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Juliet – Königin meines Herzens

1. KAPITEL

„Ein furchtbarer Tag!“ grollte Luc Dumont, als er Juliet Beaudreaus Büro betrat.

„Was ist passiert?“, fragte sie, während sie hastig einen Stapel Papiere von einem Stuhl räumte. Doch Luc ignorierte den angebotenen Platz und marschierte stattdessen unruhig auf und ab. Juliets Arbeitszimmer lag im untersten Turmgeschoss des de-Bergeron-Palastes in St. Michele. Und Lucs Anwesenheit ließ den schmalen Raum noch enger erscheinen, als er ohnehin schon war. Luc Dumont gehörte zu der Sorte Mann, die man einfach nicht übersehen konnte.

Das war auch Juliets erster Eindruck von ihm gewesen, als sie ihn vor drei Jahren kennengelernt hatte. Seitdem leuchteten ihre Augen jedes Mal auf, sobald sie ihn zu Gesicht bekam. Er war groß und schlank, hatte dichtes braunes Haar, ausgesprochen markante Gesichtszüge und die schönsten blauen Augen, die man sich nur vorstellen konnte.

Heute trug er nicht seine offizielle Arbeitskleidung, die aus einem klassischen schwarzen Anzug mit hellblauem Hemd und burgunderroter Krawatte bestand, sondern ein schwarzes Hemd zur lässigen Jeans. Das ließ Juliet vermuten, dass er gerade erst von einer seiner Recherchetouren zurückgekommen war.

Luc war ein Mann mit vielen Gesichtern – manchmal tiefernst und dann wieder ausgesprochen humorvoll und locker. Doch immer spürte man eine nicht fassbare Anspannung unter der Schale seines kultivierten und beherrschten Wesens, mit dem er anderen gegenübertrat.

In dieser Sekunde allerdings sah er für Juliet einfach nur umwerfend attraktiv aus und … entnervt.

„Was passiert ist?“, wiederholte Luc. „Du würdest es nicht glauben, wenn ich es dir erzählte.“

„Natürlich würde ich das“, protestierte Juliet. „Kann es sein, dass du endlich den verschollenen Thronerben gefunden hast?“

„Sieht ganz so aus.“

„Du scheinst aber nicht sehr erfreut darüber zu sein“, stellte Juliet fest, kam um den soliden Eichenschreibtisch herum und setzte sich vorn auf die Ecke. Dabei ging ihr durch den Kopf, dass sie lieber etwas Attraktiveres anhätte als einen schlichten schwarzen Rock mit einem ebenso schmucklosen schwarzen Top.

„Wer ist es?“, fragte sie neugierig. „Auf jeden Fall nicht Sebastian LeMarc, wie wir inzwischen wissen. Sein Anspruch auf den Thron von St. Michele hat sich ja als unberechtigt herausgestellt.“

„Diese Intrige hatte seine Mutter eingefädelt, nicht er selbst“, erinnerte Luc sie. „Mütter können einen manchmal ganz schön in die Bredouille bringen“, schloss er bitter.

Beunruhigt legte Juliet eine Hand auf seinen Arm und stoppte damit Lucs rastloses Umherwandern. „Erzähl mir, was los ist, Luc“, bat sie ruhig. „Du weißt, du kannst mir vertrauen.“ Sie spürte einen leichten Stich im Herzen, als Luc zögerte.

„Ich komme gerade von einem Besuch bei meinem Vater“, sagte er dann endlich.

Lag vielleicht dort die Erklärung für seine spürbare Unruhe? Hatte Luc familiäre Probleme? „Verlief der Besuch denn so schlecht?“

„Kommt darauf an, wonach du fragst.“ Er seufzte auf, als er ihren irritierten Blick sah. „Ich befürchte, ich muss dir erst einige Hintergrundinformationen liefern, bevor du verstehst“, sagte Luc gepresst. „Also, … meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Nicht lange danach hat mein Vater wieder geheiratet …“

„Und deine Stiefmutter war eine schreckliche Frau“, fuhr Juliet für ihn fort. „Um dich aus dem Weg zu haben, hat sie dich nach England zur Schule geschickt. Zuerst nach Eton, dann nach Cambridge.“

