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Kalypto - Die Herren der Wälder

Über den Autor

Tom Jacuba ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Jacuba war bis Mitte der 90er-Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst Fantasyromane, historische Romane, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. Er erhielt 2001 den Deutschen Phantastik-Preis als Autor des Jahres.

BASTEI ENTERTAINMENT

Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: »Schaut!«,
Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:
So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein!

W. Shakespeare, »Ein Sommernachtstraum«, I, 1

PROLOG

Irgendwann, irgendwo

Licht. Wohin sie sich auch wandte, überall leuchtete es: warmes, meerblaues Licht.

Jemand rief ein Wort.

Obwohl es sich vertraut anhörte, erkannte sie es nicht; das Wort hallte durch das klare blaue Licht, und ihr wollte einfach nicht einfallen, was es bedeutete.

So trieb sie im warmen Wasser des Südmeeres, spürte die sanften Wogen über Schenkel und Brüste bis zur Kehle perlen und lauschte dem verklingenden Echo des fremden und doch so vertrauten Ausdrucks. Delfine sprangen neben ihr, Seeschwalben kreisten über ihr oder stürzten mit angelegten Schwingen pfeilgleich in die Fluten, und der warme Wind blies ihr in die geblähten Nasenflügel. Als das Wort erneut gerufen wurde, war ihr, als leuchtete das ERSTE MORGENLICHT im Himmel über ihr auf.

Das mochte sie am liebsten: Unter blauem Licht neben springenden Delfinen, unter kreisenden oder stürzenden Seevögeln im Meer treiben und Wind und Wasser auf der Haut spüren. Wie viele Sonnenwenden hatte sie so schon verbracht? Schwebend, schauend, selbstvergessen. Doch hatte sie jemals während all der Zeit dieses unbegreifliche Wort gehört?

Sie schloss die Augen, um ihre Aufmerksamkeit ganz und gar darauf zu richten – und jetzt erkannte sie eine spezielle Lautfolge: ca-to-lis …

Plötzlich wusste sie, dass so ein Name klang; ein Name, den sie kannte.

Das Wasser wurde auf einmal kälter, die Wogen unruhiger; und als sie erschrocken die Augen aufriss, blickte sie in düsteres Nachtblau. Keine Seeschwalbe kreiste oder stürzte, kein Delfin sprang mehr – verflogen war er, der schöne Traum.

Und dann wieder – und lauter diesmal – der Name: Catolis! Noch ehe sie begriff, wer da gerufen wurde, erkannte sie die Stimme des Rufenden: Sie gehörte dem Wächter des Schlafes.

Kalt war das Meer jetzt, die Wogen wild und der Himmel dunkel wie vor einem Gewittersturm; sie ließ Beine, Becken und Oberkörper sinken und begann mit den Armen zu rudern, um sich über Wasser zu halten. Verwirrt spähte sie in alle Himmelsrichtungen. Was geschah hier?

Im Westen entdeckte sie ein Schiff. Es glitt durch die Wogen und kam rasch näher. Sie erschrak. Wer störte ihr friedliches Schweben? Und wieder rief der Wächter des Schlafes: »Catolis!« Er stand am Bug des Schiffes – eine Gestalt ganz in Blau – und winkte. »Catolis!«

Wem winkte er denn? Wen rief er da?

Wieder blickte sie sich um, ruderte mit den Armen, fror auf einmal, versuchte zu verstehen. Endlich fiel es ihr wie eine schwarze Binde von den Augen: Ihr winkte der Wächter des Schlafes zu. Und jetzt erinnerte sie sich auch: Ihr Name war es, den er rief.

Schmerz und Schrecken durchzuckten sie – es war vorbei. Sie spürte, dass sie erwachte.

Tausende Sonnenwenden Schlaf: vorbei.

Zehntausende Träume: vorbei.

Catolis hörte auf, mit den Armen zu rudern und versank in eisigem Wasser. Das Erste Morgenlicht erlosch. Eine Hand griff nach ihrer Hand, hielt sie fest, zog sie hoch.

»Catolis, erwache!«


ERSTES BUCH


KEIN ANFANG
OHNE ENDE

1

Der Mann watete knietief im Wasser. Seine Haltung und die Hast, mit der er sich bewegte, erinnerten an ein Wildtier in der Falle. Er kaute auf seiner Unterlippe herum, schabte über seinen Bart, knabberte am Daumennagel, verscheuchte den Kolk, der schon wieder auf seiner Schulter zu landen versuchte. Warmer Regen nieselte aus dem Blätterdach des Waldes auf ihn herab, überall um ihn herum gurgelte schlammiges Wasser zwischen den Bäumen. Der Mann drehte Runde um Runde um den mächtigen Stamm seines Hausbaumes, schon seit der vorletzten Nachtstunde.

Das Gejammer seiner Frau hallte plötzlich wieder lauter durch den morgendlichen Wald. Der Mann blieb stehen und spähte hinüber zum Ufer des Hochwasserarmes, wo drei alte Weiber seine geliebte Gefährtin in der Strömung festhielten und auf sie einredeten. Über ihm, auf der unteren Veranda des Baumhauses, murmelten der Wettermann und sein Gehilfe ihre Gebete in den Regen. Hoch oben, im dunklen Rot der Laubkrone, hockte der beleidigte Kolk und schimpfte raunzend. Und in den Bäumen ringsum versammelten sich die Waldleute von Stommfurt auf ihren Veranden und Hausdächern. Grüße flogen hin und her, Gelächter und Gesang wurden laut.

Vogler hieß der Mann, der da im Wasser unter der Blutbuche seine Kreise zog, ein großer kräftiger Jäger von etwas mehr als dreißig Sommern; lange braune Locken rahmten sein vernarbtes, bärtiges Gesicht. Für ihn gab es an diesem Morgen nichts zu lachen und zu singen. Noch nicht.

Jeder hier in Stommfurt hörte auf Voglers Wort. Seit neun Sommern bereits zog er den Jagdkerlen der Waldsiedlung als Eichgraf auf ihren Jagdzügen voran, und zu beiden Ufern des Stomms wusste man allerhand Geschichten von seinem Mut und seiner Klugheit zu erzählen. Es gab Stommfurter Jäger, die schworen, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie ihr Eichgraf selbst dem gefräßigen Flussparder oder dem massigen Sumpfbären kalten Blutes und nur mit der Lanze in den Fäusten gegenübergetreten war.

Eine Lüge, zu behaupten, Vogler wäre am heutigen Morgen kaltblütig – sein Mund war trocken, das Herz schlug ihm bis zum Hals, und in seiner Brust tobte ein Aufruhr. Hatte er Angst? Darüber dachte er lieber nicht nach. Doch eines spürte er mit jeder Faser seines Leibes: Auf den Kampf, den er heute zu bestehen hatte, war er nicht vorbereitet.

Vogler wurde Vater. Zum ersten Mal.

Die Begegnung mit einem Sumpfbären wäre ihm lieber gewesen, als zur Tatenlosigkeit verdammt um seinen Hausbaum herumlaufen und warten zu müssen.

Das Gejammer seiner Frau ging allmählich wieder in keuchende Atemzüge über. Vogler sog tief die Luft ein und fuhr fort, durch das Wurzelgeflecht der Blutbuche zu waten. Es hörte auf zu nieseln, und die Morgensonne bohrte erste Lichtbalken durch das Laubdach ins überflutete Unterholz.

Wie jedes Frühjahr mäanderte Hochwasser in tausend Flussarmen durch die Wälder von Strömenholz, und Stommfurt, die größte der Strömenholzer Siedlungen, hatte es wieder besonders schlimm erwischt: Die meisten Bäume und Büsche standen in Teichen und Tümpeln, nur hier und da ragten kleine Inseln höher gelegenen Unterholzes aus der Flut heraus; der Bach, an dem die Waldleute sonst ihre Wäsche wuschen, badeten oder Trinkwasser schöpften, war zu einem breiten Fluss mit gefährlich starker Strömung angeschwollen. Unter Stommfurts Bewohnern hörte man dennoch keinen über das Hochwasser schimpfen. Sie lebten damit, seit Generationen schon, und machten auch in diesem Frühjahr das Beste daraus.

Während Vogler seine Kreise um die Blutbuche zog, begannen die Waldleute um ihn herum auf ihre Weise den neuen Tag. Frauen kletterten aus den Kronenhäusern, um ihre Wäsche direkt vor ihren Hausbäumen zu waschen. Andere sammelten brauchbares Treibgut ein: hölzernen Hausrat, Pfeile, Vogelnester mit Jungvögeln, Samenzapfen und Blütendolden, die der Gewittersturm der vergangenen Nacht aus den Baumkronen gerissen hatte. Männer wateten mit Stangennetzen oder zum Stoß erhobenen Jagdlanzen durch das Wasser, um ins Unterholz verirrte Aale und Flusskarpfen aufzustören. Andere kauerten dicht am Stamm ihres Hausbaumes, spähten ins Wasser und hielten ihren Jagdbogen bereit.

Von den unteren Schlafplätzen der Hausbäume aus sprangen nackte Kinder und Halbwüchsige ins Wasser. Auf den Veranden der Kronenhütten warfen einige ihre Angeln aus, veranstalteten Wettpinkeln oder schossen mit Schleudern nach Schwänen oder Enten, die sich auf über Nacht entstandenen Flussarmen in die Waldsiedlung verirrt hatten.

All das nahm Vogler nur beiläufig wahr.

Seine Frau schrie schon wieder, diesmal gellend und schrecklich lang gezogen; und überall in den Bäumen und im Wasser hoben die Waldleute die Köpfe und spähten zu ihr hinüber. Auf ein Holzgestell gebunden und von zwei Hebammen gehalten, schaukelte sie im Uferwasser, brüllte und presste die Hände auf ihren riesigen Kugelbauch. Vogler stand wie festgewachsen im Tümpel unter seiner Blutbuche und lauschte wieder mit angehaltenem Atem. Ihr Geschrei fuhr ihm tief in die Knochen. Wie eine Sterbende hörte sie sich an.

Einen halben Lanzenwurf weit entfernt tauchte die dritte Hebamme zwischen den Schenkeln seiner Frau auf, beugte sich über die Schreiende und redete auf sie ein. War es denn jetzt endlich so weit? Doch die Wehe schien nachzulassen, immer noch kein Kind, das Geschrei verebbte nach und nach. Zuerst ging es in Stöhnen über, dann in Gewimmer. Die Hebamme äugte zu ihm herüber und winkte ab. Nein, es war immer noch nicht so weit … Vogler seufzte und blinzelte ins Geäst seiner Blutbuche hinauf. Zwei Männer hockten dort oben auf seiner Veranda.

»Da muss sie durch«, sagte Bux, der alte Wettermann. »Es kann ihr keiner helfen, da muss sie ganz allein durch.« Er rauchte irgendeines seiner stinkenden Kräuter und blies den Qualm in einen Strauß aus jungen Farnwedeln, den er mal hinauf zur Kronenhütte von Voglers Hausbaum, mal hinüber in Richtung der Gebärenden ausstreckte. Manchmal warf er eine Handvoll Tannensamen auf Vogler herab. All das tat er langsam und mit demselben Gleichmut, mit dem er morgens sein Nachtgeschirr zu leeren oder abends seinen Fisch zu schlachten pflegte.

Hinter Bux hockte mit gekreuzten Beinen Kauzer, sein jüngerer Gehilfe, neben einem rauchenden Topf und reichte dem Wettermann, was der so brauchte, um Wolkengötter, Waldgeister und die Seele des Stomms zu beschwören, des Großen Stromes: Pfeifenkräuter, Pilzpulver, brennende Fettholzspäne, frischen Farn und Tannensamen und immer wieder den Eisenkrug mit dem Heiligen Trank. Vor allem Letzterer half dem alten Wettermann mit Göttern und Geistern in Verbindung zu bleiben, das wusste Vogler. So eine Geburt konnte sich über ganze Tage hinziehen, länger oft als ein Todeskampf – ohne den Heiligen Trank gingen einem Wettermann da leicht mal die Worte aus, die es brauchte, um die Unsichtbaren der Anderen Welt zu Heil und Segen für Mutter und Kind zu überreden. Beide, Bux und Kauzer, beteten um die Wette und einer lauter als der andere.

Der monotone Singsang beruhigte Vogler ein wenig. Er drehte die nächste Runde im Hochwassertümpel über dem Wurzelgeflecht seines Hausbaumes. Es wuchsen nicht viele Blutbuchen in den Flusswäldern entlang des Stomms, und die wenigen waren nur selten bewohnt. Die Waldleute glaubten nämlich, dass ein eigensinniger und zum Zorn neigender Waldgeist im Wurzelwerk der roten Bäume hauste, dem kaum einer zu nahe kommen wollte.

Voglers Großvater hatte sein Haus vor vielen Sommern dennoch in die Krone der Blutbuche gebaut und sich der Freundschaft mit ihrem Geist gerühmt. Weil er viele Jäger und Mütter gezeugt und sein Leben lang reiche Beute gemacht hatte, glaubten ihm die Waldleute. Am Ende seiner Tage bewunderten die Strömenholzer ihn für seinen Mut, mit einem Blutbuchengeist im selben Baum zu hausen. Einen seiner Söhne, Voglers Vater, wählten sie sogar zu ihrem Waldfürsten. Bis zum heutigen Tag sprach man mit Hochachtung von Voglers Großvater und seiner Sippe.

Auch von Vogler sprach man mit Hochachtung. Jedenfalls an diesem Morgen noch. Später allerdings, als all das Unglück seinen Lauf nahm, hieß es: Selber schuld; und: Niemand fordert ungestraft einen Waldgeist heraus, von dem doch jeder Grünsprössling weiß, dass er ungeheuer böse werden kann, wenn man ihn nicht allein und ungestört in seiner Blutbuche hausen lässt.

Ein Kolk segelte heran und ließ sich auf Voglers Schulter nieder. Nicht Schrat, der große Rabenvogel mit dem weißen Fleck im Brustgefieder, sondern Tekla, Schrats kleinere Gefährtin. Ihr Gefieder schillerte schwarzblau wie siedendes Pech.

Die Wolkendecke riss weiter auf, und viele Lichtbalken der Vormittagssonne flirrten auf einmal zwischen Baumkronen und Unterholz. Im Geäst der Blutbuche krähte Schrat seine Eifersucht in den Wald, flatterte schließlich herab und landete auf Voglers freier Schulter. Der ließ ihn diesmal gewähren, nahm ihn kaum wahr.

Kinder und Halbwüchsige riefen aufgeregt und deuteten zum Himmel hinauf – gleich drei Regenbogen strahlten über dem Laubdach des Flusswaldes. Überall auf Dächern, Leitern, Veranden und im seichten Wasser zwischen den Baumstämmen legten Waldleute die Köpfe in den Nacken, um einen Blick auf das farbige Lichtspektakel zu erhaschen.

Der Eichgraf sah keinen einzigen Regenbogen. Er stand schon wieder still und schielte zu den Frauen am nahen Ufer des Flussarmes hinüber. Jetzt schrien sie alle vier, und am lautesten schrie seine Frau. Mehr Spektakel brauchte Vogler nicht.

