Logo weiterlesen.de
Junge Frau von 1914

Inhaltsübersicht

ERSTES BUCH: Bertin

1. Kapitel: Bertin packt ein

2. Kapitel: Auf dem Koffer

3. Kapitel: Väterliche Mächte

4. Kapitel: Der in Küstrin

5. Kapitel: Bei den frühen Kirschen

6. Kapitel: Umbau

ZWEITES BUCH: Lenore

1. Kapitel: Ein Urlauber

2. Kapitel: Unruhe

3. Kapitel: Die Maus

4. Kapitel: 28. Juni, vor Mitternacht

5. Kapitel: Der Arzt

6. Kapitel: Geschwister

7. Kapitel: Kliem

8. Kapitel: Keine Verständigung

DRITTES BUCH: Alltäglicher Vorgang

1. Kapitel: Frau Nocks

2. Kapitel: Der Berg der Prüfung

3. Kapitel: Freiwillige Meldung

4. Kapitel: Der Besuch

5. Kapitel: Auseinander

VIERTES BUCH: An den bitteren Wassern

1. Kapitel: Bestandsaufnahme

2. Kapitel: Briefsteller für Liebende

3. Kapitel: David gibt klein bei

4. Kapitel: Witwe Bunge

FÜNFTES BUCH: Ein Baumast kommt ins Treiben

1. Kapitel: Ducherow

2. Kapitel: Kleine Ursache

3. Kapitel: Wink mit dem Pfahl

4. Kapitel: Beschlüsse der Götter

5. Kapitel: Verspätete Zustellung

6. Kapitel: Die Nacht und der Tag

7. Kapitel: Fräulein Hannes

8. Kapitel: Ein Baumast kommt ins Treiben

SECHSTES BUCH: Es wird Zeit

1. Kapitel: Briefe

2. Kapitel: Besuch bei einem Schriftsteller

3. Kapitel: Finanzfragen

4. Kapitel: Ein Heiratsantrag

5. Kapitel: Verstand ist die beste Vaterlandsliebe

6. Kapitel: Frau Wahl geht in den Keller

7. Kapitel: Eine junge Dame erwirkt Hochzeitsurlaub

8. Kapitel: Neue Bekannte, alte Bekannte

SIEBENTES BUCH: Vier Tage

1. Kapitel: Nachtgespräche

2. Kapitel: Hochzeit in Rosen

3. Kapitel: Abgesang

NACHBEMERKUNG

Für Marie Zweig

Abbildung

ERSTES BUCH

Bertin

Erstes Kapitel

Bertin packt ein

Der Briefträger Schmielinsky ordnete auf seinem abendlichen Bestellungsweg im Eingang des Hauses Brixenerstraße 6 mit geübten Fingern seine Post. Ein »Einschreiben« oben an den Maler, zwei Feldpostbriefe an die Dame im dritten Stock, einer davon unheilverkündend amtlich; eine Ansichtskarte für die lustige Köchin bei Zimmermanns, und unter anderer Durchschnittsware für den Studenten, Hochparterre rechts, der Gestellungsbefehl. Schmielinsky betrachtete ihn mit stillem Haß. Auch ihm, gedientem Mann, blühte, wer weiß wie bald, solch ein Wisch, da ja die Herren Abgeordneten, die reichen Leute und die kleinen Sparer der Regierung die zweite Kriegsanleihe nur so hingepfeffert hatten. Neuntausendachtzig Millionen Mark – neun Milliarden! Alle wollten also, daß es weiterging. Da ließ sich nichts machen.

Der Student hier schien seine Wohnung zweimal gewechselt zu haben. »Der wird sich freuen«, murmelte Schmielinsky. »Womöglich muß der morgen früh in der General Pappkartonstraße antreten.« (Die General Papestraße nämlich, in der sich die roten Kästen der Bezirkskommandos erhoben, war vom berliner Witz so umgetauft worden, weil die Eingezogenen ihre Zivilkleider in Pappkartons nach Hause sandten.) Der junge Mann war daheim, öffnete selbst, hörte von dem Briefträger die Worte: »Antreten zur Polonaise«, empfing das amtlich gefaltete Papier, schien um einen Schein blasser zu werden, sagte höflich: »Danke sehr« und schloß die Tür.

Man reißt solche Briefe sofort auf, im notdürftigen Licht der Dielenlampe, mit zitternden Fingern. Eine Panik wollte in seiner Brust aufflattern, als er sah: morgen früh! Und die Lenore durfte er nicht anrufen! Ruhe, gebot er sich; Paula Weber wird es ihr beibringen. Acht Uhr, Armierungsersatzbataillon Küstrin. Schipper also. Es hätte schlimmer kommen können.

Werner Bertin, als ihn der Ruf des Schicksals traf, war sechsundzwanzig Jahre alt, mager, leidlich gewachsen, ein bleiches Gesicht mit sehr rotem Munde und dunkelbraunen Augen. Er hatte eine ärmliche Jugend hinter sich, langsam Zutrauen zu seinen Gaben gefaßt, sie in leidenschaftlichen Kämpfen treu ausgebildet: die Rechte studiert, menschliches Denken, neuere Sprachen, nach dem Referendarexamen weitergesucht, zu schreiben begonnen, Novellen, einen Roman, Dramen. Er vermeinte, höchst klar über sich selbst zu sein, sehr kritisch, ein erzogener Verstand; im Grunde wußte er von sich kümmerliche Bruchstücke. Jetzt wanderte er langsam in seinem Wohnzimmer umher, die Hände auf dem Rücken. Von dem Gestellungsbefehl dort auf dem Schreibtisch ging eine Art Saugen aus; er wirbelte sein bisher gelebtes Leben in sich ein wie ein Ventilator durchrauchte Luft eines Zimmers. Ein Schipper war ein Soldat ohne Ausbildung mit der Waffe, ohne Hoffnung auf Beförderung also, solange der Krieg auch dauerte. Wozu hatte er nun Schulprüfungen bestanden, das Einjährige, das Abitur? Wozu sich sieben Jahre auf Universitäten herumgetrieben? Alles Dunst, verbrauchtes Leben, der große Ventilator sog es weg. Den Behörden, die ihn holten, war es nur um einen halbwegs gesunden Mann zu tun; daß der dichtete, machte ihn eher komisch. Dennoch durfte einem das Herz wohl langsamer und lauter schlagen. Diese Behörden waren unwichtig. Hinter ihnen aber standen die Heimat, die Gesittung, alle seelischen Mächte, alle guten Geister des Vaterlandes. Mochte es grob hergehen und rauh, gewaltsam und blutig – einerlei. Krieg war in der Welt, und er regierte. Jetzt kam es darauf an, allen Ansprüchen gewachsen zu sein, mit empfindlicheren Nerven, wacherem Geiste, erregbarem Gefühl. Jetzt rief ihn Deutschland, er würde es nicht warten lassen.

Er saß vor seinem halbgedeckten Tisch, bedächtig Bissen für Bissen zerschneidend, Brot, Schinken, etwas Käse; als Zukost liefen wie stets Gedanken ihre Bahn. Dem Genius des Lebens und also dem der Menschheit kam es nicht auf Einzelwesen an, er ging auch über das genialste achtlos hinweg. An kam es ihm auf Ausbreitung der Arten, auf die machtvoll hinflutenden Wellen der Gattungen und Formen, in denen er sich verkörperte. Er bediente sich dabei gegenseitiger Anpassung lieber als des Kampfes Aller gegen Alle. Hatte er jedoch lange genug mit Verträgen gearbeitet, so stießen die kraftgeschwellten Völkerwesen zornig und eifervoll gegeneinander und versuchten, ihre Grenzen auszudehnen, den Schwächeren zurückzuschieben. Er, Werner Bertin, war in eine solche Zeit hineingeboren worden, unversehens, niemand hatte es vermutet. Er konnte einer der Vielen sein, die, begabt oder nicht, zum Müll geworfen wurden, Dünger für die Zukunft. Sein Stolz litt nicht, daß er sich entzog, klein machte, sich verkroch. Dennoch blieb Armierungssoldat sein und überleben besser, wenn auch weniger rühmlich, als bei der Feldartillerie kämpfen und fallen. Zu dieser Truppengattung nämlich war er vorigen Herbst ausgemustert worden.

Unter solchen Erwägungen beendete er sein Mahl. Immer mehr Spannkraft und Erwartung bebte in seinen Muskeln. Entbehrungen schreckten ihn nicht; Wohlleben war nie seine Sache gewesen, sein Körper würde wohl durchhalten. Schwache Punkte boten allerdings Herz, Hals und Augen. Er hatte sich von früh an durch Stundengeben Taschengeld verschaffen müssen, während der ersten Studienjahre von siebzig und achtzig Mark im Monat, später von bescheidenen Stipendien gelebt, bis ihm seine Novellen Zuschüsse einbrachten – bessere Anzüge, kleine Reisen. Diese Zeit schloß heute ab. Eine Postkarte an Frau Laubschrey, die förmliche Kündigung der Wohnung enthaltend, konnte morgen früh in den Kasten gesteckt werden, ebenso ein Kartenbrief an Paula Weber, den er rasch hinschrieb. Er bat sie darin, Lenore morgen anzurufen, sie von seiner plötzlichen Einziehung zu benachrichtigen und ihr bei der Räumung seiner Sachen behilflich zu sein; ferner ein gelbes Aktenkuvert von seinem Schreibtisch zu nehmen, unbemerkt, wenn möglich, und es ihr am siebenten Mai zu übergeben. Im großen Ganzen blieben ihm noch vier Beschäftigungen übrig: den Koffer packen, über seine Manuskripte verfügen, sich ausziehen und schlafen.