Luc runzelte die Stirn. „Woher weißt du das?“

Ups! Juliet versuchte, zurückzurudern. „Hast du es mir nicht selbst erzählt?“

„Bestimmt nicht. Ich spreche grundsätzlich nicht über meine Familie.“

„Okay“, räumte sie ein. „Ich habe es aus deinem Lebenslauf. Bevor er starb, hat mein Stiefvater, König Philippe, mir uneingeschränkten Zugang zum Palastarchiv und zu allen internen Unterlagen gewährt.“

„Um dir deine Arbeit an deiner Diplomarbeit zu erleichtern, und nicht, um zu schnüffeln, nehme ich an“, sagte Luc steif. „Und ich bin mir ganz sicher, in meinem Lebenslauf stand nichts über den Charakter meiner Stiefmutter.“

„Das konnte ich mir leicht selbst zusammenreimen. Bist du jetzt böse auf mich?“ Juliet schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln.

Luc schüttelte nur müde den Kopf. „Nein. Wie auch immer – seit ich in England zur Schule ging, haben mein Vater und ich uns kaum noch gesehen. Andernfalls wären die Lügen möglicherweise viel früher aufgedeckt worden.“

„Welche Lügen?“

„Zum Beispiel über den Mann, den ich bisher für meinen Vater hielt, oder über die Frau, die meine Mutter war … oder über mich selbst und den, der ich heute bin …“ Seine Stimme klang ganz rau vor unterdrückten Emotionen.

Juliet hatte Luc noch nie so verunsichert gesehen. Sie wusste nicht, ob es an seiner strengen Schulausbildung in England oder der jahrelangen Tätigkeit bei Interpol lag, dass er ihr immer als der kontrollierteste Mann der Welt erschienen war. Auch in seiner derzeitigen Tätigkeit als Geheimdienstchef von St. Michele war Luc Dumont ein Vorbild an Kompetenz und Souveränität. Jemand, der darauf achtete, stets beherrscht zu sein und Distanz zu halten.

Und das lag wahrscheinlich daran, wie er groß geworden war. Quasi als Fremdling in der eigenen Familie. Juliet kannte dieses Gefühl nur zu gut.

Als Stieftochter des verstorbenen Regenten von St. Michele fühlte sie sich nicht wirklich zur königlichen Familie gehörig, sondern als Außenseiter. Dabei hatten ihre Stiefschwestern, ehemals königliche Prinzessinnen, sie nie als einen solchen behandelt. Aber sie war anders. Ein dunkelhaariger Bücherwurm zwischen drei blonden Grazien.

Sie gehörte einfach nicht in ihre aufregende, bunte Glitzerwelt.

Der Einzige, mit dem Juliet sich in den letzten Jahren angefreundet hatte, war Luc. Er mochte mit seinen zweiunddreißig Jahren im Vergleich zu ihren zweiundzwanzig vielleicht ein wenig zu alt für sie sein, aber Juliet war von jeher viel reifer als andere Mädchen in ihrem Alter gewesen. Zwischen Luc und ihr hatte sich ein zartes Band entsponnen, das sie nicht gefährden wollte, indem sie ihn zu sehr bedrängte. Zumal sie wusste, dass er in ihr nur eine gute Freundin sah.

Und das ist auch gut so, versuchte Juliet sich immer wieder einzureden. Ich muss mit dem zufrieden sein, was ich bekomme. Immerhin ist Luc der beste Freund, den man sich vorstellen kann.