Seine Frau wand sich auf dem Holzgestell, an das man sie gebunden hatte. In der sanften Strömung des Uferwassers schaukelte sie auf und ab. Die Wehen kamen jetzt immer öfter, und bei jeder brüllte sie wie eine Wasserkuh, der die Alligatoren das Fleisch bei lebendigem Leib aus den Flanken fraßen. Die Hebammen schrien mit ihr. Am liebsten hätte auch Vogler geschrien; lange würde er das Weibergebrüll nicht mehr ertragen.

Keinen halben Lanzenwurf entfernt von den Frauen trieben vier an Hausbaumstämmen befestigte Kähne in der Strömung. Jäger standen breitbeinig in ihnen oder knieten darin und belauerten das Wasser. Manche sangen, andere plauderten, doch jeder von ihnen hielt sich bereit, seinen Jagdbogen zu spannen oder seine Lanze zum Wurf über die Schulter zu stemmen.

Der Anblick seiner kampfbereiten Jagdkerle beruhigte Vogler überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er erinnerte ihn daran, dass das Frühjahrshochwasser leider nicht nur leckeres und hoch willkommenes Federvieh und Fischzeug in unmittelbare Nähe der Hausbäume brachte, sondern auch Raubtiere, die selbst nichts anderes als Jagen und Fressen im Sinn hatten. Alligatoren etwa oder Flussparder. Der Anblick der Geburtswächter drohte Voglers Unruhe zur Panik zu steigern.

Er riss sich zusammen. Schließlich war er nicht irgendjemand, schließlich war er der Eichgraf von Stommfurt. Er blieb stehen, atmete tief, stimmte für ein paar Takte in den Gebetssingsang der Wettermänner ein. Bux bewarf ihn einmal mehr mit Tannensamen und wedelte süßlich duftenden Rauch von der Veranda auf ihn herab. Und wahrhaftig: Das half dem Eichgrafen, die aufbrandende Panik zu überwinden.

Ein Kind oben im Hausbaum zu gebären – oder wenigstens im noch nicht vom Hochwasser überschwemmten Unterholz – wäre ungefährlicher gewesen, sicher; doch wer sich, wie Vogler, einen starken Jäger als Sohn oder eine zähe, fruchtbare Mutter als Tochter wünschte, musste schon ins Wasser des Stroms steigen, wenn die Wehen einsetzten. So war es nun einmal Sitte in Strömenholz und den anderen Waldgauen im Mündungsdelta des Stomms. Immerhin ersparten die Hochwasserzeiten einer Gebärenden und ihrer Sippe die beiden Wegstunden durchs Unterholz bis zum Stromufer – die Fluten des Stomms strömten dann nahe der Hausbäume durch den Wald.

Die Wolkendecke über dem Laubdach schloss sich, und erneut schien das Licht in den Hausbaumkronen und auf den Flussarmen zu erlöschen. Der Nieselregen setzte wieder ein. Auf allen Veranden, Stammleitern und Hausbaumveranden rund um Voglers Blutbuche hatten sich inzwischen Waldleute versammelt, um Voglers Frau beim Gebären zuzuschauen, vor allem Mütter und Jungweiber. Von einer Kronenhütte aus stimmten die Frauen in ihr Geschrei mit ein, wenn wieder eine Wehe kam, von einer anderen riefen sie ihr Durchhalteparolen zu, und vom Rundhaus einer Eiche aus sangen sie mehrstimmige Lieder zu ihr hinunter.

Sie gebar zum ersten Mal, und bei allen Wolkengöttern, es war nicht zu überhören: Ihr Gebrüll klang jetzt so laut und durchdringend, dass es Vogler schier das Hirn aus den Ohren zerrte. Er hielt es nicht länger aus unter seiner Blutbuche und den rauchenden und betenden Wettermännern – er scheuchte die Kolks von seinen Schultern, watete zum Hochwasserarm hinüber und näherte sich seiner schreienden Frau.

Flehend sah sie ihm entgegen und streckte die Arme nach ihm aus. Zwischen ihren Schenkeln stiegen Blasen und Blut an die Wasseroberfläche. Eine der drei Hebammen, die Voglers Frau auf dem Holzgestell festhielten, schrie: »Atmen!«, »Drücken!«, »Pressen!«, und solches Zeug. Die zweite rief den Geist der Blutbuche an, und die älteste fuchtelte mit den Armen, um Vogler zu bedeuten, dass er zu verschwinden hatte. Doch das Gekreische seiner geliebten Frau schnürte Vogler das Herz zusammen. Sie tat ihm leid und, ja, er hing an ihr; also vergaß er die Regeln und guten Sitten, überwand die letzten Meter und ergriff ihre ausgestreckte Hand.

»Ich sterbe!«, schrie sie und klammerte sich an ihn. »Ich sterbe!«

Vogler hatte schon früher Gebärende wie in Todesnot schreien gehört, ohne dass eine von ihnen wirklich gestorben wäre; dennoch bekam er es mit der Angst zu tun. Er hielt ihren Kopf fest, beugte sich über sie, presste seine vernarbte Wange an ihre heiße und weiche Wange. War sie vom Wasser so nass oder vom Schweiß?

Zwischen ihren Schenkeln blubberten jetzt besonders große Blasen, und das Wasser färbte sich noch dunkler. Er erschrak.

»Pressen!«, krähte der Chor der Hebammen, von den Hausbäumen aus sangen sie es mehrstimmig: »Pressen!« Und dann bäumte seine Frau sich auf dem Holzgestell auf, stimmte einen Schrei an, der gar nicht mehr aufhören wollte, und ihre schwarzen Fingernägel bohrten sich tief in die Haut von Voglers haarigen Armen. Inmitten des blutigen Flusswassers schimmerte nun etwas Fahles, Rundes und trieb Richtung Wasseroberfläche: ein Kinderkopf.

In diesem Augenblick riss die Wolkendecke einmal mehr auf, und die Sonne streute ihr Licht über Baumkronen, Teiche und Hochwasserarme. Die älteste Hebamme griff zu und zog das Neugeborene an den Beinchen aus dem Fluss, eine andere setzte eine Kupferklinge an und zerschnitt die Nabelschnur; Blut spritzte. Die dritte holte aus, es machte Klatsch!, und das zappelnde Kind begann zu quäken.

Aus allen Hausbäumen und von allen Kähnen jubelte es nun. Die beiden Kolks kreisten krächzend über der jungen Mutter und ihrem Neugeborenen, und Vogler wurde es ganz schwarz vor Augen. Er blinzelte und hielt sich an einer Hebamme und dem Holzgestell fest, auf dem seine Frau lag. Dann sah er in ihr erschöpftes, aber glückliches Gesicht, sah das Kleine an ihrer Brust, sah Zwergbarsche um die Nabelschnur und das blutige Etwas streiten, das da noch neben den schlaffen Beinen seiner Frau im Wasser schaukelte. Ein Lachen stieg ihm aus der Brust die Kehle hoch, und Tränen traten ihm in die Augen. Er spürte, wie die Hebammen ihm auf Schultern und Rücken klopften.

»Es ist alles dran an euerm Grünsprössling«, krähte die älteste. »Freu dich, Vogler! Ein kleiner Waldmann wird bald in deinem Hausbaum herumklettern! Freue dich und danke dem großen Waldgeist!« Dann sah sie zu den Hausbäumen hinauf und rief es so laut, dass auch die Schwerhörigen unter den Morschen – so nannten die Waldleute ihre Greise – es hören konnten: »Alles dran! Ein neuer Waldmann ist da!« Und sofort stimmte jemand ein Jubellied an. Vogler aber wischte sich über die Augen, strahlte, küsste Mutter und Kind und stapfte durchs Wasser zurück zu seiner Blutbuche.

Der Gehilfe des Wettermannes, ein Kerlchen mit großem Schädel, kurzen weißblonden Locken und Kindergesicht, sprang von der unteren Veranda und watete ihm entgegen. »Wie soll er denn heißen?« Er sprach mit heiserer Stimme, wie immer; im Grunde röchelte er mehr, als dass er sprach.

»Lasnic«, murmelte Vogler und kicherte. »Lasnic soll er heißen.«

»Wie?!« Kauzer blieb stehen und hielt die Hand ans Ohr.

»Lasnic!«, rief Vogler. Plötzlich platzte es aus ihm heraus, und er lachte laut und wie von Sinnen. Oben in den Baumkronen jubelten sie wieder, und der Name ging von Mund zu Mund: »Lasnic heißt Voglers Sohn! Habt ihr’s gehört? Lasnic! Lasnic …«

Kauzer taumelte plötzlich rückwärts ins überflutete Wurzelgeflecht, erstarrte nach drei Schritten, riss Mund und Augen auf und stierte an Vogler vorbei zum Hochwasserarm. Vogler hörte auf zu lachen und runzelte die Stirn. Von einem Atemzug auf den anderen schlugen Gesang und Jubel aus den Bäumen in Angstgeschrei um. Die Rabenvögel in der Blutbuche lärmten, als wäre ein Baumgreif unter sie gefahren.

»Schlammwelse!«, brüllten die Jagdkerle in den Kähnen. Die alten Hebammen schrien wieder, jedoch anders als zuvor; und Warnrufe gellten hin und her.

Vogler fuhr herum. Er sah sofort das, was jedem Jäger den Angriff eines Schlammwelses verriet: eine große Bugwelle schlammigen Wassers. Sie trieb zwischen zwei Kähnen hindurch, einige Jagdkerle schossen bereits ihre Pfeile ab, einer schleuderte seine Lanze. Die meisten trafen, doch die Bugwelle rollte immer weiter dem Ufer entgegen, wo die schreienden Hebammen zu fliehen versuchten und das Gestell mit Mutter und Kind durchs aufgewühlte Wasser zogen. Hinter der Bugwelle sah Vogler zwei Pfeile und einen Lanzenschaft erst aus den braunen Fluten und dann aus einem Welsrücken ragen. Er warf sich in den Flussarm und schwamm den Hebammen entgegen.

Nicht ungefährlich, denn die Jäger in den Flößen zielten schon wieder mit ihren Waffen, zögerten jedoch – nicht wegen Vogler oder der Hebammen, sondern wegen des Neugeborenen und seiner Mutter. Im nächsten Augenblick hob sich das Heck des linken Kahns, und einen Atemzug lang sah Vogler den breiten schwarzbraunen Rücken eines großen Schlammwelses aufragen. Die Jäger stürzten aus dem Kahn in den Hochwasserarm.

Hinter dem Nachbarkahn schäumte und spritzte das Wasser und teilte sich. Zwei junge Schlammwelse warfen sich auf das Boot. Vogler sah stachlige Rachen, spitze Zähne, schillernde Brustflossen. Die zwei Lanzenlängen großen Raubfische schnappten nach Beinen und Armen der Jäger oder fegten sie mit den Schwanzflossen aus den Kähnen.

Von den Kronenhütten aus begannen die Schützen von Stommfurt auf die Großfische zu zielen. Ein alter schwerer Wels hatte sich auf den dritten Kahn gewälzt, der vierte kippte gerade um, und das Geschrei der Waldleute war nun allgegenwärtig.

Auch Vogler schrie, denn die schlammige Bugwelle schwappte über das Gestell mit Mutter und Neugeborenem, und er begriff, dass er Frau und Kind verlieren würde. Zwei der Hebammen verschwanden unter Wasser, und nichts als Haare, Fleischfetzen und Blutschlieren tauchten wieder auf. Die dritte Hebamme ließ das Holzgerüst los und floh.

Das Gebärgestell mit Voglers Frau und ihrem neugeborenen Sohn hob und senkte sich, bis es halb unter rötlichem Schaum und schmutzigen Wasserwirbeln verschwand. Vogler sah eine Schwanzflosse; und dann sah er, wie das Gestell mit Mutter und Kind zwischen den leeren Kähnen hindurch, an im Wasser treibenden Leichen vorbei in die Mitte des Hochwasserarmes gezogen wurde. Voglers Frau gab keinen Ton von sich, den neugeborenen Sohn des Eichgrafen aber konnte jeder plärren hören.

»Tötet den verfluchten Wels!« Vogler brüllte. »Haltet ihn auf!« Doch aus Angst, das Kind zu treffen, schoss niemand mehr einen Pfeil ab. So verlor sich das dünne Stimmchen des Neugeborenen rasch, und die vor seiner Mutter und ihm aus dem Wasser ragenden Pfeile und der Lanzenschaft verschwammen mit dem Gehölz rechts und links des Hochwasserarms.

2

Irgendwann, irgendwo

Ein Gesicht beugte sich über sie, knochig, haarlos, schneeweiß: der Wächter des Schlafes. Nicht jener, der vor langer Zeit den Glasdeckel über ihre Mondsteinkuhle geschoben hatte – der war jung, braun gebrannt und schwarzhaarig gewesen –, dieser hier war viel älter. Unzählige haarfeine Linien durchzogen sein Gesicht, verdichteten sich um Mund und Augen zu netzartigen Maserungen, stiegen von den haarlosen Brauenbogen und der Nasenwurzel wie Fontänen hinauf in die Venengeflechte seines kahlen Schädels. Vielleicht ein Enkel derer, die vor Urzeiten das Einschlafen und das Erste Morgenlicht hüteten, vielleicht ihr Urenkel. Und dennoch – hatte sie nicht im Traum die Stimme des Wächters des Schlafes erkannt?

»Endlich ist es so weit.« Er lächelte. »Willkommen, Catolis. Willkommen an der Schwelle zum Zweiten Reich von Kalypto.«

Sie ahnte mehr, was er meinte, als dass sie es wirklich verstand. Vieles von dem, was er in den ersten Tagen sagte, erschien ihr rätselhaft. Doch in den folgenden Monden änderte sich das nach und nach, denn während er sie fütterte – erst mit flüssiger, später mit fester Speise –, pflegte er zu erzählen: die ganze Geschichte des Ersten Kalyptischen Reiches. Wie der Orden der Kalyptiker entstand, wie er das Erste Morgenlicht bändigte, wie er Macht gewann, wie er sich die Welt untertan machte, wie er ein vollkommenes Reich schuf. Und wie das Ende kam. Wie die Welt erst verbrannte, dann ersoff, dann gefror.

Der Wächter des Schlafes erzählte, während er sie wusch, er erzählte, während er sie ankleidete, er erzählte, während er ihr aus dem Mondsteinsarkophag half und sie bei den ersten Schritten stützte.

Den ersten Schritten seit Tausenden von Sonnenwenden.

Er führte sie vor einen ovalen Kristallspiegel, der bis an die Granitdecke reichte. Darin sah sie neben ihm eine gleich große, aber deutlich dürrere Frau stehen, jung, mit dunkelroten Haaren und kantigem, faltenlosem Gesicht, aus dem helle kupferfarbene Augen leuchteten.

»Ja«, murmelte sie, »das ist Catolis.« Die Frau im Spiegel bewegte die Lippen und lehnte sich gegen den fahlen Greis im blauen Mantel. »Ja, das bin ich.«

Später las der Wächter des Schlafes oft aus der Chronik von Kalypto vor, und als die süße Schwere des langen Schlafes auch die letzten Fasern ihrer Nerven verlassen hatte, begann sie Fragen zu stellen. Geduldig beantwortete er sie alle.

