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Kälter als dein Grab

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Linda Castillo

Kälter als dein Grab

Thriller

Aus dem Amerikanischen von
Judith Heisig





PROLOG

Der international tätige Waffenhändler und verurteilte Verbrecher Ian Rasmussen blickte über die düstere Landschaft Missouris und ließ sich den eisigen Novemberwind ins Gesicht wehen. Er atmete tief ein und genoss den süßen Geschmack der Freiheit, die man ihm sechs lange Jahre genommen hatte.

Der Dieselmotor des Sattelschleppers, der auf der anderen Seite des Parkbereichs stand, rumpelte im Leerlauf wie Donnergrollen vor sich hin. Laut den Frachtpapieren des Fahrers würde die Schiffsladung italienischer Möbel im Truck noch in dieser Nacht an ein Möbelhaus in Denver ausgeliefert werden. Aus den Papieren ging allerdings nicht hervor, dass sich im vorderen Bereich des Containers ein verborgener Raum befand – ein gut ein mal drei Meter großer Raum, komplett ausgestattet mit Heizung, einer gut bestückten Bar, Fernseher, Satellitentelefon und einem Ledersessel.

Selbst auf der Flucht vor sämtlichen Strafverfolgungsbehörden des mittleren Westens reiste Ian Rasmussen gerne mit Stil.

Zitternd vor Kälte stand der Fahrer neben dem Truck und rauchte eine Zigarette. Die Beifahrertür wurde geöffnet, und Derrick LeValley, ein ehemaliger Deputy Marshal, trat in das graue Licht der Abenddämmerung. Rasmussen hatte ihn für eine Million Dollar gekauft. Der Preis war hoch, doch jeder Penny hatte sich gelohnt.

„Es tut mir leid, Mr Rasmussen, aber wir müssen los. Die Feds weiten ihre Suche derzeit aus. Es ist das Beste, wenn wir in Bewegung bleiben, bis sich die ganze Situation ein bisschen beruhigt hat.“

Rasmussen drehte sich zu LeValley um, der vor gerade einmal fünf Stunden mit gefälschten Transportpapieren im Terre Haute Federal Prison eingetroffen war und es mit ihm zusammen verlassen hatte. LeValley hatte ihn in seinen Sattelschlepper verfrachtet, und seitdem waren sie Richtung Westen gefahren.

„Ich will die Liste sehen“, sagte Rasmussen.

LeValley griff in seine Jackentasche und zog einen Computerausdruck hervor. „Sie haben keine Ahnung, wie gefährlich es war, an diese Information zu kommen. Es hat einen Mann das Leben gekostet. Sie schulden mir weitere fünfzigtausend.“

„Sie bekommen Ihr Geld“, schnarrte Rasmussen und vertiefte sich in die Liste. „Wie viele Namen?“

„Mehr als zweihundert.“

„Ausgezeichnet.“ Mit der Liste, die die neuen Identitäten und Adressen von mehr als zweihundert Zeugen aus der Datenbank des Zeugenschutzprogramms umfasste, in der Hand verspürte Rasmussen ein berauschendes Gefühl von Macht. Es gab jede Menge Menschen, die Höchstpreise für diese Informationen zahlen würden. Doch ihn interessierte nur ein Name. Er blätterte zur zweiten Seite, überflog die Zeilen, suchte …

Leigh Michaels.

Der Name war mit gelbem Marker hervorgehoben. Zusätzlich war die Adresse mit Blau unterstrichen – 345 West Fourth Street, Apt. 310, Denver, Colorado.

Kelsey James hieß also nun Leigh Michaels.

Sie konnte ihren Namen ändern, doch sie konnte sich nicht verstecken …

Er fuhr mit dem Daumen über den Namen, und die alten Gefühle wallten wieder in ihm auf. Liebe, die zu etwas zerfallen war, das noch dunkler war als Hass. Sie war ein Niemand gewesen, als er sie kennengelernt hatte. Eine Kellnerin, die fast nichts verdiente. Er hatte sie aufgenommen. Hatte ihr alles gegeben, was eine Frau sich nur wünschen konnte. Er hatte ihr vertraut, hatte sie geliebt. Sie hatte es ihm mit Verrat gedankt, hatte ihn in jeder Hinsicht betrogen, in der eine Frau einen Mann betrügen kann.

Und nun würde er sie dafür bezahlen lassen, auch wenn es das Letzte sein sollte, was er tat.

Einen gefährlichen Augenblick lang dachte er darüber nach, sie anzurufen. Er wollte hören, wie ihre sanfte Stimme vor Angst zitterte. Sie sollte wissen, dass er sie erwischen würde. Sie hatte es verdient zu leiden, so, wie er sechs qualvolle Jahre lang gelitten hatte.

„Mr Rasmussen, wir müssen los.“ Derrick LeValley ging zur Ladeklappe und öffnete sie.

