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Kälter als die Angst

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. Vorwort
  13. 4
  14. 5
  15. Kapitel 1
  16. 6
  17. 7
  18. Kapitel 2
  19. 8
  20. 9
  21. Kapitel 3
  22. 10
  23. 11
  24. Kapitel 4
  25. 12
  26. 13
  27. Kapitel 5
  28. Abschlussworte an den Leser
  29. 14
  30. Danksagung

Weitere Titel mit Schneidmann und Käfer:

Schattenfreundin

Phönixkinder

Rachefolter

Denn mir entkommst du nicht

Kälter als die Angst

Weitere Titel der Autorin bei Lübbe:

Nach dem Schweigen

Killerjagd

Killer Blog

Dunkeltraum

Über dieses Buch

Carla Delbrück wurde grausam ermordet. Zunächst sieht alles nach einer Beziehungstat aus, auch wenn ihr Ehemann jegliche Schuld leugnet. Tatsächlich bekam die Tote anonyme Drohbriefe, die in Zusammenhang mit einer angeblich längst aufgeklärten Bluttat stehen. Wurde Carla Delbrück Opfer eines Nachahmungstäters? Oder wusste sie mehr über den Mord von damals? Charlotte Schneidmann und Peter Käfer ermitteln – ohne zu ahnen, dass sie einen ruchlosen Killer jagen, der sich gerade erst warm läuft …

Über die Autorin

2013 erschien mit »Schattenfreundin« der erste Roman von Christine Drews, der in sechs Sprachen übersetzt und für das ZDF verfilmt wurde. Neben Romanen, Krimis und Thrillern schreibt sie Drehbücher für Filme, Familien- und Comedyserien und arbeitet als Autorin für zahlreiche Showformate. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln.

Prolog

24. August 2017

Auf die Blutspritzer fiel mein Blick als Erstes, als ich wieder klar denken konnte. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich da gesessen habe, das Blut an meinen Armen und auf meinem T-Shirt war jedenfalls schon getrocknet, die Luft von Fliegen erfüllt.

Irgendwie habe ich es geschafft, nach Hause zu kommen, ohne angesprochen zu werden. Und jetzt sitze ich hier und fühle mich so schlecht wie noch nie zuvor. Ich weiß, warum ich es getan habe und dass es notwendig war. Wenn ich das heute nicht hingekriegt hätte, würde ich den nächsten Schritt erst recht nicht schaffen. Daher musste es sein. Aber schlecht fühle ich mich trotzdem.

Wenigstens weiß ich jetzt, wie man den Hammer richtig in der Hand hält und dass man genau auf die Schädelmitte zielen muss. Mit dem ersten Schlag hatte ich den Kopf nur seitlich getroffen. Das bringt nichts, zieht alles nur unnötig in die Länge. Präzise auf die Mitte zielen, dann ist es sofort vorbei. Das weiß ich jetzt.

Das Haus erwartet mich.

Endlich kann beendet werden, was vor so vielen Jahren begann.

Ich bin bereit.

1

Katrin Ortrup lehnte mit einem Glas Wein an der grob verputzten Wand und versuchte, dem Monolog zu folgen, der ohne Pause aus dem Mund ihres Gegenübers strömte. Der breite Hausflur eignete sich perfekt für die Feier, die ihre neuen Nachbarn ihr zu Ehren organisiert hatten. Auch aus den umliegenden Häusern waren Gäste gekommen, insgesamt tummelten sich nun bestimmt fünfundzwanzig Personen im Hausflur und ließen es sich gutgehen. Neben dem Treppenaufgang stand ein Klapptisch mit selbstgemachten Frikadellen, Käse, Weißwein und Bier. Für die Kinder gab es Limo und Wasser, aber die hatten sich schon vor einer Weile in die Wohnung von Familie Mahnheim verdrückt, um dort mit der Playstation zu spielen. Alle Nachbarn machten einen netten Eindruck, und Katrin war froh, dass man sie hier so herzlich willkommen hieß. Vor zwei Wochen war sie eingezogen, und bisher hatte sie die Entscheidung keine Sekunde bereut. Es war der ideale Ort, um nach der Scheidung von Thomas neu anzufangen.

Katrin nippte an ihrem Weißwein und versuchte, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Stefan Mahnheim, der Mann, der sie gerade vollquatschte, hatte offensichtlich schon einen sitzen, jedenfalls verlor er immer häufiger den Faden und verstrickte sich in nicht enden wollenden Sätzen. Sie konnte ihm einfach nicht folgen. Immer wieder ging ihr Blick zur Wohnungstür der Mahnheims, die einen Spalt offen stand und aus der vergnügtes Kindergeplapper zu hören war. Es ist alles in Ordnung, sagte sie sich. Eine gewisse Grundangst war seit damals einfach fest in ihr verankert.

Zum Glück hatte sich Leo schnell mit den Kindern der Mahnheims angefreundet, die ungefähr in seinem Alter waren. Hannes war mit elf Jahren ein Jahr älter als er, und Sarah war gerade neun geworden. Katrin überraschte es immer wieder, wie gut Leo die schrecklichen Ereignisse weggesteckt hatte. Sieben Jahre lag das alles nun zurück.

Ein helles Lachen riss sie aus ihren Gedanken, und im selben Augenblick stürmte eine junge Frau fröhlich kreischend aus der Wohnung der Mahnheims. Sie wurde von einer Horde Kindern verfolgt, die sie zu fangen versuchten. Kurz vorm Treppenhaus schlug die junge Frau sportlich einen Haken, und ihre langen roten Locken wirbelten durch die Luft. Wenige Sekunden später verschwand sie mit einem lauten »Ihr kriegt mich nicht!« wieder in der Wohnung. Ohne Berührungsängste zu zeigen, tobte Leo in vorderster Reihe mit. Katrin war froh, dass er trotz allem, was er erlebt hatte, immer noch schnell Vertrauen zu anderen Menschen fassen konnte. Manchmal kam es ihr so vor, als hätte er die Geschehnisse von damals vergessen. Während sie selbst in den letzten sieben Jahren jeden Tag an diese Zeit der Angst und Ungewissheit denken musste. Der Kommissarin, die ihn damals gerettet hatte, würde sie bis an ihr Lebensende dankbar sein.