Das Zimmer, schokoladenfarben tapeziert, lag nach hinten; Bertin gegenüber türmte sich finster und breit eine Brandmauer bis in den Himmel. Hellgrau und unwirklich wie ein Oberlicht, durch das schon der Frühling schimmert, hing er über ihr. Feiner Regen hatte tagsüber den Steinboden des Hofes gewaschen, in den blanken Fliesen spiegelte sich der elektrische Glanz erleuchteter Wohnungen. Bertin seufzte, zog die Vorhänge vor. Der Vormittag fiel ihm ein, an dem er in Lenorens Begleitung hier gemietet hatte, als aus dem dritten Tausend des Romans »Liebe auf den letzten Blick« plötzlich dreihundert Mark auf seinen Tisch fielen. Wie vergnügt sie an jenem Vormittag in das Vermietungsbüro eingetreten waren, Arm in Arm, glücklich wie junge Vermählte, die sich ihre erste Wohnung suchen! Frau Laubschrey, so und nicht anders hieß die Dame, zeigte ihnen eins nach dem anderen ihrer vier oder fünf freigewordenen Quartiere und unterhielt sie in feinster Konversation. Ernsthaft verweilten sie in jedem Appartement, prüften jedes, verbissen oft ein fröhliches Gelächter, tauschten Blicke und kleine Stöße mit dem Ellenbogen hinter Frau Laubschreys gepolstertem Rücken und benahmen sich einfach anstößig. Frau Laubschrey gebrauchte viele, aber auch sehr gewählte Fremdwörter, wenn sie daran ging, die Vorzüge jeder Wohnung, ob sie nun im Tiefparterre oder in der Beletage lag, anmutig herauszustreichen. Bald lobte sie die bunten Kacheln eines Badezimmers, die abwechselnd eine Flunder, eine Seerose und ein Segelschiff mit drei Masten darstellten, und nannte sie Majolika oder Fayencen –, bald pries sie den Lederbezug eines klobigen Sofas an: »In jeder Ecke ein Herr im Smoking – echt Klub.« Ihr hochgeschnürter Busen und die zarte Haut ihres Gesichts wirkten jedes für sich erheiternd unter dem aufgesteckten Dutt fahlbraunen Haares, auf dem ein Hut sein Gleichgewicht suchte. Bei diesem Zimmer hier mit der dunkelbraunen Tapete war sie in die Worte ausgebrochen: »Das wahrhafte dolce far niente für den gebildeten Herrn, einsam und doch gesellig«, wobei sie die Tür zu dem doppelbettigen Nachbarraum öffnete. Wie konnte man Frau Laubschreys malerischer Gestalt widerstehen? Sie hatten sich entschlossen und die Wahl nicht bereut. Sechs glückliche Monate voller Arbeit und heimlicher Liebe bestätigten das.

Der junge Mann öffnete alle Schubladen des Schreibtisches und entnahm ihnen Briefe, Universitätspapiere, Zeitschriften, große Folioseiten engbeschriebener Manuskripte, Zettel, Ansichtskarten, jede Art Kram, der sich im Ablauf von Monaten anhäuft. Er sichtete, zerriß sehr vieles, bündelte anderes zusammen. Die Zigarre, bei dieser Beschäftigung unentbehrlich, schmeckte ihm, obwohl er sie immer wieder auf den Aschenbecher legen mußte. Er war im richtigen Fahrwasser; schon löste er sich vom bekannten Ufer und trieb einem neuen zu, mit Ruderschlägen, munter und besonnen. Und nun her, bejahrter Reisekoffer, aus- und eingepackt seit zwölf Semestern! Er schleifte ihn an einem der Lederhenkel ins hellste Licht und schlug den Deckel zurück: da stand dieses Hohlmaß, außen braun, innen rot und weiß gestreift, angefertigt, den Besitz aufzunehmen, den der Mensch mit sich führt. (Was man auf einer längeren Fußreise brauchte, gedachte er in einem Rucksack mitzunehmen; unter diesen Begriff ordnete er vernünftigerweise ein, was ihm bevorstand.) Mit den oft geübten Fingern jemandes, der seinen bescheidenen Umzug gut zu erlernen Gelegenheit hatte, breitete er zuunterst Bücher hin: Lexika, englisch, französisch und lateinisch, in grauen Schutzhülsen, und die wichtigsten Briefwechsel Goethes, Handbücher der Rechtswissenschaft, zwei Bände Geschichte der Philosophie, moderne Gedichte und die hebräisch-deutsche Bibel. In die Lücken rücksichtslos gepreßt die gelbroten Bändchen der Reclambibliothek, berühmte russische und skandinavische Novellen und Theaterstücke enthaltend, jede Nummer zwanzig Pfennige. Noten für Geige und Klavier, Romane zeitgenössischer Erzähler, drei abgegriffene Bändchen Friedrich Nietzsches, zwei Meisterromane Stendhals und drei Novellenbände Gottfried Kellers; sie alle, untermischt mit Schmökern mancher Art, Zeitschriften und selbst Zeitungsnummern, folgten einander in den Koffer, wurden herausgenommen, neu einprobiert, eifrig festgedrückt. Wie lange würde es dauern, bis alle diese geliebten Gesellen hier wieder Auferstehung hielten? Er saß einen Augenblick lang nachdenklich auf dem Stuhle, einen Seidenband chinesischer Geister- und Liebesgeschichten in den Händen. Er machte sich nichts vor. Sechs Monate mindestens mußte man dem Krieg noch geben, einen neuen Winterfeldzug nach den grauenvollen Erfahrungen des eben überstandenen würden die Staatsmänner ihren Völkern nicht zumuten dürfen. Man würde zu Weihnachten Waffenstillstand haben und im Januar, zu Neujahr, Friedensverhandlungen. Dann dauerte es noch einen Monat, auch anderthalb, bis man die Truppen wieder ins bürgerliche Leben hinüberleitete; auf zehn Monate mindestens mußte er sich von diesem Kofferinhalt, diesen Stehkragen, Oberhemden und Schlipsen trennen, den japanischen Holzschnitten, der kleinen Satsumavase. Die Anzüge lagen wohlgefaltet auf den Büchern, den Noten; nun kamen die Manuskripte dran: Novellen, zwölf oder vierzehn, manche davon noch unveröffentlicht, die meisten aber mit Belegen des Abdrucks in Zeitschriften aller Art; desgleichen Aufsätze und seine beiden Dramen. Nachdenklich wog er das dicke Heft in den Händen, in das er seinen Erstling geschrieben, aus englischem Büttenpapier, gut gebunden. »Ein Mensch namens Hilsner« hieß er, in schnellen, scharfen Szenen den merkwürdigen Prozeß schildernd, den man vor mehreren Jahrzehnten im österreichischen Böhmen eines unaufgeklärten Kindermordes wegen einem durchschnittlichen Manne gemacht hatte. Bertin hatte hingebaut, wie die Pranke des Schicksals diesen Menschen in ein Licht riß, das ihn durchsichtig machte. Wie das Stück hier im Koffer versank, so auch ruhte es in den Aktenschränken der Zensur; der Verleger zögerte sogar, es als Buch in Druck zu geben. Nur drei oder vier Maschinenabschriften liefen um. Es wird sicher nichts damit werden, dachte Bertin zweiflerisch, und griff zum nächsten Gegenstand, sein Geschäft fortzusetzen. Ein Tintenfaß aus Bronze wird klüglich in wollene Strümpfe gewickelt, die Federschale aus schwarzem Stein im Ärmel eines Jacketts verstaut; nun noch schweren Herzens hinabgesenkt der Foliant mit seinem zweiten Stück – gelbliches venezianisches Packpapier. Dieses letzte Jahr, verbracht mit dieser Arbeit und mit Lenore, wog seine ganze schwierige Jugend reichlich auf. Aus gesprengten Hülsen gleichsam war ihm das dichterische Wort freier zugeströmt als je. Sie hatte ihn durch Glück verjüngt, durch unbedingten Einsatz ihrer selbst. Geliebtes Geschöpf, dachte er, kleiner Vogel, mein einziger Mensch …

Das Zimmer, durchtickt von der Taschenuhr auf dem Eßtisch, verschwamm im Dunste der Zigarrenwolken. Das kubische Gebilde aus braunen Rohrplatten, einen knappen Meter lang, einen halben breit und hoch, glich jetzt einem hohlen Steine, der eine Vergangenheit in sich verkapselt. Den gewölbten Deckel konnte man morgen herunterdrücken, sich auf ihn setzen, die Schlösser einschnappen lassen. Noch die flache Schreibmappe mußte man zuoberst hineinquetschen; ihr entnahm Bertin ein Manuskript, zwölf Gedichte für Lenore, als Überraschung und letztes Geschenk zum zweiten Jahrestage ihrer Bekanntschaft, der ihnen teurer war und Tieferes bedeutete als ihr Geburtstag. Der gelbe Umschlag, es zu verschicken, lag schon dabei; auf ihn bezog sich jener Auftrag an die hilfsbereite Paula Weber; sie würde auch seine Geige in Verwahrung nehmen, da Lenore ja höchstens postlagernde Briefe empfangen und verbergen konnte. Im Begriff, die Sendung fertig zu machen, schlug er sich vor die Stirn, nahm einen gewöhnlichen Briefbogen, setzte sich und schrieb:

»Letztwillige Verfügung.« (Die Worte »Testament« oder »Letzter Wille« schienen ihm zu aufgebläht.) »Obwohl es mir bei meiner Einziehung zur Armierung unpassend erscheint, den Schatten des Todes heraufzubeschwören, ordne ich doch das Folgende an. Meine Manuskripte und diejenigen meiner Bücher, die sie sich auswählt, gehören Fräulein Lenore Wahl, Potsdam, Parkring 11. ich bitte sie, mit meinen gedruckten und ungedruckten Arbeiten zu verfahren, wie sie es für richtig hält, ohne sie zu vernichten. Einkünfte aus ihnen sollen ihr gehören. Eine Verpflichtung erwächst ihr aus diesem Vermächtnis nicht. Sie ist vielmehr vollkommen frei, und ich wünschte nur, daß sie einen ihrer würdigen Freund trifft, falls ich ausgeschaltet werden sollte. Sie hat mir vom Tage unserer Bekanntschaft an nichts als Glück, Ansporn, Steigerung meiner Fähigkeiten gegeben. Ich danke ihr; ich fühle mein ganzes Wesen auf sie gerichtet; ob ich lebe oder sterbe, scheint mir dabei fast gleichgültig. Berlin, Brixenerstraße 6, am 20. April 1915, bei vollem Bewußtsein und in großer Dankbarkeit und Ruhe des Gemüts. Werner Bertin.«

Beim Überlesen schien ihm der Text ein bißchen zu empfindsam gefaßt, aber er verbot sich stirnrunzelnd Streichungen oder gar eine neue Niederschrift; endlich mußte man aufhören, sich seiner Gefühle oder ihres Ausdrucks zu schämen.