„Gleichgültig, welche Gerüchte es um deinen Vater und deine Mutter geben mag … ich weiß ganz genau, wer du heute bist“, sagte sie mit Nachdruck. „Du bist ein wundervoller, aufrechter, ehrenhafter Mann.“

Luc seufzte. „Du kannst nicht wissen, wie es ist, plötzlich zu erfahren, dass dein ganzes Leben auf einer Lüge aufgebaut ist.“

„Wie sollte ich auch, wenn du mir nicht verrätst, was geschehen ist?“, konterte sie. „Warum erzählst du mir nicht alles von Anfang an?“

„Ah, ja … der Anfang …“, kam es ironisch zurück, und Juliet schaute Luc irritiert an. „Dann beginnen wir am besten bei der Heirat zwischen dem Kronprinzen Philippe de Bergeron und der jungen Katie Graham aus den USA. Ihre Ehe galt als illegitim, weil Katie zu diesem Zeitpunkt erst siebzehn und damit noch nicht volljährig war.“

„Ja, ich weiß. Wie es sich dann aber herausstellte, war die Eheschließung doch vor dem Gesetz gültig. Deshalb suchst du schließlich seit Monaten nach dem Kind aus dieser Verbindung – dem Thronerben und zukünftigen König von St. Michele“, erinnerte Juliet ihn.

„Nun … wie es aussieht, ist die Suche vorbei“, sagte Luc gedehnt.

„Und das nennst du einen furchtbaren Tag? Endlich hast du mit deiner Mission Erfolg gehabt, Luc! Wer ist es? Wo ist er? Und warum freust du dich nicht?“

„Ich … ich finde die ganze Situation einfach schwer zu akzeptieren.“

„Welche Situation?“

„Na, zum Beispiel, dass mein Vater gar nicht mein Vater ist.“

„Oh, Luc …“, sagte sie mitfühlend.

Er versuchte so zu tun, als träfe ihn diese Erkenntnis nicht über die Maßen, aber Juliet sah den Schmerz in seinen blauen Augen. „Mein Leben hat sich im Handumdrehen in eine abstruse amerikanische Seifenoper verwandelt …“ Seine Stimme klang rau und schwankte ein bisschen. „Heute bin ich zu ihm gegangen, um diesem ganzen Durcheinander endgültig auf den Grund zu gehen.“

„Welchem Durcheinander?“, hakte Juliet vorsichtig nach.

Luc seufzte. „Nachdem ich die Information bekam, dass Albert Dumont nicht mein leiblicher Vater ist, habe ich ihn zur Rede gestellt. Er bestätigte meine Annahme und gestand mir, dass meine Mutter vorher schon zweimal verheiratet war.“

„Wusste Albert denn, wer dein wirklicher Vater ist?“

Luc schüttelte den Kopf. „Nur, dass meine Mutter mit Robert Johnson, ihrem zweiten Ehemann, unglücklich war und sich hat scheiden lassen. Offensichtlich hat dieser Lump sie betrogen. Albert war bei der gleichen Firma wie Robert Johnson beschäftigt und sah meine Mutter anlässlich einer offiziellen Firmenfeier zum ersten Mal. Auch er hatte bereits eine Ehe hinter sich, und sobald meine Mutter frei war, haben die beiden geheiratet und sich in Frankreich niedergelassen. Damals war ich etwa drei oder vier Jahre alt. Ich weiß noch, dass der Vater meiner Mutter kurz darauf verstarb, sodass sie keine Verwandten mehr in den USA hatte.“

„Dann nahm Albert also an, dass du Robert Johnsons Sohn warst?“

„Nein, offenbar wusste er, dass meine Mutter bereits schwanger war, als sie Robert heiratete. Aber sie bat Albert darum, mich in dem Glauben zu lassen, dass er mein Vater sei. Sie ging sogar so weit, sich in Frankreich eine falsche Geburtsurkunde zu beschaffen, die sie als meine Mutter und Albert als meinen leiblichen Vater auswies.“

An seiner starren Miene konnte Juliet ablesen, wie sehr Luc sich betrogen und verraten fühlte. „Kurz gesagt – Luc Dumont existiert also eigentlich gar nicht“, sagte er hart.

