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Julie — die Göttiche

PROLOG

Paris, Januar 1815

„Ihre Einsätze bitte, Gentlemen.“

Ihre Stimme klang melodisch, als sie zu den Spielern sprach, die sich erwartungsvoll um den Tisch geschart hatten. Juliette de Valmé hielt ihre schlanken Finger mit den schockierend lackierten Nägeln einen Moment über den Stapel Pharokarten, um den Männern Zeit zu lassen, ihre Wettbeträge auf den Tisch zu legen.

„Können Sie uns eine Erklärung für dieses Phänomen liefern, meine Liebe? Weshalb kommen wir jeden Abend hier zusammen, um unser Geld an eine Frau mit solch einem erstaunlichen Glück zu verlieren?“, bemerkte ein Stammgast.

„Vielleicht sollten Sie Ihre Einsätze klüger platzieren, dann brauchten Sie Juliette nicht mit so dummen Fragen zu belästigen“, antwortete ein anderer lachend. „Ich kann mir niemand vorstellen, gegen den ich lieber verlieren würde. Mein Herz und mein Geld gehören Ihnen“, schloss er und verbeugte sich höflich in Richtung der hübschen Bankhalterin.

„Ich glaube, Sie haben recht“, meinte sie ironisch und deutete mit einer graziösen Handbewegung auf das Kartenpaar, das sie gerade vom Stapel genommen hatte. Die Spieler am Tisch lachten über ihre Bemerkung und ihr anhaltendes Glück.

„Offensichtlich sind wir alle in derselben misslichen Lage – nämlich so betört, dass wir unsere Verluste in der Hoffnung auf ein reizendes Lächeln, ein freundliches Wort und einen gelegentlichen Gewinn klaglos ertragen, wobei letzteres nicht ganz so wichtig ist“, meinte Baron du Deffand.

„Wie uncharmant, Deffand“, warf ein anderer junger Adeliger ein, der Abend für Abend um einen Platz an diesem besonderen Tisch kämpfte. „Ich persönlich habe kein Interesse daran, hier Geld zu gewinnen“, fuhr er, an Juliette gewandt, fort. „Es ist mir egal, wie viel Louisdor Sie mir aus der Tasche ziehen. Mir genügt es, wenn ich mich an Ihrem strahlenden Glanz weiden darf.“

Julie sah ihn unter halb gesenkten dichtbewimperten dunklen Augen an und meinte unbekümmert: „Die Frage ist nur, ob Sie mich morgen noch ebenso mögen werden, nachdem Sie Ihre Verluste zusammengerechnet haben.“

„Mein Herz gehört Ihnen bis in alle Ewigkeit“, erklärte der Mann und legte die Hand auf die Brust, um seine Ernsthaftigkeit zu unterstreichen.

„Dann kann ich nur hoffen, dass Ihre Bankiers ebenso ehrlich und Ihre Konten ebenso unerschöpflich sind wie Ihre Hingabe, mein lieber Graf“, erwiderte sie und zog seinen Einsatz geschickt heran. Lautes Gelächter auf Kosten des Adeligen erscholl, und ein äußerst eifersüchtiger Spieler, der zu seinem Bedauern an einem anderen Tisch hatte Platz nehmen müssen, bewunderte nicht nur das Glück, die Schönheit, sondern auch Juliettes Schlagfertigkeit.

Das Flackern der österreichischen Kandelaber und der Lärm der Menge, die sich in diesem eleganten Kasino im Pariser Marais-Viertel versammelt hatte, war Juliette de Valmé seit frühester Kindheit vertraut. Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie in dem einen oder anderen Spielsalon verbracht und verstand sehr gut, weshalb manche Menschen diese Räumlichkeiten als Hölle bezeichneten.

Eine aufgedeckte Karte oder eine Drehung des Rouletterads konnte das Seelenheil eines Menschen in arge Bedrängnis bringen. Sie hatte nicht selten Verlierer den Tisch verlassen sehen, wo die Mitstreiter begierig den Zusammenbruch seiner Hoffnungen beobachtet hatten. Nicht wenige hatten ihrem Leben irgendwo in einer schmalen Pariser Gasse ein Ende bereitet, nachdem ihnen die ganze Tragweite ihres Verlustes bewusst geworden war.

Zumindest wurde im Haus ihres Vaters nicht falsch gespielt. Natürlich standen die Chancen immer zugunsten des Kasinos. Aber es gab keine gezinkten Karten, und an den Rouletterädern war nicht herumgepfuscht worden. Ihr Vater legte Wert auf Ehrlichkeit, und sie hielt sich an seine Anweisung, seit sie zunehmend freie Hand in diesem Geschäft hatte, das sie seit drei Jahren führte.

Zum Glück war die Gewinnspanne ausgezeichnet, vor allem jetzt, nach der Niederlage Napoleons. Seitdem gesellten sich immer mehr englische Adelige zu der ausgewählte Schar jener, die Abend für Abend Einlass in das bekannteste Kasino der Stadt begehrten.

Juliette wusste, dass die Beliebtheit des Spielsalons zum großen Teil ihrer Anwesenheit zu verdanken war. Es gehörte zu ihren beruflichen Pflichten nie versiegende gute Laune zu verbreiten, Betrunkene freundlich hinauszukomplimentieren, ganz gleich, welche Rache sie wegen ihrer Verluste schworen, und Bakkarat, Siebzehnundvier sowie Pharo nach jenem geschickten Muster zu spielen, das sie selbst im Schlaf beherrschte.

Sie war sich darüber klar, dass die Herren, sie sich um ihren Tisch versammelten, selten auf ihre schlanken Finger schauten. Es war ihnen gleichgültig, ob diese besondere Geberin einige Taschenspielertricks beim Verteilen der Karten verwendete. Die faszinierten Blicke richteten sich vielmehr auf die schimmernden blauschwarzen aufgesteckten Locken oder auf die dichten Wimpern, die ihre ausdrucksvollen funkelnden Augen betonten, manchmal aber auch verbargen, oder auf die freizügigen Dekolletés ihrer neuen Kleider, die gerade diese Woche von LeRoy, dem berühmtesten Couturier der modischsten Stadt der Welt, geliefert worden waren.

Heute Abend trug Juliette ein leuchtend rotes Kleid, hatte etwas Rouge auf den Wangen verteilt und die Lippen geschminkt, um ihren hellen Teint zu betonen. Jeder Mann im Raum erkannte, dass ihre natürliche Schönheit, ein Erbe ihrer anglofranzösischen Herkunft, durch ein sorgfältig aufgelegtes Make-up verstärkt wurde. Aber es störte niemand. Sie liebten an ihr, was sie bei ihrer eigenen Frau zutiefst verabscheut hätten.

Wie beiläufig, beobachtete Juliette das Treiben an den Tischen im Salon, ohne die Unterhaltung an ihrem eigenen zu vernachlässigen. Seit einigen Minuten bemerkte sie eine Erregung unter ihren Gäste, die sich auf einen gut aussehenden, stark angetrunkenen englischen Adeligen konzentrierten, der hohe Einsätze machte und von einigen Freunden immer weiter angestachelt wurde.

Sie hatte Jeans warnenden Blick bemerkt. Deshalb beendete sie ihr Spiel ohne jede Eile und stand unter den enttäuschten Bemerkungen und nicht allzu ernst gemeinten Vorwürfen der Runde auf und ging zu dem Tisch hinüber.

Der Engländer nahm seine Verluste unbekümmert hin und gab nicht dem Kasino die Schuld an seinem Pech. Aber er war stark betrunken, und ihr Vater wünschte nicht, dass sie einem Spieler, der nicht mehr Herr seiner Sinne war, den letzten Taler aus der Tasche zog.

Deshalb trat sie so nahe an den Mann heran, dass er spätestens durch den Duft ihres teuren Parfüms auf ihre Anwesenheit aufmerksam werden musste. Sie lächelte über sein Erstaunen, so eine charmante Mademoiselle an seiner Seite zu finden, und sah, dass seine Wangen vom Alkoholgenuss leicht gerötet waren. Ein Lamm, reif für die Schlachtbank. Wenn der Narr entschlossen war, sein gesamtes Vermögen zu verlieren, musste er sich einen anderen Spielsalon suchen.

Juliette legte ihre kleine, sorgfältig manikürte Hand locker auf seinen Arm und erkannte, dass das Interesse des Spielers vom Kartentisch rasch zu jener wesentlich angenehmeren Beschäftigung wechselte, die die Reaktion seines Körpers ihm suggerierte.

„Ich kenne ein ruhiges Plätzchen, wo wir allein sein können“, flüsterte sie so leise in akzentfreiem Englisch, dass nur er es hörte.

Er legte seine verschwitzte Hand auf ihre Finger und zog sie charmant, wenn auch ungeschickt an die Lippen.

Ein Wüstling ist er bestimmt nicht, dachte Juliette belustigt und setzte ihren Weg zwischen den Tischen fort. Aus Erfahrung wusste sie, dass der Mann ihr folgen würde. Ohne hinüberzusehen, bemerkte sie die dunkle Gestalt, die auf der anderen Seite des Salons parallel zu ihr mitlief. Jean, dem sie es verdankte, dass sie sich in dieser ausschließlich von Männern beherrschten Welt hatte durchsetzen können, unterstützte ihre Absicht auch jetzt voll und ganz.

Sie waren schon durch die Hintertür in die kühle Abendluft gelangt, bevor der junge Mann merkte, wohin es ging.

„Erinnern Sie sich an die Anschrift, wo Sie wohnen?“, fragte Julie und hörte, dass Jean ebenfalls nach draußen kam.

„Natürlich“, antwortete der Engländer überrascht und überlegte, ob Julie etwa mit ihm aufs Zimmer gehen wollte. Selbst in seinem angetrunkenen Zustand konnte er sich lebhaft vorstellen, was seine Gastgeberin, eine Freundin seiner Eltern, davon halten würde, wenn er eine Dame der Halbwelt mitbrachte, so schön sie auch sein mochte.

„Dann nennen Sie sie dem Kutscher“, verlangte Juliette und drückte ihm eine kleine schwere Börse mit Münzen in die Hand. „Unterrichten Sie außerdem Ihre Freunde davon, dass Sie alle gemeinsam in Zukunft bei uns Hausverbot haben. Falls Sie unbedingt noch den letzten Taler verlieren möchten, muss es anderswo geschehen. Bonsoir, Monsieur, und willkommen in Paris, wo man selten ein zweites Mal Gelegenheit erhält, sich zum Narren zu machen.“

Rasch wandte sie sich ab und überließ den Engländer Jeans bewährten Händen. Sie hörte die besänftigende Stimme des Franzosen, der den sich wehrenden jungen Mann beruhigte, und vergaß den Zwischenfall bald.

Julie kannte kaum ein anderes Leben, sah man von den wenigen Jahren ab, die sie nach dem Tod ihrer Mutter als unglückliches junges Mädchen in einer Klosterschule verbracht hatte. Sobald ihr Vater bemerkte, dass sie dort außer guten Manieren kaum etwas lernte, hatte er sie zu sich geholt und nacheinander eine ganze Reihe von Privatlehrern eingestellt. In seinem Pariser Spielsalon war sie von ihren Lehrern in Literatur unterwiesen worden, während das Leben ihr zahlreiche Erfahrungen beigebracht hatte. Mit ihren dreiundzwanzig Jahren war Julie kaum noch eine menschliche Schwäche fremd.

„Ich habe ihn in eine Droschke gesetzt und nach Hause fahren lassen“, flüsterte Jean ihr jetzt ins Ohr.

Sie drehte sich um und lächelte in das narbige Gesicht des Mannes, der seit drei Jahren wie ein Bruder zu ihr war. Ihr Vater hatte Jean kennengelernt, und sie hatte nie erfahren, wie er den Franzosen überredet hatte, die Aufsicht des Kasinos zu übernehmen.

Jeans Anwesenheit wirkte einschüchternd, sein Blick war aufmerksam und seine Reaktion blitzschnell. Dies alles sorgte für jene strenge Kontrolle, ohne die es bei der Führung eines erfolgreichen Spielsalons in diesen unsicheren Zeiten nicht ging. Natürlich erhielt Jean ein großzügiges Gehalt. Doch es war längst nicht soviel, wie er erwarten durfte, und Julie fragte sich manchmal, weshalb er blieb.

Ihr Vater vermutete, dass es ein Geheimnis in der Vergangenheit des ehemaligen Spielers gab. Jean war viel zu weit gereist, zu kenntnisreich, zu gebildet und sich seiner Fähigkeiten zu sehr bewusst, als dass der Lebenslauf zu ihm gepasst hätte, den er bei seiner Bewerbung vorgelegt hatte. Seine Vergangenheit war ebenso tabu wie die Herkunft der Narben in seinem Gesicht.

Juliette vermutete, dass Jean wie viele seiner Zeitgenossen irgendwo geflüchtet war. Allerdings hatte sie noch nie erlebt, dass der Franzose vor etwas zurückschreckte. Er war groß, blickte meist finster drein, sah aber trotz seines vernarbten Gesichts und des schwarzen zurückgebundenen Haars, nicht schlecht aus. Mit seinen haselnussbraunen Augen beobachtete er sie träge und merkte offensichtlich, dass sie in einer Weise über ihn nachdachte, die im Widerspruch zu ihrer sonstigen Beziehung stand.

Für sie war er immer nur Jean gewesen und gehörte inzwischen beinahe ebenso zur Familie wie ihr Vater. Deshalb beschleunigte sich ihr Puls nicht bei Jeans Lächeln, mit dem er auf ihren prüfenden Blick reagierte.

„Eigentlich war der Kerl schon ein bisschen zu alt, um vor der eigenen Torheit bewahrt zu werden“, sagte Jean leise. Es war ein leichter Tadel dafür, dass Julie sich strikt an die Anweisungen ihres Vaters hielt.

„Er war doch noch ein halbes Kind“, verteidigte sie sich.

„Er war älter als Sie“, wandte Jean belustigt ein. Doch sein Lächeln verschwand augenblicklich, sobald er den schmerzlichen Ausdruck in ihrer dunklen Augen bemerkte.