Er legte den Zettel in einen besonderen Umschlag, schrieb darauf »Letztwillige Verfügung«, vergaß den Satz: »Erst nach meinem Tode zu öffnen« über dem Hinträumen zu seiner Freundin, verschloß das Ganze in den großen gelben Briefumschlag, adressierte ihn an »Frl. Paula Weber, abzuholen« und sah auf die Uhr: gleich elf. Er lüftete sein Wohnzimmer, entkleidete sich nebenan, streckte sich wohlig im Bette aus, lag noch kurze Zeit wach, in Erwartung des tätigen Lebens, das ihn jetzt kräftig rütteln würde, und verdämmerte mit dem Vorsatz, am anderen Morgen um sechs Uhr pünktlich aufzuwachen. So schlief er, die linke Backe ins Kissen gedrückt, die schön gewölbte Stirn mit ihren Buchten und Hügeln, gelblich wie Elfenbein, begrenzt von gebogenen Augenbrauen über den geschlossenen Lidern. Der leicht offene Mund schuf ihm einen Ausdruck kindlicher Ergebung.

Nichts verriet die unbekannten Kammern seines Wesens, die jetzt vielleicht aufspringen würden, Überraschungen zeitigen. Undurchdringlich bettete sich dies Gesicht in die dunkle Luft des Zimmers. Hohlräume türmten sich über ihm auf, Wohnungen, Menschen darin, bis zum Dachboden, dem Gefilde der Fledermäuse, voll verstaubter Kisten, altem Hausrat, den der Berliner Klamotten nennt, Kinderspielzeugen, verschlissener Fahnen. Unten aber, noch unterhalb des Kellers, verliefen Kloaken und Röhren, die gewaltigen Adern des Gemeinwesens Berlin.

Feiner Regen umsprühte die Dächer der endlosen Stadt, die matt blinkten, wolkige Nebel. Sie zogen hin und her, sanken tief in die Straßenschluchten und hüllten die Laternen in fahlen, kugeligen Schein. Über die ganze norddeutsche Tiefebene brauten sie, vom Westen wehten sie an, erreichten auch noch die Feldstellungen im Osten. Keine Stimmen meldeten sich in ihnen, nichts winselte und klagte. Dennoch lagen im Erdreich oder auf dem nackten Boden schon Heere von toten Deutschen: zweihunderttausend im Westen allein, zweihunderttausend im Osten. Fast einer Million Männer waren Wunden zugefügt worden, all der Vermißten ungedacht, die tot in Wasserlöchern verkamen oder in Gefangenschaft sich zerrieben. Um die gelitten, geweint, gehadert ward in zahllosen verschlossenen Zimmern: nirgendwo öffentlich.

Zweites Kapitel

Auf dem Koffer

Zwei junge Frauen in frühlingshellen Jackenkleidern, kleine Strohhüte auf den Köpfen, stehen in einer Wohnung und schauen sich verwundert um. Frau Laubschrey, eine tüchtige Vermieterin, hat bereits die Gardinen abnehmen lassen. Wieviel Licht auf der dunkelbraunen Tapete dieses Wohnzimmers; und hatte je ein Schlafraum den graugeblümten Drell seiner Matratzen und Keilkissen so frech ausgestellt? In diese gleichsam ausgeplünderte Wohnung sind die Freundinnen eingetreten, um zu tun, was nach dem Auszug eines Mieters übrig bleibt, der in die sonderbare Lage versetzt ward, nicht einmal seinen Koffer mitnehmen zu können.

In drei Zimmern während ihres ganzen Lebens war Lenore Wahl glücklich gewesen; ihrem frühesten Kinderzimmer in Potsdam; in der Mansarde, hoch über den Wipfeln der Kastanie am Waldrand von Polling bei München; in diesem hier. Zwischen dem ersten und dem zweiten zogen sich Kindheit und Jugend hin, fast zwanzig Jahre voll immer wacherer Unruhe; zwischen dem zweiten und dem dritten klaffte nur ein Spalt: der Krieg.

Paula Weber hatte inzwischen mit erhobener Nase alle Räume durchspäht. »Werners Vertrauen in allen Ehren, – diesmal hätte er die Wahl’sche Ungnade ruhig auf sich ziehn und bei Ihnen anrufen sollen.« Aus Altweiler, Elsaß, war sie aufgebrochen, um nach vielen Kämpfen mit der Starrheit elterlicher Vorstellungen Geigerin zu werden, die Meisterschülerin eines großen greisen Künstlers.

»Auf sich? Ach, eh der an sich denkt, Paula! Mich vor dem Zorn meiner Hausgötter bewahren wollte er, weiter nichts. Und das soll ich ihm abgewöhnen?«

Paula Weber schüttelte den Kopf, die Augen unter gerunzelten Brauen kurz auf den Schreibtisch gerichtet.

»Irgend etwas fehlt in diesem Raum noch außer den Gardinen«, sagte inzwischen Lenore und setzte sich auf den Koffer, der im fröhlichen Lichte des Vormittags alle seine Schrammen und Flecken enthüllte. Ihre hellen Augen blitzten zwischen den Wänden hin und her. »Dabei sehe ich nicht, was. Da hängt die Gravüre mit der edlen Leiche, hier steht der Schreibtisch, der Bücherschrank, der nordsüdliche Diwan. Sagen Sie, was außer dem Herrn des Hauses und den Gardinen ›west ab‹?«

Paula Weber dachte: das kannst du nicht wissen. Bertin hatte von einem großen gelben Umschlag geschrieben, den sie unbemerkt vom Schreibtisch nehmen sollte. Aber hier lag nichts dergleichen: offenbar hatte ihn Frau Laubschrey in Verwahrung.

»Wir wollen doch suchen, Lenore.«

Lenore nickte und streichelte dabei den Koffer. Lieber alter Koffer, treuer als dein Herr. Die ganze münchener Zeit, den schönen Frühling und Sommer in Polling hast du brav in der Ecke gestanden, artig zugedeckt; manchmal habe ich auf dir gesessen. Jetzt bist du es, von dem ich Abschied nehme, der noch da ist, der auch den ganzen Duft unseres Winters eingeschluckt hat. Wenn du sprechen könntest, Koffer! Du standest ja im Schlafzimmer. Wenig angezogen hast mich gesehen, um nicht zu sagen: nackt wie einen Feldhasen. Es ist gut, auf dir zu sitzen, deine abgeschabten Kanten zu liebkosen. Aber ihr wahres Gefühl verbergend, sagte sie: »Dieser Werner Bertin darf schon einmal geduckt werden. Was für ein hochmütiges Mannsbild er in seinem Innersten ist, Paula!«

»Das sind sie alle. Stolz auf ihren Kopf und dabei so kindlich!«

»So kindlich! Ich glaube, sie halten den ganzen Krieg nur aus, um uns zu imponieren; und dabei machen sie sich vor, es gehe um den Weltgeist, und sie müßten uns herrlichen Zeiten entgegenführen.«

Paula zog den Schreibtischstuhl an sich, prüfte die verschlossenen Schübe. »Hier eben beginnt vielleicht unser Fehler, Lenore. Wir sollten sie nicht zu lang aus den Händen geben, sie verwandeln sich in zwei Tagen. André war nicht sechs Wochen in Ostpreußen bei seiner Schipperei – damals zogen sie die Ersatzreserve vorübergehend zu Schanzarbeiten ein – aber er kam mit Manieren zurück – mit Manieren! Ich errötete im Dunklen, solche Ausdrücke hatte er inzwischen gelernt; und wie er plötzlich den Herrn spielte! Er warb nicht mehr um mich, er kommandierte, er dachte, ich hätte Schlafzimmerdienst. Oh«, und sie lachte plötzlich klingend auf, »was für Augen er machte, als er auf dem Diwan im Wohnzimmer übernachten mußte, der gute Mann, bis er wieder begriffen hatte, wie man sich einer Dame nähert, mit der man nicht verheiratet ist! Nein, es tut ihnen nicht gut, zu gleicher Zeit gedrillt und aufgestachelt zu werden, den Herren der Schöpfung.«

Fröhliches Einverständnis hielt sie auf, bis Paula Weber zur Ernsthaftigkeit mahnte; sie waren hier doch in sachlichen Pflichten. Erst einmal die Geige herbei! Sie fand sich hinter den grünen Vorhängen des Bücherschranks. Und beim Hin und Her der Suche erkannte Lenore endlich: vor dem Diwan fehlte der Teppich, den sie beim Einzug vermißt und für billiges Geld im Warenhaus erstanden hatten, eine deutsche Nachahmung persischer Muster. Sollte Frau Miele, die für Frau Laubschrey die Wohnung instandhielt, ihn heut früh irrtümlich entfernt haben?

»Es ist Krieg, Lenore«, bemerkte Paula Weber mit weiser Miene; »die Männer nehmen im Feld auch, was sie brauchen. Sie nennen es requirieren; ein Fremdwort deckt alles Peinliche zu. Da der Werner unmöglich mit gerolltem Teppich auf dem Bezirkskommando angetreten ist, requirieren eben jetzt auch die Frauen.«

Lenore horchte erstaunt auf. Verdarb denn der Geist des Krieges die einfachen Leute? Ihre Mutter, mit Leidenschaft in der Fürsorge für Kriegerfrauen tätig, berichtete freilich, wie oft den Frauen das Geld mangelte, um den Kindern jeden Morgen einen bescheidenen Topf Milch hinzustellen oder die Miete zu bezahlen. Einen Teppich einfach fortschleppen jedoch – ging das nicht etwas weit, selbst im Kriege? »Frau Laubschrey wird Auskunft geben«, sagte sie.