Die erste Zeit danach hatten sie alle wie in Trance erlebt. Katrin erinnerte sich noch, wie sie die Tage im Schlafanzug verbracht hatten. Nicht nur sie, auch Thomas und Leo, sie waren alle unfähig gewesen, vor die Tür zu gehen. Natürlich hatten sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen, aber Katrin war sich nicht sicher, ob die ihnen wirklich geholfen hatte oder ob es im Endeffekt nicht Finn gewesen war, der der Familie wieder Normalität verschafft hatte. Denn als ihr jüngster Sohn auf die Welt gekommen war, war zumindest sie gezwungen gewesen, wieder zu funktionieren, am Alltag teilzunehmen und sich um ihre Familie zu kümmern. Sie war davon überzeugt, dass so auch Leo wieder ins normale Leben zurückgefunden hatte. Finn war ihr Sonnenschein, das große Glück, das sie alle ins Leben zurückgeholt hatte.

Ihre Ehe hatte das Drama trotzdem nicht überstanden. Dennoch hatte Katrin manchmal das Gefühl, an alldem auch gewachsen zu sein. Für sie war es ein großer Schritt gewesen, als sie vor gut drei Jahren damit begonnen hatte, sich aktiv in der Opfernachsorge zu engagieren. Thomas hatte das nie verstehen können, ihm wäre es am liebsten gewesen, wenn alles, was ihn an damals erinnerte, ein für alle Mal unter den Tisch gekehrt würde. Aber Katrin hatte gespürt, dass das nicht funktionierte. Und sie wollte sich auch nicht mehr nur in einer Psychotherapie ihren Ängsten stellen, sie wollte einen Schritt weitergehen. Sie wollte aus dem Erlebten etwas Positives ziehen, das Schlechte in etwas Gutes wandeln. Heute leitete sie eine Selbsthilfegruppe, in der sich einmal im Monat Eltern von Kindern trafen, die Opfer von Verbrechen geworden waren.

»Todeshaus ist natürlich total übertrieben«, lallte Stefan Mahnheim jetzt und pustete eine dunkle Strähne aus seiner Stirn. Katrin schreckte auf. Was redete der Mann da?

»Entschuldigen Sie.« Elli Mahnheim, seine gutaussehende und etwas zu blond gefärbte Frau, ging augenrollend dazwischen. »Du trinkst jetzt mal ein Wasser«, sagte sie streng zu ihm, bevor sie sich an Katrin wandte. »Hören Sie nicht auf sein Gewäsch, er übertreibt wie immer maßlos. Haben sich Leo und Finn gut eingelebt?«

Katrin nickte irritiert. »Ja. Gymnasium und Grundschule sind ja zum Glück direkt um die Ecke.« Dann wandte sie sich wieder an Stefan Mahnheim. »Wieso Todeshaus? Was meinen Sie damit?«

Der Mann trank sein Wasser aus und unterdrückte ein Rülpsen. »Hab ich doch gerade erklärt«, sagte er, und als er weitersprechen wollte, stieß seine Frau ihm den Ellenbogen in die Seite.

»Stefan! Jetzt mach der armen Frau doch nicht so eine Angst!«

»Er macht mir keine Angst, ich hatte nur nicht mitbekommen, was er genau erzählt hat«, sagte Katrin. Aufmerksam sah sie den angetrunkenen Mann an. »Was ist hier passiert?«

Grinsend beugte sich Stefan Mahnheim zu ihr herunter, sodass sein biergetränkter Atem sie mitten ins Gesicht traf. »Vielleicht kriegen Sie eines Tages ja auch diese Briefe«, meinte er mit verschwörerischem Tonfall. »Bisher hat sie noch jeder bekommen …«

»Herrgott noch mal, Stefan!« Nun klang seine Frau wirklich sauer. »Du gehst jetzt in die Wohnung und kochst Kaffee. Sofort!«

Ihr Mann stöhnte genervt auf, warf Katrin noch mal einen grinsenden Blick zu und verschwand dann wankend in seiner Wohnung.

»Bitte entschuldigen Sie, ich weiß auch nicht, was heute mit ihm los ist. Normalerweise verträgt er mehr …« Kopfschüttelnd blickte sie ihrem Mann hinterher.

Katrin bemühte sich, so gelassen wie nur möglich zu wirken. »Kein Problem.« Eine Mischung aus Neugier und Beunruhigung durchströmte sie. »Briefe?«, fragte sie dann.

»Ja. Aber bitte, das dürfen Sie nicht so ernst nehmen«, meinte Elli Mahnheim. »Tatsächlich trudeln in regelmäßigen Abständen so alberne Drohbriefe hier ein. Die Schmieds aus dem Erdgeschoss hatten schon welche, genauso wie wir und Ihre Vormieter. Harmloses Zeug, wahrscheinlich irgendein Dummejungenstreich.«

»Aha. Was stand denn in den Briefen?«

Eric Schmied, der mit seiner Frau Anke im Erdgeschoss wohnte, hatte die Unterhaltung mitbekommen. Der untersetzte Mann, der die fünfzig längst überschritten haben durfte, kam mit einer Flasche Weißwein zu ihnen und füllte die Gläser neu auf.

»Lassen Sie sich von den schwachsinnigen Briefen nicht verängstigen«, meinte er grinsend. »Angeblich hat dieses Haus eine düstere Vergangenheit …«

»Angeblich!«, warf Elli Mahnheim genervt ein.

»Sag ich ja, angeblich«, bestätigte der Mann. »In den Achtzigerjahren soll unten im Keller jemand ermordet worden sein, so stand das jedenfalls in einem dieser Briefe. Ich hab das mal versucht zu googeln, kam aber nichts. Wahrscheinlich also eine Legende.«

»Verstehe.« Katrin nickte. »Und die Drohbriefe beziehen sich nur auf diesen Vorfall?«

»Ganz genau«, bestätigte Eric Schmied. »Ich war mal mit meiner Frau in Los Angeles, da konnte man so Gruselfahrten buchen. Sie wissen schon, Stadtrundfahrt zu den Häusern, in denen früher berühmte Morde passiert sind.«

Davon hatte Katrin schon mal gehört, und sie fragte sich, was das hiermit zu tun haben sollte.

»Und so ähnlich ist es meiner Meinung nach auch mit diesen Drohbriefen«, erklärte Eric Schmied. »Garantiert steckt da jemand aus der Nachbarschaft hinter. Irgendjemand, der es cool findet, dass hier angeblich so was passiert ist. Der hat was von einem alten Mord gehört und will nun auf persönliche Gruseltour gehen. Und wenn man die Leute ein bisschen erschreckt, macht es natürlich gleich viel mehr Spaß. Kann man doch nicht ernst nehmen.« Er lachte.

»Aber was steht denn nun in den Briefen?«, hakte Katrin nach.

»So ’n Blödsinn wie: Geht nicht in den Keller oder Dich wird es noch genauso erwischen oder Das Todeshaus wird dich nicht in Ruhe lassen. So’n Quatsch halt!«

Eric Schmied lachte, und Elli Mahnheim stimmte in das Lachen ein.