In immer deutlicheren Bildern sah sie nun vor sich, was während des Endes geschehen war. Sah, wie die Meister der Zeit diejenigen auswählten, die überleben sollten, um später das Zweite Reich zu gründen; sah siebentausend auserwählte Magier – die meisten blutjung – in die unterirdische Stadt hinabsteigen; sah auch, wie Sarkophage aus Mondstein geöffnet wurden; sah sogar, wie das Erste Morgenlicht zu pulsieren begann.

So kehrte nach und nach die Erinnerung zurück, und bald waren ihr sämtliche Namen und Gesichter derer wieder gegenwärtig, die mit ihr in die letzte Bastion von Kalypto hinuntergegangen und wie sie in Mondsteinsarkophage gestiegen waren, um im Ersten Morgenlicht einer möglichen Zukunft entgegenzuschlafen.

Mit der Erinnerung kamen neue Fragen.

»Warum bist du allein?«, fragte sie irgendwann im dritten Mond nach ihrem Erwachen; sie stemmte gerade Bleihämmer, um ihre Muskeln zu stärken. »Zwei Wächter des Schlafes sollten doch das Erste Morgenlicht und den Schlaf der Kalyptiker hüten.«

»Meine Gefährtin starb vor zwölf Sonnenwenden«, antwortete der Wächter, »und auch meine Lebenskraft geht zur Neige. In wenigen Monden wollte ich meine Nachfolger wecken, doch dann sah ich, dass die Zeit reif ist, vier Magier in die Welt hinaufzuschicken.« Er lächelte, und seine Augen wurden feucht. »Ich bin so glücklich, den Beginn des Zweiten Reiches von Kalypto noch erleben zu dürfen.«

»Woher weißt du, dass die Zeit reif ist?« Die Lust am Zweifel hatte seit jeher zu Catolis’ Wesen gehört.

Der Wächter des Schlafes führte sie aus der Granitkammer in die von blauem Licht durchflutete Mittelhalle. Das Licht strahlte aus einzelnen Sarkophagen in der Rundwand, doch vor allem aus der gläsernen Säule, um die herum eine Wendeltreppe hinauf in die höheren Ebenen von Kalypto führte.

Es war das ERSTE MORGENLICHT, das in der Glassäule pulsierte, über unzählige große und kleinste Lichtschächte in die Mondsteinsarkophage hineinstrahlte und die Schläfer von Kalypto seit dem Augenblick lebendig hielt, seit sie vor Tausenden Sonnenwenden eingeschlafen waren. Nur die Wächter des Schlafes alterten hier unten. Oder diejenigen Schläfer, zu denen das Erste Morgenlicht nicht mehr hindurchdrang.

Vorbei an der Lichtsäule stiegen sie zwei Ebenen höher. In einem mit Harz ausgegossenen Kuppelraum führte der Wächter des Schlafes Catolis an einen runden Felstisch. Dutzende Gegenstände, teilweise zerbrochen und verrostet, lagen darauf.

»Eine Auswahl dessen, was die Eismöwen uns in den letzten vierhundert Sonnenwenden gebracht haben«, erklärte der Wächter.

Catolis ließ ihren Blick über die Fundstücke wandern: rostige Pfeilspitzen, eine Sandale, ein Stirnreif aus Horn, der Stiel eines Glases, eine Brosche, Messerklingen, eine Haarbürste, Silbermünzen, kunstvoll bemalte Keramikscherben und vieles mehr.

»Horden scheinen sich wieder zu Stämmen und Völkern zusammengefunden zu haben«, sagte der Wächter des Schlafes. »Die Menschen schmieden wieder Metall, treiben Handel, gießen Glas, fertigen Kleider, Schuhe, sogar Schmuck.«

Catolis griff nach einem kleinen Taschenspiegel und entdeckte eingravierte Lettern auf seiner Rückseite. Ein Name? Sie hob ein kleines rostiges Werkzeug hoch, eine Säge mit winzigen Zähnen auf dem schmalen Blatt. Eine Metallsäge wahrscheinlich. Sie klaubte runde Eisenstücke aus einem Haufen kleiner angerosteter Gegenstände und drehte sie zwischen den Fingern: Zahnräder. Manche kleiner als der Nagel ihres kleinen Zehs, andere von der Größe ihres Handtellers.

»Ja, du hast recht.« Sie legte die Zahnräder zurück auf den Felstisch. »Magier sollten nach oben gehen und in die vier Himmelsrichtungen wandern. Die Zeit ist reif für das Zweite Reich von Kalypto.« Sie sah dem Wächter des Schlafes ins uralte Gesicht. »Warum aber weckst du mich und nicht einen Meister der Zeit? Nur ihm steht es zu, die Magier auszuwählen, die mit ihm zu den wilden Völkern wandern sollen.«

Der Wächter des Schlafes nickte stumm und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Wieder tauchten sie in das flirrende Licht der blau strahlenden Säule ein, wieder stiegen sie zwei Ebenen weiter nach oben. Dort winkte er sie an die Rundwand, und sofort fiel es Catolis auf: Weniger Sarkophage als in den unteren Ebenen erfüllte das Erste Morgenlicht hier mit seinem Leuchten. Der Wächter des Schlafes blieb vor der Rundwand stehen und streckte Arme und Finger zu einem dieser lichtlosen Mondsteinsarkophage aus. Das blaue Behältnis schwebte erst aus der Wand und dann langsam zu ihnen herab; schließlich setzte es auf dem Granitboden auf.

»Sieh hinein.«

Catolis beugte sich über den Glasdeckel. Staub lag im Sarkophag; in einer Form, dass sie noch die Umrisse von Gliedern, Rumpf und Kopf des Magiers erahnen konnte, der hier alterslos geruht hatte – bis er jäh zu Staub zerfallen war.

»Der Großmeister der Zeit«, sagte der Wächter des Schlafes mit hohler Stimme. »Der letzte von sieben Meistern der Zeit, die mit uns herabgestiegen sind.«

Unter den Kalyptikern hatte es auf jeder Stufe der Meisterschaft einen höchsten Magier gegeben, einen Großmeister. Der Großmeister der Zeit stand über allen anderen. Seit jeher galt er als der Magierfürst von Kalypto.

»Wie konnte das nur geschehen?« Tief erschrocken blickte Catolis zu den anderen Wandnischen, in denen lichtlose Sarkophage standen. »Und er ist nicht der einzige, sagst du?« Sie verstand noch immer nicht.

»Weit über tausend Magier sind aus dem ErsteN Morgenlicht gefallen und gestorben.« Der Wächter des Schlafes seufzte tief. »Vulkanausbrüche in der Nähe, zwei Erdbeben in den letzten dreitausend Sonnenwenden …« Er zuckte mit den Schultern. »… vielleicht auch der Druck der Gesteinsmassen oder erodierende Wasseradern – irgendwann sind die Lichtschächte zwischen ihren Ruhetruhen und der Säule mit dem Ersten Morgenlicht zusammengebrochen – was auch immer der Grund dafür gewesen sein mag.«

»Das heißt, es gibt keine Meister der Zeit mehr …?« Catolis wandte sich ab, begann zwischen den Treppenabsätzen vor der blau leuchtenden Säule hin und her zu laufen und versuchte zu begreifen, was sie gesehen und gehört hatte. Der Wächter des Schlafes ließ ihr Zeit. »Das bedeutet …« Irgendwann blieb sie stehen, fuhr herum und sah ihm ins fahle Gesicht. »Warum weckst du ausgerechnet mich? Ich verstehe das nicht …«

»Du verstehst sehr gut, Catolis.« Der bleiche, haarlose Greis lächelte. »Wir Wächter des Schlafes müssen in Kalypto bleiben, um den Schlaf der anderen zu hüten und das Erste Morgenlicht, das sie am Leben erhält. Meine Gefährtin und ich haben das Testament der Mütter und Väter von Kalypto geöffnet, um nachzulesen, wen sie als Großmeister der Zeit für den Fall vorgesehen haben, dass kein Meister der Zeit den Epochenschlaf überleben sollte.« Er verstummte, blickte sie erwartungsvoll an.

»Und?« Catolis schluckte. Das Herz schlug ihr plötzlich in der Kehle.

»Dich, Catolis, haben sie vorgesehen. Du bist jetzt die Großmeisterin der Zeit.«

»Ich …?« Catolis presste die Hände auf die Brust und schüttelte den Kopf, als traute sie ihren Sinnen nicht. »Aber, wieso …?«

»Ja, du bist auserwählt, Catolis.« Strenger Ernst lag jetzt auf den Zügen des Wächters des Schlafes. »Du bist die Erste Magierfürstin des Zweiten Reiches von Kalypto. Du wirst hinaufsteigen. Und zuvor wirst du drei Kalyptiker auswählen, die mit dir gehen.«

3

Noch keine sieben Winter alt war Ayrin, da musste sie ihrer Mutter schon als Königin des Bergreiches Garona nachfolgen.

Die sechs Winter davor lebte sie ein verträumtes, behütetes und verspieltes Kinderleben in der Königsburg von Garonada, der Hauptstadt des Reiches. Sechs Winter lang war sie weiter nichts als ein kleines Mädchen, sechs Winter lang schienen die hohen Berggipfel, die mit starken Wehrmauern befestigten Felsstädte, die leuchtenden Gletscher, die schäumenden Flüsse und die tiefen Schluchten nur um ihretwillen zu existieren. Sonne, Mond und Sterne zogen allein für sie durch den Himmel, und es gab keinen Tag, an dem sie nicht mindestens einmal in den Armen ihrer Mutter, der Königin Belice, lag, auf ihrem Schoß kauerte und in ihr gütiges und schönes Gesicht blickte.

Nach sechs Wintern dann musste sie lernen, dass jeder Ebene ein Abhang folgte und niemand sein Leben lang nur aus dem Becher des Glücks schlürfen durfte. Vorzeichen des nahenden Abhangs entdeckte sie ausgerechnet im Haar ihrer Mutter.

Das erste Mal fiel es ihr im Badehaus auf, am Tag vor der Ritterweihe. Königin Belice hatte sie zu sich in den Zuber gehoben, wie sonst auch. Da saß Ayrin nun bis zum Hals in heißem Wasser, häufte Schaum auf ihrem Kopf, fächelte die Dampfschwaden zur Seite und betrachtete ihre schöne Mutter, während zwei Diener der Innenburg ihnen das Haar und die Rücken wuschen. Zufrieden war Ayrin, vollkommen zufrieden.

Und dann sah sie es.

Zuerst hielt sie es für Schaum. Doch der Diener leerte einen Holzkübel mit klarem Wasser über Mutters Kopf, und das, was Ayrin für Schaum gehalten hatte, schimmerte noch immer im kastanienroten Haar über der Stirn ihrer Mutter.

»Dein Haar wird ja weiß«, sagte sie, stand im Zuber auf und berührte die Stelle. »Hier vorn am Scheitel, und hier, eine ganze Strähne.« Mit den Fingern fuhr sie der nassen weißen Strähne nach. Die reichte bis über die von der Sonne gebräunte Schulter ihrer Mutter. Und jetzt sah Ayrin auch, dass die Stirn ihrer Mutter seltsam schuppig und von mehr feinen Furchen durchzogen war, als sie damals zählen konnte.

»Wirst du schon alt, Belice?«

»Jeden Tag werden wir älter, mein Herz. Alle.«

Ayrin fiel auf, wie müde die Stimme ihrer Mutter klang. »Selbst eine Königin?« Ihre Mutter nickte, und Ayrin entdeckte einen traurigen Schimmer in ihren Augen, den sie dort zuvor noch nie gesehen hatte. »Arme Belice!« Erschrocken fiel Ayrin ihrer Mutter um den nassen Hals. »Wirst du denn krank?«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf, küsste sie und schob sie von sich. Dann streifte sie den Schaum von Brüsten und Armen und erhob sich, damit der Diener sie abtrocknen konnte.

Ayrin sah ihm dabei zu und betrachtete den schönen, sehnigen Leib ihrer Mutter. Achtundzwanzig Winter hatte Belice erst gesehen, ihrem Bauch sah man zu jener Zeit noch kaum etwas an. Ayrin legte die Hand auf ihn.

»Liegt es daran? Ist das Baby schuld?«

»Niemand ist schuld, an gar nichts.« Belices Lächeln war seltsam starr. »Es wird alles gut, Prinzessin.«

Nach dem Baden rieben die Diener sie mit Duftölen ein, bürsteten und flochten ihnen das Haar und halfen ihnen beim Ankleiden.

Was schon gut ist, kann nur besser werden, dachte Ayrin. Wenn also alles gut werden soll, dann muss es jetzt schlechter sein, als es sein sollte, oder?

Ihre Mutter stand vor dem Spiegel, während Ayrin das dachte, und sie wollte sie eigentlich fragen, was sie von dem Gedanken hielt. Doch dann sah sie, wie sorgfältig ihre Mutter sich das Haar mit einem silbergrauen Seidentuch bedeckte, und Ayrin fragte lieber nichts mehr. Seit wann verhüllte denn die Königin Belice von Garona ihr wunderschönes kastanienrotes Haar?

So fing es an. So begannen die Vorboten des Unglücks ihre schlimme Botschaft in Ayrins Mädchenkopf zu raunen.

Und es ging weiter, gleich am nächsten Tag.

Im ersten Morgengrauen senkte sich die Zugbrücke der Königsburg über die Schlucht. Auf ihr überquerte Ayrin inmitten des mütterlichen Trosses den schäumenden Glacis, den Gletscherfluss. Die königliche Prozession stieg die große Felstreppe zum Mutterhaus hinauf. Dort sollten die Jungritter eine Stunde nach Sonnenaufgang ihren Eid auf die Große Mutter und das Reich ablegen. Unterhalb der Königsburg bedeckte noch Morgendunst die meisten Türme und Dächer von Garonada; nur Teile der Westmauer und der Zirkuskuppel ragten aus dem weißen Schleier.

Das Mutterhaus lag auf einem Felsplateau knapp unterhalb des Grates, auf dem ein guter Wanderer in einem Tag zum Schneegipfel des Garonits gelangen konnte. Von jeder Felsstadt des Bergreiches aus konnte man es sehen: zwei mächtige, durch einen viel kleineren, schotenförmigen Portalbau verbundene Kuppeln, auf deren Zenit je ein Turm aufragte. Kein Bauwerk im Reich lag höher.

Auf Ayrins Frage nach dem Grund dafür hatte Runja, die Priesterin, einmal geantwortet, es sei gut, dem Mond so nahe wie möglich zu sein, wenn man die Große Mutter rief.

Sieben königliche Throngardistinnen schritten voran, Schwertdamen mit Langschwertern in den Rückenscheiden. Ihre roten Prachtmäntel wehten im kühlen Wind, und im ersten Licht der Morgensonne schimmerten ihre Helme und Brustharnische wie pures Silber und die Bernsteinknäufe ihrer Schwerter wie der Blütenhonig aus den Flusstälern.