Draußen klirrten Schlüssel im Schloß; geschäftig, mit zupackenden Blicken, rauschte Frau Laubschrey in den kahlen Raum. »Ja, nun wären wir so weit, Fräuleinchen«, meinte sie. »Hoffentlich haben Sie nicht zu lange geweint, es ist ja kein Abschied fürs Leben. Sie wollen den Koffer holen, wenn ich Sie am Telefon recht verstand?«

Lenore bejahte. Irgendwas Gefährliches lag in den Augen und der freundlichen Stimme dieser tüchtigen Wirtin. Und siehe da, innerhalb der nächsten fünf Minuten führte sie die schönste Keifszene auf, die vor den erschrockenen und belustigten Freundinnen je erklungen war. Nicht allein leugnete sie, in dieser Wohnung je einen Teppich gesehen zu haben, da sie sie ohne solchen vermietet hatte: auch das Entfernen des Koffers verweigerte sie, da ja noch Zahlungen für den Aprilverbrauch an Gas, Telefon und elektrischem Licht zu hinterlegen seien. Wer garantierte ihr diese Beträge? Wer wagte in diesen Zeiten von einem anderen Menschen Vertrauen zu verlangen? Nichts da. Der Koffer blieb hier, bis der Verbrauch von den Messungsbeamten festgestellt worden war.

Während Lenore Wahl vor dieser kreischenden Vermieterin sich erschreckt die Ohren zuzuhalten wünschte und sie ansah wie einen plötzlich wild ausbrechenden Gaul, dem man bisher ahnungslos vertraute, ließ Paula Weber sie gelassen zu Ende brausen, setzte ihr dann auseinander, daß sie an diesem Koffer kein Pfandrecht habe und jeder Polizist, von der Straße herbeigerufen, ihr diesen Standpunkt schon klar machen werde, wie er ja auch sich des verschwundenen Teppichs mit Energie annehmen müßte. (Um Gottes willen, dachte Lenore, Polizei! Sollte vielleicht Kommissar Galla bei Wahls anläuten oder gar vorsprechen in Sachen des verschwundenen Teppichs Brixenerstraße 6?) Daß ihre Sorge um etwaige Schulden des Herrn Bertin aber berechtigt, wenn auch nicht gerechtfertigt sei, und daß sie zu diesem Zwecke auf den Aprilverbrauch eine Anzahlung leisten würden, der dem an sich doch größeren des vergangenen März entspräche.

Damit zückte sie ein Geldstück, groß und silbern, ließ es klingend auf die Schreibtischplatte fallen und versprach, in den ersten Maitagen werde Fräulein Wahl oder sie selber unbedingt in Frau Laubschreys Salon erscheinen und gegen bereitgehaltene Belege den Rest begleichen.

»… den Teppich aber vergessen wir«, ergänzte Lenore. »Sie haben recht, hier hat nie einer gelegen.«

Frau Laubschrey lachte. Die beiden jungen Weiber gefielen ihr, die waren richtig. Über Kleinigkeiten großzügig hinweggehen, die Hauptsache geschickt durchführen. Sie würden sich die Haare nicht vom Kopfe stehlen lassen, so mußte man sein, um durchzukommen in dieser Welt ohne Männer, wo Hübschheit allein nichts mehr ausrichtete. »Schlossarek wird Ihnen den Koffer gern auf die Straße bringen für ein kleines Douceur«, sagte sie friedlich, »warum soll man der armen Miele auch Schwierigkeiten machen; ihr Mann ist eingezogen, keine Kleinigkeit, sich heute durchzubringen für die Frau mit drei Gören. Wer weiß denn, wie das alles noch werden soll. Für die kleinen Leute ist der Krieg gar kein Zuckerlecken, Frolleinchen, vielleicht, daß er bald zu Ende geht.«

Paula Weber, den wiederhergestellten Frieden benutzend, stimmte eifrig zu; dann bat sie Lenore, aus dem Papiergeschäft an der Ecke schnell zwei Frachtbriefe zu besorgen, die Bertin auszufüllen vergessen hatte. Das konnte man hier am bequemsten nachholen. Lenore eilte flink und folgsam hinaus.

Sie glaubte ungern etwas Schlimmes von Frau Laubschrey; sie hatte sich ihr auf eine viel zu überraschende Art eingeprägt. Am ersten Dezember, gegen fünf Uhr nachmittags, klingelte sie bei Bertin, die Miete zu kassieren. Sie kam von einem Leichenschmaus; ein alternder Geizhals hatte eine lebfrische Witwe zurückgelassen, und Frau Laubschrey an süßen Likören nicht nur genippt. Die beiden Freunde arbeiteten gerade den Bürstenabzug zweier Aufsätze durch, in denen Werner Bertin für eine Wochenschrift die Kriegshaltungen Japans und der Türkei darstellte, so gerecht er es vermochte. Frau Laubschrey war in diesen Frieden einigermaßen fremdartig hineingeplatzt, sie nahm einen Stuhl, zeigte sich entzückt, plapperte geziert und dann wieder urwüchsig, quittierte ihre fünfzig Mark und bestand plötzlich darauf, dem Fräulein die Karten zu legen. Sie trug sie zufällig bei sich. Oh, sie war bei vielen Leuten berühmt wegen ihrer Gabe!

Lenore entstammte einer glaubenslosen Zeit, einem glaubenslosen Hause und einer glaubenslosen Schule. Deshalb machte diese Frau auf sie einen gewissen Eindruck, als sie sie unter der Lampe sitzen sah, mit immer verglasterem Blick, den Hut mit der komischen Feder als abenteuerlichen Schatten neben sich auf der Tischplatte. Sie reichte ihr verdeckte Kartenbündel hin, hieß sie neun für sich ziehn und neun für ihn und in Reihen hinlegen, die Bildseite im Licht. Frau Laubschrey schien kleiner zu werden, zu altern; ihrem Munde entrangen sich halblaute Satzfetzen. (In ihrem Innern freilich war Dame Laubschrey höchst wach. Daß die beiden heiraten würden, lag auf der Hand, ebenso daß sie den Mann einzogen. Selbstverständlich mußte dann die Kleine alles für die Hochzeit besorgen, noch nie hatte der Krieg heiraten gehindert. Und hier wiederum sprach aus Frau Laubschrey ein tieferes Wissen, als sie selber ahnte: die Unzerstörbarkeit des Lebens, das sich auf weibliche Art gegen die männliche Wut des Zerstörens wehrt.) Da lag nun ein Teppich bunter Pappblättchen, altmodisch bebildert; in Worten, die wie feststehende Formeln sich einstempelten, verkündete Frau Laubschrey: »Ich sehe Gefahr, für Sie und ihn; hier liegt viel Geld und hier die Hochzeit. Herz Dame allein setzt die Hochzeit durch.« (Lenore dachte erbleichend: Ich allein! Ich bin doch schwach! ganz wie die Sybille beabsichtigt.) »Es ist Zeit dazwischen, Hindernisse«, fuhr sie fort, »die nächsten Leute, Vater und Mutter.« (Stimmt! dachte Lenore; und Frau Laubschrey, in sehr berlinischen Ausdrücken ihrerseits: »Daß die Alten von das Mädchen dem Herrchen nicht grade um den Hals fallen werden …«) Und dann, um dem Gänschen einen Bissen hinzuwerfen, an dem sie zu kauen haben würde: »Es wird auf den Tag genau so lange dauern wie es bisher gedauert hat: die Zeitkarte zwischen Herz zehn und Grün zehne. Sie werden’s schon schaffen, Fräulein, ich gratuliere«, und sie nahm Lenore die Hand vom Tisch, schüttelte sie, schien zu erwachen, ging.

Darüber vermochte man natürlich nur zu lachen. Sie, Lenore Wahl, und eine Hochzeit durchsetzen gegen den Widerstand der Welt? Jedenfalls aber konnte Macbeth seinen Hexen kein dankbareres Gefühl nachtragen als Lenore Wahl der Prophetin Laubschrey. Und die sollte jetzt einen Teppich …?

Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, so begann Paula Weber, sich die Handschuhe anzuziehen: »Das Wichtigste, Frau Laubschrey, habe ich mit Bedacht bis zu diesem Augenblick verschoben. Unser Freund Bertin hat auf diesem Schreibtisch einen großen gelben Briefumschlag hinterlassen, an mich gerichtet, der eine Geburtstagsüberraschung für unsere Freundin enthält. Ich hätte sie ihr nicht gern verdorben; Handschriften, Frau Laubschrey, Gedichte, wie sie unter Liebesleuten vorkommen. Sie haben ohne Zweifel das Papierzeug weggeschlossen, damit es nicht in unrechte Hände gerät, wofür ich Ihnen besonders dankbar bin.« Vor dem festen Blick ihrer braunen Augen gab es kein Ausweichen.

»Und so was Wichtiges legt der Herr mitten in ein offenes Zimmer. Echt Mann.« Und damit zückte sie den Schreibtischschlüssel und überreichte Paula Weber das Vermißte. »Ach, wenn sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe«, zitierte sie gefühlvoll. Da sie den Teppich behielt, der nun schon ihr eigen war, konnte sie auf andere Beute schließlich verzichten.

Paula Weber schob Bertins Papiere zwischen die Noten ihrer Musikmappe und schloß sie gerade, als Lenore, die Wangen gerötet vor Eile, wieder eintrat.

Nach noch einer Viertelstunde löste sie sich zärtlichen Blicks von der mittelalterlich verzierten Burgseite des Hauses Brixenerstraße 6, über dessen Eingang sich ein Lindwurm aus Mörtel krümmte, welchen von links der heilige Georg mit seiner Lanze durchstach, während von rechts Sankt Michael sein Schwert gegen ihn erhob, beide gewappnet und aus demselben Stoff wie der sich ringelnde Drache.

Drittes Kapitel

Väterliche Mächte

Um ein Kleines hätten die jungen Mädchen Gelegenheit gehabt, ihrem Freunde diesen Liebesdienst schon ein halbes Jahr früher zu erweisen – und wer weiß, ob das der Lenore Wahl nicht allerlei Erfahrungen erspart hätte. Daß es nicht dazu kam, lag weniger an Herrn Hugo Wahl als an der Person und den Sorgen des Mannes, mit dem er verabredet war.

