand zittert dabei. „Wenn du nicht gekommen wärst … Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du mich gerettet hast. Die hätten mir bestimmt noch den Arsch aufgerissen.“

„Niemand wird dir den Arsch aufreißen, so lange ich atmen kann“, sage ich ohne nachzudenken.

Mein Beschützerinstinkt ist in vollem Betriebsmodus. Niemand soll jemals wieder die Hand gegen Felix erheben, dafür werde ich sorgen. Ich drücke seine Finger und schenke ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Bei mir bist du sicher.“

„Danke“, flüstert Felix und blinzelt, als wenn er Tränen zurückhalten muss.

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