„Aber natürlich tust du das“, wandte sie rasch ein. „Du bist hier. Ich sehe dich und folge dir mit meinen Augen, während du wie eine nervöse Wildkatze in meinem winzigen Büro auf und ab tigerst.“

„Warum hast du dich überhaupt in diesem engen Loch einquartiert?“, wollte er plötzlich gereizt wissen. Er ließ sich auf den frei geräumten Stuhl fallen und musterte Juliet mit finsterer Miene. „Im Nordflügel hättest du dir ein viel größeres, komfortableres Arbeitszimmer einrichten können.“

„Mir gefällt es hier“, erklärte sie schlicht. Die dicken grauen Steinmauern waren bereits im sechzehnten Jahrhundert entstanden. Ihre unregelmäßige Oberfläche zeigte die Spuren, wo sie von Hand behaut worden waren. Neben dem Eichenschreibtisch, den Juliet sich vom Speicher des Palastes organisiert hatte, gab es hier als Möblierung nur noch zwei Chippendalestühle, einen Bücherschrank aus Mahagoni und einen mit Chintz bezogenen viktorianischen Armlehnstuhl. Den kalten Steinboden bedeckte ein verschossener Orientteppich.

„Von hier aus habe ich einen wundervollen Blick über die Gärten …“ Sie brach ab, um sich am Anblick der Kletterrosen zu erfreuen, die ihr Fenster umrankten und einen leuchtendrosa Rahmen für die prächtigen Rhododendren und Azaleenbüsche im Hintergrund abgaben. Daneben gab es duftende Petunien, lebhaften Mohn und Schwertlilien in allen Farben – von Purpurrot bis zum unschuldigen Schneeweiß.

Juliet wurde nie müde, in die herrliche Parklandschaft hinauszuschauen und ihre Schönheit in sich aufzusaugen. Es berührte ihre Seele und gab ihr Frieden. Doch das war ihr Geheimnis, über das sie mit niemandem sprach. Juliet lächelte still vor sich hin. Sie wusste genau, dass sie für die anderen nur eine Art komischer Kauz, eben ein versponnener Bücherwurm war.

„Dieser Turm gehört zur ältesten Bausubstanz des Palastes“, fuhr sie ruhig fort. „Und da ich die Geschichte der königlichen Frauen von St. Michele als Thema für meine Diplomarbeit gewählt habe, ist es der perfekte Platz für mich.“

„Auf jeden Fall dicht genug am Heizungskeller, um im Winter das Dröhnen und Pfeifen in den Warmwasserleitungen hören zu können“, murmelte Luc spöttisch.

Doch Juliet ließ sich nicht beirren. „Das ist wohl wahr, aber jetzt haben wir Frühling. Und du versuchst nur, mich auf diese Weise vom eigentlichen Thema abzulenken, aber das funktioniert nicht, mein Freund“, sagte sie leichthin. „Mein Gehirn arbeitet eingleisig und funktionell. Ein großer Vorteil bei meinen geschichtlichen Recherchen. Wenn ich mich in einem Thema festgebissen habe, lasse ich so schnell nicht locker. Also kehren wir jetzt zu deiner Familie zurück. Begonnen hast du deine Erzählung mit der Heirat zwischen Philippe und Katie Graham. Warum eigentlich? Kannte Katie etwa deine Mutter?“

„Fast getroffen – Katie war meine Mutter.“

Juliet riss die Augen auf. „Aber … aber das würde ja bedeuten, dass du … dass du …“

„… der gesuchte Thronerbe bist“, vollendete Luc ihr Gestammel. „Bingo. Jetzt verstehst du vielleicht, was ich mit dem furchtbaren Tag meinte. Da jette ich in ganz Europa und Amerika herum … und dann stellt sich heraus, dass ich mich selbst verfolge. Ich bin der Thronerbe von St. Michele. Das ist doch wohl der Gipfel der Ironie, findest du nicht auch?“

Ironie? Juliet warf diese Neuigkeit einfach um. Sie wusste nicht, wie sie reagieren oder was sie sagen sollte. Und wie Luc sich momentan fühlen musste, konnte sie nur ahnen. Als Luc mit seiner Geschichte begann, hatte sie natürlich nicht im Entferntesten an dieses kaum fassbare Ende gedacht.

Luc war immer wie sie gewesen – ein Außenseiter, der zwar Berührungspunkte mit der königlichen Familie hatte, aber nicht dazugehörte.