Direkt hinter ihnen stiegen die Priesterin Runja, die Königin und ihr Vertrauter, der Harlekin Mauritz, die Stufen hinauf. Mehr hatten auf der Treppenbreite keinen Platz, denn Runja war groß und sehr dick. Ayrin konnte sie schnaufen hören während des Aufstiegs. Und obwohl die Priesterin nach Luft rang, hin und her schaukelte und sich ständig mit einem Tuch den Schweiß von der breiten Stirn wischte, hielt sie Belice doch am Ellenbogen fest, als müsste sie die Königin stützen. Sonst tat sie das nie, und der Anblick bedrückte Ayrin.

Stimmte es also: Ihre Mutter war krank.

Sie selbst lief mit den anderen Mädchen hinter den Frauen und dem Harlekin, Hand in Hand mit ihren besten Freundinnen Petrona und Loryane. Ihnen folgte die so gar nicht festlich gekleidete Burgmeisterin Hildrun, eine große dürre Frau mit bleicher und strenger Miene. Wie immer trug sie ihren abgewetzten Ledermantel über ihrem braunen abgewetzten Harnisch, und wie immer ragte ihr der abgegriffene Knauf ihres alten Langschwertes aus der Rückenscheide über die Schulter. In den Städten des Reiches ging die Rede, dass Hildrun sich nicht einmal zum Schlafen von ihrem Schwert trennte.

Die Burgmeisterin schritt allein von Stufe zu Stufe, gefolgt von ihren drei königlichen Schwertmeisterinnen und dem ersten Diener der Außenburg, allesamt in Festtagskleidung. Den Abschluss der Prozession bildeten wiederum sieben Leibgardistinnen in Prachtmänteln und blank geputzten Harnischen.

Oben, am hohen Spitzportal des Mutterhauses, warteten bereits die sechs Herzoginnen der anderen Felsstädte mit ihren Burg- und Kriegsmeisterinnen. Sie schlossen sich dem königlichen Tross an. Im Inneren des Portalbaus, an den Stufen zum Mondaltar, verneigten sich die vierzehn Erzritter und ihre etwa zwei Dutzend flaumbärtigen Weihritter, als Ayrins Mutter mit ihrem Gefolge eintrat.

Mauritz und die Reichs- und Thronritter betraten mit vielen anderen Männern die Ostkuppel, Ayrin ging mit ihrer Mutter und den Frauen in die Westkuppel. Einige setzten sich vorn auf die gehobelten Pappelstämme oder einen der Quadersteine; die meisten blieben stehen.

Beide Kuppeln waren zum Altar hin offen, und Ayrin und ihre Freundinnen kletterten auf einen der erhöhten Steinquader, um den Altar mit Runja und ihren Altarjungfrauen besser sehen zu können.

Damals liebte Ayrin die Zeit vor dem eigentlichen Beginn einer Anrufung der Großen Mutter fast noch mehr als die Feier selbst: die Augenblicke, wenn draußen die Morgensonne zwischen den Schneegipfeln aufstieg und ihr Licht sich in den bunten Glassteinfenstern der Kuppel brach; wenn Runja endlich die Öllampen auf den Altarstufen anzündete, wenn ihre Jungfrauen rauchende Duftschalen in die Kuppeln trugen, wenn noch Hunderte Hochdamen, Schwertdamen und Mädchen durch die Seiteneingänge in die Westkuppel strömten, wenn sie tuschelten, lachten oder einander Segensgrüße zuriefen.

Beinahe zwanzigtausend Menschen fassten Kuppeln und Zwischenbau des Mutterhauses, die Vorhöfe sogar noch mehr. Doch die füllten sich nur zum höchsten Fest des Jahres, zur Mutterweihe, und auch da nur selten vollständig.

Auf der Männerseite herrschte dagegen fast immer großes Gedränge; zur Ritterweihe sowieso. Viel mehr Männer als Frauen lebten im Bergreich Garona, und wären nicht etliche Ritter auf Jagdzügen und Kriegsfahrten unterwegs, hätten sie wohl gar nicht alle Platz gefunden.

Endlich packte Runja den wuchtigen Schlegel, und sofort legte sich das Stimmengewirr. Sie holte aus und schlug sieben Mal gegen den Gong neben dem Altar. Die Kupferscheibe war noch größer als die hünenhafte Priesterin, und eine goldene Mondsichel glänzte auf ihr. Die Klangwellen hallten durch die Kuppeln. Nachdem die letzte verhallt war, herrschte vollkommene Stille. Es war, als würde jeder den Atem anhalten – bis Runja die Hymne der Großen Mutter anstimmte. Nacheinander fielen die Altarjungfrauen ein, danach die Schwertdamen und Mädchen, zum Schluss die Ritter. Bald erfüllte vielstimmiger Gesang das Mutterhaus.

Das Loblied pries die Große Mutter und dankte ihr für die Erwählung der Frauen von Garona zu ihren Schwestern und ihrem Volk für die Gründung des unbesiegbaren Bergreiches, für die uneinnehmbaren Felsstädte von Garona und für die Söhne des Reiches, die sich nun anschickten, ihr Leben und ihre Kraft der Großen Mutter, ihren Schwestern und ihrem auserwählten Reich zu weihen.

Die meisten sangen mit geschlossenen Augen; dabei streckten viele die Arme dem Kuppelgewölbe entgegen und schwankten hin und her wie die Birken in den Hängen der Flusstäler. Auch Ayrin versank in eine Art Trance. Gesänge, Gebetsrufe, Ansprachen rauschten an ihr vorbei. Zu sich kam sie erst wieder, als die Erzritter die Namen der jungen Weihritter verlasen und ein flaumbärtiger Bursche nach dem anderen an den Altar trat, wo der oberste Ritter – der Erzritter der Stadtmauer von Garonada – und die Priesterin zwischen zwei Bronzekesseln voller Schwertklingen warteten. Die Weihe begann.

Wer zum Ritter geweiht wurde, galt als kriegstüchtig und konnte fortan zur Vaterschaft zugelassen werden – vorausgesetzt, eine Frau sah einen Grund, ihn zu erwählen.

Ganz ergriffen beobachtete Ayrin, wie die Altarjungfrauen jeden Weihritter einzeln zu Runja auf die oberste Altarstufe hinaufführten, wo er seinen Ritterschwur sprach, sein geweihtes Schwert aus den Händen der Priesterin empfing und als stolzer Jungritter die Stufen des Altars wieder herunterstieg.

Und dann geschah es.

»Ihr seid verloren!«, tönte eine Stimme. »Ihr seid alle verloren!« Köpfe reckten sich, ein Ruck ging durch die Menge, Raunen erhob sich, und von einem Augenblick auf den anderen war die feierliche Stimmung dahin. »Blut! Blut! Blut!« Ayrin hielt den Atem an. »Nichts von euch wird bleiben!« Eisfinger krallten sich in ihr Herz, als sie die Stimme ihrer Mutter erkannte. »Nichts wird bleiben, wie es ist! Leer, die Häuser! Leer, die Brücken! Leer, die Wehrmauern!«

Ayrin sprang auf den Sitzquader, presste die Hand auf den Mund, reckte den Kopf. Sie sah die Burgmeisterin und die Schwertmeisterinnen, wie sie versuchten, ihre Mutter festzuhalten – die riss an ihren Kleidern, zerkratzte sich das Gesicht, raufte sich das Haar und schrie. Ihre Stimme klang wie die einer Berauschten, die man zu Boden geschlagen hatte; entsetzlich hallte sie durch beide Kuppeln.

»Ihr seid verloren! Nichts bleibt, gar nichts …!«

Ayrin sprang vom Stein und drängte sich durch die Menge. Wie die Stimme einer Fremden dröhnte Belices Stimme durch das Mutterhaus, und dieser kalte, fremde Klang erschreckte Ayrin.

»Gräber! Gräber! Das Mutterhaus: für immer leer! Nichts wird bleiben, vorbei, vorbei …!«

Schlagartig war es still geworden unter der Doppelkuppel, und zwei Atemzüge lang hörte Ayrin weiter nichts als ihr eigenes Keuchen und den Lärm ihrer Schritte. Dann erhob sich Geflüster in der Männerkuppel, und in der Menge der Frauen wurden Rufe laut. Ayrin blieb vor ihrer Mutter stehen, starrte zu ihr hinauf. Sie hätte schreien mögen, heulen, am dunkelblauen Mantel der Königin zerren – doch nichts davon tat sie, stand nur und starrte.

Die Augen ihrer Mutter rollten, Schleim troff aus ihren Mundwinkeln, sie zitterte, zerriss ihr Haartuch, schlug nach der Burgmeisterin Hildrun. Die rührte sich nicht, wirkte wie versteinert.

Plötzlich schob sich die massige Gestalt Runjas zwischen Ayrin und ihre Mutter. Die Priesterin schob die zu Tode erschrockene Hildrun zur Seite und schloss die rasende Königin in ihre langen, starken Arme. »Ruhig, Belice, ganz ruhig.« Sie rieb ihre dicken Wangen am bleichen Gesicht der Königin und flüsterte ihr zu. »Ich bin bei dir, ganz ruhig, ich bin da …«

Die Königin hörte auf zu schreien, bohrte die Stirn in die breite Schulter der Priesterin. »Nach Hause«, schluchzte sie. »Bringt mich nach Hause. Bringt mich zu Lukar.«

Ayrin glaubte, die Granitfliesen unter ihren Füßen wanken zu spüren. Hatte sie denn richtig gehört?

»Zu Lukar …« Wie ein krankes Kind klammerte Belice sich an Runja. »Bringt mich zu Lukar …«

Ayrin hatte ihren Bruder Lukar nie kennengelernt. Ein Adler hatte den kleinen Jungen kurz nach ihrer Geburt von der Burgmauer gekrallt und in seinem Horst an seine Brut verfüttert.

Wie ein großes krankes Mädchen hing ihre Mutter, die Königin, an Runjas Hals, zitterte und flüsterte wieder und wieder: »Ich will zu Lukar, ich will zu Lukar …«

Von einem Atemzug zum anderen wusste Ayrin, dass nun nichts mehr so sein würde, wie es bisher gewesen war. Und auch wenn sie es zu jener Zeit noch nicht hätte in Worte fassen können, spürte sie doch, dass ihre Kindheit vorbei war.

Etwas gefror in ihrer Brust.

4

Irgendwann, irgendwo

Vier Magier geleitete der Wächter des Schlafes hinauf zum Obertor von Kalypto. Catolis schritt hinter dem Alten, und hinter ihr die drei, die sie vor zwei Sonnenwenden ausgewählt hatte. Feierlich war ihr zumute, und sie ahnte, dass sie diesen Aufstieg zum Tor nie nicht vergessen würde. Fiebrige Erregung erfasste sie – wohin würde das Schicksal sie führen? Gleichzeitig schnürten Angst und Zweifel ihr das Herz zusammen – was, wenn sie scheiterte?

Der Alte, als spürte er ihre Furcht, fing an zu reden. Er sprach ihr und den anderen Mut zu. »Vergesst niemals, wer ihr seid«, schärfte er ihnen ein, während sie der Erdoberfläche entgegenstiegen. »Meister der höchsten Magierstufen seid ihr, Meister aller Wesen und Dinge, Meister auch eurer eigenen Herzen und Gefühle. Für euch steht nichts und niemand über euerm höchsten Ziel: Kalypto und seinem zweiten Reich.« Er blieb stehen, drehte sich um und blickte auf Catolis und ihre Gefährten herunter. »Hütet euch jedoch, den Irdischen zu nahe zu kommen.« Mahnend hob er die Rechte. »Wer immer sich den Menschlichen in Freundschaft oder gar in Liebe verbindet, verleugnet seinen Meistergrad und muss scheitern. Und sterben.«

Jedem der vier jungen Magier sah er in die Augen, und jeder der vier nickte stumm. Dann erst wandte der Wächter des Schlafes sich ab und ging weiter.

Einen Schläfer aus jeder Stufe der magischen Meisterschaft hatte Catolis ausgewählt und wecken lassen, damit er mit ihr nach oben stieg. Der Meister des Willens sollte nach Osten ziehen, der Meister des Lichts nach Westen, die Meisterin des Lebens noch weiter hinauf nach Norden, und sie selbst, Catolis, die Großmeisterin der Zeit, wollte nach Süden aufbrechen.

Jeder von ihnen trug einen Mantel in der Farbe seines Meistergrades. Catolis’ Mantel war blau wie der Umhang des Wächters des Schlafes, hatte aber silberne Säume und Knopfleisten.

Endlich erreichten sie das Obertor. »An der Küste werdet ihr euch trennen und allein weitergehen«, sagte der Wächter des Schlafes beim Abschied. »Doch keiner von euch wird für immer allein sein müssen. Im Ersten Morgenlicht könnt ihr einander begegnen und miteinander sprechen, wann immer ihr wollt. Früher, in den Anfangszeiten des ersten Reiches, gingen immer drei in eine Himmelsrichtung, wenn es galt, neue Schüler zu suchen und Kalyptos Macht und Vollkommenheit in die Welt hinauszutragen und zu festigen. Doch damals hatten wir gerade erst begonnen, das Erste Morgenlicht zu beherrschen, und damals wurden wir nicht wesentlich älter als gewöhnliche Menschen.«

Catolis hatte drei besonders starke Magier ausgewählt, ähnlich schön wie sie selbst und ähnlich jung. Ein ganzes Leben voller Schaffenskraft lag vor ihnen, viele Hundert Sonnenwenden Zeit, um zu tun, was getan werden musste. Doch Catolis gab sich keiner Täuschung hin: Wer von ihnen einst zurückkehrte, um die anderen zu wecken, würde es als Greis tun. Oder als Greisin.

»Es ist ein Wettkampf, zu dem Kalypto euch aussendet«, sagte der Wächter des Schlafes. »Ernst, blutig und langwierig. Jeder von euch suche ein Volk, das er für fähig hält, uns beim Aufbau des Zweiten Kalyptischen Reiches zu dienen. Und dann möge sie beginnen, die blutige Prüfung, dann schickt eure Völker auf die Waage des Schicksals und des Kampfes. Mögen die untergehen, die sich als zu leicht erweisen! Vergesst es niemals: Kalypto braucht das stärkste, tapferste und klügste aller Menschenvölker, um erneut zu erblühen und die Welt mit dem Glanz seiner vollkommenen Schönheit zu erfüllen!«

Jedem der vier Magier überreichte er zwei Mondsteinringe – Schlüssel zum Ersten Morgenlicht –, und jedem legte er die Hände auf den Scheitel und sprach ihm den uralten Segen zu, mit dem schon die Großmeister des Ersten Kalyptischen Reiches ihre Jungmagier in den Kampf geschickt hatten.

»Und nun geht und bereitet dem Zweiten Reich den Weg. Die Wächter des Schlafes werden auf euch warten.«

Er öffnete das Tor nach draußen.

5

Gegen Mittag trafen Kähne voller Jagdkerle aus allen Siedlungen von Strömenholz ein. Am Nachmittag auch aus dem Nachbargau Blutbuch und sogar aus Düsterholz, dem Gau, der tief im Südwesten an den Südufern des Stromdeltas lag. Zu der Zeit stand Vogler noch aufrecht, konnte noch eine Lanze halten und einigermaßen klar denken.