Albert Schieffenzahn, Oberst, zur Zeit zum stellvertretenden Generalstabe in Berlin kommandiert, schob sich mit großen Schritten über den rot und grauen Teppich. Bei jedem Tritt verlegte er das Gewicht seines schweren Körpers sorgfältig von einem Fuß auf den anderen, in einer Art wankendem Abrollen der Sohle; leise schütterte das kahle Zimmer.

Man schrieb Ende Oktober 14; nach glänzendem Beginn war der Krieg jämmerlich festgefahren. Der gehende Mann knirschte mit seinen guten Zähnen; und wenn er auch kurzbeinig aussah, gaben ihm der vorgereckte Oberkörper und das breite Gebiß dennoch die Macht eines gefährlichen Kämpfers. Um den Osten brauchte er sich nicht zu kümmern; da werkten schon die rechten Leute; und er, Albert Schieffenzahn, wußte seinen Platz bei ihnen gesichert. Aber drüben, jenseits des Rheins, wo die Hochmögenden sich austobten! – Jemand mußte da sein, um den Tatsachen dicht auf die Haut zu sehen, ihren häßlichen Ausschlag, ihre zerfressenen Stellen. Seit etwa einer Woche schuftete er hier in Berlin, um die verzweifelte Lage der Artillerie zu beseitigen, die, sehenden Auges, den Batterien nur für den äußersten Notfall Abwehrfeuer gestattete. (»Stellen Sie Posten vor die Munition!«) Jede Nacht hing irgend jemand vom Stab der vierten Armee an der Strippe und schrie zu ihm nach Schrapnells, Feldgranaten, Pulverladungen. Sie warfen die Freiwilligenregimenter, zukünftige Führerscharen, ohne Artillerievorbereitung gegen englische Stellungen: Berufssoldaten mit Maschinengewehren hinter Bahndämmen in flandrischen Städten. Aber selbst seine Gabe, aufzuräumen und Dampf hinter verschlafenen Herrschaften zu machen, konnte nicht ausbessern, was in Jahren verbockt worden war; und dieser Herr Wahl aus Potsdam, den sofort zu empfangen ihn Geheimrat von Behr telegraphisch gebeten hatte, würde ihm auch nicht die Schuppen von den Augen kratzen. Luftstickstoff gab es nicht vor März oder Mai. Bis dahin mußte der Krieg im Saale stattfinden oder bedingungslos Frieden gesucht werden – nötigenfalls durch die Preisgabe Lothringens, die Räumung Belgiens. Dieser Friede war zu haben. Aber hieß das Sieg? Es hieß: die Niederlage. Ausreden? du lieber Gott! Albert Schieffenzahn hatte viel zu viel von innen her gesehen und neigte viel zu sehr dazu, sich mit einer rasenden Gründlichkeit, einem Künstler gleich, in den Gegenstand zu schmeißen, mit dem er gerade focht, um sich mit der billigen Ausrede der englischen Blockade zufrieden zu geben. Wenn deutsche Armeen nach knapp elf Wochen aus Mangel an Pulver, Schießbaumwolle, Nitroglyzerin ihre herrlichen Erfolge wegschwimmen sahen, so hatte man die Ursache davon bestimmt nicht in London zu suchen, sondern in Berlin.

Der Mann, der den schwarzkragigen Waffenrock des Artilleristen zu den bordeauxroten Streifen seiner Generalstabshose durch den quadratischen Eckraum trug, drehte zwischen den Fingern der Rechten eine Zigarre, von der er von Zeit zu Zeit Rauch kostete. Diese Stümper, Besserwisser, Kaiserdiener! Sie hatten einen Krieg losgelassen und mit der modernen Feuertechnik nicht gerechnet! Dabei wußten sie doch, es werde über kurz oder lang zum Kriege kommen. Sie hatten doch vor sechs Jahren dem zähen Ringen der Österreicher nachgegeben und in geheimen Abmachungen zwischen den Chefs der beiden Generalstäbe die Grundlagen des Dreibunds lieblich verändert. Ja, so entstand denn hinter dem Rücken der Parlamente und selbst der Regierungen eine Angriffsspitze gegen Rußland, falls es sich gewissen Absichten der feschen Herren am Ballplatz gegen die Serben widersetzen sollte. Hatten sie das in Kauf genommen oder nicht? Und wozu waren vorher, 1905, Berichte von ihm, Schieffenzahn, damals Hauptmann im Großen Generalstab, entsandt zu den Japanern als Beobachter und Berichterstatter, nach Berlin geschrieben worden? Wozu hatte er sich in der Mandschurei herumgetrieben, bei eisigem Wind, lehmbedreckt von oben bis unten, warum in Zelten bei einer Kerze mit starren Fingern Notizen über Notizen gekritzelt, den Argwohn der aalglatten Gelben hinters Licht geführt im wörtlichen Sinne, den Feuerverbrauch einer zukünftigen Artillerieschlacht aus den gegenwärtigen Leistungen der japanischen errechnend? Der Hochmut, mit dem sie ihn für seine Arbeit gelobt hatten! Und jetzt lagen sie heulend in den Betten, bestellten Gesundbeter, besoffen sich mit Rotwein oder, an allerhöchster Stelle, bekamen nervöse Wutzustände, gefolgt von Verzagtheit, und wehrten sich stumpf, selber etwas Entscheidendes anzuordnen. Was tröstete es ihn, Schieffenzahn, daß auch die Franzosen, die Engländer und selbst die Russen in ähnlicher Lage waren? Daß auch sie vor ihren Völkern von oben bis unten blamiert dastanden?

Albert Schieffenzahn knöpfte seinen Waffenrock auf, setzte die Hand in die Hüfte, und ohne seinen Spaziergang aufzugeben, diesen wiegenden und rollenden Tigergang durch den schweigenden Saal mit seinen dicken Wänden, geschlossenen Doppelfenstern, sah er der Meduse in die Augen. Die Niederlage an der Marne – hier schon begann es. Eine Schlacht, die auf dreihundertfünfzig Kilometern zwischen Vogesen und Paris geschlagen wurde, mußte natürlich verlieren, wer aus Rücksicht auf eine allerhöchste Person hinten im bequemen Luxemburg klebte, wo sehr bald niemand mehr wußte, was wo geschah, statt in der Nähe der wichtigsten Armeen den Überblick über das Ganze zu suchen. Dies war der Haupt- und Grundfehler, er lag im System, er hatte alle Kaisermanöver verdorben; und wollte man jetzt einzelne Generäle dafür büßen lassen, daß sie im außerordentlichen Ansturm des Sieges sich zu weit vorgewagt hatten oder zwischen den Märkern und den Sachsen ein Loch geblieben sei, so mochte man das einander in streng verschlossenen Zimmern vorreden, ihm, Albert Schieffenzahn, konnte man das nicht vorreden. Ein Wispern, Flüstern, ein hirnloses Gemunkel lief freilich unter den hohen Offizieren um: die Heeresleitung habe einen ihrer Oberstleutnants mit freier Vollmacht zur fechtenden Truppe entsandt, alles nach eigenem Ermessen zu entscheiden, und der, krank unter solcher Verantwortung, Melancholiker von je, habe die Schlacht abgebrochen, während sie sich ihm unter den Händen zum Günstigen wandte. Nun, mit den Jahren würde man auch hierüber die Wahrheit hören; heute half es nichts, darin herumzubohren.

In dieser Stunde nüchternen Vormittagslichtes, da Wind und Regen an den Ecken des freistehenden Hauses fauchten, begriff Oberst Schieffenzahn die unumdeutbaren Grundrisse des Kommenden. Überstand man die heutige Krise, so war es noch möglich, zu siegen. Freilich dauerte der Krieg dann Jahre, niemand vermochte an den Knöpfen des Waffenrocks abzuzählen, wie viele. Die Ernährung konnte schwierig werden, mancher Rohstoff fehlen, das Volk selbst die Nerven verlieren: wenn nur ein paar Leute den Willen zum Sieg als Rückgrat ihrer geehrten Person festhielten! Dann kam es darauf an, kommenden Tumulten vorzubeugen; alles, was nicht in Landwirtschaft, Bergbau, Kriegsindustrie unentbehrliche Posten bezog, so früh als möglich aus Deutschland wegzuführen, zumindest in den grauen Rock und unters Kriegsgesetz zu ducken. Armierungsbataillone! So gesehen, ward der Schippersoldat zum wesentlichen Bestandteil der Armee. In der belagerten Festung Deutschland durfte man sich nicht mit Gemütsbewegungen aufhalten; wer nicht im Feuer stand, erfreute sich ohnehin eines beneidenswerten Loses. Dann würden sie schon den Mund halten, die Herrschaften, denen ein Krieg etwa zu lange dauerte, die Gewerkschaftler, ungelernten Arbeiter, sogenannten Intellektuellen aus den freien Berufen. Alles hinein ins Schipperparadies, um sie für zukünftige Fronten langsam zu ertüchtigen. Und Frauen, Heimatheere von Frauen überall dorthin stellen, wo sie Männer ersetzten, in die Bahnen, die Post, in alle Fabriken, hinter jeden Schalter, jeden Ladentisch. Kein Staat der Welt bot so viel Vorbedingungen für dieses Spartanertum wie Deutschland, keiner konnte das nachmachen, keiner also uns brechen. Der Sieg ward nicht geschenkt, aber wer ihn sich so ertrotzte, dem fiel er anheim. Mochten die demokratischen Schwätzer jenseits der Grenzen von freiwilliger Mitarbeit eines unterrichteten Volkes faseln: das beste auf der Welt war der Befehl, hatte ein Dichter geschrieben, und – bei Preußens Fahnen – der Mann hatte Recht und verdiente einen Schnaps. Und an Befehl würde es nicht mangeln.

Nicht die Zukunft also, die Pulverkrise von heut und morgen brach uns das Genick, wenn nicht Wunder geschahen. Man konnte der Marine in bitteren Ressortschlachten leichte Munition entreißen, versuchen, von den Schweden über die Ostsee Stickstoff zu kriegen, den einzigen Neutralen, die uns wohlwollten. Vielleicht ließen sich auch aus Italien Salpetersalze einführen, die die italienische Landwirtschaft aus Südamerika bezog, wenn man dem kleinen Verräter dafür ein Stück des Trentino hinhielt, zahlbar bei Friedensschluß. Aber welch vage Aussichten! Und da sollte nach von Behrs Telegramm ein Bankier Rat schaffen?