»Und das immer in Reimform, aber in so einer Kleinkinderart, wirklich schlecht und einfallslos. Total kindisch. Da hat jemand zu viele Horrorfilme gesehen, so viel steht fest!«, meinte sie, und nun musste auch Katrin lächeln. Das klang tatsächlich alles absurd. Ein Todeshaus, das seine Bewohner verfolgt – was für ein Blödsinn!

»Sollte nicht noch getanzt werden?« Anke Schmied war zu ihnen gekommen. Sie wirkte ähnlich angeheitert wie Stefan Mahnheim, der in seiner Wohnung verschwunden war.

»Tanzen ist immer gut!«, meinte Elli Mahnheim und drehte ihren Kopf Richtung Wohnungstür. »Schatz? Mach mal Musik!«, rief sie laut, und es dauerte nicht lange, bis Kurt Cobain durch den Flur dröhnte.

Die junge Frau mit den roten Locken kam gut gelaunt aus der Wohnung der Mahnheims zu ihnen herüber. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, und sie fächelte sich etwas Luft zu.

»Die lieben Kleinen sind ganz schön groß geworden«, sagte sie lachend und reichte Katrin die Hand. »Ich bin Leni.«

»Unsere Tochter«, sagte Anke Schmied sichtlich stolz.

»Ich hab früher auf Hannes und Sarah aufgepasst …«

»Sie war unsere beste Babysitterin«, warf Elli Mahnheim lächelnd ein.

»Aber so wild wie heute waren die früher nicht!« Leni Schmied lachte und wischte sich über die Stirn. »Ihre zwei verstehen sich aber super mit den beiden«, sagte sie dann zu Katrin. »Zwei wirklich liebe Jungs.«

Katrin freute sich. Das hörte sie gerne.

»Und wenn Leni das sagt, dann stimmt das auch!« Anke Schmied legte lächelnd den Arm um ihre Tochter. »Leni studiert Psychologie und Pädagogik. Sie kennt sich aus. Letztes Semester war sie Jahrgangsbeste.«

»Wenn sie so weitermacht, hat sie ihren Master noch vorm Ende der Regelstudienzeit in der Tasche«, warf Eric Schmied ein.

»Mal abwarten, Papa.« Leni machte eine abwehrende Handbewegung und lächelte bescheiden. Offensichtlich waren ihr die Lobhudeleien der Eltern etwas unangenehm, was Katrin sehr sympathisch fand.

»Sie hört das nicht gerne«, sagte ihre Mutter augenzwinkernd. »Aber sie ist nun mal unser einziges Kind, da ist man ja sowieso schon stolz. Und wenn sie dann noch alles mit Eins macht …«

»Ihr Abi war damals das beste in ganz Münster!«

»Papa!« Leni verdrehte die Augen. Entschuldigend sah sie Katrin an. »Tut mir leid … Erzählen Sie doch lieber was über sich. Fühlen Sie sich wohl hier im Haus? Trotz meiner nervtötenden Eltern?« Sie warf ihren Eltern einen Blick zu, und ihre Mutter knuffte ihr gespielt empört in die Seite.

Katrin lachte. »Ja. Sehr sogar. Es ist genau die richtige Umgebung für einen Neuanfang.«

Leni nickte verständnisvoll. »Leo hat erzählt, dass sein Vater nicht mit eingezogen ist.«

Katrin musste schlucken. Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Wir haben uns getrennt.«

»Das tut mir leid.« Obwohl Leni vielleicht halb so alt war wie Katrin, sprach aus ihrem Blick viel Verständnis und Mitgefühl. »Leo hat noch erwähnt, dass ihm mal was passiert sei … ich hoffe, es war nichts Schlimmes?«

Der Satz trieb Katrin sofort die Tränen in die Augen. Manchmal war dem Jungen das Erlebte offenbar doch noch präsenter, als sie dachte.

Leni Schmied sah sie betroffen an. »Bitte entschuldigen Sie. Das war taktlos von mir. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«

»Schon gut.« Katrin zwang sich zu einem Lächeln. »Ist ja kein Geheimnis, die Zeitungen waren schließlich voll davon.« In knappen Worten erzählte sie Leni Schmied von dem Drama, das sich damals abgespielt hatte. »Natürlich hängt einem das immer noch ein bisschen nach«, sagte sie und war froh, dass sie sich so schnell wieder gefangen hatte.

Leni nickte wieder. »Das kann ich mir sehr gut vorstellen.«

In dem Moment drang laute Heavy-Metal-Musik aus der Wohnung, und Katrin zuckte unwillkürlich zusammen.

»Das ist doch keine Musik, das ist doch nur noch Krach! Haben Sie auch Helene Fischer?«, fragte Anke Schmied, die angesichts der lauten Gitarrenriffs genervt das Gesicht verzog.

»Sind Sie wahnsinnig?« Elli Mahnheim machte ein gespielt entsetztes Gesicht. »Das spielen wir erst, wenn die Leute nach Hause gehen sollen!«

Die anderen lachten, und Katrin freute sich, dass so eine freundschaftliche und lockere Atmosphäre zwischen den Nachbarn herrschte.

Am nächsten Tag wachte sie mit fiesen Kopfschmerzen auf. Sie hatte noch nie besonders viel Alkohol vertragen, aber seitdem die Kinder da waren, war es noch schlimmer geworden. Vielleicht, weil sie nicht mehr ausschlafen konnte, vielleicht aber auch, weil sie einfach älter wurde.

»Ich hab Hunger.« Finn rüttelte an ihrem Arm und sah sie vorwurfsvoll an. »Es ist schon acht. Hunger!«

»Acht … Schatz, es ist Sonntag!«

»Hab trotzdem Hunger.«

»Klar. Logisch.« Sie seufzte. Dann drückte sie ihren kleinen Sohn an sich. »Ich mach Frühstück.«

Leo lag noch im Bett und hörte eine CD. Im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder stand er morgens nicht mehr in aller Herrgottsfrühe auf. Er liebte es, noch im Bett herumzuliegen und zu faulenzen.

»Kommt Papa heute?« Finn hatte das Wochenendprinzip immer noch nicht ganz verstanden.

»Nein, mein Schatz. Übernächstes Wochenende seid ihr bei ihm.«

»Warum kommt er nicht heute?«

»Finn …«

»Er könnte seine Pfannkuchen zum Frühstück machen.«

»Ich mache dir Pfannkuchen.«

»Aber du kannst die nicht so gut wie Papa.«

»Finn, du weißt doch …«

»Ja, ich weiß.«

Mit hängendem Kopf ging er in Leos Zimmer. Durch die offene Tür konnte Katrin sehen, wie er unter die Decke seines Bruders kroch, der ihm bereitwillig Platz machte.

