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Jungs, meine Mutter und der ganze andere Mist

Über die Autorin

Yvonne Struck, geb. 1976 in Lübeck, war nach ihrem Diplom in Biologie mehrere Jahre Studienleiterin für Patientenbefragungen in Hamburg. Seit 2007 arbeitet sie als freie Autorin. »Jungs, meine Mutter und der ganze andere Mist« ist ihr erstes Jugendbuch.

Über die Illustratorin

Carolin Nagler, geb. 1984 in München, ist diplomierte Grafikerin und Illustratorin und arbeitet seit 2006 in ihrem Traumberuf. Sie liebt es, neue Figuren zu entwerfen und mit viel Liebe zum Leben zu erwecken. Sie lebt mit ihrem Freund und ihren Katzen Pepper und Chili in München.

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Yvonne Struck

Jungs, meine Mutter und der ganze andere Mist

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Alex.

Danke.

1. November, Mo.

Mama hat Magen-Darm. Heute Morgen hing sie über der Kloschüssel und würgte so laut, dass man es durch die ganze Wohnung hören konnte. Nicht, dass das nötig gewesen wäre – ich stand ja direkt vor der Badtür. Ich war nämlich extra früh aufgestanden, um Sonja vor der ersten Stunde abzuholen. (Sie ist meine beste Freundin seit der ersten Klasse.)

»Mama? Dauert das noch lange? Ich hab’s eilig!«, rief ich.

Mama würgt nämlich immer nur rum, gekommen ist noch nie was. Über eine Woche geht das nun schon so.

Mama nuschelte: »Gleich, Marie, gleei-wurgsaaaaarghö-platschplatschplatsch.«

Heute ist also doch was gekommen.

Dann drehte sich der Schlüssel im Schloss, und Mama kam mit kreidebleichem Gesicht heraus. Aus der Kloschüssel stank es wie alter Apfelsaft, sauer-eklig. Ich spülte vorsichtshalber noch zweimal nach, bevor ich mich draufsetzte.

Nach der ewigen Warterei war ich natürlich viel zu spät dran, um Sonni noch abzuholen. Typisch.

2. November, Di.

Mama hat immer noch Magen-Darm, aber heute bin ich noch früher aufgestanden und war vor ihr im Bad. Jetzt stand SIE vor der Tür und hibbelte rum: »Mach auf, Marie, ich halt’s nicht mehr aus!«

Sieht sie mal, wie das ist.

Irgendwann war Ruhe, dafür hat’s dann aus der Spüle in der Küche nach saurem Apfelsaft gerochen. Tat mir ja schon leid, irgendwie. Aber ich kann mir doch von ihrer komischen Grippe nicht alles versauen lassen!

Obwohl – genützt hat es nichts. Ich war zwar rechtzeitig bei Sonja, aber Flo hab ich nicht gesehen. Er musste erst zur zweiten Stunde.

Flo ist Sonnis großer Bruder. Er ist schon sechzehn und hat eine eigene Band, und Schulsprecher ist er auch. Außerdem hat er die schönsten Augen der Welt. Grün. Ich steh total auf grüne Augen und dann noch zusammen mit braunen Haaren … Wie bei Flo eben! Wenn er mich ansieht, kribbelt es ganz wahnsinnig in meinem Bauch. (Das ist ein irres Gefühl! So eine Mischung aus Glück und Angst – ich grinse über das ganze Gesicht und würde mich dabei am liebsten in Luft auflösen.)

Nur nicht heute Morgen, wie gesagt.

Wieder ein Tag verschwendet.

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5. November, Fr.

Sonni weiß nicht, dass ich in Flo verliebt bin. Und sie soll es auch nicht wissen! Flo hat nämlich jede Menge »Groupies« – so nennt Sonja die Mädels in unserer Schule, die in ihn verknallt sind. Und wie sie dabei guckt! Mit einer Mischung aus Mitleid und Auslachen. Mich soll sie nicht so angucken!

7. November, So.

Als ich heute Morgen in die Küche kam, sagte Papa gerade zu Mama: »Das ist doch nicht mehr normal. Vielleicht solltest du mal einen Test machen.«

Ich frage also: »Was für einen Test?«

Mama zu mir: »Ach, nichts.« Und dann sagt sie zu Papa: »Ja, mal sehen.«

Als ob ich gar nicht da wäre!

Nein, noch schlimmer. Als ob ich ein kleines Kind wäre, das nichts mitkriegt. Aber ich bin fast vierzehn. (Na gut, eigentlich dreizehneinhalb.)

Ich also noch mal: »Was denn nun für einen Test?«

Aber ich hab wieder keine Antwort gekriegt. Dabei kann ich es mir schon denken. Sie will testen, ob sie gefährliche Bakterien in der Sch… hat. Wegen der Magen-Darm-Sache. Bäh!

10. November, Mi.

Ich habe ihn gefunden! Den Test. Er lag im Badmülleimer unter einem Haufen zusammengeknülltem Klopapier. Das Teil sah aus wie ein Fieberthermometer mit einem kleinen Fenster darin. Aber von wegen Bakterien-Test. In dem Fenster war ein kleines Kreuz und daneben stand: schwanger.

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Deswegen hängt Mama die ganze Zeit über dem Klo! Sie hat es nicht mal geleugnet, als ich sie gefragt habe.

»Ja, für uns ist es auch noch ganz frisch, aber du kriegst bald ein Geschwisterchen!«, strahlte sie. »Freust du dich?«

Warum, bitte, sollte ich mich darüber freuen?

Genau das hätte ich normalerweise gesagt, aber sie sah so glücklich aus, da ging das irgendwie nicht. Also habe ich nur mit den Schultern gezuckt und mich verkrümelt, um Sonja anzurufen und mich aufzuregen.

Aber nicht mal auf meine Freundin ist Verlass. Sonja fing gleich an zu kreischen, wie süß sie das findet, dass wir bald ein Baby haben und dass sie dann immer vorbeikommt. Die hat gut reden! Sie kann ja abends wieder nach Hause gehen.

Warum versteht mich bloß keiner? Ich meine, es ist ja nicht so, dass mein Meerschweinchen schwanger wäre. Das fände ich natürlich auch süß. (Obwohl es eher nicht passieren wird, Rasputin ist ein Männchen.)

Aber meine Mutter? Wenn das Baby kommt, bin ich schließlich schon vierzehn, da hat man echt keine Lust mehr auf Geplärre die halbe Nacht und so einen kleinen Hosenscheißer, um den alle herumtanzen.

15. November, Mo.

Mama und Papa spinnen jetzt schon. Mama kam heute mit einem hellblauen Strampler nach Hause, dabei kommt das Baby erst in acht Monaten. Und sie weiß noch nicht mal, ob es überhaupt ein Junge wird.

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»Hellblau kann auch ein Mädchen tragen«, hat sie gesagt und das olle Frotteeteil ganz verliebt angeguckt. Wenigstens hat sie nicht gesagt, rosa kann auch ein Junge tragen.

21. November, So.

Oh Gott, das wird mir erst jetzt klar. Meine Mutter ist schwanger! Das heißt ja, sie hatte Sex, und zwar mit meinem Vater! Bäh!

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22. November, Mo.

Sonni findet es ganz normal, dass Eltern Sex haben. Aber ich glaube, sie sagt das nur, weil sie cool sein will. Ich meine, wenn andere Sex haben, klar. Junge Leute. Aber meine eigenen Eltern?! Außerdem sind die schon fast vierzig!

Klar weiß ich, dass es theoretisch möglich ist. Ich habe sie schließlich schon öfter nackt gesehen, als ich noch kleiner war. War alles dran, was man dazu braucht.

Aber jetzt weiß jeder, dass sie tatsächlich Sex hatten! Und zwar nicht vor ewig langer Zeit (vor meiner Geburt zum Beispiel), sondern irgendwann vor ein paar Wochen. Meine Eltern! Wahrscheinlich sogar in unserem Haus, während ich nebenan gelesen oder geschlafen oder an Flo gedacht habe. Das will sich doch nun wirklich keiner vorstellen.

28. November, So.

Heute Abend hab ich’s nicht mehr ausgehalten. Mama ist echt anstrengend, seit sie schwanger ist. Erst jubelt sie den ganzen Tag, und abends heult sie. Dass sie nicht weiß, wie sie das schaffen soll mit zwei Kindern und Job und so. ZWEI Kinder? Hallo? Die hat mich echt mit dem kleinen Schreihals in einen Pott geschmissen!

Also hab ich mir meine Jacke geschnappt und bin raus.

Es war schon halb acht, als ich bei Sonni klingelte. Dreimal. Keiner da. Keiner da? Von wegen. Keiner darf zur Tür, wohl eher. Ihre Eltern sind nämlich irgendwas Wichtiges in einer Wirtschaftsberatungsfirma und arbeiten immer mindestens bis sieben, und danach wollen sie ihre Ruhe – auch sonntags. Ruhe heißt vorm Fernseher hocken und Rotwein trinken, sagt Sonni, und keine nervigen Türklingler, Anrufer oder sonstigen Störer. Ich tastete nach meinem Handy. Dies war schließlich ein Notfall! Aber die Innentasche meiner Jacke war leer, und im gleichen Moment fiel es mir ein: Das Handy lag noch in meinem Zimmer auf dem Bett.

Also bin ich zum Spielplatz, der ist gleich bei uns um die Ecke, und hab mich auf die Schaukel gesetzt. Da war es wenigstens schön ruhig. Und das Schaukeln war auch witzig, hab ich schon ewig nicht mehr gemacht.

Ich schaukelte so in der Dämmerung vor mich hin, und nach einer Weile wurden meine Nasenspitze und mein Po ziemlich kalt. Ich überlegte gerade, ob ich wieder nach Hause gehen sollte, als plötzlich aus dem Piratenboot ein Schatten auftauchte. Da hab ich vielleicht Schiss gekriegt! Am liebsten wär ich weggerannt, aber mein Po war wie auf der Schaukel festgefroren. Der Schatten kam näher. Es war ein Junge, der sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Ich war kurz davor zu schreien, da setzte er sich auf die Schaukel neben mich, schob die Kapuze nach hinten und sagte: »Hi.«

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Ich klappte den Mund wieder zu. Aus der Nähe sah er nämlich überhaupt nicht gefährlich aus. Er kam mir sogar irgendwie bekannt vor. Ging der vielleicht auf unsere Schule?

Dann fiel mir ein, dass ich besser auch mal was sagen sollte.

»Hi«, krächzte ich, und er grinste. Was gab es da zu grinsen?

»Alles klar?«

»Ja«, zischte ich.

Mit einem Satz sprang er von der Schaukel und trottete davon. Wahrscheinlich war er beleidigt. Auch egal.

Was hatte er in dem Boot gemacht?

Und überhaupt, was für ein doofer Spruch: »Alles klar?«

Nichts war klar.

29. November, Mo.

Sonni findet das romantisch: der geheimnisvolle Unbekannte auf dem Spielplatz. Und sie meint, dass aus uns vielleicht ein Liebespaar wird. So ein Quatsch! Aber sie weiß ja auch nicht, dass ich bald mit Flo zusammenkommen werde.

Nur leider weiß Flo das auch noch nicht. Heute Morgen hab ich Sonni wieder abgeholt, und gerade als wir loswollten, kam er aus dem Haus. Mein Herz klopfte so heftig, ich dachte, das sieht man bestimmt durch die Jacke. Aber er hat nur kurz »Hi« gesagt und ist an mir vorbeigeschlappt.

8. Dezember, Mi.

Mama kocht jetzt nur noch gesunde Sachen. Ganz toll. Eigentlich darf ich mir mittwochs immer ein Essen wünschen, aber als ich Pommes und Hähnchennuggets gesagt hab, ist sie blass geworden und zum Klo gerannt. Stattdessen gab es dann Nudeln mit Tomatensoße. Im Prinzip auch nicht schlecht, wenn sie nicht die Soße aus frischen Tomaten gemacht hätte. Wegen der Vitamine. Nichts gegen Vitamine, aber die Stückchen darin waren echt widerlich. Dann hat sie gesagt, sie hätte sich solche Mühe gegeben und hat mich mit feuchten Welpenaugen angesehen. Also hab ich gesagt, jaja, schmeckt ganz toll, und ein paar Gabeln runtergewürgt.

Hinterher war mir übel.

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16. Dezember, Do.

Solange Flo noch nicht weiß, dass er mich auch liebt, träume ich jeden Abend von ihm. Es ist ein Kurz-vor-dem-Einschlafen-Traum, und ich bin auf einem Konzert seiner Band. In Wirklichkeit habe ich sie noch nie spielen gehört, weil auf unsere Schulfeste erst Schüler ab der Neunten dürfen. Und Sonja und ich sind ja leider erst in der Achten. Jedenfalls spielt Flo Saxofon und sieht wahnsinnig gut aus dabei. Irgendwann entdeckt er mich in der Menge und lächelt mich an, und in meinem Bauch fängt es ganz leise an zu kribbeln. Kurz darauf ist Pause. Er kommt auf mich zu und sagt: »Na, Marie?« und sieht mir dabei tief in die Augen (es kribbelt immer mehr). Dann beugt er sich zu mir runter, seine Lippen berühren meine, und das Kribbeln wird so doll, dass ich glaube, ich platze gleich. Deshalb hört der Traum dann auch immer auf, aber das Kribbeln bleibt oft noch die ganze Nacht.

18. Dezember, Sa.

Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Ich habe nämlich noch nie einen Jungen geküsst. Ich wär total planlos, wenn mich einer küssen wollte. Und das, obwohl ich in der Sechsten fast immer das Dr.-Sommer-Quiz gewonnen habe. Das haben Sonja und ich mit der Bravo gespielt: Eine liest die Dr.-Sommer-Frage vor, die andere rät die Antwort. Sonja meinte mal, ich könnte Dr. Sommer vertreten, wenn er Urlaub macht.

Aber das ist ja nur Theorie. In echt geküsst habe ich, wie gesagt, noch nie. Deshalb habe ich heute Sonja gefragt, wie das geht. Sie hat erst rumgestottert, aber dann kam raus, dass sie es auch noch nie gemacht hat! Und es geht ja hier nicht um einen Schmatzer auf die Wange, sondern um Knutschen, so richtig mit Zunge und so. Ich meine, leckt man da eher oder dreht sich alles im Kreis wie die Wäsche in der Waschmaschine?

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Sonja hat vorgeschlagen, dass wir ja mal miteinander üben könnten, und ich hab gesagt: »Wie jetzt?«, und dann mussten wir beide so kichern, dass eh nichts mehr daraus geworden wäre. Also haben wir stattdessen unseren eigenen Unterarm geknutscht. Aber das ist natürlich nicht dasselbe, ein Unterarm hat ja keine Zunge. Mit Zunge küssen kann ich also immer noch nicht.

20. Dezember, Mo.

Achtung, jetzt kommt noch ein Geheimnis: Ich habe auch noch nicht meine Tage. Aber das weiß nicht mal Sonja. Sonja und ich sind nämlich ein typisches Beispiel dafür, dass das Leben echt unfair sein kann. Sie ist klein und schlank, und ich bin normal, das heißt normal groß und dick beziehungsweise dünn, also eigentlich keins von beidem. Und wo sich bei Sonja zwei kleine, feste Kugeln unter dem T-Shirt abzeichnen, ist bei mir ostfriesisches Flachland. Das heißt, nicht ganz: In der Mitte stehen die Brustwarzen spitz hervor. Gleichzeitig flach und spitz, das geht ja eigentlich gar nicht! Aber bei mir leider doch.

Und weil das Ganze schon unfair genug ist, habe ich einfach ja gesagt, als sie mich mal gefragt hat, ob ich schon meine Tage habe. Das war das einzige Mal, dass ich sie angelogen habe. Ich hab mich total mies gefühlt, schließlich sind wir die besten Freundinnen seit der ersten Klasse. Sie darf nienieniemals rauskriegen, dass das nicht stimmt. Deshalb hab ich am nächsten Tag gleich ein paar von Mamas Tampons in meine Federtasche gesteckt, sodass Sonja sie auf jeden Fall sehen konnte.

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5. Januar, Mi.

Das ganze Weihnachtstrara und Silvester (mit Sonja vor dem Fernseher) sind vorbei, und heute war Mama mit Papa zusammen beim Frauenarzt. Papa hat sich extra freigenommen dafür, und beim Mittagessen waren die beiden superalbern. Papa hat die ganze Zeit mit einem kleinen Schwarz-Weiß-Ausdruck rumgewedelt, und Mama hatte so ein seliges Grinsen im Gesicht, als wäre sie auf Drogen. Nee, noch schlimmer: bis unter die Haarspitzen voller Hormone. Die ganze Zeit haben sie von dem kleinen Keks, dem Würmchen, dem Krümelchen, unserem Spätzchen und so weiter geflötet. Mir wäre fast das Essen wieder hochgekommen.

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Und dann sollte ich auch noch unbedingt gucken. »Nee, lass mal« half dieses Mal gar nicht. Mama bekam wieder den feuchten Welpenblick, und Papa machte einen auf streng und sagte: »Marie, deiner Mutter zuliebe! Sie ist schließlich schwanger!«

Als ob ich das noch nicht gemerkt hätte.

Und Mama sagte mit einer Stimme, als würde sie gleich anfangen zu heulen: »Nein, nein, nicht nur mir zuliebe! Wirklich, wenn du nicht willst …«

Da blieb mir ja nichts anderes mehr übrig. Ich hab’s mir also angesehen, das Bildchen. War ziemlich pixelig, aber eindeutig schon ein kleiner Mensch mit Kopf und Armen und Beinen. Sogar die Finger konnte man erkennen. Echt witzig, dabei ist das Teil erst vier Zentimeter lang. Nicht der Finger, das ganze Baby, meine ich.

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»Ganz nett«, sagte ich also, und meine Eltern platzten fast vor Freude.

Aber heute Abend hat’s bei Papa echt ausgesetzt: Er kam mit einem Stapel Karten in mein Zimmer, die sollte ich unterschreiben. »Warum denn?«, fragte ich, aber er grinste nur. Und als ich eine Karte umdrehte, war vorne drauf das Ultraschallbild, und darunter stand: Wir sind jetzt bald zu viert. Die will er an alle unsere Verwandten und Freunde schicken. Kein Scherz!

6. Januar, Do.

Oma hat ihre Karte bekommen. Heute Nachmittag stand sie vor der Tür. Ich war alleine zu Hause, Mama und Papa waren im Babymarkt, Kinderwagen bestaunen.

»Hallo, Kind«, sagte sie und drückte mir einen dicken Schmatzer auf die Wange. Ich wünschte, sie würde mich nicht immer Kind nennen. Und weniger feucht küssen!

Während ich mir unauffällig die Wange abwischte, kramte sie die Karte aus ihrer Handtasche und hielt sie mir vors Gesicht.

»Wusstest du davon?«

Was für eine dämliche Frage, ich hab ja unterschrieben.

»Nein, ich meine, vorher!«, sagte Oma. »Dass die so was planen!«

Ich glaube ja eigentlich nicht, dass das geplant war, und das hab ich Oma auch gesagt.

»Ein Unfall«, stöhnte sie. »Und das in der heutigen Zeit! Da kann man doch was gegen tun!«

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sie das gemeint hat. Dass man vorher verhüten soll oder dass man hinterher abtreiben soll? Das wäre dann doch ganz schön hart. Ich meine, nicht, dass ich mich auf das Baby freue. Aber wenn ich an das pixelige Schwarz-Weiß-Bild mit den kleinen Fingern denke …

Aber das bekam ich nicht raus, denn Oma stürmte erst mal an mir vorbei ins Wohnzimmer, direkt auf den Schrank mit den Schnäpsen zu.

»Den brauch ich jetzt«, stöhnte sie, goss sich einen hinter die Binde und ließ sich aufs Sofa plumpsen.

»Wie stellen die sich das vor? Ihr habt doch hier gar keinen Platz! Oder soll der Kleine mit in dein Zimmer?«

»Auf keinen Fall!«, rief ich. Daran hatte ich ja noch gar nicht gedacht! Das wäre die ultimative Katastrophe. Nie mehr ausschlafen. Nie mehr ungestört von Flo träumen. Und wenn ich mit ihm zusammenkomme: Wie soll ich dann so ein Gör im Zimmer erklären?

Bis meine Eltern kamen, saß Oma im Wohnzimmer und schüttelte die ganze Zeit den Kopf. Dass ihr dabei nicht schwindlig wurde, ist echt ein Wunder. Und kaum dass Mama und Papa da waren, fingen sie an, sich anzuschreien. Das war eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt, um die Sache mit meinem Zimmer anzusprechen. Ich hab mich lieber verkrümelt, aber durch die Tür hat man immer noch eine ganze Menge gehört.

»In eurem Alter!«, rief Oma.

»Das ist ja wohl unsere Sache …« Papas Stimme klang gepresst.

»Ihr seid doch keine zwanzig mehr!«

»Eben! Wir wissen selber, was für uns gut ist!«, kreischte Mama.

»Offensichtlich nicht. Denkt doch mal an Marie!«

Genau! Denkt mal zur Abwechslung an Marie.

»Das tun wir doch die ganze Zeit!«, rief Papa.

Irgendwann ist Oma beleidigt abgerauscht, und ich konnte meinen Platz auf dem Flurboden aufgeben, wo ich Hausaufgaben gemacht hatte. War ganz schön kalt und unbequem. Ich hätte mir ein Kissen holen sollen, aber dann hätte ich womöglich was verpasst.

Und die Sache mit dem Zimmer, die klären wir noch!

7. Januar, Fr.

Beim Frühstück haben Mama und Papa versprochen, dass ich mein Zimmer behalten kann. Für mich alleine. Puh.

10. Januar, Mo.

Sonja ist verliebt! In einen Freund von Flo. In der Pause auf dem Klo hat sie es mir erzählt. Er heißt Benny und ist der Sänger von Flos Band. Er war gestern bei Flo zu Besuch, und da hat es gefunkt. Jedenfalls bei ihr. Aber ich sollte lieber nicht lästern …

11. Januar, Di.

Heute ist Sonja mit Minirock in die Schule gekommen. Das gab’s noch nie!

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