Eine knappe Minute vor der angesetzten Zeit sah Oberst Schieffenzahn von dem Fenster aus, an das er lasch und erbittert lehnte, Herrn Hugo Wahl seinem großen Wagen entsteigen. Wenigstens war er pünktlich, dieser Herr aus Potsdam, ein – weiß der Deibel – jüdischer Herr, wie das Stückchen Profil, der schwarze Schnurrbart, die verdickten Schultern sofort verrieten. Oberst Schieffenzahn lachte kurz auf. Willkommen der Herr! Im Kriege mit England hätte er sogar den Teufel zum Bündnis eingeladen, angesichts der Tatsache, daß keinem Junker und keinem Minister die Worte »Rohstoffe, Getreidezufuhr, Ölbedarf« eingefallen waren – um wieviel eher jene, die doch nur wünschten, endlich als gleichberechtigte Staatsbürger angenommen zu werden. Mochten sie zeigen, was sie konnten!

Dann saß Herr Hugo Wahl, noch ein bißchen außer Atem, mit zurückgeschlagenem Mantel dem Obersten gegenüber. Unter seinen Klienten befanden sich Offiziere jeden Grades und weit höhere als ein Oberst. Aber hier, in diesen Räumen, umwittert vom Geiste der militärischen Unfehlbarkeit, fühlte er sich doch fast andächtig gestimmt. Der Herr Oberst sei durch Herrn von Behr, begann er leicht mit gewandter Stimme, vom Gegenstand seines Anliegens wohl schon unterrichtet. Wer aus dem besetzten Belgien auch nur ein Kaninchen ausführen wollte, bedurfte ja der Genehmigung zuständiger Militärbehörden. Die Einfuhr dieses Guanos jedoch, greifbaren Chilesalpeters, konnte für den Bedarf der brandenburgischen Landwirtschaft nicht eilig genug in die Wege geleitet …

Albert Schieffenzahn vermochte nicht zu hindern, daß seine Augen weit aufgingen wie die einer Eule auf Raub; und es gab wenig Menschen, die vor dem Ausdruck dieser Augen weitergesprochen hätten. Herr Hugo Wahl stockte also. Hatte er einen Fehler begangen? Ärgerte sich der Herr Oberst über solche Einmischungen Dritter?

Aber mit einer verbindlichen Geste, die Lider alsbald wieder halb über die Blicke gehängt, verneigte sich Schieffenzahn leicht und fragte: »Woher wollen Sie ihn aber nehmen und nicht stehlen, Ihren Guano?«

Herr Wahl berichtete. Sein Bearbeiter landwirtschaftlicher Kredite, jetzt der Landwehrgefreite Leo Brümmer, hatte als Posten auf Verladeanlagen im Antwerpener Hafen einen Zug von vierzig, vielleicht auch fünfzig Guanowaggons festgestellt, erstklassige Ware, wahrscheinlich frisch vom Schiff gelöscht.

»Ach, die meinen Sie«, nickte in vollkommener Selbstbeherrschung Albert Schieffenzahn. »Nein, lieber Herr, über die ist längst verfügt. Die gibt das neue Generalkommando daselbst nicht her; denn wir stehen unter Völkerrecht – der Amerikaner paßt höllisch auf – und müssen alles, was wir vorfinden, zuerst dem Lande zuführen.«

»Ach«, bedauerte Herr Wahl, »der belgische Boden ist ohnehin so viel besser als unser märkischer Sand, die kämen doch wirklich mit der Hälfte aus.«

Albert Schieffenzahn lachte wie ein Junge. »Wohl gesprochen. Nur müßten Sie’s dem Ressort drüben vorsingen, nicht uns armen Schächern. Der Telegrammwechsel mit Brüssel füllt schon jetzt einen mäßigen Schrank. Dabei hocken wir noch kaum drei Monate im Lande.«

»Wird man«, warf Herr Wahl ein, rasch versöhnt durch so viel Charme, »diesen Belgiern nicht nahelegen können, ihre wohlerwogenen Lebensnotwendigkeiten mit den unseren in Einklang zu bringen? Ich weiß, daß manche Herren unserer westlichen Industrie die unbequeme belgische Konkurrenz unter günstigen Bedingungen ganz gern in Zusammenarbeit verwandelten.«

»Später vielleicht, Zukunftsmusik, verehrter Herr«, antwortete Schieffenzahn, »vorläufig sind die mächtig fuchtig auf uns und werden sich schön hüten.« Und geschwellt von einem Glück, das sein ganzes Wesen durchtränkte, fügte er hinzu: »Aber der Mann, der Sie auf das Zeug aufmerksam gemacht hat, scheint ein geweckter Kopf zu sein. Die Verwaltung Belgien wird solche Leute dringend brauchen, Unterbeamte schockweise. Werden ihn mal erst zum Unteroffizier vorschlagen und dem Generalkommando als verwendungsfähig bezeichnen.« Und er notierte sich Namen, Truppenteil und Kompagnie des Landwehrmanns Leo Brümmer. Nun aber Herrn Wahl, diesen glückbringenden Zivilisten mit seinem rotgeschürzten Munde so schnell als möglich abschieben, sonst starb einer hier hinter seinem Schreibtisch an der Freude. Fünfzig Waggons Chilesalpeter – fünf Monate Schießbedarf! Gott war, wenn man diese Redensart einmal gebrauchen wollte, sichtbarlich für die Deutschen.

Herr Hugo Wahl dagegen dachte noch nicht an Aufbruch. Er hatte seine Enttäuschung bereits vergessen. Warum nicht? Die Bekanntschaft mit Oberst Schieffenzahn war eine Hin- und Rückfahrt wert; und saß der Brümmer in einer Stellung in Belgien, so ergab sich für später bestimmt dies oder jenes. Ein Bankier hatte jetzt ohnehin genug zu tun. Mit aller Gewalt wurde nach den zwei schweren Monaten Flaute eine Kriegswirtschaft aufgezogen, die bei verringerter Zahl von Angestellten alle Hände und Köpfe in Anspruch nahm. Aber da er hier mit jemandem sprach, vertraulich rauchend, dessen Notizen auf solch einem Zettel das Schicksal von Leuten beeinflußten, sollte er da nicht versuchen, dieses Subjekt Bertin, und zwar durch Einziehung, loszuwerden? diesen Herrn, der in München die Gelegenheit gut ausgenutzt hatte, seiner Tochter Lenore den Kopf zu verdrehen, und der vorigen Sonntag an seinem, Herrn Wahls eigenem Kaffeetisch Ansichten vom Stapel gelassen, Meinungen über den Kaiser, die Siegesallee, den Spielplan der Hoftheater und die Ziele dieses Krieges, die heute niemandem zustanden? Was man in den Julinummern des »Simplizissimus« noch mit Spaß durchflog, wirkte im Oktober anstößig, ekelerregend, aufreizend. Diesem Literaten zweifelhafter Herkunft war mit Disziplin und militärischer Ausbildung nur gedient.

Aber noch ehe er den Mund auftat, mit geläufiger Überleitung auf die Verbreiter ungünstiger Anschauungen über unsere moralische Verschuldung Belgien gegenüber und damit auf den armen Bertin zu kommen, erhob sich Albert Schieffenzahn. Mit verbindlichstem, ja herzlichem Tonfall dankte er Herrn Wahl für das Vergnügen seiner Unterhaltung und entschuldigte sich, eine wichtige Besprechung drüben im Reichstag fordere leider gebieterisch seine Anwesenheit. »Ich hoffe ja, binnen kurzem von hier fortgeholt zu werden«, sagte er geheimnisvoll, »im Zusammenhang mit gewissen Dingen, die sich im Osten ereignen dürften. Sonst aber rechne ich noch manchmal auf das Vergnügen, mit Herren des Wirtschaftslebens wie Ihnen zusammenzuarbeiten. Vielleicht kann ich Ihnen einmal besser dienen, es ist noch nicht aller Tage Abend. Und wenn Sie sich meinen absurden Namen merken können, so habe ich mir den Ihren, Herr Wahl, in die Gehirnwindungen geschrieben. Jederzeit gern zu Diensten, hochachtungsvoll Schieffenzahn.« Und er lachte so gewinnend wie nur ein bedeutender Mann, wenn er es darauf anlegt, einen Menschen zu fangen, schüttelte Herrn Wahl die Hand, begleitete ihn bis zur Tür und durch sie auf den Korridor, wies ihm die Richtung, schlug kadettenhaft die Hacken zusammen, sah ihm nach, sprang in sein Zimmer zurück, verschloß die Tür, trommelte sitzend mit beiden Fäusten auf den Schreibtisch wie ein Neger, den die Gewalt seiner Seele zu sprengen droht, und brach schließlich in Tränen aus, Tränen des Glücks, Tränen wilder Erlösung: der Krieg ging weiter, alles war Unsinn, Deutschland würde siegen. Ein Telegramm nach Antwerpen, geheim, dringlichst, das innerhalb dreier Stunden einen Wagenzug auf dem und dem Verladekai beschlagnahmte. Jetzt mochten die neuen Stickstoffwerke ihre Zeit brauchen. Auf der Rückfahrt, angenehm geschaukelt, überschlug Herr Hugo Wahl verschlossenen Gesichts Gewinn und Verlust dieser Stunden. Die Bekanntschaft mit einem so genialen und wichtigen Manne – großes Plus. Dagegen blieb freilich dieser Herr Bertin bestehen: unleugbares Minus, aber von welch untergeordneter Sorte! Hier genügte es wohl, wenn seine Frau und er die Augen über dem Mädchen offen hielten und dem harmlosen Geschöpf einprägten, welchen Umgang man für sie geeignet fand und welchen nicht. Er wollte das gleich mit Mathilde besprechen. Und plötzlich, als er im Fahren an den doch harmlosen Studenten Bertin dachte, verzerrte sich Herrn Wahls Gesicht zu einer schiefen Gebärde des Abscheus. Das waren die elenden Schreihälse, die jedem vaterländisch denkenden Israeliten das Leben verleideten – durch ihre zersetzende Kritik, ihre ewig offene Schnauze, den mangelnden Willen zur bürgerlichen Einordnung. Der korpulente Herr Wahl haßte nicht. Er hielt auf ruhiges Gemüt. Aber diesen Mitgiftjäger, gestand er sich, diesen schlauen Sponseur seiner Tochter, beehrte er mit einer Abneigung, über die, wie er meinte, keine Brücke führte.