Er sprach nur wenige Sätze mit Gundloch, dem Waldfürsten von Strömenholz, und mit den Eichgrafen der anderen Siedlungen. Dann wussten alle, wie Vogler sich die Jagd auf die gefräßigen Schlammwelse und die Suche nach Mutter und Kind vorstellte.

Drei Dutzend Großkähne schwärmten aus. Die Jäger hatten die Spitzen ihrer Pfeile und Lanzen mit Gift bestrichen, schwangen die Fäuste, fluchten im Chor oder grölten Jagdlieder. Viele paddelten, der kräftigste stand am Heck und stakte.

Mit dem Frühlingshochwasser gelangten Alligatoren und Schlammwelse aus dem Stromdelta beinahe regelmäßig bis in die Siedlungen hinein – nichts Besonderes, so ging das eben. Gewöhnlich fuhren die jüngsten Jäger ins überflutete Gehölz, um ihren Mut zu beweisen. Und es kam schon mal vor, dass nicht alle lebend zurückkehrten.

Hin und wieder jedoch geschah es auch umgekehrt, und die Schlammwelse rotteten sich zu Rudeln zusammen und machten Jagd auf die Waldleute; so wie an diesem Tag. Solche Überfälle pflegte man am Mündungsdelta des Stomms mit ausgedehnten Jagdzügen zu rächen.

Gegen Abend gellten Pfiffe von Jagdkerlen durchs Gehölz. Sie hatten zwei Welse erlegt. Doch neben den beiden Hebammen und den vier Waldmännern, die am Mittag umgekommen waren, hatte inzwischen noch ein weiterer Jäger sein Leben eingebüßt. Düstere Stimmung bedrückte die Waldmänner.

Vogler und seine Kahngefährten lauschten den gepfiffenen Neuigkeiten – man hatte seine Frau gefunden, an der Uferböschung der großen Bärenlichtung. Vogler gab den Waldmännern hinter sich ein Zeichen, und sie steuerten den Großkahn dorthin.

Dutzende Kähne drängten sich in den Hochwasserarmen vor dem See, der sich auf der Lichtung zwischen dem Hauptlauf des Stomms und der kleinsten Siedlung von Strömenholz gebildet hatte. Vogler blickte zu Gundloch, den jungen Waldfürsten, in seinem Fürstenkahn. Er stand seltsam reglos inmitten seiner Jagdkerle, und Vogler war es, als bohrte ein Eiszapfen sich durch seine Brust.

Plötzlich hörte er das dünne Stimmchen seines neugeborenen Sohnes, das aus einiger Entfernung zu ihm drang. Es übertönte das Rauschen der Wipfel und das Krächzen und Zetern von Elstern und Kolks.

»Vorwärts!« Voglers Herz tat einen Sprung, und Zuversicht vertrieb die Kälte aus seiner Brust. Seine Jagdkerle stießen die Paddel schneller und kräftiger ins Wasser. Die anderen Kähne machten ihm Platz, der Waldfürst winkte. Und dann sah Vogler Mutter und Kind in den Wogen schaukeln. Einen Atemzug lang loderte heiß die Hoffnung in seinem Blut.

Doch nur, um gleich wieder stummem Entsetzen zu weichen: Seine Frau hing reglos auf dem Gebärgestell, ihre fahlgrauen Arme schienen sich um das Neugeborene zwischen ihren Brüsten verkrampft zu haben. Der Grünspross plärrte, und mindestens sechs Schlammwelse umkreisten ihn. Einem ragten Lanzenschaft und Pfeile aus dem Rücken. Sechs Lanzenlängen etwa trennten das Welsrudel von dem Gestell mit dem schreienden Kind und seiner Mutter. Raben und Elstern kreisten über ihnen und dicht neben ihnen schwamm ein Kormoranpaar.

Vogler umklammerte den Kahnrand, beugte sich weit über den Bug und blinzelte zu Mutter und Kind. Schwer zu glauben, was er da sah. Warum pflückten die Raubfische sich den Schreihals samt seiner Mutter nicht einfach vom Gebärgestell? Auch viele Sommer später noch wollte niemandem eine Erklärung dafür einfallen.

Gundloch sah fragend zu Vogler herüber. Der nickte, und der Waldfürst gab das Zeichen zum Angriff. Die Jäger spannten die Bogensehnen und hoben die Lanzen. Pfeile sirrten, Lanzen zischten durch die Luft. Die beiden Kormorane tauchten ab, Kolks und Elstern flüchteten sich in die Baumkronen.

Vier Schlammwelse konnten die Waldmänner töten, zwei flohen vor der Übermacht der Jäger; unter ihnen der, dem Lanze und Pfeile aus dem Rücken ragten. Der Kampf ging so schnell vorüber und erwies sich als so leicht, dass die meisten Jäger verstummten vor ehrfürchtigem Staunen. Gundloch, der das Danklied anstimmte, musste beinahe die ganze erste Strophe allein singen, so zögerlich fielen die anderen Jäger mit ein.

Es dämmerte bereits, als Voglers Kahn sich dem Gebärgestell mit Mutter und Kind näherte. Dennoch sah er sofort, dass seine geliebte Frau tot war. Schrat, der alte Kolk, hockte neben ihrem schlaffen graublauen Leib und quorkste kläglich. Die Schlammwelse hatten ihr die Beine oberhalb der Knie abgebissen. Das Kind hingegen schien unversehrt; es plärrte nur jämmerlich.

Vogler hob das quäkende und zitternde Bündel vom Leib seiner toten Frau und drückte es an sich. Seine Knie gaben nach, er stützte sich auf zwei seiner Jäger. Ein Weinkrampf schüttelte ihn. Die Gefährten hielten ihn fest.

*

»Tatsächlich, Lasnic also, aha.« Bux, der Wettermann, trank, setzte den Eisenkrug ab und wischte sich die Lippen mit dem Ärmel trocken. »Lasnic, hm.« So einen Namen hatte er noch nicht gehört, und er hatte schon ziemlich viel gehört in seinem langen Leben. »Und da bist du dir auch ganz sicher?« Kauzer nahm ihm den Krug ab, und Bux blinzelte Vogler ins bleiche, von vielen Narben gezeichnete Gesicht; die hatte er dem Kampf mit einem Flussparder zu verdanken. Fünfzehn Sommer her.

»Lasnic, richtig.« Der Eichgraf nickte und fing schon wieder an zu heulen. Gundloch, der junge Waldfürst von Strömenholz, klopfte ihm auf die Schulter, und dessen Hauptfrau – sie stillte das Kind seit seiner Rettung vor zwölf Tagen – legte den Kleinen in Voglers Arme.

Kauzer reichte seinem Lehrer Pfeife und Farnwedel. Bux, der Wettermann, blies den Rauch über den Leib des schlafenden Grünsprosses und wedelte mit den Farnzweigen herum.

Sie hatten sich im großen Gemeinschaftshaus auf der Grenze zwischen Strömenholz und Blutbuch versammelt. Selbst der alte Waldfürst von Blutbuch war gekommen, ein hinkender, graubärtiger Riese namens Hirscher. Aus jedem der vier Waldgaue hatten sich außerdem je zwei Älteste mit ihren Rotten eingefunden, dazu die Eichgrafen sämtlicher Siedlungen von Blutbuch und Strömenholz. Auch die Waldleute aus den Hausbäumen in der Nachbarschaft von Voglers Blutbuche waren gekommen. An die zweihundert Jagdkerle, Flaumbärte, Mütter und Jungweiber drängten sich im Gemeinschaftshaus. Gundloch hatte die Obersten seiner Jäger und knapp die Hälfte seiner Sippe mitgebracht.

Von Voglers Vater und Großvater sprach man in allen vier Gauen voller Bewunderung und Respekt. Deswegen hatte sich sein Unglück auch so schnell herumgesprochen, und deswegen nahmen so viele Waldleute Anteil an seiner Trauer. Manch einer hatte einen weiten Weg auf sich genommen, um ihm beizustehen.

Hirscher und seine Ältesten etwa stammten aus abgelegenen Siedlungen Blutbuchs, eines Gaues, der zum größten Teil am Südufer des Stomms lag und sich weit nach Südosten erstreckte. Die Männer waren vier Tage auf ihren Waldelefanten geritten, um überhaupt erst das Ufer des Hauptstroms zu erreichen.

Von den äußersten Küstensiedlungen des Gaues Düsterholz aus wanderte man gut sieben Tage, um an die Strommündung zu gelangen. Von dort aus brauchte man noch etwa einen Tag bis zum Gemeinschaftshaus, vorausgesetzt, man fand gleich einen Fährmann oder ein paar Fischer, die bereit waren, einen ans Nordufer zu bringen.

Nordöstlich grenzte Wildan an Strömenholz, der ausgedehnteste aller vier Gaue. Er erstreckte sich bis hinauf an den gleichnamigen Fluss, der angeblich in der Großen Wildnis entsprang, und war reich an Sümpfen und Seen.

Von der großen Küstensiedlung Lichtern im äußersten Südwesten von Düsterholz bis hinauf zur befestigen Siedlung Seefurt im äußersten Nordosten Wildans wanderte man gut und gern drei Monde. Wegen des dichten Gehölzes, der ständig wechselnden Flussläufe und der ausgedehnten Sümpfe gelangten auch Reiter mit zahmen Elchen oder Waldelefanten nicht wesentlich schneller ans Ziel.

Wie viele Waldsiedlungen es insgesamt in den schier unendlichen Wäldern aller vier Gaue gab, wusste niemand genau. Bux sprach von Hunderten, der alte Hirscher sprach von mindestens zweihundert.

In jedem Gau lebte ein Wettermann, und in Notzeiten bestimmten die vier Wettermänner einen obersten Waldfürsten, der dann alle vier Gaue anführte. Die Eichgrafen, Ältesten und die anderen Waldfürsten mussten diesen sogenannten »Großen Waldfürsten« durch eine Wahl bestätigen. Das geschah etwa, wenn ausgedehnte Waldbrände wüteten; oder wenn ein Hochwasser gar nicht mehr enden wollte; oder wenn wilde Tiere zur mörderischen Plage wurden, die das Leben ganzer Siedlungen bedrohte; oder auch in Kriegszeiten. Die letzte Kriegszeit lag allerdings so lange zurück, dass keiner mehr lebte, der eine Mutter oder einen Jäger kannte, die aus eigener Erfahrung davon berichten könnten.

Gundloch war der jüngste unter den vier Waldfürsten. Zehn Sommer zuvor, als Voglers Vater noch Waldfürst war, und Gundloch gerade der erste Bartflaum spross, hatte Vogler ihn auf seine Jagdzüge mitgenommen und dem halbwüchsigen Jäger gezeigt, wie man Sumpfbären und Mammutschweine in den Hinterhalt lockt oder Elche beschleicht oder den Kampf mit Flusspardern, Alligatoren oder Schlammwelsen überlebt.

Deinem Herzen näher als Vater und Bruder ist dir der Jäger, mit dem du den Sumpfbären und den Schlammwels gejagt hast, pflegte man bei den Waldleuten am Mündungsdelta des Stomms zu sagen oder zu singen.

»Lasnic also«, krächzte der alte Wettermann schon wieder. »Lasnic, Sohn Voglers, des Eichgrafen von Stommfurt, nun gut.« Bux reichte Pfeife und Farnwedel an seinen Gehilfen und bedeutete Kauzer, ihm noch einmal den Eisenkrug mit dem Heiligen Trank zu geben. Er setzte das Gefäß an die Lippen und gönnte sich einen letzten kräftigen Schluck. Kreiste der Heilige Trank erst einmal im Blut, machte er die Glieder stark, das Herz heiß, den Kopf kalt und die Wand zwischen dieser und der Anderen Welt durchsichtig. Das jedenfalls behauptete der Wettermann. Angeblich sah er dann Wolkengötter, Waldgeister, sogar die Seele des Stroms und was sonst nicht alles. Das Rezept für den Heiligen Trank kannte Bux von seinem Vorgänger. Und zu gegebener Zeit würde er es an seinen Nachfolger weitergeben, an Kauzer.

Der Wettermann setzte den Krug ab und reichte ihn seinem Schüler. Dann rülpste er und streckte die Arme aus. Vogler legte ihm das Kind hinein, und Bux hob es, so hoch er konnte.

»Willkommen im Gehölz, Sohn Voglers! Willkommen, Lasnic, den wir den Schlammwelsen entrissen haben!« Irgendwo in den Baumwipfeln über der Gemeinschaftshütte hörte man einen Kolk krächzen. »Willkommen unter den Völkern des Waldes, Lasnic, der du lebst, obwohl du tot sein solltest!«

Vogler holte tief Luft und wiederholte seine Worte singend und mit zitternder Stimme: »Willkommen im Gehölz, Lasnic!« Die anderen stimmten mit ein und übertönten gnädig seinen jämmerlichen Gesang. »Willkommen unter den Völkern des Waldes!«

»Sommer für Sommer werde dir Beute zuteil, Lasnic!«, sang der Wettermann, und wegen seiner krächzenden Greisenstimme klang das eher lustig als feierlich. »Und mögest du viele Frauen beglücken und ihnen zur Mutterschaft verhelfen!«

Die anderen wiederholten singend jede Segnung, und so riefen und sangen sie den Hymnus zum Namensfest: »Möge die Kraft deiner Lenden viele künftige Jäger und Mütter das Himmelslicht über den Laubkronen schauen lassen! Mögen deine Feinde sich in die Hosen machen, wenn sie deinen Namen hören! Möge die Waldfurie niemals deine Witterung aufnehmen! Fern sei es von dir, ins Vorjahrslaub zu sinken, bevor du Enkel und Urenkel gesehen hast! Und mögen der Große Wolkengott und der Große Geist des Waldes sich am Ende deines langen Lebens glücklich schätzen, einen wie dich, Lasnic, Sohn Voglers, aus dem Nichts ins Dasein gerufen zu haben!«

Die letzten Segnungen konnte Vogler nicht mehr mitsingen, weil die Tränen seine Stimme endgültig erstickten. Seine Augen waren schon ganz entzündet vom vielen Heulen, kaum konnte er sich noch auf den Beinen halten. Seit er seiner verstümmelten Frau in die gebrochenen Augen hatte sehen müssen, war nichts mehr mit ihm anzufangen. Die meiste Zeit lag er auf seinem Laubsack unter dem Dach seiner Kronenhütte und starrte die Decke an. Vom Wettermann hatte er ein Pulver aus Rauschpilzen bekommen, das seinen Seelenschmerz wenigstens zeitweise betäubte.

Während Gundloch, Hirscher und die anderen den Segen mehrstimmig wiederholten, führten Bux und Kauzer die Beschauung des Neugeborenen durch: Sie hoben seine Lider, um die Augäpfel zu betrachten, sahen sich die Daumen genau an und studierten die Linien der Handteller und Fußsohlen. Der alte Wettermann rauchte dabei und blies den Rauch unter Beschwörungen der Waldgeister und Wolkengötter gegen Glieder und Kopf des Kleinen, und Lasnic riss die Augen auf und begann zu schreien.