Rasmussen faltete die Liste sorgfältig zusammen und folgte ihm zum Sattelschlepper. „Sie haben jemanden engagiert, der sie im Auge behält?“

„Seit gestern. Sie ist viel unterwegs, doch sie haben sie unter Beobachtung.“

„Ich will bei Einbruch der Dunkelheit in Denver sein.“

„Wir liegen genau im Zeitplan.“

Rasmussen kletterte in den Container und ging nach hinten durch zu dem versteckten Raum. Es gab viel zu erledigen, doch nichts davon konnte er anpacken, bevor er nicht mit Kelsey fertig war. Sie kam zuerst dran, vor allem anderen. Erst dann konnte er an den Rest seines Lebens denken.

Er betrat die geheime Kammer. Der Schweiß brach ihm aus, als LeValley die Tür hinter ihm schloss. Die alte Raumangst überfiel ihn; er begann zu zittern. Er tröstete sich mit dem Gedanken an die Liste in seiner Tasche, an ihren Namen, der das Versprechen süßer Rache trug.

Bei Einbruch der Nacht würde er sie im Visier haben. Er würde sich so plötzlich auf sie stürzen, dass sie nicht wusste, wie ihr geschah. Und dann würde er sich Zeit mit ihr lassen. Er würde sie leiden lassen für all das, was sie ihm angetan hatte. Er schloss die Augen, als ihn die Erinnerung an sie mit schmerzhafter Klarheit überkam. Sie war so unschuldig gewesen. So unglaublich schön …

Kelsey …

Sie hatte ihn mehr gekostet, als ein Mann jemals bezahlen sollte. Sechs Jahre voller Gewalt und Demütigung. Doch dass sie ihn ins Gefängnis gebracht hatte, war nicht das Schlimmste gewesen. Seine schöne Kelsey hatte nicht nur sein Vertrauen missbraucht, sie hatte auch sein Herz gebrochen. Sie hatte sich einem anderen Mann hingegeben. Einem FBI-Agenten. Genau jenem Mann, der sein Leben zerstört hatte. Keine Frau tat Ian Rasmussen so etwas an und blieb am Leben, um davon erzählen zu können.

Nicht einmal die schönste Frau der Welt.

1. KAPITEL

Jake Vanderpol mochte keine Überraschungen, erst recht keine unangenehmen, die mitten in der Nacht über seine Geheimnummer von der MIDNIGHT Agency eintrafen.

„Wir haben einen Code Red. Alle verfügbaren Agenten melden sich sofort zum Dienst. Alle nicht verfügbaren Agenten bleiben in Bereitschaft. Ich wiederhole, Code Red …“

Das war nur die erste einer ganzen Reihe von schlechten Nachrichten. Um fünf Uhr morgens saß er bereits im Auto und raste in Richtung Hauptquartier der MIDNIGHT Agency, das in einem kleinen, unauffälligen Gebäude westlich von Washington untergebracht war. Da er ein Nachrichten-Junkie war, hatte er schon im Radio von Ian Rasmussens Ausbruch gehört und hatte sich mit seinem Hummer sofort auf den Weg gemacht.

Als er den Wagen in die Tiefgarage lenkte und mit quietschenden Reifen auf dem für ihn reservierten Parkplatz stoppte, war er äußerst aufgewühlt. Er musste immer wieder an die junge Frau denken, die ihm vor sechs Jahren geholfen hatte, einen internationalen Waffenhändler zu überführen. Es war das erste und einzige Mal gewesen, dass Jake ein persönliches Verhältnis zu einem Zeugen entwickelt hatte. Das erste und einzige Mal, dass er diese Grenze überschritten hatte. Eine Grenze, die ihn am Ende beinahe den Job gekostet hatte.

Selbst nach all dieser Zeit sah er noch immer ihr Gesicht vor sich, wenn er die Augen schloss. Noch immer hatte er ihr Parfum in der Nase, das sich mit dem süßen Duft ihrer Haut mischte. Noch immer träumte er von ihr – heiße erotische Träume, nach denen er verschwitzt und erregt aufwachte, voller Sehnsucht und voller Bedauern. Schlimmer noch, er begehrte sie noch immer mit einer Heftigkeit, die ihn bis ins Innerste erschütterte.

In der einen Woche, in der sie zusammen gewesen waren, hatte er mehr Fehler begangen als in seiner ganzen Karriere. Sie hatte ihn fast um den Verstand gebracht, und beinahe hätte er alles aufgegeben. Doch als schließlich der Zeitpunkt gekommen war, an dem sie ihn verlassen und ihr neues Leben beginnen musste, hatte sie sich nicht einmal umgedreht …

Mit der Entschlossenheit eines Mannes, der dies viel zu oft tat, schob Jake die Gedanken an die Vergangenheit beiseite und stürzte aus dem Wagen. Das Hauptquartier der MIDNIGHT Agency war hell erleuchtet wie ein Footballstadion. Die beiden Sicherheitsleute am Haupteingang nickten kurz, als er seine Marke zeigte. Statt auf den Fahrstuhl zu warten, lief Jake ins Treppenhaus und eilte in den dritten Stock, wobei er immer zwei Stufen auf einmal nahm.