Herr Wahl unterschied sich in solchen Meinungen nicht von anderen Vätern, die ihre Kinder ja meist leicht lenkbar glauben und sich von den Gesinnungen ihrer unwillkommenen Freunde schwarze Bilder malen. Wie Werner Bertin damals in Wirklichkeit dachte, wenn kein feister Bankier ihn zum Widerspruch reizte, offenbarte er am selben Tage vor ein paar Bekannten und einem fremden Herrn, im Hause des Schriftstellers und Kunstforschers Dr. Theodor Lederer, den er ebenso heftig anerkannte, wie er andere Männer verwarf.

An jenem Nachmittag reihten sich um den runden hellbraunen Biedermeiertisch, auf den zwei Wände voller Bücherrücken herunterblickten, die Vertreter dreier Generationen. Ein holländischer Handelsherr, Dr. van Rijlte, in Geschäften nach Berlin gekommen, stellte die älteste dar, von den jüngeren und jungen Menschen im Raum mit Sehnsucht betrachtet, weil sich hinter seinem Rücken die weite Welt öffnete: Schiffsstraßen nach Sumatra, Borneo, Java, den glücklichen Inseln. Daß er hier und anderswo herumsaß, Gespräche mit geistigen Deutschen suchend, weil er und andere holländische Herren die Zeit der großen Munitionskrise gern zur Anbahnung eines raschen Friedens ausgenutzt hätten, wußte nur der Schriftsteller Hermann Lorcher, der lang und hager, einen schrägen Kneifer vor den ausdrucksvollen Augen, am Ofen lehnte, seine knochigen Hände zu wärmen. Die Damen, heftig strickend, graue Pulswärmer, Halsschützer oder Socken, stimmten der Frau des Hauses zu, die behauptete, wir seien ein großes Volk, wir müßten uns ausdehnen, Belgien, Antwerpen dem Deutschen Reiche einverleiben. Daß wir deswegen den dichtest bevölkerten Industriestaat der Erde annektierten – diesen spöttischen Zwischenruf vom Ofen her überhörte sie. Dr. Berchtl, ehemals Privatdozent in München, den gebuckelten Schädel über gefalteten Händen, ließ seine Augen durchdringend glänzen und hoffte, die Kirche werde bei der Angleichung der Belgier an die Deutschen des verwandten Rheinlandes ihre guten Dienste leisten; war doch bekannt, daß Papst Pius X. den Waffen des apostolischen Österreichs allen Segen wünschte. Der junge Dr. Albert Loth, Rechtsanwalt und Rheinländer, verlor damals die Gunst der Hausfrau (sie war eine sehr berühmte Pianistin, die stürmische Mela Hartig-Lederer), weil er sanft lächelnd das Ganze dieser Träumereien ablehnte und verschleierte Annexion ebenso unwürdig wie unmöglich fand, ja zu erklären wagte: er habe immer den Krieg als organisierte Gewalt verneint und sehe keinen Anlaß, diesen gut bestätigten Standpunkt zu verlassen. Niemand pflichtete ihm bei. Der Hausherr, die elfenbeingelbe Hand im Barte, blickte beruhigend seine Gattin an, deren Stricknadeln Zorn sprühten. Die kleine zähe Frau Dr. Berchtl in der Ecke des gebogenen Sofas erging sich dafür in Angriffen gegen gewisse Intellektuelle der Westmächte, Belgier, Iren, Franzosen, Schweizer, die ihren Ruf und ein gutes Stück Geld den deutschen Bühnen und Verlegern verdankten und uns jetzt ebenso albern wie gehässig im Stiche ließen. Dabei sah jeder Gutwillige ein, Österreich und Deutschland hatten diesen Krieg nur in Not begonnen.

Dr. van Rijlte nickte nachdenklich mit seinem roten Gesicht, den weißen gescheitelten Haaren. Während er kleine Kuchen zerbröckelte und sich die Krümel zwischen die Lippen warf, lenkte er das Gespräch von diesem hoffnungslosen Thema weg. Diese Leute hier wußten nur von deutschen Siegen; der Belagerungszustand verhinderte freilich, daß sie von der Wirklichkeit Kenntnis bekamen – in eine falsche Sicherheit gewiegt, die eines Tages verhängnisvoll zerbrechen mußte. »Belgien ist ein unfreundliches Ländchen«, scherzte er, »zu viel Nonnen und Pfaffen und immerfort Regen. Wer dort nichts zu tun hat, der flüchtet es.« Er sah in der Runde lauter geistige Gesichter, gut geformt, im Mittelpunkte Frau Melas Kopf einer tiroler Bäuerin, und fragte gelassen, was man von der Zerstörung der Reimser Kathedrale halte. Hier seien doch Kunstgelehrte und Schriftsteller versammelt, Philosophen, schöne junge Damen. Er habe in Deutschland die Meinung gefunden, dieses einzigartige Kunstwerk sei nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers wert, um ein Bismarcksches Wort anzuwenden, und wenn sie, gleich den Tuchhallen von Ypern, dem Artilleriefeuer zum Opfer fiel, waren ausschließlich diejenigen schuld, die Artilleriebeobachter auf ihre Türme geschickt hatten. Dies aber sei, fuhr er lustig fort, nichts für langbärtige Geister. Junge müßten sprechen, sich ihm als Gegner stellen, solche, die selber Soldaten wurden, wenn der Krieg weiterging.

Da nun erklärte sich Werner Bertin zur Antwort bereit. Er sei zukünftiger Artillerist und der Verfasser von Dramen; und wenn es nicht unbescheiden sei, in Gegenwart so viel Berufenerer zu reden, an ihm werde es nicht fehlen.

Einige sahen ihn aufmunternd an. Niemand ahnte, mit welcher Erregung Lenore Wahl die Worte ihres Freundes erwartete. Jetzt sollte er vor aller Welt eine Maßnahme verteidigen, unter der er ebenso litt wie sie.

Bertin fiel vor Verlegenheit in den singenden Tonfall seiner schlesischen Heimat und in ihre allzu offenen Vokale. Die Zersteerung eines so großen Kunstwerks sei ieberhaupt keine Angelegenheit, die durch geistiges Streiten gekleert werden könnte, begann er also errötend, sie sei vielmehr ein tragisches Ereignis, würdig, zum Gegenstand eines hohen Trauerspiels erhoben zu werden, wenn man aus so naher Gegenwart überhaupt Stoffe für Dichtungen wählen durfte. Es wäre ein Verbrechen gewesen, hätten die Franzosen es unterlassen, Beobachter auf die Plattform dieses steinernen Gebirges zu schicken, und es wäre das gleiche Verbrechen gewesen, falls sich die Deutschen von dem unersetzlichen Kunstwerte des herrlichen Gebäudes hätten abhalten lassen, auf jene zu feuern. Notwendigkeit knüpfte beide Seiten in einen tragischen Knoten, und nur der Blick des Schicksals selber, der beide umfaßte, konnte jetzt schon entscheiden, auf welcher Seite der glanzvolle Untergang und die innere Rechtfertigung aufleuchten werde.

»Tief gedacht«, erwiderte da van Rijlte, »die Franzosen nebenbei leugnen diese Beobachter. Sie also, junger Mann, der Sie solche Streitfälle aus der Erörterung verbannen, Sie würden auch auf das Straßburger Münster schießen, wenn es dazu käme?«

Und Bertin entgegnete, leicht schlesisch betonend: »Ich würde blutenden Herzens auf das Straßburger Münster schießen, wenn das Unglück es so fügte. Vielleicht käme man sein Lebelang darüber nicht hinweg …«

»Weigern würden Sie sich also nicht?« fragte Frau Dr. Lorcher, sanft und grauhaarig, aus der anderen Ecke des Sofas.

Und Bertin: »Nein. Ich würde meine Last auf mich nehmen.«

Es entstand eine kleine Stille, während derer alle mit eigenen Gedanken diesen jungen Mann Bertin ansahen und erwogen, was er gesagt habe. Van Rijlte fand, Deutschland sei in hoffnungsloser Lage. Frau Mela fand, Deutschland sei in herrlichem Aufschwung. Hermann Lorcher dachte: armer Narr. Lenore Wahl dachte: geliebter Junge, geliebtes Herz.