„Ich bin viel älter als er, das wissen Sie genau“, erklärte Julie bestimmt.

Den Daumen unter ihrem Kinn, sagte er freundlich: „So alt sind Sie nun auch wieder nicht, Kleines. Sie sind noch jung genug, das versichere ich Ihnen.“

Diesmal lächelte sie unwillkürlich. „Und wozu bin ich Ihrer Ansicht nach noch jung genug, mein Freund?“, erkundigte sie sich.

„Für alles, was Sie sich wünschen“, antwortete er sofort.

„Also bessere Weine zu einem geringeren Preis, einen ebenso guten Umsatz im Oktober und einen Kohlenhändler, der seine nächste Rechnung vergisst“, zählte sie amüsiert auf.

„Nein“, widersprach Jean leise. „Es wird die Zeit kommen, in der Sie die Verantwortung für diesen Salon nicht mehr zu tragen brauchen, weil ein anderer sie Ihnen abnimmt.“

„Für Märchen bin ich etwas zu alt“, zog Julie ihn auf. „Die erzählen Sie lieber dem jungen Mann, den Sie gerade in die Kutsche verfrachtet haben. Mir steht nicht der Sinn danach. Ehrlich gesagt, bin ich nicht einmal sicher, ob ich überhaupt noch ein anderes Leben führen möchte. Der Gedanke, einen Mann zu heiraten und ihm möglichst viele Kinder zu gebären, kann mich gewiss nicht reizen. Ich glaube, ich werde mich mit den Übeln begnügen, die ich schon kenne.“

„Sind Sie der Meinung, dass die Heirat ein Übel ist? Ich weiß, dass manche Menschen das eheliche Glück durchaus genießen. Außerdem hatte ich nicht an einen x-beliebigen Mann gedacht.“

„Nein?“ Juli lachte, wie Jean es erwartet hatte. „Die einzigen Männer, die ich kenne, sind die Kaufleute, die ihre Rechnungen kassieren wollen. Und unsere edlen Kunden. Wollen Sie etwa andeuten …“

„Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass es noch andere Männer gibt und dass Sie diese Tatsache eines Tages selber entdecken werden.“

„Und die interessieren sich selbstverständlich für mich“, bemerkte Julie spöttisch. „Die Angebote, die ich bisher erhalten habe, bezogen sich nicht auf eine Heirat. Das kann ich Ihnen versichern. Und daran wird sich vermutlich auch in Zukunft nichts ändern.“

An Jean hatte sie nie als Liebhaber gedacht. Sie brauchte ihn auf eine andere Weise. Deshalb betrachtete sie seine Äußerungen als jenes kameradschaftliche Geplänkel, an das sie gewöhnt war.

Jean merkte erneut, wie stark Julie auf seine Freundschaft angewiesen war. Lächelnd nahm er eine ihrer dunklen Locken zwischen seine langen Finger. „Wenn Sie tatsächlich entschlossen sind, Ihre Erfahrung in der Leitung einer Spielhölle nicht gegen die Führung eines Haushalts einzutauschen, schlage ich vor, dass Sie zu Ihren Höflingen zurückkehren, die die Rückkehr Ihrer Hoheit bereits ungeduldig erwarten.“

Jean verbeugte sich tief. Sein geschmeidiger Körper verriet die Kraft, die in ihm steckte. Er hatte sie nur wenige Male anwenden müssen, als er noch neu im Kasino gewesen war. Inzwischen hatte sich sein Ruf so gefestigt, dass er solche Beweise nicht mehr benötigte.

Julie berührte ihre Lippen mit den Fingerspitzen und warf ihm eine Kusshand zu. Rasch wandte sie sich ab, kehrte zu ihrem Tisch zurück und merkte nicht, dass Jean ihr durch den Saal folgte. Wenig später entstand eine leichte Unruhe an einem Roulettetisch und erinnerte ihn an seine Pflichten.

Kurz nach drei trat Jean zu Julie, brachte ihr eine Nachricht ihres Vater und nahm ihren Platz am Pharotisch ein. Geschickt lenkte er die Gäste mit einigen Spielzügen zuungunsten des Hauses ab, damit sie keine Einwände gegen den Wechsel erhoben.

Es war ziemlich ungewöhnlich, dass ihr Vater sie an einem so erfolgreichen Nachmittag zu sich rief. Deshalb eilte Julie in sein Büro, in dem er sich seit einigen Jahren nur noch um die Bücher kümmerte.

Viscount Ashford saß am Tisch und hatte einen dicken Wollschal zum Schutz gegen die kühle Nachtluft um die schmalen Schultern gelegt. Seine feingliedrigen Hände – Hände eines englischen Aristokraten, der er seiner Herkunft nach war, – lagen auf der Schreibtischplatte. Julie und er wussten seit vielen Monaten, wie krank er war, hatten aber dafür gesorgt, dass davon nichts nach draußen drang. Heute spürte sie sofort die ungewöhnliche Erregung ihres Vater.

„Schließ die Tür“, forderte er Julie auf und wartete, bis sie seinem Wunsch nachgekommen war. „Du weißt, dass ich niemals etwas von dir verlangen würde, was nicht gut für dich wäre.“

„Natürlich“, sagte Julie. „Du …“ Doch er brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen und ließ sie nicht aus den Augen.

„Ich fürchte, ich habe dich durch meine Geheimdiensttätigkeit aus Liebe zu meiner Heimat in große Gefahr gebracht“, fuhr der Viscount fort. „Du hast längst gemerkt, dass der Spielsalon seit Jahren eine Tarnung für diese Aktivitäten bot. Leider sieht es ganz danach aus, als hätten die französischen Behörden meine Rolle beim Sturz des Kaisers jetzt entdeckt. Sie betrachten dies als Verrat, als Spionage gegen meine Wahlheimat. Nach England …“

Er konnte nicht weitersprechen. Beide wussten, dass er die geliebte Heimat nie wiedersehen würden. Beruhigend legte Julie ihm die Hände auf die Schultern. Doch er riss sich zusammen und fuhr ungewöhnlich drängend fort: „Und deshalb musst du schnellstens von hier verschwinden, Julie. Nimm alles Geld aus dem Tresor und fliehe. Tauch irgendwo auf dem Land unter. Geh so weit weg von Paris, wie es dir möglich ist. Einige Leute wollen dich in ihre Gewalt bringen, weil sie glauben, dass du als meine Tochter …“

Er zögerte erneut und schüttelte den Kopf. „Sie sind zu allem fähig, um Informationen über meine Kontakte zu England zu bekommen. Auch vor Folterungen würden sie nicht zurückschrecken, Julie. Du kannst dir nicht vorstellen, was du erleiden müsstest, wenn du in ihre Hände fielst.“

„Ich weiß doch überhaupt nichts“, begann Julie und redete nicht weiter, denn ihr Vater sah aufmerksam zur Tür. Der Ton der Unterhaltung und das Gelächter im Spielsalon hatten sich verändert.

Mit zitternden Fingern deutete er auf den Tresor hinter sich, und sie nahm rasch den kleinen schweren Beutel heraus, der für solche Notfälle darin bereitzuliegen schien. Erstaunt stellte sie fest, dass die Akten, die ihr Vater hier aufbewahrt hatte, nicht mehr vorhanden waren.

„Uns bleibt weniger Zeit, als ich glaubte. Vergiss nie, dass ich dich sehr liebe, Kleines.“

Julie war ziemlich verwirrt. Doch sie erkannte ebenfalls die Unruhe, die im Kasino herrschte.

„Jean“, flüsterte sie und drehte sich unwillkürlich zur Tür. Er hatte ihren Platz am Tisch eingenommen und befand sich vielleicht in Gefahr. Sie musste ihn unbedingt warnen.

„Nein“, sagte ihr Vater und hielt ihren Arm verzweifelt fest. „Begreifst du nicht? Jean hält die Leute auf, um dir Zeit zur Flucht zu geben. Und du verschwendest diese kostbaren Minuten.“

„Meinst du, ich lasse zu, dass Jean sich für mich opfert?“, fragte Julie energisch und versuchte, sich von ihrem Vater loszumachen. „Glaubst du, ich will meine Freiheit auf seine Kosten behalten?“

„An Jean sind sie nicht interessiert. Aus ihrer Sicht ist er ein treuer Franzose. Außerdem …“ Ihr Vater zögerte einen Moment. „Hier ist nichts zu finden, was Jean mit meiner Tätigkeit in Verbindung bringen könnte. Dich wird man dagegen nicht für unschuldig halten. Da du meine Tochter bist, wird man glauben, dass du etwas weißt, was für sie wichtig sein kann. Nutz die Gelegenheit, die Jean dir bietet, Julie. Er kann in dieser Situation erheblich besser für sich sorgen als du für dich. Wenn du in ihre Hände fällst … Nichts und niemand wird dich in einem französischen Gefängnis schützen. Nichts …“

Wieder erklangen laute Stimmen hinter der verschlossenen Tür, und Viscount Ashford öffnete die Schreibtischschublade. Julie entdeckte seine Pistole und fragte sich, wie er mit diesem halben Spielzeug jemand aufhalten wollte.

„Sei kein Narr“, sagte sie und versuchte, die Waffe in die Schublade zurückzuschieben. „Damit kannst du dich nicht wehren.“

„Ich habe nicht die Absicht“, antwortete er gelassen und sah sie fest an. Endlich lockerte Julie den Griff, denn sie hatte verstanden.

„Der Gedanke an einen langsamen Tod war mir immer zuwider. Was könnte ich mir schöneres wünschen, als für England zu sterben? Kann es ein besseres Ende geben? Aber nicht von ihren Händen. Nicht zu Tode gefoltert, um die Namen jener zu verraten, denen ich solange gedient habe. So wie ich es möchte, Julie. Auf meine Weise.“

Weder Angst noch Bedauern war in seinen dunklen Augen zu lesen.

Zögernd ließ Juli die knochige Hand mit der Waffe los, legte die Arme um ihren Vater und zog ihn an sich. Sie barg das Gesicht an seinem schütteren weißen Haar und kämpfte mit den Tränen, die hinter ihren Lidern brannten. Endlich senkte sie den Kopf, presste die Lippen auf die runzelige Wange und sagte ihm stumm Lebewohl.

„Sei tapfer, mein Herz“, bat er.

„So tapfer wie mein Vater“, flüsterte sie.

„Geh jetzt“, forderte sie er auf und schob sie zurück.

Julie nickte und gehorchte widerstrebend. Ihr Vater wusste immer genau, was richtig für sie war. Deshalb nahm sie ihren Mantel vom Haken und öffnete vorsichtig die Tür zu der schmalen Gasse hinter dem Haus. Niemand war zu sehen. Sie hatte die Schwelle schon beinahe überschritten, da flüsterte ihr Vater noch: „Halt nach dem Hinkenden Ausschau, Julie. Als ich merkte, dass ich enttarnt worden war, habe ich sein Spionagenetz zerstört und ihm eine Nachricht geschickt. Er wird bestimmt kommen.“

Irgendjemand warf sich gegen die verschlossene Tür. Viscount Ashford gestikulierte wild mit beiden Armen. Rasch schloss Julie die Tür hinter sich und eilte hinaus in die Dunkelheit. Sie verstand überhaupt nichts mehr. Was hatte ihr Vater von diesem hinkenden Mann gesagt?

Sie hörte einen einzigen Schuss aus der winzigen Pistole und kurz darauf das unvermeidliche Splittern der Holztür. Was jetzt noch in dem kleinen Büro geschah, hatte keine Bedeutung mehr für sie. Deshalb rannte sie in die schützende Dunkelheit und fort von dem Haus, indem sie so viele Jahre ihres Leben verbracht hatte.

1. KAPITEL

London, März 1815

Keiner der Horse Guards wunderte sich, dass die Lampen in diesem besonderen Büro noch nicht gelöscht waren. Angesichts der Nachrichten, die langsam vom Kontinent herüberkamen, war das Licht in dem Raum, wo Colonel Devon Burke über einem Stapel dechiffrierter Depeschen hockte, gewiss nicht das einzige, was an diesem Frühlingstag in Whitehall um Mitternacht noch brannte.

Doch der Mann, der an seinem mit Papieren überhäuften Schreibtisch saß, hatte während der letzten Monate zu oft die Morgendämmerung durch die großen zweiflügeligen Fenster heraufziehen sehen. Für ihn war die Arbeit eine Zuflucht geworden, ein Flucht vor der Leere. Die Verspannung in seinem Nacken und das unangenehme Ziehen zwischen seinen Schultern, das schon vor einer Stunde begonnen hatte, erinnerten ihn daran, dass er heute Nacht die Grenzen seiner Belastbarkeit überschritten hatte.

Er legte beide Handflächen auf den Schreibtisch, stand mühsam auf. Die Verkrampfung in seinem Rücken und die Taubheit in seinem rechten Bein waren wohl der Preis, den er für diese nächtliche Wache zu zahlen hatte. Leicht hinkend ging er zum Fenster, straffte die Schultern und reckte mühsam die schmerzenden Muskeln.

Vor der hohen Scheibe blieb er stehen, in der sich seine Gestalt spiegelte. Der Glanz seines kurzen kastanienbraunen Haars, der wachsame Blick seiner dunkelblauen Augen und die feinen Linien in seinem markanten Gesicht wurden von der Dunkelheit draußen verschluckt. Dagegen zeichneten sich seine breiten Schultern, seine muskulöse Brust unter dem eleganten Rock, seine schmale Taille und die langen kräftigen Beine in der hautengen Hose sowie die glänzenden Schaftstiefel deutlich in der Fensterscheibe ab.

Von der Veränderung, die Devon Burke in den letzten beiden Jahren durchgemacht hatte, war äußerlich nichts mehr zu erkennen. Als Invalide war er nach der Schlacht von Salamanca zum Sterben in die Heimat zurückgeholt worden. Doch zum Erstaunen aller hatte er die schwere Verletzung als Folge einer Explosion eines französischen Schrapnells in unmittelbarer Nähe überlebt.

Allerdings war sein Leben monatelang von einem winzigen Metallsplitter bedroht gewesen, der gefährlich nahe an seiner Wirbelsäule gesteckt hatte und jederzeit hätte wandern können. An diese Zeit erinnerte Devon sich lieber nicht.

Auch nicht an zahlreiche andere Dinge.

Deshalb war er hier, in dieser ausschließlich von Männern bestimmten Umgebung. Doch ein Hauch von Lavendel oder der graziöse Gang einer Frau auf der Straße genügten, und die unerwünschten Erinnerungen kehrten zurück.

Elizabeth, dachte er und spürte die beklemmende Kälte, mit der sie ihn zurückgewiesen hatte. Er wusste, dass dem Bild dieser Frau, die ihn die letzten fünf Jahre durch alle Tag- und Nachtträume verfolgt hatte, unausweichlich weitere, viel schlimmere Bilder folgen würden, die er ebenfalls vergessen musste.

Nur die Gewissheit, dass Elizabeth auf ihn wartete, hatte verhindert, dass er in der Hölle der unzähligen Schlachten nicht den Verstand verlor. Ihretwegen hatte er die endlosen Operationen durch den französischen Chirurgen über sich ergehen lassen, den sein Schwager wundersamerweise aufgetrieben hatte, und versucht, wieder jener Mann zu werden, der er vor seiner Verwundung gewesen war.

Und dann …

Wie hatte er solch ein Narr sein können. Keinem Moment war ihm der Gedanke gekommen, dass Elizabeth all die langen Monate ihr eigenes Leben geführte hatte. Sobald er sich kräftig genug gefühlt hatte, war er aufgebrochen, um erneut um ihre Hand anzuhalten.

Doch Elisabeth war schon mit dem Earl of March verheiratet gewesen, der alt genug war, um ihr Vater zu sein, und hatte ein Kind von ihm erwartet. Devon schloss die Augen, um das Bild der jungen Frau mit dem Earl zu verdrängen, der noch dazu als Lebemann galt.

In den vergangenen Monaten hatte Devon seinen Zorn und das Gefühl, betrogen worden zu sein, allmählich überwunden. Doch die bittere Enttäuschung blieb eine Bedrohung für seinen hart erkämpften Seelenfrieden.

Devon wehrte sich gegen die Gefühle, die er seit Langem als Selbstmitleid erkannt hatte. Er lehnte die Stirn gegen die kalte Glasscheibe und presste beide Hände auf die Fensterbank. Plötzlich hörte er, wie die Tür zu seinem Büro geöffnet wurde.

Verärgert wappnete er sich innerlich gegen den Eindringling in seiner Zufluchtsstätte.

Er löste die Hände von der Fensterbank, fasste die Feder fester, die er unbewusst von seinem Schreibtisch mitgenommen hatte, und bog den Kiel, bis er brach. Erbost drehte er sich um und warf das nun unbrauchbare Gerät zu den zahlreichen Akten auf seinem Tisch.

„Solch ein Unfug“, schimpfte er und schwieg, denn er entdeckte den Mann auf der Schwelle.

„Sie müssen häufiger aus dem Büro heraus. Dann wird der Papierkrieg nicht solch eine Plage. Selbst seine Durchlaucht wusste das“, sagte die vertraute Stimme ruhig.

„Moss?“, fragte Devon ungläubig. Im ersten Moment konnte er sich nicht vorstellen, weshalb der äußerst vertrauenswürdige Diener seines Schwagers zu dieser frühen Morgenstunde bei ihm auftauchte. Gleich darauf fielen Devon alle möglichen Schreckensmeldungen ein, weshalb der Duke of Avon ausgerechnet diesen Mann zu ihm geschickt haben könnte.

„Weshalb sind Sie hier?“, flüsterte er und fürchtete sich unwillkürlich vor der Antwort. Der Diener war dem brillanten, rätselhaften Herzog, der Devons einzige Schwester geheiratet hatte, absolut ergeben. „Ist etwas mit Emily? Oder mit Will?“

„Mit Ihrer Schwester und Ihrem Neffen ist alles in Ordnung. Nicht wegen Ihrer Durchlaucht bin ich hier. Ich benötige Ihre Hilfe, Colonel.“

„Bitte, reden Sie. Sie brauchen nur …“, begann Devon.

Avons Diener unterbrach ihn sofort. „Sie sollen wissen, dass mir die Entscheidung, Sie aufzusuchen, nicht leichtgefallen ist. Doch angesichts dessen, was Sie für den Herzog empfinden …“ Moss zögerte zum ersten Mal, und Devon merkte, dass der Diener seine Worte sorgfältig wählte. „Und wenn man bedenkt, was Sie ihm verdanken …“

Er sprach nicht weiter. Sie wussten beide, dass der Mann, von dem hier die Rede war, diese Anspielung scharf zurückgewiesen hätte. Dominic verlangte niemals eine Gegenleistung von Leuten, denen er verbunden war.

Vor zwei Jahren hatte der Duke of Avon Devon einen Posten in der Spionage angeboten und ihm dadurch die Möglichkeit verschafft, trotz der schweren Kriegsverletzung einen wertvollen Dienst für sein Vaterland zu leisten. Avon hatte auch nicht geruht, bis er einen hervorragenden Chirurgen für ihn gefunden hatte. Der Franzose hatte die gefährliche Operation gewagt und den Metallsplitter entfernt, was Devon das Leben gerettet hatte.

„Ich erinnere mich, was Sie am Tag seiner Abreise gesagt haben“, fuhr der Diener fort. „Deshalb dachte ich, Sie wären vielleicht bereit …“

„Ich verdanke Dominic mehr als mein Leben, Moss. Außerdem ist er mein Freund. Was immer Sie …“

„Sie sind jener Bruder, den er nie hatte“, unterbrach Moss Devon erneut. „Und ich bin wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der weiß, was ihm Ihre Freundschaft bedeutet.“

„Und mir“, ergänzte Devon leise. „Wollen Sie mir nicht sagen, was der Herzog von mir wünscht?“

„Seine Durchlaucht hat mich nicht geschickt.“ Moss schwieg einen Moment, und Devon wartete. Offensichtlich hatte der Diener eine Bitte, die sein Herr missbilligen würde. „Ich brauche Sie, um den Herzog zu finden“, stieß Moss endlich hervor.

„Den Herzog zu finden?“, wiederholte Devon, und seine Stimme wurde unwillkürlich lauter. „Was zum Teufel soll das heißen?“

„Seine Durchlaucht ist verschwunden, und ich bekomme keine Verbindung nach Frankreich. Keiner der Agenten antwortet. Es ist, als wären sie vom Erdboden verschwunden und der Herzog mit ihnen. Ich kann nicht selbst nach ihm suchen, denn ich habe ihm mein Wort gegeben, dass ich die Herzogin und das Kind niemals allein lassen werde. Er sagte, ich wäre nicht mehr für ihn zuständig, sondern solle mich ausschließlich um Ihre Durchlaucht und seinen Sohn kümmern. Ich habe mein Wort noch nie gebrochen. Deshalb bin ich hier.“

„Verschwunden … Meine Güte, Moss, wissen Sie nicht …“, begann er, sprach aber nicht weiter. Der Diener konnte unmöglich erfahren haben, was in Frankreich geschehen war. Erst gestern war die Depesche mit dem Vermerk „Streng geheim“, auf seinen Schreibtisch gekommen. Napoleon war von Elba geflohen und marschierte zur Zeit in Richtung Paris.

„Seit wann haben Sie nichts mehr von ihm gehört?“, fragte Devon und überlegte, was das Verschwinden des Mannes, der für die Niederlage des Kaisers von entscheidender Bedeutung gewesen war, für den englischen Geheimdienst bedeutete. Avon war nicht nur sein Freund und der Ehemann seiner Schwester, er war auch Englands Meisterspion. Sein Verschwinden zu diesem Zeitpunkt konnte kein Zufall sein.

„Beinahe drei Monate“, antwortete Moss, und Devon bekam einen gehörigen Schreck.

„Drei Monate“, wiederholte er. „Wie ist das möglich? Elizabeth hat Briefe von ihm bekommen, die …“

„… die er vor seiner Abreise geschrieben hatte. Seine Durchlaucht wusste, dass er keine Möglichkeit haben würde, der Herzogin aus Frankreich zu schreiben. Er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte. Deshalb gab er mir die Briefe. Aber jetzt habe ich keine mehr, und sie wird gewiss Verdacht schöpfen. Der Herzog hatte nicht vor, solange fortzubleiben. „Moss schwieg einen Moment.

„Natürlich weiß ich, dass er durchaus in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Er würde mich eine Memme nennen, wüsste er, dass ich mir Gedanken über sein Verschwinden mache. Aber drei Monate, Colonel! Da ist etwas schiefgelaufen. Ich habe es geahnt, bevor er ging, und wollte es ihm schonend beibringen. Aber …“ Der Diener redete nicht weiter.

„Drei Monate“, sagte Devon nachdenklich. Er erinnerte sich an die eigene böse Vorahnung, als er an jenem Dezembermorgen in der dämmrigen Halle des herzoglichen Stadthauses gestanden hatte, wo Dominic den anderen gelassenen seine Mission erklärte. Sein wichtigster Agent in Paris hatte ihm eine kurze Warnung über das Spionagenetz geschickt, das sich über ganz Frankreich erstreckte.

Nach dieser Depesche hatte der Herzog keinen Kontakt mehr zu dem Mann aufnehmen können. Deshalb war er persönlich losgezogen, um den Grund für den Zusammenbruch eines Systems herauszufinden, das ihm während des Kriegs unschätzbare Dienste geleistet hatte.

„Jemand hat sich in das Spiel eingemischt, das die Diplomaten auf dem Wiener Kongress treiben“, hatte der Herzog gesagt. „Die Einsätze sind zu hoch, als dass wir in Ruhe abwarten können, inwieweit der neue Spieler das Ergebnis beeinflusst.“

Devon erinnerte sich, was er seinem Freund an jenem kühlen Morgen geschworen hatte: „Falls du mich brauchst, Dominic, schick mir eine Nachricht. Du weißt, dass ich sofort kommen werde, und wenn ich dafür den Schlünden der Hölle entsteigen müsste.“

Unerklärlicherweise hatte er furchtbare Angst um den Mann gehabt, von dem er sich verabschiedet hatte.

Drei Monate … Hoffentlich war die Spur nicht längst verwischt, um sie noch aufnehmen zu können.

2. KAPITEL

Frankreich, eine Woche später

Zur Belustigung der Zuschauer wehrte der Junge sich vergeblich gegen den stahlharten Griff des stämmigen Bauern und beteuerte seine Unschuld. Da sich der Beweis für seine Missetat deutlich in den Taschen seines fleckigen Kittels abzeichnete, war es ein ziemlich sinnloses Unterfangen.

Obwohl er eindeutig der Unterlegene war, fühlte sich keiner der französischen Dorfbewohner veranlasst, zu seinen Gunsten einzugreifen. Der Bauer zerrte ihn zu seinem Wagen, mit dem er Äpfel zum Markt hatte fahren wollen, und war furchtbar wütend über den wenn auch kleinen Diebstahl des Bengels.

Vergeblich trommelte der Junge mit beiden Fäusten auf den kräftigen Unterarm des Mannes, mit dem er den mageren Körper des Knaben umklammerte. Der Bauer wollte ihn auf den Wagen werfen, wo ein weiterer Mann hilfsbereit wartete. Die Äpfel hatte er ganz nach vorn geschoben und zumindest für den Moment vergessen. Viel wichtiger war es, den gefährlichen Dieb der Justiz zu übergeben.

„Du wirst keine Äpfel mehr stehlen“, versicherte der Bauer dem Jungen. Der Mann packte ihn nun auch noch mit dem anderen Arm. Wie wild stieß der Junge mit den Holzpantinen um sich, die er an den schmutzigen Füßen trug. Doch der Bauer wich ihm geschickt aus, und der Kleine verlor einen der beiden Schuhe. Die Zuschauer lachten amüsiert. Der Junge schimpfte lautstark und versuchte, mit dem anderen Fuß nach den Zehen des Mannes zu treten.

Das Kind war völlig machtlos gegenüber den Kräften des Mannes, der ihn gefangenhielt. Vielleicht erregten seine Hilflosigkeit und seine unermüdliche Gegenwehr das Mitleid des blauäugigen Fremden, der die Szene gelassen beobachtete. Er hatte sein Pferd angehalten und sich nach einer Unterkunft erkundigen wollen. In diesem Moment wurde seine Aufmerksamkeit von dem Gelächter der versammelten Menge und den schrillen Protesten des Jungen angezogen.

Eine ganze Weile saß er schon unbemerkt auf seinem Schimmel. Ohne das interessante Spektakel hätten die Leute den Fremden in ihrer Mitte gewiss längst bemerkt. Die von der Landstraße verstaubten Schaftstiefel und die Wildlederhose wiesen ihn trotz des schlichten Leinenhemds und des Lederwams als Angehörigen seines Standes aus. Wegen der strahlenden Märzsonne an diesem Nachmittag hatte er seinen Wollmantel ausgezogen und in die Satteltasche gepackt.

Der Junge ist völlig wehrlos, dachte er erneut, während er den ungleichen Kampf beobachtete. Von den eigenen Erinnerungen getrieben, drängte er sein gut ausgebildetes Pferd zwischen die Versammelten.

Widerstrebend teilte sich die Menge, und der Reiter blieb vor dem Obstbauern stehen, der den zappelnden Burschen fest im Griff hatte.

„Lass ihn laufen“, sagte der Fremde leise. Bei dem ruhigen Befehlston mit den leichten Akzent hielten alle unwillkürlich den Atem an, sogar der wild um sich schlagende Junge. Mit seinen dunklen Augen in dem schmalen erstaunlich schmutzigen Gesicht blickte er ihm hoffnungsvoll entgegen.

Sein Retter saß militärisch aufrecht auf einem gewaltigen Pferd. Während der Knabe ihn beobachtete, zog der Unbekannte eine Münze aus dem Wams, die mehr wert war als die ganze Apfelfuhre, und warf sie dem Bauern vor die Füße.

Wie angewurzelt, blieb der Mann stehen und reagierte nicht auf das großzügige Angebot. Die Dorfbewohner begannen ungläubig zu murmeln und wunderten sich, weshalb er zögerte, solch ein Geschenk der Vorsehung anzunehmen.

„Lass ihn laufen“, wiederholte der Mann ebenso ruhig wie zuvor. „Deine Äpfel sind mehr als bezahlt.“

Der brutale Kerl, der den Burschen immer noch hielt, betrachtete das Gesicht des Fremden über sich aufmerksam. Die gerade Nase des Reiters war ein wenig von der Sonne verbrannt, und das markante Kinn war entschlossen vorgeschoben. Doch erst der Blick die dunkelblauen Augen veranlasste den Bauern, seine wulstigen Finger von dem Gefangenen zu lösen und die Goldmünze aufzuheben, die verlockend im Straßenstaub glänzte.

Wie der Blitz schoss der Junge davon und flüchtete sich an die staubigen Stiefel seines Retters, die in den Steigbügeln eines abgenutzten, aber zweifellos teuren Sattels steckten. Juliette sah zu ihrem Helden auf und bemerkte das verräterische Zucken um dessen Mundwinkel. Dann wendete der Fremde sein Pferd in Richtung Gasthof.

Plötzlich bekam Juliette furchtbare Angst, denn ihr wurde klar, dass sie dem Bauern erneut schutzlos ausgeliefert war. Die guten Dorfbewohner würden sich auch jetzt nicht rühren. Rasch nahm sie ihren Platz neben dem Vollblüter wieder ein. Der Reiter schien keine Eile zu haben. Mühelos konnte sie mit ihm Schritt halten.

Sie spürte, dass der Reiter sie mit seinen blauen Augen beobachtete, und hüpfte auf einem Fuß, bis sie auch den zweiten Holzschuh abgestreift hatte, obwohl der Boden noch sehr kalt war. „Möchten Monsieur einen Führer?“, bot sie hilfsbereit an.

Prüfend betrachtete der Mann ihr Gesicht.

„Kennst du das ‚Weiße Pferd’?“, fragte er nachdenklich.

„Natürlich“, versicherte sie ihm und ging vor dem langsam trabenden Tier her.

Der Reiter wollte nicht zum Eingang des Gasthofs, der im Schatten dichter Bäume stand, sondern lenkte sein Pferd direkt zu den Ställen.

Auf der Schwelle blieb Juliette stehen und schnupperte wie ein Welpe. Ein Geruch nach Heu, geöltem Leder, Pferden und Jauche erfüllte die Luft. Sie atmete tief ein und stellte fest, dass der Fremde sie ebenso eindringlich ansah wie zuvor den brutalen Bauern. Jetzt zog er eine weitere Münze hervor, und geschickt fing sie das Geldstück auf.

Es war nicht soviel wert wie jenes, mit dem der Fremde ihren Peiniger bestochen hatte, aber eine mehr als großzügige Belohnung für den kleinen Dienst, den sie dem Fremden erwiesen hatte.

Flüchtig lächelte er, als er ihre Geschicklichkeit bemerkte. „Danke“, sagte er und ritt mit seinem Tier den schmalen Gang zwischen den Boxen entlang.

Juliette betrachtete die Münze und blickte dem Fremden nach, der langsam vom Pferd stieg. Er verzog einen Moment sein hübsches Gesicht und fluchte vernehmlich auf englisch. Ein Engländer! dachte sie. Das erklärte vieles. Der Fremde rollte die Schultern, reckte seine Rückenmuskeln und seufzte tief.

Juliettes Lippen zuckten unwillkürlich. „Monsieur ist das Reiten nicht gewöhnt?“, fragte sie treuherzig. Die schmerzenden Muskeln ließen darauf schließen, dass es sich um einen unerfahrenen Reiter handelte, der zu viele Stunden im Sattel verbracht hatte.

Der Engländer, der schon auf einem Pferd gesessen hatte, bevor er laufen konnte, sah sie bei der unerwarteten Frage erstaunt an, ehe er lachte.

„Offensichtlich nicht“, stimmte er ihr zu. „Zumindest nicht mehr.“ Immer noch lächelnd, fuhr er fort: „Worauf wartest du noch? Das Abenteuer ist vorbei. Geh nach Hause, und bitte deine Mutter, ein Gebet für alle Dummköpfe dieser Welt zu sprechen“, forderte er sie auf.

Juliette nickte widerstrebend. Ohne den Fremden aus den Augen zu lassen, biss sie auf die Münze, um deren Echtheit zu prüfen. Zufrieden wandte sie sich ab und trat aus dem dunklen Stall in die Nachmittagssonne hinaus.

Ein Engländer, dachte sie erneut. Kein Wunder, dass der Fremde ihr zu Hilfe geeilt war. Die Engländer waren dafür bekannt, dass sie Drachen töteten und junge Mädchen aus deren Fängen retteten. Vor allem blonde junge Mädchen. Amüsiert lächelte sie vor sich hin.

Juliette war in Gedanken so mit ihrem Retter beschäftigt, dass sie den Mann nicht bemerkte, der auf der anderen Seite des Hofes wartete. Sie schob die kalten Hände tief in die Taschen und entdeckte überrascht einen Apfel, den der Bauer hineingestopft hatte, um seinen Angriff zu rechtfertigen. Sie biss hinein, verzog das Gesicht und spuckte den sauren Brocken sofort wieder aus.

Gerade wollte sie auch den restlichen Apfel wegwerfen, da wurde ihr Arm nach hinten gedreht und eine Hand auf ihren Mund gelegt.

„Du bist sehr klug“, flüsterte der Mann in die zerzausten kurzen Locken, die den Kopf des jungen Mädchens umrahmten. „Aber nicht so klug, um jemand wie mich auszutricksen.“

Im nächsten Moment schrie er leise auf, denn Julie hatte ihn kräftig in die Hand gebissen, mit der er ihr den Mund verschloss.

Wütend schlug der Mann ihr ins Gesicht und stopfte ihr blitzschnell ein schmutziges Taschentuch als Knebel in den Mund.

Die Arme wurden ihr nach hinten gedreht, und sie wurde brutal auf das Fuhrwerk geworfen. Wie betäubt, blieb sie einige Minuten liegen. Dann erkannte sie, dass ihre jetzige Situation erheblich misslicher war als vorhin, denn der Wagen fuhr los und wurde immer schneller.

Doch die Zugpferde waren nur zwei armselige Klepper und dem muskulösen Wallach des Fremden nicht gewachsen, der seinen Herrn heute schon viele Meilen getragen hatte.

Tief über den Hals des Tieres gebeugt, galoppierte der Reiter dem Fuhrwerk hinterher und verkürzte rasch die Entfernung. Erst als er sich aufrichtete und Juliette etwas zurief, merkte sie, dass er sattellos ritt.

Verblüfft erkannte sie, was ihr Retter vorhatte, befreite sich von dem Knebel und kroch ans Wagenende.

Sie hörte seinen knappen Befehl durch das Hufgeklapper und das Rattern des Wagens kaum, aber sie verstand, was er wollte.

„Spring!“, forderte der Fremde sie auf, und sie zögerte keine Sekunde. Mühelos überwand sie den Abstand zwischen der Rückseite des Wagens und dem galoppierenden Pferd. Der Reiter fing sie zu tief auf, sodass sie einige Sekunden lang mit dem Gewicht ihres schlanken Körpers an einem Arm hing.

Fest sahen sie sich an und wussten beide, dass Worte nichts an dem Ergebnis seiner Anstrengungen oder den Folgen seines Scheiterns ändern würden. Mit letzter Kraft zog Devon Juliette sicher zu sich hinauf. Einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, und er versuchte verzweifelt, nicht das Bewusstsein zu verlieren, während sie ihm vertrauensvoll die Arme um den Nacken legte.

Endlich hatte er sich trotz der viel zu harten Belastung seiner Rückenmuskeln wieder in der Gewalt und schlang den linken Arm um Juliettes schmale Taille.

„Diesmal keine Äpfel?“, fragte Devon leise und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, welche Anstrengung ihn ihre Rettung gekostet hatte.

„Nein, keine Äpfel“, antwortete sie ebenso gespielt ernst.

Er ergriff die Zügel und wendete sein Pferd in die entgegengesetzte Richtung. Doch der Kampf, sie in die Höhe zu ziehen, hatte gefährlich lange gedauert.

Juliette spürte, wie ihr Retter unter dem Schuss zusammenzuckte, den sie von Beginn an angstvoll erwartet hatte. Er presste die Hacken in die schweißüberströmten Flanken des Pferdes, beugte sich schützend über den zarten Körper, von dem er jetzt wusste, dass er keinem Jungen gehörte, und galoppierte vor seinem hartnäckigen Verfolger davon.

Der erschöpfte Wallach vermochte nur noch zu traben, und schon vor einigen Minuten hatte Devon zu zittern begonnen.

„Ich weiß einen Platz, wo wir uns verstecken können“, sagte Juliette, denn sie wusste jetzt, wo sie waren. „Er ist ganz in der Nähe“, fuhr sie zuversichtlich fort.

„Egal, wo er ist“, stieß Devon hervor. „Hauptsache …“

Der muskulöse Arm löste sich, mit dem er sie während des wilden Ritts sicher gehalten hatte, und ohne jede Vorwarnung rutschte Devon vom Pferderücken zu Boden.

Erschrocken sprang Julie hinunter und kniete sich neben ihren Retter. Sanft berührte sie seine Stirn und streichelte, ohne zu überlegen, seine stoppelige Wange. Devon warf den Kopf unruhig hin und her und stöhnte leise. Trotz der Dunkelheit bemerkte sie das Blut auf seinem weißen Hemd. Es war so viel, dass sie die Wunde ohne ausreichendes Licht unmöglich erkennen und erst recht nicht verbinden konnte.

Sie sah auf und blickte prüfend die vom Mond beschienene Straße entlang. Kein Geräusch war zu hören. Vielleicht hatte ihr Verfolger aufgegeben. Ihr blieb keine Wahl. Das Zigeunerlager war ziemlich nahe. Trotzdem ließ sie den verletzten Mann ungern allein, um Hilfe zu holen.

Entschlossen zog Julie den erschöpften Wallach zu einem nahen Baumstumpf und setzte mühsam auf. Mit den nackten Hacken trat sie gegen die schweißbedeckten Flanken des Tieres. Es drehte den Kopf noch einmal zu der Gestalt, die reglos am Boden lag. Dann überließ es sich der Führung der zarten Finger, die seine Zügel ergriffen hatten.

Später ruhten dieselben kühlen Finger auf Devons Stirn, und sein Bewusstsein kehrte allmählich zurück. Gedämpfte Geräusche drangen an sein Ohr, und kurz darauf öffnete er die Augen.

Ein Klinge blitzte im Schein der Öllampe, und er fragte sich, was das Mädchen mit dem Messer vorhatte. Endlich wurde sein Blick so klar, dass er sah, wie gefährlich nahe sie die Spitze an seinen Körper führte. Blitzschnell packte er ihr zartes Handgelenk und blickte in das schmutzige Gesicht seiner Begleiterin. Er verdrehte ihre Hand ein wenig, und das Messer fiel auf den Holzboden, auf dem er saß. Sein Rücken lehnte an etwas Hartem.

„Was haben Sie vor?“, fuhr Devon Juliette heiser an und erkannte die eigene Stimme kaum wieder.

„Beruhigen Sie sich“, sagte sie besänftigend. „Ich wollte gerade Ihren Ärmel aufschlitzen.“

„Warum?“, fragte er und überlegte angestrengt, weshalb er hier war. Er schloss die Augen wieder, denn er war von dem Blutverlust zu geschwächt. Immer wieder hatte er das Bewusstsein verloren, während man ihn auf einen Ponykarren geladen und hierher gebracht hatte. Er erinnerte sich an andere Stimmen. Männliche Stimmen. Aber alles machte nicht viel Sinn.

Endlich öffnete Devon die Lider wieder und stellte fest, dass zwei dunkelbraune Augen ihn aufmerksam betrachteten. Es waren dieselben Augen des Mädchens, das ihn am Nachmittag so tapfer entgegengeblickt hatte, als er es beinahe unter die tödlichen Hufe seines Wallachs hatte fallen lassen. Sie waren wunderschön und passten überhaupt nicht zu dem verschmutzten Gesicht und den zerzausten schwarzen Locken, die es umrahmten.

„Weshalb sind Sie wie ein Junge gekleidet?“

„Woher wissen Sie das?“, fragte Juliette leise. Sie hob das Messer auf und ließ es im Bund ihrer formlosen Hose unter dem Hemd verschwinden. „Niemand sonst …“

„Wahrscheinlich ist noch niemand meilenweit mit Ihnen geritten und hat Sie dabei an seinen Körper gepresst. Sie mögen zwar eine knabenhaft schlanke Figur haben …“

„Knabenhaft?“, unterbrach ihn die unbestrittene Göttin der Pariser Halbwelt erstaunt. Sie senkte die Wimpern etwas und lächelte ihn verführerisch an. Überrascht stellte sie fest, dass ihr Retter kein bisschen von ihrem koketten Gehabe beeindruckt war.

„Einen sehr überzeugenden knabenhaften Körper“, versicherte er und schloss erneut die Augen.

Juliette wunderte sich, wie verärgert sie über diese Bemerkung war. Natürlich hatte sie dies gewollt. Mit beachtlichem schauspielerischem Talent hatte sie sich in die Rolle eines Jungen hineingefunden und war äußerst zufrieden mit ihrer Leistung gewesen. Deshalb begriff sie nicht, weshalb ihr die Äußerung dieses Mannes über ihre gelungene Verkleidung nicht gefiel.

„Lassen Sie mich das machen“, hörte Devon eine andere Stimme. Sie hatte die Männer angeleitet, die ihn in dieses Lager gebracht hatten.

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