Als die letzten Töne des Gesangs verebbten, legte Bux dem heulenden Vogler das schreiende Kind in die Arme; der reichte es sofort an die Frau des Waldfürsten weiter, und die stopfte ihm den Schlund mit ihrer großen schwarzbraunen Brustwarze.

»Lasnic, Voglers Sohn, war so gut wie tot«, wandte der greise Wettermann sich nun an die Versammelten, um ihnen das Ergebnis der Beschauung zu verkünden. »Aus irgendeinem Grund wollten die Geister des Waldes jedoch, dass er lebt. Behandelt ihr ihn schlecht, wird er nicht einmal zu einem brauchbaren Jäger heranwachsen. Behandelt ihr Lasnic jedoch mit Liebe und Sorgfalt, wird er das Lied des Lebens einst mit kraftvoller Stimme singen, und nicht nur ein großer und starker Jäger wird aus dem Sohne Voglers werden, sondern ein Fürst.«

Vogler horchte auf. »Wirklich?«, schluchzte er. »Ein Fürst des Waldes?«

»Mindestens«, krächzte der Wettermann.

6

Schnell sprach es sich in den Felsstädten herum: Die Königin sei krank. Von Tag zu Tag versammelten sich mehr Männer und Frauen vor dem Burgtor; einige schlugen sogar ihr Nachtlager dort auf. Jeden Abend und jeden Morgen musste die Burgmeisterin Hildrun an die Torzinnen treten und den wartenden Garonesen berichten, wie es ihrer Königin ging.

Einmal hörte Ayrin den Ersten Diener der Außenburg zu Hildrun sagen: »Belice ist wahnsinnig.« Dieses Wort hatte Ayrin noch nie gehört: wahnsinnig. Hildrun sorgte dafür, dass der Erste Diener der Außenburg verprügelt und in den Kerker geworfen wurde, weil er die Königin so genannt hatte. Das Wort jedoch blieb für immer in Ayrins Kopf haften.

Sie sah ihre Mutter nur noch selten nach dem Vorfall während der Ritterweihe, und wenn die Priesterin Runja sie einmal zur Königin mitnahm, sprach die kein Wort mit ihr. Ayrin hockte dann meist neben Belice auf deren Bett oder in deren Sessel, versuchte, sich an sie zu schmiegen, versuchte mit dünnem Stimmchen, dies und das zu erzählen, doch ihre Mutter reagierte kaum. Nur ihr Bauch wuchs und wuchs.

Belices Haut war fahl geworden, immer neue weiße Haarsträhnen zogen sich durch ihr früher so schönes kastanienrotes Haar, und sie wirkte seltsam leblos. Und sehr traurig. So traurig, dass nicht einmal Ayrins Lehrer Mauritz die Königin noch mit seinen Späßen aufheitern konnte; und der Harlekin gab sich wirklich große Mühe, wieder und wieder. Bis zu seinem letzten Auftritt vor Belices Thron.

Viele Winter später erzählte er Ayrin davon.

Es geschah zwei Monate vor Belices Niederkunft. Mauritz holte schöne Jungmänner aus allen Felsstädten zusammen, verpasste ihnen Kopfschmuck aus Hahnenfedern und ein gefiedertes Lendentuch. So, fast nackt, ließ er sie im großen Speisesaal vor der Königin tanzen, krähen und singen. Er selbst stülpte sich das Federkostüm eines Huhns über, stolzierte während des Hahnenkonzertes mit gespreizten Flügeln umher, gackerte, krähte und sprang die Sänger und Tänzer von hinten an, so wie es sonst Hähne taten, wenn sie ihre Hühner besprangen. Fast alle im Thronsaal Anwesenden krähten ebenfalls: vor Vergnügen. Die dicke Priesterin habe wie immer am lautesten gelacht, erzählte Mauritz. Sogar die bunten Butzenscheiben der Saalfenster seien unter Runjas brüllendem Gelächter erbebt.

Die Königin lachte nicht.

Die Burgmeisterin auch nicht, doch das erstaunte weiter niemanden: Hildruns strenger und ziemlich prüder Ernst war im ganzen Reich bekannt. Ayrins Mutter Belice dagegen hatte derartige Scherze – Runja nannte sie »schlüpfrig« – immer sehr vergnüglich gefunden und genossen.

Diesmal nicht, so erzählte Mauritz. Diesmal fing die Königin an zu schreien und entriss einer ihrer Leibgardistinnen das Langschwert. Sie raste, schlug um sich, tötete einen Tänzer und verletzte zwei weitere schwer. Schließlich ging sie auf den Wandspiegel neben dem Saalportal los und drosch auf ihr eigenes Spiegelbild ein. Da erst gelang es Runja, Hildrun und den königlichen Leibgardistinnen, sie zu bändigen.

Zu dieser Zeit wölbte sich ihr Bauch schon prall unter jedem noch so weiten Kleid, und Ayrin hatte das bestimmte Gefühl, dass der Zustand ihrer Mutter mit dem heranwachsenden Ding darin zusammenhing.

Dieses Gefühl sollte sie ihr Leben lang nicht mehr loswerden.

Das letzte Mal hörte sie die Stimme ihrer Mutter, als Belice niederkam. Zwei Tage und Nächte zog sich die Geburt hin, und die Königin schrie zwei Tage und Nächte lang so laut, dass man es auch in der Außenburg hörte, ja sogar unten in der Stadt. Im Lager vor dem Burgtor wachten sie stumm.

Als es vorbei war, herrschte ein paar Stunden lang gedämpfte Freude in der Burg und bald auch in der ganzen Stadt: Die Königin hatte ein Mädchen geboren.

Ayrin freute sich nicht.

Wer der Vater des Mädchens war, wusste keiner. Ayrins Mutter gab seinen Namen nicht preis; nicht einmal Runja und Hildrun gegenüber. Möglich, dass ihr Schweigen mit ihrer Krankheit zu tun hatte, mit ihrem Wahnsinn. Ungewöhnlich war jedoch, dass kein Mann sich meldete, um die Vaterschaft für sich in Anspruch zu nehmen. Ungewöhnlich, weil Männer, die ein Mädchen gezeugt hatten, großes Ansehen genossen und ranghohe Stellungen in der Reichsverwaltung und den Bergstreitkräften erreichen konnten.

Ein Mann hatte ein Mädchen, ja, eine Prinzessin gezeugt und verzichtete freiwillig auf die Belohnung? Verrückt, sagten die Leute auf den Märkten und in den Schenken des Reiches, der Mann musste verrückt sein. Oder tot.

Das neugeborene Mädchen erhielt den Namen Lauka; die Königin, so hieß es, habe es kurz nach der Geburt so genannt.

Der Freude über die neugeborene Prinzessin folgte rasch die Bestürzung: Die Königin sei gestorben, hieß es auf einmal.

Aus allen Felsstädten kamen sie, um Abschied zu nehmen. Runja und Hildrun jedoch verzichteten auf eine Aufbahrung im Mutterhaus und ließen nur die engsten Freundinnen zur toten Königin hinein. Und wer den Leichnam sah, wusste warum: Königin Belice war kaum wiederzuerkennen.

Ayrin erfasste damals noch nicht, was das bedeutete – »tot«. Erst als sie auf dem Sterbebett ihrer Mutter saß und die weder auf ihre Zärtlichkeiten noch auf ihre Liebesbeteuerungen reagierte, begann sie es zu ahnen. Sie betrachtete ihre Mutter genauer: Der Mund der Toten war eckig, unzählige weiße Strähnen durchzogen ihr brüchiges Haar; ihre zerkratzte Gesichtshaut spannte sich straff über die Wangenknochen und erinnerte Ayrin an halb durchsichtiges Pergament. Etwas wie Frost kroch ihr bis ins Innerste ihres kleinen Herzens.

Jemand habe die Königin vergiftet, tuschelte man nach der Bestattung; erst hinter vorgehaltener Hand, bald in den Gassen von Garonada und dann auf den Märkten aller sieben Felsstädte.

Jemand habe ihre Mutter vergiftet? Ayrin glaubte, es besser zu wissen. Sie verschloss diese Gewissheit tief in ihrem Herzen, gestand sich ihre Überzeugung auch vor sich selbst kaum ein. Bevor sie viele Jahre später dem Waldmann begegnete, sprach sie niemals aus, was sie insgeheim dachte: Lauka hatte ihre Mutter umgebracht, das neugeborene Mädchen.

Deswegen hasste Ayrin ihre Halbschwester.

Sie hasste Lauka von Anfang an. Und sie hasste sie bis zum Ende.

7

Irgendwann, im Reich der Tausend Inseln

Die See war ruhig. So ruhig wie Catolis’ Geist. Auf dem Bugkastell ihres Flaggschiffes lehnte sie in ihrem Priesterthron. Einen ganzen Mond lang hatte sie gefastet, einen ganzen Mond lang Nacht für Nacht im magischen Glanz des Ersten MorgenlichtS ihre Kräfte gesammelt. Siegesgewissheit erfüllte sie. Hinter ihr schrien Möwen, tönten Befehle über das Außendeck, blähte Nordwestwind die Segel. Den dritten Tag waren sie unterwegs; sie kamen schnell voran. Ihr Ziel: die Hauptinsel. Genauer: eine Massenhinrichtung auf der Hauptinsel.

Zu beiden Seiten des Schiffes glitten die Küsten unzähliger Inseln vorüber, großer und kleiner, bewohnter und unbewohnter. Bald 70 Wintersonnenwenden war es her, dass Catolis die erste betreten hatte. Die wenigsten, die in jenen Tagen auf einer dieser Inseln geboren worden waren, lebten heute noch.

Genau tausend Inseln seien es, behaupteten die Menschen in diesem Teil des Südmeeres. Catolis glaubte, dass es mehr waren; sie hatte aber nur die bewohnten Inseln besucht und gezählt: 144. Auf allen verehrten sie den Gott Tarkartos, auf vielen auch schon sie, die sich zur Hohepriesterin dieses Gottes erklärt hatte. Leider noch lange nicht auf allen. Damit sich das änderte – möglichst schnell änderte –, hatte sie vor vier Tagen dieses Schiff beladen lassen, war sie vor drei Tagen an Bord gegangen.

Die kommende Nacht würde über die Zukunft der 144 bewohnten Inseln entscheiden. Und damit wohl auch über die Zukunft des Zweiten Kalyptischen Reiches. Ruhe und tiefe Gewissheit erfüllten Catolis. Siegesgewissheit.

»Tarka!« Der Bursche im Ausguck am Vordermast fing an zu rufen. »Tarka! Tarka in Sicht!« Und dann ging es wie ein Lauffeuer durchs Schiff: »Tarka in Sicht! Wir sind bald da!« Kurz darauf wussten es auch die Krieger, die sich auf den Unterdecks verborgen hielten.

So hieß die größte der Tausend Inseln – Tarka. Auch Catolis hatte schon den schier endlosen Landstreifen zwischen dem hellblauen Himmel und dem himmelblauen Meer entdeckt. Bald konnte sie die Kette der Schneegipfel im Südwesten der Insel erkennen. Und schließlich die Silhouette der Hauptstadt Taruk.

Lange hatte sie dort gelebt. Ab der zwanzigsten Wintersonnenwende, nachdem sie die erste Insel betreten hatte; jene kleine Dschungelinsel ganz im Norden, auf der sie auch jetzt wieder residierte. Dort hatte sie schnell gelernt, welchen Gott die wilden Menschen hier fürchteten und wie man sie beherrschen konnte. Und die Menschen im Dschungel und auf den Nachbarinseln hatten gelernt, Catolis als Gesandte ihres Gottes gleichsam zu fürchten und zu ehren. Schon nach zwanzig Sonnenwenden segelte sie mit einer kleinen Flotte und Hunderten Getreuen zur Hauptinsel Tarka.

Von Tarkas Hauptstadt Taruk aus hatte Catolis begonnen, die Tausend Inseln zu einem einzigen Reich zu vereinigen. Eine schwierige Aufgabe, selbst für eine Magierin. Sie hatte Taruk befestigen und der Stadt einen neuen Tempel bauen lassen. Es war ihre Stadt, es war ihre Insel. Doch die eifersüchtige Priesterschaft dort hatte den Bullo von Taruk – ihren Anführer – davon überzeugt, dass nur ein Mann als Hohepriester zwischen den Menschen und ihrem Gott vermitteln konnte.

Daraufhin hatte Catolis Tempelthron und Stadt geräumt. Nach mehr als zwanzig Wintersonnenwenden. Kampflos. Die Zeit war noch nicht reif gewesen damals. Jetzt, beinahe dreißig Sonnenwenden später, jetzt hatte der gealterte Bullo eine Gesandtschaft geschickt und zu einem Versöhnungsfest geladen. Jetzt war die Zeit reif.

Und der Bullo von Tarka gewährte Catolis und der Gesandtschaft ihrer Insel eine wahrhaft großzügige Gunst: Sie sollten an der Hinrichtung seiner ärgsten Feinde teilnehmen dürfen. Als Zeugen.

Catolis’ Pläne sahen anders aus.

Der alte Bullo hatte viele Inseln auf seine eigene Weise befriedet, zahllose Dörfer verbrennen, tausende Männer erschlagen lassen und die Anführer unter den Rebellen gefangen genommen. Sogar der berüchtigtste aller Krieger der Tausend Inseln war ihm ins Netz gegangen: ein tollkühner Bursche, der einige Sonnenwenden lang Insel um Insel erobert hatte. Zlatan. Ein wilder Schlagetot. »Tornado« nannten sie ihn. Er achtete niemanden, hieß es, er fürchtete nichts. Nur seinen Gott.

Catolis glaubte, dass er der Richtige war. Sie brannte darauf, ihn kennenzulernen. Und ihn zu prüfen.

Stimmen näherten sich, Schritte wurden laut. Sieben braunhäutige Männer stiegen zu ihr auf das Bugkastell herauf: ihr eigener Bullo, zwei seiner Hauptleute, zwei Gardisten, zwei Priester. Vor Catolis’ Priesterthron fielen sie auf die Knie und beugten die Köpfe, bis ihre Stirnen die Planken berührten.

Sie waren nicht besonders groß, diese Insulaner, viele sogar kleiner als Catolis selbst. Kaum fettleibige oder auch nur gedrungene Gestalten fand man unter den Männern, fast nur schmale, drahtige Körper. Die im Gebirge zu Hause waren, ritten auf gezähmten Steinböcken, die Steppenbewohner auf kleinen Mustangs. Ihre besten Läufer legten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang 200 Meilen zurück, ihre geschicktesten Kletterer bestiegen die steilsten Schneegipfel. Die Zähigkeit und Ausdauer der Insulaner erstaunte selbst Catolis.