Viertes Kapitel

Der in Küstrin

Ein Reisekoffer, über einen Zentner schwer, wird auf einer eisernen Bahre gerollt; zwei kurze Räder und zwei Handgriffe, er steht in der Kippe, und ein Aufzug befördert ihn in den Lagerraum. Dort wartet er kurze Zeit, bis in der Nacht ein langer Güterzug zusammengeschoben wird. In einem geschlossenen Wagen, zufälligerweise nicht zum Transport von achtundvierzig Mann oder sechs Pferden benötigt, steht er eingeklemmt, damit er sich nicht rühre, neben Fässern mit Heringen, die von Stettin nach Bielitz bestimmt sind, Österreich-Schlesien, und über Kreuzburg geleitet werden, weil die kürzere Verbindung über Beuthen-Kattowitz von der Kohlenabfuhr, den Truppentransporten, Heeresgut und dem Bedarf des Industriebezirks an Grubenholz allzusehr in Anspruch genommen wird. Aus den Spandauer Werkstätten verlädt man in den kreuzburger Wagen flache Henkelkisten, Übungsmunition für die Maschinengewehrkompanie des Infanteriebataillons, das in der Stadt Kreuzburg seinen Standort hat, aus Berlin Weidenkörbe, in denen Glasballons Säure enthalten, ebenfalls für Österreich, und schließlich eine Menge kleinerer und größerer Kisten, alle aus weißem wertlosem Holz, mit Gütern des Rheinlandes, nach Breslau bestimmt. Breslau ist eine große Stadt, viel Bedarf, ein breiter Markt öffnet sich nach Osten, nach Polen, dem besetzten Gebiet. Der Vorsteher des Güterbahnhofs in Kreuzburg wird den braunen Koffer an Herrn Berthold Bertin in seiner schattigen Ecke nicht übersehen. Vor den Heringsfässern hat ihn der Verlader mit einer Pappe geschützt, der stark duftenden Lake wegen; so empfängt ihn mitsamt dem Frachtbrief der Spediteur Pawlitzky und rollt ihn mit anderem Gut vor der Möbeltischlerei des Herrn Berthold Bertin ab. In ihrer Bluse aus Waschsamt, gelb-braun und braun-grün gemustert, Filzschuhe an den Füßen, begleitet Frau Bertin klein und lautlos den leise nach Hering riechenden Koffer bei seinem Einzug durch Laden und Wohnung. Aufgeregt schlägt ihr Herz. Da ist er nun – alles, was ihr von ihrem Jungen vorläufig in Händen bleibt. Das Fräulein Wahl hat lieb geschrieben, wirklich nett für eine Unbekannte, und die Schlüssel geschickt; und da das Ladengeschäft so ruhig geht wie nie zuvor – denn wer hat jetzt schon Bedarf an einem Herrenzimmer in Eiche oder einem lackierten Schlafzimmer – kann sie dem Auspacken und Weghängen des Inhalts lange, zärtliche Stunden widmen. Die Fenster des Wohnzimmers gehen auf den Hof hinaus, der auf drei Seiten von niederen Gebäuden umgeben ist, die alle zu Herrn Bertins Betrieb gehören. Rechts und links werden sie von den mächtigen Flanken der Nachbarhäuser überragt, die Werner so haßt. Er hat überhaupt so seltsame Gewohnheiten, Gefühlsausbrüche, Empfindlichkeiten. Er ist nicht wie andere junge Leute, er ist ein eigentümlicher Mensch. Sehr oft mußte man sich über ihn ärgern; dabei weiß man, daß er einen lieb hat und liebt ihn selber sehr. Seufzend muß man zugeben, daß er nun wieder auf lange hinaus den Doktor nicht machen wird, den er doch machen soll, denn jetzt steckt er bei dieser Armierung in Küstrin, wo es dem Alten Fritz so schlecht ging, als er noch Kronprinz war, und gar seinem armen Freund, dem Katte. Sicher dauert der Krieg bis in den Sommer hinein; er hat schon so viele Semester verloren, da kommt es auf eines mehr nicht an. Daß er immer abwesend ist, schon so viele Jahre – sie kann es schwer verwinden; und doch erhebt sich nach den ersten drei, vier Ferientagen zu Hause bestimmt ein Zank, weil er mit seinem Bruder das Zimmer nicht teilen will, sich weigert, zum Sommerfest der Tischlerinnung ein Gedicht zu verfassen, dem Herrn Justizrat Czempiner einen Besuch zu machen. Auf Feldern, in Wäldern sich herumtreiben, anderthalb Stunden auf einer kleinen Planke liegen, quer über einem Bach, und dem Treiben eines ekelhaften Tieres zuzuschauen, einer braunen Wasserratte, deswegen aber zu spät zum Mittagessen kommen, so daß die Suppe noch einmal gewärmt werden muß – das ist ihr Werner. Ach Gott, nun denkt sie lauter Ungünstiges über ihn, und wie ordentlich hat er doch wieder seinen Koffer gepackt; und sie nimmt nun Gegenstand um Gegenstand heraus, dreht ihn, wendet ihn, schüttelt die Kleider, glättet die Oberhemden, bürstet die Filzhüte, denen sie wieder Form zu geben versucht, stellt mit spitzen Fingern die kleinen Vasen auf ein Vertikow, wickelt das Bronzetintenfaß aus den Strümpfen, wischt die schwarze Marmorschale blank, die dieses Fräulein Wahl ihrem Werner für seinen Schreibtisch zum Geburtstag geschenkt hat. Ja, er war immer sehr eigentümlich, ihr Junge. Seine vielen Kopfschmerzen, sein Lungenspitzenkatarrh, sein empfindlicher Kehlkopf, sein leicht erregbares Herz – wie wird es ihm jetzt bloß bei den Soldaten ergehen? Vater und Bruder lachen zwar, dem hochmütigen Kerl sei der Schliff in einer strammen Kaserne notwendiger als irgend einem anderen. Ja, und seine Augen. Wer hätte gedacht, daß sie ihren Jungen noch einmal als Soldaten sehen würde? Gegen den Krieg durfte sie ja nichts sagen, die Russen hatten ihn angefangen; sollten die verdammten Kosaken vielleicht nach Kreuzburg einrücken und ihre viehischen Sitten bei uns ausbreiten? Sie hatte zwar noch keinen, gottlob, erblickt; aber es stand doch alles in der Zeitung. Solange die Feinde keinen Frieden wollten, mußten wir ihnen halt das Fell gerben, und für das Portemonnaie war der Krieg ja ein Segen. Wie hatten sie sich hier gequält, zwischen 1894, als Werner die Masern hatte und gleich darauf Scharlach, und 1908, als er nach München ging. Wie langsam hatte sich auch nur die Gewißheit in ihr Leben eingebaut, sie würden am Monatsanfang nicht mehr der Miete wegen zittern müssen oder sie von einer Kreditgenossenschaft borgen, weil sich Rechnungen für verkaufte Ware so furchtbar schwer in bares Geld verwandelten. Jetzt aber, seit ihr Fritz den Vater überredet hatte, sich um die Anfertigung von Munitionskisten zu bewerben, aller Modelle und Verwendungsarten, jetzt sah es freilich bei ihnen geradezu üppig aus. Da türmten sich auf dem Hofe die kantigen Behälter, die flachen für Infanteriepatronen, die schmalen, langen für Handgranaten, die mit Zinkblech ausgeschlagen werden mußten, und die großen Würfel für die Artillerie, in die man Pulversäcke oder etwas ganz Besonderes verpackte, Salzvorlagen genannt, sie wußte nicht, wozu benötigt. Sie hängte die Anzüge erst über Stuhllehnen, dann über die Bügel; sie mußten alle zum Schneider, der Flickschneider Cohnreich würde sie wiederherstellen, wenigstens ausklopfen, bügeln und unten an den Hosenbeinen neue Stoßborten einheften. Die Schuhe mußten auf Leisten gespannt werden, die getragene Wäsche kam gleich hinunter in den Korb. Sicher würde Werner bald um Strümpfe oder Unterhosen schreiben. Die Manuskripte blieben am besten im Koffereinsatz liegen, Noten und Bücher wanderten erst einmal in die Regale, später konnten sie noch einmal gut abgestaubt und wieder aufgestellt werden. Sie wußte ja, wieviel ihm an diesen Manuskripten lag; was für ausgedachte Geschichten ihr Werner im Kopf hatte, und wie er sie zu Papier zu bringen verstand. Wer ihr das gesagt hätte, als sie ihn vor so vielen Jahren in einer glücklichen Mittagsstunde zur Welt brachte! Gott, solch ein kleines lustiges Kind, und jetzt Verfasser von Büchern und Theaterstücken, die der Zensur nicht gefielen. Er konnte sich eben nie und nimmer anpassen. Er würde es schwer haben jetzt in diesem dummen Küstrin.

Und angesichts des geleerten Koffers auf einem Stuhle sitzend mit gelber Lehne und Rohrgeflecht, umgeben von Oberhemden, Anzügen, Schuhen und einem Haufen getragener Wäsche, drückte Frau Lina Bertin mit ihren schmalen, welken Händen das Taschentuch an die Augen, weil sie ihren unglücklichen Sohn so sehr bemitleidete, aus seiner geistigen Höhe herabgestürzt zu den Schippern.

Aber das Mutterherz irrte. Der Sohn bedurfte gar keines Mitleids, er fühlte sich vielmehr vollkommen glücklich. Als er acht oder zehn Tage nach seiner Einziehung im zweiten Brief aus Kreuzburg las, alle seine Sachen seien gut angelangt und ausgepackt worden – »kämst du nur bald, sie wieder abzuholen« – hätte nicht viel an echter Verwunderung gefehlt. So greifbar nahe lag der Tag seines Einpackens zurück? Er aß andere Speisen, begann den Tag auf neue Weise, teilte ihn anders ein als je, füllte ihn mit fremdartigen Bewegungen aus, warf seine Beine, seine Arme hoch, streckte seinen Rücken, höhlte den Bauch, gehorchte Antrieben, die seit ein Halbdutzend Jahren verschüttet lagen, zu Turnübungen, Kniebeugen, Marschschritten und Dauerlauf. Ja, er hörte neue Sprachen um sich und in sich, einen betäubend frohen Wirbel von Befehlen von außen und aus seinem Innern. Sonderbar, daß sich seine Handschrift nicht schon verändert hatte, sich gleich blieb wie die der Mutter.

Er steckte in einer Uniform, die ihn einem Gefängnisinsassen anähnelte: der plump geschnittene graue Rock saß notdürftig in den Achseln, hing viel zu weit um seinen Leib, war von keinem Gurt zusammengefaßt. Rote Vierecke, Spiegel genannt, verzierten den Kragen und ließen das Gesicht noch blasser erscheinen, dem das ganz kurz geschnittene Haar plötzlich abstehende Ohren verlieh. Eine Mütze, unförmig wie der Teig eines Kartoffelpuffers und ebenso grau, ward nach Vorschrift bis auf die Augenbrauen herabgezogen. Sie nahm dem Menschen die Stirn und die Kopfform weg und machte ihn so blöde aussehen, wie das Selbstgefühl schnurrbärtiger Militärs cs von neu eingezogenen Rekruten erwartete. Aber das machte nichts, es gab zu lachen. Das Vaterland war größerer Opfer wert. Nur freute er sich der Aussicht, nach wenigen Tagen die Festung selbst zu verlassen und in kleineren Kommandos auf die Dörfer der Umgebung verteilt zu werden, »zur Eingewöhnung«, wie Sergeant Boost ihnen zuzwinkerte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Junge Frau von 1914" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen