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Juwel meines Herzens

1. KAPITEL

Gabriel Considine sah vom Schreibtisch auf und blickte seinen jüngeren Bruder durchdringend an.

„Tu dir keinen Zwang an“, forderte er ihn auf, „sag mir ruhig, wenn du mich für verrückt hältst.“

„Also gut, ich halte dich für verrückt.“ Marco lachte gutmütig.

Gabriel stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus. Die Wehrmauern, die das Schloss uneinnehmbar machten, waren nach über tausend Jahren immer noch bestens im Stand. Sie hatten Generationen seiner Vorfahren überdauert, die hier, in Wolf’s Lair, gelebt und den Pass bewacht hatten, über den ein wichtiger Handelsweg zur Mittelmeerküste führte. Er war die einzige Verbindung des kleinen Gebirgsstaates mit dem restlichen Europa. Gabriels Großeltern, der Großherzog und die Großherzogin von Illyria, waren die Letzten in einer ununterbrochenen Kette von Ahnen gewesen. Vor vierzig Jahren waren sie vor einem Diktator in die Berge geflohen, um von dort aus den Widerstand zu organisieren. Doch er hatte sie in eine Falle gelockt, und sie hatten im Kugelhagel ihr Leben lassen müssen.

Wie seine Geschwister war auch Gabriel im Exil geboren worden. Marco wusste jedoch, wie sehr gerade sein Bruder sich dem Volk verpflichtet fühlte. Er wollte mit allen Mitteln den Menschen helfen, die so lange unter der Tyrannei gelitten und auf die Rückkehr des rechtmäßigen Herrschers gewartet hatten.

„Was würdest du denn an meiner Stelle tun?“, erkundigte sich Gabriel, ohne dass der Blick seiner stahlblauen Augen oder seine sonore Stimme etwas über seine Gefühle verraten hätten.

„Warum versuchst du nicht, sie einzuschüchtern? Sag ihr, dass du ihre Karriere zerstörst und ihre Mutter ins Armenhaus bringst, wenn sie den Schmuck nicht sofort zurückgibt.“

„Ihre Mutter ist bereits tot, und Drohungen wirken nur, wenn es keine Fluchtmöglichkeit gibt. Das solltest du eigentlich wissen, Marco.“

„Du willst sie also hier gefangen halten.“

Gabriel zuckte die Schultern. „Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Burg.“

„Doch, denn Frauen wurden nicht eingekerkert, sondern lediglich als Geiseln genommen.“

Obwohl die drei Geschwister, Gabriel, Marco und Melissa, im Exil geboren und aufgewachsen waren, hatten sie die Geschichten und Legenden Illyrias von klein auf begleitet. Beide Brüder wussten, dass mindestens eine weibliche Geisel die Seiten gewechselt und den Herrn von Wolf’s Lair geheiratet hatte.

„Und wenn Sara nun abstreitet, das Halsband gestohlen zu haben?“ Marco runzelte die Stirn.

„Dann werde ich Mittel und Wege finden, ihr die Wahrheit zu entlocken. Queen’s Blood gehört den Considines, das war so und wird immer so bleiben.“

Wie stets, wenn er den Namen des berühmten Colliers hörte, befiel Marco ein beklemmendes Gefühl. Wie konnte man die prächtigen und auf der Welt einmaligen Rubine nur mit dem Blut einer Königin vergleichen?

„Wie sich eine Frau ein Geschmeide mit einem derart schaurigen Namen um den Hals legen und auch noch stolz darauf sein kann, wird mir ewig ein Rätsel bleiben“, meinte er und schüttelte den Kopf.