Abgesehen von den Gebirgsregionen herrschten hohe Temperaturen in dieser Weltgegend, und wie die meisten Insulaner trugen auch die sieben, die jetzt vor ihrem Thron knieten, nur wenig Kleidung. Der Bullo und seine Hauptleute steckten in kurzen Pluderhosen, bunten Westen über nackter Haut und in Schnürsandalen. Sie trugen Krummsäbel in den Rückenscheiden. Die Gardisten verhüllten ihre Blöße lediglich mit schwarzen Lendenschurzen und gingen barfuß wie die Priester. Die waren mit weißen Röcken und Umhängen bekleidet. Als Zeichen seiner Führerwürde trug der Bullo Federschmuck aus den Schwanzfedern eines Papageien auf dem schwarzen Krauskopf und eine Schärpe aus Papageiengefieder über den nackten Schultern.

»Erhebt euch«, gebot Catolis, und einer nach dem anderen stand auf. Unbändige und grausame Männer waren es, die nun so ehrfürchtig den Blick vor ihr senkten. Wenn sie Krieg führten, und sie führten eigentlich immer Krieg, schlachteten sie ihre Gefangenen und aßen sie auf. Diese Männer fürchteten nur den Gott, seine Dämonen und gewisse Seeungeheuer. Und natürlich sie, Catolis, die sie für eine Priesterin und Prophetin des Gottes hielten.

Lange hatte es gedauert, bis die Magierin ihnen ohne Abscheu gegenübertreten konnte. Um der Zukunft Kalyptos willen jedoch hatte sie irgendwann ihren Ekel überwunden. Darum ging es – um Kalypto und das Zweite Reich, nicht um ihre persönlichen Empfindungen. Sie brauchte nun einmal Männer wie diese, um dem Zweiten Reich den Weg zu bahnen. Und sie regierte ihre Stämme und Inselhorden mit harter Hand und nach den gnadenlosen, selbst gewählten Gesetzen der barbarischen Religion des Tarkatos.

»Wir werden bald im Hafen von Taruk vor Anker gehen«, eröffnete sie das Gespräch.

»In zwei Stunden«, sagte der Bullo. Er lugte verstohlen zu ihr herauf. Verstohlen und sorgenvoll – die lange Fastenzeit hatte Catolis noch knochiger und bleicher gemacht. »Wie viele von uns sollen dich in die Festung begleiten?«

»Du, die Priester und vierzig deiner Gardisten«, antwortete sie. »Alle anderen Krieger bleiben unter Deck, bis sie das Leuchtfeuer auf dem Turm der Festung erlöschen sehen.«

Der Bullo, ein schmächtiger Mann mit zerfurchtem Gesicht, trat näher an den Thron und senkte die Stimme. »Willst du denn wirklich von Bord und in die Festung gehen, Herrin? Wir sorgen uns um dein Leben.«

Catolis betrachtete ihn forschend. Seit sie wieder auf seiner Dschungelinsel residierte, diente er ihr mit Treue und Hingabe. Als Dank hatte sie ihm die Ehre erwiesen, seinen drei Söhnen je ein Schiff zu übergeben und sie als Kundschafter nach Nordwesten und nach Osten zu senden. Dorthin, wo ihre Gefährten Völker entdeckt hatten, die sie für fähig hielten, Kalypto zu dienen.

Der Vater der drei Kundschafter, der Bullo, war selbst nicht geeignet für das große Werk, das Catolis vorschwebte – zu willensschwach, zu sehr auf Ausgleich und Frieden bedacht. Darin ähnelte er dem Bullo von Tarka, der auf seine alten Tage plötzlich Versöhnung suchte. Streit und Krieg hieß die Zukunft, nicht Ausgleich und Frieden. Oder gar Versöhnung.

Und jetzt sorgte er sich also um ihr Leben. Das passte zu seinem wankelmütigen Wesen.

»Mein Leben liegt in den Händen des Gottes«, sagte Catolis. »Genau wie euer Leben. Außerdem fürchtet der Herrscher von Tarka den Gott und wird sich hüten, Tarkartos’ Priesterin anzutasten. Niemand muss sich also Sorgen machen.«

»Verzeih meinen Unglauben, Herrin.« Der Bullo neigte den Kopf. Er hatte dafür gesorgt, dass man ihr den Bernsteinthron aus der Priesterburg geschleppt und aufs Schiff geschafft hatte. Dreißig kräftige Männer hatte es gebraucht, um den Thronsessel aus der Burg auf einen Wagen zu tragen, zehn Steinbockgespanne, um den Thronwagen zum Hafen zu ziehen. Dort hievten sie das schwere Stück mit einem neuen Kran auf das Bugkastell des Flaggschiffes. Zehn Urwaldriesen hatte Catolis fällen lassen, um den Kran nach ihren Plänen zu bauen. Nie zuvor hatten die Insulaner ein derart gewaltiges Hebewerk gesehen. Tarkartos selbst habe ihr den Bauplan im Traum gezeigt, hatte sie ihnen erklärt. Jetzt lagen die Einzelteile des Krans zwölf Fuß unter ihr im Laderaum. Im Tempel von Taruk sollte der Priesterthron künftig stehen. Möglichst schon morgen Abend. Catolis hatte nicht vor, die Stadt ein zweites Mal zu verlassen.

Sie blickte in den Himmel. Die Zahl der Möwen, die schreiend das Schiff umkreisten, hatte sich inzwischen verdreifacht. Über die Köpfe der Männer hinweg spähte Catolis zur Küste. Deutlich sah man mittlerweile die Vierkanttürme rechts und links der Hafeneinfahrt. Auch die Stadtmauer, die Felswand darunter und der gewaltige Rundturm der Festung waren schon zu erkennen. Sogar die Tempelpyramide vor dem Berghang am anderen Ende der Stadt.

»Liegen die Geschenke bereit?«

»Die Käfige mit den Papageien und Affen lassen wir erst kurz vor der Hafeneinfahrt entlang der Reling aufstellen«, antwortete einer der Hauptleute. »Ebenso die Sklavinnen. Die Weinfässer heben die Krieger bereits aus dem Laderaum.«

»Gut.« Catolis dachte an die zweihundert Bewaffneten unter Deck. Jede noch so kleine Nische im Schiff nutzten sie, um sich und ihre Waffen zu verbergen. »Und deine Gardisten wissen, dass sie keinen Wein trinken dürfen?«

»Ich habe es bei Todesstrafe verboten«, antwortete der Bullo.

»Und die Stirnbänder?«

»Jeder, der nachher von Bord geht, wird das rote Band tragen.«

Catolis streckte die Rechte aus. »Das Gift.« Einer der beiden Priester trat vor den Thron und reichte ihr ein kleines Ledersäckchen hinauf. Catolis steckte es unter ihr blaues Gewand. »Irgendwann nach dem Festmahl, wenn das Gelage begonnen hat, werde ich auf die Empore des Festsaals treten und einen Weinkrug über das Geländer werfen. Wenn ihr ihn auf den Fliesen zerschellen hört, schlagt los.«

Zwei Stunden später gingen sie im Hafen von Taruk vor Anker. Seite an Seite mit ihrem Bullo und an der Spitze seiner vierzig Gardisten und einer Handvoll Priester verließ Catolis das Schiff. Der Bullo von Tarka empfing sie mit Fanfarenklängen und Segensgrüßen. Kurz sah sie den Schrecken in seinen Augen auflodern, als er sie begrüßte und ihr ins Gesicht blickte – Catolis’ Gestalt mochte sehniger, ihre Miene knochiger und härter geworden sein, doch wirklich älter hatte die lange Zeit seit dem Abschied von Taruk sie nicht gemacht. Den Bullo dagegen schon.

Sein Hohepriester stand neben ihm. Catolis verneigte sich vor ihm. Da erst entspannte sich die Miene des Priesters und er erwiderte ihr Lächeln. Beinahe erleichtert kam er ihr vor. Gut so. Viel hing davon ab, dass sich vor allem ihre Erzfeinde, die Priester von Taruk, in Sicherheit wähnten.

Der alte Bullo der Hauptinsel forderte sie auf, zu sich auf seinen Streitwagen zu steigen. An dessen Rückseite ragte eine Fahne mit dem Wahrzeichen Tarkas auf: ein Bocksschädel über einem Kreuz aus Axt und Säbel. Er fuhr sie persönlich in die Stadt hinauf und in seine Festung hinein. Tausende standen auf den Dächern, saßen auf den Balkonen, säumten die Straßen und jubelten ihr zu. Catolis winkte in die Menge. Ruhig fühlte sie sich, ruhig und voller Siegesgewissheit.

*

Drei Stunden später schlossen die Saalwächter die Türflügel hinter ihr. Stimmengewirr, Gelächter und das Klirren vieler Weinkelche – alles klang schlagartig leiser. Drinnen im Saal nahm das Festmahl seinen Lauf; bald würden die Sklavinnen zum zweiten Mal auftragen. Bei der Gelegenheit würde der Mundschenk auch die Weinkelche neu füllen lassen.

Zwei Speermänner und zwei Säbelmänner des Bullos von Taruk eskortierten Catolis zum Ausgangsportal, dazu zwei Diener des Hohepriesters. Sie spüre den Ruf des Gottes, hatte sie dem Bullo von Taruk erklärt, sie müsse in den Tempel hinauf, um Zwiesprache mit Tarkartos zu halten – unter diesem Vorwand hatte Catolis den Gastgeber gebeten, sie bis zum Beginn des Gelages zu entschuldigen. Der Bullo, schon reichlich berauscht, hatte sie gnädig entlassen. Über die Miene des Hohepriesters allerdings war der Schatten des Misstrauens geflogen. Mit höflichem Lächeln hatte er zwei seiner Priester beauftragt, Catolis in den Tempel zu führen.

Ihre bewaffnete Eskorte bestand aus vier Söhnen von Männern, die seit bald dreißig Wintersonnenwenden auf die Rückkehr der Hohepriesterin ihres Gottes warteten. Verbündete innerhalb der Festung hatten dafür gesorgt, dass diese vier als Leibwächter für ihren persönlichen Schutz abkommandiert worden waren.

Zehn Schritte vor dem Ausgangsportal bog Catolis unerwartet in einen schmalen Gang ab. Die Männer folgten ihr, die beiden Priester allerdings nur zögernd und mit verblüfften Mienen.

»Wohin, Herrin?«, erkundigte sich der ranghöhere.

»Zu einem stillen Ort.« Catolis kannte jeden Winkel der Festung, keine Tür war ihr fremd. Vor der Latrine blieb sie stehen und trat zur Seite. Ein Speermann stieß die Tür auf, die beiden Priester zogen fragend die Brauen hoch. Die Säbelmänner packten sie von hinten, hielten ihnen den Mund zu und drängten sie in den stinkenden Raum. Dort stießen sie ihnen die Klingen in die Kehlen.

»Verriegelt die Tür.« Catolis reichte den Bewaffneten rote Stirnbänder. »Bindet euch das um den Kopf.«

Ihr Blick fiel auf die beiden Toten. Das Blut pulsierte aus ihren offenen Gurgeln, eine rote, dampfende Lache breitete sich um ihre Schädel aus. Kein schöner Anblick. Catolis wandte sich ab. Von einem blutigen Wettkampf hatte der Wächter des Schlafes vor langer Zeit gesprochen. Und das hier war noch nicht einmal der Anfang.

»Wenn ihr einen trefft, der auf meiner Seite steht, sagt ihm, er soll ein rotes Band anlegen.« Mit diesem Auftrag schickte die Magierin einen Säbel- und einen Speermann in die oberen Stockwerke der Festung. Die anderen beiden Bewaffneten begleiteten sie bis in die Küche. Dort ließ der Mundschenk gerade das zweite Weinfass anstechen und den Wein in Krüge füllen. Von allen Seiten trafen Catolis verstohlene Blicke, als sie vor dem Mann stehen blieb. Sie hatte viele Anhänger in der Festung, auch hier in der Festungsküche. Der Mundschenk gehörte nicht dazu. Diesen höchsten seiner Diener wechselte der Bullo von Tarka alle zwölf Monde aus. Jeder Bullo auf jeder bewohnten Insel hatte Feinde. Und der Mundschenk war der erste, den seine Feinde zu kaufen versuchten.

»Bist du für mich oder gegen mich?« Catolis sah dem Mundschenk in die schwarzbraunen Augen. Ihr Geist tastete nach seinem Geist, der Ring an ihrer Rechten begann zu leuchten.

»Ich verstehe nicht, Herrin … gegen Euch …?« Der Mundschenk begann zu stammeln, wich ihrem Blick aus.

Sie packte ihn bei den Ohren, hielt seinen Kopf fest. »Du wirst tun, was ich dir gebiete, nicht wahr?«, raunte sie.

Sein Wille zerbröselte unter dem Druck ihres Willens. Er nickte, wollte vor ihr auf die Knie sinken. Catolis hielt ihn fest. »Für dieses Mal gibt es einen besseren Weg, mir und Tarkartos Ehre zu erweisen.« Sie drückte ihm das Säckchen mit dem Gift in die Hand; es machte die Glieder schwer und den Kopf schläfrig. »Das Pulver reicht für die nächsten zwanzig Krüge. Streu es hinein und verrühre es sorgfältig. Sofort.« Sie ließ ihn los, und der Mundschenk stelzte wie benommen zu dem steinernen Podest, auf dem die gefüllten Krüge darauf warteten, in den Festsaal getragen zu werden.

Ein alter Küchensklave kam herbei. Sie kannte ihn von früher. Scheu lächelte er Catolis zu, verneigte sich und griff dann zu einem Kupferlöffel. Mit ihm rührte er den Wein in jedem Tonkrug herum, in den der Mundschenk eine Prise des bräunlichen Pflanzenpulvers gestreut hatte. Die Magierin prägte sich das Gesicht des Alten ein. Niemand, der auf ihrer Seite kämpfte, tat es ohne Lohn.

Überzeugt, dass in der Festungsküche alles seinen geplanten Lauf nehmen würde, winkte sie den Speermann und den Säbelmann hinter sich her und zu einem Hinterausgang. Draußen war es längst dunkel. Ein Rudel Wachwölfe umzingelte sie, knurrte und kläffte. Catolis zischte sie an und jagte ihnen einen mentalen Befehl in die Hirne – die Tiere jaulten auf, zogen die Schwänze ein und trollten sich winselnd.

An Abfallhaufen und leeren Fässern vorbei eilten sie weiter über den Hof zum Hauptturm der Festung. Auf halbem Weg blieb Catolis stehen und legte den Kopf in den Nacken – hundertfünfzig Fuß über ihr, auf der Spitze des Rundturmes, loderte das Leuchtfeuer von Taruk.

Sie huschten zum Turm, der Säbelmann schlug den Klopfring gegen die schwere Tür. Zwei Bewaffnete öffneten.

»Bringt mich ins Kerkerverlies hinunter«, verlangte Catolis. Die Blicke der Wächter flogen zwischen ihr und den Bewaffneten hin und her. Sie wirkten verwirrt.

»Tut, was die Herrin fordert!«, sagte der Schwertmann. »Der Bullo will es so.«

Die Männer ließen sie in den Turm. Über eine breite Wendeltreppe stiegen sie Catolis und ihren Begleitern voran ins Verlies hinab. Dort erkannte der alte Kerkermeister Catolis sofort wieder. Früher war er der Hauptmann ihrer Leibgarde gewesen, und wessen Herz die Magierin einmal gewonnen, wessen Geist sie einmal beschlagnahmt hatte, der blieb ihr sein Leben lang treu.

Der Alte sperrte Mund und Augen auf, und kein Wort wollte zunächst über seine Lippen. Dass seine Hohepriesterin noch ähnlich jung aussah wie dreißig Wintersonnenwenden zuvor, erschreckte ihn zutiefst – er schnappte nach Luft und fiel vor ihr auf die Knie. »So lange haben wir gewartet, Herrin. Ist denn der Tag endlich doch noch gekommen?«

»Du treuer Mann.« Catolis bedeutete ihm, aufzustehen. »Hat man dich hier herunter ins Halbdunkle verbannt, weil du für mich warst? Ja, der Tag ist gekommen, und er wird dich ans Licht und an die Spitze von Taruk bringen. Ich will den Todgeweihten sehen, und alle anderen auch, die morgen sterben sollen.«

Der Alte zog zwei Fackeln aus Wandhalterungen. Die beiden Wächter protestierten, doch Catolis’ Begleiter entwaffneten sie und zwangen sie, hinter dem Kerkermeister das düstere Gewölbe zu betreten, das sich unter Turm und Hof ausdehnte. Bald standen sie vor dem Kerker, in dem man den wilden Zlatan gefangen hielt, den Tornado.

Der Kerkermeister streckte eine Fackel durch die Gitterstäbe der Kerkertür, ihr Schein fiel auf einen halb nackten, zerschundenen Mann. Angekettet hockte er im Schmutz einer Kerkerecke. Sein Haar war ein dunkles Gestrüpp aus Zöpfen. Er hatte breite Schultern und wirkte größer als die meisten Insulaner, die Catolis kannte. Nach allem, was man sich von ihm erzählte, war er nur wenig älter als zwanzig Wintersonnenwenden. Jetzt hob er den Blick, und im Weiß seiner Augäpfel spiegelte sich die Flamme der Fackel.

»Wie heißt du?«, sprach Catolis ihn an.

»Zlatan.« Seine Stimme klang müde.

»Nicht Zlatan, der Tornado?«

»Vorbei«, kam es heiser aus dem Halbdunkeln.

»Wo sind deine Frauen und deine Kinder, Zlatan?«

»In den Betten des Bullos und seiner Hauptleute. Und meine beiden Söhne werden morgen mit mir sterben.«

»Wo sind deine Brüder, Zlatan?« Ringsum in den dunklen Kerkern klirrten auf einmal Ketten. »Wo deine Eltern und all deine Waffengefährten?«

»In den Kerkern hinter dir. In Ketten. Sie werden morgen mit mir verbrennen oder von Schlangen und Krokodilen gefressen werden – wie es dem verfluchten Tyrannen von Tarka gerade in den Sinn kommt.« Der Mann stand auf, tat zwei Schritte auf die Kerkertür zu; so weit es seine Ketten eben zuließen. »Wer bist du?«

»Ich bin Catolis, die einzige Hohepriesterin deines Gottes. Tarkartos schickt mich zu dir und will wissen, was du ihm opfern wirst, wenn er deine Sippe und deine Waffengefährten rettet.«

»Was er verlangt!«, platzte es aus dem zerschlagenen Gefangenen heraus. »Alles!« Die braune Männergestalt im Kerker straffte sich und zerrte an ihren Ketten. »Mein Herz, meinen Willen, mein Blut, meine Kraft, mein Leben!« Überall aus der Dunkelheit hörte man es nun flüstern und tuscheln. »Alles will ich ihm geben, wenn er sie rettet!«

Die Magierin nickte dem Kerkermeister zu. Der schloss die Kerkertür auf, ging ins Halbdunkle, öffnete auch das Kettenschloss des Gefangenen.

»Ich will, dass du alle seine Verwandten und Gefährten befreist«, sagte Catolis zum alten Kerkermeister. Sie nahm dem Speermann die von den Wächtern erbeuteten Säbel ab und trat in die Zelle. »Tarkartos und ich wollen alles«, sagte sie. Der Krieger, den sie den Tornado nannten, sank vor ihr auf die Knie. »Dein Herz, dein Leben, deine Kraft. Alles und für immer. Hast du das verstanden?«

Er stierte zu ihr herauf, seine Unterlippe zitterte, seine Augen füllten sich mit Wasser. Schließlich nickte er. »Alles und für immer. So soll es sein.«

»Dann nimm diese Krummschwerter.« Sie reichte ihm die Klingen. »Deine Richter und Henker saufen oben im Festsaal. Nimm ihnen weg, was sie dir und den Deinen morgen rauben wollen – Leben und Blut. Vergiss auch die Priester nicht. Schone jedoch alle, die ein rotes Stirnband tragen. Sie werden an deiner Seite kämpfen.«

Er stand auf, nickte wieder, sein Atem flog. Die Erschütterung riss ihn hin und her, kaum konnte er fassen, was ihm widerfuhr.

Catolis griff in sein verfilztes Haar und riss sein Ohr an ihre Lippen. »So spricht Tarkartos«, zischte sie. »Wenn die Sonne aufgeht, gehören Tempel, Stadt und Hauptinsel uns. Danach sollst du mir sämtliche Inseln erobern, die noch Widerstand leisten, und danach die Reiche dieser Welt. Hast du das verstanden?«

»Ja, Herrin«, flüsterte er. »Erst Tarka, dann die Inseln, dann die ganze Welt. Dein Diener hat verstanden.«

»Schon habe ich Späher in alle Himmelsrichtungen geschickt, um die Wälder am Großen Strom auszukundschaften und das Königreich im Gebirgsland des Nordwestens. All das wird Tarkartos in deine Hand geben. Und nun geh, lebe und tu, was ich dir geboten habe.«

Catolis schob ihn zur Kerkertür. Rückwärts taumelte er in den Gang hinaus, kaum konnte er den Blick von ihr losreißen. Weil raue Stimmen von überall her aus der Dunkelheit seinen Namen riefen, fuhr er endlich herum und stieß einen Kampfschrei aus. Befreite Gefährten sammelten sich um ihn, eine Gittertür nach der anderen sprang auf, Ketten fielen klirrend auf den Boden.

Vor mehr als dreißig Todgeweihten stand Catolis schließlich, erklärte ihnen, was sie zu tun hatten. Kurz darauf führte Zlatan, der Tornado, seine mörderische Horde aus dem Verlies und die Wendeltreppe hinauf in Turm und Festung.

Catolis schickte den Säbelmann und den Speermann zum Festungsturm hinauf, um das Leuchtfeuer zu löschen. Sie selbst eilte zurück in den Festsaal.

Gesang, Musik und das Geschrei von Betrunkenen schlugen ihr entgegen, als sie die Saaltür öffnete. Sie griff sich einen leeren Weinkrug, drängte sich durch eine Schar nackter Tänzerinnen und stieg zur Empore hinauf. Zu diesem Zeitpunkt hatten Zlatan und seine befreiten Kampfgefährten schon die Wachen im Turm niedergemacht und die Waffenkammern dort erobert.

Catolis trat ans Geländer der Empore, hob den Krug und schleuderte ihn nach unten. Klirrend zersprang er auf den Fliesen. Einen Wimpernschlag lang herrschte Totenstille. Dann fuhren die Schwerter ihres Bullos und seiner Gardisten aus den Scheiden.

8

Wie starb Vogler? Keiner wusste es. Auch Lasnic nicht. Mit zugeschnürter Kehle und tief unten im Bauch pochendem Herzen stand er am Ufer des Bärensees, und die nackten Jäger im seichten Uferwasser kamen ihm wie Mammutkröten vor, die fette Beute gemacht hatten: Sie krochen die Böschung herauf und zerrten eine aufgequollene Leiche hinter sich her.

Lasnics linkes Auge zuckte, er konnte nichts dagegen tun. Von links legte ihm Gundloch, der Waldfürst, die Hand auf den Kopf. Lasnic kämpfte gegen die aufsteigende Tränenflut, er röchelte wie ein Erstickender. Von rechts umarmte ihn Kauzer, der Wettermann. Lasnics Gedärm krampfte sich zusammen.

Zwei Monde zuvor war Lasnic acht Sommer alt geworden. Jetzt fühlte er sich, als wäre er hundert, als fiele er bereits ins Vorjahrslaub. Er starrte auf den vernarbten grüngrauen, von Fäulnis geblähten und von Hechten und Krebsen angefressenen Körper seines Vaters, und ein Abgrund tat sich vor ihm auf, ein gewaltiges, finsteres Loch. Wohin denn jetzt?

Draußen auf dem See schwamm ein Kormoranpaar, auf dem Bootshaus im Schilf hockten Kolks und veranstalteten ein klagendes Gekreisch und Gekrächze. Die Männer versammelten sich um den Toten und versperrten dem zitternden Lasnic den Blick. Wahrscheinlich taten sie das absichtlich.

»Ersoffen«, sagte einer der nackten Schwimmer, ein blutjunger Jäger von nicht einmal zwanzig Sommern. »Ich glaub’s nicht.« Seine Stimme bebte.

»Wieso sollte ein guter Schwimmer wie Vogler ertrinken?« Gundloch schüttelte den Kopf. »Der Eichgraf machte im Wasser mehr Beute als du im Gehölz, Kerlchen!« Der andere senkte den Blick und streifte sich schweigend das Wasser von der Haut.

»Vielleicht hatte er wieder einmal zu viele Rauschpilze auf einmal geschluckt«, sagte Uschom, einer der älteren Jäger; nach Voglers Verschwinden hatte man ihn zum neuen Eichgrafen von Stommfurt gewählt. »Und mit dem Schädel voller Träume ist er dann auf den Bärensee hinausgeschwommen. Bis die Kraft ihn verlassen hat …«

»Du plapperst dümmer als ein Grünspross«, fiel ihm Kauzer ins Wort. Seit ein Sumpfbär ihn und Bux angegriffen hatte, klang seine Stimme noch heiserer. Herrisch winkte er ab. Natürlich hatte er die verstohlenen Blicke der anderen bemerkt. »Der Pilz macht hellwach im Kopf! Außerdem konnte Vogler an einem einzigen Tag zum Nordufer und zurück schwimmen, wenn es drauf ankam.«

Was in Stommfurt nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, wusste Lasnic ganz genau: Sein Vater nahm regelmäßig das Pilzpulver ein, dessen Rezept nur ein Wettermann kannte. Schon Bux hatte es Vogler verabreicht; gegen die Trauer um seine tote Frau, wie es hieß. Und seit der Sumpfbär den alten Bux gefressen hatte und Kauzer Wettermann von Strömenholz geworden war, gab der ihm das schmerzlindernde Rauschpulver.

»Und wenn er nun freiwillig in den See gegangen ist?« Der kleine und trotz seines blühenden Alters schon weißhaarige Birk blinzelte in die Runde. Jagdkerle aus Blutbuch hatten ihn vor vielen Sommern halbtot im Wald gefunden; inzwischen war er Eichgraf einer großen Siedlung und galt als Nachfolger des alten Waldfürsten Hirscher. »Die Sehnsucht nach Lasnics Mutter«, sagte er. »Er hat sie nicht mehr ausgehalten.« Ein ungeheuerlicher Gedanke; er tat Lasnic weh.

»Acht Sommer her.« Gundloch winkte ab. »Acht Sommer, und einer wie Vogler quält sich immer noch? Schwachsinn!«

»Er hat nie eine andere angerührt seitdem«, gab Kauzer zu bedenken, »nicht einmal angeguckt hat er eine andere.«

»Du glaubst also auch, dass er freiwillig ins Vorjahrslaub gefallen ist?« Gundloch schüttelte den Kopf und deutete auf den Toten. »Sieh dir die Kehle an, Wettermann, sieh dir seinen ganzen Körper an – jemand hat ihn übel rangenommen.«

»Beim letzten Neumond haben sich am Ostufer die Sumpfbären gepaart.« Kauzer wiegte den Kopf. »Vielleicht haben die Vogler erwischt.« Als würde eine getrocknete Saublase reißen, so klang seine Stimme.

»Die Wunden sehen eher nach Fischen und Wasservögeln aus«, widersprach einer der Schwimmer.

Die Stimmen der Männer klangen für Lasnic, als würden sie aus dem Bootshaus drüben im Schilf kommen. Oder aus einem Traum, den er gleich wieder vergessen würde. Was redeten sie denn da? Was geschah hier überhaupt? Fauliger Gestank quälte ihn. Haut und Muskeln rund um sein linkes Auge wollten gar nicht mehr aufhören zu zucken. Das Innere seiner Brust fühlte sich an, als hätte er einen Haufen spitzer Steine eingeatmet.

»Ist er am Ende der Waldfurie über den Weg gelaufen?«, fragte Tajosch, der Eichgraf von Stommbösch, ein hagerer, sehniger Mann mit wilder schwarzer Mähne. »Er wäre nicht der Erste, der danach so endet.« Keine schöne Vorstellung, und eine Zeit lang schwiegen alle betreten. Die Schwimmer stiegen in ihre wildledernen Hosen und schlüpften in ihre Lederwesten, die anderen starrten den Toten an.

»Glaubt mir.« Der weißhaarige Birk ergriff wieder das Wort. »Es war die Trauer um sein Weib, die Vogler ins Wasser getrieben hat.« Er sog scharf die Luft durch die Nase ein. »Die Trauer und der Schmerz.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Der neue Eichgraf von Stommfurt deutete mit seinem Biberfellschuh auf die schwarzen Knöchel des Toten. »Ich weiß nur eins: Sollte ich mich jemals freiwillig und in einem See vom Vorjahrslaub küssen lassen, was der Große Waldgeist verhüten möge, dann würde ich mir einen schweren Stein oder eine Baumaxt ans Bein binden, damit ich untergehe. Seht ihr irgendwo einen Stein oder eine Axt?«

Weil keiner Derartiges an der Leiche erkennen konnte, schwiegen sie wieder. Lasnic starrte hinaus auf den Bärensee zu den Kormoranen. Er dachte an den Wintermorgen zurück, als er aufgewacht war, weil sein Vater ihn umarmte und küsste.

»Muss weg«, hatte Vogler gesagt, »der Waldfürst schickt mich über den Strom. Bin bald zurück.« Sein Vater hatte ihm in die Augen geschaut, ihn ein letztes Mal geküsst und war dann aufgestanden und aus dem Baumhaus in den Regen hinausgeklettert.

Am Fenster, durch die noch kahlen Äste der Blutbuche hindurch, hatte Lasnic ihn von der Veranda aus durchs nasse Unterholz Richtung Stomm laufen sehen. Eine Rotte Jäger schloss sich ihm an; alle trugen sie Lanzen, Jagdbogen und Schwerter. Zwei Monde später setzte das Hochwasser ein, und Lasnic musste sein achtes Namensfest ohne seinen Vater feiern. Die Kormorane draußen auf dem See verschwammen hinter einem Tränenschleier. Sie schienen zu ihm herüberzuäugen.

»Nix da ›freiwillig‹ …« Gundloch schüttelte schon wieder den Kopf. »Ihm ist etwas zugestoßen, ich schwör’s euch. Er hat mir doch eine Botschaft geschickt! Er wollt mich doch treffen!«

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