Kaum hatte er den Flur betreten, hörte er Stimmen aus dem Kommandoraum, dem großen Konferenzraum, der im Krisenfall in ein Kommandozentrum umgewandelt wurde. Jake ging davon aus, dass die Flucht eines extrem gewalttätigen und international tätigen Waffenhändlers wohl einen solchen Krisenfall darstellen dürfte.

Ohne zu klopfen betrat er den Raum. Alle Anwesenden drehten sich zu ihm um. Vier MIDNIGHT-Agenten saßen um einen ovalen Konferenztisch, der mit Papieren bedeckt war. Zwei Laptops waren mit einem Drucker verbunden, der noch mehr Papier ausspuckte.

Sein Kollege Mike Madrid sah aus, als ob man ihn aus dem Bett gezerrt, flüchtig abgeklopft und eilig angezogen hätte. Als ausgewiesener Computerspezialist saß er an einem der Laptops und tippte mit der rechten Hand auf der Tastatur herum, während er in der anderen eine Tasse Kaffee hielt.

Die beiden anderen Agenten im Raum, Zack Devlin und Rick Monteith, wichen seinem Blick aus. Jake begriff, dass es einen Grund dafür gab, dass man ihn als Letzten aus dem Team benachrichtigt hatte. Ein Grund, der ihn sauer machte.

„Sieht so aus, als hätte ich die Party verpasst“, sagte er in den Raum hinein.

Eine angespannte Stille machte sich breit, als hätte jemand eine Granate in den Raum geworfen, und den Agenten bliebe nun nichts anderes übrig, als auf die Explosion zu warten. Jake war nicht sicher, ob die bevorstehende Auseinandersetzung einer Explosion gleichkommen würde, aber zumindest würde es laut werden.

Die Männer rutschten unbehaglich auf ihren Stühlen hin und her und mieden seinen Blick. Man nippte am Kaffee, trommelte mit den Fingern, spielte mit dem Stift.

Sean Cutter, der Chef der Agency, saß am Kopfende des Tisches. Seine blauen Augen waren kühl, als er Jake ins Visier nahm. „Das Briefing ist vorbei“, sagte er.

Jake ignorierte seine Kollegen, als diese den Raum verließen. „Rasmussen ist draußen, und Sie hielten es verdammt noch mal nicht einmal für nötig, mich zu benachrichtigen.“

„Ich habe andere Agenten beauftragt. Sie sind fähig und …“

„Dies ist mein Fall.“

Cutters Augen blitzten. „Dieser Fall gehört dem, den ich damit beauftrage, weil ich ihn für den Richtigen halte.“

„Ich habe ihn von Anfang an aufgebaut …“

„Sie haben mit der Zeugin geschlafen!“, konterte Cutter. „Sie haben die Sache versaut, und ich habe nicht die Absicht, Ihnen noch einmal die Gelegenheit dazu zu geben.“

„Sie wissen, dass ich der Beste für den Job bin“, entgeg-nete Jake.

„Ich weiß, dass Sie persönlich viel zu stark involviert sind, um den Einsatz effektiv durchzuführen.“

Jakes Herz hämmerte. Er hätte gern geglaubt, dass es an der Wut lag, die in seinem Körper hochkochte. Doch er spürte, dass es Furcht war, die sein rasendes Herz mit jedem schnellen Schlag durch seine Adern pumpte. Er wollte nicht nach Kelsey fragen. Er wollte nicht an sie denken und nichts für sie empfinden. Doch genau das tat er, und diese Gefühle zerrissen ihn. Er musste wissen, ob es ihr gut ging. Jeder Agent, der im Raum gewesen war, wusste, dass Rasmussen sie jagen und sich rächen würde. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, was geschehen würde, wenn er sie fand.

„Geht es ihr gut?“, fragte er.

„Soweit wir wissen, ja.“

„Was zum Teufel meinen Sie mit ‚soweit Sie wissen‘?“

Sein Gegenüber presste die Kiefer zusammen, und Jake spürte, wie Übelkeit in ihm aufstieg. „Hier geht es um mehr als nur Kelsey James“, sagte Cutter.

„Wovon reden Sie?“

„Jemand hat sich in die Datenbank des Zeugenschutzprogramms eingehackt.“

Ungläubigkeit und eine tiefe dunkle Angst erfassten Jake. „Das kann nicht sein!“

„Dieser Hacker hat Namen und Adressen. Alle meine Agenten sind im Einsatz. Jeder Zeuge, der zum Zeugenschutzprogramm gehört, befindet sich in Gefahr. Wir versuchen, Prioritäten zu setzen, aber wie zum Teufel sollen wir das tun, wenn wir mehr Zeugen als Agenten haben?“

Jake hatte das Gefühl, als hätte man ihm einen Schlag in den Magen versetzt. „Rasmussen?“

„Ich weiß es nicht, aber das Timing deutet auf ihn. Und er verfügt sicher über die notwendigen Mittel.“

Jake starrte seinen Vorgesetzten an. Seine Gedanken überschlugen sich, als ihm die Bedeutung des soeben Gehörten klar wurde. „Wo ist Kelsey James?“

Cutter wich dem Blick aus.