Gabriel lächelte sarkastisch. „So sind die Frauen eben. Hauptsache, der Schmuck ist echt, was für Leid er schon verursacht hat, interessiert sie nicht. Und Queen’s Blood ist ein besonders ausgefallenes Stück. Es ist einzigartig, und sein Wert lässt sich nicht ermessen, da Rubine von dieser Größe und Reinheit heutzutage nicht mehr vorkommen. Und dann ist da ja auch das Geheimnis, das dieses Juwel umwittert! Wie sind die Steine von Burma nach Illyria gelangt? Welcher Meister hat sie so kunstvoll in Gold gefasst? Handelt es sich vielleicht um das einzige Zeugnis einer längst vergessenen Kultur?“

„Jetzt hör auf!“ Marco schnaufte verächtlich. „Glaubst du etwa den Unsinn, es stamme von der sagenumwobenen Insel Atlantis?“

„Das bestimmt nicht. Doch dass der ursprüngliche Besitzer des Halsbands in der Nähe von Wolf’s Lair von einem Räuber bestohlen und erdolcht wurde, macht mich schon betroffen. Fast empfinde ich sogar Sympathie für den Täter.“

Marcus verstand die Bitterkeit seines Bruders nur zu gut. Einer Frau seine Liebe und Hochachtung zu schenken und dann von ihr bestohlen zu werden musste jeden Mann zutiefst treffen. Für einen verschlossenen, hochintelligenten und erfolgsgewohnten Menschen wie Gabriel jedoch musste es eine unvorstellbare Schmach gewesen sein.

Seine Beziehung zu Sara Milton hatte selbst die Regenbogenpresse überrascht. War Gabriel bis dahin für seine ausgesprochen diskret begonnenen und beendeten Affären bekannt gewesen, so hatte er für Sara all seine Prinzipien aufgegeben. Kaum hatte er sie erblickt, hatte er seine Gefühle offen gezeigt und leidenschaftlich und ohne an sein Image zu denken um sie geworben.

Begeistert hatten die Medien davon berichtet, handelte es sich doch offensichtlich um ein modernes Märchen: Der reiche Spross einer uralten Adelsfamilie, dem eine glänzende Zukunft bevorstand, hatte sich in eine gesellschaftlich gänzlich unbedeutende und mittellose Innenarchitektin verliebt.

Für Freunde und Familie gleichermaßen überraschend, hatte Gabriel sich offiziell mit Sara verlobt. Keine zwei Wochen später hatte er ihr in Südfrankreich eigenhändig den kostbaren Familienschmuck umgelegt, wo sie zu einer Adelshochzeit eingeladen waren.

Die Feier und die darauffolgenden Ereignisse würde Marco nie vergessen. Sara hatte mit den riesigen Rubinen einfach atemberaubend ausgesehen. Die geheimnisvolle Farbe der Steine harmonierte perfekt mit ihrem mahagonifarbenen Haar und den graugrünen Augen und bildete einen dramatischen Kontrast zu ihrem hellen makellosen Teint.

Gegen Morgen war das Geschmeide dann verschwunden – gestohlen aus dem Safe des Châteaus, dessen Zahlenkombination Sara selbst gewählt hatte.

Marco konnte Sara den Versuch, die Dienerin des Diebstahls zu bezichtigen, immer noch nicht verzeihen. Auch Gabriel hatte Saras Darlegungen keinerlei Glauben geschenkt. Über den Diebstahl selbst drang nichts an die Öffentlichkeit, drei Tage nach der Hochzeitsfeier gab Gabriel jedoch eine kurze Presseerklärung ab. Er informierte die Öffentlichkeit darüber, dass sein Verlöbnis mit Sara Milton gelöst sei. Die Medien bezeichneten das als Skandal des Jahrhunderts.

Trotz allem bemühte Marco sich um Fairness. „Woher willst du wissen, ob Sara wirklich die Täterin ist? Weder gibt es Beweise noch hat sie versucht, die Steine zu Geld zu machen, das weißt du von unseren Verbindungsmännern.“

„Sie hat das Halsband gestohlen“, antwortete Gabriel mit einer Überzeugung, die jede weitere Diskussion erübrigte. „Die Steine zu verkaufen wagt sie nicht, weil sie Angst hat. Ich werde Sara davon überzeugen, dass ihr nur eine Möglichkeit bleibt, nämlich mir das Diebesgut wieder auszuhändigen.“

Das würde Gabriel gelingen, dessen war sich Marco sicher, zumal sein Tonfall nichts Gutes verhieß. Seine aristokratische Abstammung war Gabriel auf den ersten Blick anzusehen. Nicht nur seine athletische Gestalt und seine markanten Gesichtszüge verrieten sein adliges Blut, sondern vor allem die Aura von Macht, die ihn umgab. Wenn jemand Sara ihr Geheimnis abzuringen vermochte, dann Gabriel.