Wie oft hatten sie diese Unterhaltung in den letzten Wochen schon geführt? Unzählige Male. Und immer wieder zerriss es Katrin das Herz. Sie hatten darauf geachtet, dass die Jungs von ihren Streitigkeiten so wenig wie nur möglich mitbekommen hatten, sie hatten versucht, sich als Freunde zu trennen, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war und auch bei ihnen nicht richtig funktioniert hatte. Wie auch, nach allem, was vorgefallen war? Und obwohl Katrin manchmal nichts als Ablehnung empfand, wenn sie an Thomas dachte, so achtete sie doch penibel darauf, vor ihren Söhnen niemals schlecht über ihn zu sprechen.

Und dann war da immer noch das schlechte Gewissen, dass sie die Familie zerstört hatte, sie ganz alleine, weil Thomas die Scheidung ja gar nicht gewollt hatte. Aber es hatte keinen anderen Weg gegeben. Sie hatte seine Nähe nicht mehr ertragen, seine Trinkerei und sein Selbstmitleid erst recht nicht. Und dass er sie am laufenden Band betrogen hatte, in einer Zeit, in der ihre Familie am Abgrund stand, darüber kam sie bis heute nicht hinweg.

Katrin atmete tief durch. Es war normal, dass Kinder unter der Trennung ihrer Eltern litten, alle Kinder taten das. Sie konnte nur versuchen, ihr Bestes zu geben, um einen Neustart für die beiden so gut wie möglich hinzubekommen.

Nachdem sie sich im Bad die Zähne geputzt und einen Bademantel übergezogen hatte, ging sie in die Küche und bereitete das Frühstück vor, setzte Teewasser auf und suchte ihren Briefkastenschlüssel.

»Ich hol eben die Zeitung!«, rief Katrin ihren Söhnen zu und betrat den Hausflur, nachdem zustimmendes Gemurmel aus dem Kinderzimmer gekommen war. Die Luft im Treppenhaus war immer noch partygetränkt. Ein paar kalte Frikadellen und etwas vertrockneter Käse lagen auf dem Klapptisch, unter dem sie gestern Nacht noch alle leeren Flaschen gesammelt hatten. Das eigentlich so gepflegte Mehrfamilienhaus in Münster-Hiltrup erinnerte sie jetzt fast an ihre Studenten-WG, in der es beinahe jeden Tag so gerochen hatte wie hier.

Katrin musste grinsen, als sie den Ketchupfleck an der Wand entdeckte, den Stefan Mahnheim dort letzte Nacht versehentlich hinterlassen hatte und woraufhin ihn seine Frau endgültig ins Bett geschickt hatte. Der Mann dürfte sich heute vermutlich ein paar Vorwürfen ausgesetzt sehen, dachte sie.

Sie öffnete die Haustür und schob mit einem Fuß den Türstopper darunter, damit frische Luft in den Flur kam. Es war ein typischer Novembermorgen, kalt und regnerisch. Irgendwie regnete es immer, dachte Katrin und schreckte im nächsten Moment zusammen, als eine gelbe Vespa aus der Einfahrt des Nachbarhauses schoss und mit hohem Tempo auf der Straße davonfuhr. Kopfschüttelnd blickte sie der Vespa hinterher, zog fröstelnd den Gürtel des Bademantels enger und ging zum Briefkasten, um die Sonntagszeitung herauszunehmen. Als sie das Fach gerade wieder verschließen wollte, fiel ihr ein Briefumschlag auf, der von der Zeitung verdeckt gewesen war. Post? An einem Sonntag? Hatte sie gestern vergessen, den Briefkasten zu leeren?

Da keine Adresse auf dem Umschlag stand, tippte sie auf ein Werbeschreiben und nahm es zusammen mit der Zeitung ins Haus. Jetzt brauchte sie erst mal dringend einen heißen Tee, und eine Kopfschmerztablette konnte auch nicht schaden. Hoffentlich bekam sie keine Migräne. Vielleicht hatte sie ja Glück, und die Jungs würden sie nach dem Frühstück eine Stunde in Ruhe lassen. Dann könnte sie sich ein schönes Bad einlassen und ein wenig entspannen.

Nachdem sie gefrühstückt und mit den Mahnheims und Schmieds den Hausflur aufgeräumt hatten, waren Leo und Finn mit Sarah und Hannes im Garten verschwunden, der zu dem Haus gehörte. Der Regen hatte nachgelassen, und so konnten die Kinder draußen spielen. Und Katrin sich endlich in ihre heiße Badewanne legen.

Sie kippte eine Verschlusskappe mit Lavendelöl ins Wasser, spülte die Kappe aus und wartete einen Moment, bis sich das Wasser in ein helles Lila verfärbt hatte. Seufzend stieg sie in die Wanne, und ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken, als sie im warmen Wasser versank. Nichts half besser gegen einen Kater als ein heißes Bad.

Nachdem sie ein paar Minuten einfach so dagelegen und die wohlige Wärme genossen hatte, streckte sie ihre Hand nach der Zeitung aus. Es war etwas umständlich, den Hauptteil von den anderen Teilen zu trennen, ohne dass alles vom Badewasser durchweicht wurde. Als es ihr schließlich gelang, fiel der weiße Briefumschlag heraus und landete direkt auf ihrer Brust, die nur zur Hälfte vom Wasser bedeckt war.

»Verdammt!«

Schnell fischte sie ihn auf. Als sie ihn gerade auf den Badezimmerboden fallen lassen wollte, fielen ihr die dunklen Buchstaben auf, die nun durch den aufgeweichten Umschlag hindurchschimmerten. Nach einer Werbesendung sah das irgendwie nicht aus. Vorsichtig, damit das ganze Papier nicht zerriss, öffnete sie den Brief und zog den Zettel hervor.

Zwei Wochen im Todeshaus,

wann macht es dir den Garaus?

Hier wurde gemordet und gestorben,

nicht nur einmal ist es so geworden.

Und das nächste Mal,

fällt auf dich die Wahl …

Katrin wollte lachen. Die Mahnheims hatten recht, die Art, wie dieses Drohgedicht verfasst worden war, war geradezu lächerlich. Ihre Söhne konnten besser reimen als der Verfasser dieses Briefes. Das Ganze erinnerte sie an diese albernen alten Schwarzweißfilme, in denen immer irgendeine dümmliche Figur noch dümmlichere Reime von sich gegeben hatte.

Grinsend wollte Katrin den Zettel zerknüllen und auf den Boden werfen, als ihr Blick erneut auf den Zeilen hängen blieb.

Zwei Wochen im Todeshaus …

Katrin zog die Augenbrauen hoch. Vor zwei Wochen war sie hier eingezogen. Wer immer diesen albernen Brief geschrieben hatte, wusste das ganz genau.

Steiger dich nicht in irgendwas rein, ermahnte sie sich. Es war nicht schwierig, einen Umzug mitzubekommen, so was war doch kaum zu übersehen.

Sorgfältig legte sie den Brief zur Seite und tauchte unter Wasser ab. Sie hörte ihren eigenen Herzschlag und wusste, dass es schneller pochte als sonst.

Ein Dummejungenstreich. Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest, sagte sie sich.

Aber ein komisches Gefühl hatte sie trotzdem.

2

Schlecht gelaunt stieg Peter Käfer aus seinem Wagen.

Ausgerechnet an einem Sonntag!, dachte er, und zum wiederholten Male sehnte er sich nach geregelten Arbeitszeiten. Charlotte mochte noch so viel über ihren langweiligen Alltag im Innendienst stöhnen, aber wenigstens musste sie nicht an einem gemütlichen Sonntagnachmittag von einer Kaffeetafel aufbrechen, die Annette mit den neuesten Petit-Four-Kreationen aus ihrem Laden überhäuft hatte, die selbst vor Paulines kleinen Patschhändchen nicht sicher waren. Auch wenn seine kleine Tochter mit ihren sechs Monaten die süßen Köstlichkeiten beim besten Willen noch nicht essen durfte, hatten sie ihr heute zum ersten Mal erlaubt, einmal davon zu kosten. Ihren Gesichtsausdruck würde Käfer niemals vergessen, dieses Strahlen, diese Freude und Begeisterung! Und genau in dem Moment hatte sein Handy geklingelt.

»Ich wäre auch lieber zuhause geblieben«, begrüßte ihn Carsten Hammersbach, der ihn schon per Telefon über den Leichenfund informiert hatte und jetzt mit ähnlich schlechter Laune vor ihm stand.

»Wo?«, fragte Käfer nur, und sein Kollege zeigte auf eine Werkstatt, vor der ein roter GTI parkte und die neben dem schon fast ländlich gelegenen Haus am Stadtrand von Münster stand. DD – Designermöbel Dellbrück, stand auf einem Schild über dem Eingang. Die Feuerwehr rückte gerade ab, und der Anblick der von Ruß verfärbten Fassade weckte böse Erinnerungen in ihm.

»Eine Brandleiche?«, fragte er. »Warum hast du mir davon nichts gesagt?« Seine Laune wurde noch schlechter.

»Weil ich erstens auch noch nicht alle Informationen hatte und weil es zweitens keine Brandleiche ist«, erwiderte Hammersbach, dem Käfers schlechte Laune auf die Nerven ging. »Eindeutig ein Vertuschungsbrand, und auch noch ein ziemlich schlecht gemachter. Aber sieh selbst.«

Käfer streifte sich schnell die weißen Plastikschoner über die Schuhe, zog Handschuhe an und trat durch die aufgebrochene Tür. Kurz darauf stand er in einer Tischlerei, in der offensichtlich teure Maßanfertigungen für gut betuchte Kunden gefertigt wurden, jedenfalls waren überall nur edle Materialien zu sehen, soweit Käfer das beurteilen konnte. An der Seite befand sich eine Kommode, die vom Feuer verschont geblieben war, an der aber noch Schubladen und Türen fehlten. Die Außenwände der Kommode waren mit Schnitzereien versehen, die für Käfers Geschmack zwar scheußlich aussahen, aber bestimmt sehr aufwendig waren. Daneben waren Regale angebracht, in denen sich allerlei Werkzeug befand. Davor kniete Dr. Christian Heer von der Rechtsmedizin in seiner weißen Schutzkleidung auf dem Boden. Er warf Käfer einen kurzen, aber nicht unfreundlichen Blick zu.

»Grüß dich«, sagte er und wandte sich dann wieder der Leiche zu, die auf dem Boden lag und von der Wolske, ein weiterer Kollege aus der Rechtsmedizin, gerade Fotos machte.

Die Art, wie die Leiche dort lag, fiel Käfer sofort auf. Die Arme zu den Seiten ausgestreckt, die Beine geschlossen nebeneinander, lag sie in der Mitte eines Kreises, der aus angekohlten roten Totenlichtern bestand. Der Leichnam schien auf den ersten Blick nur oberflächlich vom Feuer betroffen zu sein. Zwar fehlten die meisten Haare, die Kleidung war an einigen Stellen verkohlt und auch die Haut darunter rotbräunlich verbrannt. Aber Knochen und Sehnen waren nicht zu sehen. Da hatte Käfer damals bei dem Fall, bei dem er Annette kennengelernt hatte, ganz andere Brandopfer gesehen.

»Weiblich, zweiundvierzig Jahre alt, verheiratet, keine Kinder«, sagte Christian in dem Moment.

Käfer machte ein erstauntes Gesicht. »Das konntest du alles anhand der Leiche herausfinden? In so kurzer Zeit?«

»Nein.« Christian grinste. »Die Tote ist die Frau des Tischlers, Carla Dellbrück. Eine ehemalige Opernsängerin.«

»Verstehe. Hat er sie gefunden?«

»Erst als die Nachbarn bereits die Feuerwehr alarmiert hatten«, warf Hammersbach ein. »Vorher will er nichts bemerkt haben.«

»Hm. Was sollen die Totenlichter? Und diese Position?«, fragte Käfer. »Ist das was Satanisches?«

Christian zuckte mit den Schultern. »Denkbar. Es erinnert mich an eine Christusfigur.«

Käfer beugte sich nach vorne und betrachtete den Schädel der Frau, aus dem irgendetwas herausragte. »Was steckt da in ihrem Kopf? Ein Hammer?«

»Sieht aus wie ein Zimmermannshammer«, meinte Christian. »Ich wollte ihn erst in der Gerichtsmedizin rausholen, das kann mir hier zu viele Spuren kaputt machen.«

»Fingerabdrücke?«

»Wenn der Täter keine Handschuhe getragen hat, dann vielleicht schon. Das Feuer hat den Hammer nicht richtig erwischt. Könnte ein bisschen fummelig werden, aber ich denke, ich kriege was.«

Käfers Blick fiel auf eine leere Dose, deren verkohlte Aufschrift verriet, dass sich darin ein Klarlack befunden haben musste. »Ist das als Brandbeschleuniger benutzt worden?«

»Schätze schon. Genaueres nach dem Labor. Aber alles deutet darauf hin. Wenn du mich fragst, war hier kein Profi am Werk. Mit einer Dose Lack kommt man doch nicht weit, es hätte bestimmt fünf Dosen gebraucht, um den Körper richtig ins Brennen zu kriegen. So gab es aber in erster Linie eine starke Rauchentwicklung.«

Käfer nickte. »Wo ist der Ehemann?«, fragte er Hammersbach.

»Nebenan. Seiner Frau gehörte das Haus.«

»Hast du schon mit ihm gesprochen?«

»Nur kurz. Personalien und so. Mit dem Rest wollte ich auf dich warten. Frank Subotik ist bei ihm.«

»Dann mal los.«

Während sie die wenigen Meter über den Hof zu dem hellen Klinkerbau gingen, informierte Hammersbach ihn über den Mann.

»Klaus Dellbrück, sechsundvierzig Jahre alt, Tischlermeister. Die sind erst vor zwei Monaten hierhergezogen, nachdem die Frau das Haus samt Werkstatt von einem Onkel geerbt hatte. Bis vor einem halben Jahr hat sie an der Oper gearbeitet, jetzt wohl in erster Linie in der Firma ihres Mannes.«

»In welcher Verfassung ist er?«

»Aufgelöst, fix und fertig.«

»Was ist mit den Nachbarn?«

»Die direkten Nachbarn sind verreist. Um die anderen kümmere ich mich gleich.«

Ein uniformierter Beamter stand an der Haustür und nickte ihnen zu. Sie gingen durch einen hellen Flur in die Küche, wo Klaus Dellbrück zusammengesunken auf einem Stuhl saß. Durch den offenen Durchgang konnte man ins Wohnzimmer sehen. Der Umzug lag offenbar noch nicht allzu lange zurück. Zwei Kisten standen an der Seite, an der Wand hingen keine Bilder, und alles wirkte noch recht steril, nicht richtig lebendig und ohne die üblichen Wohnspuren, die man mit der Zeit ganz automatisch hinterließ und die sich in zu vollen Garderoben, angesammeltem Krimskrams und an den Kühlschrank gehefteten Zetteln zeigten. Frank Subotik stand neben dem Mann und machte sich Notizen. Freundlich nickte er Käfer zur Begrüßung zu. Ihm schien die Sonntagsarbeit nichts auszumachen. Seitdem er sich von seiner Freundin getrennt hatte, hatte Subotik mit Wochenendarbeit und Überstunden kein Problem mehr.

»Herr Dellbrück? Peter Käfer von der Mordkommission. Mein Beileid.«

Klaus Dellbrück war offenbar noch nicht in der Lage, seinen Blick zu heben und ihn anzuschauen. In einem sauberen Trainingsanzug saß er einfach nur da und starrte ins Nichts. Käfer setzte sich zu dem Mann an den Tisch und sah Subotik bei der Arbeit zu. Schließlich sagte er: »Wann haben Sie Ihre Frau zum letzten Mal gesehen?«

»Zum Mittagessen. Bratkartoffeln mit Rouladen«, sagte Dellbrück.

»Wann war das?«

»Halb eins.«

»Was ist dann passiert?«

»Meine Frau wollte ein bisschen an die frische Luft. Das Wetter war ja so schön. Und ich bin aufs Laufband. Meine Kopfhörer auf und die Musik wie immer in voller Lautstärke.«

»Das heißt, Sie haben nicht gehört, was in der Werkstatt passiert ist?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Die Sirenen der Feuerwehr waren das Erste, das ich wieder gehört habe.«

»Und Sie sind direkt nach dem Essen aufs Laufband gegangen?«, hakte Käfer nach, der sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie man mit Bratkartoffeln und Rouladen im Bauch auf diese Idee kommen konnte. Vor ein paar Jahren hatte er auch mal eine Phase gehabt, wo er das Laufen angefangen hatte und regelmäßig joggen ging, in erster Linie motiviert durch das Kennenlernen von Annette. Nie wäre er nach dem Essen los.

Klaus Dellbrück offenbar schon.

»Wie lange sind Sie gelaufen?«

»Anderthalb Stunden?«

Er lügt, dachte Käfer. Anderthalb Stunden hatten nichts mit einem lockeren Verdauungslauf zu tun, das kam schon an Leistungssport ran, und kein Mensch machte so etwas, wenn er gerade deftig gegessen hatte.

»Warum haben Sie Ihre Frau bei dem schönen Wetter nicht begleitet?«, fragte Käfer.

»Sie wollte spazieren gehen, ich joggen«, antwortete Klaus Dellbrück.

»Sie hätten ja nebenherlaufen können.«

»Ich habe doch ein ganz anderes Tempo«, erwiderte der Mann.

»Verstehe. Wo steht denn das Laufband?«

Klaus Dellbrück wies mit dem Kopf zu einer Tür, die vom Flur abging. »Im Schlafzimmer.«

»Darf ich mal?« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Käfer zur Schlafzimmertür und öffnete sie. Das Laufband war vor dem Fenster, von dem man einen fabelhaften Blick auf die Werkstatt hatte. Allerdings lief er mit dem Gesicht zur Tür.

Wer stellte ein Laufband vor ein Fenster, wenn er beim Laufen nicht hinausschauen wollte?, dachte Käfer.

»Haben Sie den Rauch nicht bemerkt?«, fragte er, als er wieder in der Küche war.

»Nein. Das Fenster war verschlossen.«

Klar, dann riecht man natürlich keinen Qualm, dachte Käfer spöttisch, nickte aber nur.

»Die Totenlichter, sind die aus Ihrem Besitz?«

Klaus Dellbrück schüttelte den Kopf. »Nein. Keine Ahnung, woher die kommen.« Dann hob er den Blick und sah ihn an. »Hören Sie, Herr Kommissar«, sagte er eindringlich. »Meine Frau hatte Angst! Angst, umgebracht zu werden!«

»Wurde sie von jemandem bedroht?«, fragte Käfer.

»Ja, allerdings!«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Irgendjemand wollte sie umbringen – und jetzt hat er es getan!«

Mit einem Schluchzer schlug Klaus Dellbrück die Hände vors Gesicht und sackte weinend zusammen.

Gelangweilt saß Charlotte Schneidmann am Montagmorgen an ihrem Schreibtisch. Innendienst. Gab es irgendetwas auf der Welt, das noch uninteressanter war? Einsätze planen und sie nicht durchzuführen empfand sie fast als Strafe. Natürlich war es keine, niemand wollte sie bestrafen, im Gegenteil. Man wollte nur ihr Bestes. Durch den Innendienst sollte sie sich wieder langsam an die Arbeit gewöhnen, sollte Schritt für Schritt in den Berufsalltag zurückfinden.

Aber musste das ausgerechnet durch so eine öde Schreibtischarbeit passieren?

Sie seufzte und schloss die Excel-Tabelle, in der sie die Zusatzausgaben für die verschiedenen Einsätze vermerkt hatte. Wo Käfer sich wohl gerade herumtrieb? Sie hatte immer noch regen Kontakt zu ihrem alten Partner, mit dem sie früher so viele Einsätze erfolgreich absolviert hatte. Sie waren ein ungleiches Team gewesen, das sich aber perfekt ergänzt hatte. Inzwischen waren sie mehr Freunde als Kollegen, Käfer hatte sie zigmal im Krankenhaus besucht und sie erst vor ein paar Wochen gefragt, ob sie nicht die Patentante seiner kleinen Tochter werden wollte, die vor sechs Monaten auf die Welt gekommen war. Natürlich hatte Charlotte Ja gesagt. Es freute sie, dass Peter Käfer und seine Frau Annette endlich den lang ersehnten Nachwuchs bekommen hatten.

Und jetzt saß der glückliche Jungvater bestimmt gerade bei irgendeinem spannendem Einsatz, während sie noch die krankheitsbedingten Ausfälle in den nächsten Einsatzplan einarbeiten musste, bei dem sie natürlich auch wieder nicht vor Ort sein würde.

»Entschuldigung?!«

Charlotte hatte gar nicht gehört, dass es an der Tür geklopft hatte. Eine blonde Frau steckte ihren Kopf durch den Spalt und lächelte. Charlotte erkannte sie sofort.

»Katrin Ortrup!«, rief sie erfreut und sprang auf.

Die Frau nickte, und als Charlotte sie ins Büro zog, umarmten sich die beiden spontan. Obwohl sie schon so viele Fälle in ihrer nun bald zwanzigjährigen Laufbahn bearbeitet hatte, war ihr der um Katrin Ortrups verschwundenen Sohn besonders im Gedächtnis geblieben. In den Jahren danach hatten sie sich noch ab und zu auf einen Kaffee getroffen und sich immer gut verstanden.

»Ich freue mich wirklich sehr, dich zu sehen – wir waren doch beim Du, oder?«

Katrin nickte lächelnd. »Ja. Hallo, Charlotte.«

»Setz dich. Möchtest du einen Kaffee?«, fragte sie und hielt im nächsten Moment inne. Die Frau wollte sie vermutlich nicht aus Nettigkeit besuchen. »Alles in Ordnung?«, fügte sie deshalb schnell hinzu und musterte sie.

Zur ihrer Erleichterung nickte Katrin. »Ja. Eigentlich schon. Ich freu mich auch, dich endlich mal wiederzusehen. Liegt doch bestimmt zwei Jahre zurück. Wie geht es dir?«

»Alles bestens«, log Charlotte. »Was führt dich zu mir? Willst du nun einen Kaffee?«

Katrin schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich will dich auch gar nicht lange aufhalten …«

»Du hältst mich nicht auf!« Von was auch, dachte Charlotte. Sie war froh um jede Ablenkung. »Erzähl ganz in Ruhe, was dir auf dem Herzen liegt.«

Nachdem sie sich auf den Stuhl gegenüber gesetzt hatte, fing Katrin zögernd an zu sprechen.

»Du hast ja damals gesagt, ich könnte mich jederzeit an dich wenden …«

»Das war auch so gemeint!«

»Selbst wenn mir ein Rad geklaut würde, könnte ich vorbeikommen …« Katrin grinste sie schief an. »Keine Sorge, deshalb bin ich nicht hier.«

Charlotte erwiderte ihr Grinsen. »Hab ich auch nicht gedacht. Also raus mit der Sprache. Was ist los?«

»Vielleicht ist es albern, aber …« Sie zog ein welliges Stück Papier aus ihrer hellbraunen Handtasche. »Hier, das lag gestern bei mir im Briefkasten.«

»Was ist das?« Vorsichtig strich Charlotte das Papier glatt und überflog die Zeilen. »… und das nächste Mal, fällt auf dich die Wahl …«, murmelte sie. Ungläubig sah sie Katrin an. »Den Literaturnobelpreis gibt es dafür aber nicht. Was ist das für ein Quatsch?«

»Ich weiß es nicht«, meinte Katrin und erzählte, dass die anderen Bewohner des Hauses auch schon solche Briefe bekommen hätten. »Ich würde das Ganze ja auch nicht so ernst nehmen, aber tatsächlich bin ich vor genau zwei Wochen mit meinen beiden Söhnen in das Haus gezogen. Das scheint der Verfasser zu wissen, und ehrlich gesagt beunruhigt mich das schon ein bisschen.«

Charlotte überlegte, ob sie Katrin erzählen sollte, mit was für Drohungen sie in ihrem Berufsleben schon zu tun hatte und dass dieser Brief sicher zu der harmloseren Sorte zählte. Sie kannte Frauen, die angerufen wurden und sich detailliert anhören mussten, welche Kleidung sie just in dem Moment trugen und dass diese gleich blutbespritzt sei; Frauen, die praktisch permanent beobachtet wurden, ohne den anderen je zu Gesicht zu bekommen, die mit SMS, Mails und Briefen geradezu zugespamt wurden, mit übelsten Beschimpfungen und Drohungen versehen, in der Regel immer anonym, von einem öffentlichen Server verschickt und kaum auffindbar. Sie hatte Frauen getroffen, die kurz vorm Nervenzusammenbruch standen, die ahnten, wer sie bedrohte, es ihrem Expartner oder Kollegen aber nicht nachweisen konnten.

»Du hast bisher nur diesen einen Brief bekommen?«, fragte sie, und Katrin nickte. »War er nur an dich oder auch an deinen Mann adressiert?«

»Exmann«, korrigierte Katrin sie schnell. »Ich bin nur mit meinen Söhnen umgezogen. Auf dem Briefumschlag war keine Anrede, er muss so in den Kasten geworfen worden sein.«

Sie sah der Frau an, wie besorgt sie war, und Charlotte konnte es ihr nicht verübeln. Wer einmal Opfer eines Verbrechens geworden war, der reagierte für den Rest seines Lebens in bestimmten Situationen sensibler und aufmerksamer. Auch Charlotte konnte sich davon nicht freimachen.

Unter anderen Umständen hätte sie Katrin vielleicht gesagt, sie solle erst mal abwarten, sich nicht reinsteigern, dem Ganzen keine große Bedeutung schenken. Sie hätte sie darauf hingewiesen, dass die Polizei nichts machen könnte, solange irgendein Idiot nur dümmliche Drohgedichte verschicke, dass sie keine Handhabe hätte, vom fehlenden Personal mal ganz abgesehen. Aber die Umstände waren nicht anders. Katrin hatte vor einigen Jahren den größten Albtraum überlebt, den man sich nur vorstellen konnte, und danach hatte Charlotte ihr versprochen zu helfen, wenn sie Hilfe brauchte. Und ganz offensichtlich war das jetzt der Fall.

»Du denkst, ich übertreibe, oder?« Die Unsicherheit in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Charlotte sah sie ernst an. »Nein«, sagte sie nach einem Moment. »Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass die Briefe absolut gar nichts zu bedeuten haben, aber ich werde mir das Ganze trotzdem einmal genauer anschauen.« Dann lächelte sie. »Ich habe es dir schließlich versprochen, Katrin!«

Müde stand Käfer vor seinem Team. Sie hatten noch bis spät in den Abend gearbeitet, die Nachbarn befragt und die Spuren ausgewertet, die ihnen vorlagen. Jetzt hatten es sich Carsten Hammersbach und Frank Subotik vor seinem Schreibtisch bequem gemacht und schlürften aus ihren Kaffeebechern. Sie sahen genauso müde aus, wie er sich fühlte. Mehr Kollegen standen ihm im Moment nicht zur Verfügung, Personalmangel und Überlastung waren allgegenwärtig.

»Was haben die Nachbarschaftsbefragungen ergeben?«, begann er ohne Umschweife und sah Hammersbach auffordernd an.

Der stellte seinen Becher zur Seite und zog sein Notizbuch aus der Tasche. »Leider nicht viel. Die direkten Nachbarn, eine Familie Baumann, sind verreist. Sie hätten am ehesten was vom Geschehen mitkriegen können. Die alte Dame von der anderen Seite, Ulla Noß, hat zum Tatzeitpunkt einen Mittagsschlaf gehalten und nichts mitbekommen. Ansonsten konnte sie kaum etwas über die Dellbrücks sagen, hatte wohl wenig Kontakt zu ihnen. Die wohnten ja noch nicht lange da. Sie hatte Carla Dellbrück früher ein paar Mal auf Geburtstagen des Onkels erlebt, dem das Haus gehört hatte. Dort hat sie wohl ganz hervorragend gesungen, das hatte die alte Dame nicht vergessen. Der Onkel hatte ein sehr herzliches Verhältnis zu der Toten. Und einmal kam Carla Dellbrück nach dem Einzug mit einem Kuchen bei ihr vorbei. Sehr viel mehr Begegnungen gab es dann aber nicht. Sie beschreibt die Tote als sehr sympathisch, über den Mann wusste sie kaum was zu sagen.«

»Bei der Familie von gegenüber ist es ähnlich«, fuhr Frank Subotik fort. »Simone und Lothar Stratberg. Die haben zwei noch kleine Kinder, beide im Grundschulalter. Zum Tatzeitpunkt haben sie mit ihnen einen Film geschaut und daher auch nichts mitbekommen.«

Käfer dachte für einen Moment daran, wie schön es werden würde, wenn Pauline etwas größer wäre und sie mit ihr andere Dinge unternehmen könnten, als sie im Kinderwagen spazieren zu fahren. Die Vorstellung, mit seiner kleinen Tochter gemütlich auf dem Sofa zu liegen, einen Kinderfilm zu schauen und dabei Annettes Leckereien zu naschen, fand er ausgesprochen attraktiv.

»Bis zu dem Moment, wo sie den Qualm gerochen haben«, fuhr Subotik fort. »Die Frau hat ausgesagt, dass sie daraufhin ans Fenster getreten sei und Rauch aus der Werkstatt gesehen habe. Sie ist dann sofort rüber und hat bei den Dellbrücks geklingelt.«

»Da keiner aufgemacht hat«, ergänzte Hammersbach, »hat sie die Feuerwehr gerufen.«

»Sie ist nicht in die Werkstatt gegangen?«, fragte Käfer.

»Nein«, antwortete Subotik. »Sie wollte sich nicht in Gefahr bringen.«

Auch wenn Käfer wusste, dass die Frau richtig gehandelt hatte, gefiel ihm ihr Verhalten nicht. Hätte er damals auf die Feuerwehr gewartet, anstatt in das brennende Haus zu laufen, wäre Annette heute nicht mehr am Leben.

»Die Rauchentwicklung war sehr stark«, sagte Hammersbach, der offenbar seine Gedanken lesen konnte. »Die Frau konnte nicht einschätzen, wie es in der Werkstatt aussah. Die Feuerwehr hat bestätigt, dass es ein sehr dichter, dunkler, scharf riechender Qualm war. Giftig übrigens auch.«

»Wir haben also keine Zeugen«, fasste Käfer die Aussagen zusammen. »Vielleicht müssen wir einen Aufruf starten, damit sich mögliche Zeugen melden.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das was bringt«, meinte Hammersbach. »Die Werkstatt liegt ja nicht direkt an der Straße.«

Käfer nickte. »Trotzdem sollten wir nichts außer Acht lassen. Ich habe gestern Abend noch den Ordner mit den persönlichen Unterlagen von Carla Dellbrück durchgearbeitet. Sie hat eine Lebensversicherung in Höhe von hundertzwanzigtausend Euro abgeschlossen.«

»Und ihr Mann ist der Begünstigte?«, fragte Subotik.

»So siehts aus.«

»Gibts noch andere Angehörige?«, fragte Hammersbach.

Subotik nickte. »Eine Schwester. Julia Schwan. Ich war gestern Abend noch bei ihr. Sie war furchtbar erschüttert und hat bestätigt, was Dellbrück uns schon gesagt hatte.«

»Dass sich seine Frau bedroht fühlte?«, fragte Käfer.

»Sie sagte, dass ihre Schwester immer geglaubt habe, dass eine andere Sängerin dahinterstecke. Mobbing in Opernkreisen sozusagen«, antwortete Subotik. »Ich höre mich an der Oper heute mal um.«

»Hat sie was über ihren Schwager gesagt?«, fragte Käfer.

»Sie mochte ihn nicht«, meinte Subotik. »Insgesamt hatte sie allerdings wenig Kontakt zu den beiden, was sie auch ihrem Schwager anlastet, mit dem sie sich einfach nicht gut verstanden hat. Sie deutete an, dass er immer über seinen Verhältnissen gelebt hat, das Appartement auf Mallorca ist zum Beispiel hoch verschuldet. Verkaufen will er es aber trotzdem nicht.«

Hammersbach sah Käfer nachdenklich an. »Mal ehrlich«, meinte er und schlürfte von seinem Kaffee. »Wir haben einen hoch verschuldeten Ehemann, der kein Alibi hat …«

»… und außerdem Nutznießer einer hohen Lebensversicherung ist …«, ergänzte Subotik.

»… der sich bei der Vernehmung durchaus widersprüchlich verhält und eine Wohnung im Ausland besitzt«, fügte Käfer hinzu. »Fluchtgefahr ist also vorhanden.« Er seufzte und öffnete auf seinem PC ein neues Dokument. »U-Haft«,

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