Aber damit war es dann vorbei. Jetzt war auch das eine zarte Band gerissen, das sich zwischen ihnen entsponnen hatte …

„Du bist also der gesuchte Thronerbe …“, wiederholte Juliet mit belegter Stimme. „Dann war dein Vater …“

„ … König Philippe“, ergänzte er bitter. „Als er noch ein Kronprinz war und meine Mutter heiratete, die er Katie nannte. Ich hätte die Verbindung viel früher erkennen müssen, immerhin bin ich ein qualifizierter Ermittler. Trotzdem wäre mir so etwas nie in den Sinn gekommen …“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kannte meine Mutter kaum. Sie starb, als ich noch sehr jung war. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist ein Buch von St. Michele, aus dem sie mir immer vorgelesen hat. Ich habe es sogar aufbewahrt – wahrscheinlich aus einer sentimentalen Anwandlung.“

„Wer weiß noch davon?“

„Manchmal habe ich das Gefühl, alle außer mir selbst.“

„Und was willst du jetzt tun?“

„Keine Ahnung. Im Moment habe ich genug damit zu tun, das alles erst einmal zu verarbeiten.“

„Königin Celeste wird von diesem Ergebnis nicht begeistert sein.“ Celeste war Philippes vierte Frau – jetzt Witwe und hochschwanger. Als König Philippe viel zu früh nach einem Herzanfall verstorben war, hatte das Volk getrauert, doch jene, die sich für die Zukunft St. Micheles verantwortlich fühlten, waren in Panik geraten.

Ein altes Gesetz besagte, dass der Thron nur von männlichen Nachfahren besetzt werden konnte. Und seit die Mutter des verstorbenen Königs, Simone de Bergeron, mit der ungeheuerlichen Eröffnung herausgerückt war, dass ihr Sohn als achtzehnjähriger Kronprinz die blutjunge Amerikanerin Katie Graham geheiratet habe und aus der Verbindung ein Kind hervorgegangen sei, hielt man in höfischen und Regierungskreisen den Atem an.

„Celeste behauptet nach wie vor, dass ihr zu erwartendes Kind ein Junge ist“, sagte Juliet.

„Und ich gehe wohl richtig in der Annahme, dass sie sich immer noch weigert, einen Test vorzulegen, der das bestätigen könnte, oder?“, mutmaßte Luc.

Juliet nickte. „Korrekt.“

„Was für ein Schlamassel!“

„Wieso? Jetzt ist doch alles klar. Du bist Philippes erstgeborener Sohn und damit sein Erbe und der zukünftige König von St. Michele. Ich werde wohl langsam den Hofknicks üben müssen.“

„Tu das, und ich lege dich übers Knie“, versprach Luc mit funkelnden Augen.

„Aber das gehört zum offiziellen Protokoll.“

„Was weiß ich schon darüber, wie sich ein König zu benehmen hat!“

„Also, wenn du mich fragst … Befehle zu erteilen liegt dir offensichtlich im Blut“, neckte ihn Juliet.

„Sicher. Das ist kein Problem für mich“, gab er schmunzelnd zu. „Aber der ehemaligen Königin und dem Premierminister zu berichten, dass ausgerechnet ich der gesuchte Thronfolger bin, ist leider nicht so einfach.“

„Warum nicht?“

Er lachte hart auf. „Wer würde in mir schon den zukünftigen König von St. Michele sehen? Diplomatie hat noch nie zu meinen Stärken gezählt. Und ich weiß gar nichts übers Regieren.“

„Das kannst du lernen. Ich bin sicher, der Premierminister und Simone werden sich über deine Nachricht freuen.“

„Ich habe die notwendigen Beweise bei mir“, sagte er abrupt. „Nicht so sehr, um sie, sondern eher um mich zu überzeugen. Meine Mutter hat Albert eine verschlossene Schatulle zur Aufbewahrung übergeben, bevor sie starb, mit der Maßgabe, sie mir auszuhändigen, sollte ich je nach meinem leiblichen Vater fragen. Sie enthielt eine Geburtsurkunde, die ich zunächst auch für gefälscht hielt. Allerdings hat sie sich auch nach intensivster Prüfung als echt und wasserdicht erwiesen. Außerdem war noch ein Brief von meiner Mutter in der Kassette … an mich gerichtet.“