„Ihr wolltet heiraten, Gabriel“, gab Marco dennoch zu bedenken, weil sein Gewissen ihn dazu trieb. „Warum hätte Sara den Schmuck stehlen sollen, wenn er ihr als deiner Ehefrau sowieso gehört hätte?“

„Weil sie sich anders entschieden hatte.“

Außer dem Fotografen und Gabriels Sicherheitsbeauftragtem wusste nur Marco von dem verfänglichen Bild. Es war ein Schnappschuss, aufgenommen mit einem Zoomobjektiv aus dem Baum vor Saras Gästezimmer im Château. Er zeigte, wie Sara und der Schlossbesitzer Hawke Kennedy am Fenster standen und sich innig umarmten – beide unbekleidet.

In der Nacht nach dem Fest war der Safe ausgeraubt worden, bereits einige Stunden später hatte Gabriel das Bild per E-Mail erhalten.

„Hat dein Sicherheitsbeauftragter den Fotografen ermitteln können?“

„Ja.“

„Und du hast ihm das Original abgekauft?“

„Ich habe dafür gesorgt, dass es niemals veröffentlicht wird.“ Gabriel lächelte kalt.

„Warum hast du dich erpressen lassen, Gabriel? Das sieht dir überhaupt nicht ähnlich. Was wäre schon passiert, wenn das Bild in die Presse gelangt wäre?“

„Mein Stolz wäre in den Dreck getreten worden“, antwortete Gabriel eisig. „Jeder hätte erfahren, was für einen Narren ich aus mir gemacht habe, weil ich mich von einer schönen Betrügerin zu einem Eheversprechen habe hinreißen lassen. Ich hätte bekennen müssen, dass im Fall Sara Milton meine Hormone stärker waren als mein berühmter Verstand.“

Als Marco darauf nichts antwortete, redete Gabriel im selben leidenschaftslosen Ton weiter. „Zudem hatte mich Alex kurz vor meiner Abreise nach Südfrankreich darum gebeten, nach Illyria zurückzukehren, um mich in den Stand eines Großherzogs der nördlichen Provinzen zu erheben. In der Situation hätte die Veröffentlichung des Bildes zusätzlichen Sprengstoff bedeutet.“ Gabriel strich sich über die Stirn.

„Die Bevölkerung von Illyria ist konservativ eingestellt. Besonders die Bergbewohner haben genaue Rollenvorstellungen und wünschen sich eine starke Führungspersönlichkeit ohne jeden Makel. Die geplatzte Verlobung hat meinem Image schon genug geschadet. Hätten die Menschen hier erfahren, dass ich auf eine Frau hereingefallen bin, die unersetzlichen Familienschmuck stiehlt und sich anschließend in den Armen eines anderen Mannes vergnügt, hätten sie jegliche Achtung vor mir verloren.“

„Nicht, dass ich sie dafür tadeln würde.“ Gabriel lachte humorlos. „Doch ich kann nur etwas für unser Land tun, wenn ich den Respekt der Bürger besitze.“

„Du willst Alex die Bitte also erfüllen?“ Marco war überrascht.

Alex, ein entfernter Cousin von ihnen, war vor einigen Jahren von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung zum Prinzen von Illyria bestimmt worden. Jetzt setzte er all seine persönlichen Mittel, seine Beziehungen und sein Wissen als Wirtschaftsexperte für das kleine verarmte Land ein. Er wollte die Wunden heilen, die das Land unter der langen Diktatur erlitten hatte.

„In zwei Wochen wird Alex es offiziell verkünden“, bestätigte Gabriel.