„Um Himmels willen, Sie haben keine Ahnung, nicht wahr?“

„Sobald wir von der Sache erfahren haben, habe ich einen Agenten zu ihrem Apartment geschickt. Da hatte CNN die Nachricht gerade gebracht. Sie muss von Rasmussen gehört haben und ist geflohen, bevor wir Kontakt aufnehmen konnten.“

Jake fluchte. Das klang ganz nach Kelsey. Eigensinnig. Stur. Bereit, sich der ganzen Welt entgegenzustellen, wenn es sein musste. Doch sie musste in heller Panik geflohen sein, und das aus gutem Grund. Wenn Rasmussen sie in die Finger bekam …

Allein bei dem Gedanken lief Jake ein kalter Schauer den Rücken hinab. Sein Beschützerinstinkt brach mit aller Macht durch. „Dann müssen wir zu diesem Zeitpunkt wohl davon ausgehen, dass er sowohl ihren Namen als auch ihre Adresse hat.“

„Dies ist nicht Ihr Fall, Jake. Ich brauche Sie hier. Es gibt administrative Dinge …“

„Scheiß auf die administrativen Dinge!“ Ein weiterer Fluch entfuhr ihm. „Ich werde es nicht zulassen, dass er sie in die Hände bekommt, Sean.“

„Es ist bereits ein anderer Agent auf dem Weg.“

„Ach, kommen Sie! Sie haben zweihundert Zeugen, die Sie beschützen müssen, und zwanzig Agenten! Rechnen Sie nach!“

„Wir arbeiten mit dem U. S. Marshals Service zusammen, um alle Zeugen zu erfassen.“ Jake fluchte.

„Ich brauche Sie hier, Jake. Aber ich brauche Sie mit kühlem Kopf. Wenn Sie sich nicht zusammenreißen, müssen Sie gehen.“

„Ich werde nicht zulassen, dass er diese Frau umbringt“, stieß Jake hervor.

„Sie wusste, worauf sie sich vor sechs Jahren einließ.“ „Das wusste sie. Aber wir wussten es auch, oder, Sean?“

„Lassen Sie das, Jake. Sie haben Ihren Job gemacht und ich den meinen.“

„Oh ja. Vielleicht ein bisschen zu gut.“ Jake fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, ein heiserer Laut entrang sich seiner Kehle. „Wo ist sie?“

Cutter starrte ihn an, die Gesichtszüge hart wie Granit. „Treffen Sie nicht die falsche Entscheidung, Vanderpol. Ich habe Sie gedeckt, als Sie sich mit dieser Frau eingelassen haben. Ich werde das kein weiteres Mal tun.“

„Ist das der einzige Weg, mit dieser Sache umzugehen?“, fragte Jake.

„Das ist der einzige Weg, damit umzugehen.“

Ohne seinen Blick von Cutter abzuwenden, zog Jake seine MIDNIGHT-Marke aus der Brieftasche und legte sie auf den Konferenztisch. Dann griff er unter die Jacke und zog seinen Dienstrevolver hervor, um ihn neben die Marke zu legen.

„Jetzt müssen Sie mich nicht mehr decken“, sagte er und ging zur Tür hinaus. Aus dem schiefergrauen Nachthimmel fiel dichter Graupel, als Leigh Michaels ihren Koffer in das Motelzimmer im zweiten Stock zerrte und die Tür hinter sich schloss. Seit sie ihr Apartment in Denver verlassen hatte, war die Angst ihr ständiger Begleiter.

Sie hatte immer gewusst, dass dieser furchtbare Tag kommen würde. Rasmussen war ein zu mächtiger Mann, sein Einfluss reichte zu weit, als dass ein Gefängnis ihn auf Dauer in Schach halten konnte.

Bebend vor Angst zog Leigh die handliche Heckler-&-Koch-Halbautomatik aus dem Hosenbund und legte sie auf den Nachttisch in Reichweite. Sie machte sich nicht die Mühe, den Koffer auszupacken, denn es bestand immer die Möglichkeit, dass sie rasch verschwinden musste. Dabei wollte sie die wenigen Kleidungsstücke und Toilettenartikel, die sie dabeihatte, nicht zurücklassen.

Sie ging zum Fernseher und schaltete einen Nachrichtenkanal ein. Sie hoffte auf die Neuigkeit, dass man Rasmussen gefasst hatte. Der Sprecher zerschlug ihre Hoffnungen sofort. „Laut einer ungenannten Quelle haben sich Unbekannte am Wochenende in die Datenbank des Zeugenschutzprogramms gehackt. Mehr als zweihundert Namen von wichtigen Zeugen wurden kopiert …“

Leigh traf jedes einzelne Wort wie ein Schlag in den Magen. Einen Augenblick lang konnte sie nicht mehr atmen, nicht mehr denken. Sie spürte, wie sie von Panik erfasst wurde.

Hinter dem Datenbank-Raub konnte nur Ian Rasmussen stecken. Auch wenn in den Nachrichten von keinem Zusammenhang berichtet wurde.

„Oh Gott.“ Abrupt stand sie auf, legte eine Hand auf den Bauch und versuchte, die aufsteigende Panik niederzukämpfen.

Ian Rasmussen kannte ihre neue Identität. Er kannte ihren Namen. Ihre Adresse.

Einen Augenblick erwog sie die Möglichkeit, ihren alten Kontakt im Büro des U. S. Marshals Service in Boulder anzurufen. Dann erinnerte sie sich, was beim letzten Mal geschehen war, als sie einer staatlichen Behörde getraut hatte, und verwarf die Idee.

Jake Vanderpol tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Sie sah seine dunklen, intelligenten Augen. Militärisch kurz geschorenes Haar. Ein schmales Gesicht mit einem fein gemeißelten Mund. Ein Körper, der so fest und atemberaubend war wie die Rocky Mountains.

Sie hatte ihm ihr Leben anvertraut. Sie hatte ihm ihr Herz geschenkt. Ihren Körper. Ein Stück ihrer Seele. Er hatte all diese Dinge mit einem Heißhunger verschlungen, der sie begeistert und mit dem Verlangen nach mehr erfüllt hatte. Sie hatte sich in den nachdenklichen Agenten verliebt. Doch die Nähe, die sie geteilt hatten, hatte ihn nicht davon abhalten können, sie als Mittel zum Zweck einzusetzen.

Leigh schob die Erinnerung entschlossen zurück in ihr tiefes dunkles Versteck. Sie ließ sich aufs Bett sinken und stützte den Kopf in die Hände. „Beruhige dich“, flüsterte sie in die Stille des Raumes hinein.

Auf keinen Fall konnte Rasmussen sie bis hierher verfolgt haben. Sie war zu vorsichtig gewesen, hatte die ganze Zeit Ausschau gehalten, ob er sie verfolgt hatte. Es wäre ihr aufgefallen, wenn sie den gleichen Wagen zweimal gesehen hätte. Niemand war ihr gefolgt.

Sie musste Rasmussen immer nur einen Schritt voraus sein, das war alles.

Als ihr Blick auf den Wecker auf dem Nachttisch fiel, seufzte sie. Es war fast sieben Uhr morgens. Sie war den größten Teil der Nacht durchgefahren. Sie brauchte eine Dusche. Etwas zu essen. Ein paar Stunden Schlaf. Dann würde sie weiterfahren. Wenn alles nach Plan lief, würde sie morgen in Kansas City ankommen. Einer Stadt, zu der sie keinerlei Verbindung hatte. Es gab für niemanden einen Grund, sie dort zu suchen. Sie musste nur in Alarmbereitschaft bleiben und vorsichtig sein.

Als sie spürte, wie die Erschöpfung sie übermannte, legte Leigh sich aufs Bett, ohne Kleidung oder Schuhe auszuziehen. Die H&K lag in Reichweite, und falls sie dennoch überwältigt werden sollte, trug sie zur Sicherheit ein Messer in ihrem Stiefel. Doch sie glaubte nicht, dass irgendetwas geschehen würde. Niemand wusste, dass sie hier war.

Doch kurz bevor der Schlaf sie einholte, kam ihr der Gedanke, dass sie Ian Rasmussen schon einmal unterschätzt hatte und dass sie dies mehr gekostet hatte, als sie sich je hatte vorstellen können. Leigh schreckte auf. Sie blieb reglos auf der Seite liegen und lauschte, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. In dem spärlich beleuchteten Zimmer war es kalt und ruhig. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte ihr, dass sie gerade mal etwas mehr als eine Stunde geschlafen hatte. Was zum Teufel hatte sie geweckt?

In den letzten sechs Jahren hatte Leigh gelernt, ihren Instinkten zu vertrauen. Und in diesem Augenblick sagten ihr diese Instinkte, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie spürte, wie sich die Härchen auf ihren Armen aufstellten.

Der Türknopf quietschte leise. Sie setzte sich auf, ihr Herz hämmerte wie ein Kolben in ihrer Brust.

Eine Sekunde später flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein Mann, der im Halbdunkel des Raums groß wie ein Berg wirkte, stürzte herein. Sie warf sich schräg übers Bett und griff nach der H&K auf dem Nachttisch. Ein Dutzend verschiedener Szenarien rasten ihr durch den Kopf, als ihre Hand den Griff umschloss. Keine Zeit zum Denken. Zielen und feuern, so wie am Schießstand, wo sie sich so viele Stunden auf diesen schrecklichen Moment vorbereitet hatte.

Sie hob die Waffe und schwang sie in Richtung des Mannes. Im nächsten Augenblick umklammerte eine kräftige Hand ihr Handgelenk. „Fallen lassen“, knurrte jemand im Befehlston.

Doch Leigh wusste, dass sie so gut wie tot war, wenn sie die Waffe losließ. Sie schrie auf, als der Mann seinen Griff um ihr Handgelenk verstärkte. „Nein!“

Ein Schuss ging los. Gips rieselte von der Decke. Sie kämpfte mit aller Kraft um die Waffe, doch trotz all der Selbstverteidigungskurse, die sie in den letzten sechs Jahren absolviert hatte, war sie nicht auf die Kraft und Geschwindigkeit ihres Angreifers vorbereitet.

Ein letzter Schmerz durchfuhr ihr Handgelenk, und die Waffe fiel zu Boden. Ihre letzte Hoffnung verflog, als sie hörte, wie der Eindringling die Pistole zur Seite kickte.

Er wird mich umbringen, dachte sie.

In dem Wissen, dass sie rasch handeln musste, wenn sie am Leben bleiben wollte, griff Leigh mit der freien Hand nach dem Messer in ihrem Stiefel. Kaum berührten ihre Finger den gummierten Griff, da umklammerte er auch dieses Handgelenk und schob sie zurück aufs Bett. Sie versuchte, ihm ein Knie in den Körper zu rammen, doch er drehte sich rechtzeitig zur Seite, um sich dann auf sie zu werfen.

Sie trat mit den Füßen aus. Doch er war schwer und stark und überwältigte sie mühelos.

„Beruhige dich, Kelsey. Verdammt noch mal, ich bin’s. Jake.“

Alles in ihr erstarrte, als sie die allzu vertraute Stimme vernahm. Leigh hörte auf, sich zu wehren. Auf irgendeiner animalischen, instinktiven Ebene erkannte ihr Körper plötzlich den seinen. Jede straffe Faser seines muskulösen Körpers schmiegte sich mit der Geschmeidigkeit eines lang getragenen Handschuhs an den ihren.

Keuchend starrte sie ihn an und konnte sich nicht rühren, während eine Flut widerstreitender Gefühle sie überrollte.

Seine dunklen Augen blickten auf sie hinunter. Die schmale Nase sah aus, als wäre sie gebrochen gewesen und nicht wieder gerichtet worden. Sein fein ziselierter Mund hatte sich grimmig verzerrt. Doch sie wusste aus Erfahrung, dass seine Lippen auch sanft sein konnten. Dass er eine Frau um ihren Verstand küssen konnte, wenn sie nicht aufpasste …

„Geh von mir runter!“, schrie sie.

Seine Nasenflügel bebten bei jedem angestrengten Atemzug. Er starrte sie an, als wäre sie ein Geist und er könne es kaum fassen, sie zu sehen. „Sei einfach nur still“, sagte er. „Hör auf, dich zu wehren. Du weißt, dass ich dir nicht wehtun werde.“

Doch Leigh wusste, dass dies genau das war, was Jake Vanderpol besonders gut konnte. Etwas, das sie nie wieder zulassen würde. „Wer hat dir erlaubt, einfach so in mein Zimmer …“

„Ich bin hier, um dir das Leben zu retten“, schnitt er ihr das Wort ab. „Und wenn du so klug bist, wie ich glaube, lässt du mich das tun.“

2. KAPITEL

Jake hatte Besseres zu tun, als daran zu denken, wie gut sich ihr Körper unter dem seinen anfühlte. Sie war eine Zeugin, die unbedingt Schutz brauchte. Zumindest bis Rasmussen gefasst war oder der U. S. Marshals Service übernehmen konnte. Doch wenn es um Kelsey James ging, waren die Logik und sein guter Instinkt, auf den er immer stolz gewesen war, praktisch wie fortgeblasen. Das galt vor sechs Jahren, als er so viele Regeln gebrochen hatte, dass man sie kaum zählen konnte. Und das galt auch jetzt, denn er hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, dass er noch mehr Regeln brechen würde.

Während er in ihre klaren blauen Augen sah und ihren warmen, weichen Körper unter sich spürte, betete er still, dass er die Dinge diesmal unter Kontrolle behalten würde.

Was eher unwahrscheinlich war.

Als er spürte, dass sein Körper so reagierte, wie er es immer tat, wenn er überhaupt nur an sie dachte, stützte er sich ab, stand auf und bot ihr eine Hand, um sie hochzuziehen. Leigh ignorierte sie geflissentlich, krabbelte quer über das Bett und kam auf der anderen Seite auf die Füße.

„Wie hast du mich gefunden?“, wollte sie wissen.

„Es ist mein Beruf, Leute ausfindig zu machen“, erwiderte er. „Was glaubst denn du?!“

Er bemerkte, wie sie rasch zur Tür blickte, und begriff zum ersten Mal, wie sehr er sie erschreckt haben musste. Doch er hatte keine Wahl gehabt. Er wusste, dass sie bei einem vorsichtigen Anklopfen direkt durch das Fenster geflohen wäre.

„Ist dir eigentlich klar, dass ich dich beinahe erschossen hätte?“, fragte sie.

„Der Tag, an dem du schneller bist als ich, ist der Tag, an dem ich eine Kugel verdiene.“ Er ging zur Tür, blickte zu beiden Seiten in den Gang hinaus, schloss die Tür und verriegelte sie. „Warum hast du nicht deine Kontaktperson beim U. S. Marshals Office angerufen? Damit sie dich irgendwohin bringen und beschützen, bis dieser Scheißkerl gefasst ist?“

„Nur für den Fall, dass du die Nachrichten verpasst hast: Es war ein Deputy Marshal, der ihm zur Flucht verholfen hat. Irgendjemand vom U. S. Marshals Office hat sich kaufen lassen, Jake. Wie kannst du von mir erwarten, dass ich denen mein Leben anvertraue?“

Jake wünschte, er hätte dem etwas entgegenzusetzen. Er ging zum Fenster, zog den Vorhang leicht zur Seite und blickte auf den Parkplatz.

„Was machst du hier?“, fragte sie.

Er wandte sich zu ihr um. „Ich werde dich zu einem Unterschlupf bringen.“

„Ich will mich nicht irgendwo verkriechen. Und schon gar nicht mit dir.“

„Auf dich allein gestellt hast du keine Chance zu überleben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Rasmussen dich findet. Wir wissen beide, was passiert, wenn es so weit ist.“

Ein Beben durchfuhr ihren Körper. „Er wird mich nicht finden.“

„Darauf solltest du nicht dein Leben verwetten. Wenn er sich in die Datenbank des Zeugenschutzprogramms hacken kann, ist es jetzt eine Kleinigkeit für ihn, dich zu finden.“

„Ich weiß, wie ich von der Bildfläche verschwinde. Ein neuer Name. Eine neue Stadt. Ich kann das schaffen, und deine Hilfe brauche ich nicht.“

Er zog die Glock aus dem Schulterhalfter unter seinem Mantel, überprüfte die Sicherung und schob sie dann zurück. „Du standest in der Datenbank. Er hat deinen neuen Namen. Deine letzte Adresse. Nach dem, was wir wissen, kann es sein, dass er dich schon eine ganze Weile beobachten lässt.“

„Ich kann auf mich aufpassen.“

„Nicht wenn es um Rasmussen geht.“

Sie ging um das Bett herum und baute sich direkt vor ihm auf. „Ich will dich nicht hierhaben. Ich brauche dich nicht. Ich brauche deine Hilfe nicht. Auf deine Art von Schutz kann ich hervorragend verzichten.“

Die Worte trafen ihn hart, doch Jake verbot sich eine Reaktion darauf. Nach allem, was vor sechs Jahren geschehen war, war er wohl darauf vorbereitet gewesen. Er hatte sich niemals verziehen, dass er damals nicht rechtzeitig gekommen war, um sie davon abzuhalten, sich in die Höhle des Löwen zu begeben …

Auch wenn er sie sechs Jahre lang nicht gesehen hatte, hatte er sie im Auge behalten. Sie mochte glauben, dass sie mit ihrem braunen Gürtel im Karate und dem Schießtraining gut vorbereitet war, doch sie war auf keinen Fall ausreichend vorbereitet, um mit dieser Sache allein fertigzuwerden. Sie mochte sich hart geben, und sie mochte sogar so aussehen. Aber er sah die Furcht in ihren Augen. Er bezweifelte, dass sie auch nur eine Ahnung davon hatte, was sechs Jahre im Käfig aus einem Mann wie Rasmussen machen konnten.

„Ich möchte dir nur helfen“, sagte er. „Lass mich dich zu einem Versteck der Agency bringen.“

Sie schob das Kinn anklagend vor. „Vielleicht glaubst du ja auch, dass ich dein Ticket zu Rasmussen bin. Vielleicht möchtest du eine Wiederholung dessen, was beim letzten Mal passiert ist. Du bist doch befördert worden, nachdem du ihn geschnappt hast, oder? Ist es nicht genau das, worum es hier geht? Dein Ego? Deinen Job? Dass du deinen Mann um jeden Preis kriegst, und wenn es deine Seele kosten sollte? Beziehungsweise in dem Fall war es meine Seele, nicht wahr?“

Jake starrte sie nur an. Er fragte sich, ob sie wirklich glaubte, was sie da sagte. Ob sie ihn nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, wirklich so sehr hasste. Ob sie sich nicht ebenso lebhaft wie er daran erinnerte, dass nicht alles, was vor sechs Jahren zwischen ihnen geschehen war, schlecht gewesen war.

„Ich möchte nur, dass du in Sicherheit bist“, sagte er. „Ich denke, das schulde ich dir.“

„Entschuldige, dass ich dir nicht glaube, aber genau dasselbe hast du mir auch beim letzten Mal erzählt. Kurz bevor du mich benutzt hast.“

Dass sie so von ihm dachte, gab ihm das Gefühl, ein Arschloch zu sein. Seine damalige Idee, sie als Köder zu benutzen, um Rasmussen in eine Falle zu locken, hatte er entwickelt, bevor er mit ihr gemeinsam eine Woche in dem Unterschlupf verbracht hatte. Bevor er sie berührt hatte. Bevor er sie geküsst hatte. Bevor er mit ihr geschlafen hatte. Lange bevor sie sein Herz erobert hatte …

Am Ende war sie diejenige gewesen, die den Plan ausgeführt hatte – ohne seine Zustimmung. Bis zum heutigen Tag wusste er nicht, was sie hatte tun müssen, um an die Informationen von Rasmussen zu gelangen. Diese brennende Frage quälte ihn bereits seit sechs Jahren.

Jake fuhr sich mit der Hand über das Kinn. „Du bist hinter meinem Rücken …“

„Es war deine Idee, mich zu Rasmussen zu schicken.“

Das entsprach der Wahrheit. „Ich habe versucht, die Operation abzubrechen.“

Sie lächelte kühl. „Aber du bist zu spät gekommen, nicht wahr?“

„Du warst wütend, als du von dem Plan erfahren hast“, erwiderte er. „Und wenn du wütend bist, wirst du unvernünftig.“

„Solltest du nicht lieber sagen, dass wir beide unvernünftig waren?“

Er wusste nicht, was sie hatte tun müssen, um Rasmussen zum Reden zu bringen, sodass alles aufgezeichnet werden konnte. Er wusste nicht, ob sie sich hatte kompromittieren müssen … oder noch Schlimmeres. Alles, was an dieser Sache sonnenklar schien, war die Tatsache, dass sie ihm die Schuld dafür gab.

Jake trug an dieser Schuld wie an einem Bleigewicht. „Verdammt noch mal, Kelsey …“

„Nenn mich nicht so. Kelsey James existiert nicht mehr. Ich heiße Leigh.“ Sie blickte zu ihrem Koffer. „Ich muss gehen.“

Jake presste die Zähne zusammen und bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Lass mich dich zu dem Versteck bringen.“ Er trat einen Schritt auf sie zu. „Ich meine es ernst. Ich möchte nicht, dass dir etwas geschieht.“

„Ich versuch’s lieber mit Rasmussen. Bei ihm weiß ich wenigstens, woran ich bin. Er mag brutal sein, aber auch sehr geradeaus.“

Die Worte trafen ihn wie Messerstiche. Leigh Michaels war nicht mehr das zwanzigjährige Mädel vom Lande, das er vor sechs Jahren kennengelernt hatte. Sie war zu einer umwerfenden Schönheit erblüht und hatte die Gerissenheit eines Undercovercops. Die Nackenschläge, die sie hatte einstecken müssen, spiegelten sich in ihren umwölkten Augen wider. Und in dem Mund, der längst nicht mehr so bereitwillig lächelte. Doch sie war noch immer so schön, dass es wehtat, sie überhaupt nur anzusehen – ein Schmerz, der Jake bis ins Innerste ging.

Sie trat zur Seite und nahm die Pistole, die er ihr zuvor entwunden hatte. Mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der mit Waffen umzugehen weiß, überprüfte Leigh den Sicherheitshebel und schob die Pistole dann in den Hosenbund. Sie griff sich ihren Koffer und ging zur Zimmertür.

Bevor sie die Tür öffnete, drehte sie sich zu ihm um und ließ ihren Blick langsam über seinen Körper wandern. Auch wenn ihre Musterung keinen sexuellen Beigeschmack hatte, spürte er ihren Blick wie die leichte Liebkosung von Fingerspitzen auf seiner Haut, sodass sein Körper sofort reagierte.

„Versuch nicht, mich zu verfolgen, Jake. Ich weiß, was ich tue.“

„Du machst einen Fehler.“

„Es wäre nicht der erste, nicht wahr?“

„Aber es könnte dein letzter sein.“ Er beobachtete sie und fragte sich, ob auch nur ein Funke von dem, was sie vor sechs Jahren für ihn empfunden hatte, noch heute in ihr glomm. „Tu das nicht, Leigh. Man wird dir wehtun.“ „Man hat mir schon wehgetan.“ Sie lächelte und sah einen Augenblick wie die hübsche junge Frau aus, in die er sich vor sechs Jahren verliebt hatte. „Man sieht sich, Jake.“

Sie öffnete die Tür und verschwand.

Mehrere Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, stand Jake neben dem Bett, während Furcht sein Herz ergriff.

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