„Wirklich? Und was schreibt sie?“

„Ich habe ihn noch nicht gelesen.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht weiß, ob ich ihr jemals vergeben kann“, kam es hart zurück. „Nichts, was in dem Brief steht, kann ihre Lügen mir gegenüber rechtfertigen.“

„Vielleicht hat sie dich damit nur beschützen wollen. Sie war noch so jung, als sie dich geboren hat. Gerade achtzehn. Schwanger und verlassen. Sie hat versucht, dir ein stabiles Heim zu geben, indem sie erneut heiratete.“

„Sie ist die Ehe mit einem Mann eingegangen, obwohl sie wusste, dass sie von einem anderen schwanger war.“

„Du solltest kein Urteil über sie fällen, ehe du nicht den Brief gelesen hast“, sagte Juliet ruhig.

„Den brauche ich nicht zu lesen, um zu wissen, dass ihr Verhalten unehrenhaft war.“

„Hm, wahrscheinlich musst du im Moment so fühlen, aber ich kann nur wiederholen – lies zuerst den Brief, Luc.“

„Wenn er dich so interessiert, lies du ihn doch!“, grollte Luc, zog einen zerknitterten Umschlag aus seiner Hosentasche und warf ihn auf den Schreibtisch. „Mir ist es egal, was drinsteht. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mich auf das Treffen mit dem Premierminister und der ehemaligen Königin vorbereiten. Ich brauche frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen.“

Mit dieser Ankündigung verschwand Luc ebenso unvermittelt, wie er aufgetaucht war.

2. KAPITEL

Juliet starrte den Umschlag auf ihrer Schreibtischplatte skeptisch an. Ihre Finger zitterten, als sie ihn glatt strich und die elegante Handschrift las – Luc.

Was hatte seine Mutter wohl bewegt, als sie seinen Namen schrieb? Hatte sie vielleicht gehofft, dass ihr Sohn nie herausfinden würde, dass er der Thronerbe von St. Michele war? Hatte sie überhaupt gewusst, dass diese Möglichkeit bestand?

Nach Lucs Recherchen war sie nach Amerika zurückgegangen, in der Annahme, ihre Ehe mit Philippe sei ungültig. Was bedeuten würde, dass Katie glauben musste, dass auch ihr Sohn unehelich geboren sei. Und offenbar hatte sie alles in ihrer Macht Stehende getan, um diesen Umstand vor ihm zu verheimlichen.

Juliet wusste aus jüngster Erfahrung, was es bedeuten konnte, illegitim zu sein. Ihre drei Stiefschwestern, die Prinzessinnen Lise, Ariane und Marie-Claire de Bergeron, hatten mitten im Sturm der öffentlichen Neugier und Häme gestanden, nachdem bekannt wurde, dass König Philippes Ehe mit ihrer Mutter, der holländischen Prinzessin Johanna Van Rhys, durch die geheime Ehe mit Katie Graham ungültig geworden war.

Ausgerechnet Fernand, Lises erster Ehemann und Mitglied des vallonischen Königshauses, war es gewesen, der diese Nachricht an die Medien weitergab und dann auf eine Scheidung von seiner schwangeren Frau bestand. Seit dieser Stunde schwirrten die Paparazzi um den de-Bergeron-Palast herum wie lästige Schmeißfliegen.

Die drei Schwestern hatten den Palast inzwischen längst verlassen. Marie-Claire heiratete Sebastian LeMarc, Ariane ging mit ihrem Mann Kronprinz Etienne Kroninberg an den Hof nach Vallonien, und Lise fand ihr wahres Glück an der Seite ihres ehemaligen Schwagers, Charles Rodin.

Juliets jüngere Halbschwester, die zwölfjährige Jaqueline, eine gemeinsame Tochter Philippes und seiner dritten im Kindbett verstorbenen Frau Hélène Beaudreau, lebte vorübergehend bei einer Cousine in der Schweiz, um den Folgen des Skandals nicht unmittelbar ausgesetzt zu sein, vor dem sich Juliets Bruder Georges in die Anden nach Peru geflüchtet hatte.

Juliet freute sich darüber, dass sich das Schicksal wenigstens gegenüber ihren älteren Halbschwestern mehr als gnädig zeigte. Alle drei hatten den Mann ihrer Träume gefunden und schauten in eine verheißungsvolle Zukunft.

Darauf hatte auch Juliet heimlich gehofft oder wenigstens davon geträumt.

Luc …

Die Chancen, ihn auf eine … eher romantische Weise in ihr Leben integriert zu sehen, waren ohnehin nie die besten gewesen. Doch in der letzten Stunde hatten sie sich endgültig in Luft aufgelöst.

Juliet seufzte und schaute in den kleinen Spiegel, der auf dem halbhohen Bücherschrank an der gegenüberliegenden Wand stand. Sie hatte ihn nicht etwa aus Eitelkeit dort platziert, sondern um auch vom Schreibtisch aus den zauberhaften Blick in den Garten genießen zu können.

Sie selbst konnte ihrer Meinung nach nichts aufweisen, um Eitelkeit rechtfertigen zu können. Die großen grünen Augen waren zwar ganz hübsch, doch das dunkle lange Haar war äußerst widerspenstig und lag nie so, wie es sollte. Gerade in diesem Moment löste sich langsam der improvisierte Knoten auf, den sie mithilfe eines Bleistiftes im Nacken festgesteckt hatte, um besser arbeiten zu können.

Die Augenbrauen waren kohlrabenschwarz und der weiche Mund viel zu groß, um feinsinnig und elegant zu sein. Außerdem tummelten sich etliche Sommersprossen auf Juliets kecker Nase. Und so etwas kam bei einer Prinzessin natürlich nicht vor.

Aber sie war ja auch keine Prinzessin, sondern die hässliche Stiefschwester, die ihre Nase ständig in Bücher steckte und mehr von der Vergangenheit als von ihrer Zukunft träumte.

Und bei den wenigen Gelegenheiten, in denen sie es sich doch erlaubt hatte, war immer Luc an ihrer Seite gewesen. Juliet senkte den Blick wieder auf den Umschlag in ihren Händen. Dass Luc der gesuchte Thronerbe war, änderte einfach alles.

Leider hatte sie nichts aufzuweisen, womit sie einen zukünftigen König glücklich machen konnte. Es hatte ja nicht einmal für einen reichen Unternehmersohn aus St. Michele, wie Armand Killey, gereicht. Drei Jahre war es jetzt her, dass sie seinem sprühenden Charme und den schmeichelhaften Komplimenten über ihre Schönheit verfallen war. Jedes Wort hatte sie ihm geglaubt und gehofft, von ihm die Liebe zu bekommen, nach der sie sich seit dem Tod ihrer geliebten Mutter so sehr sehnte.

Doch er nutzte sie nur aus, um an König Philippe heranzukommen. Als Juliet ihn mit seinem Vater darüber sprechen hörte, war sie am Boden zerstört und ärgerte sich gleichzeitig über ihre sträfliche Dummheit und Naivität.

Lucs dunkle Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Hast du den Brief schon gelesen?“ Er stand in der Tür zu ihrem Büro und musterte sie mit undurchdringlicher Miene.

„Nein“, entgegnete Juliet, zog den Bleistift aus ihrem Haar und ließ die schweren dunklen Locken machen, was sie wollten. Schon vor langer Zeit hatte sie es aufgegeben, so etwas wie Ordnung in ihre ungebärdige Mähne bringen zu wollen. „Ich habe ihn nicht gelesen, und ich werde es auch in keinem Fall vor dir tun.“

„Dann musst du wohl noch eine ganze Weile warten“, gab er spröde zurück und schlenderte auf ihren Schreibtisch zu.

„Luc.“ Sie streckte eine Hand aus und legte sie auf seinen Arm. „Du befindest dich momentan in einer Ausnahmesituation. Triff bitte keine voreiligen Entscheidungen.“

„Keine Entscheidungen treffen?“

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