Marco pfiff leise durch seine Zähne. „So hat Sara Milton wohl die Chance verpasst, Großherzogin von Illyria zu werden!“

„Traurig, findest du nicht auch?“, spottete Gabriel.

„Warum hast du dich von Alex überreden lassen, Gabriel? Du gehörst auch so zu den mächtigsten Männern der Welt, und der Titel hat nur sentimentalen Wert für dich. Geld brauchst du auch nicht – wobei es fraglich ist, ob die nördlichen Provinzen in den nächsten Jahren überhaupt einen Überschuss erwirtschaften werden. Wahrscheinlich wirst du auf absehbare Zeit nur investieren müssen.“

Doch auch das würde Gabriel finanziell nicht weiter belasten, denn, genau wie Marco, hatte er sich ein riesiges Wirtschaftsimperium aufgebaut, das selbst derartige Ausgaben verkraften konnte. Und für den Norden musste viel getan werden, das stand fest. Von der Luft aus hatte Marco am Morgen den Eindruck gehabt, die Gebirgsregion sei im Mittelalter stehen geblieben. Außer der Militärstraße, die der Diktator über den Pass gebaut hatte, erinnerte nichts an die moderne Welt.

Gabriel warf einen letzten Blick auf die herrliche Landschaft, die einen die Armut, die hier herrschte, leicht vergessen ließ. „Jeder einzelne Bauer hier im Tal musste während der Diktatur schrecklich dafür leiden, dass er bei dem Putsch auf der Seite unserer Großeltern stand. Ich stehe tief in der Schuld dieser mutigen Menschen.“

Er drehte sich zu Marco um und sah ihm in die Augen. „Während des letzten Jahres bin ich sehr oft hier gewesen, um mit den Leuten zu reden und herauszufinden, was sie von mir erwarten. Selbst die jüngere Generation möchte mich als Großherzog, genau wie man damals Alex als Prinzen wollte. Das Foto meiner nackten Verlobten in den Armen ihres neuesten Liebhabers würde nicht nur den Titel beschmutzen, sondern auch all die harte Arbeit infrage stellen, die Alex hier geleistet hat.“

Marco, der ohne gründliche Menschenkenntnis in seinem Beruf niemals derartige Erfolge hätte erzielen können, hatte Sara von Anfang an gemocht. Er fand es immer noch schwierig, in ihr eine moralisch zweifelhafte Frau oder gar eine Betrügerin zu sehen. Es wollte ihm einfach nicht gelingen, sich sie als Bettgespielin von Hawke Kennedy vorzustellen. Er machte einen letzten zaghaften Versuch, seinem Bruder von dem Plan abzuraten.

„Wenn du dein irrwitziges Vorhaben in die Praxis umsetzen willst, bietest du deinen Feinden nur eine weitere Angriffsfläche. Eine Entführung ist auch nach illyrianischem Recht ein Verbrechen, und wenn Sara Anklage gegen dich erhebt, wird dich selbst Alex vor einer Strafe nicht retten können.“

Er sah, wie das markante Gesicht seines Bruders einen entschlossenen Ausdruck annahm. Gabriels Ausstrahlung glich ganz der seiner Ahnen, deren Porträts an den Wänden hingen. Es waren offenbar ausnahmslos entschlossene und beherzte Männer und Frauen gewesen. Von Wolf’s Lair aus hatten sie taktisch geschickt und politisch klug den strategisch wichtigen Gebirgspass gegen die Außenwelt verteidigt und waren ihrem Prinzen treu bis in den Tod geblieben.

Gabriel würde diese Tradition in idealer Weise fortführen, daran zweifelte Marco nicht. Alex, der Illyrias Macht und Einfluss wiederherstellen wollte, konnte sich keinen besseren Verbündeten wünschen. Nur was Sara betraf, hatte er seinem Bruder gegenüber gewisse Vorbehalte.

Er wollte ihm keine krankhafte Obsession unterstellen, dennoch hätte er sich von Gabriel eine etwas offenere und auf Ausgleich bedachte Haltung seiner ehemaligen Verlobten gegenüber gewünscht.

„Sara kommt freiwillig“, erklärte Gabriel in einem Ton, der nichts über seine Gefühle verriet.

„Ja, weil du zu einer List gegriffen hast. Sie weiß überhaupt nicht, wem das Schloss in Wirklichkeit gehört.“

„Ich möchte lediglich mein Eigentum zurück.“ Gabriel musterte die besorgte Miene seines Bruders. „Keine Angst, Marco, ich werde ihr kein Haar krümmen. Sobald sie mir das Versteck des Halsbands nennt, ist sie eine freie Frau. Und an die Öffentlichkeit wird sie mit der Geschichte nicht gehen, verlass dich drauf, nicht nach ihren Erfahrungen mit den Medien.“

„Mach dir keine Sorgen, alter Junge.“ Aufmunternd klopfte er Marco auf die Schulter. „Fertig zum Abflug?“, fragte er dann.

„Ja. Soll ich Alex etwas von dir ausrichten?“

Gabriels Gesichtszüge entspannten sich. „Gib dem Baby einen Kuss von mir.“

Marco lächelte breit. „Natürlich. Wer hätte je gedacht, was für einen wunderbaren Patenonkel du einmal abgeben würdest?“, hänselte er seinen Bruder, wurde jedoch gleich wieder ernst. „Gabriel, mir gefällt dein Vorgehen überhaupt nicht. Ich weiß, ich kann dir deinen Plan nicht ausreden, aber versprich mir bitte, dich zu keiner unüberlegten Handlung hinreißen zu lassen.“

Gabriel zuckte die Schultern. „Dazu liegt keine Veranlassung vor, denn diesmal bin ich Herr der Lage. Als ich die Nachricht von dem Diebstahl erhielt, konnte ich nichts unternehmen, weil ich bereits im Flugzeug nach Amerika saß und Sara meinem Einfluss entzogen war.“

Gabriel begleitete seinen Bruder nach draußen. Der Hubschrauber war schon hinter den Gipfeln verschwunden, da blickte Gabriel immer noch gedankenverloren zum Himmel empor. Marco war zu leichtgläubig, denn er ließ sich von einer hübschen Larve und einem unschuldigen Lächeln täuschen.

Doch sollte er ihn dafür kritisieren? Auch er, der weltgewandte Gabriel Considine, war auf die liebreizende Betrügerin hereingefallen, er, der sich zugutegehalten hatte, jeden Trick einer heiratswütigen Frau zu kennen. Sein kometenhafter Aufstieg in der Finanzwelt hatte ihn sehr schnell gelehrt, dass Frauen zu allem bereit waren, nur um sich einen Millionär zu angeln.

Er presste die Lippen zusammen. Sara hatte ihn zum Narren gemacht. Über ihren wunderbaren Augen, ihrem sinnlichen Mund, ihrer Leidenschaft und Hingabe hatte er den Verstand verloren und seine Prinzipien aufgegeben. Er hatte ihr einen kostbaren Verlobungsring mit einem Rubin gekauft, der wunderbar zu dem antiken Geschmeide passte, und sie auf Knien gebeten, seine Frau zu werden.

Wie unverzeihlich naiv er gewesen war!

Er wollte sich gerade umdrehen und gehen, als er das dumpfe Dröhnen eines nahenden Hubschraubers vernahm. Kurz darauf sah er auch schon dessen Positionslichter in der hereinbrechenden Dämmerung. Reglos blieb er stehen und beobachtete, wie der Helikopter landete und die Rotoren zum Stillstand kamen.

Erleichtert registrierte Gabriel, dass er nur von einem Gefühl beherrscht wurde: der eisernen Entschlossenheit, wieder in den Besitz des Familienerbstücks zu kommen. Sobald er wusste, wo es war, würde er Sara nach Hause schicken und froh sein, sie nie wiedersehen zu müssen.

2. KAPITEL

Zutiefst erschrocken hielt Sara den Atem an. Die Burgmauern, die sie aus dem Hubschrauber erblickte, schienen mit Blut übergossen zu sein. Erst bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass es sich lediglich um die Blätter von üppig wucherndem wilden Wein handelte, die sich jetzt, im Herbst, tiefrot verfärbt hatten.

„Reiß dich zusammen, Sara!“, ermahnte sie sich und versuchte, das ungute Gefühl abzuschütteln, das sie wie aus heiterem Himmel überfallen hatte. Wahrscheinlich hatte die Szenerie Erinnerungen an all die gruseligen Vampirgeschichten geweckt, die sie als Teenager gelesen hatte.

Das war ausgesprochen lächerlich. Seit Prinz Alex nach Illyria zurückgekehrt war, hatte das Land seine Grenzen geöffnet und war auf dem besten Weg, ein europäischer Staat wie jeder andere zu werden. Und lebten Vampire nicht nur in Rumänien?

Sara musste über sich lächeln. Sie war auf einer abgeschiedenen polynesischen Insel mitten im Pazifik groß geworden. Was auf der Welt vor sich ging, hatte sie nur durch die Bücher erfahren, die sie sich vom Arbeitgeber ihrer Mutter geborgt hatte.

Wenn sie sich hier nicht wohlfühlte, war das auch nicht weiter schlimm, denn sie würde nicht lange auf dem Schloss bleiben. Sie hatte lediglich den Auftrag, Entwürfe für die Neugestaltung von drei Gästezimmern mit den dazugehörigen Bädern anzufertigen. Die Räume sollten mit modernen Annehmlichkeiten ausgestattet werden, gleichzeitig jedoch den mittelalterlichen Charakter der Burg bewahren.

Sara setzte ihre ganze Hoffnung in diesen Auftrag, den sie von einer bekannten amerikanischen Erbin erhalten hatte. Der Skandal im letzten Jahr hatte ihre Karriere als Innenarchitektin abrupt beendet, und ihre Bemühungen, wieder an ihre einstigen beruflichen Erfolge anzuknüpfen, waren bisher vergeblich gewesen.

Sara bemühte sich, optimistisch in die Zukunft zu blicken, denn eine geplatzte Verlobung bedeutete schließlich nicht das Ende des Lebens. Trotz aller guten Vorsätze legten sich jedoch die Erinnerungen wie ein dunkler Schleier über ihr Gemüt, und sie verspürte jenen dumpfen Schmerz, den sie inzwischen nur allzu gut kannte. Blicklos starrte sie hinunter auf den gepflegten Rasen innerhalb der Burgmauern.

Erst als der Hubschrauber etwas unsanft aufsetzte, kehrte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Erstaunt bemerkte sie, dass keines der vielen Fenster des Schlosses beleuchtet war. Der Eigentümer hielt sich zurzeit nicht auf der Burg auf, das hatte man ihr gesagt, doch mit dieser absoluten Verlassenheit hatte sie nicht gerechnet.

Sara war es mittlerweile regelrecht unheimlich zumute, und sie schauderte. Wieder rief sie sich zur Ordnung. Deine Nerven sind überreizt, deshalb neigst du dazu, deine Situation zu dramatisieren, sagte sie sich. Du brauchst jetzt nur noch auf den Butler zu warten, der dich abholen soll, und dann ist auch dieser schreckliche Tag zu Ende.

Als sei das sein Stichwort gewesen, öffnete ein Mann die Tür. „Miss Milton?“, fragte er über den ohrenbetäubenden Lärm der Rotoren hinweg.

Glücklicherweise erinnerte nichts an ihm an ein Faktotum aus einem Horrorfilm. Ganz im Gegenteil, er sah aus wie der Inbegriff eines diskreten Dieners aus herrschaftlichem Haus, und erleichtert öffnete Sara ihren Gurt, um auszusteigen. Der Butler bedeutete ihr, ihm zu folgen, und geduckt verließen sie den Gefahrenbereich der Rotorblätter.

„Mein Name ist übrigens Webster.“ Er verbeugte sich steif. „Ihr Gepäck wird direkt auf Ihr Zimmer gebracht“, erklärte er, als Sara zögernd zurückblickte, und streckte die Hand nach ihrer großen Schultertasche aus. Nur ungern überließ Sara sie ihm. Es gefiel ihr nicht, sich von ihren Unterlagen und ihrem Laptop trennen zu müssen.

Webster, der zu ihrer Erleichterung ein akzentfreies Englisch sprach, ging voraus. Er führte sie durch eine Tür in der Mauer in einen weiteren Innenhof, der anscheinend als Garten angelegt war, denn in der Dämmerung sah Sara riesige Blumenkübel. Bis hierher waren die Abgase des Hubschraubers nicht gedrungen, und Sara genoss die klare würzige Herbstluft. Nachdem sie einige Male tief durchgeatmet hatte, fiel endlich alle Anspannung von ihr ab. Sie richtete sich gerade auf und folgte dem Diener. Sie würde ihr Bestes geben und aus diesem Auftrag einen Erfolg machen, das schwor sie sich.

Doch als sie vor dem trutzigen eisenbeschlagenen Schlosstor stand, stellten sich die dunklen Ahnungen wieder ein. Ohne Schlüssel schien ein Durchlass unmöglich – sowohl für einen Eroberer als auch für einen Gefangenen.

Sara schüttelte den Kopf. Ihre Fantasie musste ihr einen Streich spielen. Mrs. Armitage, die Besitzerin dieser Burg, war eine charmante kultivierte Amerikanerin mit ausgeprägtem Stilgefühl, die drei Gästezimmer geschmackvoll renoviert haben wollte. Ihre, Saras, Befürchtungen, es handele sich um ein Spukschloss, waren einfach kindisch.

Das bestätigte sich, als sie die beeindruckend große und hohe Halle betrat. Um die kostbaren Antiquitäten zu schonen, war die Raumtemperatur zwar relativ niedrig gehalten, doch die einzelnen Stücke befanden sich in tadellosem Zustand und waren mit viel Geschmack und Kunstsinn zusammengestellt. Keine Spinnweben an den Decken, keine Skelette in den Ecken …

Der Butler führte Sara durch eine weitere Tür, auch diese aus dickem Eichenholz und mit Eisen beschlagen. An den Wänden des langen Korridors standen kunstvoll geschmiedete Rüstungen, und von der Empore am Ende des Ganges hing ein verblichenes Banner mit einem stilisierten Wolf in der Mitte.

„Das Wappen der Besitzer“, erklärte Webster. „Deshalb heißt die Burg im Volksmund auch Wolf’s Lair, Wolfshöhle.“

Sara biss sich auf die Lippe. Was tat sie hier? Sie war Expertin für die Ausgestaltung von Luxuswohnungen in London und von Ferienhäusern in Südfrankreich. Eine Burg wie Wolf’s Lair, die ganz offensichtlich eine kriegerische Vergangenheit hatte, war ihr fremd und bereitete ihr Unbehagen. Doch sie hatte keine Wahl und musste bleiben, denn sie brauchte diesen Auftrag, um wieder ins Geschäft zu kommen.

Webster öffnete die nächste Tür, die auf einen weiteren Korridor führte, wo zu Saras großer Überraschung keine Ritterrüstungen standen, sondern sich ein Fahrstuhl befand. Sie lächelte amüsiert und folgte dem Diener in die Kabine. Hoffentlich war der Aufzug nicht das einzige Zugeständnis, das man im Schloss an das einundzwanzigste Jahrhundert gemacht hatte.

Einige Stockwerke höher ließ Webster sie aussteigen und führte sie in ihr Zimmer. In der Mitte des Raumes stand ein breites Himmelbett, dessen zierliche Schnitzereien von dem Pomp der übrigen Einrichtung erdrückt wurden. Die dunkelrot überstrichene Wandverkleidung, die mit dicken Kordeln gerafften und mit goldenen Tressen verzierten Samtvorhänge und die Bilder an den Wänden waren nur als Kitsch zu bezeichnen.

Sara verstand jetzt, weshalb Mrs.

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